Synagogen von Herat entdecken

Die Synagogen von Herat, Afghanistan

Torah Scroll from the Mullah Samuel Synagogue (ca. 1845-50) now Hariva School, Herat, Afghanistan - Courtesy Werner Herberg,1973 ©Museo-on

2. Chronic 35,3 
.. 3 Er sprach auch zu den Leviten, die ganz Israel lehrten und die dem Herrn geheiligt waren: Bringt die heilige Lade in das Haus, das Salomo, der Sohn Davids, der König Israels, gebaut hat! Ihr habt sie nicht mehr auf den Schultern zu tragen; so dient nun dem Herrn, eurem Gott, und seinem Volk Israel! 

Die Synagogen von Herat, Afghanistan

Architektur und 
Geschichte der Synagogen

Jede Synagoge in Herat hat ihre eigene, einzigartige Geschichte und Bauweise. Von monumentalen Strukturen mit kunstvollen Verzierungen bis hin zu bescheideneren, aber ebenso bedeutenden Gebäuden – die Architektur spiegelt die kulturellen Einflüsse und die Spiritualität der jüdischen Gemeinschaft wider. Dieser Abschnitt widmet sich den verschiedenen Stilen, die die Synagogen prägen.

Die jüdische 
Gemeinschaft
von Herat

Das Leben der Nachkommen der früher in Herat ansässigen jüdischen Gemeinde ist von zahlreichen gravierenden Herausforderungen geprägt. Politische und soziale Umbrüche haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Gemeinschaft, ihre Traditionen und ihre alltäglichen Praktiken. Dieser Abschnitt des Artikels widmet sich einer eingehenden Analyse der gegenwärtigen Situation, der bestehenden Schwierigkeiten sowie der Perspektiven für eine optimistische Zukunft.

 

Die in diesem Kapitel untersuchten dokumentarischen Quellen gestatten eine teils eingehende Rekonstruktion der ursprünglichen architektonischen Struktur der vier Synagogen von Herat. Ihre Gestaltung und Bauweise orientierten sich an Stilen, die sowohl lokale als auch universelle Elemente vereinten und gleichzeitig stark von den variierenden Ausdrucksformen der jüdischen Tradition beeinflusst wurden. Die Geschichte dieser vier bemerkenswerten Bauwerke, die mit ihrem Bau im späten 18. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert beginnt und ihre Schließung in den 1950er Jahren umfasst – sowie den vollständigen Abzug der jüdischen Gemeinschaft aus Herat im Jahr 1978 und die darauffolgende Bombardierung durch sowjetische Truppen in den 1980er Jahren – ist von Wandel, kultureller Anpassung und wechselseitigen Einflüssen zwischen der jüdischen Minderheit in Herat und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung geprägt. Diese wechselseitige Beziehung spiegelt sich in den Nuancen des jüdischen Lebens in Herat wider, sowohl auf makro- als auch auf mikroökonomischer Ebene – von der Stadt Herat bis zu den detailreichen Innenräumen der vier Synagogen.

Kulturelle Herausforderungen 

Trotz der zahlreichen Herausforderungen, denen die jüdische Gemeinde in Herat gegenübersteht, existieren Bestrebungen, die kulturellen Wurzeln zu bewahren und die jüdische Identität zu stärken. Es werden Initiativen ins Leben gerufen, um das Erbe zu sichern, die Geschichte zu dokumentieren und nachfolgenden Generationen die Werte ihrer Vorfahren zu vermitteln.

Die Synagogen im 
historischen Kontext

Die Synagogen von Herat stellen nicht lediglich architektonische Strukturen dar; sie verkörpern vielmehr die Resilienz sowie die anhaltende spirituelle Entwicklung ihrer Gemeinschaft. Eine umfassende Untersuchung dieser Synagogen und der zugehörigen Gemeinden offenbart bedeutende Erkenntnisse über die facettenreiche Geschichte und die kulturellen Herausforderungen, mit denen die jüdische Bevölkerung in Herat konfrontiert ist.

Forschungsreise  nach Afghanistan 1973

Reisebericht von Werner Herberg

Bericht zu den Nachforschungen über die Juden in Kandahar

"In den Tagen zwischen dem 9. und 14. September 1973 versuchten meine Frau und ich Informationen über den Verbleib und die Hinterlassenschaften der ehemaligen jüdischen Gemeinde Kandahars zu erhalten. Große Unterstützung erfuhren wir dabei durch einen in Kandahar lebenden afghanischen Freund.
Eine starke jüdische Bevölkerungsgruppe hatte schon seit langer Zeit in Kandahar gelebt. Vor etwa 35 Jahren verließ die bis dahin in Kandahar verbliebene jüdische Bevölkerung die Stadt. Die Aussiedlung erfolgte zwangsweise auf behördliche Anordnung. Danach lebten nur noch zwei, den Islam praktizierende Juden bis 1970 in einem Gebäude an dem zentralen Platz der alten Stadt.
Der größte Teil der damals ausgewiesenen Juden zog nach Nordwestafghanistan in die Gegend von Maimana, wo es um diese Zeit eine starke jüdische Bevölkerungsgruppe gegeben haben soll, die von der Zucht der Karakulschafe lebte. Über Reste von jüdischen Anlagen, wie Synagogen oder Friedhöfe, war in Kandahar nichts in Erfahrung zu bringen."

Werner Herberg, Mainz, den 28. März 1974

 

Kandahar (Paschtu: کندهار Kandahār, Persisch: قندهار Qandahār) ist die drittgrößte Stadt Afghanistans, nach der Hauptstadt Kabul und Herat. Sie befindet sich im südlichen Teil des Landes am Fluss Arghandāb und dient als Verwaltungssitz der gleichnamigen Provinz. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Kandahar Teil des safawidischen Persiens, das zu dieser Zeit an Einfluss verlor. Im Jahr 1709 erlangte eine lokale Paschtunengruppe unter der Führung von Mir Wais Hotak die Kontrolle über die Stadt. Von 1739 bis 1747 war Kandahar unter der Herrschaft von Nadir Schah. Im Jahr 1747 wurde die Stadt von Ahmad Schah Durrani, dem Emir des Durrani-Reichs – dem Vorläufer des modernen afghanischen Staates – erobert und ein Jahr später zur Hauptstadt seines Königreichs erklärt. Die heutige Altstadt wurde von Ahmad Schah erbaut und wird von seinem Mausoleum dominiert. Im Jahr 1780 wurde Kabul zur neuen Hauptstadt ernannt. 

Maimana oder Meymaneh (Paschtu/Dari: ميمنه) ist die  Hauptstadt der Provinz Faryab im nördlichen Afghanistan, in der Nähe der Grenze zu Turkmenistan. Die Stadt liegt etwa 400 Kilometer nordwestlich von Kabul. Anfänglich wurde Maimana im frühen 18. Jahrhundert vom Khanat Buchara beherrscht, das jedoch an Einfluss verlor, während die lokal regierenden Ming-Amire ab 1707 zunehmend an Sichtbarkeit gewannen. Während des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelte sich Maimana zu einem Zentrum eines unabhängigen usbekischen Khanats und stellte ein bedeutendes Handelszentrum auf der Route von Turkistan nach Herat und Persien dar.

 

Bericht über einen Besuch bei der jüdischen Gemeinde von Herat am 6. und 7. Oktober 1973

"Das jüdische Viertel von Herāt liegt im Südwesten der Stadt, in der Gegend des Bāzār-i-'Īrāq. Von der Innenstadt kommend durchfährt man die Koča-ye Mūsāyā (Straße der Anhänger Moses), zu deren beiden Seiten sich der  Bāzār-i-'Īrāq erstreckt, und gelangt im westlichen Teil zum jüdischen Viertel, das zum größten Teil südlich der Straße liegt (...).  

Die ein- und zweigeschossigen Lehmhäuser der jüdischen und ehemals jüdischen Bewohner entsprechen ganz der typischen Bauweise in dieser Stadt. Die hölzerne Eingangstür vom Haus des Vorstehers der jüdischen Gemeinde zeigt den Davidstern. Der Gemeindevorsteher war wegen Sabbat nicht zuhause und wir konnten ihn auch nicht in der Synagoge sprechen, die auf der Südseite der Koča-ye Mūsāyā liegt."

Werner Herberg, Mainz, den 23. Februar 1974

 

Die Mullah-Garji- oder Mullah-Ashur-Synagoge - Foto Werner Herberg, 1973 - ©Museo-on

 

"Am nächsten Tag, dem 07. Oktober 1973 erwarteten wir im Hof der neuen Synagoge den Gemeindevorsteher. Von einer schmalen Seitenstraße der Koča-ye Mūsāyā kommend, hatten wir durch einen niederen, zweimal  abgewinkelten Gang einen großen hellen Innenhof betreten, dessen drei Seiten durch niedere Wirtschaftsgebäude umrahmt sind. Auf der, dem Eingang gegenüberliegenden Seite dominiert eine hohe, sparsam gegliederte Fassade mit großen Tür- und Fensteröffnungen hinter denen sich der Gebetsraum befindet. Der Gebetsraum der erst 1972 erbauten Synagoge ist schlicht und zweckmäßig ausgestattet, ohne besondere gestalterische Akzente.

Bereits vor eintausend Jahren hätten Juden in Herāt gelebt, berichtete uns der Gemeindevorsteher, und eintausend Familien hätte die jüdische Gemeinde einst umfaßt, heute seien es hingegen nur noch zehn bis fünfzehn Familien.

Mainz, den 23. Februar 1974

Anmerkung  der Redaktion: bei der "neuen Synagoge" handelt sich wohl um die Die Gol- oder Gulaki-Synagoge, die im späten 19. Jahrhundert (genaue Daten unbekannt) als Privatbesitz der wohlhabenden Familie Gol aus der Oberschicht erbaut wurde. Als solche spiegelt die Gol-Synagoge den außergewöhnlichen Status, die Schirmherrschaft und die Macht der Familie wider. Sie wurde 2009 vom AKHCP restauriert und in die Hazrat-Belal-Moschee umgewandelt,  obwohl sie wahrscheinlich bereits als Moschee genutzt bzw. umgewidmet wurde ("der erst 1972 erbauten Synagoge") sobald die jüdische Gemeinde Herat Ende der 1970er Jahre verlassen hatte. Die außergewöhnliche Lage der Synagoge im Bar-Durrani-Viertel nahe dem königlichen Zentrum mit der Festung Ikhtiyar al-Din und der Zitadelle – in Verbindung mit ihrer Architektur und Innenausstattung – zeugt von verschiedenen Kommunikationskanälen und gegenseitigen Einflüssen zwischen der jüdischen Gemeinde von Herat (insbesondere ihren wohlhabenderen Mitgliedern) und der muslimischen Mehrheit.

Die Miqwa Ṭeḇilā 

"Bei der nun beginnenden Führung wurde uns zuerst die  Miqwa Ṭeḇilā  gezeigt, eine historische Anlage für rituelle Waschungen auf dem Gelände der neuen Synagoge. Eine kleine Treppe in einer Ecke des Innenhofes führt in einen überwölbten unterirdischen Raum, in dessen Mitte sich ein tiefer Schacht öffnet, von einem hölzernen Geländer umgeben (s. Abb.). An einer Seite des Schachtes führt eine schmale steile Treppe bis zur Höhe des früher höherliegenden Wasserstandes und endet in einer kleinen Plattform. Die Anlage ist nach Angabe des  Gemeindevorstehers achthundert Jahre alt."

Mainz, den 23. Februar 1974

Der Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeine von Herat 1973 vor der  Mikwe (Ritualbad)  - Foto: W. Herberg - ©Museo-on

 Die "Hārāv 'Āšīr Gïrǧī "

"Wir wurden nun zur Hārāv 'Āšīr Gïrǧī ,  der wohl ältesten Synagoge Herāts geführt, mitten durch das ehemals sehr große jüdische Viertel in dem heute nur noch wenige Juden leben. Die Anlage der Hārāv 'Āšīr Gïrǧī ähnelt äußerlich der neuen Synagoge, sowie den beiden Synagogen die wir noch wenig später sehen sollten. In jedem der Innenhöfe hebt sich eine Fassade im Stil der islamischen Eiwananlagen ab. Große Unterschiede finden sich in der Gestaltung und Ausstattung der Gebetsräume ." 

Anmerkung der Redaktion: es handelt sich um die Mullah-Garji- oder Mullah-Ashur-Synagoge (ca. 1720)  Die einst prächtige Synagoge, wurde nach Mullah Mattityah Garji benannt, dem leitenden Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Herat. Das Gebäude liegt heute in Trümmern und ist völlig eingestürzt, da es seit den späten 1970er Jahren, als die letzten Juden Herats die Stadt verließen, nicht mehr genutzt und vernachlässigt wurde. s. Abb.:  Innenansicht mit der reich bemalten Westwand und dem Aron ha-Qodesh (Schrein) an der Westwand.

Die Mullah-Garji- oder Mullah-Ashur-Synagoge im Jahr 1973 - Fcourtesy:  W. Herberg - ©Museo-on

"Der langgestreckte Innenraum wird durch drei aneinandergereihte Hängekuppeln gebildet, in die sich gedrückte Spitzbögen fügen. Hinter den vergitterten, seitlichen Bögen in der ersten Etage befanden sich die Plätze der Frauen. Der zweigeschossige Charakter des Raumes wird betont durch den umlaufenden Stuckfries, der die Nischenarchitektur des unteren, von der reich bemalten Stuckverkleidung des oberen Teils trennt. Das Alter dieser Synagoge wurde uns mit 250 Jahren angegeben. Inwieweit diese Angabe zutrifft soll hier nicht beurteilt werden; auf keinen Fall trifft dieses Datum zu in Relation zur Altersangabe der nächsten uns vorgestellten Synagoge."

Werner Herberg, Mainz, den 23. Februar 1974

Die "Hārāv Yu 'an" 

"Die Hārāv Yu 'an  soll 850 Jahre alt sein. Leider konnten wir diese Synagoge nicht betreten, da sie seit einiger Zeit als Wohnung genutzt wird und der Inhaber nicht anwesend war. Das Bild wurde vom Platz der Frauen durch das durchbrochene Mauerwerk, wie auch an der hinteren Stirnseite des Raumes erkennbar, fotografiert." (s. Abb).

Anmerkung der Redaktion: es handelt sich um die Mullah Yoav Synagogu, die von 1788 bis 1808 erbaut wurde, und  ebenfalls Ende der 1970er Jahre aufgegeben wurde. Diese Synagoge befand sich  bereits in einem baufälligen Zustand, als es nach dem Aufstand von 1978 zu Kämpfen im westlichen Viertel der Altstadt kam. Die restaurierte Mullah-Yoav-Synagoge dient heute als Bildungszentrum für Kinder aus der umliegenden Nachbarschaft, was sowohl  die Umnutzung des Gebäudes als auch den Wandel widerspiegelt, den das jüdische Viertel seit seiner Aufgabe 
Ende der 1970er Jahre durchlaufen hat.

 

"In dem durch längsseitige Belichtung sehr hellen, langgestreckten Raum dominiert eine zentrale Kuppel mit reich ausgestatteten Pendentifs. Die eleganten, weitgespannten Bögen, der harmonische Übergang der Pendentifs zur Kuppel, sowie die Formen der Malerei und der Stukkatur verweisen auf ein geringeres Alter gegenüber der Synagoge 'Āšīr Gïrǧī, was nicht besagt, daß vielleicht die Gründung der Synagoge zu einem früheren Datum erfolgt sein könnte."

Mainz, den 23. Februar 1974

Die "Hārāv Yušiwa Imrān"

"In der dritten historischen Synagoge Herāts, der Hārāv Yušiwa Imrān wurde noch bis vor einem Jahr gebetet. Wir wurden auf die noch vorhandene alte Thora (s. Abb.) hingewiesen und durften sie schließlich fotografieren. Der dunkle, fantasievoll ausgemalte Langraum, mit dem Almemor in der Mitte, erhält das Licht von der Stirnseite. Die Anlage soll 150 Jahre alt sein. Wiederum vom Innenhof aus zugänglich, gelangt man zu einer Miqwa Ṭĕbilā (Ritualbad), die im Aussehen und Alter der der Synagoge Mullah Āšīr Gïrǧī entspricht."

Werner Herberg, Mainz, den 23. Februar 1974

Anmerkung der Redaktion: bei der  "dritten historischen Synagoge" handelt sich um die Mullah Samuel Synagoge oder  Shamawel-Synagoge (erbaut ca. 1845–50)., Glücklicherweise wurde diese Synagoge, die direkt gegenüber dem direkt gegenüber dem  Chahar Suq ( „vier Basare“) liegt,  im Jahr 2009 im Rahmen des Aga Khan Historic Cities Programme (AKHCP) restauriert, das vom Aga Khan Trust for Culture unterstützt wurde. Nach den Prinzipien einer zweckmäßigen „architektonischen Umnutzung“ wurde der Gebäudekomplex  nach  seiner Restaurierung im Jahr 2009 als Standort der Hariva-Schule genutzt, einer Maktab (Grundschule) für muslimische Jungen. Die Angaben zum Alter der Mikwe  sind wissenschaftlich nicht belegt und basieren auf mündlichen  Überlieferungen.

 

Thora-Rolle aus der Mullah-Samuel-Synagoge (ca. 1845–50), heute Hariva-Schule, Herat, Afghanistan – ©Museo-on

Zeugnisse der jüdischen Präsenz und Geschichte im Westen Afghanistans

Diese Dokumentation widmet sich eingehend den vier Synagogen von Herat, Afghanistan, die ein beeindruckendes Zeugnis der jüdischen Präsenz und Geschichte im westlichen Afghanistan ablegen. Diese Bauwerke veranschaulichen das komplexe Spektrum transnationaler und internationaler religiöser Aktivitäten, die zwischen dem Islam und anderen religiösen Traditionen stattfanden, und bilden einen integralen und konstitutiven Bestandteil der lokalen zivilgesellschaftlichen Geschichte.

Eine Vielzahl dynamischer Faktoren, wie die urbane Entwicklung und der Einfluss neuer Religionen, prägten die Historie sowie das Wesen der Stadt Herat, insbesondere nach den gravierenden demografischen Veränderungen infolge der mongolischen Invasion in Zentralasien (1219–1224 n. Chr.), die mit der Eroberung von  Choresmien (Chorasmien oder Choresm) -  einer (historischen) Landschaft im westlichen Zentralasien, südlich des  Aralsees  - durch Dschingis Khan ihren Höhepunkt fand. Unter den Choresm-Schahs aus der Dynastie der Anuschteginiden, einer muslimischen   Dynastie türkischer Herkunft, die Anfang des 13. Jahrhunderts sowohl Choresmien und dessen Umgebung als auch ganz Iran, Transoxanien   und das heutige Afghanistan   beherrschte,  wurde Choresmien  sogar zum prosperierenden Zentrum eines mächtigen Großreiches, welches unter Schah Ala ad-Din Muhammad II. (1200–1220) das ganze iranische Hochland, Transoxanien sowie das heutige Afghanistan  umfasste. Gleichzeitig erlebte die  persische Kultur einen neuen Höhepunkt, der jedoch nur kurze Zeit währte, bis  ab 1219 die Mongolen   unter Dschingis Khan in das Gebiet einfielen, Choresmien samt seiner blühenden Hauptstadt verwüsteten und ihrem Reich  einverleibten.

Die Intensität der darauf folgenden städtischen Entwicklung in dieser Region spiegelt sich in den Überresten zahlreicher Großstädte wie Herat wider. Diese zentralasiatischen Städte, in denen die Bevölkerung eine Vielzahl von Religionen praktizierte, darunter Buddhismus, Christentum, Judentum, Hinduismus, Manichäismus und Zoroastrismus, zeigten sich als äußerst kosmopolitisch. Im 19. sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beherbergte Herat eine der größten und vielfältigsten jüdischen Gemeinden des modernen Afghanistan. Ähnlich wie in vielen Teilen der Welt waren die Juden von Herat tief in alle Bereiche des Handels involviert, sowohl regional, interkommunal als auch international. 

Ihr Einfluss erreichte nach dem Ersten Weltkrieg seinen Höhepunkt, als die jüdische Gemeinschaft in Afghanistan zu einer bedeutenden religiösen und wirtschaftlichen Kraft in Zentralasien aufstieg. Die vier Synagogen von Herat stellen einen Mikrokosmos des gegenwärtigen Zustands der historischen und traditionellen Architektur der Stadt dar und machen sowohl das muslimische als auch das nicht-muslimische architektonische Erbe der Region zum Gegenstand einer genauen Untersuchung.

Das jüdische Viertel  „mahallay-e Yahud“ 

Wie viele jüdische Gemeinden in muslimischen Ländern lebten auch die Juden von Herat – die im 19. Jahrhundert größte und einflussreichste jüdische Gemeinschaft in Afghanistan – in separaten, abgetrennten Straßen und Vierteln innerhalb des südwestlichen Momandha- und nordwestlichen Bar-Durrani-Viertel der Altstadt von Herat. Das jüdische Viertel wurde als  „Mosaeeha-Viertel“ und  gelegentlich auch  als „mahallay-e Yahud“ bezeichnet, ein gängiger Begriff, der den herabgesetzten sozialen Status einer religiösen Minderheit beschreibt – also ein Ghetto. 

Die Bewohner eines „mahallay-e Yahud“ lebten typischerweise am Rand der Stadt unter äußerst schwierigen Bedingungen. So war beispielsweise das jüdische Viertel in Teheran im 19. Jahrhundert als "Sar-e cal" („auf der Spitze der Grube“) bekannt, da es sich inmitten eine Müllgrube befand (s. Abb.). Die Bewohner des mahalla-e Yahud in Herat sahen sich einer Vielzahl sozialer und wirtschaftlicher Einschränkungen gegenüber, darunter strenge Kleidungsvorschriften, ein Verbot der Interaktion zwischen Juden und Christen sowie Muslimen und die Erhebung von Sondersteuern.

 

Teherans jüdisches  Viertel, bekannt als Sar-e cal  („auf der Grube“) - Foto von Antoin Sevruguin,  Teheran, ca. 1880–1900)

 

Infolgedessen stellte das jüdische Viertel von Herat, ähnlich wie andere jüdische Siedlungen in Afghanistan und im Iran, ein weitgehend autarkes Umfeld dar, geprägt von eigenen Verwaltungsstrukturen, religiösen Traditionen und sozialen Bräuchen. Trotz der auferlegten Segregation agierten viele jüdische Einwanderer und Deportierte aus Herat und Mashhad über einen bestimmten Zeitraum hinweg innerhalb eines transnationalen Handels- und Kommunikationsrahmens. Tatsächlich lebte die jüdische Gemeinde von Herat größtenteils friedlich mit der muslimischen Bevölkerung, möglicherweise aufgrund gemeinsamer wirtschaftlicher und interkultureller Interessen. 

Dennoch reflektiert die Präsenz von Juden in der muslimischen Welt, wie am Beispiel Herats evident, die fortwährenden Spannungen in Bezug auf Segregation, Integration, Assimilation, interkulturelle Beziehungen, Zurückhaltung und Modernisierung, die das jüdische Leben in der Diaspora prägten. 

Das jüdische Viertel in Herat befand sich innerhalb der ummauerten Altstadt und erstreckte sich durch die schmalen Gassen beiderseits der Hauptstraße des Bazaar-e Iraq, die direkt zum Chahar Suq , (lit."market place") führte. Das wirtschaftliche Zentrum des jüdischen Viertels in Herat lag an der Hauptstraße des Bazaar-e Iraq, umgeben von Kupferschmieden, Schmieden, Lebensmittelhändlern und Eisenwarengeschäften. Es befand sich in der Nähe des westlichen Irak-Tors, unweit der Basare, die den nordwestlichen Durchgangsstraßen dienten, welche den Handel zwischen den westlichen Provinzen Afghanistans und dem Irak ermöglichten. 

Das Leben in der Gemeinde war geprägt von täglichen Gebeten und besonderen Zeremonien des Lebenszyklus, wie Beschneidungszeremonien, Bar-Mizwa-Feiern und Hochzeiten, sowie von bedeutenden Feiertagen wie dem Sabbat, dem Jom Kippur, dem Laubhüttenfest (Simchat Torah) und Chanukka. Das rituelle Bad, die Mikwe, stellte einen zentralen Bestandteil des Gemeinschaftslebens dar, wie das aus Lehmziegeln errichtete jüdische Badehaus, bekannt als Hammam-e Yahudiha (oder Haji-Muhammad-Akbar-Bad), belegt, welches sich in der Nähe der vier Synagogen befand. Dieser spezielle Badekomplex wurde später auch den muslimischen Männern des Momandha-Viertels zugänglich. 

Das jüdische Viertel, mit seinen vier Synagogen, schuf einen bedeutsamen psychologischen Raum, um die gemeinsame Kultur und Religion der jüdischen Minderheit zu repräsentieren, die Einheit der Gemeinde zu fördern und ihren spirituellen Platz innerhalb der muslimischen Welt zu verdeutlichen. Die Verbindung all dieser architektonischen Räume resultierte in einem einzigartigen, kohärenten und geweihten "Synagogenraum". Innerhalb einer überwiegend muslimischen Umgebung war es der jüdischen Minderheit in Herat möglich, unter Bedingungen zu koexistieren, die sie einerseits von anderen Minderheiten trennten, andererseits aber eine wirtschaftliche und kulturelle Symbiose förderten. Die Lebensbedingungen der jüdischen Gemeinde waren eng verknüpft mit ihrem Glauben,  ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihren reichen Traditionen, alten Bräuchen und Praktiken, die ihre kulturelle Identität widerspiegelten und zur „Entstehung und Erhaltung gemeinschaftlicher Identität und Erinnerungspraktiken“ beitrugen. 

Bezüglich der Wohnhäuser im jüdischen Viertel von Herat ist es schwierig, die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit der Bewohner allein anhand der Architektur zu bestimmen, da die Gebäude in der gesamten Region ähnliche Merkmale aufweisen, was insbesondere auf die örtlichen Gegebenheiten zurückzuführen ist. Weitere Einflussfaktoren auf die lokale Bauweise waren der Schutz der Familie und die Wahrung der Privatsphäre, die eine wesentliche Rolle bei der Platzierung des Eingangs spielten. Unregelmäßige, überdachte und labyrinthartige Straßen und Gassen wurden angelegt, um Sicherheit vor Übergriffen zu gewährleisten und vor den oft rauen Umweltbedingungen zu schützen. Der Zugang zu einem Gebäudekomplex führte selten direkt in den Innenhof, der als privater Mittelpunkt für die Aktivitäten der Familie im Freien diente. 

Eine Untersuchung der Siedlungsmuster deutet auf eine gebündelte Bebauung innerhalb eines Wohnviertels hin. Was die Eigentumsverhältnisse betrifft, so wurden die rechtlichen Grenzen eines Grundstücks  durch die Mauern definiert, die oft mit den Nachbarn geteilt wurden.  Aus sozialer Sicht spiegelte dieses komplexe architektonische Konzept zwar die Anforderungen der islamischen Kultur im weiteren Sinne wider, diente aber auch den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft, die auf engen Verbindungen zwischen religiösen, administrativen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen beruhte.

Ein herausragendes architektonisches Erbe
 

Herat -  ähnlich wie andere bedeutende islamische Städte wie Aleppo, Kairo, Fès, Isfahan, Dschidda und Sanaa - ist  ein hervorragendes Beispiel für eine dynamische Stadt, die stark von traditionellen islamischen Einflüssen geprägt ist. Die architektonische Struktur der Stadt folgt konsequent dem geometrischen Stadtplan und -system von Herat, welches speziell darauf ausgelegt ist, den islamischen Anforderungen der Ausrichtung nach Mekka (Qibla) Rechnung zu tragen. Die historische und traditionelle Architektur Herats sowie ihr bemerkenswertes architektonisches Erbe, das sowohl muslimische als auch nicht-muslimische Ursprünge umfasst, verdeutlichen die komplexen Prozesse des globalen kulturellen Wandels.

Die Gol-Synagoge oder Gulaki-Synagoge, die zur Hazrat-Belal-Moschee umgebaut wurde

Die kulturelle und historische Bedeutung der Synagogen in Herat

In der Stadt Herat existierten einst vier Synagogen, die sich im Nordwesten und Südwesten der Altstadt nahe der Darb-i-Iraq-Straße befanden, einer der Hauptverkehrsadern, die direkt zum Chahar Suq (lit. "Marktplatz") führte. Diese Straßenverbindung verband die Synagogen sowohl physisch als auch symbolisch mit der Masjid-i Jami (Große Moschee) und der Eidghah (einem Versammlungsplatz für Gebete und Feierlichkeiten), die sich beide im nordöstlichen Stadtteil Qutbe Chaq befanden.

Bei ihrer Schließung in den 1950er Jahren, infolge der Massenauswanderung der jüdischen Gemeinde von Herat nach Israel, trugen drei der Synagogen die Namen der Rabbiner, die sie zu jener Zeit leiteten. Diese waren die Mullah-Garji- oder Mullah-Ashur-Synagoge, die Mullah-Samuel- oder Shamawel-Synagoge und die Mullah-Yoav- oder Mullah-Ya-Aw-Synagoge (alternativ bekannt als Kanisa Yoha). Alle drei  Synagogen befanden sich im südwestlichen Wohnviertel der Altstadt, das als Momandha-Viertel bekannt ist – ein Name, der möglicherweise auf den paschtunischen Stamm der Momand zurückzuführen ist. Das Momandha-Viertel umfasst insgesamt dreiundzwanzig Moscheen, vier Schreine, zweiundzwanzig Karawansereien, mehrere überdachte Basare sowie sechs typische Wohnhäuser, zwei Zisternen und drei Badehäuser. 

Die vierte Synagoge, bekannt als Gol- oder Gulaki-Synagoge in der lokalen jüdisch-persischen Sprache, wurde zu Ehren der wohlhabenden Familie benannt, die sie besaß. Dieses Gebäude befindet sich im Bar-Durrani-Viertel, dem nordwestlichen Bereich der Altstadt, welches vornehmlich durch die Ansiedlung wohlhabenderer Familien geprägt ist, darunter Häuser einflussreicher politischer Amtsträger. Dieses Viertel wird vom Königlichen Zentrum dominiert, einschließlich der Festung Ikhtiyar al-Din und der Zitadelle. Zudem beherbergt es in seinen nordwestlichen und südöstlichen Ecken Teile der alten Stadtmauer sowie insgesamt sechsundzwanzig Moscheen, dreizehn Schreine, zwanzig Karawansereien, drei Wohnhäuser, vier Zisternen, fünf Badehäuser und eine Synagoge. 

Die Hauptstraßen beider Stadtteile, die sowohl für Radverkehr als auch für Karawanen angelegt wurden, führen zum kommerziellen und gesellschaftlichen Zentrum der Stadt, dem Chahar Suq, welcher die Masjid-i Jami sowohl physisch als auch symbolisch mit der Eidghah verbindet. Diese Hauptstraßen sind gerader und breiter als die Wohnstraßen, die üblicherweise schmal und gewunden sind und stellenweise von den oberen Etagen der Gebäude überragt werden. Kurz gesagt, diese Hauptstraßen wurden gezielt so angelegt, dass sie den Bedürfnissen vieler Fußgänger Rechnung trugen. Alle vier Synagogen weisen eine physische und symbolische Nähe zum Chahar Suq der Altstadt auf, da sie von Basaren und Märkten umgeben waren; darüber hinaus scheinen sie einem bestimmten Prinzip zu folgen. Die vier Gebäudekomplexe innerhalb der Grenzen des jüdischen Viertels wurden bewusst konzipiert, um unauffällig zu sein und sich ihrer Umgebung anzupassen, obwohl die einzelnen Gebäude hinsichtlich Größe, Struktur, Form und Dekorationsstil variieren.

 

Zwar sind die Baujahre der vier Synagogen  bekannt (zwischen dem  späten 18. und frühen 20. Jahrhundert), doch gibt es keine Belege dafür, ob es sich dabei um für ihre Zeit völlig neue Gebäude handelte oder ob sie auf den Ruinen älterer Bauten errichtet wurden. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass das lokale islamische Recht nicht nur den Bau neuer Synagogen ohne ausdrückliche Genehmigung untersagte, sondern auch die Renovierung und Instandhaltung bereits bestehender Synagogen erheblich einschränkte. Daher unterlagen der Standort, die Dimensionen und die verwendeten Materialien für den Bau jüdischer Sakralstätten in Herat strengen Vorgaben. Diese Restriktionen basierten auf historischen Rechtserscheinungen, die einen spezifischen Aspekt des heiligen Rechts repräsentierten – das islamische Völkerrecht – welches die Interaktionen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in jenen Regionen regeln sollte, in denen der Islam dominierte. In Reaktion auf diese Vorschriften errichteten die jüdischen Gemeinden vier kleine Synagogen im Judenviertel, anstatt eine zentrale, größere Gebetsstätte zu schaffen. 

Es ist hervorzuheben, dass diese Synagogen von mindestens sechs Moscheen umgeben waren. Der Architekturhistoriker Mohammad Gharipour stellte im Kontext von Isfahan, Iran fest, dass die Synagogen „sich in das Stadtbild integrieren sollten, was ihnen auch gelungen ist“, und „die Tatsache, dass Juden die Synagogen im lokalen Dialekt als ‚masjid‘ (Moscheen) bezeichneten, reflektiert diesen Synkretismus“. Offensichtlich waren die vier Synagogen in Herat harmonisch in das urbane Konzept eingefügt und wiesen ein ähnliches äußeres Erscheinungsbild wie andere umgebende Gebäude auf. Die Anordnung und Verteilung der Synagogen im westlichen Teil der Altstadt von Herat folgt einem organischen und eher asymmetrischen Muster. Auf den ersten Blick lässt sich keine symmetrische Anordnung der vier Sakralbauten  erkennen, abgesehen von dem annähernd gleichen Abstand zwischen den drei Synagogen, die im südwestlichen Gebiet des Momandha-Viertels liegen.

Retrospektive:  Konservierungs- und Kulturarbeit des Aga Khan Trust for Culture  (AKTC)

Der Aga Khan Trust for Culture (AKTC) in Afghanistan entwickelt und implementiert Projekte, die dem Schutz des kulturellen Erbes und der Restaurierung dienen, um die afghanische Kultur zu fördern und historische  Städte, Stätten, Landschaften sowie Wohnviertel nachhaltig und zugänglich zu gestalten. Bis dato hat der AKTC über 145 individuelle Kulturerbestätten erfolgreich restauriert, was deren dauerhafte Nutzung durch zukünftige Generationen sichert und zur Bewahrung der afghanischen kulturellen Identität beiträgt. Diese Vorhaben, die in enger Abstimmung mit den örtlichen Gemeinschaften realisiert werden, stellen ein wesentliches Element zur Verbesserung des Zugangs, zur Modernisierung der Infrastruktur sowie zur beruflichen Ausbildung dar. Dadurch wird die Lebensqualität erhöht und die sozioökonomischen Chancen der Anwohner verbessert. Diese Sammlung bietet eine Retrospektive, einen Film sowie eine Publikation, die die Konservierungs- und Kulturarbeit des Der Aga Khan Trust for Culture (AKTC)  seit dem Beginn seiner Aktivitäten in Afghanistan im Jahr 2002 dokumentiert.

Eine beeindruckende Sammlung von Fotografien der historischen Synagogen in Herat hebt die einzigartigen architektonischen Merkmale und das reiche kulturelle Erbe dieser Stätten hervor. Jede Aufnahme erzählt ihre eigene Geschichte und unterstreicht die ästhetische Anziehungskraft dieser historisch bedeutenden Orte.

 

Die hybride architektonische Konzeption der vier Synagogen

Die hybride architektonische Gestaltung der vier historischen Synagogen von Herat, die sich durch Variationen innerhalb der jüdischen Tradition auszeichnet, liefert außergewöhnliche archäologische Belege nicht nur für ihre innige Verbundenheit mit dem Judentum, sondern auch für ihren Platz in der afghanischen Landschaft. 

Die einst herausragende Mullah-Garji-Synagoge, auch bekannt als Mullah-Ashur-Synagoge, wurde nach Mullah Mattityah Garji benannt, dem leitenden Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Herat. Hacham Mullah Mattityah Garji wurde am 26. Kislew 5605 (1845) in der Stadt Herat in Afghanistan als Sohn von Lea und Mullah Mordecai Garji geboren. Seine Familie floh 1839 aus Maschhad im Iran, nachdem dort Verordnungen zur Zwangskonvertierung erlassen worden waren. Im Jahr 1908 wanderte er nach Israel aus und ließ sich im Jerusalemer Stadtteil Bukharim nieder. Er wurde zum „Hassida Kadisha“ ("heiliger Gerechter") ernannt und als Rabbiner der afghanischen und bukharischen Gemeinden verehrt.Die Reisebeschreibungen, die Hacham Mullah Mattityah Garji verfasste, stellen ein Dokument von großem historischem Wert für die Erforschung seiner Zeit dar, da sie detaillierte Beschreibungen bestimmter Gebäude und Bräuche enthalten. Er erlebte persönlich und bisweilen am eigenen Leib Unruhen, Verordnungen und Verfolgungen, die in der Region Afghanistan stattfanden; zudem lieferte er in gelehrter und oft schmerzerfüllter Sprache ausführliche Schilderungen des afghanischen Judentums jener Zeit. Das bedeutendste Werk von Hacham Mullah Mattityah Garji ist „Oneg LeShabbat“ – ein Kommentar zur Torah, zu den Haftarot und zu den fünf Megillot. Das Buch wurde dreimal veröffentlicht, die letzte Auflage erschien 2010. Zwei weitere Werke von ihm sind „Tehilat David“ – Predigten und Auslegungen zum Buch der Psalmen – und „Sepher Beit Hamikdash“ – ein Kommentar zur Mischna. Hacham Mullah Mattityah Garji verstarb am 14. Kislew 5678 (1898) im Alter von 70 Jahren und wurde auf der Westseite des Ölbergs beigesetzt.

Das Gebäude liegt heute in Trümmern, völlig eingestürzt, aufgrund von Nichtnutzung und Vernachlässigung seit den späten 1970er Jahren, als die letzten noch verbliebenen Juden Herats das Land verließen.Tatsächlich existieren viele Sakralbauten mit wunderschönen Innenräumen aufgrund mangelnder Instandhaltung nicht mehr. 

Glücklicherweise wurde die Mullah-Samuel- oder Shamawel-Synagoge (ca. 1845–50), die direkt gegenüber dem Chahar Suq, (lit."market place")  liegt,  2009 im Rahmen des Aga Khan Historic Cities Programme (AKHCP) restauriert, unterstützt vom Aga Khan Trust for Culture. Gemäß den Prinzipien einer zweckmäßigen „architektonischen Umnutzung“ nach der Restaurierung im Jahr 2009 beherbergt der Gebäudekomplex heute die Hariva-Schule, eine Maktab (Grundschule) für muslimische Jungen.

Die Gol- oder Gulaki-Synagoge wurde im späten 19. Jahrhundert (genaue Daten unbekannt) als Privatbesitz der wohlhabenden Familie Gol aus der Oberschicht erbaut. Als solche spiegelt die Gol-Synagoge den außergewöhnlichen Status, die Schirmherrschaft und die Macht der Familie wider. Sie wurde 2009 vom AKHCP restauriert und in die Hazrat-Belal-Moschee umgewandelt, obwohl sie wahrscheinlich bereits als Moschee genutzt wurde, als  die jüdische Gemeinde Herat Ende der 1970er Jahre verlassen hatte. Die außergewöhnliche Lage der Synagoge im Bar-Durrani-Viertel nahe dem königlichen Zentrum mit der Festung Ikhtiyar al-Din und der Zitadelle – in Verbindung mit ihrer Architektur und Innenausstattung – zeugt von verschiedenen Kommunikationskanälen und gegenseitigen Einflüssen zwischen der jüdischen Gemeinde von Herat (insbesondere ihren wohlhabenderen Sprösslingen) und der muslimischen Mehrheit. 

Die Mullah-Yoav-Synagoge, erbaut zwischen 1788 und 1808, wurde ebenfalls Ende der 1970er Jahre aufgegeben, befand sich jedoch bereits in einem baufälligen Zustand, als nach dem Aufstand von 1978 Kämpfe im westlichen Viertel der Altstadt ausbrachen. Die restaurierte Mullah-Yoav-Synagoge dient heute als Bildungszentrum für Kinder aus der umliegenden Nachbarschaft, was sowohl  die Umnutzung des Gebäudes als auch den Wandel widerspiegelt, den das jüdische Viertel seit seiner Aufgabe in den späten 1970er Jahren durchlaufen hat.

Architektur im Kontext Islamischer Tradition

Die Bauzeit der vier Synagogen wird auf den Zeitraum zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert datiert. Es existieren jedoch keinerlei Belege dafür, ob es sich bei diesen Strukturen um vollkommen neu gestaltete Bauwerke oder um Erweiterungen bereits vorhandener Ruinen handelt. Die Mullah-Samuel-Synagoge bietet Anzeichen für eine frühere Existenz. Sollte sich erweisen, dass diese Synagogen tatsächlich auf bereits bestehenden Fundamenten errichtet wurden, gestaltet sich die Bestimmung der ursprünglichen Form des Gebäudes sowie der Bauphasen als äußerst komplex. 

Zum Beispiel weist die restaurierte Mullah-Yoav-Synagoge in Herat einen Grundriss auf, der für alle vier Synagogen charakteristisch ist. Der wiederhergestellte Komplex folgt einem architektonischen Muster, das in allen erhaltenen Synagogen in Herat zu finden ist. Entsprechend der islamischen Tradition und in Anlehnung an die Wohnarchitektur in Herat, wie etwa dem Attarbashi-Haus, wurden die vier Synagogen um einen Innenhof gruppiert, wobei alle Fenster zum Hof hin orientiert sind und zur Straße hin blinde Wände aufzeigen. 

Die restaurierte Gol-Synagoge, die heute als Hazrat-Belal-Moschee fungiert, illustriert dies durch einen niedrigen Durchgang, der von einer schmalen Wohnstraße zu einer schlichten, unverzierten Holztür in einer blinden Außenwand führt, die in den Innenhof mündet. Diese gezielte Gestaltung sorgte dafür, dass sich die Synagogen äußerlich nicht von den benachbarten Wohnhäusern abhoben. Auf den ersten Blick ähnelten die vier Synagogen den anderen Bauwerken der Altstadt. Die massiven Außenwände bestanden aus sonnengetrockneten Lehmziegeln oder gebrannten Ziegeln. Letztere erhöhten die strukturelle Stabilität und verstärkten den Widerstand des Bauwerks gegen die extremen Witterungsbedingungen vor Ort. Gemäß lokalen Traditionen in Herat wurde Stein nur sporadisch als primäres Baumaterial verwendet. Die Innenwände der Synagogen waren aus hellen Lehmziegeln gefertigt und mit Kah-Gil, einem mit Stroh vermischten Lehm, verputzt, wie dies in der Mullah-Yoav-Synagoge zu beobachten ist. Um die Gebäude gegen die extremen Temperaturschwankungen des afghanischen Klimas zu schützen, verfügten die Synagogen über Fundamente aus gebrannten Ziegeln. Erwähnenswert ist, dass die Mullah-Yoav-Synagoge, die Gol- oder Gulaki-Synagoge (heute Hazrat-Belal-Moschee) und die Mullah-Samuel-Synagoge (heute Hariva-Schule) bewusst schlichte Fassaden aufwiesen, die weiß getüncht und kaum als Synagogen erkennbar waren. Die Dachkonstruktion, in der Regel ohne Einsatz von Gerüsten errichtet, bestand oftmals aus einer Kuppel oder einem Gewölbe, entsprechend den in Nord- und Westafghanistan üblichen Bauarten. In Anlehnung an die traditionellen afghanischen Gewölbe, die schräg verlaufende Bögen, bekannt als Zwickel, verwenden, wurden die Kuppeldächer aller vier Synagogen durch tragende Wände und Säulen unterstützt.

Der Schrein mit den Gesetzestafeln (Torah)

Die baulichen Elemente und der Innenhof der Mullah-Yoav-Synagoge weisen dieselbe charakteristische Form der Wohnarchitektur mit einem großen Innenhof auf. Die Ostfassade der Synagoge ist teilweise offen und mit Holzgitterwerken im lokalen Stil verziert, die Abschnitte mit geometrischen Mustern aus  Ziegelsteinen enthalten. Dieser Teil der Hauptfassade der Synagoge besteht aus einem gewölbten Feld, in dem sich  drei Türen auf einer unteren Ebene sowie ein zentrales, vergittertes Fenster darüber befinden, flankiert von Säulen und  je einem kleineren Fenster auf jeder Seite. Die Ostfassade der Mullah-Samuel-Synagoge, die ebenfalls auf einen großen Innenhof blickt, vereint sowohl klassische als auch volkstümliche Elemente. 

Bezeichnenderweise sind die vier Synagogen nach Westen ausgerichtet, der Richtung Jerusalems, was die räumliche Ausrichtung einer Moschee nach Mekka widerspiegelt. Ebenfalls in Anlehnung an die nahegelegenen Moscheen verfügte jede der zweistöckigen Synagogen über einen zentralen Hauptgebetsraum.  Die Gebäude umfassten seitliche Seitenschiffe und ein höheres und etwas breiteres Mittelschiff, das in einer gewölbten Nische vor dem heiligen Raum endete, in dem sich eine erhöhte Plattform (bekannt als Bimah, Almemar oder Tevah) und der Schrein mit den Gesetzestafeln (Torah) befand, der als Aron oder Aron ha-Kodesh bekannt ist. 

Die Mullah-Samuel-Synagoge umfasste neun mit Ziegelkuppeln überdachte Nischen, die den Hauptgebetsraum bildeten. Die in die Außenwand des Nebengebäudes eingebaute Tür führt in die Haupthalle der Synagoge und über eine Innentreppe zur Frauengalerie im zweiten Stock, die durch eine Mehitsa (Trennwand) mit kleinen dekorativen Öffnungen vom Hauptgebetsraum getrennt war. Jede Synagoge bot Platz für bis zu vierhundert Gemeindemitglieder Im Hauptsaal und auf der Frauengalerie.

Der Heilige Schrein - 2. Chronik 35,3

Die innere Struktur und Aufteilung der Synagogen richtete sich nach dem Verhältnis zwischen ihren beiden Hauptteilen: dem Aron oder Aron ha-Kodesh (der „Heiligen Lade“; siehe 2. Chronik 35,3) – ein Schrein, in dem die Torah-Rollen aufbewahrt werden – und die erhöhte Plattform, die als Bimah („erhöhte Plattform“) bezeichnet wird und auf der das Lesepult steht, auf den die Thora-Rollen gelegt werden, wenn sie vorgelesen werden. Alternative Bezeichnungen sind almemar (vom arabischen al-minbar, „Podest“) oder, in bestimmten sephardischen jüdischen Gemeinden, tevah („Kiste“ oder „Lade“).

In der afghanischen Gemeinde stand die erhöhte, mit Teppichen ausgelegte Bimah in der Mitte des großen, gewölbten 
Hauptgebetsraums jeder Synagoge. Der Tabernakel befand sich an der Westwand mit Blick nach Jerusalem, daneben stand das Lesepult. Eine traditionelle Methode, um die Bedeutung der Torah zu betonen – die in bestimmten sephardischen Traditionen noch immer angewendet wird –, besteht darin, die erhöhte Plattform genau in der Mitte der Synagoge mit Blick auf den Torah-Tabernakel zu platzieren. 

In Herat wurden zwei Arten von erhöhten Plattformen (ca. 50 bis 100 cm hoch) verwendet. Sie waren über zwei bis vier Stufen zu erreichen und befanden sich unterhalb der Kuppel des Hauptgebetsraums, wodurch ihre Bedeutung unterstrichen wurde. Die erhöhte Plattform der Mullah-Samuel-Synagoge, die sich in der Mitte des Hauptgebetsraums befand, war von vier Stützpfeilern umgeben. Diese Synagoge verfügte über eine niedrige, offene Plattform; im Gegensatz dazu verfügte die Mullah Garji-Synagoge  über eine höhere Plattform, die von einem Geländer mit Öffnungen auf beiden Seiten rechts und links umgeben war. In jeder der vier Synagogen stand das Lesepult auf der mit Teppich ausgelegten Plattform, die eine rechteckige horizontale Fläche für die Behälter aufwies, in denen die Torah-Rollen nach sephardischer Tradition aufbewahrt wurden.

Der Aron ha-Kodesh, der in eine Nische der Synagoge eingelassene Schrank, in dem die Torah-Rollen aufbewahrt wurden, bildete den zweiten Mittelpunkt der vier Synagogen. Gemäß der jüdischen Tradition in allen sephardischen und anderen orientalischen jüdischen Gemeinden war der Aron ha-Kodesh als integraler Bestandteil der architektonischen Struktur einer Synagoge konzipiert, in Anlehnung an das „Allerheiligste“ des Tempels in Jerusalem. Der Torah-Schrein war oben gewölbt (ähnlich den für muslimische Häuser typischen Nischen) und konnte mit einem Vorhang (Parokhet) oder zwei passgenauen Holztüren (oder beidem) verschlossen werden. 


Wurde sie als separater Raum errichtet, war der Torah-Schrein entweder quadratisch oder achteckig, wie es in der Mullah-Garji-Synagoge der Fall war, die zudem ein Paar Säulen aufwies, die den Thora-Schrein flankierten, mit
weiteren Nischen dahinter. Im Fall der Mullah-Yoav-Synagoge war der Schrein erhöht und über Stufen zugänglich. 

Ein weiteres Element, das allen vier Synagogen gemeinsam war, war die Verwendung von Wandnischen, die horizontal
durch Regale unterteilt waren – eine Bauweise, die sowohl bei Muslimen als auch bei Nicht-Muslimen anzutreffen war und von lokalen Bräuchen beeinflusst war. Entsprechend den traditionellen und sozialen Normen der muslimischen Bevölkerung der afghanischen Stadt (und unter Verwendung lokaler Materialien) dienten die Regale und Nischen der Aufbewahrung – im Falle der vier Synagogen für Gebetsriemen, Lampen, Menorah-Ständer, Gebetsschals, andere zeremonielle Gegenstände und Bücher. All diese Gegenstände standen im Zusammenhang mit dem traditionellen Lebenszyklus einer Synagoge und waren untrennbar mit den Ritualen des Judentums verbunden.


Die vier Synagogen verfügten zudem über einen kleinen separaten Raum, den sogenannten Beit Midrasch oder Studienraum, der dem Studium der Torah diente und als Ort für den Bau einer Sukkah zur Feier des Herbstfestes der Laubhütten (Sukkot) genutzt wurde. Zwei symmetrisch angeordnete Arkaden, typisch für die islamische Architektur, befinden sich an der Nord- und Südseite des Innenhofs. Ein wichtiges Merkmal jeder Synagoge war eine unterirdische Kammer mit Ziegelkuppel, die zentral unter dem Innenhof jedes Gebäudes lag. Diese runde Kammer beherbergte das achteckige Becken (Mikwe), das zur rituellen Reinigung diente. Diese Kammer kann in der restaurierten Gol-Synagoge noch heute besichtigt werden.

Handwerkskunst und ornamentale Gestaltungselemente

Während die Außenfassaden der Synagogen unscheinbar waren, unterschieden sich ihre Innenräume deutlich davon und wiesen verputzte Wände, bemalten Putz und typisch persische Ornamente auf. Die farbenfroheren Innenräume der Synagogen basierten jedoch auf einem einzigartigen Konzept und einer Formensprache, die untrennbar mit dem Judentum verbunden waren. Die Wände waren stets mit Zierleisten und Malereien in dekorativen Mustern verziert.
Den architektonischen Traditionen der Altstadt folgend, waren die Innenwände der Synagogen mit ornamentalem Stuck, Regalen und Nischen verkleidet, was ein unverwechselbares Design mit harmonischen dekorativen Reliefmustern darstellte. Ähnlich wie die zentralen Räume der in der Altstadt von Herat erbauten Häuser (wie beispielsweise das Attarbashi-Haus), die stets mit einer kuppelförmigen Decke versehen waren (der Grundkuppel, die in der traditionellen Architektur von Herat verwendet wird), waren die Innenräume der zentralen Kuppeln der vier Synagogen mit dekorativen Mustern in einer einzigartigen Vielfalt an reichhaltigen Mustern verziert, die vom Hauptzentrum nach unten strahlen und zur Wanddekoration passen.

Entsprechend der lokalen künstlerischen Tradition war die Hauptgebetshalle mit bemalten Stuckverzierungen versehen, die ausschließlich aus dichten Blumenmustern mit starkem persischem Einfluss bestanden. Sowohl in der  Mullah-Garji- als auch in der Mullah-Yoav-Synagoge war die Außenwand der Nische, in der sich der Torah-Schrein befand, reichlich mit Wandmalereien in Blumenmustern verziert. Die geschnitzten Öffnungen und Türen, die typischerweise aus massivem Zedernholz gefertigt waren, wurden mit traditionellen persischen Blumen- und geometrischen Mustern bemalt. Ein weiteres charakteristisches Merkmal dieser vier Gebäude war die Verwendung einer geometrischen Musterebene, die mit Holzstreifen auf die Bretter aufgebracht wurde. Diese fein geschnitzten geometrischen Paneele, die in der timuridischen Handwerkskunst zu finden sind, werden zwischen Holzleisten angebracht. Typischerweise zeigten die Innenräume blühende „Lebensbäume“ und Motive aus lebhaften Farben und ausgewogenen Mustern von aufwendiger Handwerkskunst, die von äußeren kulturellen Einflüssen zeugen.Die floralen Formen, oft ergänzt durch farbenfrohe, sich wiederholende Muster aus geschwungenen Paisley-Formen, die als Boteh (oder Buta, was „Blume“ bedeutet) bezeichnet werden, unterstreichen den Einfluss persischer lokaler Traditionen. Beide Motive waren auf beiden Seiten des Aron ha-Kodesh an der Westwand der Synagogen von Herat prominent vertreten.

Was die Details betrifft, so war die bemalte Stuckverzierung mit zahlreichen Blumenmustern auf himmelblauem Hintergrund bedeckt. Das Gesamtdesign, bei dem das intensive blaue Pigment verwendet wurde, das häufig in den Gemälden Zentralasiens zu finden ist, hebt sich vom weißen Hintergrund ab. Es veranschaulicht die traditionelle persische Vorliebe für Ornamentik, wobei größere und kleinere Motive sorgfältig durch winzige, sie umgebende Blumenelemente ausgeglichen werden. Das Gesamtdesign weist zudem Muster auf, die in den Safawiden-Stoffen zu finden sind, wobei Medaillons verschiedener Größe in Form einer Zitrusfrucht (Toranj) oder in Form einer Sonnenscheibe  ( Shamseh) verwendet werden. Dieses Design bezieht auch traditionelle Motive ein, indem es eine kleine Anzahl von Medaillons in einen Rahmen aus detailreichen, großen Palmetten und Pflanzenarabesken einfügt. Die Farbgebung, die eine Palette aus Türkis, Gold, Himmelblau und Weiß verwendet, lässt chinesischen Einfluss erkennen. Viele dieser Motive spielen seit frühester Zeit eine herausragende Rolle in der persischen Kunst.

Die Mullah-Garji-Synagoge liegt heute leider in Trümmern, doch als sie noch intakt war, zeichnete sich die Architektur 
und Innenausstattung des Gebäudes durch aufwendig bemalte Stuckverzierungen aus, die hybride (lokale und universelle) Motive aufgriffen. Ebenso waren die Bögen der Mullah-Samuel-Synagoge, die einst die Kuppel trugen, mit einem hochdekorativen Muster verziert, das sich durch prächtige Details und eine reichhaltige Textur des  Sonnenscheibenmotivs in einer Vielzahl lebhafter Farben auszeichnete, welche Bänder und Gesimse umrahmten. Ein glockenförmiger Stern (Shamseh) strahlte über der Bimah von der zentralen Kuppel des Hauptgebetsraums herab. 

Im Gegensatz dazu weist die restaurierte Gol-Synagoge (heute die Hazrat-Belal-Moschee) noch immer dekorative Elemente auf, die den außergewöhnlichen Status, die Schirmherrschaft und die Macht der Familie Gol widerspiegeln – erfüllt in ihrem neuen Dasein jedoch die islamischen kulturellen Anforderungen mit der Mihrab-Nische als heiligstem Teil der Qibla und innerstem Heiligtum der Moschee.

Veränderung, kulturelle Anpassungsprozesse und wechselseitige Einflüsse

Die für dieses Kapitel analysierten dokumentarischen Quellen haben eine teilweise Rekonstruktion der  ursprünglichen architektonischen Struktur der vier Synagogen von Herat ermöglicht. Ihre Gestaltung und Bauweise folgten Stilen, die sowohl lokale als auch universelle Elemente vereinten – und gleichzeitig stark von den unterschiedlichen Ausprägungen 
der jüdischen Tradition zeugen. Die Geschichte dieser vier bemerkenswerten Gebäude – beginnend mit ihrem Bau vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert – bis zu ihrer Schließung in den 1950er Jahren, dem vollständigen Abzug der Juden aus Herat im Jahr 1978 und der anschließenden Bombardierung durch die Sowjets in den 1980er Jahren – ist geprägt von Wandel, kultureller Anpassung und gegenseitigen Einflüssen zwischen der jüdischen Minderheit in Herat und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung. Diese Wechselbeziehung zeigt sich in den Feinheiten des jüdischen Lebens in Herat auf Makro- und Mikroebene – von der Stadt Herat bis hin zu den detaillierten Innenräumen der vier Synagogen. 

Bei der Untersuchung sakraler Realitäten im städtischen Kontext, des religiösen Kulturaustauschs und der transnationalen historischen Erfahrungen verschiedener Glaubensgemeinschaften in einer zunehmend globalisierten und politisierten Welt legt die vorliegende Studie nahe, dass wir unser derzeitiges Verständnis der Begriffe „Religion“, „religiöse Identität“ und „Religionsfreiheit“ in der modernen Welt überdenken müssen. 


Tatsächlich ist zu hoffen, dass dieses Kapitel zu einem kritischen Verständnis sowohl der antiken als auch der zeitgenössischen globalisierten religiösen Dynamiken beiträgt. Es weist auf die Notwendigkeit hin, interkulturelle 
Einflüsse (politischer, sozialer und religiöser Art) im Lichte des religiösen Multikulturalismus und der transnationalen historischen Erfahrungen verschiedener Glaubensgemeinschaften kritisch zu reflektieren. 

Literatur: Lintz, Ulrike-Christiane. “Reflection of Sacred Realities in Urban Contexts: The Synagogues of Herat.“ In: Mohammad Gharipour, ed., Synagogues in the Islamic World, Architecture, Design, and Identity. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2017, 51-72.

Die wenig bekannte Historie der jüdischen Gemeinschaft von Herat, Aghanistan

Zusätzliche Texte und Berichte vertiefen die Informationen über die Synagogen und dokumentieren die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Herat während ihrer Hochblüte. Sie bieten wertvolle Einblicke in das Leben und die Traditionen der jüdischen Bevölkerung und beleuchten sowohl deren kulturelle Errungenschaften als auch die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren. Diese Dokumentationen eröffnen einen einzigartigen Zugang zu einer jüdischen Vergangenheit, die reich an Geschichte und Erfahrungen ist.

Erfahrungen und Resilienz

In unserer Dokumentation präsentieren wir Berichte von Nachfahren der ehemals in Herat ansässigen jüdischen Gemeinde. Diese persönlichen Erzählungen gewähren den Lesern Einblick in die Erfahrungen und die Resilienz der jüdischen Gemeinschaft und verdeutlichen, inwiefern der Wohlstand dieser Gemeinschaft das soziale Gefüge der Stadt entscheidend prägte.

Die kulturelle Blütezeit der jüdischen Gemeinde

Unsere Dokumentation konzentriert sich intensiv auf die Darstellung der Blütezeit der jüdischen Gemeinde. Die vorliegenden Texte unterstreichen, wie zentral die Aspekte Religion, Kunst und Bildung im Leben der Juden in Herat waren und wie sie wesentlich zur kulturellen Vielfalt der Stadt beitrugen.

Zeugen der Geschichte

Die Dokumentationen der Nachkommen der ehemals in Herat ansässigen jüdischen Gemeinde gewähren wertvolle Einblicke und tragen maßgeblich zu einem besseren  Verständnis der historischen Ereignisse bei, die das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft in Herat beeinflusst haben. Diese Berichte stellen nicht lediglich Erinnerungen dar, sondern bilden einen integralen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses.

Traditionen und Feiertage

Ein zentraler Aspekt unserer Analyse ist die gründliche Erörterung der Traditionen und Feierlichkeiten der jüdischen Gemeinschaft, die wir in unseren Darstellungen umfänglich behandeln. In diesem Abschnitt werden sowohl kulturelle Feste als auch spezifische Bräuche beleuchtet, die das Alltagsleben der Gemeinschaft bereicherten und entscheidend zur Entwicklung ihrer Identität beitrugen.

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