
Meisterwerke der islamischen Architektur
Von Spanien bis China ist die islamische Architektur untrennbar mit der Kalligrafie verbunden. Moscheen, Derwischhäuser, Mausoleen, Bibliotheken, Badehäuser und Marktplätze beherbergen Meisterwerke der Kalligrafie, die in ihrer Komplexität und Ästhetik selbst die anspruchsvollsten Manuskripte übertreffen.
Unsere Dokumentation richtet den Fokus auf die Architektur sowie die architektonischen Inschriften im muslimischen Raum und erstreckt sich über den Zeitraum vom Aufkommen des Islams bis zur heutigen Zeit.
Welche Funktionen erfüllten diese Bauwerke und ihre Inschriften? In welcher Weise verliehen sie den Gebäuden kulturell spezifische Bedeutungen sowohl im sakralen als auch im profanen Kontext? Welchen Einfluss üben sie auf die architektonische Gestaltung aus? Welche Materialien kamen zum Einsatz, und wie interagieren sie mit Licht und Raum? Wer waren die Auftraggeber, und was können wir über die Künstler erfahren, die für diese Werke verantwortlich waren?
Das Minarett von Djām
Das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Minarett von Djām besticht durch einige der umfassendsten Qur'an-Inschriften, die jemals an einem historischen Monument angebracht wurden. Seit der offiziellen Bekanntgabe seiner Entdeckung in Paris am 28. März 1958 hat dieses einzigartige und ikonische Bauwerk seine magische Anziehungskraft und bemerkenswerte Vision nicht verloren. Dieses zweithöchste Ziegelminarett nach dem Qutb Minar in Delhi, Indien gelegen, erhebt sich majestätisch am Südufer des Heri Rud in einem abgelegenen, schmalen Tal. Es ist eingebettet in die beeindruckende geografische Region der Zentralen Berge in Ghur, im Distrikt Shahrak, Afghanistan. Das Minarett von Djām, welches im zwölften Jahrhundert errichtet wurde, stellt ein bemerkenswertes Beispiel islamischer Architektur dar. Es reflektiert nicht nur die architektonischen Fertigkeiten seiner Zeit, sondern auch die kulturellen Leistungen der Ghūriden-Dynastie, die diese Region im Zentrum des heutigen Afghanistans maßgeblich beeinflusste.
Die Ghūriden (persisch غوریان- Ġūriyān; arabisch غوريون - Ġūriyūn, auch Guriden) waren eine Dynastie aus der zentralafghanischen Gebirgsregion Ghur, welche in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts das Reich der Ghaznawiden eroberte und durch Vorstöße im Westen bis nach Bistam und im Osten bis nach Bengalen zu Beginn des 13. Jahrhunderts kurzzeitig zur dominierenden Macht des islamischen Ostens aufstieg. Die endgültige Vernichtung des von mehreren Linien regierten Ghūridenreiches, dessen Zentrum die wahrscheinlich mit Djām (Ǧām) identische Stadt Firuzkuh (persisch فيروزكوه, -Fīrūzkūh, Türkisberg‘) war, erfolgte 1215 CE durch den Choresm-Schah Ala ad-Din Muhammad (ʿAlāʾ ad-Dīn Muḥammad). Der Höhepunkt des Ghūridenreiches wird durch eine 1173 CE beginnende Doppelherrschaft markiert, bei der Sultan Ghiyath ad-Din Muhammad (Ġiyāṯ ad-Dīn Muḥammad) von Firuzkuh aus Ostiran regierte und sein jüngerer Bruder Sultan Muizz ad-Din Muhammad (Muʿizz ad-Dīn Muḥammad) von Ghazna aus ins Industal vordrang.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'The Qur’anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour and İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, pp. 83–102.
Das Minarett
Zunächst widmen wir uns der Etymologie, Geschichte, Architektur und der Bedeutung des Minaretts.
Der deutsche Begriff „Minarett“ ist eine Entlehnung des französischen „minaret“, welches über das Türkische „mināre“ vom arabischen Femininum „manāra“ (منارة) und dem Wort „manār“ (منار) abstammt. Ursprünglich bezeichnete es einen „Leuchtturm“ oder wörtlich „Ort des Lichts“ oder „Ort des Feuers“ (von „nār“ / نَار / ‚Feuer‘) und referierte auf erhöhten Orten, die zur Signalisierung mit Feuer oder Rauch genutzt wurden.
In demselben semitischen Wortstamm findet sich das hebräische „Menora“, das einen in der Antike zerstörten siebenarmigen Leuchter bezeichnet, der zu einem der bedeutendsten Symbole des Judentums avancierte. Das Minarett (arab. „manār“ oder „mināra“, „Leuchtturm“, auch „maʾdhana“, „Ort des Gebetsrufes“) ist ein Turm, der ausschließlich mit Moscheen assoziiert ist. Im Mittelalter fand man jedoch auch Minarette an Medresen.
Der Ursprung des Minaretts ist nicht eindeutig festgelegt. Die frühesten Exemplare, die im 7. Jahrhundert CE entstanden, ähnelten möglicherweise kleinen Ciboria (Kelchen), die auf Außenmauern oder kurzen Turmstümpfen errichtet waren und über Treppen zugänglich waren; diese Form wird als „staircase-minaret“ bezeichnet und ist bis heute in Ostafrika und im Jemen zu finden.
In der Frühgeschichte verfügten nicht alle Moscheen über ein Minarett, sondern einzig die Freitagsmoschee war mit ein Minaret versehen. Der Gebetsruf wurde von einem oder mehreren Muezzinen vom Turm aus ausgeführt; dies ist zumindest für die Moschee des Propheten in Medina belegt, die über je einen Turm in jeder Ecke verfügte. Im Laufe der Zeit entstand die Tradition, zusätzlich mehrere Minarette an Moscheen oder Medresen zu integrieren, wie beispielsweise die Süleimaniya-Moschee in Istanbul, die im 16. Jahrhundert sechs Minarette aufwies. Aus Gründen der architektonischen Symmetrie und der Ästhetik sowie des Status des Bauherrn wird die Anzahl der Minarette manchmal auf zwei, vier oder sechs erhöht; die al-Haram-Moschee in Mekka besitzt sogar neun Minarette.
Die meisten Moscheen verfügen hingegen nur über ein einzelnes, direkt an das Gebäude angebautes Minarett. Formal unterscheidet man zwischen Minaretten mit rundem, quadratischem und polygonalem (häufig achteckigem) Grundriss; in der Osmanischen Architektur zeichneten sich viele von ihnen durch nadelförmige Spitzen aus. Die Geschossgliederung geschieht oft durch umlaufende Balkone (şerefe), während die dekorative Außengestaltung durch farbig glasierte Ziegel, Ziegelmosaiken oder kalligraphische Schriftzüge erfolgt (vgl. das Minarett von Djām oder das Qutb Minar). Optische Vor- und Rücksprünge werden durch Nischen und Gesimse erreicht. Minarette weisen oft einen kleinen, allseitig durchbrochenen Aufsatz auf, der in der Fachliteratur häufig als "Laterne" bezeichnet wird; in der indo-islamischen Architektur werden derartige Aufsätze als „chhatris“ klassifiziert.
Mit einer Höhe von etwa 72 Metern stellte das um 1300 erbaute Qutb Minar im Süden Delhis lange Zeit das höchste Bauwerk der islamischen Welt dar. Ein Miarett mit einer Höhe von 210 Metern, befindet sich in Casablanca und ist Teil der Hassan-II.-Moschee, die 1993 vollendet wurde. Die 2019 eröffnete Große Moschee von Algier beheimatet das derzeit mit etwa 265 Metern höchste Minarett der Welt, das bei seiner Fertigstellung zugleich das höchste Gebäude Afrikas war.
Besondere Erwähnung finden minarettähnliche Schmuckminarette, die einigen zentralasiatischen und indischen Grabbauten der Mogulzeit zugeschrieben werden – Beispiele hierfür sind das Gur-Emir-Mausoleum (Samarkand), das Akbar-Mausoleum (Sikandra) und das Itmad-ud-Daulah-Mausoleum (Agra).
Auch die vier umrahmenden Minarette des Taj Mahal (Agra) sowie die des Bibi-Ka-Maqbara (Aurangabad) verdienen in diesem Kontext Beachtung, obwohl zum Gesamtkomplex der beiden letztgenannten Bauten immerhin eine – wenn auch nur extern gelegene – Moschee ohne eigene Minarette gehört.
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt ist die Präsenz der vier minarettähnlichen Türme des Charminar, die im Jahr 1591 erbaut wurden und hauptsächlich repräsentativen Zwecken dienten. Das Charminar, was wörtlich „vier Minarette“ bedeutet, stellt ein bedeutendes Denkmal in Hyderabad, Telangana, Indien, dar. Dieses im Jahr 1591 errichtete Wahrzeichen symbolisiert Hyderabad und ist offiziell im Wappen des Bundesstaates Telangana verankert. Die lange Geschichte des Charminar umfasst auch die Tatsache, dass sich auf seiner obersten Etage seit mehr als 434 Jahren eine Moschee befindet. Es ist nicht nur von historischer und religiöser Bedeutung, sondern ist auch bekannt für die belebten lokalen Märkte, die das Bauwerk umgeben. Dadurch hat es sich zu einer der am häufigsten besuchten Touristenattraktionen in Hyderabad entwickelt.
Während der Kadscharenzeit rief im Iran der Muezzin von Guldasta (selten Goldasta, persisch und Urdu, „Blumenstrauß“), einem kleinen hölzernen Pavillon auf dem Iwan-Dach der Hofmoschee, der in der persischen Architektur etwa vom 17. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert vorkam, anstelle der Minarette zum Gebet. In Iran diente während der Herrschaft der Kadscharen ein meist quadratischer Pavillon aus Holz auf einem der Iwane dem Muezzin
anstelle des Minaretts als Platz für den Gebetsruf (adhān).
Die Kadscharen, auch bekannt als Qadscharen (persisch قاجاریان, DMG Qāǧārīyān, abgeleitet von Qāǧār, ‚Kadschar‘; alternative Schreibweisen sind Qadjaren, Ghadscharen und Kadjaren), stellten eine bedeutende Dynastie im historischen Persien dar, die von 1779 bis 1925 regierte. Diese Familie, turkmenischer Abstammung, hat ihre Wurzeln bis zu dem mongolischen Herrscher Hülegü zurückverfolgt. Nach der Ermordung des letzten Herrschers der Zand-Dynastie, Lotf Ali Khan, im Jahr 1794 erlangten die Kadscharen die Alleinherrschaft über Persien. Sie gehörten zu den sieben turkmenischen Stämmen, die während der Herrschaft der Safawiden als Kizilbasch bekannt wurden.
Das Minarett ist nicht nur das Wahrzeichen einer Moschee, es diente auch als Wachturm. Zudem dienten Minarette als Signaltürme zur Orientierung für Karawanen. Das Weiße Minarett in der nordindischen Stadt Qadian ist ein Symbol der Ahmadiyya (Urdu: احمدیہ ‚Ahmad-tum‘), einer islamischen Gemeinschaft, die von Mirza Ghulam Ahmad in den 1880er Jahren in Britisch-Indien gegründet wurde. An bestimmten islamischen Festtagen in der Türkei werden Minarette mit Lichtern und Spruchbändern (Mahya) geschmückt.
Bei vielen Moscheen, insbesondere in Iran, erklingt der Gebetsruf nicht von den hohen Türmen, sondern von einem kleinen, ciborienartigen Aufsatz über dem Portal, dem sogenannten Guldasteh. Die Position des Minaretts variiert; es kann direkt an das Gebäude angebaut oder unabhängig seitlich aufgestellt sein. In Iran entwickelten sich Moscheefassaden mit großen Portalen, die von schlanken Türmen eingefasst werden (vgl. die Masjid-e Shah-i Isfahan, 1616). Formell lassen sich zwei Turmtypen unterscheiden: Minarette mit einem quadratischen Schaft, deren Vorbilder wahrscheinlich antiken Leuchttürmen entstammen, und Minarette mit Rundschaft, die teilweise auf einem quadratischen Sockel errichtet werden. Quadratische Türme sind vor allem im Mittelmeerraum zu finden, während Rundtürme vornehmlich in Iran, Indien, Zentralasien und der Türkei verbreitet sind. Die Abstufungen eines Turmschaftes in Geschosse mit unterschiedlichen Abschnitten entwickelten sich vor allem in Ägypten unter den Mamluken (13.–15. Jh.). Eine Ideallösung stellt das hohe, pfeilartige Minarett der osmanischen Moscheen dar, das bis heute – wenn auch unerreicht – als Vorbild dient.
Literatur: Bloom, Jonathan. Minaret – Symbol of Islam. Oxford: Oxford University Press, 1989; Creswell, Keppel Archibald Cameron. "The Evolution of the Minaret, with special reference to Egypt". In: The Burlington Magazine, XLVIII, 1926, S. 134–140, 252–258, 290–298; Hillenbrand, Robert. "Burton-Page, G.S.P. Freeman-Grenville: Manāra, Manār". In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 6. Brill, Leiden 1987, S. 361b–370b; Hillenbrand, Robert. Islamic Architecture. Form, function and meaning. Edinburgh: Edinburgh University Press, 1994, Kapitel: The Minaret, S. 129–172; Elger, Ralf und Friederike Stolleis (eds.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: C.H.Beck, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.
Das Minarett: ein 'Tor vom Himmel zur Erde'
Die frühesten Moscheen wurden ohne Minarette erbaut, wobei der Gebetsruf an anderen Stellen, wie beispielsweise auf einem Hügel oder vom Dach des Hauses des Propheten Muhammad, erfolgte, das auch als Gebetsort diente. Ein Minarett kann als symbolisches „Tor vom Himmel zur Erde“ betrachtet werden. Diese Interpretation verweist auf die isolierten Buchstaben des Korans, die als 'Āyāt' bekannt sind. Die Form des Minaretts stellt eine monumentale Repräsentation des Buchstabens Alif dar, welcher als gerade vertikale Linie zum Himmel weist.
Der Begriff "Āya" (Plural: Āyāt, Arabisch آية, Plural آيات) bezeichnet im Koran allgemein einen Vers innerhalb einer Sure, dessen grundlegende Bedeutung „Zeichen“, „Wunder“ oder „Beweis“ ist. Diese Zeichen manifestieren Gottes Macht in der Natur, in prophetischen Ereignissen und in den Offenbarungen, die ein Prophet über frühere und zukünftige Ereignisse übermittelt. Es gibt eine etymologische Verknüpfung zu dem hebräischen Wort "Ot" (אות, „Zeichen“ oder „Buchstabe“). Der Koran gliedert sich in 114 Suren, wobei jede eine unterschiedliche Anzahl von Āyāt aufweist. Die Zählweise der Verse kann variieren, wobei die kufische Zählung am weitesten verbreitet ist. Als abgetrennte Buchstaben (Arab. حروف مقطعة, ḥurūf muqaṭṭaʿa) werden einzelne Buchstaben bezeichnet, die an den Anfang von 29 Suren des Korans nach der Basmala gestellt werden.
Die Basmala (arabisch بسملة, basmala) ist eine arabische Anrufungsformel, die mit Ausnahme der Sure 9 am Anfang jeder Sure des Korans steht und eine wichtige Rolle im Gottesdienst und Alltag der Muslime spielt. Sie lautet: بسم الله الرحمن الرحيم / bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīmi / ‚Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes‘. Ar-rahman („der Gnädige“) und ar-rahim („der Barmherzige“) sind auch die ersten beiden der 99 Namen Allahs. Rahman war außerdem einer der Hauptgottesnamen in den monotheistischen Religionen des vorislamischen Arabiens.
Diese Buchstaben erscheinen isoliert und werden als Einzelbuchstaben des Alphabets gelesen. Sie werden auch als „Eröffnungen der Suren“ (fawātiḥ as-suwar) oder „erste Buchstaben der Suren“ (awāʾil as-suwar) bezeichnet. Westliche Islamwissenschaftler betiteln sie als „mysteriöse Buchstaben“ (Hans Bauer), „koranische Siglen“ (Eduard Goosens) oder „rätselhafte Buchstaben“ (Dieter Ferchl).
Es gibt fundierte Argumente innerhalb der Islamwissenschaft, die darauf hindeuten, dass diese Buchstaben ein Teil des ursprünglichen Korans sind und von Beginn an als Einzelbuchstaben rezitiert wurden. Über 14 Jahrhunderte hinweg haben diese Buchstaben sowohl Muslime als auch Gelehrte fasziniert und verblüfft, was zu unterschiedlichen Interpretationen innerhalb des traditionellen Islams und der islamischen Wissenschaft führte.
Die hier vorgestellten Auffassungen orientieren sich wesentlich an den Artikeln über die "mysteriösen Buchstaben" in der Encyclopedia of the Qurʾān sowie der Encyclopedia of Islam.
Diese Positionen sind in den gängigen Kommentaren von aṭ-Ṭabarī, as-Suyūtī, as-Samarqandī und im Bahaitum zu finden. Beispiele für abgetrennte Buchstaben, die am Anfang von Suren erscheinen, sind:
- Alif Lām Mīm (الم) Suren al-Baqara, Āl ʿImrān, al-ʿAnkabūt, ar-Rum, Luqman, as-Sadschda etc.
- Alif Lām Rāʾ (الر) Suren Yunus, Hud etc.
- Alif Lām Mīm Rāʾ (المر) Sure ar-Ra’d
- Kāf Hāʾ Yāʾ ʿAin Ṣād (كهيعص) Sure Maryam
- Yāʾ Sīn (يس) Sure Ya-Sin
- Ḥāʾ Mīm (حم) Sure Fussilat etc.
- Tāʾ Hā (طه) Sure Taha etc.
In der deutschen Übersetzung werden die geheimnisvollen Buchstaben durch ihre Namen dargestellt; so beginnt die zweite Sure mit: „1. Alif, Lām, Mīm; 2. Dies ist das Buch, an dem kein Zweifel besteht...“. Während der Rezitation des Korans werden diese Buchstaben als Einzelbuchstaben ausgesprochen.
Nach Schams ad-Dīn as-Samarqandī, Mathematiker, Theologe, Philosoph, Logiker und Astronom des 13. und 14. Jahrhunderts aus Samarkand, fassen die Buchstaben zu Abkürzungen die Attribute Gottes zusammen. Alif Lām Mīm wird als Abkürzung für أنا / anā / ‚ich‘, الله / Allāh / ‚Gott‘ und أعلم / aʿlam / ‚der Wissendere‘ interpretiert, sodass Alif Lām Mīm mit ‚Ich bin Allah, der (all-)wissende‘ gleichgesetzt werden kann. Eine direkte Abkürzung für Gottes Attribute ist beispielsweise Alif Lām Rāʾ für ar-raḥmān, der Barmherzige.
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī – kurz Rumi genannt – (1207-1273 CE), ein persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter und einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters bietet mystische Deutungen der Buchstaben an und erkennt in ihnen die Kraft der göttlichen Offenbarung, die im Herzen der Gläubigen geistige Wahrheiten hervorbringt. Er vergleicht diese Buchstaben mit dem Stab Moses sowie dem lebendigen Odem Jesu.
Abū Dschaʿfar Muhammad ibn Dscharīr at-Tabarī (839-923 CE;arabisch أبو جعفر محمد بن جرير الطبري ), einer der bedeutendsten persisch-islamischen Historiker, sunnitischer Korankommentator und Gelehrter in Bagdad, Shams al-Dīn Muḥammad ibn Ashraf al-Ḥusaynī al-Samarqandī (persisch: شمس الدین سمرقندی; um 1250 – um 1310 CE), ein islamischer Theologe, Astronom und Mathematiker aus dem 13. Jahrhundert aus Samarkand, heute in Usbekistan und Dschalāl ad-Dīn Abū l-Fadl ʿAbd ar-Rahmān ibn Abī Bakr al-Chudairī as-Suyūtī (1445-1505 CE), einer der produktivsten und vielseitigsten muslimischen Gelehrten in Ägypten während der Mamlukenzeit, zitieren Hadithe, die darauf hindeuten, dass diese Buchstaben Hinweise auf die Dauer der islamischen Sendung bis zum Jüngsten Gericht darstellen. Der Begriff Hadith (der Hadith, auch das Hadith; arabisch حديث Hadīth, ḥadīṯ ‚Erzählung, Bericht, Mitteilung, Überlieferung‘) bezeichnet die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des islamischen Propheten Mohammed sowie der Aussprüche und Handlungen Dritter, die dieser stillschweigend gebilligt haben soll. Der Singular Hadith wird für eine einzelne Überlieferung verwendet, aber auch für die Gesamtheit der Überlieferungen.
In einem Hadith wird berichtet, dass der Prophet Muhammad von seinen Zeitgenossen über die Lebensdauer seiner Gemeinde befragt wird. In diesem Dialog fragt die versammelte Zuhörerschaft zunächst, ob die numerischen Werte der geheimnisvollen Buchstaben am Anfang der zweiten Sure Alif Lām Mīm auf die Lebensdauer der islamischen Gemeinde hinweisen. Der Prophet lächelt und zitiert die Buchstaben am Anfang der dritten Sure. Diese Wiederholung setzt sich fort, bis der Prophet die ersten sieben Suren, die mit geheimnisvollen Buchstaben beginnen, erwähnt und daraufhin verstummt.
Einige führende Kommentatoren geben keine klaren Aussagen zu diesen Buchstaben ab.
Dschalāl ad-Dīn Abū l-Fadl ʿAbd ar-Rahmān ibn Abī Bakr al-Chudairī as-Suyūtī (arabisch جلال الدين أبو الفضل عبد الرحمن بن أبي بكر الخضيري السيوطي, Ǧalāl ad-Dīn Abū l-Faḍl ʿAbd ar-Rahmān ibn Abī Bakr al-Ḫuḍairī as-Suyūṭī; 1445-1505 CE) war einer der produktivsten und vielseitigsten muslimischen Gelehrten in Ägypten während der Mamlukenzeit. Er erwähnt in seinem weit verbreiteten Kommentar, dass nur Allah am besten weiß, was er damit beabsichtigt. An anderer Stelle trägt as-Suyūtī weitere Interpretationen bei und reflektiert auch die Auffassungen anderer Gelehrter, die dahingehend argumentieren, dass Gott die Aufmerksamkeit des Propheten und seiner Zuhörerschaft auf sich ziehen wollte.
In den 1990er-Jahren sorgte Rashad Khalifa (1935 – 1990), ein ägyptisch-amerikanischer Biochemiker, der eng mit der Organisation „United Submitters International“ (USI) verbunden war, die sich für die Ausübung und das Studium des „Koran, des gesamten Korans und nichts als des Korans“ einsetzt, für Aufsehen, indem er in seiner Analyse eine spezifische mathematische Struktur im Koran basierend auf der Primzahl 19, auch bekannt als „Korancode“, postulierte.
Während er an seiner Übersetzung arbeitete, begann Rashad Khalifa auch, die Bedeutung der geheimnisvollen Buchstaben zu erforschen, die 29 Kapiteln (Suren) des Korans vorangestellt sind und bis heute ungeklärt blieben. Er beschloss, den Koran in einen Computer einzugeben und den Text zu analysieren, um festzustellen, ob es mathematische Zusammenhänge zwischen diesen Koran-Initialen gab. Es stellte sich heraus, dass der Koran durch ein einzigartiges Phänomen gekennzeichnet ist, das in keinem von Menschen verfassten Buch zu finden ist. Jedes Element des Korans ist mathematisch komponiert, von der Häufigkeit der Buchstaben und Wörter über einzigartige Schreibweisen bis hin zur Anzahl der Wörter mit derselben Wortwurzel usw.; alles entspricht konsequent einem gemeinsamen Nenner – der Zahl 19. Diese übermenschliche mathematische Kodierung des Korans, die weit über die menschlichen Fähigkeiten hinausgeht, etwas dergleichen zu erschaffen oder zu duplizieren, belegt unbestreitbar seine göttliche Urheberschaft. Bis 1974 war klar ersichtlich, dass es sich hierbei um ein tatsächliches „Wunder Gottes“ handelte, genau wie bei den früheren Wundern Gottes, die einen Beweis für Seine Existenz und Seine Herrschaft über das Universum lieferten.
Die Verbindungen, die Rashad Khalifa als Beweis für die Unnachahmlichkeit des Korans ansieht, werden in der wissenschaftlichen Literatur eher kritisch betrachtet. Er stellt fest, dass 29 Suren des Korans mit geheimnisvollen Buchstaben eingeleitet werden, in denen es 14 solcher Buchstaben gibt, und dass es insgesamt vierzehn verschiedene Kombinationen dieser Buchstaben gibt. Die Summe von 29 + 14 + 14 ergibt 57, was durch 19 teilbar ist.
Literatur: Paret, Rudi. Der Koran. 10. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer-Verlag, 2007, S. 439–440; Massey, Keith. "A New Investigation into the „Mystery Letters“ of the Quran". In Arabica, vol. 43, 1996, p. 473; Khoury, Adel Theodor. Der Koran Arabisch – Deutsch. (Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar), vol. 1, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 2004; Massey, Keith. "A New Investigation into the „Mystery Letters“ of the Quran". In: Arabica, vol. 43, 1996, p. 473; Bauer, Hans. "Über die Anordnung der Suren und über die Geheimnisvollen Buchstaben im Qoran". In Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG), vol. 75, Wiesbaden: Harrassowitz, 1921, pp. 1–20; Massey, Keith. 'A New Investigation into the “Mystery Letters” of the Quran', p. 499, auf academia.edu, abgerufen am 12.03.2026; Watt, W. Montgomery. Bell’s Introduction to the Qur’ān. Completely revised and enlarged. Edinburgh: Edinburgh University Press, 1970.
Die Entwicklung und Transformation des Minaretts
Der quadratische Turm
Das Minarett der Großen Moschee von Qairawān
Das erste Minarett wurde wahrscheinlich in Syrien erbaut, andere Historiker halten das Minarett der Moschee von Qairawān (s. Abb) in Tunesien für das älteste. Es ist seit der Herrscherfamilie der Umayyaden (661–750 CE) gebräuchlich. In einigen der ältesten Moscheen wie der Umayyaden-Moschee in Damaskus dienten Minarette ursprünglich als von Fackeln erhellte Wachtürme – daher die Wortherkunft aus dem Arabischen nur / نور / ‚Licht‘. Das Minarett war nicht nur das Wahrzeichen einer Moschee, es diente auch als Wachturm, Beobachtungs- oder Jagdturm oder als Signalturm zur Orientierung für Karawanen. Heute dient ein Minarett hingegen weitgehend als ein in der Tradition verhaftetes architektonisches Dekor- oder Repräsentationselement, da die Gebetsrufe (Adhān / أذان) in den meisten modernen Moscheen mittels Lautsprechern aus dem Betsaal ausgerufen werden.
Der quadratische Turm des erhaltenen Minaretts, der Großen Moschee von Qairawān in Tunesien, besteht aus drei Abschnitten – Basis, Schaft und Galerie – und erreicht eine Höhe von 31,5 m, wobei er als Prototyp für die Minarette der westlichen islamischen Welt gilt. Dieses Minarett befindet sich in der Mitte des Nordportikus des Innenhofs. Der Geograf und Historiker Abū ‘Ubaid ‘Abd Allāh b. ‘Abd al-‘Azīz b. Muhammad al-Bakrī (1014–94 CE) führte seinen Bau auf die Herrschaft des Umayyadenkalifen Hishām ibn ‘Abd al-Mālik (r. 724–43 CE) zurück, doch die meisten Archäologen sind überzeugt, dass es das Werk von Ziyādat Allāh I (r. 817–38 CE) ist.

Der Architekturhistoriker K. A. C. Creswell (1879–1974) vertritt die Auffassung, dass die Idee eines Minaretts erstmals unter der Umayyadendynastie in Syrien entstand, wo die Muslime mit syrischen Kirchtürmen in Kontakt kamen. Die Umayyaden oder Omajjaden (arabisch بنو أمية banū Umayya oder الأمويون, al-Umawiyyūn) waren ein Familienclan des arabischen Stammes der Quraisch aus Mekka, des Stammes, dem auch der Religionsgründer Mohammed entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750 CE als Kalifen (Bezeichnung auch: Umayyaden-Kalifat) von Damaskus aus über das damals noch junge islamische Imperium und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte.
Diese syrischen Kirchtürme wurden rasch übernommen und in den eroberten Gebieten verbreitet. Die ersten Minarette, die im Jahr 673 CE als quadratische Strukturen erbaut wurden, wurden von den vier Wachtürmen des römischen Temenos in Damaskus inspiriert. Solche quadratischen Strukturen wurden auf dem Dach an den vier Ecken der Moschee von ‘Amr ibn al-‘Ās in al-Fusṭāṭ, der ersten Hauptstadt Ägyptens, errichtet. Das Temenos (altgriechisch τὸ τέμενος „Tempelbezirk, Heiligtum“, Plural die Temene; von τέμνειν temnein „abschneiden“) bezeichnet den umgrenzten Bezirk eines griechischen Heiligtums. Die Einfassung selbst, Peribolos genannt, wird gewöhnlich von Mauern, oft übermannshoch, oder Säulenhallen, bisweilen von Zäunen gebildet. Den Zugang in das Heiligtum kennzeichnet meist ein Torbau, genannt Propylon.
Diese hypostyle Große Moschee von Qairawān wurde im Jahr 641–642 CE vom muslimischen Eroberer Ägyptens gegründet und 673 CE während der Herrschaft von Mu‘āwiyah ibn Abī Sufyān (602–680 CE), dem ersten Umayyadenkalifen, der jeweils ein Minarett an jeder ihrer vier Ecken hinzufügte, wieder aufgebaut und vergrößert. Creswell glaubt, dass diese frühen Minarette als "Ṣawma‘a" bezeichnet wurden, weil sie mit den kleinen quadratischen Zellen verglichen wurden, die von den christlichen Mönchen Syriens genutzt wurden. Später verbreiteten sich die quadratischen Minarette mit der Ausdehnung der Umayyaden nach Nordafrika und Spanien.
Während des Mittelalters galt das Minarett mit seiner herausragenden Höhe und prächtigen Form als majestätischer Turm. In dieser Zeit entwickelten die Muslime, als sie mit anderen Turmtraditionen in Kontakt kamen, verschiedene regionale Minaretttypen. Im elften und zwölften Jahrhundert wurden in den östlichen islamischen Ländern eine Reihe von etwa sechzig Ziegeltürmen errichtet, entweder an eine Moschee angebaut oder freistehend. Das Minarett ist nicht nur das Wahrzeichen einer Moschee, es diente auch als Wachturm. Als Signalturm dienten Minarette der Orientierung für Karawanen.
Wie das Minarett von Djām gelten mehrere dieser Türme, wie das seldschukische Minarett in Dawlatābād (1108–09 CE) und die Ghaznawīd-Minarette von Mas‘ūd III (r. 1099–1115 CE) und Bahrām Shāh (r. 1117–52 CE) in Ghazna, als freistehende „Siegestürme“.
Die architektonische Ausgestaltung der Moschee
Seit dem 7. Jahrhundert werden weltweit Moscheen errichtet. Trotz der unterschiedlichen Architekturstile, die bei Moscheen zu beobachten sind, lassen sich drei grundlegende architektonische Strukturen identifizieren.
1. Das Hypostylon - „auf Säulen ruhend“
Die primäre Stätte der Anbetung für Muslime, das Haus des Propheten Muhammad, spielt eine zentrale Rolle in der Entstehung der frühen Formen der Moschee, insbesondere der Hypostyl-Moschee. Der Terminus „hypostyl“, ebenfalls als Hypostylon oder Hypostylos bekannt, beschreibt einen architektonischen Raum, dessen flache Decke durch Säulen getragen wird. Im Kontext der Architektur bezieht sich ein Hypostyl auf eine Halle, deren Dach von Säulen unterstützt wird. Die Wurzeln des Begriffs finden sich im antiken Griechisch ὑπόστυλος (hypóstȳlos), zusammengesetzt aus den Elementen „ὑπό“ (unter) und „στῦλος“ (Säule). Das Dach solcher Strukturen kann aus verschiedenen Materialien wie Stein, Holz, Gusseisen, Stahl oder Stahlbeton gefertigt sein. Eine Decke kann vorhanden sein, und die Säulen können gleich hoch sein oder, wie im Beispiel des Großen Hypostyls von Karnak, unterschiedliche Höhen aufweisen, wobei die flankierenden Säulen im zentralen Bereich größer sind als die der Seitenschiffe. Diese Bauweise ermöglicht Lichtströme durch Wandöffnungen über den kleineren Säulen, die durch Obergaden (auch als Lichtgaden oder Fenstergaden) ungehindert in die Seitenschiffe eindringen. Diese architektonische Form findet sich sowohl in der Cella antiker griechischer Tempel als auch in zahlreichen asiatischen Bauwerken, insbesondere in Holzstrukturen.
In der antiken griechischen Architektur bezeichnet der Begriff Hypostyl eine große Halle, deren Dach durch Säulen oder Pfeiler gestützt wird. Dieses Bauprinzip hat in islamischen Ländern eine weite Verbreitung erfahren. Ein herausragendes Beispiel stellt die Große Moschee von Qairawān Tunesien dar. Das als „große Freitagsmoschee“ bekannte Bauwerk, im Volksmund als „Sīdī ʿOqba“ bezeichnet, ist das markante Wahrzeichen der tunesischen Stadt Kairouan oder Qairawan, seltener Kairuan, auch (al-)Qairawān (arabisch القيروان, DMG al-Qairawān).
Das massive, mehrfach erweiterte und mittlerweile dreigeschossige Minarett befindet sich an der Nordseite des Moscheehofes, direkt gegenüber dem Gebetsraum, und ähnelt in seiner Form einem Wehrturm. Ursprünglich verfügte die Moschee über kein Minarett. Die nach Norden gerichtete Erweiterung dieser Anlage wird von dem bedeutenden Geographen und Historiker Abū ‘Ubaid ‘Abd Allāh b. ‘Abd al-‘Azīz b. Muhammad al-Bakrī (1014–1094 CE) beschrieben, dessen Aktivitäten sich auf die Region Sevilla und Córdoba im 11. Jahrhundert erstreckten. Er datiert die ersten Bauarbeiten an dem Minarett auf die Zeit des Statthalters Bišr b. Ṣafwān (gestorben Januar 728 CE), während der Regierungszeit des Umayyaden-Kalifen Hischām ibn ʿAbd al-Malik ((r. 724–43 CE Damaskus). Gemäß seiner Datierung wäre das Minarett etwa hundert Jahre vor dem Ausbau des gegenüberliegenden Gebetsraums unter Ziyādatullāh ibn Ibrāhīm (r. 817–838 CE) erbaut worden. Die meisten Archäologen sind jedoch der Überzeugzung, dass es das Werk von Ziyādat Allāh I (r. 817–38 CE) ist. Die Große Moschee von Qairawān wurde 673 CE während der Herrschaft von Mu‘awiyah ibn Abi Sufyan, dem ersten Umayyadenkalifen, erweitert; er fügte jeder ihrer vier Ecken ein Minarett hinzu.
Während der Expansion der Umayyaden verbreiteten sich diese quadratischen Minarette nach Nordafrika und Spanien. Im Mittelalter wurden Minarette als majestätische Türme angesehen, welche sich durch ihre beeindruckende Höhe und prächtige Form auszeichneten. In dieser Zeit entwickelten Muslime, inspiriert durch den Austausch mit anderen Turmtraditionen, verschiedene regionale Typen von Minaretten.
Mit dem Einmarsch der islamischen Streitkräfte in Ägypten im Jahr 640 CE beginnt ein bedeutsames Kapitel in der vielschichtigen Geschichte dieses Nillandes, das durch neue Herrschaftsstrukturen, religiöse Transformationen und geopolitische Relevanz gekennzeichnet ist. Ägypten, das zuvor an den Rand des Byzantinischen Reiches eingeordnet war, entwickelte sich über einen Zeitraum von zwölf Jahrhunderten zu einer tragenden Säule der islamischen Welt. Die islamische Expansion zu Beginn des 7. Jahrhunderts war von bemerkenswerter Dynamik geprägt. Nur wenige Jahre nach dem Ableben des Propheten Mohammed erlebte der Islam eine Ausbreitung, die weit über die Grenzen der Arabischen Halbinsel hinausging. Unter dem Kalifat der Rashidun, das die Ära der "rechtgeleiteten Kalifen" repräsentiert, wurden zahlreiche militärische Operationen initiiert, die sowohl religiöse als auch strategische Ziele verfolgten. Diese Kampagnen zielten darauf ab, die wirtschaftliche Kontrolle über zuvor byzantinische und sassanidische Regionen zu erlangen. Zu den herausragenden Militärführern dieser Zeit zählt Amr ibn al-As, der im Jahr 639 CE den Auftrag zur Eroberung Ägyptens erhielt.
Die Große Moschee von Qairawān
Die Große Moschee von Qairawān, Tunesien, stellt ein archetypisches Beispiel der Hypostyl Moschee dar. Sie ist eine große, rechteckige Steinmoschee mit einem hypostylen Hallenraum, der von Säulen gestützt wird, sowie einem weitläufigen inneren sahn (Hof). Das dreistufige Minarett folgt dem Stil eines syrischen Glockenturms, der möglicherweise ursprünglich auf der Form antiker römischer Wach- oder Leuchttürme basierte.
Der Innenraum der Moschee verfügt über den charakteristischen Säulengrundriss, der typisch für den hypostylen Typus ist. Die Moschee wurde auf einem früheren byzantinischen Standort errichtet, wobei die Architekten ältere Materialien, wie die Säulen, wiederverwendeten. Diese Entscheidung war sowohl praktisch als auch eine eindrucksvolle Bekundung der islamischen Eroberung byzantinischer Gebiete. Zahlreiche frühe Moscheen nutzten bereits damals ältere Baustoffe (sogenannte Spolien) auf eine symbolträchtige Weise. Eine Spolie (von lateinisch "spolium": „Beute, Raub, dem Feind Abgenommenes“) ist ein Bauteil oder anderer Überrest (Teil eines Reliefs oder einer Skulptur, eines Fries oder Architravs, Säulen- oder Kapitellrest), der aus einer älteren Kultur stammt und in einem neuen Bauwerk wiederverwendet wurde.
Rechts neben der islamischen Gebetsnische (miḥrāb), welche die Gebetsrichtung (qibla) anzeigt - befindet sich ein spezieller Bereich ähnlich einer Loge (maqsura), der für den Herrscher reserviert ist und den man in einigen, jedoch nicht allen, Moscheen findet. Die Gebetsnische (miḥrāb) besteht aus einem von zwei oder mehr Säulen getragenen Bogen oder Gewölbe. Der Raum zwischen den Säulen ist flach oder zurückgesetzt, wodurch der Eindruck einer Tür oder eines Durchganges entsteht. Viele miḥrāb-Nischen sind in die Wand integriert und treten nach außen nicht in Erscheinung.
Der für den islamischen Herrscher oder den Statthalter abgetrennte Bereich im Betsaal (maqsura) der Moschee befand sich in der Regel neben dem Pult oder der Kanzel (minbar) und gilt als das älteste erhaltene Beispiel, während ihre Kanzel (minbar) selbst als die früheste datierte dieser Art bekannt ist. Beide sind aus Teakholz gefertigt, das aus Südostasien importiert wurde. Dieses begehrte Holz wurde von Thailand nach Bagdad verschifft, dort bearbeitet und anschließend auf Kamelen von Irak nach Tunesien transportiert – ein herausragendes Beispiel für den globalen Handel im Mittelalter. Der hypostyle Plan fand große Verbreitung in den islamischen Ländern vor der Einführung des Vier-Iwan-Plans im 12. Jahrhundert. Der charakteristische Säulengrundriss des hypostylen Plans wurde in verschiedenen Moscheen eindrucksvoll umgesetzt. Ein besonders bekanntes Beispiel ist die Große Moschee von Córdoba, die zweifarbige, zweigeschossige Bögen verwendet, die den fast schwindelerregenden optischen Effekt des hypostylen Raums betonen.
Quelle: Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'The Qur’anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour and İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, pp. 83–102.
Literatur: Ettinghausen, Richard, Grabar, Oleg and Marilyn Jenkins-Madina. Islamic Art and Architecture 650-1250. New Haven: The Yale University Press, 2001, pp. 33–36; Boussora, Kenza and Mazouz, Said. 'The Use of the Golden Section in the Great Mosque at Kairouan'. Nexus Network Journal 6 (2004): 7–16; Creswell, K.A.C. Early Muslim Architecture. Band II. Oxford , 1940; Sebag, Paul. The Great Mosque of Kairouan. Translated from the French by Richard Howard. London, New York, 1965; Bloom, Jonathan M. 'Creswell and the Origins of the Minaret'. Muqarnas 8 (1): 55-58.
2. Das Vier-Iwan-Schema
Bis zum frühen 12. Jahrhundert entwickelte sich die charakteristische iranische Hofmoschee gemäß dem Vier-Iwan-Prinzip. Innerhalb dieser architektonischen Konzeption bildeten jeweils zwei Iwane ein Achsenkreuz, welches sich als Standard etabliert hat. In der frühen islamischen Architektur kam dem hypostylen Saal eine zentrale Bedeutung zu, jedoch trat im 11. Jahrhundert diese innovative Form, die Vier-Iwan-Moschee, in den Vordergrund.
Ein Iwan ist ein gewölbter Raum, der sich auf einer Seite zu einem Innenhof hin öffnet. Die Ursprünge des Iwans reichen bis in das vor-islamische Iran zurück, wo er eine herausragende Rolle in der monumentalen und imperialen Architektur einnahm. Der Iwan, eng verbunden mit der persischen Architektur, fand auch in der Monumentalbaukunst der islamischen Ära ununterbrochen Anwendung. Im 11. Jahrhundert vollzog sich im Iran der Übergang von hypostylen Moscheen zu Vier-Iwan-Moscheen, die, wie der Name andeutet, vier Iwane in ihr architektonisches Design integrieren.
Die architektonischen Merkmale der Seldschuken
Die Große Moschee von Isfahan ist ein herausragendes Beispiel für die architektonischen Entwicklungen der vergangenen Epochen. Ursprünglich als hypostyle Moschee konzipiert, wurde das Bauwerk nach der Eroberung Isfahans durch die Seldschuken im 11. Jahrhundert grundlegend umgestaltet. Die architektonische Tradition der Seldschuken vereint Bautraditionen, die im Zeitraum vom 11. bis 13. Jahrhundert weite Teile des Nahen Ostens und Anatoliens beherrschten. Nach dem 11. Jahrhundert entwickelten die Seldschuken, hervorgegangen aus dem Großen Seldschukenreich, einen eigenständigen Architekturstil, der maßgeblich durch die armenische, byzantinische und persische Architektur beeinflusst wurde.
Die Seldschuken gehörten zu den Turk stämmigen Oghuz, die im 8. Jahrhundert nach Transoxanien einwanderten. Unter der Führung von Tughrul Beg und Chagri Beg eroberten die Seldschuken 1034 CE die Gebiete der Seljuk-Türken und besiegten 1040 CE die Ghaznawiden in der Schlacht von Dandanqan. Tughrul Beg beendete 1055 CE mit der Eroberung Bagdads die Herrschaft der Bujiden über das Abbasiden-Kalifat und dehnte seinen Einfluss in weiten Teilen Persiens und des Iraks aus, wobei er die Hauptstadt des Seldschukenreiches in die Nähe des heutigen Teherans verlegte. Die Bujiden waren eine bedeutende schiitische Dynastie dailamitischer Abstammung im Iranischen Hochland, im Irak und in Teilen des Oman, die aus Dailam im Norden des heutigen Iran stammte, von 930/932 bis 1062 CE existierte und von 945 bis 1055 CE herrschte.
Der Lebensstil der seldschukischen Elite veränderte sich innerhalb von zwei bis drei Generationen signifikant: Von nomadischen Lebensweisen in Jurten wechselten sie nach der Eroberung Irans und Mesopotamiens zu stabilen Regierungs- und Verwaltungsstrukturen. Auf dem Gebiet der Architektur entwickelten die Seldschuken eine eigene Formsprache, indem sie bekannte Elemente wie zentrale Kuppeln und Iwane harmonisch miteinander kombinierten. Die Architektur der Seldschuken greift auf Beispiele der Karachaniden und Ghaznawiden zurück; zentrale Bauten, die späteren seldschukischen Bautypen entsprechen, finden sich bereits in der Karachanidenarchitektur. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Deggaron-Moschee (Usbekisch: Deggaron masjidi), ein architektonisches Denkmal in der Region Navoiy in Usbekistan.

Die Deggaron-Moschee
Die Deggaron-Moschee in Usbekistan zählt zu den frühesten erhaltenen religiösen Bauwerken des Landes, errichtet aus Lehm und Ziegeln. Sie wurde von den Karachaniden in einem befestigten Dorf erbaut, das später aufgrund einer Dürre aufgegeben wurde. Ihre Architektur zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Gestaltung aus, die von der typischen islamischen Baukunst abweicht und stattdessen Ähnlichkeiten zur zoroastrischen Architektur sowie zu frühchristlichen Kirchen mit vier Säulen und einer kuppelförmigen Mitte aufweist.
Die 6,5 Meter breite Kuppel, die auf niedrigen Säulen ruht, wird von kleineren Hilfskuppeln flankiert. Die Moschee befindet sich in der Stadt Khazar, etwa 24 Kilometer von Samarkand entfernt, und weist insgesamt neun Kuppeln auf. Sie wurde zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert erbaut; laut Experten wird sie entweder auf das 8./9. Jahrhundert (Schroeder) oder auf das 11. Jahrhundert (Pugachenkova) datiert. Schätzungen zufolge könnten bis zu zwei Drittel des Gebäudes aus der ursprünglichen Bauzeit stammen, während die Eingangsfassade und die Galerie möglicherweise restauriert wurden.
Die Eingangsfassade und die Kuppeln sind im Vergleich zu restlichen Strukturen niedriger. Die Außenmaße der Moschee betragen etwa sechzehn Meter mal sechzehn Meter. Obwohl der Grundriss quadratisch ist, erhebt sich eine weniger hohe Portalstruktur von vier mal sechzehn Metern aus der zentralen Kuppel. Die Portal-Fassade präsentiert sich überwiegend schmucklos, abgesehen von ihrer Sichtschutzwand, die von zwei niedrigeren Säulengängen flankiert wird. Drei Bögen durchbrechen diese Fassade, wobei der zentrale Bogen durch einen weißen Rahmen hervorgehoben wird. Oberhalb jedes Eingangs befindet sich eine blinde Nische in Form eines Spitzbogens. Der Sockel der Fassade wird von zwei Stufen eingerahmt, wobei der zentrale Torbogen durch zwei weitere, herausragende weiße Stufen hervorgehoben wird.
Der Innenraum misst vierzehn Meter mal vierzehn Meter und jede der neun Kuppeln wird von Querschiffgewölben getragen. An den vier Ecken sind Kuppeln mit zwei Ebenen von Muqarnas (Stalaktitengewölben) angeordnet, während die zentrale Kuppel, die größte, etwa fünf Meter misst und eine Höhe von etwa elfeinhalb Metern erreicht. Diese zentrale Kuppel wird von Spitzbögen getragen, die bis zur Basis der Kuppel ansteigen und jeweils mit zehn dreilappigen Zierelementen versehen sind, die aus der Laibung ragen. Die Verzierung erfolgt durch geschnitzte Terrakotta-Elemente.
Die Architektur der Seldschuken nutzt in verschiedenen Gebäudetypen ähnliche Komponenten, darunter Moscheen, Karawansereien, Medresen und Gräber. Diese Strukturen können sowohl als Säulenhallen als auch als zentrale Gebäude mit und ohne Kuppeln sowie Hofelemente realisiert werden. Die einzelnen Komponenten entstammen häufig älteren architektonischen Traditionen; die Synthese zu einem einheitlichen und harmonischen Stil stellt eine bemerkenswerte Leistung der anonymen seldschukischen Architekten dar.
Bereits in der Sassanidenzeit, der letzten persischen Kaiser-Dynastie vor dem Aufstieg des Islams (224 bis 651 CE), war das System sog. Ecktrümpfe bekannt, das die Integration runder Kuppeln auf rechteckigen Grundrissen ermöglichte. Diese Bauart erleichterte die Konstruktion freistehender Kuppeldächer ohne Lehrgerüste. Durch die innovative Verwendung gewölbter Elemente wurde ein komplexes Stützensystem geschaffen, das das Gewicht des Bauwerks visuell aufhebt. Ein weiteres charakteristisches Merkmal der seldschukischen Architektur sind die kreuzenden Gewölberippen, die eine reiche ornamentale Gestaltung des Bauwerks zulassen. In dieser Zeit etablierten die Seldschuken auch die Verwendung von schlanken, zylindrischen Minaretten.
Das älteste erhaltene, mit glasierten Ziegeln errichtete und dekorativ gestaltete Minarett aus seldschukischer Zeit ist das der Tarikhaneh, oder Tarikhaneh Mosque (Pers: مسجد تاریخانه, romanisiert: Masjed-e Tarikhaneh), in Damghan, in der Provinz Semnan im Iran.
Die Moschee zählt zu den ältesten und bedeutendsten islamischen Bauwerken im Iran und stammt schätzungsweise aus dem 8. Jahrhundert CE. Sie gilt als Musterbeispiel für Schönheit und Perfektion unter den Moscheen der ersten Jahrhunderte der islamischen Periode. Der Baustil geht auf die Zeit der Sassaniden zurück. Die Tarikhane-Moschee verfügt über einen zentralen Innenhof, der von einer überdachten Arkade umgeben ist. Die Nachtgebetshalle wird von achtzehn runden Säulen getragen, die einen Durchmesser von eineinhalb Metern haben, wie aus den kufischen Inschriften der Moschee hervorgeht. Das heutige Minarett ist 25 Meter hoch. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Struktur dieser Moschee immer wieder umgebaut und restauriert. Nach der Masjid-e-Jamé (der Großen Moschee) von Fahraj gilt sie jedoch als eine der ältesten Moscheen im Iran.
Von 1080 bis 1160 CE entstand eine bedeutende Reihe seldschukischer Moscheen, die durch markante Kuppeln über Mihrabnischen charakterisiert sind.
Der Beginn der Seldschukenherrschaft im 11. Jahrhundert stellt einen maßgeblichen Wendepunkt in der Geschichte der islamischen Zivilisation dar. Bereits seit der Zeit der islamischen Expansion übte die arabische Kultur einen entscheidenden Einfluss auf die islamische Welt aus. Die Seldschuken-Dynastie etablierte die politische und kulturelle Dominanz der turkstämmigen Völker. Die Architektur der Großseldschuken in Persien sowie ihrer Vasallen, den Sultanen von Rum – ein turko-persisches Reich, das von den oghusisch-türkischen Seldschuken auf erobertem byzantinischen Territorium in Anatolien gegründet wurde – hinterließ nachhaltige Spuren in der persischen Baukunst sowie in der islamischen Architektur Kleinasiens.
Bis ins 15. Jahrhundert blieb die seldschukische Bauweise ein stilistisches Vorbild für die frühe osmanische Architektur. Der klassische Riwaq-Plan wurde um vier Iwane ergänzt, wobei der Vier-Iwan-Plan das Design iranischer Moscheen bis zur heutigen Zeit maßgeblich beeinflusste. Ein Riwaq (oder Rivaq, arabisch: رواق riwāq oder ruwāq) beschreibt eine Arkade oder einen Portikus, der mindestens auf einer Seite offen ist, und spielt sowohl in der islamischen Architektur als auch in der Gestaltung islamischer Gärten eine bedeutende Rolle. Der Vier-Iwan-Plan verbreitete sich nicht nur im Iran, sondern auch in zahlreichen weiteren Regionen des islamischen Raums und stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Architektur von Moscheen dar.
Literatur: Albaum, Lazar Izrailevich. Herren der Steppe. Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1976, Tafel 21, 53; Pugachenkova, Galina Anatol'evna. 'Transoxiana und Khurasan, die Ankunft der Araber'. In Urban Development and Architecture (UNESCO Collection of History of Civilizations of Central Asia. Online Edition, 2001; Schroeder, Eric. 'Stehende Denkmäler der ersten Periode.' In A Survey of Persian Art: From the Prehistoric Times to the Present III, hrsg. von Arthur Upham Pope und Phyllis Ackerman. Teheran: Soroush Press, 1977, S. 945; Ettinghausen, Richard, Grabar, Oleg und Marilyn Jenkins-Madina. Islamic Art and Architecture 650-1250. New Haven: The Yale University Press, 2001, S. 33–36; Boussora, Kenza und Said Mazouz. 'Die Verwendung des Goldenen Schnitts in der Großen Moschee von Kairouan'. Nexus Network Journal 8 (2004); Sebag, Paul. Die Große Moschee von Kairouan. Aus dem Französischen übersetzt von Richard Howard. London und New York, 1965; Bloom, Jonathan M. 'Creswell und die Ursprünge des Minaretts.' Muqarnas 8/1 (1990): 55-58.

Die Freitagsmoschee von Isfahan
Die Freitagsmoschee von Isfahan, die als älteste erhaltene Moschee aus der Seldschukenzeit gilt, repräsentiert ein bedeutendes architektonisches und historisches Erbe. Ihr gestalterisches Konzept sowie die herausragende künstlerische Qualität führten zu ihrer Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe. Die Moschee vereint unterschiedliche architektonische Elemente und hat zahlreiche nachfolgende religiöse Bauwerke inspiriert.
Der Grundriss des ursprünglichen Gebäudes wurde unter dem Abbasidenkalifen al-Mansūr (Regierungszeit 754-775 CE) als klassische Hofmoschee aus Lehmziegeln entworfen. Sultan Malik Şah I. (r. 1072-1092 CE) setzte bedeutende Restaurierungs- und Erweiterungsmaßnahmen in Gang. Bauinschriften belegen, dass unter Malik Şah I. sowohl die große Mihrabkuppel als auch die kleinere Nordhalle errichtet wurden.
Der seldschukische Großwesir Nizam al-Mulk und sein Rivale Taj al-Mulk gestalteten um 1080 CE zwei Kuppelbauten entlang der Hoflängsachse. Nizams Kuppel wird von acht massiven, mit Stuck verzierten Pfeilern gestützt, die vermutlich aus einer früheren Bauphase stammen, und öffnet sich an drei Seiten mit neun Bögen zur Gebetshalle. Einige Jahrzehnte später wurde die Balkendecke der Halle durch zahlreiche Kuppeln ersetzt. In einer dritten Bauphase wurden vier Iwane in der Mitte der Innenhof-Fassaden errichtet. Während der seldschukischen und timuridischen Epochen waren die Hoffronten und das Innere der Iwane mit glasierten Ziegeln verkleidet. Die geometrische, kalligrafische und florale Dekoration kaschiert die strukturellen Anforderungen des Gebäudes, die auf eine optimale Lastverteilung abzielen. Diese Dekorationselemente bildeten die Grundlage einer architektonischen Tradition, die den Baustil des islamischen Ostens in den folgenden Epochen maßgeblich beeinflusste.
Quelle: 'Seljuk-Architektur', auf hisour.com, abgerufen am 11.03.2026.

3. Der zentrale Kuppelbau
Der Vier-Iwan-Plan für Moscheen findet innerhalb der islamischen Welt weit verbreitete Anwendung, jedoch stellt das Osmanische Reich eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Gegründet im Jahr 1299 CE, erlangte das Osmanische Reich im 15. Jahrhundert, insbesondere durch die Eroberung Konstantinopels unter Sultan Mehmed II., eine herausragende Bedeutung. Mehmed II. (1432-1481 n. Chr.), auch bekannt als Ebū ʾl-Fetḥ (أبو الفتح / ‚Vater der Eroberung‘) und posthum als Fātiḥ (فاتح / ‚der Eroberer‘), war der siebte Sultan des Osmanischen Reiches. Seine Herrschaft erstreckte sich von 1444 bis 1446 CE sowie von 1451 CE bis zu seinem Tod im Jahr 1481 CE: Am 29. Mai 1453 CE vollzog er die Eroberung von Konstantinopel, wodurch das Byzantinische Reich endgültig besiegelt wurde.
Die heute als Istanbul bezeichnete Stadt diente seit dem 4. Jahrhundert als Hauptstadt des spätantiken (byzantinischen) Reiches und bietet im Vergleich zum Iran ein einzigartiges kulturelles und architektonisches Erbe, das über eintausend Jahre christlicher Geschichte umfasst. Osmanische Architekten ließen sich in erheblichem Maße von der Hagia Sophia in Istanbul inspirieren, die als größte byzantinische Kirche gilt und durch ihre monumentale zentrale Kuppel, die das weite Kirchenschiff überspannt, beeindruckt.
Die Hagia Sophia in Istanbul
Die Hagia Sophia (griechisch Ἁγία Σοφία, „Heilige Weisheit“; türkisch Ayasofya) stellt ein herausragendes architektonisches Meisterwerk dar, das sich im Stadtteil Eminönü auf der europäischen Seite von Istanbul befindet. Diese beeindruckende byzantinische Kirche, erbaut zwischen 532 und 537 CE, diente nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1453 bis 1935 als Moschee und übernahm im Jahr 2020 erneut diese Funktion, nachdem sie zuvor von 1935 bis 2020 als Ayasofya Müzesi („Hagia-Sophia-Museum“) genutzt worden war.
Kaiser Justinian I. (ca. 482-565 CE) verfolgte mit dem Bau dieser Kuppelbasilika ein ambitioniertes architektonisches Ziel, um die durch Feuer zerstörten Vorgängerbauten zu ersetzen. Die Hagia Sophia gilt nicht nur als die letzte der spätantiken Großkirchen, die seit der Regierungszeit Konstantins des Großen im Römischen Reich errichtet wurden, sondern wird aufgrund ihrer einzigartigen architektonischen Merkmale oft als unvergleichlich angesehen.
Die Kuppel der Hagia Sophia, ursprünglich mit einer Spannweite von 33 Metern, gilt bis heute als die größte Ziegelkuppel, die auf lediglich vier Stützen ruht, und stellt eines der bedeutendsten Bauwerke der Architekturgeschichte dar. Die harmonische Gestaltung des Innenraums und die monumentale Größe der Kuppel machen die Hagia Sophia zu einem der herausragendsten Bauwerke aller Zeiten. Das außergewöhnliche Baugefühl, das von den beiden spätantiken Architekten und Mathematikern Isidor von Milet (griechisch Ἰσίδωρος ὁ Μιλήσιος, 442-537 CE) und Anthemios von Tralleis (2. Hälfte des 5. Jahrhunderts bis 558 CE) in der innovativen Verbindung von Zentralraum und longitudinaler Basilika geschaffen wurde, führt zu einem Gebäude, das die technischen Möglichkeiten der Spätantike bis zum Äußersten auslotet. Die Hagia Sophia ist ein herausragendes Beispiel für den Bautyp der Kuppelbasilika, der Elemente aus der römisch-republikanischen Zeit, wie die Basiliken als Orte der Versammlung und Rechtsprechung, sowie der kuppelförmigen Mausoleen der römischen Kaiserzeit miteinander verknüpft.
Die monumentale Kuppel dominiert den Innenraum und ist auf vier massive Pfeiler zentriert, während ein Strebewerk in den Seitenschiffen den seitlichen Druck abfängt. Über den Konchen mit Halbkuppeln im Westen und Osten, die auf insgesamt vier kleineren Kuppeln ruhen, verteilt sich die lastenabtragende Funktion. Zusätzlich befinden sich über der schmalen, eingeschossigen Vorhalle am Haupteingang (Narthex) die Kaisertribüne sowie die seitlich gelegenen Frauenemporen (Gynaikeion). Die bauhistorische Bedeutung der Kuppel liegt nicht nur in ihrer Größe; die Römer waren im ersten Jahrhundert bereits in der Lage, größere Kuppeln zu konstruieren. Es ist vielmehr die innovative Konstruktion, die es erlaubt, dass die Kuppel auf lediglich vier Stützen ruht und im Raum schwebt. Diese Konstruktion war jedoch wiederholten Erdbeben ausgesetzt, die den Versuch einer Erhöhung der Kuppel mittels einer extrem flachen Form unmöglich machten.
Die der göttlichen Weisheit gewidmete Kirche erstreckt sich über ein rechteckiges Fundament von etwa 80 Metern Länge und 70 Metern Breite. Die Kuppel hat eine Spannweite von etwa 32 Metern und erhebt sich bis zu einer Höhe von 55 Metern vom Fußboden bis zum Scheitelpunkt. Überlappende geometrische Formen kaschieren das imposante Stützsystem, das die Kuppel trägt, und erzeugen durch elegant angeordnete Galerien eine Illusion der Entmaterialisierung der vertikalen Wandflächen.

Im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert orientierten sich zahlreiche osmanische Moscheen an der Kuppel der Hagia Sophia. Diese avancierte im 16. Jahrhundert zum Referenzmodell für die beeindruckenden Kuppelmoscheen des renommierten osmanischen Architekten Sinan, welche heute das Stadtbild Istanbuls entscheidend prägen. Sinan, offiziell bekannt als Yusuf Sinan bin Abdullah (1490-1588), gilt als der herausragendste osmanische Architekt während der Herrschaft der Sultane Selim I., Süleyman I., Selim II. und Murad III. In dieser Funktion wurde ihm der Ehrentitel „Koca Mimar Sinan Ağa“ (osmanisch: قوجه معمار سنان آغا - Ḳoca Miʿmār Sinān Āġā) verliehen. Allgemein bekannt ist er unter dem Kurznamen „Architekt Sinan“ (Mimar Sinan).
Sinans Werk, das auch Aspekte des Bauingenieurwesens und der Stadtplanung umfasst, wird als Höhepunkt der klassischen osmanischen Architektur betrachtet. Seine Bedeutung wird durch Bezeichnungen wie „Euklid seiner Epoche“, „Michelangelo der Osmanen“ und „größter Architekt aller Zeiten“, wie sie sowohl Zeitgenossen als auch Fachliteratur anführen, unterstrichen. Einige seiner Moscheen gelten aufgrund ihrer harmonischen und kongruenten Gestaltung sowohl im Innen- als auch im Außenbereich als die vollkommensten der vorindustriellen Ära. Erst durch die außergewöhnlichen Leistungen von Mimar Sinan—dem herausragendsten osmanischen Architekten und möglicherweise dem bedeutendsten im gesamten islamischen Kontext—erhielten die Kuppeln osmanischer Moscheen die Fähigkeit, mit der Hagia Sophia zu konkurrieren und diese sogar zu übertreffen.
Sinan führte bahnbrechende Experimente mit dem zentralen Grundriss in einer Vielzahl von Moscheen in Istanbul durch und schuf mit der Selimiye-Moschee in Edirne, Türkei, ein als Meisterwerk anerkanntes Bauwerk. Diese Moschee wurde für Selim II., den Sohn von Süleyman, während der Blütezeit des Osmanischen Reiches errichtet und gilt als das größte Meisterwerk der osmanischen Architektur. Sie repräsentiert den Höhepunkt jahrelanger Experimente mit der zentral geplanten osmanischen Moschee. Lediglich die Kuppel war anfänglich zu flach konstruiert; sie stürzte bei Erdbeben in den 550er Jahren zweimal ein und erhielt ihre heutige Form im Jahr 562 CE. Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 CE machten die Osmanen die Hagia Sophia zur Moschee, die seit 1935 ein Museum ist.
Die drei beschriebenen Moscheetypen zählen zu den häufigsten und historisch bedeutendsten in der islamischen Welt. Trotz ihrer ähnlichen Merkmale (vgl. Mihrāb und Minarett) sind erkennbare regionale Unterschiede hinsichtlich Farben, Materialien und der Gesamtgestaltung der Moscheen festzustellen. Die lebhaft blau-weiß gekachelten Mihrāb des Iran aus dem 14. Jahrhundert unterscheiden sich signifikant von den gedämpften Farben und Steineinlagen eines ägyptischen Mihrab desselben Jahrhunderts. Diese regionalen Unterschiede werden besonders evident, wenn man die architektonischen Merkmale muslimischer Gemeinden in Ländern wie China, Afrika und Indonesien betrachtet, wo lokale Materialien und Traditionen maßgeblich die Gestaltung der Moscheen beeinflussten, oft mit nur minimalem Einfluss des architektonischen Erbes aus den zentralen islamischen Ländern.
Literatur: Kuban, Doğan. 'The Style of Sinan’s Domed Structures', auf archnet.org, abgerufen am 11.03.2026; Babinger, Franz. 'Die Türkische Renaissance. Bemerkungen zum Schaffen des großen Türkischen Baumeisters Sinan'. In Beiträge zur Kenntnis des Orients und Quellen zur Osmanischen Kunstgeschichte. Jahrbuch der Osmanischen Kunst, 1924; Blair, Sheila S. und Jonathan M. Bloom. The art and architecture of Islam – 1250–1800. New Haven u. a., 1995, S. 218; Petruccioli, Attilio (Hg.) 'Mimar Sinan: The Urban Vision. Environmental Design'. Journal of the Islamic Environmental Design Research Centre 1-2 (1987), auf archnet.org, abgerufen am 11.03.2026; Burelli, Augusto Romano und Paola Sonia Genaro. Die Moscheen von Sinan. Tübingen, 2008; Mayer, Tobias. 'ZeitZeichen 27.12.0537 - Die Weihe der Hagia Sophia in Konstantinopel', auf 1.wdr.de, abgerufen am 10.03.2026; Svenshon, Helge. 'Heron of Alexandria and the Dome of Hagia Sophia in Istanbul' (PDF). In Kurrer, Karl-Eugen, Lorenz, Werner und Volker Wetzk (Hg.) Proceedings of the Third International Congress on Construction History. Berlin: Neunplus, 2009, S. 1387–1394; Duppel, Christoph. 'Ingenieurwissenschaftliche Untersuchungen an der Hauptkuppel und den Hauptpfeilern der Hagia Sophia in Istanbul. 2010', abgerufen am 11. Februar 2023; Hoffmann, Volker (ed.) Der geometrische Entwurf der Hagia Sophia in Istanbul. Bilder einer Ausstellung. [15. April bis 7. Mai 2005 Hagia Sophia Museum Istanbul, 26. Mai bis 3. Juli 2005 Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin]. Bern u. a.: Lang, 2005; Nelson, Robert S. Hagia Sophia, 1850–1950: holy wisdom modern monument. Chicago, 2004; Svenshon, Helge & Rudolf H. W. Stichel (eds.) Einblicke in den virtuellen Himmel. neue und alte Bilder vom Inneren der Hagia Sophia in Istanbul. Eine Ausstellung der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, 19. Februar bis 20. März 2008. Katalog zur Ausstellung. Tübingen und Berlin: Wasmuth, 2008.
Das Minarett von Djām, Afghanistan
Die Dynastie
der
Ghūriden
Die Ghūriden repräsentierten eine einflussreiche Dynastie (r. 1148–1215 CE) im Mittelalter, deren bemerkenswerte Errungenschaften insbesondere in Kunst, Wissenschaft und Architektur erkennbar sind. Das Minarett von Djām gilt als herausragendes Zeugnis ihrer Herrschaft und liefert bedeutende Einblicke in die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen jener Epoche.
Ein architektonisches Meisterwerk
Das Minarett von Djām, ein herausragendes Erbe der Ghūriden-Dynastie (r. 1148–1215 CE), stellt nicht lediglich ein religiöses Bauwerk dar, sondern ist auch ein bemerkenswertes Beispiel für ingenieurtechnische Exzellenz sowie die ästhetische Sensibilität der beteiligten Architekten, Handwerker, Kalligrafen und Mäzene. Seine filigranen Details und die beeindruckende Höhe vereinen Funktionalität mit kunstvoller Gestaltung. Wir engagieren uns mit Entschlossenheit dafür, bedeutende und außergewöhnliche architektonische Meisterwerke einem breiten Publikum zugänglich zu machen und deren Wert erlebbar zu gestalten.

UNESCO-Weltkulturerbe
Das Minarett von Djām (persisch منار جام, DMG Minār-i Ǧām), welches im 12. Jahrhundert erbaut wurde, stellt mit einer Höhe von 65 Metern das zweithöchste Ziegelstein-Minarett weltweit dar, übertroffen lediglich vom Qutb Minar. Das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Minarett von Djām besticht durch einige der umfassendsten Qur'an-Inschriften, die jemals an einem historischen Monument entdeckt wurden.
Seit der offiziellen Bekanntgabe seiner Entdeckung am 28. März 1958 hat dieses einzigartige und ikonische Bauwerk seine magische Anziehungskraft und bemerkenswerte Vision nicht eingebüßt. Dieses zweithöchste Ziegelminarett nach dem Qutb Minar erhebt sich majestätisch am Südufer des Heri Rud in einem abgelegenen, schmalen Tal. Es ist eingebettet in die beeindruckende geografische Region der Zentralen Berge in Ghur, im Distrikt Shahrak.Das Minarett von Djām, welches im zwölften Jahrhundert errichtet wurde, stellt ein bemerkenswertes Beispiel islamischer Architektur dar. Es reflektiert nicht nur die architektonischen Fertigkeiten seiner Zeit, sondern auch die kulturellen Leistungen der Ghūriden-Dynastie, die diese Region im Zentrum des heutigen Afghanistans maßgeblich beeinflusste.
Das Minarett von Djam
ein außergewöhnliches Kulturerbe
Erleben Sie
das Minarett von Djām
Wir laden Sie ein, die herausragende Wirkung dieses bemerkenswerten Bauwerks sowie die Atmosphäre dieses bedeutenden historischen Standortes zu erleben, der sich im Zentrum der Provinz Ghur, umgeben von majestätischen Bergen in einem tiefen Flusstal, befindet.
Das zweithöchste
Ziegelstein-Minarett weltweit
Dieses architektonische Meisterwerk ist Teil einer herausragenden Gruppe von 60 Minaretten und Türmen, die in Zentralasien zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert erbaut wurden. Die filigranen Verzierungen sowie die harmonische Proportionalität des Minaretts von Djām sind Ausdruck einer tief verwurzelten Handwerkstradition und eines fundierten Verständnisses geometrischer Formen. Die kunstvoll gestalteten, türkis glasierten Fliesen und Inschriften erfüllen nicht nur dekorative Funktionen, sondern bezeugen bedeutungsvolle Narrative der religiösen und kulturellen Identität Afghanistans.

Erforschen Sie die beeindruckende Historie des Minaretts von Djām
Das Minarett von Djām – ein außergewöhnliches Denkmal
Archäologen setzen sich intensiv mit der Frage auseinander, inwieweit spirituelle, religiöse, politische oder wirtschaftliche Bewegungen in der Struktur und den dekorativen Elementen von Denkmälern Ausdruck finden. Dieses Kapitel widmet sich daher den historischen und kulturellen Strömungen, die im Minarett von Djām, einem bemerkenswerten Relikt der Ghuriden-Dynastie (1148–1215 CE), erkennbar sind. Dieses Denkmal wurde von zahlreichen Fachleuten eingehend untersucht und häufig als „Turm des Ruhms“ oder „Turm des Sieges“ bezeichnet. Es wird angenommen, dass es an den Sieg des Ghuriden-Herrschers Ghiyath al-Din Muhammad b. Sam (ca. 1140–1203 CE) über die Ghuzz-Nomaden in Ghazna im Jahr 1173 CE erinnert oder möglicherweise die Erhebung seines Bruders Mu‘izz al-Din Muhammad b. Sam (ca. 1144–1206 CE) zum Sultan (reg. 1203–06 CE ) symbolisiert, und nicht an spätere Siege im nördlichen Indischen Subkontinent. Der Begriff „Turm des Ruhms“, der auch auf vergleichbare Monumente wie die Sieges-Türme in Ghazna oder das Ghuriden Qutb Minar in Delhi Anwendung findet, deutet darauf hin, dass diese Bauwerke geschaffen wurden, um die Größe und Legitimität des Herrschers zu verkünden. Diese Annahme sollte jedoch einer kritischen Überprüfung unterzogen werden.
Ein plausiblerer Kontext, der aus der materiellen Ausdrucksform des Minaretts abgeleitet werden kann, bezieht sich auf dessen religiöse, architektonische und philosophische Funktionen. Daher erweist sich ein interdisziplinärer Austausch zwischen Archäologie und Geschichte als von erheblicher Bedeutung. Sollten archäologische Befunde von den Ergebnissen historischer Studien abweichen, ist es notwendig, dass beide Disziplinen ihre Quellen neu bewerten und untersuchen, ob das vorliegende Material tatsächlich so aufschlussreich ist, wie ursprünglich angenommen. Innerhalb dieser Quellen könnten Widersprüche auftreten, die durch eine kritische Analyse geklärt werden müssen. Die materielle Kultur bietet Archäologen eine reiche Datenbasis, die interpretiert werden muss. In diesem Kontext kommen den Inschriften auf Denkmälern eine zentrale Rolle als Zeugnisse kultureller Entwicklungen zu. Es gilt zu beachten, dass „der archäologische Kontext entweder materiell als umfassend aus Funden aufgebaut oder strukturell als Anordnung von Merkmalen beschrieben werden kann.“ Es ist von wesentlicher Bedeutung zu erkennen, dass Objekte und Texte nicht als äquivalente semantische Zeichen betrachtet werden dürfen, da sie unterschiedlichen Prinzipien unterliegen und nicht identisch entschlüsselt werden können. Objekte sind dreidimensional, nicht-linear und bestehen aus einer Vielzahl definierter Zeichen, die dem gesprochenen Wort dienen.
Im diskursiven Kontext lässt sich hingegen feststellen, dass materielle Kultur unmittelbar durch den Text geprägt wird, was eine konstruktive Perspektive eröffnet. Während das Bild eine Nacherzählung der mündlichen Tradition oder eines Textes darstellt, erfolgt eine Formalisierung der Ikonographie. Das Minarett von Djām, kann zudem durch zwei von Ian Hodder, einem Vorreiter der post-prozessualen Theorie in der Archäologie, vorgeschlagene Ansätze weiter kontextualisiert werden: „Eine genauere Definition des Kontextes eines archäologischen Attributs ist die Gesamtheit der relevanten Umwelt, wobei ‚relevant‘ sich auf eine wesentliche Beziehung zum Objekt bezieht – das heißt eine notwendige Verbindung zur Erfassung der Bedeutung des Objekts (...). Kontext kann auch als ‚mit-Text‘ aufgefasst werden; folglich wird eine Analogie zwischen den kontextuellen Bedeutungen materieller Kulturmerkmale und den Bedeutungen von Wörtern in einer schriftlichen Sprache eingeführt.“
(Übersetzung Ulrike-Christiane Lintz, Museo-on)
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'Die Qur'aneschen Inschriften des Minaretts von Jām in Afghanistan.' In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Eds. Mohammad Gharipour und İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, S. 83–102.
Das UNESCO-Weltkulturerbe: Minarett von Djām
Das Minarett von Djām, anerkannt als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, ist bekannt für einige der umfangreichsten Qur'an-Inschriften, die je an einem historischen Monument angebracht wurden. Der Archäologe David C. Thomas weist darauf hin, dass das genaue Baudatum des Minaretts im Fundamentpanel nicht eindeutig dokumentiert ist. Er betont, dass die arabischen Begriffe für die Zahlen siebzig (sab’in) und neunzig (tis’in) ohne diakritische Zeichen nahezu ununterscheidbar sind.
Janine Sourdel-Thomine (1925-2021), die renommierte französische Kunsthistorikerin und Expertin für islamische Kunst, datierte den Turm auf 570 C. (vom 2. August 1174 bis zum 21. Juli 1175 CE). Dies steht im Gegensatz zur Auffassung von Ralph H. Pinder-Wilson (1919-2008), dem britischen Historiker für islamische Kunst, der die Interpretation von André Maricq und Gaston Wiet (1959) für die Jahre 1193/94 CE bevorzugt.
Mit einer Höhe von 64,6 Metern ist dieser Turm das zweithöchste Ziegelminarett, nur übertroffen vom Qutb Minar, und weist einen Durchmesser von 9,14 Metern an seiner oktagonalen Basis auf. Er erhebt sich am Südufer des Hari Rud, einem 1.124 km langen Fluss, der durch Afghanistan, Iran und Turkmenistan fließt, in einem abgelegenen, schmalen Tal, das von der beeindruckenden geografischen Region der Zentralen Berge in Ghur umgeben ist, im Bezirk Shahrak.
Djām, eine herausragende Stätte der Ghuriden-Dynastie, wurde eingehend von dem Archäologen David C. Thomas im Rahmen des Minaret of Jām Archaeological Project (MJAP) erforscht. Der Standort befindet sich 215 km östlich von Herat auf einer Höhe von etwa 1.900 Metern über dem Meeresspiegel, während die umliegenden Berge nahezu 3.500 Meter hoch sind. Dieser Ort hat erhebliche Bedeutung, da in der Nähe des Minaretts ein mittelalterlicher jüdischer Friedhof entdeckt wurde, der sich auf dem Bergrücken Kuh-i Kushkak befindet. Der Friedhof umfasst nach aktuellem Stand etwa einundneunzig jüdisch-persische Grabsteine aus der Zeit von 1012 bis 1220, die dokumentiert wurden. Es wird vermutet, dass dieses Areal Firuzkuh ist, ein antikes und bedeutendes Ghuriden-Zentrum mit einer hochentwickelten städtischen Kultur unter dem Herrscher Ghiyath al-Din Muhammad b. Sâm.
Die Stadt wurde 1222 n. Chr. vollständig von den mongolischen Truppen unter Genghis Khans Sohn Ögedei zerstört und blieb in der Folge unbesiedelt.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. „The Qur'anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan“. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour und İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, S. 83–102.
Literatur: Thomas, David. The ebb and flow of the Ghūrid empire. Sydney: University Press, 2018; Le Minaret de Djam. La découverte de la capitale des Sultans Ghorides (XIIe–XIIIe siècles). Von André Maricq und Gaston Wiet. (Mémoires de la Délégation Archéologique Française en Afghanistan, Band XVI), S. 91, 1 + 16 Platten, 2 Karten. Paris: Klincksieck, 1959; Thomas, D. C., Pastori, G. und I. Cucco. „The Minaret of Jam Archaeological Project at Antiquity“ (2005) auf archive.org, abgerufen am 12.03.2026; Thomas, D.C., G. Pastori und I. Cucco. "Excavations at Jam, Afghanistan“. East and West 54:1-4 (2004): 87–119; Herberg, W. mit D. Davary: „Topographische Feldarbeiten in Ghor: Bericht über Forschungen zum Problem Jam-Ferozkoh“. Afghanistan Journal 3/2 (1976): 57–69.
Die Region Ghur zur Epoche von Ibn Karrâm
Zentralasien hat eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung islamischer Sekten, der Herausbildung populärer Bewegungen sowie der Konsolidierung religiöser Strömungen und Überzeugungen gespielt. Verschiedene Glaubensrichtungen und Praktiken wurden oftmals durch religiöse Überformungen maskiert. Die theologische und juristische Strömung der Karrāmīya stellt eine „fromme und asketische Variante des sunnitischen Islams“ dar, die den Lehren von Abû 'Abd Allâh Muḥammad b. Karrâm (gestorben 869 CE) folgte, der als „Führer der Asketen“ (imām-izāhedān) bekannt ist.
Die Lehren der Karrāmīya sind vorwiegend durch die Schriften ihrer Kritiker sowie die polemischen Werke ihrer Widersacher überliefert. Zwischen dem zehnten und dreizehnten Jahrhundert war die Karrāmīya in der afghanischen Region Khurāsān weit verbreitet. Ihre Führer konkurrierten um Patronage, materielle Ressourcen und spirituelle Zugehörigkeit mit Vertretern anderer sunnitischer Rechtsschulen, insbesondere der Ḥanafiten und Shāfi'iten. Die bemerkenswerte und rasche Verbreitung der Karrāmīya in Iran und Afghanistan zur Zeit von Ibn Karrâm, die etwa 70.000 Anhänger im Osten zählte, wurde umfassend von dem Geografen Shams-al-Din Abu 'Abd-Allāh Moqaddasī (gestorben 990 CE) dokumentiert.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'Die Qur’ānischen Inschriften des Minaretts von Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Eds. Mohammad Gharipour und İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, S. 83–102.
Religiöse Baukunst
Die Architektur der Ghuriden wurde entscheidend von persischen Formen, Materialien und Techniken geprägt. Obwohl sie weitgehend der seldschukischen Bautradition zugeordnet wird, zeigt das Minarett von Djām wahrscheinlich eine Nachahmung der dekorativen Elemente und Techniken der Ghaznawid-Türme in Ghazna. Dieses bemerkenswerte Bauwerk wurde unter der Leitung des Architekten Ali ibn Ibrāhı̄m al-Nisaburi oder al-Naysaburi errichtet (vergleiche Inschrift VII). Charakteristisch für diese Bauweise ist eine hochgelegene Galerie, während das Minarett von einer filigranen Kuppel gekrönt wird.
Das Minarett weist bedeutende architektonische Merkmale auf, darunter eine beeindruckende doppelte Wendeltreppe mit 159 Stufen, die zu zwei hölzernen Balkonen führt. Jede Stufe besteht aus vier Lagen plus vier oder fünf horizontal verlegten gebrannten Ziegeln. In der Nähe der Basis beträgt die Breite der Stufen 4,59 Fuß (1,4 m), während sie an der Spitze auf bis zu 3,28 Fuß (1,0 m) verringert wird, wobei diese Stufen abwechselnd in die zentrale Säule des Minaretts und dessen Außenwand integriert sind. Die zentrale Säule und die Wendeltreppe enden auf einer Zwischenebene, die von einer Reihe von sechs gewölbten Backsteinplattformen überragt wird. Der Zugang erfolgt über eine Abfolge von sechs schmalen, grob konstruierten Stufen, die die innere Struktur des Bauwerks vervollständigen.
Einige Wissenschaftler vertreten die Auffassung, dass der 'Gebetsruf' (adhān) von der Kuppel eines so hohen Turms (211,94 Fuß/64,4 m) akustisch nur schwer vernehmbar gewesen sein könnte.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'The Qur’anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour and İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, pp. 83–102.
Literatur: Sourdel-Thomine, Janine. Le Minaret Ghouride de Jam: Un chef d'œuvre du XIIe siècle. Paris, 2007; Thomas, D.C., G. Pastori und G.I. Cucco. The Minaret of Jam Archaeological Project. 2005/2007; Herberg, Werner und D. Davary. „Topographische Feldarbeiten in Ghor: Bericht über Forschungen zum Problem Jam-Ferozkoh“. Afghanistan Journal 3:2 (1976): 57–69.
Ikonografie und Epigraphik

Die Fassade des Minaretts ist kunstvoll mit komplexen geometrischen sowie botanischen Mustern gestaltet, die aus gebranntem Ziegel, Terrakotta, Stuck und türkis glasierten Fliesen gefertigt sind. Eine Vielzahl von prächtigen Kūfī-Inschriften, angeordnet in fünf umlaufenden horizontalen und vertikalen Bändern mit einer Höhe von 1,5 bis 3,0 Metern, ziert den gesamten Schaft dieses imposanten, dreistufigen, aus Ziegeln erbauten Denkmals.
Die Inschriften finden ihren Abschluss an der Ostseite, die die traditionelle Gebetsrichtung, die Qibla, markiert. Die Inschriften des Minaretts sind in ornamentaler, eckiger Kūfī-Schrift verfasst, abgesehen von der kursiven Schrift, die zur Signatur des Architekten verwendet wird, eine Praxis, die typischerweise für die Unterzeichnungen von Stuckateuren und Kalligraphen Anwendung fand und den territorialen Familiennamen von Nishāburi dokumentiert.
Die eckige Kūfī-Schrift erfreute sich bis zum Jahr 1009/1220 CE besonderer Beliebtheit für Minarette im zentralen Iran und in Chorasan (persisch خراسان Chorāsān), wie beispielhaft bei den Inschriften auf dem Grabstein von Sebuktegin (um 942-997 CE), dem Gründer der Ghaznawiden-Dynastie, zu erkennen ist. Diese Schriftart zählt zu den ältesten kalligraphischen Formen unter den verschiedenen klassischen arabischen und persisch-arabischen Schriften und hat insbesondere Wurzeln in der alten aramäischen Schrift.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'The Qur’anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour and İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, pp. 83–102.
Die Inschriften und ihre Bedeutung
Inschrift I
Die beiden oberen Bänder des Minaretts enthalten religiöse Inschriften. Das oberste befindet sich unterhalb der Galerie und gipfelt in der bedeutenden ‚ash-shahādah‘, bekannt als das Glaubensbekenntnis der Muslime: ‚Lā ilāha illā Llāh, Muḥammadun rasūlullāh‘ ("Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist der Gesandte Allahs").
Inschrift II
Das folgende Band, welches sich am oberen Ende des mittleren Schachts befindet, umfasst eine Auslegung des medinensischen Kapitels 61 (Al-Íaff) des Korans, konkret Vers 13, der den „gegenwärtigen Sieg Gottes“ thematisiert: „So sind sie siegreich geworden (oberste).“
Inschrift III
Die dritte Inschrift auf dem Randband, das sich in der Mitte des Objekts befindet, bezieht sich auf Sultan Ghiyath al-Din Muhammad b. Sam (1163–1203 CE). Diese einzelne Zeile verkündet die Selbstverherrlichung, Größe, Legitimität und Majestät des Herrschers sowie die Bedeutung dieses Denkmals: „Der gesegnete Sultan Ghiyath al-Dunya wa’l-Din Abi’l Fath Muhammad ben Sam.“
Inschrift IV
Der zentrale historische Text der vierten Inschrift, ebenfalls in kantiger quadratischer Kufi-Schrift ausgeführt, ist in Ziegel auf einem Randband eingraviert, das mit durchbrochenen Scheiben verziert ist. Der Text ist in türkisblau glasierten Fliesen hervorgehoben, eine der frühesten bekannten Verwendungen solcher glasierten Fliesen in der Ghuridischen Architektur.
Inschrift V
Die bemerkenswerteste Inschrift befindet sich jedoch am niedrigsten Punkt des Minaretts. Sie enthält den vollständigen Text der neunzehnten mekkanischen Sure des Korans, Maryam, Vers 1–89. Diese Sure repräsentiert die essenzielle Botschaft des Minaretts. Der Text ist in einer Sequenz schmaler, bandartiger Streifen eingraviert, die sich überlappen und kreuzen, um Tafeln zu bilden, welche mit geometrischen Ornamenten ausgefüllt sind.
Inschrift VI
Der koranische Ausdruck „Sei, und es ist“ (kun fa-yakūn), der im Koran achtmal zitiert wird, einschließlich in Vers 34 der Sure Maryam, beinhaltet den grundlegenden Imperativ „Sei!“ (kūn) aus der Medinensischen Sure Al-Baqara, Vers 117: „Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde; und wenn Er eine Angelegenheit beschließt, spricht Er lediglich: ‚Sei!‘, und es geschieht.“
Die Beschreibung Allahs als „der Schöpfer“ (bādis-samāwāti) der Himmel und der Erde wird ebenfalls in den Versen 34–35 der Sure Maryam behandelt: „Das ist Jesus, der Sohn der Maria, eine Wahrheit, über die sie im Zweifel sind. Es steht Gott nicht zu, sich einen Sohn zu nehmen. Gepriesen sei Er. Wenn Er eine Sache bestimmt, sagt Er nur zu ihr: ‚Sei!‘ und sie ist.“ Diese Verse, die an der kunstvoll gestalteten Ostseite des Minaretts von Djām hervorgehoben sind, verdeutlichen eine zentrale Rolle in der polemischen Kunst der Karrāmīya hinsichtlich des Verhältnisses zwischen göttlicher Natur und dem erschaffenen Universum.
Inschrift VII
Weiter unten auf der Nordseite des Minarettschachts befindet sich eine in die Fundamentplatte eingravierte Inschrift, die den Namen des Architekten oder dessen territorialen Nachnamen (nisba) „al-Nishāburi“ sowie das Datum des Bauwerks angibt. Die verwendete Naskhi-Schrift, die vornehmlich in Kommentaren zum Koran (tafsir) Anwendung findet, ist ausdrücklich für die Signatur des Architekten (me‘mar) vorgesehen.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'The Qur’anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour and İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, pp. 83–102.
Magische Anziehungskraft und nachhaltige Vision
Inschriften an öffentlichen Gebäuden, bedeutenden Wohnanlagen und Denkmälern dokumentieren oft die Errichtung oder Restaurierung von Bauwerken. Sie liefern, wie das Minarett von Djām zeigt, jedoch umfassendere Informationen als lediglich Angaben zu Zeitpunkt und Auftraggeber.
Der Stifter hatte die Möglichkeit, koranische Verse zu integrieren, um den Namen des Wohltäters hervorzuheben oder Lobeshymnen zu verankern, die sowohl die Größe und Legitimität des Herrschers als auch die Bedeutung des Bauwerks betonen konnten. Die Gestaltung der Medien und die Form der koranischen Texte sind ebenso relevant wie der religiöse Kontext, in dem sie präsentiert werden. Ein erheblicher Teil solcher Inschriften enthält Koranverse in vollständiger oder teilweiser Form. Das Format ähnelt häufig dem der Basisinschrift, in der Datum, Name und Titel des Wohltäters verzeichnet sind, jedoch variiert die Auswahl der Zitate.
Die frühere Datierung des Minaretts auf 1174–1175 CE schließt Erklärungen über Götzendienst gemäß Surah Maryam (Āyah 49, Āyah 81) sowie Bezüge zu den indischen Untertanen des Sultans aus, was der Bedeutung des Minaretts als "Turm des Ruhms" widerspricht.
Eine detaillierte Analyse der Inschriften und der gewählten Qur’anverse sowie ihrer spezifischen räumlichen Anordnung deutet darauf hin, dass diese sorgfältig im Rahmen eines strategisch durchdachten Plans ausgewählt wurden, um die doktrinäre Position der Karrāmiyya-Elite, die ihre geistigen Zentren in Nishābūr und Herāt hatte, zu festigen. Diese sunnitische Sekte befand sich in einer Phase der Blütezeit und spielte wahrscheinlich eine zentrale Rolle bei der Bekehrung der vorwiegend heidnischen Bevölkerung Ghūrs zum Islam. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass Karrāmī-Missionare aus Nishābūr, unterstützt von Sultan Maḥmūd von Ghazna, eine treibende Kraft bei der Islamisierung der überwiegend heidnisch geprägten einheimischen Bevölkerung waren.
Im Kontext dieses Denkmals ist alles minutiös geplant. Es zeigt sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen Form, Medium und Inhalt, obwohl in dieser frühen Phase der persischen Fliesenarbeit (1009–1220 CE) typischerweise nur enge Verbindungen zwischen Form und Medium abgeleitet werden können. In dieser Epoche wurden Inschriften anscheinend in dem jeweils verfügbaren Medium umgesetzt, wodurch die Gestaltung des Schriftbildes unabhängig vom spezifischen Text beeinflusst wurde.
Die Verwendung des Qur’ans und dessen Zitate, sowohl textlich als auch im Kontext, sowie deren präzise Akzentuierung, die auf die Förderung einer spezifischen polemischen Position der Karrāmiyya abzielen, verdeutlichen den wohlüberlegten Plan. Jeder heilige Text konnte durch die zeitgenössische Exegese und die spezifischen historischen Kontexte besondere Bedeutungen erlangen. Die Botschaft des anspruchsvollen epigraphischen Programms dieses markanten Denkmals der Ghuriden weist auf eine enge Kooperation zwischen Architekten, Kunsthandwerkern, Theologen und ihrem Auftraggeber hin.
Selbst wenn die Koraninschriften an einem Gebäude oder Denkmal so hoch angebracht sind, dass sie nicht mehr lesbar sind, oder wenn sie derartig reich verziert oder symbolisch sind, dass sie nahezu unlesbar erscheinen, war ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit dem "Buch Gottes" vertraut und in der Lage, einzelne Wörter oder Sequenzen zu identifizieren, um das begrenzte zitierte Repertoire zu erkennen; das Gedächtnis hätte anschließend das vollständige Zitat zur Verfügung stellen können.
Seit den ersten Berichten über die Ruinen der Stadt Shahr-i Jām, die von einem Minarett von erstaunlicher Größe und "beeindruckender Schönheit" berichteten, gefolgt von Captain Talbots Reisen nach Afghanistan (1885) und der anschließenden Bekanntgabe über die Entdeckung des Minaretts in Paris am 28. März 1958, hat dieses einzigartige und ikonische Monument nichts von seiner magischen Anziehungskraft und bleibenden Vision eingebüßt.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. 'The Qur’anic Inscriptions of the Minaret of Jām in Afghanistan'. In Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Ed. Mohammad Gharipour und İrvin Cemil Schick. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2013, pp. 83–102.
Die beeindruckende
Geschichte des
Minaretts von Djām
Das Minarett von Djām, ein herausragendes Beispiel islamischer Baukunst, wurde im 12. Jahrhundert erbaut. Es liegt in einer malerischen Umgebung und verkörpert die reiche Kultur sowie die Geschichte der Region. In diesem Artikel werden die historischen Kontexte und bedeutenden Ereignisse, die seiner Errichtung zugrunde lagen, umfassend analysiert.
Architektur
und
Ikonographie
Das Minarett von Djām besticht durch seine bemerkenswerten architektonischen Eigenschaften und eine kunstvolle Bauweise. In diesem Abschnitt wird eine detaillierte Analyse der verwendeten Materialien, der angewandten Konstruktionsmethoden sowie der dekorativen Techniken vorgenommen, wodurch es als ein herausragendes Meisterwerk der Baukunst gilt.
Kulturelles Gedächtnis und
Religiöse Symbolkraft
Das Minarett von Djām spielt eine zentrale Rolle im kulturellen Gedächtnis der Region. Es fungiert nicht lediglich als religiöses Symbol, sondern auch als Repräsentation des historischen Erbes. In diesem Zusammenhang werden die anhaltenden Bestrebungen zur Erhaltung und Pflege dieses UNESCO-Weltkulturerbes hervorgehoben, um es zukünftigen Generationen zu bewahren.
Neueste Forschungen und
Entdeckungen
Neue archäologische Entdeckungen und laufende Forschungsarbeiten zum Minarett von Djām haben erhebliche Einblicke in seine historische und kulturelle Relevanz ermöglicht. Dieser Artikel stellt die aktuellsten Erkenntnisse vor, die unser Verständnis dieses bedeutenden Denkmals wesentlich erweitern.




















