
Die Jüdische Gemeinde
von
Herat
Herat ist nicht nur eine Stadt voller Geschichte, sondern auch ein lebendiges Zeugnis der reichen jüdischen Kultur und Traditionen, die über die Jahrhunderte gewachsen sind. Die vormals dort ansässige jüdische Gemeinde von Herat hat immer eine bedeutende Rolle in der sozialen und kulturellen Landschaft dieser Region gespielt. Egal ob durch Handelsnetzwerke oder kulturelle Austauschprozesse – die Juden von Herat sind tief in das Gefüge der Stadt integriert.
Afghanistan erscheint gegenwärtig kaum als ein Ort, an dem sich Juden sicher fühlen können. Dennoch war das Land über viele Jahrhunderte hinweg die Heimat einer bedeutenden und florierenden jüdischen Gemeinschaft.
Die Beziehungen zwischen den jüdischen Gemeinschaften in Afghanistan und Iran sind facettenreich. Sie umfassen gemeinsame Feierlichkeiten sowie den Austausch von Traditionen und Bräuchen, die das kulturelle Erbe maßgeblich bereichern. Dieser interkulturelle Austausch hat zur Erhaltung einer dynamischen Gemeinschaft beigetragen, die sich den zeitlichen Herausforderungen anpasst und gleichzeitig ihre kulturellen Traditionen trotz zahlreicher Widrigkeiten bewahrt.

Die afghanisch jüdische Gemeinde, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen, hat trotz erheblicher politischer Umwälzungen und vielfältiger Herausforderungen eine florierende Kultur und Gemeinschaft aufrechterhalten. Nachfolgend sind zentrale Informationen über die Juden Afghanistans zu finden.
"Afghan Jews"
Die Präsenz von Juden in Afghanistan kann auf eine mindestens 2.500-jährige Geschichte zurückblicken, wobei einige Quellen darauf hinweisen, dass ihre Ankunft nach dem babylonischen Exil erfolgte. Sie siedelten in verschiedenen Regionen, darunter Balkh, das sich als ein bedeutendes Zentrum des jüdischen Lebens etablierte. Im Laufe der Jahrhunderte trugen afghanische Juden wesentlich zu Handel und Wirtschaft bei, insbesondere in urbanen Zentren wie Herat und Kabul, wo sie dynamische Gemeinschaften mit Synagogen und Bildungseinrichtungen gründete
"Und unsere Augen mögen schauen, wenn du nach Zion zurückkehrst in Erbarmen.
Gelobt seist du, Ewiger, der seine Majestät nach Zion zurückbringt!"
Teil 2: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Herat
Zu Beginn des zehnten Jahrhunderts existierten in der Region Ghūr permanent multiethnische Handelsniederlassungen von Kaufleuten, ähnlich den Handelszentren in Kabul und Ghazna aus der Zeit der Ghaznaviden. Der englische Historiker und Orientalist Bosworth vermerkte, dass stabile indische Handelskolonien auch vor der Gründung der Ghūriden-Hauptstadt Firuzkuh im Jahr 541 A.H. (1146-1147 CE) existierten. Die Expatriate-Gemeinschaften von Kaufleuten und deren Familien aus Khwarazm und Transoxanien waren in ganz Asien als Handelsbanken tätig, die ein etabliertes System von Kreditbriefen nutzten, welche in weitreichenden Gebieten von China bis zur Wolga akzeptiert wurden. Die zentralasiatischen Städte entlang der Seidenstraße fungierten als zentrale Handelsstützpunkte in der Region und verbanden den Westen und Osten mit Afghanistan als geographischem Mittelpunkt dieser ausgedehnten Handelsrouten.
Die Stadt Herat, im westlichen Afghanistan gelegen und ausgestattet mit den vollständigsten mittelalterlichen Überresten der Region, entwickelte sich von einer kleinen Festung, die im 6. Jahrhundert v. Chr. gegründet wurde, zu einem lebhaften städtischen Zentrum. Die Etablierung des Islam verlieh der befestigten Stadt Herat einen neuen Wachstumsimpuls und hinterließ nachhaltige Spuren in ihrer physischen Gestalt. Nach der Zerstörung durch die Mongolen erlebte die Stadt unter der Kart-Dynastie (1245–1389 CE) eine Wiederbelebung. Als eine der ältesten kosmopolitischen Städte Zentralasiens und ein bedeutender Halt entlang der Seidenstraße wurde Herat bald zum Zentrum des Timuridenreiches (1405–1506 CE).
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Die Chronik Tabakāt-i Nāsirī
Die Chronik Tabakāt-i Nāsirī, eine der Hauptquellen für die Geschichte der Ghūriden, verweist auf einen jüdischen Kaufmann, einen Yahūd (Juden) aus Ghūr, beschrieben von dem Historiker al-Juzjani (al-Ğūzğānī) im 13. Jahrhundert. Der in diesem bedeutenden Werk benannte jüdische Kaufmann hatte umfangreiche Erfahrungen in den „Weisen der Welt“ gesammelt und pflegte eine Freundschaft zu Amīr Banjī, einem der Gründer der Ghūrid-Dynastie. Als Amīr Banjī auf dem Weg nach Bagdad war, um einen Streit mit seinem Feind zu schlichten traf er den jüdischen Kaufmann und bat ihn um Rat, der sich als äußerst wertvoll erwies. Aus Dankbarkeit gestattete Amīr Banjī mehreren „Kindern Israels“ (Banī-Isrā’īl), sich in seinem Gebiet niederzulassen.
"Afghan Genizah"
Eine Sammlung von mehreren hundert fragmentarischen jüdischen Dokumenten, bestehend aus Manuskripten in Hebräisch, Aramäisch, Judeo-Arabisch und Judeo-Persisch, wurde in einer Höhle im nordwestlichen Afghanistan entdeckt. Diese Dokumente, die als "Afghanische Geniza" bezeichnet werden, stammen aus dem Zeitraum vom 11. bis in die frühe Phase des 13. Jahrhunderts CE Ihre Übersetzung und Publikation verspricht, wesentliche Einblicke in das jüdische Leben im mittelalterlichen Afghanistan zu bieten.

Jüdisches Leben in Afghanistan
Die Juden von Herat sind kulturell eng mit den Juden Irans verbunden. Viele der einst in Herat lebenden Juden waren Einwanderer aus Mashhad, das allgemein als die heiligste Stadt Persiens gilt. Die jüdische Gemeinde in Mashhad wurde während der Herrschaft des persischen Herrschers Nadir Shah (Regentschaft von 1736–1747) gegründet, der für seine Toleranz gegenüber Juden bekannt war. Im Rahmen seiner Siedlungspolitik trug die zunehmende Präsenz von Hunderten jüdischer Familien zur Stärkung der bestehenden jüdischen Institutionen bei und förderte das Aufblühen des jüdischen Lebens in Afghanistan.

Benjamin von Tudela
Im Jahr 1160 unternahm ein spanischer Rabbiner eine bedeutende und umfassende Reise, die nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Wissen seiner Zeit prägen sollte. Bei seiner Rückkehr brachte er eine bemerkenswerte Sammlung an Wissen über jüdische Gemeinschaften in weit entfernten Ländern mit. Dieser Reisende war Benjamin von Tudela (hebräisch: בִּנְיָמִין בֶּן יוֹנָה מִטּוּדֵלָה), auch bekannt als Benjamin ben Jona oder Benjamín bar Jonás de Tudela. Er wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Tudela, im Königreich Navarra, geboren und verstarb um 1173 in Kastilien.
Unser Beitrag ...
Museo-on spielt eine wesentliche Rolle bei der Dokumentation und Präsentation der Geschichte der Juden von Herat. Durch audiovisuelle Archive, Dokumentarfilme und Ausstellungen wird das Erbe der jüdischen Gemeinschaft lebendig gehalten, um zukünftigen Generationen ein Verständnis ihrer Wurzeln und Identität zu ermöglichen.
Einführung – Globaler Wandel der kollektiven Identität
Religion als "politisch ambivalentes Phänomen"
Historisch betrachtet war die Religion eine bedeutende Kraft, die Kulturen formte, gesellschaftliche Strukturen gestaltete und politische Rahmenbedingungen beeinflusste. Die internationalen Dimensionen der verschiedenen Glaubensrichtungen und anerkannten Weltreligionen verdeutlichen die komplexen Mechanismen, durch die Individuen sich mit gemeinsamen Überzeugungen identifizieren. Dies führt zur Entstehung von „Gemeinschaften mit kollektiver Identität“.
Religion stellt ein zentrales und allgegenwärtiges Element der menschlichen Gesellschaft dar, das nahezu jeden Aspekt des individuellen und kollektiven Lebens nachhaltig beeinflusst. Sie beinhaltet ein weitreichendes System von Überzeugungen, Praktiken und moralischen Kodizes, die häufig auf das Göttliche oder Heilige ausgerichtet sind. Religion bietet einen Rahmen zur Deutung des Daseins, leitet moralisches Handeln an und fördert ein Gefühl von Sinn und Gemeinschaft. In ihren unterschiedlichen Dimensionen thematisiert die Religion grundlegende Fragen zur menschlichen Existenz, Moralität und dem Universum. Zu den Praktiken des religiösen Lebens gehören in der Regel Rituale, Anbetung und heilige Texte, die sowohl Überzeugungen als auch Praktiken definieren und zur Schaffung kollektiver Identitäten unter den Gläubigen beitragen. Der Einfluss der Religion reicht über individuelle Spiritualität hinaus und umfasst auch öffentliche und politische Sphären. Sie prägt Gesetze, soziale Normen und politische Strukturen, während sie die Werte der jeweiligen Gesellschaft widerspiegelt und verstärkt. Religiöse Institutionen üben in vielen Kulturen erheblichen Einfluss aus, der sich von Rechtssystemen über Bildungspolitiken bis hin zu internationalen Beziehungen erstreckt. Trotz der Vielfalt religiöser Traditionen weltweit fungiert Religion oft als verbindendes Element in menschlichen Gesellschaften, indem sie eine Basis für soziale Ordnung und kollektive Identität schafft. Ihr Einfluss auf politische, soziale und kulturelle Entwicklungen bleibt ein umstrittenes Forschungsfeld. Ein vertieftes Verständnis der Rolle der Religion bei der Gestaltung menschlicher Angelegenheiten trägt zur Klärung historischer sowie zeitgenössischer Themen bei.
Im Kontext der vorliegenden Analyse zur Geschichte der Juden in Herat, Afghanistan, ist die Rolle der Religion als treibende Kraft hervorzuheben, die sowohl die Einheit als auch die Vielfalt muslimischer und jüdischer Identitäten sowie die Praktiken der jüdischen Diaspora im muslimischen Rahmen reflektiert. Die Untersuchung historischer religiöser Austauschprozesse und transnationaler Erfahrungen verschiedener Glaubensgemeinschaften in einer zunehmend globalisierten und politisierten Welt verdeutlicht die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion der Begrifflichkeiten „Religion“, „religiöse Identität“ und „Religionsfreiheit“ im modernen Kontext. Dieses Kapitel zielt darauf ab, zu einem fundierten Verständnis der antiken sowie aktuellen religiösen Dynamiken auf globaler Ebene beizutragen. Die Notwendigkeit, interkulturelle Einflüsse – politisch, sozial, religiös – vor dem Hintergrund des religiösen Multikulturalismus kritisch zu reflektieren, wird als besonders bedeutend erachtet.
Das Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster untersucht seit 2007 das Wechselspiel zwischen Religion und Politik über verschiedene Epochen und Kulturen hinweg, beginnend im Alten Ägypten bis zur Gegenwart. In pluralen Gesellschaften entstehen Spannungen zwischen politischen, kulturellen und religiösen Gruppen. Der Exzellenzcluster analysiert, wie Zugehörigkeiten entstehen, Konflikte geregelt werden und Ausgleich erzielt wird. Religion erweist sich als ein "politisch ambivalentes Phänomen", das sowohl kollektive Identität schaffen als auch Spaltungen hervorrufen kann. Wenn man Religion nicht nur im Kontext aktueller, sondern auch historischer Entwicklungen betrachtet und nicht aus einer eurozentrischen Perspektive, sondern unter Berücksichtigung der Vielfalt anderer Religionen, wird der Begriff "Religion" völlig neu verstanden: Die zuvor geglaubte Singularität der Religion existiert nicht. Diese Erkenntnis betrifft nicht nur die Vielzahl der Traditionen und kollektiven Identitäten, die wir als "Religionen" bezeichnen, sondern auch die eigentliche Bedeutung des Begriffs "Religion" und die zentrale Frage, wie Religionen mit der Politik verflochten sind. Ein Blick in die antike Welt zeigt, dass Konflikte selten aus konkurrierenden Glaubensüberzeugungen entstanden. In polytheistischen Kontexten war das Pantheon in der Lage, tausende von Göttern zu integrieren, ohne dass dies zu bedeutenden Konflikten führte. Unter Berücksichtigung der aktuellen gesellschaftlichen Strömungen in Ost- und Südasien wird deutlich, dass religiöse Zugehörigkeiten keine klare Trennung zulassen. Individuen können mehreren Religionen angehören und sogar Praktiken ausüben, die aus einer westlichen Perspektive kaum kompatibel erscheinen. Die Zusammensetzung religiöser Zugehörigkeiten erweist sich als äußerst komplex. Eine umfassende Analyse des Begriffs "Religion" eröffnet wichtige Perspektiven zu den damit verbundenen Konflikten und den Bedingungen, unter denen Konflikte vermieden werden können. Diese Überlegungen gelten nicht nur für Asien, sondern auch für westliche Gesellschaften, in denen sich die religiöse Zugehörigkeit zunehmend komplex gestaltet. Die Entwicklungen werfen die Aufmerksamkeit auf zwei wesentliche Faktoren: Zum einen ist eine Zunahme der pluralistischen religiösen Strömungen und ihrer kulturellen Ausprägungen zu beobachten; zum anderen verstärken sich Säkularisierungsbewegungen, die eine tendenzielle Entwicklung zur Nichtzugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften einschließen. Dies wird gegenwärtig, konträr zur jüngeren Geschichte, in weiten Teilen der Gesellschaft als alternative Ausdrucksform individualisierter Bekenntnisse oder gar als Standard verstanden. Diese Entwicklung hat jedoch Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Staat und Religion, zumal jedes Modell der kooperativen Trennung in der Regel eine Form der religiösen Zugehörigkeit voraussetzt.
Wenn man den dargestellten Zusammenhang hinsichtlich des Judentums betrachtet, ergeben sich spannende Perspektiven. Das Judentum lässt keinen Raum für das klassische westlich-christliche Verständnis von "Religion", da es Religion, Ethnizität, Kultur und Recht (Halacha) miteinander vereint. Unter der Annahme, dass "Religion" im Singular nicht existiert, ist das Judentum ein entsprechendes Beispiel, insofern es sich um eine religiöse und kollektive Identität ("community of identity") handelt. Jüdinnen und Juden können sich als "religiös" oder als "säkular" identifizieren und Teil dieser Gemeinschaft sein. Diese Pluralität zeigt sich auch innerhalb des Judentums in der Existenz ultraorthodoxer sowie reformistischer Strömungen. Die Auffassungen darüber, was die "Zugehörigkeit" ausmacht, sind unterschiedlich. Beachtend der mehrfachen Zugehörigkeit und Identität zeigt sich das Konzept der Identität im Judentum als vielschichtig: Individuen können die Staatsbürgerschaft eines westlichen oder eines anderen Staates besitzen, sich kulturell dem säkularen Westen zugehörig fühlen und dennoch tief in jüdischen Traditionen verwurzelt sein. Das Judentum verdeutlicht somit anschaulich die "Komplexität der Zugehörigkeit": In Israel oder der Diaspora leben viele Menschen, die sich als "säkular" verstehen oder als Krypto-Juden identifizieren, aber dennoch religiöse Rituale (wie den Schabbat oder Pessach) einhalten. Diese Tatsachen untermauern die These, dass die Grenze zwischen "glaubend" (bekennend) und "nicht-glaubend" (nicht-bekennend) im realen Leben häufig diffundiert. Das Judentum illustriert die These von der Pluralität oder der "Komplexität der Zugehörigkeit", indem es die westliche oder eurozentrische Vorstellung einer rein "privaten Glaubensentscheidung" durchbricht und aufzeigt, wie vielschichtig Religion mit Geschichte, Recht und politischer Identität verwoben ist. Diese hybriden Identitäten stellen die eurozentrische Auffassung von "eindeutiger Zugehörigkeit" in Frage.
Im Rahmen der aktuellen Forschung, beispielsweise im Kontext des Exzellenzclusters "Religion und Politik",führt die Analyse des Monotheismus zu einer Auseinandersetzung mit dessen Exklusivitätsansprüchen und den damit verbundenen politischen Spannungen. Die „mosaische Unterscheidung“ und das Konfliktpotenzial: Während im antiken Polytheismus neue Götter scheinbar ohne größere Konflikte integriert wurden, schafft der Monotheismus (Judentum, Christentum und Islam) Unterscheidungen zwischen „wahrer“ und „falscher“ Religion, was bedeutende politische Folgen hat. Es wird damit eine klare Trennung zwischen "Wir" und "Die Anderen" etabliert, was historisch zur Legitimierung von Herrschaft oder zur Diskriminierung Andersgläubiger beitrug. Die Herausforderung durch Pluralisierung in Zeiten zunehmender religiöser Vielfalt führt zu Anpassungsdruck auf monotheistische Religionen, die traditionell absolute Wahrheitsansprüche vertreten. Dies erfordert neue alternative Konzepte, die Exklusivität mit der Realität der Pluralität in Einklang bringen. Als Resultat entwickelt sich zunehmend eine Form des "inklusiven Monotheismus", die alternative Wege zu Gott zwar als unterlegen betrachtet, jedoch als legitim oder Teil eines größeren Ganzen anerkennt.
In der modernen Debatte, insbesondere geprägt durch den Ägyptologen, Religions- und Kulturwissenschaftler Prof. Jan Assmann (1938-2024), steht der Monotheismus unter dem Verdacht, durch seinen Wahrheitsanspruch eine Quelle von Intoleranz und Gewalt darzustellen. Die alternative Sichtweise betont hingegen, dass monotheistische Ethik – etwa in den Zehn Geboten – ein starkes Fundament für Gerechtigkeit, universelle Menschenrechte und Gewaltverzicht darstellen kann, da vor dem einen Gott alle Menschen gleich sind. Sobald Säkularisierung und der „Verlust der Mitte“ – das Nicht-Zugehören – zum Standard werden, verfehlt der Monotheismus seine Rolle als gesellschaftliches Ordnungsprinzip. Insbesondere wenn das Staatskirchenrecht historisch auf die großen (monotheistischen) Kirchen zugeschnitten ist, entsteht eine rechtliche Herausforderung, da deren Monopol schwindet. Der Staat ist gefordert, neue, neutrale Wege zu finden, um religiöse Belange zu regeln, ohne eine Religion zu bevorzugen. Ähnlich dem Judentum beobachten Soziologen im Kontext des „kulturellen Monotheismus“ einen Wandel von Dogma zu Identität. Menschen identifizieren sich mit den Werten und Festen (z.B. Pessach oder Weihnachten) ohne notwendigerweise an die dogmatische Einzigartigkeit Gottes zu glauben, was die politische Ambivalenz abschwächt, aber gleichzeitig die traditionelle Bindungskraft der Institutionen mindert. Diese Entwicklungen fordern für den Monotheismus die Selbstreflexion und den Nachweis, dass sein Einheitsgedanke in einer pluralen Welt als ethischer Kompass für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dienen kann. Die Integration des Islams in die europäische Säkularisierungsdebatte verdeutlicht die politische Ambivalenz. Während der islamische Monotheismus einen umfassenden Geltungsanspruch erhebt, verlangt das europäische Modell der Säkularisierung eine Anpassung an eine pluralisierte und teilweise religionslose Gesellschaft.
Im Spannungsfeld „Believing without Belonging“ leben viele Muslime in Europa eine Form von „säkularisiertem Verhalten“, agieren in staatlich-säkularen Strukturen, ohne dass ihre religiöse Identität ihrem Staatsbürgerschaftsstatus widerspricht. Gleichzeitig demonstrieren jüngere Generationen eine verstärkte Nutzung des Islams zur Identitätsstiftung und visualisieren religiöse Unterschiede im öffentlichen Raum (z.B. durch das Tragen des Kopftuchs), was vermehrt zu Kontroversen über europäische Werte führt. Zwar strebt der deutsche Staat eine rechtliche Gleichbehandlung an, jedoch mit beträchtlichen Hürden: Die für die Kirchen geschaffenen Strukturen stimmen oft nicht mit denen des Islams überein. Während christliche Kirchen und jüdische Gemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt sind, haben nur wenige Gruppen im Islam diesen Status erlangt. Bundesländer wie Hamburg haben Staatsverträge mit islamischen Verbänden geschlossen, die Feierlichkeiten, Bestattungsriten und Religionsunterricht regeln. Kritiker bemängeln häufig die hierarchische Struktur der Verbände und deren politische Nähe zu Herkunftsländern wie der Türkei. Im Rahmen der Reformdebatten zu einem "Euro-Islam" gibt es umfassende Anstrengungen, eine zeitgemäße und historisch kontextualisierte Interpretation des Korans zu etablieren, die europäischen Werten und den Rechten der Frauen entspricht. Diese Initiativen stehen jedoch oft dem Widerspruch gegenüber, dass Säkularismus von einigen innerhalb konservativer muslimischer Kreise als Gegensatz zur göttlichen Souveränität wahrgenommen wird. Für das orthodoxe Judentum führen die Theorie der „politischen Ambivalenz“ und die zunehmende Säkularisierung zu Spannungen zwischen der Treue zum göttlichen Gesetz (Halacha) und der Integration in einen säkularen Rechtsstaat. Die Halacha, als umfassendes Ordnungssystem, steht der Entwicklung zunehmender Säkularisierung entgegen, die Religion oft zur Privatsache erhebt. Für Orthodoxe ist die Halacha ein Regelwerk, das alle Lebensbereiche, einschließlich Ernährung und Zivilrecht, beeinflusst. Diese Realität verdeutlicht, dass die staatlichen Erwartungen an eine „privatisierte“ Religion das orthodoxe Lebensmodell unter Druck setzen. Die Spannung zwischen der halachischen Gesetzgebung und den Prinzipien des deutschen Grundgesetzes erweist sich als rechtlich und theologisch komplex. Während das Grundgesetz die Religionsfreiheit schützt, stößt diese Freiheit dort an Grenzen, wo sie mit anderen Grundrechten oder staatlichen Werten kollidiert. Zentrale Konfliktfelder sind:
1. Das Selbstbestimmungsrecht versus Diskriminierungsverbot: Religionsgemeinschaften in Deutschland genießen ein weitreichendes Selbstbestimmungsrecht. Im orthodoxen Judentum sind bestimmte Rollen Männern vorbehalten, was Spannungen mit dem Gleichberechtigungsgebot aufwirft.
2. Zivilehe versus religiöse Scheidung im Eherecht: In Deutschland ist eine obligatorische Zivilehe gesetzlich geregelt, wobei die religiöse Trauung keine staatliche Rechtswirkung hat. Dies führt zu Konflikten, insbesondere in Bezug auf Aguna-Problematiken.
3. Tierschutz versus Religionsfreiheit: Rituelles Schlachten ohne vorherige Betäubung stellt einen klassischen Konflikt dar, da deutsches Tierschutzrecht dies verbietet, aber aus religiösen Gründen Ausnahmen erforderlich sind.
4. Das Kindeswohl versus religiöse Tradition: Die Beschneidung männlicher Kinder ist ein fundamentales Gebot, das in der Diskussion um die körperliche Unversehrtheit des Kindes Konflikte mit dem staatlichen Recht aufwirft.
5. Religionsunterricht und staatliche Schulaufsicht: Orthodoxe Schulen betonen religiöse Inhalte, müssen jedoch staatliche Lehrpläne integrieren, die möglicherweise im Widerspruch zu ihren religiösen Zielen stehen.
In Deutschland wird versucht, diese Konflikte durch den "Grundsatz der praktischen Konkordanz" materiell zu lösen: Beide Rechtssysteme sollen weitestgehend koexistieren, ohne dass eines das andere vollständig verdrängt. Das Judentum nimmt hierbei eine Sonderrolle ein, da die Geschichte des deutschen Staates eine besondere Sensibilität für die Bewahrung jüdischer Traditionen verlangt. Letztlich stellt sich die Frage, inwiefern interkulturelle und internationale Verhandlungen über (religiöse) Selbstdefinition nicht nur Konflikte mindern, sondern auch das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgemeinschaften fördern können. Während Religionsausübung als Grund- und Menschenrecht gilt, wird sie häufig als Legitimationsgrundlage für politische Herrschaftsansprüche missbraucht, wobei es zu Verletzungen der Grundrechte anderer kommt.
Blutige Auseinandersetzungen über den „richtigen“ Glauben schienen lange Zeit der Vergangenheit anzugehören, insbesondere in westlichen Ländern. Dennoch nimmt die Konfliktfrequenz zwischen Religionsgruppen zu, da religiös motivierte Bewegungen in westlichen sowie in Schwellen- und Entwicklungsländern wieder präsenter werden und sich religiöse Motive zunehmend hinter gewaltsamen Konflikten verbergen. Dieses Forschungsfeld gewinnt an Bedeutung, da der Einfluss religiöser Splittergruppen erkennbar zunimmt, die versuchen, ihre eigenen politischen Interessen zu vertreten und dabei traditionelle Glaubensüberzeugungen zu ignorieren, welche bisher die Gemeinschaften geformt und geleitet haben.
Weiterführende Literatur: Murthy, Dr. M. N."The Role of Religion in Shaping Political Beliefs and Practices," International Journal of Research and Analytical Reviews (IJRAR), June 2016, Vol. 3 (2), S. 759-765, auf ijrar.org, abgerufen am 12.06.2026; Assmann, Jan. "Mose und der Monotheismus der Treue. Eine Neufassung der "Mosaischen Unterscheidung," in: Tück, Jan-Heiner (Hrsg.): Monotheismus unter Gewaltverdacht. Zum Gespräch mit Jan Assmann, Freiburg; Basel; Wien: Verlag Herder, 2015, S.16-33; Ibid., "Die 'Mosaische Unterscheidung' und die Frage der Intoleranz. Eine Klarstellung," in: Kloepfer, Rolf; Dücker, Burkhard (Hrsg.): Kritik und Geschichte der Intoleranz, München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2002.
Die Geschichte der Stadt Herat - Teil 2
Die Provinz Herat gilt als eine der bedeutendsten Regionen Afghanistans, sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Ihr historischer Handelsweg, der über Jahrtausende den Austausch zwischen China, Zentralasien, Indien und dem Mittelmeer ermöglicht hat, ist von außergewöhnlicher Bedeutung. Der Name "Herat" lässt sich bis zur antiken Bezeichnung "Haraiva" (Aria) in den achämenidischen Inschriften zurückverfolgen, die weitgehend das Gebiet der heutigen Provinz Herat abdecken und möglicherweise sogar bis in altindische Texte des späten 2. Jahrtausends BC:
Herat , oft als "Perle von Khorasan" bezeichnet, ist eine der geschichtsträchtigsten Städte Zentralasiens. Sie liegt im Westen des heutigen Afghanistan im fruchtbaren Tal des Flusses Hari Rud und war über Jahrtausende ein strategischer Knotenpunkt der Seidenstraße und ein bedeutendes Zentrum der persischen Kultu. Gegründet wurde Herat in der Antike als altpersische Siedlung Artacoana (oder Haraiva). Die Stadt von Alexander dem Großen (356 BC - 323 BC) - König von Makedonien und Hegemon des Korinthischen Bundes im Jahr 330 v. Chr. erobert; Er errichtet dort die heute noch sichtbare Zitadelle von Herat. Nach der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert entwickelte sich Herat zu einer der bedeutendsten Städte der Region Chorasan. Im 13. Jahrhundert wurde die Stadt zweimal fast vollständig zerstört. Unter Schah-Ruch wurde Herat zur Hauptstadt des Timuridenreiches. Diese Epoche gilt als die kulturelle Blütezeit (Timuriden- Renaissance), in der Architektur, Miniaturmalerei und Poesie .
Im 19. jahrhundert war Herat ein zentraler Schauplatz des Great Game, dem geostrategischen Konflikt zwischen dem Britischen empire und dem russischen Kaiserreich um die Vorherrschaft in Zentralasien. Wähtend des sowjetisch-afghanischen Krieges (1979-1989) kam es 1979 zu einem großen Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde und weite teile der Stadt zerstört wurden.
Die Stadt Herat wurde 1995 erstmals von den Taliban erobert, 2001 befreit und fiel im August 2021 erneut unter deren Kontrolle. Herat steht aufgrund seiner einzigartigen mittelalterlichen Architektur auf der Tentativliste für das UNESCO-Welterbe. Bereits Jahre zuvor (ca. 2008 ff.) kämpfte Afghanistans drittgrößte Stadt Herat um ihr jahrhundertealtes Kulturerbe. Dieses reiche Kulturerbe wird durch das rasante Wachstum der Bevölkerung und intensiven Raubgrabungen kontinuierlich berdoht. Im Jahr 2004 begann mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein Projekt zur Dokumentation der Fundorte und Denkmäler in der archäologisch bis dahin nahezu unerforschten Region. In Folge wurde im Jahr 2005 ein Stadtforschungsprojekt initiiert, gefolgt von einem Museumsprojekt in 2008. Diese Initiativen wurden 2012 erfolgreich mit der Eröffnung des Museums und der Errichtung des Magazins beendet. Die Bevölkerung drängte auf neuen Wohnraum und es bestand die Gefahr, dass die Stadt Herat, einst ein bedeutsames Zentrum des Timuriden-Reiches, seine mittelalterlichen Strukturen zur verlieren drohte.
Das Museum der Zitadelle von Herat
Im Sommer 2008 begannen zeitgleich mit der Konsolidierung der Zitadelle durch den Aga Khan Trust die Katalogisierung der archäologischen Sammlung des Museums und des Handschriftenarchivs, der Aufbau einer Restaurierungswerkstatt und von unterschiedlichen Depots, und das neue Ausstellungsprojekt. Im Rahmen dieses Projektes konnte die Weiterbildung von Restauratoren aus Herat und Kabul erfolgen und Mitarbeiter mit der Bestandsaufnahme vertraut gemacht werden. Dieses Trainingsprogramm vor Ort wird seit Winter 2009 durch Ausbildungsphasen in Berlin mit Hilfe der Finanzierung durch die Gerda Henkel Stiftung ergänzt.
Nach langer Schließung konnten mit der Eröffnung des ersten Provinzmuseum in Afghanistans im Herbst 2011 in 57 Vitrinen mehr als 1.000 Objekte vor Ort neu präsentiert werden. Das neue Museum liegt in der historischen Festung Qala-e Ikhtyaruddin, die von 2005 bis 2009 im Zentrum der archäologischen Forschungen des Teams des Deutschen Archäologischen Instituts und des afghanischen Ministeriums für Information und Kultur, Kabul, stand. Die Zitadelle in Herat war seit 2008 geschlossen, da sie durch den Aga Khan Trust for Culture (AKTC) und mit Mitteln der Vereinigten Staaten von Amerika saniert wurde. Einige der Bücher und Manuskripte reichen bis in das 15. Jahrhundert zurück, als Herat unter den Timuriden zur Hauptstadt erstarkte. Das Handschriftenarchiv besitzt ca. 263 Manuskripte und Bücher und bietet einen repräsentativen Querschnitt durch verschiedene Genres, Sprachen und Persönlichkeiten. Zu den Sammlungen gehört auch eine Thora-Rolle, die auf die vormals ansässige jüdische Gemeinde in der Hauptstadt verweist Seit 2009 verzeichnet das Museum nun wieder einen Zuwachs an Exponaten, dies vor allem Dank zahlreicher Schenkungen.
Die "Zitadelle Alexanders"
Entdecken Sie das beeindruckende Museum der Zitadelle von Herat, auch bekannt als „Zitadelle Alexanders“, das sich in der historischen Stadt Herat, Afghanistan, befindet. Diese antike Festung, die um 330 BC von Alexander dem Großen errichtet wurde, gilt als eine der bedeutendsten kulturellen und archäologischen Stätten Afghanistans. In diesem Video laden wir Sie ein, die majestätischen Lehmziegelmauern zu erkunden und den atemberaubenden Ausblick auf die alte Festung zu genießen. Dabei werden archäologische Schätze wie Keramiken, Manuskripte, Waffen und Münzen vorgestellt, die im Museum aufbewahrt werden. Zudem beleuchten wir die timuridische Architektur, einschließlich restaurierter Innenhöfe, Kuppeln und traditioneller afghanischer Designs, sowie die Geschichten von Eroberungen, Reichen und den Erhaltungsbemühungen, die sich über Jahrhunderte erstrecken. Heute steht das Herat-Zitadellenmuseum als Symbol für die Widerstandsfähigkeit, Kunst und das kulturelle Erbe Afghanistans und bietet einen einzigartigen Einblick in die reiche Geschichte der Region.
Trotz der Unzugänglichkeit vieler Distrikte verursacht durch Minenfelder, das schwierige Terrain und die Sicherheitslage konnten 420 Fundorte erfasst werden. Diese repräsentieren eine Anzahl unterschiedliche Anlagen: Wehrbauten, Siedlungen , Karawandserais, Brücken und religiöse Bauwerke, die in der Zeit vom 3. Jahrtausend BC bis zum späten 19. Jahrhundert datieren. Mit diesem Projekt wurde ein Zeitfenster eröffnet, das weit über die timuridische Epoche hinaus weist und damit die älteren Forschungen in Ghor und Hilmand in räumlicher Hinsicht ergänzt. Aufgund anhaltender Schwierigkeiten und Gefahren bei derartigen Geländebegehungen wurde die Ausbildung lokaler Archäologen, und anderer Wissenschaftler zu einem wichtigen Bestandteil für den geplanten Aufbau eines nationalen Fundortregisters und der Pflege des kostbaren Kulturgutes. Anhand der erfolgreichen Grabungsprojekte innerhalb der Stadt und der stetig wachsenden Sammlung des Museums steht aktuell eine umfangreiche Studiensammlung und Dokumentation zur Verfügung, die neue Erkenntnisse und detaillierte Einblicke in die kulturgeschichtliche Entwicklung in dieser Region eröffnet. Das im Jahr 1925 gegründete Museum hatte in den politischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte unglücklicherweise nahezu zwei Drittel des ursprünglichen Bestandes an 3.000 Objekten unwiederbringlich verloren. Die Exponate datieren aus der Zeit von der Mitte des 3. Jahrtausend BC bis in die frühe Neuzeit. Neben prähistorischen Artefakten aus dem alten Baktrien sind Objekte aus dem 11. bis 13. Jahrhundert besonders umfangreich vertreten.
Die religiöse Geschichte dieser Region war von zahlreichen Umwälzungen geprägt: Eroberungen durch Alexander den Großen, territoriale Konflikte zwischen Parthern, Griechen, Persern und Zentralasiaten sowie massive Zerstörungen durch Mongolen, Timuriden und Safawiden. Auf Perioden des Niedergangs folgten Zeiten der Blüte, in denen Herat als künstlerisches und politisches Zentrum sogar die Stadt Samarkand übertraf. Das heutige Stadtbild von Herat wird von timuridischen und safawidischen Bauwerken dominiert. Der Bauschutt aus fünf Jahrhunderten verdeckt jedoch eine tiefere, weit ältere Geschichte. Alexander der Große wird sowohl als Zerstörer als auch als Begründer der Stadt angesehen; auch die Festung Qala-e Ikhtyaruddin wird ihm zugeschrieben. Arabische und persische Historiker lobten Herat bereits im 10. Jahrhundert als blühendes Zentrum zwischen Buchara und Nischapur. Im 11. Jahrhundert war Herat Sitz des ghaznawidischen Statthalters, und im 12. Jahrhundert fungierte sie als Residenzstadt der Ghoriden. Zu diesem Zeitpunkt entstanden die bemerkenswerte Stadtmauer, die Freitagsmoschee sowie höchstwahrscheinlich die Zitadelle. Den verheerenden Mongolenstürmen in den Jahren 1221/22 CE folgte eine neue Blüte unter den Kartiden. Unter Schāh Ruch (1377- 1447 CE), dem vierten Sohn Timurs und dessen Konkubine Taghāy Tarkān Āghā, einem Timuriden-Herrscher mit Sitz in Herat, erlangte Herat den Status der Hauptstadt des Timuridenreiches und etablierte sich mit ihren exquisiten Künsten sowie imposanten Bauten für nahezu 200 Jahre als politisches und kulturelles Zentrum von weltweiter Bedeutung. Im 17. Jahrhundert verlor die Stadt zwar an Bedeutung, behielt jedoch bis zum späten 19. Jahrhundert eine strategisch wichtige Rolle.
Die historische Stadt Herat wird unter der Altstadt, bekannt als Shar-i Kuhna ("alte Stadt"), vermutet, einem typischen afghanischen befestigten Ort (qal’a), sowie im hügeligen Bezirk Kohandaz. Grabungen aus dem Jahr 2005 förderten unter dem timuridischen Friedhof eine Besiedlung aus dem 10. bis 13. Jahrhundert zu Tage, basierend auf bis zu acht Meter hohen Sedimenten des Hari Rud. Obwohl an diesem Grabungsort keine antiken Spuren entdeckt wurden, wurden an anderer Stelle wichtige Funde verzeichnet. In der Festung Qala-e Ikhtyaruddin konnte in einem 13 Meter tiefen Schnitt die 2.600-jährige Geschichte der Festung Schicht für Schicht erfasst werden, angefangen von Amir Abdur Rahman im späten 19. Jahrhundert über die Timuriden und Ghuriden bis zurück ins 8. Jahrhundert BC. Damit wurde erstmals eine präislamische Besiedlung in Herat nachgewiesen. Alexander der Große hingegen hinterließ keine nachweisbaren Spuren. Die Forschungen zur Baugeschichte der Zitadelle vom 13. bis 18. Jahrhundert und die Grabungen erbrachten den Nachweis einer repräsentativen Toranlage mit originalem Baudekor. Diese stammt aus der Zeit des Wiederaufbaus unter Schāh Ruch (1377- 1447 CE) und wurde während der Umbauarbeiten im späten 17. und 18. Jahrhundert aufgegeben. Mit der im Januar 2010 abgeschlossenen Restaurierung des Torbaus wurde der ursprüngliche Charakter der Nordseite der Zitadelle wiederhergestellt und in der Folge die Außenmauer konsolidiert.
Shar-i Kuhna ("Historische Stadt")
Die Stadt Herat, im westlichen Afghanistan gelegen und ausgestattet mit den vollständigsten mittelalterlichen Überresten der Region, entwickelte sich von einer kleinen Festung - erbaut auf einem Hügel, der bereits im 8. Jahrhundert BC besiedelt war - zu einem lebhaften städtischen Zentrum. Die Etablierung des Islam verlieh der befestigten Stadt Herat einen neuen Wachstumsimpuls und hinterließ nachhaltige Spuren in ihrer physischen Gestalt. Nach der Zerstörung durch die Mongolen erlebte die Stadt unter der Kart-Dynastie (1245–1389 CE) eine Wiederbelebung. Als eine der ältesten kosmopolitischen Städte Zentralasiens und ein bedeutender Halt entlang der Seidenstraße wurde Herat bald zum Zentrum des Timuridenreiches (1405–1506 CE). Die Altstadt von Herat, auch bekannt als Shar-i Kuhna ("alte Stadt"), ähnelt einem typischen afghanischen befestigten Ort (qal’a). Ihre Kultur und Architektur zeichnen sich durch eine lange Tradition im Bau von Festungsbauten oder Dörfern aus, die als gala bekannt sind. Die geographische Anordnung der Stadt wurde eingehend von dem afghanischen Architekten Abdul W. Najimi dokumentiert und analysiert, unter anderem basierend auf historischen geografischen Darstellungen eines russischen Gesandten in Herat sowie der später erstellten Karte von Generalmajor Oskar von Niedermayer (1885–1948). Die Altstadt bildet ein Quadrat, in dem vier Hauptstraßen die Himmelsrichtungen entlang führen und sie in vier identische Quadranten unterteilen. Dies verleiht Herat ein perfekt organisiertes, orthogonal symmetrisches Stadtbild. Die befestigte Altstadt erstreckt sich über etwa 200 Hektar und umfasst die Wohn- und Handelsbereiche, die sich um drei zentrale Punkte gruppieren: das Handelszentrum, bekannt als Chahar Suq, im Herzen von Herat; das königliche Zentrum bestehend aus der Festung und Zitadelle; sowie das religiöse Zentrum, das die Masjid-i Jami (Freitagsmoschee) beheimatet. Die geometrische Stadtorganisation Herats, die durch die Architektur der Timuriden analysiert wird, dürfte ihren Ursprung im 11. Jahrhundert haben und basiert auf Formen der Ghaznaviden-Dynastie (977–1186 CE). Insbesondere spiegelt sie eine klar strukturierte städtische Geometrie wider, die zu den wirtschaftlichen, politischen und religiösen Zentren führt.
Das Stadtlayout zeigt Achsen, die, wo möglich, auf Mekka ausgerichtet sind und eine Verbindung zwischen dem Physischen und dem Heiligen schaffen. Der Grundriss orientiert sich am Konzept des Vier-Iwan-Baus, bei dem ein Hauptsaal (iwan) Mekka, der heiligsten Stadt des Islam, zugewandt ist und von drei untergeordneten Hallen flankiert wird. Dieses architektonische Konzept beruht auf den urbanen Traditionen der Altstadt von Herat und weist Ähnlichkeiten mit dem Design einer typischen arabischen Stadt (medina) auf. Die Architektur Herats ist eng mit islamischen Traditionen und den Überzeugungen der lokalen muslimischen Bevölkerung verbunden und stärkt die Zusammenhänge zwischen den Muslimen. Besonders der Stadtplan von Herat verkörpert zentrale Werte des Islams wie Privatsphäre, enge familiale Bindungen, religiöse Bildung und die dominante Rolle der Männer im Verhältnis zu Frauen. Trotz einiger Elemente, die auf die vorislamische Geschichte verweisen, erinnert der Grundriss eindringlich an das pre-industrielle Erbe und die engen Verbindungen zwischen islamischen kulturellen, religiösen, administrativen und politischen Autoritäten. Die geographisch basierte Ausrichtung der Moschee beeinflusste die Anordnung der Gebäude in Herat allgemein. Die Tradition des Vier-Iwan-Baus, die im Timurid-Stil weit verbreitet war und sich seit dem 2. Jahrhundert CE praktisch unverändert fortsetzte, muss im Licht des Konzepts des "hierophanischen Palimpsests" neu gedacht werden. Dieses grundlegende Konzept umfasst vier Elemente, kombiniert mit einem zentralen Element, und findet sich in vielen der großen Mythologien und Religionen weltweit, indem es wesentliche Merkmale mit den vier Himmelsrichtungen des kosmischen Kreuzes und dessen zyklischem Mittelpunkt, der Axis mundi, verbindet:
Ab dem Jahr 1150 CE herrschte die einheimische Dynastie der Ghuriden, die ihren Ursprung in der Gebirgsregion Ghur im heutigen Afghanistan hatte. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelang es dieser Dynastie, das Reich der Ghaznaviden zu erobern und durch militärische Vorstöße in den Westen bis nach Bistam und im Osten bis nach Bengalen im frühen 13. Jahrhundert vorübergehend zur dominierenden Macht im islamischen Osten aufzusteigen. Die endgültige Zerschlagung des Ghuridenreiches, welches durch mehrere Linien regiert wurde und dessen Zentrum möglicherweise die Stadt Firuzkuh war, die möglicherweise mit Djām identisch ist, ereignete sich im Jahr 1215 CE durch den Choresm-Shah Ala ad-Din Muhammad (1169–1220 CE). Dieser war ab 1200 CE Herrscher über Choresmien, das sich im westlichen Zentralasien, südlich des Aralsees, befindet, sowie über weite Teile Zentralasiens.
Weiterführende Literatur: "Architectural Models: Afghanistan Cultural Heritage." Aga Khan Cultural Services - Afghanistan. Kabul: 2022; "Areia Antiqua. Das alte Herat. Drei Projekte," Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, Preßischer Kulturbesitz (mit weiterführenden Thenmen und Links); Lintz, Ulrike-Christiane.“Reflection of Sacred Realities in Urban Contexts: The Synagogues of Herat.“ In: Mohammad Gharipour, ed., Synagogues in the Islamic World, Architecture, Design, and Identity. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2017, 51-72; Najimi, Abdul Wasay. Herat: The Islamic City; A Study in Urban Conservation. London: Curzon Press, 1988, 36–37 and Figs. 3.2, 3.3; von Niedermayer, Oskar. Afghanistan. Leipzig: Verlag Karl W. Hiersemann, 1924, Plan 3;Thomas, David C. The Ebb and Flow of an Empire: The Ghurid Polity of Central Afghanistan in the Twelfth and Thirteenth Centuries (Ph.D. Diss.), La Trobe University, 2011; Paskaleva, Elena Georgieva. The Architecture of the Four-Iwan Building Tradition as a Representation of Paradise and Dynastic Power Aspirations (Ph.D. Diss.), Leiden University, 2010; Samizay, Rafi. “Herat: Pearl of Khurasan,” Environmental Design: Journal of the Islamic Environmental Design Research Centre 1–2 (1987): 86–93.
Aga Khan Trust for Culture (AKTC)
Der Aga Khan Trust for Culture (AKTC) ist aktuell federführend an der Instandsetzung und dem Schutz des kulturellen Erbes in Herat beteiligt, insbesondere nach dem verheerenden Erdbeben im Oktober 2023. Seit März 2024 arbeitet die Stiftung verstärkt an der Restaurierung von Baudenkmäler der "ersten Kategorie", die durch das Beben beschädigt wurden. Dazu gehören strukturelle Verstärkungen an der Zitadelle (Qala Ikhtyaruddin), der Freitagsmoschee und dem Ghazargah- Schrein. Ein kritisches Projekt ist die Sicherung und Restaurierung des fünften Minaretts des Musalla-Komplexes. Hierbei geht es vor allem um die Stabilisierung des neigungsgefährdeten Turms. Nachdem die Zitadelle bereits zwischen 2008 und 2011 umfassend saniert wurde, finden aktuell laufende Erhaltungsmaßnahmen und Ausbesserungen an den Befestigungsmauern statt. In der Altstadt von Herat setzt der AKTC aktuell Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur um, darunter die Pflasterung von Gehwegen und die Instandsetzung historischer Wohnhäuser, um das soziale Gefüge zu stärken.
Die Arbeit wird vor Ort durch das Aga Khan Development Network (AKDN) koordiniert. Trotz der politischen Veränderungen seit 2021 setzt die Stiftung ihre technische Arbeit in Abstimmung mit lokalen Fachbehörden fort, um den Verfall dieser für das Weltkulturerbe wichtigen Stätten zu verhindern.
"Empire of Light: Visions and Voices of Afghanistan"
Die Ausstellung "Empire of Light: Visions and Voices of Afghanistan" fand 2026 (vom 2. Februar bis zum 30. Mai 2026) im Museum of Islamic Art (MIA) in Doha, Katar statt. Sie wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Aga Khan Trust for Culture (AKTC) entwickelt und beleuchtet über 5.000 Jahre afghanischer Kulturgeschichte. Ein zentraler Teil der Ausstellung "After Timur: Herat and the Rise of a New Artistic Vision"widmet sich der Blütezeit Herats unter den Timuriden im 15. Jahrhundert. Gezeigt werden illustrierte Manuskripte, Kalligrafien und höfische Objekte dieser Ära. Besonders hervorzuheben sind in dieser Ausstellung großformatige Holzmodelle historischer Stätten Afghanistans. Diese wurden im Jangalak Vocational Training Centre des AKTC in Kabul gefertigt und dokumentieren die jahrzehntelange Restaurierungsarbeit der Stiftung vor Ort. Die Ausstellung umfasst rund 150 Objekte, von archäologischen Funden aus vor-islamischer Kunst und Fotografie, die das Land jenseits der Konfliktschlagzeilen als kulturellen Knotenpunkt vorstellen.
In der aktuellen Ausstellung wird das jüdische Erbe Herats als integraler Bestandteil der multikulturellen Geschichte Afghanistans gewürdigt. Die Exponate verdeutlichen Herat als "Kreuzung der Zivilisationen", wobei die Synagogen der Altstadt als Zeugnisse einer einst blühenden jüdischen Gemeinde (bis in die 1970er Jahre) präsentiert werden. Gezeigt werden auch Fotografien und Grafiken, welche die Restaurierungsbemühungen des AKTC im jüdischen Viertel der Altstadt dokumentieren. Der Agha Khan Trust for Culture (AKTC) hat maßgeblich zur Rettung der jüdischen Baudenkmäler beigetragen. Bereits 2007/2009 führte der AKTC eine umfassende Sanierung der ehemaligen Yu-Aw-Synagoge durch. Das Gebäude wurde danach jahrelang als Bildungszentrum genutzt. Ende 2022 folgte ein neues 16-monatiges Projekt zur Sanierung der Yu-Aw-Synagoge, um einen Einsturz aufgrund von Feuchtigkeitsschäden zu verhindern. Parallel zur Synagoge wird auch das historische jüdische Bad , die Mikwe ("Hammam-e Mosaie") restauriert, um dieses einzigartige Zeugnis jüdischen Lebens in der Region zu erhalten.
In der Stadt Herat existierten ehemals vier Synagogen, die sich im Nordwesten und Südwesten der Altstadt in unmittelbarer Nähe der Darb-i-Iraq-Straße befanden. Diese Straße stellt eine der Hauptverkehrsadern dar, die direkt zum Chahar Suq führt, einem bedeutenden Markt. Die Synagogen waren sowohl physisch als auch symbolisch mit der großen Moschee Masjid-i Jami und dem „Ort der Eid-Feierlichkeiten“ (Eidghah) verknüpft. Beide religiösen Komplexe befinden sich im nordöstlichen Stadtviertel Qutbe Chaq. Der Begriff Eidgah oder Idgah, auch als Eid Gah oder Id Gah bekannt (persisch: عیدگاه „Ort der Eid-Feierlichkeiten“), beschreibt in der islamischen Kultur einen Freiluftplatz, der zumeist außerhalb der Stadt oder am Stadtrand liegt. Dieser Platz dient spezifisch für die Eid-Gebete am Morgen der Feste Eid al-Fitr und Eid al-Adha. In der Regel handelt es sich um einen öffentlichen Ort, der während des restlichen Jahres nicht für Gebete verwendet wird.
Zum Zeitpunkt ihrer Schließung in den 1950er Jahren nach der Massenauswanderung der jüdischen Gemeinde von Herat nach Israel trugen drei der Synagogen den Namen der Rabbiner, die sie zu dieser Zeit leiteten. Dies waren die Mullah-Garji- oder Mullah-Ashur-Synagoge, die Mullah-Samuel- oder Shamawel-Synagoge und die Mullah-Yoav- oder Mullah-Ya-Aw-Synagoge (alternativer Name: Kanisa Yoha).
Drei der Synagogen befinden sich im südwestlichen Wohnviertel der Altstadt, bekannt als das Momandha-Viertel, ein Name, der sich möglicherweise vom Namen des paschtunischen Stammes der Momand ableitet. Das Momandha-Viertel umfasst dreiundzwanzig Moscheen, vier Schreine, zweiundzwanzig Karawansereien, mehrere überdachte Basare, sechs typische Häuser, zwei Zisternen, drei Badehäuser und die drei Synagogen. Die vierte Synagoge, bekannt als Gol- oder Gulaki-Synagoge in der lokalen jüdisch-persischen Sprache, wurde nach der wohlhabenden Familie benannt, der sie gehörte. Das Gebäude befindet sich im Bar-Durrani-Viertel, dem nordwestlichen Bezirk der Altstadt. Wie oben dokumentiert, zeichnet sich dieses Viertel vor allem durch die Ansiedlung wohlhabenderer Familien aus – darunter die Wohnhäuser einflussreicher politischer Amtsträger – und wird vom Königlichen Zentrum mit der Festung Ikhtiyar al-Din und der Zitadelle dominiert. Dieses Viertel, in dessen nordwestlicher und südöstlicher Ecke Teile der alten Stadtmauer erhalten sind, beherbergt sechsundzwanzig Moscheen, dreizehn Schreine, zwanzig Karawansereien, drei Wohnhäuser, vier Zisternen, fünf Badehäuser und eine Synagoge.
Die Restaurierung ist Teil eines größeren Plans des Aga Khan Historic Cities Programme, das bereits über 120 Projekte in der Region umgesetzt hat. Mit Hilfe dieses Projektes kann die historische Identität Herats trotz politischer Umbrüche bewahrt werden. Während der AKTC die technische Leitung und frühere Arbeiten übernahm, wird die aktuelle Notfallrestaurierung maßgeblich durch die ALIPH Foundation mit rund 500.000 USD gefördert.
Resilienz der multikulturellen afghanischen Kultur im Jangalak Zentrum
In der aktuellen Ausstellung "Empire of Light: Visions and Voices of Afghanistan" spielen die bereits erwähnten großformatigen Holzmodelle eine zentrale Rolle. Sie dienen als physische Zeugnisse des gefährdeten kulturellen Erbes Afghanistans und der jahrzehntelangen Arbeit des Aga Khan Trusts for Culture (AKTC). Die Modelle sind nicht nur Schauobjekte, sondern verkörpern selbst Produkte eines einzigartigen sozialen Projekts. Gefertigt wurden die Holzmodelle im Ausbildungszentrum Jangalak Vocational Training Centre in Kabul. Dort bildet der Aga Khan Trusts for Culture (AKTC) seit Jahren junge Menschen in traditionellen Handwerkstechniken wie der Holzschnitzerei und dem Modellbau aus. Ursprünglich entstanden die Modelle als Teil der wissenschaftlichen Dokumentation und Planung für die Restaurierung historischer Stätten. Besonders eindrucksvoll sind die Nachbildungen ganzer Häuserblöcke der Altstadt Herats. Die Modelle wurden in einem Katalog veröffentlicht, der 14 aufwendig gefertigte Holzmodelle historischer Gebäude in Afghanistan enthält. Zu den Modellen existiert der Fachkatalog des AKTC: "Afghanistan Cultural Heritage", in dem 14 dieser filigranen Werke detailliert beschrieben werden.
Unter den Exponaten der verschiedenen Ikonen Herats, die in Form architektonischer Holzmodelle präsentiert werden, befinden sich unter anderem die Zitadelle (Qala Ikhtyaruddin), ein bemerkenswertes Wahrzeichen Herats (siehe Abbildung: Modell - 1:100; Maße (cm): Länge 340 / Breite 200 / Höhe 120 / Gewicht: 342 Kilogramm) in restauriertem Zustand, ergänzt durch Elemente der Großen Moschee, des Musalla-Komplexes und des Chahar Suq Cistern-Komplexes (siehe Abbildung: Modell - 1:50; Maße (cm): Länge 156 / Breite 105 / Höhe 127 / Gewicht: 125 Kilogramm), das im Jahr 1634 unter dem Safawiden-Herrscher von Herat erbaut wurde.
Diese Modelle illustrieren die Widerstandsfähigkeit der afghanischen Kultur und belegen, dass das Wissen um diese architektonischen Schätze trotz jahrzehntelanger Konflikte durch Handwerksschulen wie die des Jangalak-Zentrums bewahrt wird. In der laufenden Ausstellung "Empire of Light" in Doha sowie in den Projekten des Aga Khan Trust for Culture (AKTC) bilden die maßstabgerechten Holzmodelle und die Ausbildung im Jangalak-Zentrum zwei fundamentale Aspekte des Erhalts des heratischen Erbes.
Das Jangalak-Zentrum, welches 2015 vom AKTC gegründet wurde, fungiert als Geburtsstätte der in Doha präsentierten Holzmodelle und bietet jungen Afghanen im Alter von 15 bis 25 Jahren wirtschaftliche Perspektiven durch das Erlernen traditioneller Handwerkskünste. Das Ausbildungsprogramm umfasst ein breites Spektrum an Fertigkeiten, darunter Holzverarbeitung (klassische Holzschnitzerei, Schreinerei und spezialisierter architektonischer Modellbau), Kunsthandwerk (Teppichweberei, Herstellung traditioneller Jali-Gitter, Fliesenproduktion sowie den Bau der Rubab, einem traditionellen Saiteninstrument) und Textilien (Schneiderei und Stickerei). Die Schüler lernen insbesondere, komplexe historische Gebäude maßstabsgetreu nachzubauen. Diese Modelle dienen nicht nur als Objekte der Ausstellung, sondern fördern auch das Verständnis der Architekten für die Statik und Konstruktion historischer Kuppelbauten. Die Absolventen des Programms erhalten Zertifikate, die ihnen die Möglichkeit geben, in lokalen Restaurierungsprojekten des AKTC tätig zu werden oder eigene kleine Werkstätten zu eröffnen. Die in der Ausstellung präsentierten Modelle sind somit weit mehr als bloße Dekoration; sie sind das Resultat eines lebendigen Wissenstransfers, der sicherstellt, dass die Bautechniken der Altstadt von Herat und das damit verbundene wertvolle Kulturerbe trotz der gegenwärtigen politischen Herausforderungen bewahrt bleiben.
Historische Quellen zur jüdischen Geschichte Afghanistans- Teil 2
Die Ursprünge der jüdischen Präsenz im Persischen Raum
Die Juden von Herat, Afghanistan sind kulturell eng mit den Juden aus Mashhad, Iran verbunden. Viele der einst in Herat lebenden Juden waren Einwanderer aus Mashhad, das allgemein als die heiligste Stadt Persiens gilt. Die jüdische Gemeinde in Mashhad wurde während der Herrschaft des persischen Herrschers Nadir Shah (Regentschaft von 1736–1747) gegründet, der für seine Toleranz gegenüber Juden bekannt war. Im Rahmen seiner Siedlungspolitik trug die zunehmende Präsenz von Hunderten jüdischer Familien zur Stärkung der bestehenden jüdischen Institutionen bei und förderte das Aufblühen des jüdischen Lebens in Afghanistan.
Die ersten Juden trafen zu Beginn des 8. Jahrhunderts BC – vor der Zeitenwende – auf dem Iranischen Hochland ein; einer Region, die bereits von indogermanischen arischen Stämmen besiedelt war (Medern im Norden, Persern im Süden und Parthern im Osten). Sie wurden von den Heeren der Assyrer in die „Städte Mediens“ (2. Könige 17,6) , einem politisches Gebilde, das vom 7. Jahrhundert BC bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts BC einen Großteil des Iranischen Hochlandes beherrschte, verschleppt – jener Assyrer, die nach der Niederwerfung des Königreichs Israel die Bevölkerung der zehn Stämme über alle vier Himmelsrichtungen ihres Herrschaftsgebiets zerstreut hatten.
Die ersten schriftlichen Dokumente, die sich mit den Völkerschaften des iranischen Hochlandes befassen, stammen aus dem 9. Jahrhundert BC. Es existieren jedoch nachweisliche Quellen, die belegen, dass die Besiedlung des Gebiets zwischen dem Tigris und dem Indus bereits in prähistorischer Zeit, insbesondere im 5. und 4. Jahrtausend BC, begann. Im 2. Jahrtausend BC lebten iranische (indoeuropäische) Nomaden im iranischen Hochland; dabei handelte es sich konkret um einen südlichen Zweig dieser ethnischen Gruppe, die aus den Steppen südlich und östlich des Kaspischen Meeres in die Region einwanderte.
Die Perser waren nicht das erste Volk, das im Hochland von Iran ein differenziertes Reich oder eine eigene Kultur etablierte. Vor ihnen siedelten die Meder, ein ethnisch und kulturell verwandtes Volk. Das Territorialgebiet der Meder erstreckte sich über den Nordwesten des iranischen Hochlandes, westlich des Kaspischen Meeres und südlich des Zagrosgebirges und umfasste Teile des heutigen Aserbeidschans sowie Kurdistans. Dieses Gebiet war einst Teil eines alten westasiatischen Reiches, zu dessen Geschichte jedoch nur begrenzte Informationen verfügbar sind.
Es ist dokumentiert, dass die Meder zur Zeit der Herrschaft Salmanassars III. (859-824 BC) bereits in der Region präsent waren, als dessen Truppen in das Gebiet einfielen. Salmanassar Salmānu-ašarēd III. (Šulmānu-ašarēd III. oder auch Salmanassar III. in Analogie zum biblischen Salmanassar V.) war von 858 BC bis 824 BC König des Assyrischen Reiches. Sein Name bedeutet: "Salmānu ist der oberste Gott". Er strebte nach tributzahlenden Völkern und war besonders an den hochgepriesenen Vollblutpferden interessiert, für die die Ebene nordöstlich von Assyrien bekannt war. Diese Politik wurde von seinen Nachfolgern fortgesetzt.
Šamši-Adad V. (Schamschi-Adad) (824-811 BC) - er folgte seinem Vater Salmānu-ašarēd III. auf den Thron - war von 823 BC bis 811 BC assyrischer König. Er überfiel mehr als 1200 Städte und Siedlungen der Meder und erhob hohe Tributzahlungen; seine Nachfolger setzten diese aggressive Strategie fort.
Der assyrische König Asarhaddon (681-669 BC) - dieser regierte vom 14. März 680 bis zum 26. Oktober 669 BC - zwang seine medischen Vasallen in einem Vertrag, die Thronfolge seiner Söhne in Assyrien und Babylon zu legitimieren. Mit dem allmählichen Zerfall der assyrischen Großmacht in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts BC erhoben sich die Meder und gründeten ein unabhängiges Königreich, wodurch sie die Oberherrschaft Assyriens endgültig brachen.
Eine zweite Welle von Juden, die ursprünglich aus dem Königreich Juda stammten, siedelte sich im späten 6. Jahrhundert BC in Medien und Persien an. Im Jahr 586 v. Chr. marschierten die Truppen Nebukadnezars II. in Jerusalem ein, zerstörten den Ersten Tempel und führten viele Juden als Gefangene nach Babylon. Ein Teil von ihnen ließ sich jedoch in anderen Regionen nieder – darunter auch in den iranischen Gebieten.
Es war Kyros II. ( um 590 bis 580 BC- 530 BC), oft auch Kyros der Große genannt, dem Herrscher eines kleinen Königreichs im Südwesten des heutigen Iran, vorbehalten, das Neubabylonische Reich im Jahr 539 v. Chr. zu stürzen. Er regierte Persien von etwa 559 BC bis 530 BC als sechster König der Achämeniden-Dynastie und ernannte seinen ältesten Sohn Kambyses II. zum Nachfolger. Durch das sogenannte „Edikt des Kyros“ (538 BC) – das im Buch Esra Erwähnung findet – gestattete der Monarch den Juden die Rückkehr in das Land Israel. Ein Teil von ihnen verblieb jedoch in Babylon, während andere – darunter der Prophet Daniel – Kyros und seinen Hofstaat nach Susa in Persien begleiteten.
Während der Herrschaft von Dareios I. (549 - 486 BC), oft auch "Dareios der Große" genannt, der ab 522 BC als dritter Großkönig des persischen Achämenidenreichs herrschte und für sich in Anspruch nahm, der insgesamt neunte König aus der Dynastie der Achämeniden zu sein, erreichte das Perserreich eine beispiellose Pracht und Opulenz.
In dieser Epoche erlebte die dortige jüdische Bevölkerung einen bedeutenden Aufschwung; sie prosperierte und erlangte beträchtlichen politischen Einfluss. Dem Herrscher folgte sein Sohn Xerxes auf den Thron – jener, den die Megilla Esther als König Ahasveros bezeichnet –, der zwischen 486 BC und 465 BC regierte. Zu jener Zeit existierten jüdische Gemeinden „in allen Provinzen des Königs ...“ (Esther 3,8). Die Mehrheit lebte jedoch in Susa, Schiras, Hamadan und Isfahan. Dem iranisch-jüdischen Historiker Habib Levy (1896–1984) zufolge handelt es sich bei der in der Megilla geschilderten Geschichte der Königin Esther um eine historische Episode, die im biblischen Stil erzählt wird. Megilla (hebr. מגילה) bezeichnet eine Schriftrolle. Im engeren Sinne ist damit gemeint: eine der fünf Megillot;
Seit über 2.700 Jahren sind die Juden kontinuierlich im Iran ansässig und haben eine bedeutende Rolle in der Geschichte dieses Landes eingenommen. Trotz der Tatsache, dass sie häufig als passive Minderheit betrachtet und oftmals durch die zoroastrische sowie die nachfolgende islamische Hegemonie marginalisiert wurden, haben die Juden im Iran nachweislich einen aktiven Beitrag zur Entwicklung der iranischen Geschichte, Gesellschaft und Kultur geleistet. Diese Aspekte werden eingehend in dem Werk von Houman M. Sarshar, "The Jews of Iran: The History, Religion and Culture of a Community in the Islamic World" (2014), untersucht.
Durch die fundierte Analyse antiker Texte, Objekte und Kunstwerke aus verschiedenen Epochen und Regionen der iranischen Geschichte sowie der mittelalterlichen Handelsrouten, über die diese Artefakte transportiert wurden, bietet Houman M. Sarshars Buch einen umfassenden Einblick in die materielle und visuelle Kultur dieser Gemeinschaft. Darüber hinaus behandelt es die Sozialgeschichte und die Wandlungsprozesse der Juden im Iran, indem es sich mit zeitgenössischen Romanen und Erfahrungsberichten jüdisch-iranischer Frauen auseinandersetzt – von der Ära der Herrschaft Kyros' des Großen (ca. 600 BC–530 v. Chr.) über die Iranische Revolution von 1978/79 CE bis zur Gegenwart. Anhand von Autorinnen wie Gina Barkhordar Nahai und Dalia Sofer wird die fiktionale Darstellung der jüdisch-iranischen Geschichte analysiert; zudem wird die fundamentale Rolle des kollektiven Gedächtnisses und der Tradition für diese Gemeinschaft thematisiert. Die Untersuchung der Identitätskonstruktion aus den Blickwinkeln Religion, Geschlecht und Ethnizität zeigt, in welchem Maße die Werke dieser Autorinnen gängige Vorstellungen und Stereotype über das jüdische „Andere“ untergraben und dabei anstreben, ein neues Narrativ zu entwickeln, das die jüdischen Iraner in das kollektive Verständnis des Iranerseins integriert. Diese langzeitliche Betrachtung des kulturellen Einflusses der Juden auf die soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung des Iran stellt einen wertvollen Beitrag zu den jüdisch-iranischen Studien sowie zur umfassenderen Forschung zur iranischen Geschichte dar.
Arezoo Makvandi untersucht in ihrer Dissertation (Makvandi 2023/24) die komplexe Wechselbeziehung zwischen historischen Faktoren und der Identitätsbildung im persischen Judentum während der Frühen Neuzeit sowie im 19. Jahrhundert. Sie betont die Dynamik und Mehrdimensionalität jüdischer Identitäten und argumentiert, dass es keine einheitliche jüdische Identität gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl von Identitäten, die sowohl durch interne als auch externe Einflüsse geprägt werden.
Insbesondere wird der Übertritt zu anderen Glaubensrichtungen als entscheidender Faktor für die Herausbildung dieser Identitäten hervorgehoben. Die Analyse stützt sich überwiegend auf Sekundäranalysen von Primärquellen, darunter seltene jüdisch-persische Chroniken wie das "Ketāb-e anūsī " ("Das Buch des Zwangsbekehrten") von Bābāī ibn Lutf, einem jüdischen Dichter und Historiker im Iran des 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Safaviden sowie auf mündliche Überlieferungen der jüdischen Gemeinschaft von Maschhad, welche als zentrales Fallbeispiel dient. Durch die umfassende Untersuchung dieses spezifischen Beispiels aus dem persischen Judentum werden Erinnerungsüberlieferungen und gemeinschaftliche Bindungen als essenzielle Mechanismen identifiziert, die es den Juden von Maschhad ermöglichten, ihre Identität zu bewahren. Ziel ihrer Studie ist es, das Verständnis zu vertiefen, dass diese Mechanismen nur durch den ausgeprägten Gemeinschaftszusammenhalt der jüdischen Bevölkerung gedeihen konnten – ein Zusammenhalt, der sich trotz der Konversionen und der religiösen Homogenität, die die Safaviden- und Qajarenzeit prägten, sogar weiter verstärkte.
Im Rahmen meiner Analyse zur Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Herat, Afghanistan, nimmt die Religion eine zentrale Position als prägende Kraft ein. Diese Kraft spiegelt sowohl die Einheit als auch die Vielfalt muslimischer und jüdischer Identitäten wider und beleuchtet die Praktiken der jüdischen Diaspora innerhalb einer überwiegend muslimischen Gesellschaft. Die Untersuchung historischer Austauschprozesse zwischen verschiedenen Religionen, sowie die transnationalen Erfahrungen diverser Glaubensgemeinschaften in einer zunehmend globalisierten und politisierten Welt, verdeutlichen die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit den Konzepten „Religion“, „religiöse Identität“ und „Religionsfreiheit“ im aktuellen Kontext. Ziel dieses Kapitels ist es, zu einem vertieften Verständnis der historischen und gegenwärtigen religiösen Dynamiken auf globaler Ebene beizutragen. Die Analyse interkultureller Einflüsse auf politischer, sozialer und religiöser Ebene wird im Rahmen des religiösen Multikulturalismus als von herausragender Bedeutung erachtet.
Das Judentum hat seine Wurzeln vor mehr als 3.000 Jahren in der historischen Region, die sich zwischen Ägypten, Syrien und der Arabischen Halbinsel erstreckt. Laut jüdischer Tradition trat der Stammvater Abraham in einen Bund mit Gott, der ihm und seinen Nachkommen ein verheißenes Land zusicherte. Daraus formierte sich das "jüdische Volk", das eine tiefgreifende religiöse Verbindung zu Kanaan, später bekannt als Israel, entwickelte. Die grundlegenden Prinzipien der israelitischen Religion sind im Bund Gottes mit Abraham, Isaak und Jakob verankert.
Die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 CE führte zu einem entscheidenden Wandel in der israelitischen Religionsauffassung. Die Geschichte und das Glaubenssystem des Judentums sind untrennbar miteinander verknüpft und gekennzeichnet von Kriegen, politischer Instabilität, Vertreibungen, Verfolgungen und der Diaspora. Der Begriff "Diaspora" (griechisch für "Zerstreuung") ist seit der Zerstörung des zweiten Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahr 70 CE eng mit der jüdischen Identität verknüpft. Die Sehnsucht nach "Zion" und der innere Wunsch, in das von Gott verheißene Land zurückzukehren, sind seit Jahrhunderten zentrale Themen im jüdischen Denken. Jerusalem, oft als "Stadt des Friedens" bezeichnet, wird als Symbol für Vollkommenheit und Frieden betrachtet. Der Begriff "gelobtes Land" wird sowohl als konkrete geografische Einheit, als auch im Sinne eines universellen Friedens verstanden.
Nach nahezu zwei Jahrtausenden im Exil und in der Diaspora erlebte das 19. Jahrhundert, während der postemanzipatorischen Ära, eine bedeutende Wende: Es entstand das Streben nach der Gründung eines jüdischen Staates, Israel, insbesondere als Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus in den europäischen Nationalstaaten. Die Idee einer Rückkehr der Juden nach Eretz Israel ist eng mit dem Exil nach der Tempelzerstörung verknüpft und manifestierte sich im Zionismus, der am Ende des 19. Jahrhunderts aufkam und von den nationalen Bewegungen in Europa beeinflusst wurde. Während dieser Phase nahm die Idee einer Rückkehr zur historischen Heimat einen zentralen Stellenwert ein, obwohl Juden bereits vor der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 CE in der Diaspora lebten, die sich von Ägypten bis nach Kleinasien ausdehnte.
Mit dem Verlust ihrer religiösen und nationalen Identität und der Abkehr von politischer Souveränität entwickelten die Juden sich zu einem Diasporavolk par excellence. Ihre bedeutendste Schrift nach der Hebräischen Bibel, der Talmud, wurde in Aramäisch in Babylonien verfasst. Wichtige philosophische Werke im Mittelalter, verfasst von Denkern wie Jehuda ben Samuel ha-Levi (1074- 1141 CE), einem sephardischen Philosophen und dem bedeutendsten hebräischen Dichter des Mittelalters sowie Moses Maimonides (1135/ 1138-1204 CE) einem andalusischen jüdischen Philosophen, Rechtsgelehrten, Theologen und Arzt, entstanden in arabischer Sprache in Spanien und Nordafrika. Im 18. Jahrhundert war Moses Mendelssohn (1729-1786) eine Schlüsselfigur unter den deutschsprachigen Intellektuellen.
Trotz ihrer tiefen Verwurzelung in der Umgebung verloren die Juden über die Jahrhunderte hinweg nicht ihre emotionale Verbindung zu dem Land, das sie als Israel bezeichnen, und das von den Römern als "Palästina" benannt wurde, als Strafe für den jüdischen Aufstand. In biblischer Zeit erinnert Psalm 137:
"Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand vertrocknen."
Der Psalmist schildert, wie die Vertriebenen an den Ufern Babylons saßen und weinten, während sie an Jerusalem dachten. Auch wenn der historische Nachweis dieser Erzählungen nicht eindeutig ist, beeinflussten sie das jüdische Leben in den nachfolgenden Jahrhunderten erheblich. Aus allen Richtungen der Zerstreuung beteten die Menschen, in Richtung Jerusalem gewandt, dreimal täglich für eine Rückkehr, symbolisiert durch den Berg Zion. Bewegende Dichtungen aus dem Mittelalter belegen den Rückkehrwunsch, den viele Juden, in unterschiedlichem Maße, erfüllten. Falls sie nicht physisch nach Palästina reisten, geschah es oft mit dem Bestreben, dort zu sterben. Dies gilt für zahlreiche spanisch-jüdische Denker des Mittelalters sowie für Moses Mendelssohn (1729-1786), der eines seiner bedeutendsten religionsphilosophischen Werke "Jerusalem" betitelte.
Nach der Shoah wurde im Jahr 1948, mit der Zustimmung der UN-Vollversammlung, der jüdische Staat Israel gegründet, der als sicherer Hafen für Jüdinnen und Juden weltweit fungieren sollte. Er ist der einzige Staat, in dem Jüdinnen und Juden eine Bevölkerungsmehrheit bilden.
Im Rahmen der Religionsgeschichte hat der Begriff "Diaspora" orientiert an der jüdischen Diaspora, oft eine negative Konnotation. Hingegen hat er in der zeitgenössischen Kulturwissenschaft eine positive Umdeutung erfahren. Die diasporische Situation eröffnet theoretisch die Möglichkeit für Identitäten, die nicht an nationale Grenzen gebunden sind und die Integration vielfältiger kultureller, religiöser und ethnischer Dimensionen begünstigen. Gleichwohl kann die Verbindung und Loyalität zum Herkunftsland in einer diasporischen Lebenssituation verstärkt werden, was zu einer Abgrenzung von anderen Gruppen führen kann.
Diasporische Identitäten entwickeln sich im Spannungsfeld zwischen (a) der Orientierung an einer realen oder mythologischen Herkunftsregion, (b) einer spezifischen Migrationsgeschichte, (c) interner Solidarität in der Diasporagruppe und (d) den Lebensrealitäten in den Zuwanderungsgebieten. Angehörige einer Diaspora empfinden häufig eine tiefe Verbundenheit durch gemeinsames Erbe, Geschichte, Religion und/oder Kultur. Diese Zugehörigkeit wird im Regel als generationenübergreifend und familiär definiert. Die Inhalte, die Bedeutung und die Reichweite dieses Zugehörigkeitsgefühls sowie die zugrunde liegenden Merkmale unterliegen einem situativen und historischen Wandel.
Der Begriff „Diaspora“ konzentrierte sich über lange Zeit überwiegend auf die Erfahrungen von Vertreibung und Versklavung der jüdischen Bevölkerung nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im 6. vorchristlichen Jahrhundert, was einen zentralen Bezugspunkt für die Identität jüdischer Gemeinschaften darstellt. Das moderne Verständnis von Diaspora reflektiert diese historische Bedeutung, erweitert jedoch den semantischen Rahmen, indem es Elemente der jüdischen Diasporanarrative mit den historischen Erfahrungen anderer ethnischer und religiöser Gruppen verknüpft.
Literatur: Houman, Sarshar (ed.) Esther's Children: A Portrait of Iranian Jews. Beverly Hills, CA: The Center for Iranian Jewish Oral History, 2002; Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale). Facoltà/Dipartimento, Università die Padova, 202372024; "Jews of Iran from Antiquity to the 19th Century", auf morasha.com.br, abgerufen am 17.05.2026, Levy, Habib, Comprehensive History of the Jews of Iran: The Outset of the Diaspora. Abridged and edited from Persian by Hooshang Ebrami. Translated by George W. Maschke. Costa Mesa, CA.: Mazda Publishers, 1999; „Diaspora”, auf gra.ch, abgerufen am 08.03.2026; Nieswand, Boris. „Was ist eine Diaspora?“ auf bpb, abgerufen am 08.03.2026; Brenner, Michael. "Was ist Zionismus? Eine Einführung," auf bp.de, abgerufen am 09.03.2026.
Das Königreich der Meder
Unter der Führung eines einzigen Herrschers gelang es den Medern, sich zu einer kohärenten Nation zu formieren. Historisch lassen sich die Meder zwischen etwa 674 BC und 550 BC im antiken Iran nachweisen. Bedauerlicherweise hinterließen sie keine schriftlichen Aufzeichnungen. Die bedeutendsten Quellen zur Analyse ihrer Geschichte entstammen archäologischen Entdeckungen sowie assyrischen und babylonischen Dokumenten, nebst den Berichten griechischer Historiker, insbesondere des antiken griechischen Geschichtsschreibers Herodot (490/480 BC - um 430/420 BC).
Herodot vermerkt, dass die neu gegründete Dynastie der Meder Ansprüche auf eine Abstammung von Deiokes erhob, dem Begründer von Ekbatana, der Hauptstadt der Meder. Deiokes war ein mannäischer König, dessen Regierungszeit unklar ist, aber auf 728 BC bis 716 BC geschätzt wird.
Dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot zufolge war Deiokes ein Meder und fungierte in seinem Heimatort als angesehener Richter, der aufgrund seiner gerechten Urteile einen sehr guten Ruf genoss und weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt war. Der Andrang auf seine Urteilssprechungen war sehr groß, und Deiokes erkannte dadurch, dass er das Volk in der Hand hatte.
Unter dem ersten Monarchen dieser Dynastie löste sich Medien von der assyrischen Oberherrschaft. Der darauf folgende König, Phraortes, war in der Lage, die damaligen Perser, die im südlichen und östlichen Bereich von Medien lebten, zu unterwerfen. Phraortes (Frawartiš bzw. Phraortes) wurde in der bisherigen Forschung als König der Meder geführt, der angeblich von 675 BC bis 653 BC regiert haben soll. Auf Grund neuerer Untersuchungen werden die Belege von Herodot als nicht historisch korrekte Konstruktion abgelehnt (Rollinger, 2005, S. 6–7).
Unter Phraortes etablierte sich eine neue politische Macht, die unter der Herrschaft des dritten Königs, Kyaxares I. (r. 715 BC bis 685 BC ) in enger Allianz mit Babylon gegen die Assyrer vorging und im Jahr 612 BC die Stadt Ninive dem Erdboden gleichmachte. Die Zerstörung dieser Hauptstadt führte jedoch nicht zum vollständigen Untergang der assyrischen Kultur. Ihr Einfluss war weiterhin in Medien, Persien, Elam und in anderen an das ehemalige Großreich Assyrien angrenzenden Regionen spürbar. Assyrien hatte zwar seine politische Relevanz im Vorderen Orient verloren, jedoch überdauerte seine kulturelle Präsenz in Ekbatana und in zahlreichen weiteren medischen Städten.
Nach dem Fall Ninives übernahmen die Babylonier die Kontrolle über das Tiefland Mesopotamiens, während sich die Meder im Hochland nördlich von Assyrien konsolidierten. Ihr Einflussgebiet erstreckte sich im Westen bis nach Kappadokien in Kleinasien. Das Königreich Kyaxares I. grenzte im Norden an das Großreich Babylon des Nebukadnezar (604-562 BC). Die Beziehungen zwischen den beiden Reichen gestalteten sich friedvoll, und als es zwischen den Medern und den Lydiern in Kleinasien zu einem Konflikt kam (590 BC-585 BC), riefen die Letzteren die Babylonier als Vermittler an. Der Halys (heute türkisch Kızılırmak, „roter Fluss“), in der Antike ein strategisch bedeutsamer Grenzfluss in Kleinasien, wurde als Grenze festgelegt, und der Friedensschluss wurde durch die Heiratsallianz zwischen dem Sohn Kyaxares und einer Tochter des lydischen Herrschers besiegelt.
Die Macht der Meder – oder zumindest deren Ruf – reichte so weit, dass die im Exil lebenden Juden mit Zuversicht hofften, dass Medien Babylon besiegen würde (Jesaja 13,17; 21,2; Jeremia 51,11, 28).
Jesaja 13,17 Siehe, ich stachle die Meder gegen sie auf, / denen das Silber nichts gilt / und das Gold nichts bedeutet.
Jesaja 21,2 Eine harte Vision wurde mir kundgetan: / Der Betrüger betrügt, der Verwüster verwüstet. Zieh herauf, Elam! / Medien, beginne mit der Belagerung! / All ihrem Seufzen mache ich ein Ende.
Jeremia 51,11 Schärft die Pfeile, füllt die Köcher! / Der HERR hat den Geist der Könige von Medien erweckt; denn sein Plan richtet sich gegen Babel, / es zu vernichten. Ja, das ist die Vergeltung des HERRN, / die Vergeltung für seinen Tempel.
Jeremia 51,28 Weiht Nationen gegen sie, / die Könige von Medien, seine Statthalter und alle seine Vorsteher / und das ganze Land ihrer Herrschaft!
Literatur: Rollinger, Robert "Das Phantom des Medischen „Großreichs“ und die Behistun-Inschrift". In: Edward Dabrowa: Ancient Iran and its Neighbours, Paris: Achemenet, 2004 (Electrum 10, Krakau (2005); "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026
Das Reich der Perser
Das Perserreich, bekannt als das Großreich der Perser, erstreckte sich zeitweise von Thrakien bis hin nach Nordwestindien und Ägypten. Es existierte in variierenden Größenordnungen von ca. 550 BC bis 330 BC (Altpersisches Reich der Achämeniden) und von etwa 224 CE bis 651 CE (Neupersisches Reich der Sassaniden). Das zentrale Kernland des Perserreichs war die Persis (altpersisch Parsa), eine Region im Südwesten Irans. Dieser Überblick umfasst sowohl die Ära der Seleukiden als auch das iranische Partherreich der Arsakiden, das die makedonisch-griechische Herrschaft ablöste. In vielerlei Hinsicht fanden die Sassaniden Anleihen bei den Parthern, weshalb die Geschichte des vorislamischen Persiens aus Verständnisgründen in diesem Artikel konsolidiert behandelt wird.
Das erste und berühmteste persische Großreich, das Achämenidenreich (ca. 550 BC–330 BC), wurde von Kyros dem Großen gegründet. Es war das größte Reich der damaligen Welt und erstreckte sich von Thrakien in Europa bis an den Indus in Südasien. Das Reich war in sogenannte Satrapien (Provinzen) unterteilt, die von regionalen Statthaltern regiert wurden. Ein ausgeklügeltes Straßennetz – darunter die berühmte Königsstraße – sowie ein früher Postdienst ermöglichten schnelle Kommunikation und Handel. Das Reich ging unter, als es 330 BC von Alexander dem Großen erobert wurde. Nach dem Zerfall des Alexanderreichs und der Herrschaft der griechischen Seleukiden übernahmen die iranischen Arsakiden (Parther) die Kontrolle und bauten das mächtige Partherreich (ca. 150 BC – 224 CE.) auf, das den Römern als ebenbürtiger Gegner im Osten entgegentrat.
Das zweite große persische Weltreich in der letzten vorislamischen Epoche Persiens war das Sasanidenreich (224 CE–651 CE). Die Sasaniden erlebten eine kulturelle und politische Blütezeit, die stark vom zoroastrischen Glauben geprägt war. Ihre Hauptstadt war Ktesiphon (im heutigen Irak). Das Reich wurde im 7. Jahrhundert durch die arabisch-islamische Expansion zerschlagen.
Die persischen Reiche waren nicht nur für ihre militärische Stärke bekannt, sondern zeichneten sich oft durch große administrative Effizienz, beeindruckende Palastarchitektur (wie in der Residenzstadt Persepolis) und religiöse Toleranz aus. Die kulturellen und administrativen Errungenschaften der Perser wirken bis heute im modernen Iran fort.
In den vergangenen Jahrzehnten hat die Geschichte Persiens vermehrt das Interesse eigenständiger wissenschaftlicher Forschungen geweckt. Ein wesentlicher Wendepunkt in der Untersuchung des Achämenidenreichs stellte die Durchführung der Achaemenid History Workshops in den 1980er Jahren dar, ergänzt durch die Arbeiten namhafter Wissenschaftler wie der niederländischen Althistorikerin Heleen Sancisi-Weerdenburg (1944-2000), spezialisiert auf die klassische griechische und die achämenidische Geschichte, der deutsch-britischen Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschichte des Nahen Ostens, Amélie Kuhrt (1944- 2023), des französischen Althistorikers Pierre Briant und Josef Wiesehöfers, Althistoriker und emeritierter Professor für Alte Geschichte an der Christian Albrechts-Universität zu Kiel. Das Sassanidenreich wird derzeit zunehmend im Kontext der spätantiken Geschichte erforscht.
In assyrischen Quellen des 9. Jahrhunderts BC wird das Land Parsua erwähnt, das offenbar südlich von Armenien liegt. Während einige Forscher die Hypothese aufstellen, dass es sich dabei um das Ursprungsgebiet der Perser handeln könnte, fehlt bislang ein schlüssiger Beleg zur Untermauerung dieser Annahme. Die früheste eindeutige Erwähnung Persiens, definiert als das Gebiet östlich und südlich von Elam, findet sich in den "Annalen Assurbanipals" aus der Mitte des 7. Jahrhunderts BC.
Diese Dokumente verzeichnen, dass Assurbanipal Tribute von Kurasch, dem König von Parsumasch, empfangen hat, wobei Kurasch mit Kyros I., einem Ahnen des Kyros II. des Großen, identifiziert wird. Aufgrund interner Konflikte und der Furcht vor Assyrien hielten sich die Perser zunächst von den politischen Entwicklungen in Westasien fern. Im Verlauf des 6. Jahrhunderts BC begannen sie jedoch, eine zunehmend bedeutende Rolle in der politischen Landschaft zu übernehmen.
Die "Annalen Assurbanipals", entstanden in der Mitte des 7. Jahrhunderts BC (Regierungszeit etwa 668 BC–631 BC), sind bedeutende keilschriftliche Dokumente, die die militärischen Unternehmungen und Ereignisse während der Herrschaft von Assurbanipal, dem letzten bedeutenden König des Assyrischen Reiches, chronologisch festhalten. Diese Texte wurden häufig auf Tonprismen oder Tontafeln niedergeschrieben und in der Bibliothek von Ninive archivarisch aufbewahrt. Sie dokumentieren detailliert die militärischen Operationen gegen Ägypten, Tyros, Urartu, Babylon, Arabien und Elam und berichten von Strafaktionen gegen Aufständische, einschließlich der Eroberungen von Sais, Mendes und Tanis.
In den Annalen finden sich unter den frühesten eindeutigen Verweisen auf Persien Berichte über Tribute von Kurasch, dem König von Parsumasch. Darüber hinaus werden die Kimmerier als Gi-mir-(ra-)a-a und Gyges von Lydien als "Gugu, König von Luddi", die assyrische Bezeichnung für Gyges , den berühmten ersten historischen König von Lydien (ca. 7. Jh. BC )erwähnt. Eine der renommiertesten Versionen der Annalen ist der sog. "Rassam-Zylinder", der über etwa 1.300 Zeilen die Feldzüge dokumentiert. Der Rassam-Zylinder A ist ein zehnseitiges Prisma, das 1854 von H. Rassam im sogenannten Nordpalast des Assurbanipal zu Kujundschik gefunden wurde. Der Rassam-Zylinder Rm A wurde 1878 ebenfalls von H. Rassam unweit der Fundstelle von Zylinder A entdeckt. Weitere Informationen finden sich in dem 1916 von M. Streck veröffentlichten Werk über das urkundliche Material der assyrischen Geschichte ab Assurbanipal (Streck 1916a).
Die Annalen folgen nicht stets einer strengen chronologischen Abfolge, sondern ordnen die Ereignisse häufig nach den jeweiligen Feldzügen, wobei die Darstellung der kriegerischen Operationen stellenweise willkürlich erscheint. Sie illustrieren die Grenze zwischen Bestrafung und Erniedrigung, um die absolute Autorität des Königs darzustellen. Diese Texte sind von grundlegender Bedeutung für die Rekonstruktion der Geschichte des Vorderen Orients im 7. Jahrhundert v. Chr.
Literatur: "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026; Assurbanipal und die letzten assyrischen Könige bis zum Untergange Niniveh's, bearb. von Maximilian Streck, vol. I-III, Leipzig: J. C. Hinrichs, 1916; "9.2.2.1 Gûgu von Luddi", auf www.kimmerier.de, abgerufen am 14.05.2026.
Die Achämeniden
Zu Beginn des 7. Jhdts. v. Chr. tauchte östlich von Elam eine neue Dynastie persischer Fürsten auf, die sich nach ihrem ersten Fürsten Achaimenes benannte.
Achaimenes (altpers. Haxāmaniš) gilt als der mythische Begründer und eponyme (namensgebende) Heros der Achämeniden-Dynastie, der die Großkönige des altpersischen Reichs angehörten. Dieses Reich wird daher auch Achämenidenreich genannt. Der altpersische Name Haxāmaniš setzt sich zusammen aus haxā („den durch (gegenseitige) Gefolgschaft Verbundenen“) und maniš („Sinn“). Nach der griechischen Mythologie war er der Sohn des Perses und Enkel des Perseus, nach dem die Perser benannt wurden, und wurde von einem Adler ernährt.
Achaimenes soll um 701 BC die große Wanderbewegung der Perser aus dem Gebiet südlich des Urmiasees nach Süden durch das Gebiet der Meder und Elamer angeführt haben, die schließlich mit der Niederlassung im Gebiet um das spätere Persepolis beendet wurde. In Susa gefundene Tontäfelchen bezeugen, dass die Perser bereits um 685 BC Lehenssitze auf elamischem Gebiet innehatten.
Nach der späteren Überlieferung folgte auf Achaimenes dessen Sohn, der die aus Keilschriftdokumenten des 3. und 2. Jhdts. BC gut bekannte Provinz Anschan (südöstlich von Susa) eroberte. Teispes war ein früher achämenidischer König der Perser (regierte ca. 675–ca. 640 BC) und der Stammvater der Großkönige Dareios I. und Kyros II.
Teispes wurde vom Mederkönig Phraortes unterworfen, konnte aber später die Kontrolle über die Persien genannte Landschaft erlangen. Auf Teispes folgten Kyros I. und Kambyses I.; Persien blieb jedoch weiterhin ein Vasall Mediens.
Wie bereits erwähnt wurde Frawartiš bzw. Phraortes (altpersisch Fravartiš) in der bisherigen Forschung als König der Meder geführt, der angeblich von 675 BC bis 653 BC regiert haben soll. Auf Grund neuerer Untersuchungen werden die Belege von Herodot als nicht historisch korrekte Konstruktion abgelehnt.
Literatur: Rollinger, Robert. "Das Phantom des Medischen „Großreichs“ und die Behistun-Inschrift. In: Edward Dabrowa. Ancient Iran and its Neighbours. Paris: Achemenet, 2004 (Electrum 10, Krakau (2005); "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026; "Teispes", auf britannica.com, abgerufen am 14.05.2026.
Kyros II. und das persische Weltreich
Kyros II. (559 BC–530 BC) konsolidierte zunächst seine Macht in Persien, bevor er sich gegen die Dominanz Mediens erhob. Im Jahr 551 BC stürzte er den letzten medischen König, Astyages (altgriech. Ἀστυάγης, altpers. Ṛšti-vaiga), welcher als letzter Herrscher der medischen Kyaxares-Konföderation gilt. Als Sohn des Kyaxares II. und gemäß Herodot als Großvater des Perserkönigs Kyros II. ist die genaue Dauer seiner Herrschaft in der Forschung umstritten. Diese wird entweder auf ein Jahr, von 551 BC bis 550 BC, oder gemäß Herodots Bericht von 585 BC bis 550 BC datiert.
Astyages eroberte Ekbatana, die medische Hauptstadt, und übte vollständige Kontrolle über die Meder aus, wodurch er sich zum „König der Meder“ krönte. Mit dieser Handlung etablierte er eine Konföderation von Persern und Medern in seinem Reich. Die persischen und medischen Bräuche sowie Gesetze wurden miteinander verschmolzen (vgl. Dan 6,8.15). Die Perser übernahmen die Kultur der Meder, insbesondere ihre religiösen Praktiken, militärischen und politischen Organisationen, Waffentypen sowie deren Kleidung und Sitten.
Im neu geschaffenen Imperium besetzten viele Meder verantwortungsvolle Positionen, während Ekbatana und Susa (Schuschan) in Elam zu den Hauptstädten des neuen persisch-medischen Reiches avancierten. Kyros hatte es erreicht, sein Reich zu einer Weltmacht zu transformieren. Er wandte sich nun gegen Kroisos von Lydien (r. ca. 560 BC–546 BC ), den letzten König von Lydien in Kleinasien (heutige Westtürkei) - dieser galt aufgrund seiner enormen Schätze als reichster Mann der Antike -, der möglicherweise Unterstützung von Amasis (auch Ahmose II.) von Ägypten, einem ägyptischer Pharao (r. 570 BC-526 BC ) und möglicherweise auch Nabonid (oder dessen Regent Belsazar) von Babylon (nach 609 BC - frühestens BC) den letzten König des Neubabylonischen Reiches (r. 556 BC bis 539 BC) erhielt.
Im Jahr 547 BC besiegte Kyros II. Kroisos ( um 590 BC - um 54 BC oder später), den letzten König des in Kleinasien gelegenen Lydiens. Letzterer regierte von etwa 555 BC bis 541 BC und war vor allem für seinen Reichtum und seine Freigiebigkeit bekannt. Kyros II. eroberte dessen wohlhabende Stadt Sardes (Sepharad bei Obadja, V. 20).
Schließlich rückte Kyros II. 539 BC gegen Babylon vor. Am 29. Oktober eroberte sein General Gubaru (Gobyras) Babylon, und Kyros II. konnte triumphierend in die Stadt einziehen (vgl. Dan 5,28ff). Mit diesem Sieg wurde Persien zur führenden Macht im Vorderen Orient. Kyros II. unternahm zahlreiche Feldzüge zur Festigung von Persiens Stellung in Westasien, wobei einer seiner Titel „König von Babylon und König der Länder“ lautete.
Literatur: Rollinger, Robert. "Medien". In: Eder, Walter und Johannes Renger (Hrsg.): Herrscherchronologien der antiken Welt. Namen, Daten, Dynastien (= Der Neue Pauly. Supplemente. Band 1) Stuttgart/Weimar: Metzler, 2004, S. 112–115, hier 112; "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026.
Kyros‘ Religionspolitik und Befreiung der Juden
In seinem Appell an die jüdischen Exilanten in Babylon (Esr 1,1-4) tritt Kyros II. als Gesandter „des Gottes, der in Jerusalem wohnt“ (V. 3) auf und gestattet ihnen, „das Haus des Herrn“ wiederaufzubauen.
Der Begriff „Kyrosedikt“ beschreibt den Erlass des Perserkönigs Kyros II., der im Alten Testament überliefert ist, dort jedoch nicht als „Kyrosedikt“ bezeichnet wird. Laut 2Chr 36,22f und Esr 1,1-4 erweckt JHWH den Geist des Perserkönigs, damit dieser den Auftrag gibt, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen und die Verbannten Judäer aus Babylon nach Juda zurückkehren zu lassen.
Esr 1,1-4:
1Im ersten Jahr des Königs Kyrus von Persien sollte sich erfüllen, was der HERR durch Jeremia gesprochen hatte. Darum erweckte der HERR den Geist des Königs Kyrus von Persien und Kyrus ließ in seinem ganzen Reich mündlich und schriftlich den Befehl verkünden: 2So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. 3Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört - sein Gott sei mit ihm - , der soll hinaufziehen nach Jerusalem in Juda und das Haus des HERRN, des Gottes Israels, aufbauen; denn er ist der Gott, der in Jerusalem wohnt. 4Und jeden, der irgendwo übrig geblieben ist, sollen die Leute des Ortes, in dem er ansässig war, unterstützen mit Silber und Gold, mit beweglicher Habe und Vieh, neben den freiwilligen Gaben für das Haus Gottes in Jerusalem
Esra 1, 1-4 beschreibt das erste Jahr des Perserkönigs Kyros II., in dem Gott dessen Geist erweckte, um den Bau des Tempels in Jerusalem zu ermöglichen. Kyros II. erlässt einen schriftlichen und mündlichen Befehl, der den Juden die Rückkehr und den Wiederaufbau gestattet.
Der Text (Esra 1, 1-4) betont, dass dies geschah, um das Wort des Herrn durch den Propheten Jeremia zu erfüllen. Kyrus erlaubt den verbannten Juden, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel für den Herrn, den Gott Israels, zu bauen. Die Bevölkerung an den jeweiligen Orten soll die Rückkehrer mit Silber, Gold, Gut und Vieh unterstützen.Dies markiert den Beginn der Rückkehr aus dem babylonischen Exil.
Esra 1,1-4 beschreibt demnach den Beginn der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Im ersten Jahr des Kyros II. von Persien erfüllt sich das Wort des Herrn durch Jeremia. Kyros II. lässt verkünden, dass die Juden nach Jerusalem zurückkehren dürfen, um den Tempel des Herrn wiederaufzubauen, und bittet die Rückkehrer um Unterstützung.
Vers 1: Kyrus, König von Persien, wird vom Herrn dazu bewegt, das Wort durch Jeremia zu erfüllen.
Vers 2: Kyrus bekennt, dass der Herr (JHWH) ihm alle Königreiche gegeben hat und er den Auftrag hat, einen Tempel in Jerusalem zu bauen.
Vers 3: Kyrus erlaubt den Juden, die unter ihm sind, nach Jerusalem zu ziehen, um den Tempel des Herrn zu bauen.
Vers 4: Die Umgebung der Rückkehrer soll sie mit Silber, Gold, Gut und Vieh unterstützen.
Dieser Aufruf korrespondiert mit seiner politischen Strategie einer religiösen Wiedergutmachung, die er auch in Babylon sowie in anderen eroberten Gebieten verfolgte. Beispielsweise wurden die religiösen Artefakte, die aus dem Tempel in Jerusalem entnommen worden waren, den Juden zurückgegeben. Des Weiteren berichtet Esr 1,1-7 von einem Dekret, das allen Juden, die dies wünschten, die Rückkehr nach Jerusalem gestattet.
Esr 1,5-7:
5Die Familienoberhäupter von Juda und Benjamin sowie die Priester und Leviten, kurz alle, deren Geist Gott erweckte, machten sich auf den Weg, um hinaufzuziehen und das Haus des HERRN in Jerusalem zu bauen. 6Alle ihre Nachbarn unterstützten sie mit Silbergeräten, mit Gold, mit beweglicher Habe und mit Vieh sowie mit wertvollen Dingen, abgesehen von dem, was jeder für den Tempel spendete. 7König Kyrus gab auch die Geräte des Hauses des HERRN zurück, die Nebukadnezzar aus Jerusalem weggeschleppt und in das Haus seines Gottes gebracht hatte.
Im Gegensatz dazu erwähnt der zweite Text über dieses Dekret (Esr 6,2-5) keine allgemeine Genehmigung zur Rückkehr; er beschäftigt sich lediglich mit Bestimmungen zum Wiederaufbau des Tempels aus Mitteln des königlichen Schatzes und der Rückführung der heiligen Gefäße.
Esr 6,2-5:
2In der Festung Ekbatana in der Provinz Medien fand man eine Schriftrolle, in der geschrieben war: Beurkundung: 3Im ersten Jahr des Königs Kyrus hat König Kyrus einen Befehl erlassen, der das Gotteshaus in Jerusalem betrifft: Das Haus soll wieder aufgebaut werden als Ort, an dem man Opfer darbringt. Seine Fundamente sollen erhalten bleiben. Seine Höhe soll sechzig Ellen betragen und seine Breite zwanzig Ellen. 4Auf drei Lagen Quadersteinen soll eine Lage Holz kommen. Die Kosten bestreitet der königliche Hof. 5Auch soll man die goldenen und silbernen Geräte des Gotteshauses zurückgeben, die Nebukadnezzar aus dem Tempel von Jerusalem weggenommen und nach Babel gebracht hat. Alles soll wieder an seinen alten Platz in den Tempel von Jerusalem kommen und in das Gotteshaus gebracht werden.
Daher besteht die Möglichkeit, dass Sesbazar (Esr 5,14), Fürst von Israel, tatsächlich nicht vom König zum Gouverneur der Provinz Judäa ernannt wurde, sondern dass eine königliche Kommission, bestehend aus jüdischen Führern und Fürsten, nach Jerusalem entsandt wurde, um den Tempelbau zu überwachen.
Sesbazar (auch Scheschbazzar) war ein judäischer Fürst und Statthalter im 6. Jahrhundert BC, der unter dem Perserkönig Kyros II. die Rückführung der Tempelgeräte aus Babylon nach Jerusalem leitete und dort den Grundstein für den Tempelneubau legte. Er gilt als Schlüsselfigur der frühen nachexilischen Zeit. Sesbazar agierte in der Übergangszeit nach dem babylonischen Exil. In der Forschung wird diskutiert, ob Sesbazar identisch mit Serubbabel ist. Während einige Auslegungen ihn als babylonischen Namen für Serubbabel betrachten, sehen andere ihn als eine eigenständige historische Person, die zeitlich früher als Serubbabel wirkte. Sesbazar wird im Buch Esra (Esra 1, 5) erwähnt. Er legte den Grundstein für den Tempel, wobei der tatsächliche Bau später unter Serubbabel weitergeführt wurde.
Kyros II. regierte bis 530 BC. Zuvor errichtete er in Pasargadae, nördlich von Persepolis, eine neue Hauptstadt.
Literatur: "Kyrosedikt", auf die-bibel.de, abgerufen am 14.05.202; "Serubabel", auf bibelkommentare.de, abgerufen am 14.05.2026; "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026.
Jüdisches Gemeinschaftsleben im antiken Babylonien und in Persien
Das jüdische Gemeinschaftsleben im antiken Babylonien und in Persien reicht bis in die Zeit der Propheten Jesaja, Jeremia und Ezechiel zurück. Juden leben in diesen Regionen seit ihrer Deportation aus Samaria (722 BC) und aus Judäa (597 BC–586 BC). Unter Kyros II. erhielten alle von den Assyrern und Babyloniern unterjochten Völker die Erlaubnis, in ihre jeweiligen Heimatländer zurückzukehren; im Jahr 538 BC gestattete er zudem den Juden, ihren Tempel in Jerusalem wiederaufzubauen. Die Erinnerung an seine Großmut wurde in mehreren Büchern der Bibel bewahrt, und Kyros II. wird darin sogar ausdrücklich als der "Gesalbte des Herrn" und als "dessen Hirte" bezeichnet. Jesaja 44,28 ist eine bemerkenswerte prophetische Aussage, in der Gott den persischen König Kyrus (Kores) namentlich als seinen "Hirten" bezeichnet. Er beauftragt ihn, den Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels nach dem babylonischen Exil zu ermöglichen, lange bevor Kyros diese Macht erlangte:
28 "der zu Kyrus sagt: Mein Hirte! Er soll all meinen Willen vollenden und sagen zu Jerusalem: Werde wieder gebaut!, und zum Tempel: Werde gegründet!"
In 2. Chronik 36, 22-23: (vgl. Esra, 1, 1-4) erfolgt die Ankündigung der Rückkehr aus der babylonischen Gefangeschaft:
22 "Aber im ersten Jahr des Kyrus, des Königs von Persien, erweckte der Herr – dass erfüllt würde das Wort des Herrn durch den Mund Jeremias – den Geist des Kyrus, des Königs von Persien, dass er in seinem ganzen Königreich mündlich und auch schriftlich verkünden ließ: 23So spricht Kyrus, der König von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei der Herr, sein Gott, und er ziehe hinauf!"
Infolge dieses Edikts kehrten fast 50.000 Juden in das Land Israel zurück; viele jedoch entschieden sich dafür, an den Flüssen Babylons und in Persien zu verbleiben. Auf diese Weise bildeten sie den Kern einer bedeutenden Diaspora, die unter den Dynastien der Achämeniden, Parther und Sassaniden sowohl an zahlenmäßiger Stärke als auch an Bedeutung weiter zunahm.
Das Ende des ersten Jahrtausends der christlichen Zeitrechnung markierte einen wesentlichen Wandel des regionalen kulturellen Einflusses innerhalb der jüdischen Welt, der bis ins zweite Jahrtausend sowie die frühe Neuzeit und das frühe 21. Jahrhundert anhielt. Trotz der Herausbildung europäischer Zentren jüdischer kultureller und geistiger Strömungen nahm der Iran dabei eine "semiperiphere Rolle" ein. Nichtsdestotrotz konnte das jüdische Leben im Iran trotz diverser dynamischer Veränderungen fortbestehen, auch wenn es mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert war, insbesondere in Zeiten, in denen die jüdische Gemeinschaft Phasen von religiösem, politischem und sozialem Druck durchlebte. Jede Krise trug zur Bereicherung des komplexen und vielschichtigen Identitätsgefüges bei.
Die Geschichte der Juden im Iran - obgleich ein bedeutendes Kapitel innerhalb der jüdischen Geschichte - ist weitgehend im Dunkeln geblieben, was zu zahlreichen offenen Fragen und unerforschten Lücken führt. Allgemein wird angenommen, dass die ersten Juden, die sich im Iran niederließen, ehemalige Gefangene aus Babylon waren, die unter Kyros II. befreit wurden und seiner Armee nach Persia folgten, statt in ihre Heimat zurückzukehren. Kyros II. (altpers. Kūruš, neupers. کوروش بزرگ Kurosch-e bozorg, "Kurosch der Große", um 590 BC/ 580 BC - 530 BC) oft auch "Kyros der Große" genannt, Sohn des Kambyses I., regierte Persien von etwa 559 BC bis 530 BC als sechster König der Achämeniden-Dynastie und ernannte seinen ältesten Sohn Kambyses II. zum Nachfolger.
Diese Annahme stützt sich vor allem auf unbestreitbare biblische Überlieferungen, die die Beziehungen zwischen den Juden und dem persischen Reich detailliert dokumentieren. Auch wenn es schwierig ist, eine definitive, dokumentarisch gesicherte Antwort zu erlangen, wird angenommen, dass die erste Welle jüdischer Migranten Persien nach der assyrischen Invasion des nordisraelitischen Königreichs im Jahr 722 BC erreichte. Auf die Invasion des südlichen Königreichs Juda und die Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem durch die Babylonier im Jahr 586 BC folgte ein erzwungenes Exil, bekannt als "Babylonische Gefangenschaft", das ein halbes Jahrhundert andauerte. Dieses Ereignis markiert den Beginn dessen, was später als "jüdische Diaspora" bezeichnet werden sollte. Einige Juden deuteten diesen Verlauf der Ereignisse als göttliche Strafe für ihre vermeintliche Untreue gegenüber dem Bund mit Mose (Amanat, 2011, S. 18).
Kyros II. erweiterte durch seine gezielte Expansionspolitik die Grenzen des ehemals kleinen altpersischen Reiches erheblich. Unter seinen Nachfolgern erstreckte sich das Reich, das bis zur Eroberung durch Alexander den Großen im Jahr 330 BC Bestand hatte, von Indien über Iran und Babylon bis Kleinasien und Ägypten.
Archäologische Kampagnen sowie verbesserte Übersetzungen einer Vielzahl von Keilschrifttexten haben zu neuen Erkenntnissen geführt, die das bisherige Bild des historischen Kyros II. präzisiert haben. Bereits kurz nach seinem Tod wurde der Perserkönig von seinem Volk als "idealer Monarch" legendenhaft glorifiziert. Diese positive Wahrnehmung wurde auch von den griechischen Historikern übernommen und durch seine Darstellung in der Bibel als religiös toleranter Herrscher zusätzlich verstärkt, was bis heute seine Beurteilung prägt. Seine Person gilt nach wie vor als das ideale Abbild eines Königs und Herrschers.
Kyros II. ist der erste Herrscher des Achämenidenreichs, der durch Inschriften und monumentale Bauten als historische Persönlichkeit erkennbar wird. Zu den Primärquellen, die für Kyros II. von Bedeutung sind, zählen archäologische Funde und drei Inschriften, die entweder direkt von ihm selbst verfasst oder in seinem Auftrag erstellt wurden. Diese Inschriften liegen in neu-babylonischer Keilschrift vor. Der Kyros-Zylinder wurde in Babylon entdeckt; eine Inschrift stammt aus Uruk ('Kyros A') und die dritte von Ur ('Kyros B'). Die Zuweisung der Inschriften aus Pasargadae (CMa, CMb, CMc) sowie drei weitere Fragmente (Zendan-Inschrift und CM-Fragmente) an Kyros II. konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden. Von Bedeutung ist zudem die sogenannte "Nabonid-Chronik, die nach dem von Kyros besiegten Nabonid benannt ist und deren lesbarer Teil die letzten Jahre des unabhängigen Babylonien sowie dessen Eroberung durch Kyros II. behandelt.
Unter den antiken Historikern gilt Herodot, (490/480 BC - um 430/420 BC), ein antiker griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler, der etwa ein Jahrhundert nach Kyros II. lebte, als derjenige, der die früheste erhaltene Darstellung überliefert hat. Herodot ist somit die wichtigste griechische Quelle über das Leben Kyros' II. Herodot kannte zahlreiche Legenden über den Perserkönig, einschließlich der Erzählungen zu seinen Jugendjahren und den Umständen seines Todes.
Die Eroberung Babylons durch Kyros II. (Kyros den Großen) im Jahr 539 BC stellt einen bedeutenden Wendepunkt in der jüdischen Geschichte dar. Nach der Einnahme Babylons gewährte Kyros die Genehmigung zur Wiederherstellung des Tempels sowie der Kultstatuen. Im Buch Esra finden sich zwei Passagen, die darauf hindeuten, dass Kyros ein Dekret erlassen hat, das spezifisch Jerusalem und das jüdische Volk betrifft. Gemäß Esra 1,2–4 erließ Kyros ein Edikt, das den Wiederaufbau des zerstörten Tempels genehmigte und den Juden die Rückkehr nach Palästina ermöglichte.
Die Authentizität dieses Edikts wurde jedoch in zahlreichen akademischen Untersuchungen einer kritischen Prüfung unterzogen. Viele Wissenschaftler argumentieren, dass dieses Edikt eng mit der vermeintlichen Propaganda des „Kyros-Zylinders“ verknüpft ist, eines antiken Tonzylinders mit einer königlichen Inschrift, die Kyros II. lobt. Grabbe (2006) weist darauf hin, dass der Zylinder zwar auf den ersten Blick die Existenz eines spezifischen Erlasses für die exilierten Juden nahelegt; es ist jedoch wahrscheinlicher, dass es sich um eine allgemeine politische Maßnahme gegenüber allen gefangenen ethnischen Gruppen handelte, und nicht ausschließlich zugunsten einer bestimmten Minderheit. Nichtsdestotrotz wird Kyros II. in der Hebräischen Bibel hochgeschätzt, da er als „der Gesalbte des Herrn“ bezeichnet wird, eine Bezeichnung, die üblicherweise nur wenigen Nicht-Israeliten zuteilwurde (Amanat, 2011, S. 18).
Nach dem Tod Kyros II. wurde der Tempel wiederaufgebaut, wobei verlässliche historische Quellen über die genauen Umstände fehlen. Die einzige chronologische Erwähnung zu diesem Ereignis findet sich in Esra 6,15, wo behauptet wird, der Tempel sei innerhalb von fünf Jahren, während des zweiten bis zum sechsten Regierungsjahr von Dareios I. (521–516 BC), restauriert worden:
15 Im 6. Regierungsjahr von König Darius, am 3. Tag des Monats Adar, wurde der Tempel fertiggestellt. 16Die Priester, die Leviten und alle übrigen Israeliten, die aus der Gefangenschaft heimgekehrt waren, feierten voller Freude das Fest der Einweihung. 17Sie opferten 100 Stiere, 200 Schafböcke und 400 Lämmer, und für ganz Israel brachten sie als Sündopfer 12 Ziegenböcke dar, für jeden Stamm Israels einen. 18Dann teilten sie die Priester und Leviten zum Tempeldienst in verschiedene Gruppen ein, wie es das Gesetz von Mose vorschreibt.19Am 14. Tag des 1. Monats feierten die zurückgekehrten Israeliten das Passahfest.
In anderen bekannten Quellen fehlt jedoch eine Bestätigung dieser Aussage (Grabbe, S. 284). Während der Achämeniden-Herrschaft entschieden sich viele befreite Juden, in Mesopotamien-Babylonien sowie im Gebiet des heutigen westlichen Iran zu verbleiben, was einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des talmudischen Rechts leistete. Zudem beeinflussten die Interaktionen zwischen Juden und Persern bestimmte eschatologische Vorstellungen innerhalb des Judentums (Amanat, 2011).
Nach dem Babylonischen Exil im 6. Jahrhundert BC lassen sich erste jüdische Siedlungen in Afghanistan nachweisen, da die jüdische Gemeinschaft zu diesem Zeitpunkt bereits über das gesamte Persische Reich zerstreut war, zu dem auch die heutigen afghanischen Regionen gehörten.
In der biblischen Erzählung des Buches Esther wird das Persische Reich als ein Gebiet beschrieben, das sich über 127 Provinzen erstreckte, zu denen vermutlich auch Teile Afghanistans gehörten. Im ersten Kapitel des Buches Esther (Esther 1,1) setzt die Erzählung die Handlung zur Zeit des persischen Königs Ahasveros (oft mit Xerxes I., der von 485 BC bis 465 BC regierte, gleichgesetzt) an:
Zu der Zeit, als Xerxes König von Persien war, gehörten zu seinem Reich 127 Provinzen; sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich von Indien bis nach Äthiopien.
Da Afghanistan zur Zeit des Achämenidenreichs Teil des Königreichs Khorasan war, ist zu vermuten, dass zur Zeit der Purim-Geschichte eine jüdische Bevölkerung vorhanden war. Das Purim-Fest erinnert an ein Ereignis, das sich im Jahr 3405 seit der Schöpfung der Welt (356 BC) ereignete, als das jüdische Volk vor dem Plan des persischen Ministers Haman gerettet wurde, die gesamte jüdische Bevölkerung an einem Tag zu vernichten.
Zu diesem Zeitpunkt erstreckte sich das Persische Reich von Indien bis Äthiopien. Hamans Dekret, das von König Ahasveros genehmigt wurde, drohte mit der weltweiten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung. Der kluge Mordechai rief die Juden zu Gebet und Buße auf, während seine Nichte, Königin Esther, Hamans Niedergang bei einem festlichen Bankett herbeiführte, zu dem sie ausschließlich den König und den Minister einlud. Auf Befehl von Ahasveros wurde Haman hingerichtet, und ein zweites Dekret gewährte den Juden das Recht, sich gegen ihre Aggressoren zur Wehr zu setzen.
Am 13. Adar, dem Tag, an dem Haman durch das Los (pur) die Vernichtung der Juden anordnete, kam es im gesamten Land zu Kämpfen zwischen den Juden und denjenigen, die versuchten, Hamans Dekret durchzusetzen. Der folgende Tag, der 14. Adar, wurde zu einem Fest- und Freudentag, an dem die Juden ihren Sieg über ihre Feinde feierten. In der alten ummauerten persische Hauptstadt Susa (hebräisch שושן Schūschan) im antiken Achämenidenreich, die im Buch Esther als Hauptschauplatz der Purim-Geschichte dient, wo die Auseinandersetzungen zwei Tage dauerten, fand das Siegesfest am 15. Adar statt. Susa, auch als Seleukeia am Eulaios (lateinisch Seleucia ad Eulaeum) bekannt, zählt zu den ältesten kontinuierlich besiedelten Städten der Welt. Die Überreste dieser antiken Stadt befinden sich im Südwesten des heutigen Iran, nahe der irakischen Grenze, in der Provinz Chuzestan, am Rand der heutigen Stadt Schusch.
Mordechai und Esther legten fest, dass dieser Tage jährlich als Purim-Fest gefeiert werden sollten – am 15. Adar in Städten mit einer Mauer und am 14. Adar an anderen Orten. Es wurde festgelegt, dass die Erzählung des Wunders, aufgezeichnet in der "Esther-Rolle", öffentlich verlesen werden soll. Zudem sollten Geschenke in Form von Speisen an Freunde übergeben, Geldgeschenke an Bedürftige verteilt und ein Festmahl mit Wein genossen werden (als Erinnerung an das Mahl, bei dem Esther den König Ahasveros davon überzeugte, sich gegen Haman zu wenden). Ein traditioneller Brauch zu Purim ist es, dass Kinder sich verkleiden, was eine Anspielung darauf darstellt, dass das Purim-Wunder in das Gewand eines „natürlichen“ Sieges gekleidet war. Eine ähnliche Symbolik tragen die Hamantaschen, ein traditionelles dreieckiges Gebäck, in dem eine Füllung verborgen ist. Der Tag vor Purim wird als „Fasten Esther“ bezeichnet und erinnert daran, dass Esther und ihr Volk fasteten, während sie Gott um Rettung von Hamans Dekret anflehten.
Literatur: Littman, David G. Jews under Muslim Rule: The Case of Persia, reprinted from The Wiener Library Bulletin 1979, Vol. XXXII, New Series Nos. 49/50 (1979), S. 2-15; Wiesehöfer, Josef. "Kyros 2". In: Der Neue Pauly (DNP). Band 6, Stuttgart: Metzler, 1999, Sp. 1014–1017, hier Sp. 1014; Wiesehöfer, Josef. Das antike Persien 550 v. Chr bis 650 n. Chr. Düsseldorf: Patmos, 2005; Herodot. Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Neu übersetzt, herausgegeben und erläutert von Heinz-Günther Nesselrath. 5., vollkommen neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: Kröner, 2017; Grabbe, Lester L. A History of the Jews and Judaism in the Second Temple Period (vol.1): The Persian Period (539-331 BCE). London: Bloomsbury Publishing, 2006; Amanat, Mehrdad . Jewish identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha'i Faith. London: I.B. Tauris, 2011.
Darius I. (522 - 486 BC) und das Persische Weltreich
Unter der Herrschaft des persischen Königs Kambyses II. (Kanbuzi), dem ältesten Sohn von Kyros II. und dem siebten Monarchen der Achämeniden (Regierungszeit: 529-522 BC), erlebte das persische Weltreich eine bedeutende Expansion bis zum Mittelmeer und nach Nordafrika. Im Jahr 525 BC gelang ihm die Eroberung Ägyptens, das er als persische Satrapie organisatorisch einfügte.
Auf Kambyses II. folgte Darius I. (522-486 BC), ein Herrscher, der nicht aus der direkten Linie der Achämeniden abstammte. Sein Vater, Hystaspes (um 570 BC-519/518 BC oder ca. 500 BC), ein persischer Adliger (sein Name bedeutet „mit (zum Rennen) losgebundenen Rossen“), der den Achämeniden angehörte, hatte unter den vorangegangenen Monarchen das Satrapenamt für Parthien und Hyrkanien in Nordpersien inne. Die Thronbesteigung Darius' wurde durch eine Reihe von Rebellionen und Aufständen ermöglicht, die den Tod des männlichen Nachkommen des herrschenden Zweigs der Achämeniden zur Folge hatten.
Die ersten Jahre Darius' I. Herrschaft waren geprägt von der Festigung seiner Position gegenüber weiteren Thronanwärtern, während die Provinzen von Aufruhr und Terror betroffen waren.
Obwohl die Juden sich an keinen offenen Aufständen beteiligten, äußerten sich ihre geheimen Hoffnungen in einem deutlichen Anstieg messianischer Erwartungen, insbesondere in den prophetischen Schriften von Haggai und Zephanja, die zu den sogenannten „kleinen Propheten“ des Alten Testaments gehören und Teil des Zwölfprophetenbuchs (Dodekapropheton) sind. Die Gefangenschaft des Hauses Juda in Babylon liegt zwischen dem Auftreten der Propheten Zephanja und Haggai. Letzterer ist chronologisch gesehen der erste der drei Propheten der Periode, die auf die Gefangenschaft folgte. Obwohl sie zeitlich und inhaltlich unterschiedlich ausgerichtet sind, richten beide Propheten dringende Botschaften an das Volk Israel.
Haggai war ein nachexilischer Prophet, der nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft wirkte. Sein Buch besteht aus vier Botschaften, die sich auf ein Hauptthema konzentrieren:
- den Wiederaufbau des Tempels: Haggai fordert das Volk auf, die Arbeit am Tempel in Jerusalem wieder aufzunehmen, die aufgrund von Nachlässigkeit und Egoismus zum Erliegen gekommen war.
- das Setzen von Prioritäten: Er mahnt, dass das Volk eigene Häuser baut, während Gottes Haus verödet, was als Ursache für ausbleibenden Segen (Dürre) angesehen wird.
- die Verheißung von Segen: Haggai verspricht, dass die Herrlichkeit des neuen Tempels die des ersten übertreffen wird.
- der Kernbotschaft: Gott soll den ersten Platz im Leben einnehmen.
Zefanja oder Zephania (hebr. צְפַנְיָה ṣəfanjāh) ist der Prophet und Namensgeber einer prophetischen Schrift im Tanach. Zefanja behandelt in seinem Buch das weltweite Gericht am „Tag des HERRN“ und den darauffolgenden weltweiten Segen. Zefanja war ein vorexilischer Prophet und ein Zeitgenosse Jeremias. Jeremia ( hebr. יִרְמְיָהוּ Jirməjā́hû, auch יִרְמְיָה Jirməjâ) ist einer der großen Schriftpropheten des Tanach (hebräische Bibel) und damit des Alten Testaments. Seit dem Mittelalter wird das Buch in 52 Kapitel unterteilt. Traditionell gilt Jeremia auch als Verfasser der Klagelieder Jeremias. Jeremia war einer der bedeutendsten Propheten des Alten Testaments. Er lebte und wirkte im 7. und 6. Jahrhundert BC im krisengeschüttelten Südreich Juda während der Herrschaft von König Josia. Wegen seiner eindringlichen Klagen über den Untergang Jerusalems und die Untreue des Volkes wird er auch als der „weinende Prophet“ bezeichnet.
Zefanja kündigt ein weltweites Gericht über Juda, Jerusalem und die umliegenden Nationen an, um Böses und Götzendienst zu vernichten. Das Ziel des weltweiten Gerichts ist nicht bloße Zerstörung, sondern die Reinigung der Nationen, damit sie Gott anrufen. Er verspricht, dass ein demütiger Überrest übrig bleiben wird, der unter Gottes Barmherzigkeit und Schutz leben darf. Die Hauptaussage seiner Botschaft beinhaltet den Aufruf zur Umkehr, bevor der strafende Tag des Herrn hereinbricht, verbunden mit der Hoffnung auf zukünftigen Segen.
Ein zusammenfassender Vergleich verdeutlicht:
Im Fokus von Zefanjas (ca. 630 BC-620 BC) Botschaft steht der bevorstehenden Untergang Jerusalems und ein weltweites Gericht, die Appell zur Umkehr vor dem Exil.
Haggai (ca. 520 BC) hingegen legt den Fokus auf den Wiederaufbau nach dem Exil, die Wiederherstellung des Gottesdienstes.
Kyros II. hatte eine effektive Zentralregierung etabliert, gleichwohl gewährte er den Vasallenkönigen unter seiner Kontrolle hin und wieder weitreichende Autonomie in internen Angelegenheiten. Das Reich war in Satrapien und Unter-Satrapien organisiert, wobei jeder Satrapie ein Satrap vorstand, in der Regel ein Mitglied einer der sechs aristokratischen Familien Persiens oder gelegentlich eine angesehene lokale Persönlichkeit. Der Satrap hatte nahezu uneingeschränkte Macht innerhalb seiner Grenzen, wurde jedoch von Zivil- und Militärbeamten überwacht, die direkt der Zentralregierung unterstellt waren. Jeder Satrap war verpflichtet, Tribut zu zahlen und eine festgelegte Anzahl von Soldaten für die königliche Armee bereitzustellen.
Die persischen Herrscher gestatteten im Allgemeinen die Unversehrtheit der traditionellen Religionen, Sprachen und kulturellen Praktiken in den verschiedenen Satrapien. Darius optimierte die Verwaltung der großen Satrapien – es gab 21, einige Gelehrte zählen jedoch bis zu 29 oder 31 – und etablierte die Satrapen als Bindeglieder zwischen dem Monarchen und der ansässigen Bevölkerung.
Des Weiteren reorganisierte er die Armee, verbesserte das Rechtssystem, begründete einen königlichen Postdienst innerhalb des Weltreichs und führte Münzen ein. Die Herrscher der Satrapien und Vizesatrapien, die nach ethnischen Gruppen organisierten Provinzen oder medinta, behielten ein signifikantes Maß an interner Autonomie, was möglicherweise zur relativen Stabilität des Weltreichs bis ins späte 4. Jahrhundert BC beitrug.
Diese Organisationsstruktur ermöglichte einer entsprechend kleinen und anfälligen Gemeinschaft wie den Juden das Überleben und die Wahrung eines hohen Grades an innerer Unabhängigkeit.
Insgesamt hatte Darius I. die Fähigkeit, ein großes und gefestigtes Reich zu schaffen. Ein Rückschlag ergab sich jedoch aus dem Versuch, die griechischen Peloponnes zu erobern, als die persische Streitmacht im Jahre 490 BC von einem kleinen griechischen Heer bei Marathon geschlagen wurde. Persien war somit nie in der Lage, die Griechen zu unterwerfen. Nachdem Darius I. schließlich seinen Königsthron stabilisiert hatte, begann er, das Weltreich neu zu organisieren, eine Leistung, die ihm von vielen Gelehrten den Ehrentitel „Erbauer des Weltreichs“ einbrachte.
Literatur: Laügt, Philippe."Das Buch Haggai" auf bibelkommentare.de, abgerufen am 15.05.2026; "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026.
Persepolis - ein Paradies im kargen Hochland
Die altpersische Residenzstadt Persepolis (pers. تخت جمشید Tacht-e Dschamschid, „Thron des Dschamschid“, altpers. Parsa) stellt eine der bedeutendsten Metropolen des antiken Perserreichs unter der Herrschaft der Achämeniden dar. Sie wurde im Jahr 520 BC von Darius I. (549 BC – 486 BC) im südlichen Iran in der Region Persis gegründet.
Der Begriff „Persepolis“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Stadt der Perser“. Der persische Name bezieht sich auf Dschamschid, einen mythischen König, dessen abergläubische Überreste angeblich den Standort des Ortes definierten. Darius I., oft als "Darius der Große" bezeichnet, war ein bedeutender Monarch des Perserreichs und ab 522 BC der dritte Großkönig der Achämenidendynastie. Er war der neunte Herrscher dieser Dynastie, und sein Name bedeutet „der Gute Aufrechterhaltende“.
Um seine Herrschaft zu konsolidieren und die Kontrolle über das umfangreiche Reich zu gewährleisten, ließ Darius I. prächtige Paläste auf einer kunstvoll gestalteten Terrasse errichten. Diese Bauwerke gehören zu den größten architektonischen Meisterwerken der Antike. Für die Bewässerung der umliegenden Felder und Obstgärten entwickelten die Planer ein innovatives Bewässerungssystem, das in der antiken Welt beispiellos war. Ein über 15 Kilometer langes Rohrleitungssystem leitete Wasser aus den umgebenden Bergen in die Stadt und verwandelte Persepolis in ein üppiges Paradies im trockenen Hochland.
Das Leben am Hof eines persischen Monarchen wird im Buch „Esther“ eindrucksvoll dargestellt. Das Buch spielt in der königlichen Residenz des persischen Großkönigs in Susa. Es erzählt die Rettung der gesamten Judenheit durch den Mut der jüdischen Königin Ester und ihres Ziehvaters Mordechai. Ähnlich wie die ersten Kapitel des Danielbuches zeigt es, dass das Leben der Juden in der Diaspora gefährlich ist, dass aber die Treue zum traditionellen Glauben die Rettung bringt. Daneben steht das Motiv, dass die persische Herrschaft letztlich durch den Einsatz der Juden innerhalb der Bevölkerung gestützt und befestigt wird.
Erst die archäologischen Entdeckungen in den Ruinen von Persepolis, Susa und anderen Städten des Perserreiches haben ein historisch fundiertes Bild der prachtvollen Residenzen vermittelt. Der königliche Palast von Persepolis, erbaut von Darius I., gilt als herausragendes Zeugnis der persischen Kunst und Kultur. In diesem Palast versammelten sich Delegationen der unterworfenen Völker, um dem Herrscher ihren Tribut zu zollen; dieses zeremonielle Vorgehen wird in einem "Relief des Apadana", auch bekannt als die "Halle der Hundert Säulen", dokumentiert. Diese Halle diente sowohl als Ort für Audienzen als auch für große feierliche Paraden des berühmten Regiments der Unsterblichen. Der östliche Zugang zum Apadana war mit aufwendigen Skulpturen geschmückt, die die Reihen der Soldaten und Tributträger darstellten. Der Bau des Apadana begann unter Darius I. und wurde unter Xerxes I. vollendet. Das Dach dieser imposanten Halle stützte sich auf 36 Säulen, von denen heute noch vier erhalten sind. Der Thron der Könige, dargestellt in Reliefs, zeigt die Gesandten aller Völker, während ein spezielles Relief die Träger der königlichen Armee abbildet. Persepolis fiel einem verheerenden Brand zum Opfer, als Alexander der Große die Herrschaft übernahm, deren eindrucksvolles Symbol die Stadt zuvor verkörpert hatte.
Darius I. entwirft majestätische Paläste und ein ausgeklügelte Bewässergssystem, das die Umgebung von Persepolis zu einer fruchtbaren Oase, einem Wunder der antiken Welt erhebt. Wie konnte Alexander der Große eine so mächtige Stadt zu Fall bringen?Heute lassen archäologische Ausgrabungen eine Metropole erahnen, die größer ist, als man sich jemals vorgestellt hat. Was sagen jüngste Funde über die wahre Rolle der Stadt Persepolis aus? Warum wurden Jahrhunderte architektonischer Genialität innerhalb von wenigen Stunden zerstört? Troja, Karthago und Persepolis: drei antike Metropolen, mythisch beladen und voller Legenden. Wie kam es zu ihrem Untergang? Welche Geheimnisse können Archäologen noch heute ihren Ruinen entlocken?
Literatur: Schmidt, Erich F. The Treasury of Persepolis and other Discoveries in the Homeland of the Achaemenians. Chicago: University of Chicago Press, 1939 (Digitalisat); "Persepolis", auf zdf.de, abgerufen am 16.05.2026.
Das Königreich Juda als das auserwählte Volk Gottes
Die jüdische Geschichte Afghanistans ist eng mit der Zerstörung des Tempels verbunden – einem als Symbol der Anwesenheit JHWHs (Jer. 7,4) und der Unverletztheit Jerusalems angesehenen Monument. Diese Geschichte beginnt in der Zeit des Babylonischen Exils (598 BC), gefolgt von der persischen Eroberung Baktriens (538 BC), das heutige Balch, Afghanistan, durch den persischen Großkönig Kyros II. im Jahr 539 BC. Baktrien war ein bedeutendes Gebiet, das für seine Fruchtbarkeit, seine Pferde und seinen Reichtum bekannt war. Es wurde auch als das „Reich der 1000 Städte“ bezeichnet, was auf einen hohen Urbanisierungsgrad hinweist. Die baktrische Reiterei war ein wesentlicher Bestandteil des persischen Heeres. Nach der Eroberung wurde Baktrien zu einer der "oberen" Satrapien des ersten persischen Großreichs, das Achämenidenreich, und blieb bis zur Eroberung Persiens durch Alexander den Großen im Jahr 330 BC Teil des persischen Reiches.
Der Tempel sowie die Priester und Leviten waren in Jerusalem ansässig, was das Königreich Juda als das auserwählte Volk Gottes und als dessen repräsentatives Herrschaftsgebiet auf Erden definierte. Im Gegensatz dazu fiel das Königreich Israel rasch in den Götzendienst ab. Dennoch gewährte Gott, in Übereinstimmung mit seinen Verheißungen, dass das Licht Davids weiterhin in Jerusalem leuchtete. Zahlreiche Könige folgten aufrichtig ihren Verpflichtungen gegenüber Gott, während andere dem Götzendienst huldigten.
Das Königreich Juda stellte ein israelitisches Königreich in der südlichen Levante während der Eisenzeit (ca. 1200-550 BC) dar und war im Hochland westlich des Toten Meeres mit Jerusalem als Hauptstadt zentriert. Es wurde über einen Zeitraum von vier Jahrhunderten von der Davidschen Linie regiert – ein Begriff für die Nachfahren Davids - die sowohl im Königreich Israel (ca. 1100 BC bis ca. 930 BC) als auch im Königreich Juda (ca. 930 BC bis 587 BC) herrschte. In der jüdischen Tradition stützt sich die Davidsche Abstammung auf Texte der hebräischen Bibel sowie auf spätere jüdische Überlieferungen.
Das Königreich Juda bestand von 931 BC bis 586 BC, dem Jahr der Zerstörung Jerusalems, nach welchem der größte Teil der Bevölkerung in babylonische Gefangenschaft geführt wurde. Diese Gefangenschaft wurde vom Propheten Jeremia vorhergesagt (Jeremia 25,11.12; 29,10) und dauerte etwa 70 Jahre, beginnend mit der Eroberung Jerusalems im Jahr 597 BC. Das babylonische Exil endete nach der Eroberung Babylons durch Kyros II. im Jahr 539 BC mit der Rückkehr der Juden, und dem Wiederaufbau des Hauses des HERRN. Der Wiederaufbau wurde schließlich 516 BC vollendet und eingeweiht (Esra 6,15). Im Jahr 458 BC begab sich Esra auf den Weg nach Jerusalem (Esra 7), und im Jahr 445 BC erhielt Nehemia den Auftrag, die Stadt wiederherzustellen.
Das Gebiet durfte jedoch nicht mehr als "Königreich Juda" bezeichnet werden, da lediglich ein Überrest der Stämme Juda und Benjamin zurückkehrte. Diese waren zunächst Untertanen des Königreichs Persien, dann des Königreichs Griechenland, und nach einer kurzen Phase der Freiheit unter Judas Makkabäus und seinen Nachfolgern Untertanen Roms. Im Jahr 65 BC wurde Syrien zur römischen Provinz, und 40 BC wurde Herodes von Rom als König von Judäa eingesetzt, wo er bis zur Zeit des Neuen Testaments regierte.
Die Kinder Israel, die zu jener Zeit in Judäa lebten, waren Nachfahren der Stämme Juda und Benjamin, abgesehen von einer kleinen Zahl individueller Personen, die ihren Weg von den zehn verlorenen Stämmen dorthin fanden. Sie waren das Volk, dem der Messias sich offenbarte, das ihn jedoch ablehnte und kreuzigte. Zudem setzten sie ihre Verfolgung während der apostolischen Zeit fort (vgl. Matthäus 24,4-35; 27,25).
Sie erhoben sich gegen Rom, und 70 CE wurde Jerusalem eingenommen und zerstört. Einige Einwohner wurden als Sklaven verkauft und Tausende getötet (Daniel 9,26; Lukas 21,12-24). Ihre Nachkommen wurden über die Erde verstreut, aber zu der von Gott bestimmten Zeit werden sie durch das "Feuer des Gerichts" gebracht werden. Ein Überrest wird gerettet, in ihr eigenes Land zurückgebracht und unter ihrem Messias, den sie nun ablehnen, gesegnet werden (Matthäus 2,6; Hebräer 8,8-12).
Der Untergang des ägyptischen Reiches - ein schleichender Prozeß, der hauptsächllich durch politisches Chaos (Hungerunruhen und des Zusammenbruch des zentralen Verwaltungssystems), wirtschaftliche Schwäche und klimatische Veränderungen (Vulkanausbrüche und ausbleibendes Nilhochwasser) verursacht wurde, und im 1. Jahrhundert BC mit der Einverleibung in das Römische Reich endete, markiert das Ende einer über 3.000 Jahre andauernde Hochkultur. Nach dem Sieg von Octavian über Marcus Antonius und Kleopatra VII. in der Schlacht bei Actium (31 BC) wurde Ägypten eine römische Provinz. Es gab keine zentrale Macht mehr. Erst die Könige, die sich durch den Glauben an einen einzigen Gott auszeichneten, erlangten größere Macht und bauten ihren Einflussbereich aus. Dennoch wurde das Reich durch rivalisierende Dynastien entzweit. Das nördliche Reich, Ephraim, auch Israel genannt, geriet in politische Schieflage und wurde von den Babyloniern zerstört. Archäologische Funde und die Bibel belegen die Existenz des Nordreiches. Die Bibel erzählt, wie das südliche Königreich mit dem Namen Juda im babylonischen Exil überlebte. Die Rückkehrer gründeten das Reich erneut. Ihre Kultur hatten sie in der Gefangenschaft durch das Studium ihrer heiligen Schriften bewahrt. Ebenso hatten sie sich ihre Sprache erhalten, Hebräisch, neben den jeweiligen Amtssprachen Persisch und Aramäisch.
Das Geschlecht Davids, die Dynastie des Südens um die Hauptstadt Jerusalem, wurde nun zum alleinigen Herrscher über das jüdische Volk. Der legendäre David, der einst den Riesen Goliath besiegt haben soll, hatte um 1.000 vor Christus den Königsthron bestiegen. Seitdem musste jeder König zu seiner Legitimation gegenüber dem Volk darlegen, dass er (oder sie) aus dem Geschlecht Davids stammte. Die Rückkehrer in die mittlerweile persische Provinz Jehud waren die ersten, die Juden genannt wurden. Die nächsten 400 Jahre vergingen abwechselnd mit Eroberungskriegen und Zeiten der Ruhe, gefolgt von den Fremdherrschaften der Perser und der Griechen unter Alexander dem Großen (356 BC-323 BC). Danach prägten die ägyptischen Erben Alexanders, die griechisch-makedonische Dynastie der Ptolemäer (305 BC bis zur römischen Eroberung 30 BC), gegründet durch Ptolomaios I. Soter (einer von Alexanders Diadochen) und die von Seleukos I. Nikator zum Nachfolger der Achaimeniden begründete Diadochendynastie der makedonischen Seleukiden (312 BC - 63 BC) Land und Volk über weite Teile des Vorderen Orients, und von Kleinasien bis Baktrien.
Zwischen Ptolomäern, den Königen Ägyptens und Seleukiden, die über das nördlich angrenzende Syrien, Mesopotamien und Iran herrschten, war es wiederholt zu Auseinandersetzungen um Palästina gekommen. Nach dem 5. Syrischen Krieg (202 BC - 195 BC) gelangte Judäa endgültig unter seleukidische Herrschaft (Polybius, historia 28, 1,2-3). Als der Seleukidenkönig Antiochos III. (223 BC- 187 BC) Jerusalem nach der Schlacht von Paneas um 200 BC (Josephus, Antiquitates Iudaicae 12, 131-133) in Besitz nahm, kam es zu Spannungen innerhalb der herrschenden Klasse der jüdischen Gesellschaft.
Hauptursache für diesen Konflikt war der sich intensivierende Kampf um das Amt des Hohepriesters zwischen der Familie der Tobiaden und Oniaden. Bis zur Zeit der römischen Herrschaft, die im Jahr 63 BC begann, war das Amt des Hohepriesters (Archiereus) lebenslang und erblich. Die Römer unterbrachen diese Tradition, indem sie sowohl die Ernennung als auch die Absetzung des Hohepriesters übernahmen. In der religiösen Hierarchie nahm der Hohepriester eine zentrale Rolle ein. Er hatte die oberste Aufsicht und Weisung in allen Belangen der Religion, der Priesterschaft und des Gottesdienstes. Eine besondere kultische Reinheit war für ihn unerlässlich, und er war der Einzige, der einmal jährlich am Jom Kippur (Versöhnungstag) das Allerheiligste des Tempels betreten durfte. An diesem Ort empfing er stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes und brachte im Jahresverlauf die bedeutsamsten Opfer dar.
Seit der Zeit der Makkabäer kam dem Hohepriester zudem die Funktion des obersten politischen Führers zu. Er fungierte als Vorsitzender des Hohen Rates oder Sanhedrin (Synedrion), der als höchster jüdischer Gerichtshof und bedeutendste politische Institution fungierte. Selbst während der römischen Herrschaft konnte dieser Rat eine beträchtliche Autonomie aufrechterhalten.
Nach dem bedeutenden Jüdischen Aufstand im Jahr 70 CE zerstörten die Römer den Tempel in Jerusalem, was das kultische Zentrum des Judentums traf. Der Tempelkult und die Rolle des Hohepriesters verloren infolge dieser Zerstörung ihre Relevanz. Zuvor hatte Rom jedoch bereits versucht, den Einfluss der Oberpriester zu beschränken. Eine Analyse der Verhaftung des Paulus vermerkt: „Deshalb wurde ihm das Anlegen der hohepriesterlichen Amtstracht nur an bestimmten hohen Feiertagen gestattet. Zudem wurde ein Hohepriester nicht langfristig im Amt belassen, sondern häufiger gewechselt, um zu verhindern, dass ein Hoherpriester zu viel Ansehen erlangte.“
Die ersten Jahrzehnte unter seleukidischer Herrschaft verliefen noch relativ ruhig. Dies änderte sich in entscheidender Weise, als König Antiochos IV. (175 BC- 164 BC) sich zunehmend in die inneren Angelegenheiten Jerusalems einmischte. Verstärkt wurde dieser Konflikt durch die zunehmende Hellenisierung der jüdischen Gesellschaft, die durch die Reformbestrebungen von Antiochos IV. befördert wurde, und schließlich den sog. Makkabäeraufstand auslöste und zur Gründung eines eigenen jüdischen Königreiches führte.
Die Historizität des Überlieferten ist oftmals strittig, ebenso die Rekonstruktion der Ereignisse. Als umittelbare Ursache für diesen Aufstand gilt ein möglicherweise erfolgtes Verbot der jüdischen Kultausübung durch den Seleukidenherrscher (1 Makk 1,44-50) bzw. die Umwandlung des jüdischen Tempels in eine Kultstätte des Zeus am 6. Dezember des Jahres 167 BC (2 Makk 5,62). Ein Mann namens Menelaos kaufte sich 172 BC das Hohepriesteramt, er gehörte nicht der Linie der Hohepriester an, und führte in Folge radikale Reformen ein, die letztlich auf die Relativierung der jüdischen Religion abzielten. Es wurden Gesetze über das Verbot der jüdische Religion erlassen. Antiochos IV. konfiszierte mit Menelaos' Billigung den Tempelschatz und entweihte den Jerusalemer Tempel mit der Tempeleinweihung des Zeus. Jerusalem wurde sodann zur Anbetungsstätte von Zeus deklariert, ein besonders schwerwiegenden Vorfall, der die jüdische Religion und Identität missachtete und negierte. Mit dem Makkabäeraufstand (aramäisch makkaba = "Hammer") - der Aufstand erhielt seinen Namen von dem Sohn des Anführers der Revolte, i.e. Mattathias' Sohn Judas, der den Beinamen Makkabäus trug - und der Niederlage der griechischen Fraktion wurde das Fundament der hasmonäischen Herrscherdynastie gelegt.
Noch heute erinnert das Chanukkafest, das im Monat Kislev (November/Dezember) gefeiert wird, an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem nach dem erfolreichen Aufstand des Jahres 164 BC (s. "Münze und Macht im antiken Israel. Der Makkabäeraufstand" (Online-Ausstellung), Kunsthistorisches Museum Wien (KHM)). Im Jahr 141 BC gründeten die Juden nach dem erfolgreichen Aufstand gegen die Seleukiden einen unabhängigen Staat unter der Hasmonäer-Dynastie.
Chanukka, der achte Tag des Lichterfestes, beginnt am Vorabend des 25. Kislew und symbolisiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, der Reinheit über die Unreinheit und des Spirituellen über das Materielle. Vor mehr als 21 Jahrhunderten erstreckte sich die Herrschaft der Seleukiden (Syro-Griechen) über das Heilige Land; sie versuchten, das jüdische Volk zur Hellenisierung zu zwingen. Entgegen aller Erwartungen gelang es einer kleinen, gläubigen Gruppe von Juden, eine der mächtigsten Armeen der damaligen Zeit zu besiegen, die Griechen aus dem Land zu vertreiben, den Tempel in Jerusalem zu befreien und ihn erneut dem Dienst an G-tt zu widmen. Als man die Menora im Tempel anzünden wollte, fand man lediglich einen Krug Olivenöl, das von den Griechen nicht verunreinigt worden war. Bemerkenswerterweise brannte dieses Öl, das ursprünglich nur für einen Tag ausgereicht hätte, acht Tage lang, bis frisches Öl gemäß den rituellen Reinheitsvorschriften zubereitet werden konnte. Um an dieses Wunder zu erinnern, führten die Weisen das Fest Chanukka ein. Der zentrale Brauch des Festes besteht im Anzünden der Chanukkia am Abend: Eine Flamme wird am ersten Abend entzündet, zwei am zweiten Abend und so fort, bis am achten Abend von Chanukka alle acht Lichter erleuchtet sind.
Literatur: "Juda, Das Königreich" Bibel-Lexikon, auf bibelkommentare.de, abgerufen am 14.04.2026; "Chanukka, o Chanukka", auf de.chabad.org, abgerufen am 15.04.2026.
Die Herrschaft der Parther (ca. 247 BC – 224 CE)
Unter der Herrschaft der Parther (circa 247 BC – 224/226 CE), einer bedeutenden antiken Großmacht im Iran und Mesopotamien, manifestierte sich eine bemerkenswerte Phase des interkulturellen Dialogs und der Toleranz. Dieses Reich, das nahezu 500 Jahre lang existierte und als Hauptgegner der römischen Macht im Osten auftrat, stellt einen signifikanten Kontrast zur restriktiven Atmosphäre im benachbarten Römischen Reich dar, insbesondere in Bezug auf die Behandlung jüdischer Gemeinschaften. Das Reich der Parther war die dominierende autoritäre Kraft, regiert von den Arsakiden, im ersten vorchristlichen sowie im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert, das sich über das iranische Hochland und Mesopotamien erstreckte. Die Parther waren ein iranisches Volk, das etwa ab 240 BC ein Reich im heutigen Iran begründete, das in seiner Blütezeit große Teile Mesopotamiens, den südwestlichen Bereich Zentralasiens sowie angrenzende Gebiete, einschließlich griechischer Stadtstaaten, umfasste.
Auf seinem Höhepunkt erstreckte sich das Partherreich, das zweite Persische Reich (247 BC bis 224 CE), vom Nordufer des Euphrat bis in den Osten Irans. Während der parthischen Herrschaft lebten persische Juden in Sicherheit und Komfort, spielten eine wichtige Rolle im internationalen Handel und kontrollierten die Seidenstraße. Als römische Legionen nach 70 CE Jerusalem zerstörten, schlossen sie sich den Parthern im Kampf gegen Rom an.
Es wird angenommen, dass die tolerante Politik der Parther zahlreiche Juden dazu veranlasste, nach Persien auszuwandern. Die Einführung des Amtes des Exilarchen im Jahr 70 CE unter König Vologeses I. (51–77 CE) ermöglichte es den Juden, eine Form der Selbstverwaltung zu etablieren, die ihnen autonome politische, administrative und juristische Befugnisse verlieh.
Literatur: Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale. Padua: Università degli Studi di Padova, 2024/2025;"Jews of Iran from Antiquity to the 19th Century", auf morasha.com.br, abgerufen am 17.05.2026.
Das römische Palästina (63 BC bis circa 634–637 CE)
Die römische Herrschaft über Palästina begann 63 BC mit der Eroberung durch Gnaeus Pompeius Magnus und endete mit der islamischen Eroberung um 634–637 CE. In diesem Zeitraum (ca. 700 Jahre) durchlief die Region verschiedene Phasen der Abhängigkeit vom Römischen Reich, darunter das Klientelkönigtum unter Herodes (73 BC-4 BC), auch Herodes der Große, die direkte römische Provinzverwaltung (Iudaea) und die Umbenennung in Syria Palaestina. Gnaeus Pompeius Magnus (106 BC- 48 BC) war ein römischer Politiker und Feldherr, bekannt als Gegenspieler Gaius Iulius Caesars. Er galt bis zu seiner Niederlage gegen Caesar als der brillanteste Heerführer seiner Zeit . Der Beiname Magnus, deutsch „der Große“, spielt auf Alexander den Großen an. Pompeius scheiterte immer wieder an den innenpolitischen Mechanismen Roms, in die er sich nie völlig einfügen wollte und konnte. Bedeutsam über seine Zeit hinaus waren manche seiner organisatorischen Maßnahmen, die das spätere Kaiserreich vorwegnahmen.
Obwohl das gesamte Levantegebiet unter römischer Oberhoheit stand und das einstige Königreich Judäa der Hasmonäerdynastie letztlich Teil der Provinz Syrien wurde, wurde zunächst eine Herrschaft des Hohepriesters von Jerusalem etabliert, gefolgt von einem Klientelkönigtum, das bis zu einem gewissen Maße zwischen den dominierenden Mächten und den rivalisierenden Akteuren der späten römischen Bürgerkriege agierte.
Der bekannteste Herrscher war der Idumäer Herodes, unter dessen Herrschaft Jesus von Nazaret geboren wurde. Als gebürtiger Idumäer (einem Volk im Süden Palästinas, das im 2. Jh. BC zum Judentum konvertiert war) galt er vielen strenggläubigen Juden als Fremdherrscher. Sein Vater Antipater war eine Schlüsselfigur in der römischen Politik und sicherte Herodes dank der Unterstützung von Julius Cäsar die Herrschaft. Der römische Senat ernannte Herodes 37 CE offiziell zum König. Um sein Ansehen im Volk zu steigern, heiratete er die jüdische Prinzessin Mariamne aus dem Königshaus der Hasmonäer. Herodes ging als grausamer Herrscher in die Geschichte ein (bekannt u. a. durch die biblische Erzählung des Kindermordes in Bethlehem). Er sicherte seine Macht blutig ab und ließ sogar Mitglieder seiner eigenen Familie hinrichten. Gleichzeitig war er ein bedeutender Bauherr, der neben dem Jerusalemer Tempel auch die Festung Masada, das Herodeion und die Hafenstadt Caesarea Maritima errichtete
Der letzte Hasmonäerkönig fungierte zeitgleich als religiöses Oberhaupt aller Juden im Heiligen Land sowie in der diasporischen Gemeinschaft. Auch das Königreich der Nabatäer, welches zur heutigen Stadt Petra in Jordanien gehörte, wurde 62 BC unter römische Kontrolle gebracht, konnte jedoch bis 106 CE eine relative Autonomie aufrechterhalten.
Die Römer gewährten den Juden zwar eine gewisse Unabhängigkeit; dennoch führten interne Machtkonflikte innerhalb der Dynastie regelmäßig zu römischen Interventionen. Als die Juden immer wieder zu Aufständen und Rebellionen innerhalb des gesamten Mittelmeerraums aufriefen, reagierten die Römer mit drastischen Maßnahmen. In Ermangelung anderer politischer Ausdrucksformen diente die Religion als ein Symbol des Protests und des Widerstands gegen die römische Herrschaft und deren Profiteure. Dieser religiös motivierte Widerstand, gefolgt von den sozialen Unruhen in Judäa, mündete letztlich in den Jüdisch-Römischen Krieg ab 66 CE, der 70 CE mit der Zerstörung Jerusalems endete.
Dennoch blieb die Stadt Jerusalem in ihrer symbolischen Bedeutung unberührt. Der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus beschreibt in seinem Werk "Der Jüdische Krieg" (lat. "Bellum Judaicum", Buch 7, Kapitel 1,1) das Ende der Belagerung Jerusalems durch römische Truppen unter dem Befehl von Titus, dem späteren Kaiser, und die vollständige Zerstörung der Stadt im September des Jahres 70 CE: "Da das Heer jetzt nicht mehr zu morden hatte, befahl Caesar, die ganze Stadt und den Tempel zu schleifen. Alle übrigen Teile der Stadtmauer machten die Sieger völlig dem Erdboden gleich. Ein so trauriges Ende nahm die prächtige, weltberühmte Stadt Jerusalem." Nach der Eroberung wurde die Stadt praktisch vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Lediglich die Türme des Herodes-Palastes (Phasael, Hippikus und Mariamme) sowie ein Teil der Westmauer blieben erhalten, um zukünftigen Generationen die Stärke der Stadt und den Glanz des römischen Sieges vor Augen zu führen.
Die Zerschlagung des jüdischen Aufstandes erscheint wie ein Akt der Vernichtung. Insbesondere die Zerstörung des Tempels von Jerusalem, der als zentrales Symbol der Identität der Juden galt, schien auf die absolute Auslöschung des Judentums abzuzielen. Flavius Josephus jedoch gab nicht den Römern die Schuld für diese Katastrophe, sondern radikalen jüdischen Fraktionen, da er selbst der priesterlichen Aristokratie angehörte, die für eine Verständigung mit Rom plädierte. Die Römer nutzten die Zusammenarbeit mit örtlichen jüdischen Aristokraten, um ihre Kontrolle über die Provinzen zu festigen. Jüdische Elitegruppen profitierten von der römischen Herrschaft, was die Kluft zwischen den Eliten und der breiten Bevölkerung weiter vertiefte. Diese Kooperation war für die Elite vorteilhafter und profitabler als für die untere Schicht.
Die Beziehung zwischen Römern und Juden war von einer langen Geschichte geprägt; 200 Jahre zuvor hatte Rom den Makkabäer-Aufstand gegen die Seleukiden unterstützt, was Judäa nach der babylonischen Eroberung von 597 BC die Unabhängigkeit brachte. Doch nach internen Machtkämpfen übernahm Rom die Kontrolle und setzte 40 BC den jüdischen Vasallenkönig Herodes den Großen ein, der begann, die Provinz zu romanisieren und die Tora durch römisches Recht zu ersetzen. Diese Maßnahmen erregten den Unmut der Traditionalisten, darunter die Pharisäer, welche als religiöse Erneuerungsbewegung innerhalb der langen Fremdherrschaft entstanden waren und versuchten, jüdische Traditionen gegen den Einfluss der vorherrschenden hellenistischen Kultur zu verteidigen. Obgleich Herodes der Große (ca. 73–4 BC) Rücksicht auf die religiösen Traditionalisten nahm und mit dem prunkvollen Ausbau des Jerusalemer Tempels eine der größten Tempelanlagen der Antike schuf, verschärften sich nach seinem Tod die sozialen Spannungen zunehmend. Diese Spannungen im postherodianischen Judäa (nach 4 BC) resultierten aus einer ungleichen Lastenverteilung, wobei die Elite von der Zusammenarbeit mit der römischen Besatzungsmacht profitierte, während das gemeine Volk unter diesen Bedingungen litt. Diese sozialen Ungerechtigkeiten führten zu einem religiös motivierten Widerstand, an dem insbesondere die untersten Schichten teilhatten, die auch die Hauptlast der römischen Steuern und Abgaben trugen. Die Steuerlast traf vor allem Bauern und verarmte Unterprivilegierte, die sich den neu entstehenden religiösen Bewegungen entgegen den römischen Besatzern anschlossen.
Eine explosive Mischung aus religiösen Erlösungsfantasien und sozialer Unzufriedenheit führte letztendlich 66 CE zum Aufstand gegen Rom (66–73 CE), trotz eindringlicher Warnungen von König Herodes Agrippa II. (27–93/100 n. Chr.), dem Urenkel von Herodes dem Großen, in seiner bekannten Rede (Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg, Buch II, Kapitel 16). König Herodes, Agrippa II., der als Klientelkönig eng mit Rom verbunden war, versuchte verzweifelt, die jüdischen Aufständischen von einem Krieg gegen das Römische Reich abzubringen, indem er erläuterte, dass eine Revolte von den Römern mit Vernichtung der „heiligen Stadt“ und des Tempels beantwortet würde. Dies verdeutlicht die Einsicht König Herodes, Agrippas II. in die militärische Überlegenheit Roms und deren rigorose Reaktionen gegen Rebellen. Seine Warnungen wurden jedoch ignoriert. Der Aufstand führte indessen nicht nur zu den Auseinandersetzungen mit den Römern, sondern auch zu innerjüdischen Kämpfen. Während die Römer Jerusalem belagerten, trugen verfeindete religiöse Gruppen in der Stadt zu einem Blutbad bei, wodurch Jerusalem weitgehend ausgelöscht wurde. Als Rom siegte, stand er auf der Seite der Römer.
Bezeichnenderweise galt die Strafe nicht den Juden insgesamt; ihre Privilegien, wie etwa die Befreiung vom Militärdienst, blieben bestehen. Der römische Oberbefehlshaber und spätere Kaiser Titus Flavius Vespasianus, geboren am 30. Dezember 39 CE und von 24. Juni 79 CE bis zu seinem Tod am 13. September 81 CE im Amt, wollte mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem dem Unruheherd endgültig ein Ende setzen. Titus, der zum Kaiser wurde, nachdem sein Vater Vespasian verstorben war, erwarb sich rasch die Zuneigung des Volkes durch Großzügigkeit und Pflichterfüllung. Er initiierte auch Hilfsmaßnahmen nach Katastrophen wie dem Ausbruch des Vesuv und einem Brand in Rom. Trotz seiner kurzen Regierungszeit gilt Titus als einer der beliebtesten Kaiser der römischen Geschichte, bekannt für seine militärischen Fähigkeiten, insbesondere während des Jüdischen Krieges, in dessen Verlauf er Jerusalem und den Tempel zerstörte. Die Diaspora-Gemeinden im Reich blieben jedoch unbeeinträchtigt, da die Römer, sofern sie einmal Rechte gewährten, diese in der Regel nicht den unbeteiligten Bewohnern entziehen wollten.
Der archäologische Nachweis des sogenannten "Robinson-Bogens" (siehe Abbildung) stellt ein signifikantes Indiz für die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 CE dar. Diese Überreste eines Steinbogens aus dem ersten Jahrhundert wurden vom Theologen und Palästinaforscher Edward Robinson (1794-1863) entdeckt. Der Torbogen, der zu einer imposanten Treppe führte und die bedeutende Steinstraße entlang des Mitteltals mit dem höher gelegenen Tempelberg verband, wurde zu Ehren seines Entdeckers als "Robinson-Bogen" benannt. Vor den systematischen Ausgrabungen war lediglich ein kleiner, hervorragender Abschnitt des Torbogens sichtbar, so wie Edward Robinson ihn bei seiner Entdeckung vorfand (vgl. Ritmeyer 2006: 34). Die restlichen Überreste waren vollständig von späteren Erdschichten verdeckt. Der Bogen befindet sich in der südwestlichen Ecke der Tempelanlage. Am Ende des 19. Jahrhunderts äußerte Edward Robinson die Hypothese, dass der Bogen als Brücke über das Tyropoeon-Tal diente und somit eine Verbindung zwischen dem Tempelberg und der Oberstadt im Westen herstellte.
In der Antike stellte das Tyropoeon (auch Tyropeon oder Tyropaeon) ein tiefes Tal dar, das die Altstadt von Nord nach Süd trennte. In den Quellen aus der Zeit des Zweiten Tempels, die zwischen dem Bau des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 515 BC und dessen Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 CE liegen, wurde es als das Zentraltal oder die Schlucht bezeichnet. Diese Periode war geprägt von der Entwicklung des Kanons der hebräischen Bibel, der Erweiterung des Synagogensystems, den apokalyptischen Erwartungen des jüdischen Volkes sowie dem Aufstieg des Christentums. Dieses Tal ist voller Trümmer und Abfälle, die sich über achtzehn Jahrhunderte angesammelt haben, und ist heute fast vollständig verschwunden. Das heute weitgehend verschüttete Tyropoeon-Tal verlief im antiken Jerusalem von Norden nach Süden zwischen dem Tempelberg (Hügel Zion) und der Stadt und trennte die Altstadt in zwei Hälften. Es war eine Schlucht, die das antike Stadtzentrum begrenzte und in das Kidrontal und das Hinnomtal mündete. Der Name bezieht sich auf eine alte Bezeichnung für "Schlucht der Käsemacher", die von Flavius Josephus verwendet wurde, vermutlich als fehlerhafte Übersetzung der hebräischen Beschreibung "gej ha-aschpot" ("Tal des Mülls", das zum Mülltor führt), welches einen Abwasserkanal darstellt. Diese Beschreibung wurde im Laufe der Zeit in "ge-ha-schefot" ("Tal des Käses") umformuliert und ins Griechische übersetzt, was inhaltlich unhaltbar ist, da Käse dort hergestellt wurde, wo tatsächlich Milch anfiel, nämlich bei den Herden und nicht in der Stadt. Diese bedeutende Senke ist heutzutage kaum mehr als tiefes Tal erkennbar, da sie im Laufe der Jahrhunderte durch Bauschutt und Aufschüttungen nahezu vollständig aufgefüllt wurde. Gegenwärtig wird der Verlauf des Tals häufig mit der Hauptstraße im muslimischen Viertel, der Tariq al-Wad ("Talweg") oder Rechov HaGai ("Talstraße"), in Verbindung gebracht; einer Straße in der UNESCO-Weltkulturerbe Altstadt von Jerusalem.
Bei den nachfolgenden archäologischen Untersuchungen konnte jedoch bei der Entfernung der Erdschichten auf der gegenüberliegenden Seite des Mitteltals kein Anzeichen einer Brücke festgestellt werden. Stattdessen fanden die Forscher unter dem Bogen eine Anordnung benachbarter Pfeiler und erkannten, dass dieser zu einer bedeutenden Treppe führte, die die große Steinstraße mit dem Tempelberg verband.
Diese eindrucksvolle Struktur ist eng mit der Westmauer verbunden und wird vermutlich auf die Zeit von Herodes dem Großen datiert, etwa ins erste Jahrhundert BC. Herodes der Große, ein jüdischer Klientelkönig Roms (regierte von 37 BC bis 4 BC) war für seine politischen und diplomatischen Fähigkeiten sowie umfangreiche Bauprojekte bekannt, zugleich jedoch auch gefürchtet wegen seiner brutalen Vorgehensweisen gegen politische Gegner und Mitglieder seiner Familie. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Jesus diesen Torbogen, der eng mit der Westmauer assoziiert ist, persönlich wahrnahm und durch ihn hindurchging. Entlang der Hauptstraße befanden sich zur biblischen Zeit eine Vielzahl kleiner Geschäfte, die Opfergaben für den Tempel anboten. Hierbei könnte es sich um den Ort handeln, an dem Jesus den Tempel reinigte.
Die römischen Truppen, die den Tempel zerstörten, rissen auch diesen Torbogen nieder. Archäologen konnten dies bei der Entdeckung der herabgestürzten Steine feststellen, wobei die Straße aufgrund der Last der herabgefallenen Steine absenkte: Die massiven Steine des Bogens fielen demnach aus erheblicher Höhe auf die Straße nieder, was zu einer merklichen Senkung der großflächig gepflasterten Straße führte.
Literatur: Mazar, Elat. The Complete Guide to the Temple Mount Excavations. Jerusalem, Israel: Shoham Academic Research and Publication, 2002; Ritmeyer, Leen and Kathleen. Secrets of Jerusalem's Temple Mount (updated and enlarged edition). Washington, DC: Biblical Archaeology Society, 2006; Mazar, Benjamin. "Excavations Near Temple Mount Reveal Splendors of Herodian Jerusalem.” Biblical Archaeology Review, Jul/Aug. 1980; Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale. Padua: Università degli Studi di Padova,2024/2025.
Der "Tempelberg von Jerusalem"
Der Tempel von Jerusalem

Die beigefügte Abbildung zeigt den Zweiten Tempel im Zentrum des Tempelbergs, dargestellt im „Holyland Model of Jerusalem“ (s. Abb.), einer großformatigen Modellrekonstruktion der Stadt während der späten Zeit des Zweiten Tempels. Dieses Modell, entworfen vom israelischen Archäologen und Kunsthistoriker Michael Avi-Yonah (1904 –1974) auf Grundlage archäologischer Funde und antiker Quellen, ist im Israel-Museum in Jerusalem zu besichtigen. Darüber hinaus veranschaulicht dieses Modell die überwältigende Erfahrung der Menschen, die zu jener Zeit anwesend waren, als die Jünger Jesu den Tempel betrachteten und erklärten: „Wie herrlich sind diese Steine! Wie majestätisch dieses Gebäude!“ (Markus 13,1). Gleichzeitig ermöglicht diese Rekonstruktion ein vertieftes Verständnis für das Erstaunen der Jünger, als Jesus die bevorstehende Zerstörung des Tempels ankündigte: „Seht ihr dieses große Gebäude? Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben; alles wird abgerissen werden“ (Markus 13,2).
Es ist leicht vorstellbar, welchen ohrenbetäubenden Lärm die massiven Steine verursachten, als die römischen Soldaten das Mauerwerk vollständig aufbrachen und die großen Steine herabstürzen ließen.
Der "Jerusalemer Tempel" (hebräisch בֵּית־הַמִּקְדָּשׁ Bet HaMikdasch) befand sich auf dem Tempelberg in Jerusalem. Der Begriff bezieht sich auf zwei bedeutende Heiligtümer aus unterschiedlichen Epochen, die heute nicht mehr existent sind:
1. Erster Tempel oder Salomonischer Tempel: Dieses Hauptheiligtum des Königreiches Juda wurde 587/586 BC bei der Eroberung Jerusalems durch die Neubabylonier zerstört. Infolge dieser Zerstörung verlor die JHWH-Religion ihren zentralen Bezugspunkt. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde ins "babylonische Exil" deportiert.
2. Zweiter Tempel: Dieses Hauptheiligtum wurde von den aus dem Exil zurückgekehrten Judäern unter dem persischen Statthalter Serubbabel circa 515 BC erbaut, erfuhr jedoch wiederholte Umbauten und wurde unter Herodes dem Großen erheblich erweitert und neu gestaltet ("Herodianischer Tempel"). Sein anspruchsvollstes Bauprojekt begann 21 BC und das eigentliche Tempelgebäude wurde innerhalb von nur anderthalb Jahren fertiggestellt und mit großer Prachtentfaltung eingeweiht. Die Neugestaltung des gesamten Tempelberg-Komplexes zog sich noch lange nach dem Tod des Herodes hin und kam erst kurz vor dem Ausbruch des Jüdischen Krieges (66 CE) zum Abschluss.
Er wurde 70 CE bei der Eroberung Jerusalems durch römische Truppen geplündert, in Brand gesetzt und schließlich zerstört.
Das Erscheinungsbild sowie die Ausstattung beider Tempel sind in antiken Schriftquellen dokumentiert. Ihre Analyse ist ein zentraler Bestandteil der Bibelwissenschaft (Altes Testament) und der Judaistik. Teile der Umfassungsmauern der herodianischen Tempelplattform sind in den heutigen Mauern erhalten geblieben. Ein Westabschnitt, bekannt als "Klagemauer", gilt heutzutage als die bedeutendste heilige Stätte des Judentums. Diese Mauer hatte während der Zeit des Tempels noch keine herausragende religiöse Bedeutung. Auf dem Tempelberg befinden sich gegenwärtig der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee, die nach den heiligen Stätten in Mekka und Medina die bedeutendsten Heiligtümer des Islam darstellen.
In der jüdischen Religionsauffassung ist eine der Voraussetzungen für die Erwartung des kommenden Messias (hebräisch: משיח maschiach), dass der „jüdische Tempel in Jerusalem“ (als „Dritter Tempel“) wiedererrichtet wird (Micha 4,1).
Der Tempel stellte während seiner Existenz den zentralen Ort jüdischer Religiosität dar. Der Opferdienst (hebräisch: קָרְבָּן qårbān „sich nähern“) war, einschließlich seiner institutionellen, logistischen und priesterlichen Komponenten, ein fundamentaler Bestandteil religiöser Praktiken. In der Hebräischen Bibel und anderen antiken Texten finden sich unterschiedliche Bezeichnungen für den Jerusalemer Tempel, die je nach literarischem, kultischem oder theologischen Kontext variieren. Häufig wird der Tempel als „Haus JHWHs“ (hebräisch: בֵּית יְהוָה) bezeichnet, was auf seine Funktion als Ort der göttlichen Gegenwart hinweist (1 Kön 6,1; Jer 7,2). Eine eng verwandte Kurzbezeichnung „das Haus“ (הַבַּיִת) findet sich besonders in spätbiblischen Texten und fungiert als eine Art „Eigenname“ (2 Kön 12,11). Darüber hinaus wird der Begriff (הֵיכָל hēchal) verwendet, der ursprünglich einen königlichen Palast bezeichnete und im Tempelkontext den inneren sakralen Raum beschreibt (1 Sam 1,9; Ps 11,4).
Die Bezeichnung מִקְדָּשׁ miqdāsch („Heiligtum“) eröffnet eine stärkere kultisch-theologische Perspektive, da sie den Tempel als geheiligten Ort konzipiert und an das mobile Heiligtum der Wüstenzeit anknüpft (Ex 25,8). In nachexilischen Texten wird der Tempel auch als „Haus Gottes“ (בֵּית אֱלֹהִים) bezeichnet, was die universale Dimension der Gottheit hervorhebt (Esr 3,8; Neh 11,16).
In der frühjüdischen Literatur der Zweiten-Tempel-Zeit finden sich neben hebräischen auch griechische Begriffe wie altgriechisch τὸ ἱερόν tò hierón („das Heilige“) oder ναός naós („Tempel“), insbesondere in der Septuaginta und bei Flavius Josephus. Diese stellen jedoch keine kultinternen Eigenbezeichnungen dar, sondern reflektieren eine hellenistische Außenperspektive.
Nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 CE setzte im rabbinischen Judentum eine terminologische Konsolidierung ein. Die vorherrschende Bezeichnung lautet nun „Haus des Heiligtums“ (בֵּית הַמִּקְדָּשׁ), die in Mischna, Tosefta und Talmud fast ausschließlich vorkommt (m. Middot 1,1; b. Joma 2a). Häufig wird auch die kürzere Form הַמִּקְדָּשׁ („das Heiligtum“) verwendet, die den Tempel als sakralen Ort der Erinnerung und der Halacha markiert. Eine spätere, systematisch-theologische Bezeichnung lautet „Haus der Erwählung“ (בֵּית הַבְּחִירָה), die insbesondere bei Maimonides vorkommt und die einzigartige göttliche Erwählung des Tempelstandorts betont (Mischne Tora, Hilchot Beit ha-Bechirah 1,1). Moses Maimonides (hebr. מֹשֶׁה בֶּן מַיְמוֹן Mosche ben Maimon; geboren zwischen 1135 und 1138 CE in Córdoba; gestorben am 13. Dezember 1204 CE in Kairo) war ein andalusischer jüdischer Philosoph, Rechtsgelehrter, Theologe und Arzt, der vor allem in al-Andalus und Ägypten wirkte. Für Jahrzehnte war er das geistige Haupt der Sephardim. Er gilt als bedeutender Gelehrter des Mittelalters.

Das 2. Buch Mose (Ex 25–27 und Ex 36–39) beschreibt detailliert das Konzept eines zerlegbaren und transportablen Zeltheiligtums, in dem die Bundeslade aufbewahrt wurde, auch als „Zelt der Begegnung“ (Ex 27,21) bezeichnet. Die Tora unterscheidet bei der Konzeption dieses Heiligtums zwei Bereiche: den Vorhof mit Becken und Brandopferaltar und den Innenraum (s. Abb.), der mit Räucheraltar, Leuchter und Schaubrottisch ausgestattet ist, was dem „Arbeitsplatz des Hohenpriesters“ entspricht.
Einige Wissenschaftler vertreten die Auffassung, dass bestimmte Details aus der Beschreibung des Zeltheiligtums und seiner Zeremonien tatsächlich auf den Kult des "Jerusalemer Tempels" zurückgehen und nachträglich auf das Zeltheiligtum projiziert wurden. Der bekannte Forscher Julius Wellhausen (1844-1918), ein deutscher evangelischer Theologe und Orientalist formulierte diesen Gedanken pointiert, indem er darauf hinwies, dass der Tempel für die Priesterschrift so essentiell sei, dass er tragbar gemacht und als Stiftshütte in die Urzeit versetzt wird. Denn diese ist in Wahrheit nicht das Urbild, sondern die Kopie des Jerusalemer Tempels. Unabhängig davon verwendet die Tora die Stiftshütte (Mischkan) als Modell zur Beschreibung von Opfer- und Reinigungsritualen. Der Mischkan (hebräisch מִשְׁכָּן miškān, deutsch ‚Wohnung, Wohnstatt‘), auch Stiftshütte, Offenbarungszelt oder Zelt der Begegnung (אֹהֶל מוֹעֵד ’ohæl mô‘ed) genannt, ist ein in der Bibel beschriebenes transportables Heiligtum. Im Buch Exodus (hebräisch שְׁמוֹת Schemot, deutsch ‚Namen‘), wird die Anfertigung des Mischkan in Kapitel 25–31 erklärt. Als Gottesreden an Mose haben diese Anordnungen innerhalb der Tora große Relevanz, zumal Mose auch himmlische Modelle des Zelts und seines Inventars gezeigt werden (Ex 25,9 EU).
Die Abläufe im "Jerusalemer Tempel" müssen durch die Übertragung dieser Anordnungen auf die Gegebenheiten eines steinernen Heiligtums erschlossen werden.
Die Einrichtung des Hechal, der ursprünglich einen königlichen Palast bezeichnete und im Tempelkontext den inneren sakralen Raum im Zweiten Tempel beschreibt (1 Sam 1,9; Ps 11,4), ist damit praktisch identisch (s. Abb.): vorne der Altar für das Weihrauchopfer, dahinter der Siebenarmige Leuchter (Menora) und der aufgrund der gestapelten Brote turmartig wirkende Schaubrottisch. Im Hintergrund der Vorhang des Allerheiligsten (hebräisch קֹדֶשׁ הַקֳּדָשִׁים kodesch ha-kodaschim).
Aus der Endphase des Königreichs Juda sind Listen zu Tempelgeräten überliefert, konkret in Jeremia 52,17–23 sowie 2 Könige 25,13–17. Diese Listen etablieren eine Kontinuität zwischen dem Ersten Tempel und dem perserzeitlichen Neubau des Zweiten Tempels.
In den Kapiteln Jeremia 27-28 EU wird auf Streitigkeiten unter den Propheten über die Rückgabe der bereits konfiszierten Geräte durch die Babylonier hingewiesen. Gemäß Esra 1,7–11 kehrte ein Teil dieser Geräte mit den Rückkehrern aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurück.
In der Zeit vor dem Exil war der Tempel in Jerusalem nicht die einzige Stätte, an der JHWH verehrt wurde; es existierten auch weitere Kultstätten, darunter: das Heiligtum in Schilo (1 Sam 1–4), die Heiligtümer von Dan und Bet-El (1 Kön 2,28-29) sowie das archäologisch bestätigte Heiligtum von Tel Arad. Im vorexilischen Zeitraum hatten Gläubige Zugang zum Hauptraum (Hechal) eines JHWH-Heiligtums; im Zweiten Tempel war der Zutritt jedoch ausschließlich Priester vorbehalten.
Einige Exegeten assoziieren die Kultvorschriften der Tora weitgehend mit der nachexilischen Zeit bzw. dem Zweiten Tempel und vermuten, dass im Ersten Tempel andere Rituale und Feste stattfanden, die aus der Hebräischen Bibel nur indirekt erschlossen werden können. Insbesondere wird das Thronbesteigungsfest JHWHs als zentrales Fest diskutiert.
Judas Makkabäus setzte den traditionellen Kult wieder in Kraft. Er ließ den durch griechische Rituale entweihten Altar abreißen und baute einen neuen Brandopferaltar. Die Einweihung des Tempels wurde Ende des Jahres 164 BC feierlich begangen, ein Ereignis, das bis heute im Chanukka-Fest erinnert wird.
Um den Tempel zu schützen, ließ Juda Judas Makkabäus (hebräisch יְהוּדָה הַמַּכַּבִּי Jəhūdah ha-Makkabī, deutsch ‚Jehuda der Makkabäer‘; auch lediglich Juda oder Makabäus; gestorben 160 BC bei Elasa), ein jüdischer Priester des 2. Jahrhunderts BC und Anführer des nach ihm benannten Makkabäeraufstands, den Zionsberg militärisch befestigen. Kurze Zeit später, 163 BC belagerte der seleukidische Heerführer und Regent Lysias mit einem riesigen Heer (darunter Elefanten) den Anführer Judas Makkabäus in Jerusalem, um den Aufstand niederzuschlagen. Dies führte zu dem entscheidenden historischen Moment: dem Makkabäerkrieg. Obgleich im Jahr 162 BC einen Kompromissfrieden geschlossen wurde , der die freie Ausübung der jüdischen Religion garantierte, wurde die Tempelmauer gleichwohl geschleift.
Der als „herodianische Tempel“ bezeichnete Bau stellt die grundlegende Umgestaltung des zweiten Jerusalemer Tempels (hebräisch בֵּית־הַמִּקְדָּשׁ הַשֵּׁנִי Bēṯ hamMīqdāš hašŠēnī) dar, initiiert von Herodes dem Großen (hebräisch הוֹרְדוֹס). Dieses ehrgeizige Projekt begann im Jahr 21 BC und war das größte Bauvorhaben seiner Herrschaft. Innerhalb von nur anderthalb Jahren wurde der Tempel in seiner vollen Pracht vollendet und eingeweiht, während die umfassende Neugestaltung des gesamten Tempelbergkomplexes über den Tod Herodes’ hinaus fortschritt und erst kurz vor dem Ausbruch des Jüdischen Krieges abgeschlossen wurde. Im Jahr 70 CE wurde der gesamte Komplex durch römische Streitkräfte zerstört.
Literatur: Vieweger, Dieter. Wenn Steine reden. Archäologie in Palästina. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2004; Zwickel, Wolfgang. Der salomonische Tempel (Kulturgeschichte der Antiken Welt 83). Mainz: von Zabern, 1999; Hartman, Gideon, and Guy Bar-Oz. "The Pilgrimage Economy of Early Roman Jerusalem (1st Century BCEe70 CE) Reconstructed from the d15N and d13C Values of Goat and Sheep Remains". Journal of Archaeological Science 40 (2013): 4369–4376 ; Keel, Othmar. Jerusalem und der eine Gott: Eine Religionsgeschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014; Finkelstein, Israel and Neil Asher Silberman. David und Salomo. Archäologen entschlüsseln einen Mythos (Original: David and Solomon, In Search of the Bible's Sacred Kings and the Roots of the Western Tradition) München: C.H. Beck, 2006; Hahn, Johannes. Zerstörungen des Jerusalemer Tempels: Geschehen – Wahrnehmung – Bewältigung (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 147). Tübingen: Mohr Siebeck, 2002; Netzer, Ehud. The Architecture of Herod, the Great Builder. Tübingen: Mohr Siebeck, 2006; Kamlah, Jens. "Ein Haus für Gott bauen. Der salomonische Tempel in Jerusalem und die Tempel der Levante". Welt und Umwelt der Bibel 4 (2012), pp. 34–40; Reidinger, Erwin. Die Tempelanlage in Jerusalem von Salomo bis Herodes. Neuer Ansatz für Rekonstruktion durch Bauforschung und Astronomie (Erweiterter Nachdruck). Wien: Wiener Neustadt, 2005; Schmidt, Sarah-Christin. Kubus, Kult und Konfrontationen: Der Symbolkomplex des Tempels in Jerusalem und seine Verwirklichung in Judentum, Christentum und Islam. Tectum, Marburg: Tectum, 2016.
Der Einfluss der biblischen Archäologie, insbesondere das Rekonstruktionsmodell des "Tempelbergs von Jerusalem", das vom Urban Simulation Team der Universität Kalifornien, Los Angeles (UCLA) konzipiert und in Kooperation mit der Israelischen Antikenbehörde realisiert wurde, genießt seit seiner Installation im Jahr 2001 im Davidson Center des Archäologischen Parks in Jerusalem hohe Anerkennung. Dieses Modell veranschaulicht nicht nur die Pracht des herodianischen Tempels aus dem ersten Jahrhundert, sondern vermittelt auch eindrücklich, wie Pilger aus ländlichen Gemeinden in die pulsierende Stadt Jerusalem strömten und den majestätischen Tempel betraten.
Das eigentliche Tempelgebäude des Herodianischen Tempels - die grundlegende Umgestaltung des zweiten Jerusalemer Tempels (hebr. בֵּית־הַמִּקְדָּשׁ הַשֵּׁנִי Bēṯ hamMīqdāš hašŠēnī, mit der Herodes der Große (hebr. הוֹרְדוֹס) 21 BC begann und die zugleich sein anspruchsvollstes Bauprojekt wurde, wurde Innerhalb von nur anderthalb Jahren fertiggestellt und mit großer Prachtentfaltung eingeweiht. Die Neugestaltung des gesamten Tempelberg-Komplexes aber zog sich noch lange nach dem Tod des Herodes hin, kam erst kurz vor dem Ausbruch des Jüdischen Krieges zum Abschluss und wurde im Jahre 70 n. Chr. durch die römische Armee vollständig zerstört.
Literatur: Mazar, Elat. The Complete Guide to the Temple Mount Excavations. Jerusalem, Israel: Shoham Academic Research and Publication, 2002; Ritmeyer, Leen und Kathleen. Secrets of Jerusalem's Temple Mount (aktualisierte und erweiterte Auflage). Washington, DC: Biblical Archaeology Society, 2006; Mazar, Benjamin. "Excavations Near Temple Mount Reveal Splendors of Herodian Jerusalem.” Biblical Archaeology Review, Jul/Aug. 1980; UCLA Urban Simulation Team - "Jerusalem's Temple Mount" auf www.ust.ucla.edu, abgerufen am 12.04.2026; Goodman, Martin. Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kultur, Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta, 2020, S. 85; "Juda, Das Königreich" Bibel-Lexikon, auf bibelkommentare.de, abgerufen am 14.04.2026.
Nach der Zerschlagung eines erneuten Aufstands etwa 60 Jahre später, errichteten die Römer auf den Ruinen Jerusalems eine römische Stadt namens Aelia Capitolina, die für die jüdische Bevölkerung unzugänglich war. Die Region Judäa erhielt die Bezeichnung "Syria Palaestina". Die römischen Autoritäten intensivierten ihre Bemühungen, den Juden jede Perspektive auf die Wiederherstellung ihres heiligen Zentrums zu entziehen.
Die römische Kolonie Aelia Capitolina, vollständig Colonia Aelia Capitolina (auch Helya Capitolina, altgr. Αἰλία Καπιτωλιάς Ailía Kapitōliás), entstand an dem Ort der 70 CE durch Titus zerstörten Stadt Jerusalem.
Jerusalem war am Ende des Jüdischen Kriegs im Jahre 70 CE vollständig zerstört: Flavius Josephus schreibt in seiner Geschichte des jüdischen Krieges (Flavius Josephus, Geschichte des jüdischen Krieges VII,1,1-4):
1,1 Da jetzt der Grimm der Soldaten gar keine Nahrung mehr fand, und das Heer nichts mehr zu morden und zu rauben hatte – denn sicher war es nicht das Gefühl der Schonung, das die Römer zurückgehalten haben würde, falls es für sie noch etwas zu thun gegeben hätte – so befahl ihnen der Cäsar, die ganze Stadt und den Tempel abzugraben: stehen lassen sollten sie nur die Thürme, welche alle anderen überragten, den Thurm Phasael, Hippikus und Mariamne, 2 wie auch das Stück der Festungsmauer, das die Stadt von der Abendseite her schützte. Die Mauer sollte der zurückzulassenden Besatzung zum Lager dienen, die drei Thürme aber den künftigen Geschlechtern ein Wahrzeichen sein sowohl für die Macht der Stadt, der die römische Tapferkeit Meister geworden, als auch für die merkwürdige Art und Weise, wie ein so festes Bollwerk ihnen in die Hände fallen konnte. 3 Die ganze übrige Ringmauer wurde von den Arbeitern so gründlich geschleift, dass kein Fremder mehr sich hätte an Ort und Stelle überzeugen können, ob irgend je hier Menschen gewohnt haben. 4 Das war also das entsetzliche Ende, das Jerusalem, die Prächtige und bei allen Völkern Gefeierte, dank der Verblendung ihrer aufrührerischen Kinder, gefunden hat!
Die Kolonie Colonia Aelia Capitolina wurde – wahrscheinlich 135 CE nach dem Bar-Kochba-Aufstand – unter dem römischen Kaiser Hadrian gegründet, der die Stätte 130 CE besucht hatte. Der Name Aelia Capitolina leitet sich zum einen von Hadrians Gentilnamen Aelius ab, bezieht sich aber zum anderen auf Iuppiter Optimus Maximus, den obersten Gott des römischen Pantheons, dem auf dem Tempelberg ein in Kolonien häufig geweihter, Capitolium genannter Tempel errichtet wurde.
Der römische Name bestand offiziell bis zum Jahr 324 CE, als unter Kaiser Konstantin dem Großen das Christentum aufgewertet und der Bestandteil Capitolina aus dem offiziellen Stadtnamen entfernt wurde. Aelia blieb neben der nun wieder einsetzenden Nutzung von Jerusalem und Hierosolyma als Name in Gebrauch und lebte nach der arabischen Eroberung der Stadt im Jahr 638 CE in der Form Iliya (إيلياء) fort.
Laut dem spätantiken christlichen Theologen und Geschichtsschreiber Eusebius von Caesarea (260/64- 339 oder 340) erfolgte die Namensänderung erst nach der Unterdrückung des zweiten jüdischen Aufstands im Jahr 135 CE. Ein Datum für den Bau der beiden römischen Hauptverkehrsachsen (Cardo und Decumanus) wurde anhand der Funde ermittelt, die direkt unter den Pflastersteinen entdeckt wurden. Auf der Grundlage dieser Funde schlagen Archäologen indessen vor, dass die römische Stadt in den ersten Jahren von Kaiser Hadrians Regierungszeit, etwa ein Jahrzehnt vor seinem Besuch im Osten im Jahre 130 CE, geplant und ihre Hauptverkehrsstraßen gepflastert wurden, also im Jahre 117 CE.
Dennoch bewahrte die jüdische Religion ihre Lebendigkeit, auch ohne Tempel, und die schriftliche Überlieferung gewann in dieser Zeit an Bedeutung. Das Gedenken an Jerusalem wurde gestärkt, und die Aura dieser heiligen Stadt leuchtete intensiver als zuvor. In den fast 2:000 Jahren seit der Zerstörung des physischen Temples ist dieser heilige Ort nie in Vergessenheit geraten. Die jüdischen Gläubigen beten weiterhin um seinen Wiederaufbau, wie beispielhaft in der 14. Bitte des Achtzehnbittengebets Amida, dem bedeutendsten Gebet des Judentums:
14 „Nach deiner Stadt Jerusalem kehre in Erbarmen zurück, wohne in ihr, wie du gesprochen hast, erbaue sie bald in unseren Tagen als ewigen Bau, und Davids Thron gründe schnell in ihr. Gelobt seist du, Ewiger, der du Jerusalem erbaust!“
Das Achtzehnbittengebet (auch bekannt als Achtzehngebet, hebr. שמנה עשרה Schemone Esre), häufig Amida (עמידה von עמד ‚stehen‘) oder ha-Tefilla (התפילה ‚das Gebet‘) genannt, stellt das zentrale Gebet im jüdischen Gottesdienst dar.
Zu Beginn des Gebets wird der Name des Allmächtigen geheiligt, dieser Abschnitt, als Keduscha bezeichnet, darf ausschließlich von einem Minjan, einer Gruppe von zehn Männern, gesprochen werden. Die Amida ist, wie ihr hebräischer Name andeutet, stehend zu verlesen. Der Betende verbeugt sich an vier Punkten während der Amida: am Anfang und am Ende von zwei Segensgebeten, Avot und Hoda’ah. Gläubige Juden rezitieren die Amida in jedem der drei täglichen Gebetsgottesdienste: Morgen (Schacharit), Nachmittag (Mincha) und Abend (Ma'ariv). Eine vierte Amida (Mussaf) wird am Schabbat, Rosch Chodesch sowie an jüdischen Festen nach der morgendlichen Toralesung gesprochen. Eine fünfte Amida (Neïlah) wird einmal jährlich zum Yom Kippur bei Sonnenuntergang rezitiert.
Die Bezeichnung "Schemone Esre" (hebr. שמנה עשרה Schemone Esre, deutsch ‚achtzehn‘) ist vorwiegend in der aschkenasischen Tradition verbreitet und bezieht sich auf die Anzahl der Bitten in der Ursprungsfassung für die Wochentage. Obwohl das Gebet in der heute gängigen, ursprünglich babylonischen Version 19 Bitten umfasst, hat sich die Bezeichnung "Amida" (עמידה von עמד "stehend"), die auf die stehende Darbietung hinweist, vor allem im sephardischen Judentum etabliert.
Im Talmud wird das Gebet schlicht als ha-Tefilla (התפילה ‚ "das Gebet‘) "das Gebet", bezeichnet, da es als das zentrale Gebet angesehen wird. Das Gebet beeindruckt erheblich, insbesondere wenn man bedenkt, dass es über Jahrhunderte in den tiefsten Nöten von Tausenden von Juden gebetet wurde, sei es aus individuellen oder gemeinsamen Herausforderungen. Daher können wir erahnen, wie heilend, ermutigend und kraftspendend dieses Gebet für das Judentum gewesen sein muss. Zudem besitzt es eine lange Tradition; so ist unter anderem der Priestersegen, der einst im Heiligen Tempel von Jerusalem das israelische Volk segnete, sowie die große Keduscha (Heiligung) Gottes durch den Engelchor darin enthalten.
Der älteste dokumentierte Text dieses Gebets stammt aus dem 9. Jahrhundert CE (Seder Raw Amram Gaon). Bereits in der Mischna, der mündlichen Überlieferung der Thora, die um das 2. Jahrhundert CE entstand, werden Segenssprüche (Brachot) erwähnt. Auch gibt es Quellen aus der Zeit von Rabban Gamaliel II, die die Schlussredaktion dieses liturgischen Textes um ca. 100 n.Chr. ansetzen.
Rabban Gamaliel II (called also Gamaliel of Jabneh; ca. 90-130 CE), war das anerkannte Oberhaupt der Juden in Palästina in den letzten zwei Jahrzehnten des ersten und zu Beginn des zweiten Jahrhunderts. Er setzte das von Johanan ben Zakkai (1. Jahrhundert CE) begonnene Wiederaufbauwerk mit großem Elan und Erfolg fort. Yohanan ben Zakkai (hebr. יוֹחָנָן בֶּן זַכַּאי), manchmal abgekürzt als ריב״ז "ribaz" für Rabbi Yohanan ben Zakkai, war ein Tanna, ein bedeutender jüdischer Weiser während der späten Zeit des Zweiten Tempels in der Umbruchphase nach dessen Zerstörung. Er leistete einen wesentlichen Beitrag zum Kerntext des rabbinischen Judentums, der Mischna. Seinem Namen wird oft der Ehrentitel "Rabban" vorangestellt. Er gilt weithin als eine der bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten seiner Zeit, und seine Flucht vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer (die es ihm ermöglichte, weiter zu lehren) könnte entscheidend zum Überleben des rabbinischen Judentums nach der Zerstörung des Tempels beigetragen haben. Sein Grab befindet sich in Tiberias auf dem Maimonides-Friedhof. Yohanan war der erste jüdische Weise, dem in der Mischna der Titel „Rabbi“ verliehen wurde.
Berücksichtigt werden muss, dass bestimmte Teile der Amida noch älter sind. Vergleichende literaturhistorische Analysen mit Texten aus der Frühzeit belegen, dass die letzten drei Segensbitten bereits in der Makkabäerzeit (165-63 BC) verankert waren. Die Themen der Bitten waren religionsgesetzlich vorgegeben, wohingegen die Formulierungen flexibel gestaltet werden konnten.
Die Festlegung des Gebets in den Gebetsbüchern begann im 9. Jahrhundert CE, jedoch sind die Texte der Amida in den verschiedenen jüdischen Denominationen nicht einheitlich. Zusätzlich erfüllt das Gebet eine apologetische (verteidigende) Funktion, da die frühen Christen indirekt als Mitverursacher der Tempelzerstörung gelten. Als Frühchristentum wird die Anfangszeit des Christentums von der Kreuzigung des Jesus von Nazaret (um 30 CE) bis zur Trennung der Christen vom Judentum (um 100 CE) oder bis zu den jüngsten Schriften (um 130 CE) des Neuen Testaments (NT) bezeichnet. Jesus von Nazaret und seine Anhänger in der Jesusbewegung waren Juden, die das Judentum erneuern, aber keine neue Religion gründen wollten. Der Untergang des Tempels wurde als Ausdruck von Gottes Gericht über Israel aufgrund der Kreuzigung Jesu gedeutet.
Um 100 CE wird durch die zwölfte Strophe der Amida artikuliert, dass "Häresie" oder "Verleumdung" aus dem Judentum ausgeschlossen werden sollten.
12 "Den Verleumndern sei keine Hoffnung, und alle Ruchlosen mögen im Augenblick untergehen, alle mögen sie rasch ausgerottet werden, und die Trotzigen schnell entwurzle, zerschmettre, wirf nieder und demütige sie schnell in unseren Tagen. Gelobt seist du Ewiger, der du die Feinde zerbrichst und die Trotzigen demütigst!"
Seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 hat jedoch niemand ernsthaft den Versuch unternommen, den Tempel wiederherzustellen. Ein faktischer Wiederaufbau in den ursprünglichen Dimensionen würde den Abriss zweier bedeutender islamischer Gebäude erfordern, der al-Aqsa-Moschee und des Felsendoms, die zu den wichtigsten Heiligtümern des Islam zählen. Die al-Aqsa-Moschee (arab. المسجد الأقصى al-masdschid al-aqsa, "die ferne Kultstätte"; hebr. מִסְגַּד אַל-אַקְצָא Misgad al-Aqzā) oder Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt gilt als drittwichtigste Moschee des Islams nach der al-Harām-Moschee mit dem zentralen Heiligtum der Kaaba in Mekka und der Prophetenmoschee mit dem Grab des Propheten Mohammed in Medina. Zu der Moschee gehören vier Minarette. Der Felsendom ist der älteste monumentale Sakralbau des Islams und eines der islamischen Hauptheiligtümer. Er steht auf dem Tempelberg im südöstlichen Teil der Jerusalemer Altstadt. Er wurde nach gegenwärtigem Forschungsstand zwischen 687 und 691 CE errichtet und im Lauf der Jahrhunderte vielfach restauriert. Konkrete Überlegungen zur Beseitigung dieser Gebäude zwecks Wiederherstellung des Tempels existieren nicht, und die Wiedereinführung des Opferkults sowie des Priestertums scheinen ausgeschlossen.
Die Hoffnungen auf einen wiederaufgebauten Tempel sind im Judentum eng mit der messianischen Zukunft verknüpft. Der Messias soll, gemäß dem Glauben, die Juden zurück nach Israel führen, den Tempel erneuern und den Opferdienst wiedereinführen. Gegenwärtig beten Juden nach wie vor in der Hoffnung auf die Erfüllung dieser Vision:
17 „Habe Wohlgefallen, Ewiger, unser Gott, an deinem Volke Israel und ihrem Gebete, und bringe den Dienst wieder in das Heiligtum deines Hauses, und die Feueropfer Israels und ihr Gebet nimm in Liebe auf mit Wohlgefallen, und zum Wohlgefallen sei beständig der Dienst deines Volkes Israel. Und unsere Augen mögen schauen, wenn du nach Zion zurückkehrst in Erbarmen. Gelobt seist du, Ewiger, der seine Majestät nach Zion zurückbringt!“
Die gegenwätige Situation unterscheidet sich jedoch grundlegend von der Zeit des Tempels in Jerusalem: Es existiert kein Klerus mehr, der die religiösen Zeremonien durchführt. Der Synagogengottesdienst ist demokratisch strukturiert, wobei jeder Jude und im liberalen Judentum auch jede Jüdin die Gelegenheit hat, vorzubeten. Tieropfer sind im gegenwärtigen Kontext gänzlich erloschen. Die Hoffnungen auf den "dritten Tempel" wurden letztlich in die messianische Ära übertragen.
Von dem zweiten Tempel verblieb lediglich ein Teil der Westmauer, die im Jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem gelegene und als religiöse Stätte des Judentums bekannte "Klagemauer" (s. Abb). Die seit dem späten 19. Jh. "Klagemauer" genannte Westmauer wird von Juden umgangssprachlich einfach nur "Mauer" (hebräisch כותל ‚kotel‘, Mauer) genannt, da sie die Westmauer der Tempelanlage war und nicht primär ein Ort der Klage ist. Viele der mächtigen Steinblöcke, aus denen die Mauer erbaut ist - sie ist 48 Meter lang und 18 Meter hoch - bestehen aus dem Jerusalemer Meleke-Kalkstein, der einst am nördlichen Stadtrand gewonnen wurde. Der Jerusalemer Meleke-Kalkstein (oft auch einfach Jerusalem-Stein) ist ein königlich anmutender, heller Naturstein. Er ist für seine goldene Farbe im Sonnenlicht bekannt. Die Steine für den ersten Tempel wurden in der Zedekia-Höhle, einem monumentalen, 20.000 m² großen unterirdischen Steinbruch im Norden der Jerusalemer Altstadt, gebrochen. Direkt nach dem Abbau ist der Stein relativ weich und lässt sich meißeln sowie formen. Unter freiem Himmel härtet er durch Witterungseinflüsse aus und wird witterungsbeständig. Er ist der ikonische Baustein der Heiligen Stadt. Bedeutende Bauwerke, wie die "Klagemauer", wurden überwiegend aus diesem Gestein errichtet. Die "Klagemauer" stellt einen Teil der westlichen Umfassungsmauer des Plateaus des Herodianischen Tempels dar. Ungefähr ein Drittel der Mauer wurde abgetragen und etwa ein Drittel befindet sich unter der Erdoberfläche. Herodes ( 73 BC-4 BC), auch Herodes der Große, der jüdische Klientelkönig Roms, konnte die von ihm begonnene Erweiterung des Tempelareals zu seinen Lebzeiten nicht abschließen, vielmehr wurden die Arbeiten erst kurz vor dem Ausbruch des Jüdischen Krieges beendet. Das bestätigen auch Münzfunde, die unter dem südlichen Teil der Mauer gemacht wurden.
Herodes der Große war der berühmteste Herrscher der Dynastie. Er war der König von Judäa und ist in der Bibel für den "Kindermord in Bethlehem" bekannt. Unter seiner Herrschaft wurde der große Tempel in Jerusalem prunkvoll ausgebaut. Die Klagemauer wurde erst unter Herodes Agrippa II. (eigentlich Marcus Iulius Agrippa; 27 CE- 92/93 CE) dem Sohn Herodes Agrippas I. und Urenkel von Herodes dem Großen vollendet. Er regierte ab 50 n. Chr. Gebiete im Norden Palästinas, was sich mit der Darstellung bei Flavius Josephus deckt. Von 50 CE bis zu seinem Tod herrschte er als von Rom eingesetzter König über Gebiete im heutigen Libanon, Syrien und Israel. Er erscheint auch in der Apostelgeschichte, in der Paulus, der bei dem Statthalter Porcius Festus von seinen jüdischen Gegnern angeklagt an den Kaiser appelliert hatte, ihm und Berenike vorgeführt wird (Apostelgeschichte 25,13–26 EU). Agrippa II. versuchte vergeblich, die Juden von ihrem Aufstand gegen Rom (66–73 CE) abzuhalten. Als Rom siegte, stand er auf der Seite der Römer. Mit seinem Tod endete die Herrschaft der herodischen Könige:
Sieben Steinlagen dieser Mauer sind heute sichtbar, darüber befindet sich jüngeres Mauerwerk. Die "Klagemauer" hatte, solange der Tempel bestand, keine herausgehobene religiöse Bedeutung, und sie war zunächst auch nicht der Ort, zu dem jüdische Pilger nach der Zerstörung des Heiligtums kamen. Vielmehr verehrten diese in der Spätantike einen „durchbohrten Stein“ (‚lapis pertusus‘), wobei es sich um den Felsen im Zentrum des Felsendoms handeln kann, aber auch um eine markante Ruine des Herodianischen Tempels, die nicht mehr erhalten ist.
Literatur: Rehberg, Markus. "Das Achtzehnbittengebet – שמנה עשרה" (4.Juni 2014), auf israelogie.de, abgerufen am 14.04.2026; Schechter, Solomon und Wilhelm Bacher,"JOHANAN B. ZAKKAI", auf jewishencyclopedia.com, abgerufen am 14.04.2026; Schechter, Solomon und Wilhelm Bacher, "GAMALIEL II. (called also Gamaliel of Jabneh, to distinguish him from his grandfather, Gamaliel I.)", auf jewishencyclopedia.com, abgerufen 14.04.2026; Beyrodt, Gerald: "Der Tempel in Jerusalem. Nur die Klagemauer ist erhalten geblieben." (16.07.2014, Archiv), auf Deutschlandfunk, online, abgerufen am 12.04.2026; Berndt, Christian. "Vor 1950 Jahren in Judäa. Als die Römer Jerusalem zerstörten." (13.09.2020, Archiv), auf Deutschlandfunk, online, abgerufen am 12.04.2026; Klein, Menachem. Jerusalem: geteilt, vereint – Araber und Juden in einer Stadt. Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2018; Meir, Ben-Dov, Naor, Mordechai und Zeev Aner. Die Westmauer. Übersetzung: Hanan Michaeli, Ellen Michaeli (10. Kapitel).Tel Aviv: Verlag des Verteidigungsministeriums, 1988, pp. 216 f.; Küchler, Max. Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007; Frenkel, Miriam. "The Temple Mount in Jewish Thought (70 CE to the present)". In: Grabar, Oleg und Benjamin Z. Kedar (Hrsg.): Where heaven and earth meet: Jerusalem’s sacred esplanade. Jerusalem/Austin: The Hebrew University of Jerusalem/École biblique de Jérusalem/Al-Quds University/Yad Ben-Zwi Press/University of Texas Press, 2009, pp. 344–36; Croitoru, Joseph. Al-Aqsa oder Tempelberg. Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten. München: C.H. Beck Verlag, 2021.
Obwohl allgemein anerkannt ist, dass kein neues Heiligtum errichtet wird, dokumentieren die Rabbiner in der Mischna gewissenhaft die spezifischen Opferhandlungen, die im Tempel zu festgelegten Zeiten und gemäß festgelegten Verfahren durchgeführt werden müssen. Dem Themenbereich Tempel ist ein eigener Abschnitt innerhalb der Mischna gewidmet. Der Begriff „Mischna“ steht für Wiederholung und diese rabbinische Gesetzessammlung bildet das Fundament des Talmuds.
Betritt man heute eine Synagoge, wird man feststellen, dass kein Altar mehr existiert und die Ämter der Priester sowie der Leviten aufgehoben worden sind. Es ist unbestritten, dass das Judentum seit langem eine Religion der Laien darstellt. Trotz der Unterschiede zwischen Tempel und Synagoge lässt sich eine durchgehende Kontinuität beobachten: Im Allerheiligsten der Stiftshütte befand sich die Bundeslade, während in der Synagoge hinter dem Vorhang die handgeschriebenen Tora-Rollen als zentrales Element aufbewahrt werden. Die Terminologie beider Objekte weist Parallelen auf: In der Bibel wird die Bundeslade als „aron habrit“ bezeichnet, was „Schrank des Bundes“ bedeutet, während der Tora-Schrein in der Synagoge als „aron ha kodesch“, d.h. „heiliger Schrank“, bekannt ist. Dies verdeutlicht, dass im Judentum über Jahrtausende hinweg eine fundamentale Wertschätzung für die Schriftlichkeit erhalten geblieben ist.
Die jüdische Diaspora erstreckt sich über alle Kontinente und das jüdische Volk brachte eine neue Form der Religion hervor – eine „tragbare Heimat“, wie der deutsche Dichter Heinrich Heine in seinen „Geständnissen“ (1854) formulierte:
„die Juden, die [das heilige Buch] aus dem großen Brand des zweiten Tempels gerettet haben und es im Exil gleichsam wie ein portables Vaterland mit sich herumtragen.“
Schrift- oder Buchreligionen basieren auf der Flexibilität ihrer Texte, die es ermöglichen, die Bindungen religiöser Gemeinschaften an feste Orte zu lockern oder aufzugeben.
Literatur: Beyrodt, Gerald: "Der Tempel in Jerusalem. Nur die Klagemauer ist erhalten geblieben." (16.07.2014, Archiv), auf Deutschlandfunk, online, abgerufen am 12.04.2026; Berndt, Christian. "Vor 1950 Jahren in Judäa. Als die Römer Jerusalem zerstörten." (13.09.2020, Archiv), auf Deutschlandfunk, online, abgerufen am 12.04.2026.
A. Biblische Qellen
- Historische Aussagekraft
Die Analyse alttestamentlicher Erzählungen erfordert eine fundierte Auseinandersetzung mit deren historischer Aussagekraft. Hierbei ist es unerlässlich, vier zentrale Aspekte zu differenzieren:
1. Historischer Aspek: Das Alte Testament fungiert als Dokument einer vergangenen Epoche und stellt somit eine bedeutende historische Quelle dar.
2. Historiographischer Aspekt: Die Texte des Alten Testaments dokumentieren die Vergangenheit und können daher als Geschichtsbuch betrachtet werden.
3. Narrativer Aspekt: Die Erzählweise des Alten Testaments vermittelt historische Ereignisse in Form von Geschichten und wird somit als literarisches Werk kategorisiert.
4. Theologischer Aspekt: Das Alte Testament interpretiert die Vergangenheit als eine von Gott geprägte Geschichte und konzipiert somit Geschichte als Teil der Heilsgeschichte. Ein zentrales Instrument der alttestamentlichen Textanalyse sind die exegetischen Methoden. Nur auf dieser fundierten Basis, unter Berücksichtigung aller vier Aspekte, kann die Frage nach der historischen Aussagekraft des Alten Testaments adäquat behandelt werden.
Quelle: Neu, Katharina. "Grundinformationen zum Zeitstrahl zur Geschichte Israels", auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen aam 13.04.2026.
- Quellenwert
In diesem Kontext ergibt sich die weitere Fragestellung nach dem Quellenwert des Alten Testaments, die sich in drei unterschiedliche Ansätze gliedern lässt:
1. Maximalposition/Maximalismus: Alttestamentliche Texte werden solange als historisch zuverlässig erachtet, bis sie durch außerbiblische Quellen widerlegt sind oder ihre Plausibilität in Frage gestellt wird.
2. Minimalposition/Minimalismus: Hierbei werden alttestamentliche Texte lediglich dann in die Geschichtsrekonstruktion einbezogen, wenn sie mit externen, außerbiblischen Quellen übereinstimmen.
3.Mittelposition: Diese Auffassung besagt, dass alttestamentliche Texte nicht primär an einer engen Darstellung historischer Fakten interessiert sind, sondern vielmehr an der Interpretation der Geschichte selbst. Demzufolge bedarf jede Textstelle einer methodischen Reflexion, um zu evaluieren, inwiefern sie zur historischen Argumentation beitragen kann. Dies gilt gleichermaßen für biblische wie für außerbiblische Texte.
Die Mittelposition ist dabei als bevorzugte anzusehen.
Quelle: Neu, Katharina. "Grundinformationen zum Zeitstrahl zur Geschichte Israels", auf www.bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 13.04.2026.
B. Außerbiblische Quellen
Für die umfassende Rekonstruktion der Geschichte Israels ist es unerlässlich, neben einer methodisch fundierten Analyse der alttestamentlichen Texte auch eine kritische Bewertung außerbiblischer Quellen vorzunehmen. Diese Analyse umfasst folgende Bereiche:
- Archäologische Befunde, welche sowohl Ausgrabungen als auch Oberflächensurveys beinhalten. Hierbei werden materielle Überreste wie Artefakte und Ökofakte betrachtet, die im Kontext der longue durée (langfristige Veränderungen, etwa geologische, klimatische und kulturelle Bedingungen oder weitestgehend stabile geopolitische Strukturen), der moyenne durée (konjunkturelle Veränderungen, wie der Wechsel zwischen Urbanisierung und Deurbanisierung sowie der Zusammenbruch von Handelssystemen) und der courte durée/événement (historische Ereignisse) zu interpretieren sind.
- Ikonographisches Material, das Bildträger wie Fels- und Wandreliefs, halbplastische Statuen und Figurinen sowie Siegel und Bullen umfasst.
- Außerbiblische Texte, insbesondere ägyptische und mesopotamische Schriftstücke (darunter Chroniken und Königslisten), antike jüdische Autoren wie der einflussreiche jüdische Philosoph, Theologe und bekannteste Denker des hellenistischen Judentums, Philo von Alexandrien (um 15/10 BC- 40 CE) und Flavius Josephus (37/38 CE- 100 CE), der junge Priester aus der Jerusalemer Oberschicht und jüdisch-hellenistischer Historiker, sowie nichtjüdische griechische Historiker wie der antike griechische Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler Herodot (490/480 BC - um 430/420 BC) und Thoukydídēs (454 BC-399/396 BC), ein aus aristokratischen Verhältnissen stammender athenischer Stratege und einer der bedeutendsten Historiker der griechischen Antike. Darüber hinaus sind auch deuterokanonische und apokryphe Werke wie die Makkabäerbücher und der Aristeasbrief von Bedeutung.
- Epigraphik, die sich mit Inschriften auseinandersetzt, darunter die Inschrift von Tel Dan, Ostraka, Briefe sowie Siegel und Bullen.
- Numismatik, die die Untersuchung von Münzen, insbesondere ab der Perserzeit, umfasst.
Quelle: Neu, Katharina. "Grundinformationen zum Zeitstrahl zur Geschichte Israels", auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 13.04.2026.
C. Der Begriff „Israel“
Der Begriff „Israel“ ist polysem:
- Im Alten Testament dient er als Ehrenname für den Erzvater Jakob (vgl. Gen 32,29).
- Im Pentateuch wird die Gesamtheit der Söhne Jakobs und deren Nachkommen als das „Volk der Israeliten“ bezeichnet (vgl. unter anderem Ex 1,9).
- Während der Zeit des Exodus bis zur Königszeit bezieht sich der Begriff auf das Volk, das aus Ägypten ausgewandert ist, sowie auf das biblische „Großreich“ Israel.
- Nach der sogenannten Reichsteilung bezeichnet er das politische Gebiet im Norden, im Gegensatz zum Südreich „Juda“ (hebräisch יְהוּדָה Jehūdāh).
- Nach dem Untergang des nördlichen politischen Gebiets im Jahr 722/720 BC wird in prophetischen Texten auch das Gebiet im Süden („Juda“) inkludiert.
- Des Weiteren umfasst diese Bezeichnung die nachexilischen Gemeinden und bleibt bis in die neutestamentliche Zeit relevant.
- Auch das nachbiblische rabbinische Judentum blieb sich seiner Identität mit „Israel“ auch nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 CE voll bewusst. Der Name bezeichnet das biblische erwählte Gottesvolk, dessen (geografisch und politisch verschieden bestimmtes) Land und die Abstammungsgemeinschaft all seiner Nachkommen.
Darum verwendeten viele Juden und Nichtjuden die Bezeichnungen „Israel“ und „Judentum“ schon lange vor der Gründung des modernen Staates Israel 1948 synonym. Seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wird der Begriff über die religiöse Konnotation hinaus auch als politische und geografische Bezeichnung verwendet. Der Ausdruck „Geschichte Israels“ bezieht sich auf die sich verändernde politische und geografische Größe im 1. Jahrhundert BC, ohne diese Bezeichnung jedoch präzise zu definieren. Dies geschieht im Einklang mit „einer Konvention für den übergeordneten Titel der Darstellung“ (Frevel, 29) der Geschichte Israels.
Quelle: Neu, Katharina. "Grundinformationen zum Zeitstrahl zur Geschichte Israels", auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 13.04.2026.
Babylonisches Exil und Diaspora
Das Königtum Juda (hebräisch יְהוּדָה Jehūdāh)
Juda (hebräisch יְהוּדָה Jehūdāh) war ein Königtum in der Eisenzeit, das sich im östlichen Mittelmeerraum, in den Judäischen Bergen um Jerusalem, etablierte. Die Eisenzeit ist ein historischer Zeitraum, der in Europa etwa 800 BC begann und um das Jahr 0 endete. Im Nahen Osten begann die Eisenzeit bereits um 1200 BC und dauerte bis zum Beginn des Hellenismus, der um 1026 BC in Mesopotamien begann.
Gemäß biblischer Überlieferung wird seine Gründung König David (hebräisch דָּוִד und דָּוִיד Dāwid) zugeschrieben. Dieser wird in den Büchern 1 und 2 Samuel, im 1. Buch der Könige sowie im 1. Buch der Chronik, die gemeinsam den Tanach, die heiligen Schriften des Judentums, bilden, als "König von Juda" erwähnt und trat zudem in der Nachfolge Sauls als "König von Israel" auf. David lebte nach allgemeiner Auffassung um 1000 BC und gilt als Autor zahlreicher Psalmen, die als Davidpsalmen bekannt sind. Die prophetische Verheißung eines ewigen Bestehens der Daviddynastie (2 Sam 7 ) mündete im Judentum in die biblische Messias-Erwartung, die im Judentum eine zentrale Rolle spielt.
Da die biblischen Texte über weite Strecken die einzigen überlieferten Quellen darstellen und deren Validität für historische Analysen umstritten ist, bleiben zahlreiche Aspekte der Geschichte Judas im Unklaren. Unter der Herrschaft König Joschijas (639 bis 609 BC), auch bekannt als Josia, erlebte Juda eine letzte Blütezeit. Während seiner Regentschaft und unter dem Einfluss des Propheten Jeremia wurden sämtliche abweichenden hebräischen, kanaanäischen, aramäischen oder assyrischen Kulte radikal beseitigt, und der Jahwekult Jerusalems wurde für alle Einwohner verbindlich etabliert. Des Weiteren wurde der Tempel umfassend renoviert. Darüber hinaus führte diese Ära zur Zerstörung aller Kultstätten außerhalb des Tempels in Jerusalem, was dazu führte, dass dieser eine herausragende kultische Bedeutung erlangte, die im Judentum bis heute besteht. In dieser Zeit soll, gemäß der biblischen Überlieferung, im Tempel ein heiliges Buch entdeckt worden sein, das von der Forschung häufig mit dem Deuteronomium oder dessen Vorstufe (Urdeuteronomium) assoziiert wird.
Die Renaissance Judas wurde durch die Ausdehnung und den Zerfall des Assyrischen Reiches begünstigt. In besonderem Maße trugen die Abspaltung Babylons sowie zusätzliche aufständische Provinzen zum Niedergang des Assyrischen Reiches bei. Im Jahr 612 BC fiel die assyrische Hauptstadt Ninive in die Hände der Babylonier. Joschija nutzte diese Schwächung des Assyrischen Reiches, um sich von der Vasallität zu befreien, die assyrischen Beamten zu vertreiben und den Süden der Provinz Samaria zu erobern, der Teile des ehemaligen hebräischen Nordreiches Israel umfasste. Ägypten sah sich bedroht, da es den Aufstieg Mesopotamiens fürchtete und beabsichtigte den Assyrern Unterstützung zu gewähren. Joschija verweigerte jedoch den Ägyptern den freien Durchzug durch Juda. Im Jahr 609 BC fiel Joschija in der Schlacht von Megiddo, während er versuchte, die ägyptischen Streitkräfte aufzuhalten; seine Nachkommen sowie die aristokratischen Führungspersönlichkeiten wurden von den siegreichen Ägyptern deportiert.
Joschijas Sohn Joahas regierte lediglich drei Monate, bevor er von Pharao Necho II. ins Exil geschickt wurde. Necho setzte daraufhin seinen Bruder Eljakim als neuen Herrscher ein, benannte ihn als Zeichen seiner Autorität in Jojakim um und forderte einen hohen Tribut. Im Jahr 605 BC brach die vorübergehend stabilisierte Herrschaft Ägyptens über Palästina erneut zusammen, als diese gemeinsam mit den verbündeten Assyrern in der Schlacht von Karkemisch eine verheerende Niederlage gegen die Babylonier unter Nebukadnezar II. erlitten. Jojakim war gezwungen, sich den Babyloniern zu unterwerfen, wurde jedoch im Jahr 600 BC, angesichts vorangegangener militärischer Erfolge der Ägypter, erneut abtrünnig. Jojakim starb, bevor die Babylonier ihren Gegenangriff starteten, der um den Jahreswechsel 598/597 BC durchgeführt wurde, während Juda gleichzeitig von den Edomitern angegriffen wurde.
Jojakims Sohn Jojachin (598 bis 597 BC) ergab sich nach drei Monaten Herrschaft und ebenso langer Belagerung Jerusalems. Im März 597 BC wurde die Stadt Jerusalem erobert. Der Tempel und der Palast wurden geplündert, während in einer ersten Deportation die obersten Beamten, Soldaten, Handwerker und zahlreiche Gebildete ins babylonische Exil gebracht wurden. Zedekia, ein Onkel oder Bruder Jojachins, wurde schließlich als letzter König und Vasall Babylons eingesetzt.
Zedekia (= meine Gerechtigkeit ist Jah (Jehova)) - so der Name, den Nebukadnezar Mattanja, dem Sohn Josias, gab, als er ihn auf den Thron Judas setzte - regierte elf Jahre (597-586 BC) und war der letzte König von Juda. Zedekia tat, was böse war in den Augen des HERRN, und demütigte sich nicht vor dem Propheten Jeremia. Er entweihte den Namen des HERRN, indem den Eid brach, den er dem König von Babylon bei Gott geschworen hatte. Auch die Obersten der Priester und das Volk „häuften die Treulosigkeiten" (2. Chr 36,14). Als Zedekia sich gegen Nebukadnezar empörte, machte er einen Bund mit Ägypten (vgl. Hes 17,3-20). Aber Ägypten wurde besiegt, woraufhin Nebukadnezar die Belagerung Jerusalems vorantrieb. Zedekia wurde von Jeremia viele Male vor den Folgen seines Handelns gewarnt. Dieser riet ihm, sich Babylon zu unterwerfen, wofür er von den Fürsten von Juda verfolgt wurde. Als die Stadt eingenommen wurde, versuchte Zedekia mit seinen Frauen und Kindern zu fliehen, aber er wurde gefangen genommen.
Die dazugehörige politisch-kulturelle Debatte findet biblisch in der Erzählung Jeremias ihren Ausdruck. Der Aufstand wurde möglicherweise durch die allgemein unruhige Lage im Westen des babylonischen Reiches angeregt, die an verschiedenen Strafexpeditionen in dieser Zeit erkennbar war, sowie durch Putschversuche in Babylon selbst und durch ein vorübergehendes Erstarken Ägyptens. Als Zedekia den Entschluss zum Aufstand fasste, entsandte Babylon eine weitere Strafexpedition, die im Jahr 588 BC ganz Juda eroberte.
Jerusalem kapitulierte nach 18 Monaten Belagerung um den 29. Juli 587 BC. Die königliche Familie sowie alle verbliebenen Aristokraten und Gebildeten, einschließlich Handwerkern, wurden nach Babylon verbannt. Jerusalem wurde in mehreren Strafaktionen umfassend verwüstet.
Juda überdauerte das Nordreich Israel um 136 Jahre, hörte jedoch im Jahr 586 BC ebenfalls auf zu existieren. Auf dem Gebiet Judas entstand daraufhin die babylonische und später persische Provinz Jahud. Im Jahr 582 BC wurden erneut Judäer nach Babylon deportiert, sodass insgesamt 4.600 Menschen ins Exil geschickt wurden. 539 BC eroberte der persische König Kyros II. Babylon und gestattete ein Jahr später den Judäern die Rückkehr nach Juda.
Die Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. im Jahr 587 BC markierte das Ende der Eigenstaatlichkeit. Die Region wurde Teil des neubabylonischen Reiches und später im Achämenidenreich zur persischen Provinz Jehud. Erst unter den Makkabäern wurde eine Form des selbstverwalteten jüdischen Lebens in der Region erneut etabliert.
Die erste babylonische Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. - 597 BC
Ab Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. erblüht Babylon zu immer größerer Pracht. Babylon ist damals die größte und wohl prächtigste Stadt der Welt. Dessen König Nebukadnezar II. erobert immer mehr Staaten in der Region, die wir heute den "Nahen Osten" nennen; unter ihnen auch das kleinere Königreich Juda.
Nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 597 BC weigert sich die Bevölkerung des unterworfenen Juda die von Babylon verlangten Abgaben zu zahlen - und verändert damit den Lauf der Religionsgeschichte.
Nebukadnezar II. erobert daraufhin die Stadt Jerusalem und verschleppt die Oberschicht in sein Reich. Ein Ereignis, von dem auch das Alte Testament der Bibel berichtet: Jojachin, der König von Juda, sowie seine Familie und sein Hofstaat werden nach Babel verschleppt. In dieser Situation wird die Religion zur entscheidenden Kraft, die die Judäer zusammenhält. Das Exil wirkt sich bis in die Gegenwart aus.
Nebukadnezar setzt zwar einen neuen König in Jerusalem ein, doch auch dieser lehnt sich gegen die Tributzahlung auf. Der babylonische König steht nach einem Jahrzehnt erneut vor den Toren Jerusalems. Diesmal wird die Stadt und der Tempel zerstört und die Überlebenden als Sklaven nach Babel geschafft.
Die erste historisch dokumentierte babylonische Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. ereignete sich am 16. März 597 BC (im siebten Jahr seiner Herrschaft). Nach einer belagerungsbedingten Kapitulation der Stadt wurde König Jojachin abgesetzt, was eine umfassende Deportation der jüdischen Elite nach Babylon einleitete und somit den Beginn des babylonischen Exils markierte. Jojachin (auch Jojakin, Jekonja) war ein historischer König des Reiches Juda im 6. Jahrhundert BC. Er bestieg im Jahr 598 BC im Alter von 18 Jahren den Thron und regierte in Jerusalem nur kurze Zeit (ca. 3 Monate), bevor er in babylonische Gefangenschaft geriet. Diese erste Eroberung leitete das endgültige Schicksal Jerusalems und die Zerstörung des Tempels im Jahr 587/586 BC ein. Der abtrünnige Vasallenkönig Jojakim von Juda provozierte eine Strafexpedition, in deren Folge Nebukadnezar II. Jerusalem belagerte, was zur Kapitulation des jungen Königs Jojachin führte.
Nebukadnezar II. setzte Zedekia als neuen Herrscher ein, plünderte die Tempelschätze und deportierte die jüdische Oberschicht, Handwerker sowie Soldaten. Diese Vorfälle sind sowohl in der Babylonischen Chronik als auch in der hebräischen Bibel (2. Könige 24) dokumentiert. Die Praxis der Deportation besiegter Völker war zu dieser Zeit weit verbreitet. Archäologische Funde, darunter Ascheschichten und Pfeilspitzen, die auf dem Zionsberg entdeckt wurden, unterstützen die überlieferten Berichte über die Belagerung.
Der Berg Zion oder Zionsberg (hebräisch הַר צִיּוֹן Har Zijjōn) ist der Südwesthügel Jerusalems im Judäischen Bergland und liegt außerhalb der Altstadtmauer vor dem Zionstor. Der Name bezieht sich auf Zion (hebräisch צִיּוֹן ṣijjôn) einen Ortsnamen in der Hebräischen Bibel. Das Wort ist sprachlich mit hebräisch צִיָּה ṣijjāh „trocken“ verwandt und kann daher als „trockener Ort“ im Sinne von „Bergrücken“ verstanden werden. Die „Bergfeste Zion“ (2 Sam 5,7 EU) war eine vorisraelitische Akropolis auf dem heutigen Südosthügel Jerusalems, identisch mit der Stadt Davids, der diese Burg um 1000 BC eroberte.
Seit der Zeit Salomos wird dieser Ort als Tempelberg und in Folge als die Tempelstadt Jerusalem bezeichnet. Die in der Bibel König Salomo zugeschriebene Stadterweiterung in Richtung Norden, wo Salomos Tempel und sein Königspalast lokalisiert wurden, hatte zur Folge, dass der Name Zion im weiteren Sinn auf die gesamte auf dem Südosthügel gelegene Stadt, im engeren Sinn auf den Tempelberg überging, den Wohnsitz des Gottes der Israeliten JHWH (etwa in Jes 8,18 ). Damit rückte der Zion ins Zentrum der Hoffnungen des Judentums, die sich auf weltweite Anerkennung JHWHs und seiner Rechtsordnung richten. Diese Zionstheologie durchzieht die Prophetie im Tanach seit Jesaja und bestimmte auch die Endzeiterwartung des Urchristentums mit.
Die römische Zerstörung Jerusalems im Jüdischen Krieg (70 CE) stellt eine Zäsur in der Stadtgeschichte dar, in deren Folge die Bezeichnung Zionsberg auf die südliche Kuppe des Südwesthügels wanderte, die vorher nicht so hieß.
Literatur: Finkelstein, Israel. Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel. München: C. H. Beck, 2014; Noth, Martin. Geschichte Israels. 8. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1976, S. 111; Berlejung, Angelika. "Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel". In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament: Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. 6. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2019, S. 59 ff; Otto, Eckart. "Zion". In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 8, Tübingen: Mohr-Siebeck, 2005, Sp. 1874–1876; Pilger, Tanja und Markus Witte (Hrsg.). Zion: Symbol des Lebens in Judentum und Christentum. Leipzig: Evangelische Verlags-Anstalt, 2013; Finkelstein, Israel und Neil A. Silbermann. David und Salomo. München: Beck Verlag , 2006; Wakonigg, Daniela. "Nebukadnezar II. erobert Jerusalem am 16.3.597 v.Chr."(16.03.2024), auf www1.wdr.de, abgerufen am 29.05.2026.
Zum Begriff „babylonisches Exil“
Der Terminus „Exil“ beschreibt in biblischem sowie bibelgeprägtem Sprachgebrauch die geografische Distanzierung des von JHWH verheißenen und geschenkten Land. Der Verlust dieses Landes führt zu einer Infragestellung der Gemeinschaft mit Gott (vgl. Ez 11,15). Die Theologie des Exils stand somit vor der Herausforderung, die Kontinuität des Glaubens an Gott zu gewährleisten. Der Begriff „Gola“ (auch als Golah bekannt) leitet sich vom hebräischen Verb גלה (glh) ab, was „ausziehen“ oder „fortgehen“ bedeutet. Gleichzeitig bezieht sich das Nomen גּוֹלָה (gôlāh) sowohl auf „Verbannung“, „Wegführung“ oder „Exil“ als auch auf eine „Gruppe von Exilierten“. In diesem speziellen Kontext wird der Begriff Gola im Deutschen als Fachterminus verwendet.
Die Zeitspanne von 597 BC bis 539 BC wird als das "babylonische Exil" charakterisiert. Diese Epoche beginnt mit der Deportation von Teilen der Bewohner Judäas durch die Babylonier. Die alttestamentlichen Schriften beleuchten aus einer theologischen Perspektive die komplexen Themen der Vertreibung der Bevölkerung, der als verlassen beschriebenen Region Juda sowie der Rückkehr nach dem Exil. Theologisch wird das Exil oft als eine Strafe für die Abkehr von JHWH interpretiert, wobei die Golah - die nach Babylon deportierten Judäer oder Rückkehrer - als das "wahre Israel" gelten.
Vor diesem Hintergrund hat das Exil eine herausragende Bedeutung für die Entstehung der kollektiven Identität des nach-exilischen Israels. Daher stellt die Zeit des Exils einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte Israels dar. Es ist jedoch zu beachten, dass der Begriff "Exil" mit gewissen Unsicherheiten behaftet ist. Es wäre inkorrekt, von einem einheitlichen Deportationsereignis der Judäer auszugehen. Vielmehr dokumentieren historische Quellen drei spezifische Deportationen:
- Die erste Deportation ereignete sich im Rahmen der Eroberung Jerusalems 597 BC.
- Die zweite Deportation führte zum Fall Jerusalems und Judas (587/86 BC) und zur Zerstörung Jerusalems 587 BC.
- Die dritte Deportation fand im Jahr 582 BC statt.
In der biblischen Darstellung wird Juda (hebräisch יְהוּדָה Jehūdāh) als ein verwaistes Land geschildert, was jedoch den tatsächlichen Gegebenheiten widerspricht. Besonders die gesellschaftliche Elite, darunter Mitglieder des Königshauses, Priester und Handwerker, wurden deportiert, während die Mehrheit der einfachen Bevölkerung im Land verblieb.
Das babylonische Exil endete mit der Eroberung Babylons durch Kyros II. 539 BC.
Kyros II. (altpers. Kūruš, neupers. کوروش بزرگ Kurosch-e bozorg, ‚Kurosch der Große‘ (um 590/ 580 BC-530 BC), oft auch Kyros der Große genannt, Sohn des Kambyses I., regierte Persien von etwa 559 bis 530 BC als sechster König der Achämeniden-Dynastie und ernannte seinen ältesten Sohn Kambyses II. zum Nachfolger. Kyros weitete durch seine Expansionspolitik die Grenzen des ehemals kleinen altpersischen Reichs deutlich aus, das unter seinen Nachfolgern von Indien über Iran, Babylon, Kleinasien bis Ägypten reichte und bis 330 BC bestand, ehe es von Alexander dem Großen erobert wurde.
Die Eroberung Babylons durch Kyros II. markierte den Beginn der Rückkehr der Juden nach Jerusalem und den Aufbau des Jerusalemer Tempels. Die Rückkehr war jedoch nicht für alle Juden gegeben, und viele der Deportierten blieben in Babylon zurück, wo sie ein kulturelles Zentrum bildeten.
Die biblische Chronologie und die Interpretation des Alten Testaments haben zu verschiedenen Ansichten über die Dauer und die Bedeutung des Exils geführt. Die Vielzahl an Beweisen für die Anwesenheit von Judäern in Babylonien nach 539 BC legt nahe, dass das "Exil" mit der Eroberung durch Kyros II. keineswegs abrupt endete. Viele Judäer verblieben in Babylon und lebten in der Diaspora, während andere die Rückkehr nach Juda antraten.
Über das babylonische Exil hinaus stellt auch das assyrische Exil ein bedeutendes Thema dar. Nach der Eroberung Samarias im Jahr 726 BC und während der Besetzung Judas zwischen 703 und 701 BC fanden ebenfalls Deportationen statt.
Samaria, die Hauptstadt des Nordreichs (wörtlich „Wächter“ oder „Wachturm“) ist eine zentrale Region und Stadt in der Bibel. Die Bedeutung des Ortes in den biblischen Schriften lässt sich in zwei wesentliche Epochen einteilen:
1. Nach der Teilung Israels in ein Nord- und ein Südreich wurde Samaria unter König Omri zur prunkvollen Hauptstadt des Nordreichs (der zehn Stämme).
2. Könige wie Ahab und Isebel förderten dort die Verehrung heidnischer Götter (z.B. Baal), weshalb die Stadt in den Schriften der Propheten oft als Symbol für Götzendienst und Abfall von Gott kritisiert wurde.
3.Wegen dieses Glaubensabfalls kündigten die Propheten das Ende der Stadt an. Samaria wurde schließlich vom assyrischen Weltreich erobert und die Oberschicht ins Exil verschlepp.
Um 723 BC wurde Samaria von Salmānu-ašarēd V. (auch Šulmānu-ašarēd V. oder biblisch Salmanassar) belagert und konnte drei Jahre lang standhalten, bis die Stadt schließlich durch Sargon II. eingenommen wurde. Das Volk wurde infolgedessen in die Gefangenschaft geführt (2. Kön 18,9-12). Salmānu-ašarēd V. (biblisch Salmanassar) war 726 bis 721 BC König des assyrischen Reiches. Wie vor ihm bereits sein Vater Tukulti-apil-Ešarra III. (Tiglath-Pileser III.) war er zugleich König von Babylonien. Dort führte er den Namen Ulūlāja (oder Ululai).
Salmānu-ašarēd V. annektierte Kilikien (eine antike Landschaft im Südosten Kleinasiens im östlichen Teil der heutigen türkischen Mittelmeerregion) und kämpfte gegen zahlreiche, vor allem syrisch-palästinensische Unruhen. Die Eroberung von Samaria (2 Kön 17,6 EU) darf noch als Verdienst seiner Regierungszeit gerechnet werden. Da er aber wohl noch während ihrer Belagerung einem Mordanschlag zum Opfer fiel, wird die Einnahme der Stadt häufiger seinem Nachfolger Šarru-kīn II. (Sargon II.) zugeschrieben.
Unter den assyrischen Inschriften findet sich eine relevante Passage, in der Sargon II. vermeldet: „Ich belagerte die Stadt Samaria und nahm sie ein; 27.280 ihrer Einwohner führte ich hinweg.“
Die Stadt wurde teilweise durch Siedler, die Ẹsar-Hạddon dorthin brachte, wieder besiedelt. Ẹsar-Hạddon (aus dem Assyrischen „Assur gibt einen Bruder“), ein jüngerer Sohn und der Nachfolger Sanheribs (Sohn und Nachfolger Sargons), des Königs von Assyrien. Er vereinigte Babylon mit Assyrien, ohne es zu einer gewöhnlichen Provinz herabzustufen und regierte sowohl in Ninive als auch zeitweise in Babylon.
Samaria wurde später von Johannes Hyrkanus erneut erobert, der bestrebt war, sidie Stadt zu zerstören. Johannes Hyrkanos I. (hebräisch יוחנן (הרקנוס) Jôḥānān (Hurqanôs)) war ein Ethnarch (von griech. éthnos „Volk, Stamm“ und árchon „Herrscher“), in der Antike ein Herrscher, Statthalter oder Fürst, der über ein bestimmtes Volk oder eine ethnische Gruppe herrschte, die meist in einem größeren fremden Reich lebte) und Jerusalemer Hohepriester aus der Dynastie der Hasmonäer, der von 135 bis 104 BC in Judäa regierte. Er zwang die Idumäer, das Judentum anzunehmen, und zerstörte das Heiligtum der Samaritaner auf dem Berg Garizim. Die Prägung eigener Münzen verdeutlicht die Unabhängigkeit Judäas. Sowohl die Eroberung von Idumäa und Samarien als auch die Münzprägung werden in die späten Regierungsjahre des Johannes Hyrkanos datiert.
2Kön 17,1-6 (vgl. 2Kön 18,9-10) berichtet davon, dass Hoschea, der letzte König des Nordreichs Israel, sich gegen das assyrische Großreich auflehnte. Salmanassar V. (727-722 BC) rückte daraufhin vor und eroberte Samaria nach einer dreijährigen Belagerung, gefolgt von der Deportation Israels nach Assyrien.
Auch die Babylonische Chronik verzeichnet, dass Salmanassar V. Samaria erobert hat (HTAT, 300f.). Gleichzeitig erhebt jedoch Sargon II. (722-705 BC) in seinen Annalen den Anspruch, Samaria erobert und 27.280 Menschen deportiert zu haben (HTAT, 301f. und 297).
Die Tontafel mit der Signatur „BM 21946“ ist Teil der sogenannten Babylonischen Chroniken, die über Jahrhunderte hinweg in kurzer und prägnanter Weise unter anderem wesentliche Ereignisse für jedes Regierungsjahr babylonischer Könige bewahrten. Der historische Wert dieser chronologisch geordneten Aufzeichnungen (auch als Annalen bezeichnet) ist außergewöhnlich groß, was vor allem an zwei Faktoren liegt: Zum einen verzichten die ungenannten Chronisten weitgehend darauf, das Weltgeschehen durch das Eingreifen der Götter zu erklären. Zum anderen werden die Ereignisse oft erstaunlich objektiv dargestellt – auch Niederlagen und Rückschläge werden nicht verschwiegen, was für den Alten Orient recht ungewöhnlich ist. Umso tragischer, dass diese Chroniken zum Teil große Lücken aufweisen und so nur die ersten elf Regierungsjahre des neubabylonischen Königs Nebukadnezar II. (reg. 605 bis 562 BC) erhalten geblieben sind:
Die Tatsache, dass die Eroberung Samarias verschiedenen Herrschern zugeschrieben wird, hat in der Forschung unterschiedliche Erklärungen gefunden:
1) Salmanassar V. (auch Šulmānu-ašarēd V. oder biblisch Salmanassar), König des assyrischen Reiches (726 bis 721 BC) eroberte Samaria 722 BC kurz vor seinem Tod, während Sargon II. (Šarru-kīn II. bzw. Sargon II.), König des neuassyrischen Reiches ( 721 bis 705 BC), das Werk vollendete und das Gebiet zur assyrischen Provinz Samerina machte;
2) Es gab zwei separate militärische Operationen gegen Samaria;
3) Der Feldzug Salmanassars V. wurde aufgrund seines Todes unterbrochen, sodass erst Sargon II. die Stadt erobern konnte.
4) Salmanassar V. setzte den aufständischen König Hoschea 722 BC nur ab, während Sargon II. Samaria eroberte, nachdem die Bevölkerung nach Salmanassars Tod erneut rebelliert hatte, wobei dies in einer späteren, in einer Königsinschrift dokumentierten Kampagne 720 BC geschah (HTAT 302f.).
Hoschea war von 731–722 BC der letzte König des Nordreichs Israel (2 Kön 17). Er gelangte durch die Ermordung seines Vorgängers Pekach an die Macht und regierte als assyrischer Vasall. Nach einem Bündnisversuch mit Ägypten und der Einstellung von Tributzahlungen eroberten die Assyrer das Land und beendeten Israels Geschichte.
Es war nicht die Belagerung, die drei Jahre andauerte – eine derart lange Belagerung fand bei den Assyrern nicht bei einer unwichtigen Provinzstadt wie Samaria statt –, sondern die antiassyrische Revolte (Gaß, 10-20). Laut 2Kön 17,6 (// 2Kön 18,11) wurde „Israel“ deportiert, während Josephus von „dem gesamten Volk“ spricht (Antiquitates IX 14,1; Text griechischer und lateinischer Autoren). Sargons II. Annalen berichten lediglich von 27.280 Menschen, historisch gesehen waren vermutlich jedoch nur Teile der Oberschicht Samarias betroffen.
Diese Deportierten wurden gemäß 2Kön 17,6 (// 2Kön 18,11) nach Assyrien gebracht und „in Halach und am Habor, dem Fluss von Gosan, und in den Städten der Meder“ angesiedelt. Halach ist ein Ort in Assyrien, in dem nach 2Kön 17,6 Israeliten im Exil lebten, die von den Assyrern im Anschluss an die Eroberung Samarias dorthin verschleppt worden waren. Halach (חֲלַח ḥǎlaḥ) entspricht akkadisch Ḫalaḫḫu (Belege bei Parpola, 142; Nashef, 114f.) und bezeichnet ein Gebiet sowie eine Stadt nordöstlich von Ninive. Die Stadt ist vielleicht mit Tell el-‘Abbāsīja (in der Nähe des späteren Dur Scharrukin) zu identifizieren.
Samaria wurde von Herodes dem Großen wieder aufgebaut und, zu Ehren des Kaisers Augustus, Sebaste (die griechische Form von Augusta) genannt. Nach dem Tod Herodes' geriet die Stadt jedoch allmählich in den Verfall. Heute existiert nur noch ein kleines Dorf namens Sebustieh (32° 17' N, 35° 12' O), wo einige imposante Säulen sowie andere Überreste ihrer einstigen Größe zu finden sind.
Die vorherrschende Darstellung des babylonischen Exils in den biblischen Texten resultiert maßgeblich daraus, dass zahlreiche alttestamentliche Schriften während und nach der Exilszeit verfasst wurden, was zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dieser geschichtlichen Phase führt.
Literatur: Koenen, Klaus. "Halach", auf www.die-bibel.de, abgerufen am 13.04.2026; Timm, Stefan. “Die Eroberung Samarias Aus Assyrisch-Babylonischer Sicht.” Die Welt Des Orients, vol. 20/21, 1989, pp. 62–82. JSTOR, auf www.jstor.org/stable/25683329, abgerufen am 13.04. 2026; Kramp, Christopher. "Was geschah wirklich in der Zeit von Nebukadnezar II.? Babylons Chroniken vs. Biblische Geschichte", auf bwgung.de, abgerufen am 16.04.2026
Das Leben in der babylonischen Gola und Diaspora (6. Jh. BC)
Die biblischen Quellen skizzieren ein Bild der Deportation der Judäer, das stark an das der babylonische Gefangenschaft erinnert (vgl. Ps 137,3; Bar 4,32; Ez 34,27). Es ist evident, dass die Deportation im engen Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Interessen der neubabylonischen Herrschaft stand, wobei die Arbeitskraft der Judäer für bedeutende Bau- und Infrastrukturprojekte, wie den Kanalbau und die landwirtschaftliche Bewirtschaftung (vgl. Ps 137,1), eingesetzt wurde. Es ist jedoch entscheidend zu betonen, dass diese Juden nicht als Sklaven, sondern vielmehr als Arbeitskräfte betrachtet werden sollten. Dies wird durch Verträge und Geschäftsdokumente aus einem Archiv mit Tontafeln aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts BC belegt, die wertvolle Einblicke in das Leben der im Exil lebenden Judäer gewähren.
Das achämenidische Murašû-Archiv umfasst über 700 Tontafeln (ca. 455–403 BC), die in einem Handels- und Bankhaus in Nippur entdeckt wurden. Benannt nach dem Oberhaupt einer einzelnen Familie, bietet das Murašû-Archiv eine Sammlung von Geschäftsdokumenten, die sich über vier Generationen erstrecken. Diese Dokumente, die während der Herrschaft der persischen Könige Artaxerxes I., einem bedeutenden König des Reichs der Achämeniden (r. 465 bis 424 BC) sowie Darius II., persischer Großkönig (r. 423 bis 404BC) und Artaxerxes II., Sohn von Darius II und zehnter Herrscher des Achämenidenreichs (r. von 404 bis 358 BC) zusammengestellt wurden, ermöglichen einen umfassenden Einblick in die geschäftlichen Aktivitäten und die gesellschaftlichen Verhältnisse im von Persern dominierten Babylonien während der letzten hundertfünfzig Jahre der Achämenidenherrschaft. Diese Tafeln enthalten Informationen zu Steuerquittungen sowie Kredit-, Pfand- und Pachtverträgen aus einem Umkreis von bis zu 100 km um Nippur, was erhebliche Erkenntnisse über das wirtschaftliche und soziale Leben der Judäer liefert, die durch westsemitische und JHWH-theophore Namen identifizierbar sind. Nippur (heutiger Ruinenhügel Nuffar, Irak) war eine der ältesten und bedeutendsten heiligen Städte Mesopotamiens. Nippur (sumerisch Nibru, akkadisch Nibbur) war eine sumerische Stadt, deren Geschichte bis in das 5. Jahrtausend BC zurückgeht; sie liegt ca. 160 Kilometer südöstlich von Bagdad nahe dem alten Verlauf des Euphrat im heutigen Irak liegt.
Den Judäern war es sogar möglich, zugewiesenes Land eigenständig zu bewirtschaften, geschäftliche Kontakte zu knüpfen und Handelsbeziehungen sowie Verträge abzuschließen, was auf eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft hindeutet.
In seiner Publikation „Judeans in Babylonia: A Study of Deportees in the Sixth and Fifth Centuries BCE“ (2019) dokumentiert Tero Alstola, ein Wissenschaftler für alte nahöstliche Kulturen und Sprachen, eine umfassende Analyse über die Deportierten des 6. und 5. Jahrhunderts BC. Eine Studie über judäische Deportierte in Babylonien kann zu drei akademischen Fachgebieten beitragen. Erstens können die Bibelwissenschaften von neuen Erkenntnissen über eine Epoche profitieren, die gemeinhin als „Babylonisches Exil“ bezeichnet wird – ein Begriff, der die Existenz der Judäer in Babylonien nach den Deportationen im frühen 6. Jahrhundert BC umschreibt. Das Ende des Königreichs Juda und die Zerstörung des Tempels in Jerusalem stellten eine Katastrophe dar, die einer theologischen Deutung bedurfte. Die Deportationen und das Exil stießen einen Interpretationsprozess an, der zur Entstehung des Judentums und der biblischen Literatur sowie – auf indirektem Wege – zum Aufkommen des Christentums und des Islam beitrug (Alstola, 2019).
Der Begriff „Deportation“ definiert in diesem historischen Zusammenhang eine Form der Zwangsmigration, bei der der Staat Bevölkerungsgruppen von einer Region in eine andere umsiedelt. Im Alten Orient war die Deportation zumeist die Folge einer militärischen Eroberung oder eine Vergeltungsmaßnahme nach einem gescheiterten Aufstand; dabei diente sie sowohl den politischen als auch den wirtschaftlichen Interessen des dominierenden Staates. Die meisten der verfügbaren Informationen über die Deportationspolitik im 1. Jahrtausend v. Chr. stammen aus neuassyrischen Königsinschriften, da die neubabylonischen Staatsarchive größtenteils verloren gegangen sind und die erhaltenen neubabylonischen Königsinschriften ihren Schwerpunkt vornehmlich auf den Bauprojekten der Könige haben (Alstola, 2019).
Keiner der Texte geht explizit auf die Gründe ein, die Judäer und Neirabier nach Babylonien führten. Sie werden zu keine Zeit als Gefangene, Kriegsgefangene oder Deportierte bezeichnet. Dennoch scheint es keinen Zweifel daran zu geben, dass die überwiegende Mehrheit dieser Menschen aus Deportierten und deren Nachkommen bestand. Die Präsenz von Judäern in Babylon ist eindeutig mit den Deportationen der Oberschicht aus Jerusalem verknüpft; zudem hätten die ländlichen Siedlungsgemeinschaften von Menschen fremder Herkunft ohne staatlich organisierte Zwangsmigration und Umsiedlung gar nicht entstehen können. Die königlichen Händler aus Judäa sowie einige andere in Städten ansässige Judäer bilden die einzige Gruppe, die freiwillig nach Babylonien gelangt sein könnte. Folglich handelt es sich bei den Gegenständen der Studie Tero Alstolas, – selbst wenn freiwillige Migration im Alten Orient ein gut bezeugtes Phänomen darstellt – in erster Linie um Deportierte und deren Nachkommen (Alstola, 2019).
Mittels akkadischer Keilschriftdokumente als Quellen präsentiert Tero Alstola die erste sozialhistorische Studie in Buchform über das babylonische Exil, das allgemein als eine prägende Phase der Entwicklung des Judentums betrachtet wird. Die Ergebnisse seiner Arbeit werden im Kontext der babylonischen Gesellschaft insgesamt betrachtet und mit einer Vergleichsgruppe von Deportierten aus Neirab (auch Al-Nayrab) in Syrien - ca. 10 Kilometer südöstlich des Stadtzentrums der Stadt Aleppo gelegen - in Kontrast gesetzt. In den Jahren 1926 und 1927 brachten archäologische Ausgrabungen in Neirab ein kleines Archiv mit siebenundzwanzig neubabylonischen Tafeln ans Licht. Das Archiv umfasst die Regierungszeiten von Neriglissar, dem vierten König des Neubabylonischen Reiches (560–556 BC) bis Darius I., dem dritten König der Könige des Achämenidenreichs (r. 522 - 486 BC). Die meisten dieser Texte stammen aus der Regierungszeit von Nabonidus als Babylon an Kyros, den König von Persien, fiel. Nabonidus war der letzte König des Neubabylonischen Reiches und regierte von 556 bis 539 BC. Er hinterließ ein politisch und religiös tief gespaltenes Reich. Als Kyros der Große im Jahr 539 v. Chr. Babylon eroberte, endete Nabonidus' Herrschaft, und Babylonien wurde Teil des Perserreiches.
Es ist auch anzumerken, dass die Nachkommen einer Familie namens Nusku-gabbē eine zentrale Rolle innerhalb einer kleinen westsemitischen Gemeinschaft einnahmen, die aus Nordsyrien stammte. Diese Gemeinschaft zeichnete sich sowohl durch ihre Verbundenheit mit der Kultur von Neirab (auch Al-Nayrab) in Syrien als auch durch wichtige Einflüsse der babylonischen Kultur aus. Das Archiv der Familie Nusku-gabbē setzt sich im Wesentlichen aus Schuldscheinen (uʾiltu) zusammen, die für Gerste und Geld ausgestellt wurden. Verschiedene Studien haben ergeben, dass es sich bei diesem Archiv um eine rein private Angelegenheit handelt, was die Familie Nusku-gabbē in gewisser Hinsicht zu einer Art „Firma“ erhebt. Die Aktivitäten der Söhne von Nusku-gabbē fanden in Babylonien statt und innerhalb einer Gemeinschaft von Deportierten aus Neirab. Sie scheinen eine besondere Rolle innerhalb dieser Gemeinschaft eingenommen zu haben, indem sie Darlehen in Form von Geld und Gerste an Mitglieder aus Neirab gewährten und dafür bürgten, dass Käufe, Kredite und Abgaben, die auf diese Gemeinschaft lasteten, getilgt wurden. Diese verschiedenen Aktivitäten belegen die herausragende Stellung der Söhne von Nusku-gabbē, die folglich als angesehene Persönlichkeiten ihrer Gemeinschaft im Exil betrachtet werden können.
Durch die Analyse von Texten aus den städtischen und ländlichen Gebieten sowie die Verfolgung von Entwicklungen über die Zeit hinweg zeigt Tero Alstola eine bemerkenswerte Vielfalt hinsichtlich des sozioökonomischen Status' der Judäer und ihrer Integration in die babylonische Gesellschaft auf. Diese Dissertation beschäftigt sich eingehend mit dem Leben der judäischen Exilierten in Babylonien im 6. und 5. Jahrhundert BC und platziert die Erkenntnisse über die Judäer in einen umfassenderen Kontext der babylonischen Gesellschaft, evaluierend durch die benannte Vergleichsgruppe aus Neirab, Syrien. Die Quellen dieser Studie bestehen aus 289 in akkadischer Keilschrift verfassten Tontafeln, darunter Schuldscheine, Pachtverträge, Quittungen und Listen.
Die Untersuchung verdeutlicht signifikante Unterschiede hinsichtlich des sozioökonomischen Status und der Integration der Deportierten in die babylonische Gesellschaft. Die Mehrheit der Deportierten war im ländlichen Raum angesiedelt und wurde in ein System der "Land-für-Dienst-Leistung" integriert, welches die landwirtschaftliche Produktion steigern und dem Staat Arbeitskräfte, Soldaten und Steuereinnahmen bescheren sollte. Zudem fanden ausländische Fachkräfte in den Städten Beschäftigung, und einige Deportierte hatten Zugang zu den Bereichen Handel und königliche Verwaltung. Nur eine relativ kleine Anzahl von Deportierten wurde babylonischen Tempeln geschenkt. Die babylonische Praxis, Deportierte in ethnisch homogenen ländlichen Gemeinschaften anzusiedeln, begünstigte das Fortbestehen ihrer Kultur und Traditionen. Die Übernahme babylonischer Namen und kultureller Aspekte vollzog sich besonders zügig bei jenen Judäern, die in städtischen Umfeldern lebten und engen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung pflegten.
Literatur: Alstola, Tero. Judeans in Babylonia: A Study of Deportees in the Sixth and Fifth Centuries BCE. Culture and History of the Ancient Near East 109. Leiden: Brill 2019; Tolini, Gauthier. "From Syria to Babylon and Back: The Neirab Archive". Exile and Return: The Babylonian Context, edited by Jonathan Stökl and Caroline Waerzeggers, Berlin, München, Boston: De Gruyter, 2015, pp. 58-93; Neu, Katharina. "Zum Begriff 'babylonisches Exil'. 2025, auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 12.04.2026; Ibid. "Das Leben in der babylonischen Gola und Diaspora (6. Jh. v. Chr.)" auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 12.04.2026; Tolini, Gauthie, "Le rôle de la famille de Nusku-gabbē au sein de la communauté de Neirab en Babylonie au VIe siècle ". In: L. Marti (Hg.), La Famille dans le Proche-Orient ancien : réalités, symbolismes et images (Actes de la 55ème RAI, Paris 2009),591-598.
Der Terminus „Exil“ in biblischem sowie bibelgeprägtem Sprachgebrauch
In der alttestamentlichen Forschung bezieht sich „Exil“ meist auf das babylonische Exil. Allerdings sind im Hinblick auf die Geschichte Israels zwei Zeiträume und Bereiche des Exils zu differenzieren:
1) Erstes assyrisches Exil: Nach der Einnahme Samarias im Jahr 722 BC, der Eingliederung des Königreichs Israel in das assyrische Provinzialsystem und der Besetzung Judas in den Jahren 703-701 BC deportierte das assyrische Militär erhebliche Teile der Bevölkerung, was als erstes assyrisches Exil bezeichnet wird. Die Dokumentation und Rekonstruktion dieser Ereignisse gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, da heute nur wenige Spuren der betroffenen Gruppen vorhanden sind. Die Erwähnung dieses Exils im Alten Testament ist selten, während das Nordreich Israel zunehmend als Teil des Großreiches Davids interpretiert wird; folglich nehmen die Texte und Traditionen des Nordreichs in der nachexilischen Literatur eine untergeordnete Rolle ein. Die Zerschlagung Samarias sowie die Eingliederung des ehemaligen Vasallenstaates Israel in eine assyrische Provinz sind sowohl in biblischen (2Kön 17,3-6; 2Kön 18,9-11) als auch in mesopotamischen Quellen dokumentiert (z.B. Inschriften aus Chorsabad, die Zylinderinschrift und der Assur-Freibrief Sargons II., die babylonische Chronik CT 34,43-50 I,27-30).
2) Zweites babylonisches Exil: Im Unterschied dazu stellt das zweite babylonische Exil einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte Israels dar, beginnend mit der Deportation der judäischen Bevölkerung ab 597 BC. Dies markiert das Ende der politischen Unabhängigkeit des Königreichs Juda und des davidischen Königshauses. Die herausragende Bedeutung des babylonischen Exils im alttestamentlichen Schrifttum ist vor allem darauf zurückzuführen, dass während und nach dieser Zeit ein erheblicher Teil der alttestamentlichen Texte entstanden ist oder sich mit den Erfahrungen des Exils auseinandersetzt.
Die Deportationen, die zum babylonischen Exil gerechnet werden, fanden in drei Durchgängen statt:
Eine erste Exilierung im Jahr 597 BC, eine zweite 587/586 BC und eine dritte 582 BC. Die genauen Datierungen sind in der alttestamentlichen Forschung allerdings strittig. Die Quellenlage für die zweite babylonische Eroberung 587/586 BC ist ungünstiger als für die erste im Jahr 597 BC, da die babylonische Chronik im Jahr 594 BC abbricht.
Die zweite Exilierung folgte mit der Zerstörung des ersten Tempels ("Salomonischer Tempel"), dem Hauptheiligtum des Königreichs Juda im Jahr 587/586 BC durch die Neubabylonier unter König Nebukadnezar II nach der Eroberung der Stad Jerusalem. Dieses Ereignis markiert das Ende des Königreichs Juda, führte zur Verschleppung der jüdischen Elite und eines Großteils der Bevölkerung ins babylonische Exil und wird im Judentum als Katastrophe am 9. Av betrauert.
Der 9. Aw (hebräisch תשעה באב tischʿa beAv, deutsch "der 9. im Aw") ist der neunte Tag des Monats Aw des Jüdischen Kalenders. Er ist ein jüdischer Fast- und Trauertag, an dem der Zerstörung des Jerusalemer Tempels gedacht wird, und bildet den Höhepunkt und Abschluss der Trauerzeit der drei Wochen. Der rabbinischen Überlieferung zufolge (Mischna Traktat Taʿanit 4,6) fand sowohl die Zerstörung des 1. und des 2. Tempels als auch die Zerstörung Betars im Bar-Kochba-Aufstand (132–135 CE) am tischʿa beAv statt.
Die Zerstörung Betars im Jahr 135 CE war das blutige Ende des Bar-Kochba-Aufstands (132–136 CE), dem letzten großen jüdischen Freiheitskampf gegen das Römische Reich.Betar war eine antike, stark befestigte jüdische Stadt im judäischen Bergland. Nach dem Verlust Jerusalems und anderer Stützpunkte zogen sich der Anführer Simon bar Kochba und die Überreste seiner Truppen hierher zurück. Die archäologische Stätte (Khirbet el-Yahud) liegt im heutigen Westjordanland.
Kaiser Hadrian entsandte römische Legionen (darunter die Legio V Macedonica und Legio XI Claudia), die die Stadt im Sommer 135 CE einschlossen und belagerten.Nach erbittertem Widerstand fiel die Festung. Die römischen Truppen nahmen Betar ein und richteten ein Massaker unter der jüdischen Zivilbevölkerung und den Kämpfern an. Historische Überlieferungen sprechen von extrem hohen Verlusten auf beiden Seiten. Mit der Zerstörung Betars endete der Aufstand. Die Niederlage besiegelte das Ende der jüdischen Unabhängigkeit im antiken Judäa. Die Römer zerstörten die Stadtmauern systematisch, um jeden weiteren Widerstand zu brechen.
Die Zerstörung Betars fiel der jüdischen Überlieferung nach auf den 9. Aw (hebräisch תשעה באב tischʿa beAv). Dies ist im Judentum der zentrale Fast- und Trauertag, an dem traditionell auch der Zerstörung der beiden Jerusalemer Tempel gedacht wird.
Ebenso fällte demnach Gott am 9. Aw das Urteil über die jüdischen Vorfahren nach der Sünde des Goldenen Kalbs. Die „Sünde des Goldenen Kalbs“ ist eine zentrale biblische Erzählung aus dem Buch Exodus (Ex 32). Während Mose auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote empfing, verlor das ungeduldige Volk Israel das Vertrauen. Sie zwangen Aaron, eine sichtbare Götterstatue aus goldenem Schmuck zu gießen, die sie anbeteten und feierten.
Moses Abwesenheit auf dem Berg dauerte 40 Tage. Das Volk fürchtete, ohne Führung zu sein. Aaron ließ aus dem gesammelten Gold ein Kalb formen, das als Abbild des Gottes verehrt wurde, der die Israeliten aus Ägypten geführt hatte. Als Mose zurückkehrte und den Götzendienst sah, zerschmetterte er vor Zorn die Steintafeln mit den Geboten. Er ließ das goldene Kalb vernichten und forderte die Leviten auf, 3.000 Schuldige zu töten. Nach Moses inständiger Fürsprache vergab Gott dem Volk und gab ihnen schließlich neue Tafeln. Die Geschichte steht symbolisch für die menschliche Schwäche, sich an greifbare Dinge zu klammern, anstatt an das unsichtbare Göttliche zu glauben.
Am 9. Aw geschah auch das „Umpflügen“ der Stadt Jerusalem durch die Römer.
Der jüdische Kalender (hebräisch הַלּוּחַ הָעִבְרִי HaLūach haʿIvrī, deutsch "die Hebräische Tafel", sinngemäß ‚der Hebräische Kalender‘) ist ein Lunisolarkalender, der im Jahr 3761 BC mit der Zählung beginnt. Die Monate sind wie bei einfachen Mondkalendern an den Mondphasen ausgerichtet, Rosch Chodesch, (hebräisch ראש חודש rōʾš ḥōdæš). Neben einem Normaljahr mit 12 Mondmonaten (ordentlich 354 Tage lang) gibt es Schaltjahre mit 13 Mondmonaten (ordentlich 384 Tage lang) zur Angleichung an das Sonnenjahr. Die kalendarischen Ausnahmeregeln können zu einer Verlängerung oder Verkürzung der ordentlichen Jahreslängen um jeweils einen Tag führen.
Die Eroberung Jerusalems war die Folge von Aufständen gegen die babylonische Vorherrschaft. Der Tempel wurde in Brand gesetzt und dem Boden gleichgemacht. Das zentrum der JHWH-Religion war damit vollständig zerstört. Mit Beginn des Babylonischen Exils wurden die jüdische Identität und theologische Entwicklung tiefgreifend geprägt.
Diese zweite Eroberung Jerusalems im Jahr 586 BC durch das Heer des neubabylonischen Großkönigs Nebukadnezar II. (reg. 604 bis 562 BC) bedeutete das Ende der Eigenstaatlichkeit. Die Eroberung führte zur Entmachtung der Davidsdynastie in Jerusalem und zum Untergang des Südreichs Juda, das zuletzt ein neubabylonischer Vasallenstaat war. Der Salomonische (erste) Tempel wurde vollständig zerstört, und ein bedeutender Teil der Oberschicht Jerusalems wurde deportiert. Die Besiegten zu verschleppen, war damals eine übliche Vorgehensweise. In der babylonischen Gefangenschaft hielt die Religion die Judäer zusammen und das Judentum gewann an Bedeutung. In dieser Zeit begann die Zerstreuung des jüdischen Volkes in verschiedene Länder, was "jüdische Diaspora" genannt wird.
Im Alten Testament wird die babylonische Gefangenschaft als Strafe Gottes dargestellt. Erhaltene babylonische Keilschrift-Dokumente zeichnen jedoch ein anderes Bild. Demnach lebte das Volk Judas nicht versklavt, sondern hielt teilweise sogar selbst Sklaven. Nach dem Ende des Exils blieben viele Judäer freiwillig in Babylon und gingen nicht in ihre Heimat zurück. Das babylonische Exil des jüdischen Volkes dauerte 60 Jahre und endete 539 vor Christus, als die Perser Babylonien besiegten. Da die biblischen Texte über weite Strecken die einzigen vorhandenen Quellen darstellen und ihre historische Relevanz umstritten ist, bleiben viele Abschnitte der Geschichte Judas im Verborgenen.
Nach der Rückkehr aus dem Exil wurde das Hauptheiligtum der aus dem Exil zurückgekehrten Judäer, der zweite Tempel an gleicher Stelle unter dem persischen Statthalter Serubbabel um 515 BC errichtet, mehrfach umgebaut und unter Herodes dem Großen stark erweitert und neu konzipiert ("Herodianischer Tempel"). Serubbabel war der Statthalter der Provinz Jehud zur Zeit des Perserkönigs Dareios I. (6. Jahrhundert BC). Er war der Enkel des Königs Jojachin von Juda und führte die Juden aus dem Exil nach Juda zurück. Nach biblischer Überlieferung baute er in Jerusalem den Altar zur Anbetung JHWHs wieder auf und setzte den Opferdienst wieder in Gang. Serubbabel wird auch als Vorfahre Jesu Christi betrachtet und spielte eine zentrale Rolle im Wiederaufbau des Tempels nach dem Exil.
Dieser zweite Tempel wurde bei der Eroberung Jerusalems durch die römischen Truppen im Jahr 70 CE geplündert, in Brand gesetzt und zerstört.
Das Aussehen sowie die Einrichtung beider Tempel werden in antiken Schriftquellen beschrieben. Ihre Auslegung ist Thema der Bibelwissenschaft (Altes Testament) und der Judaistik.
Literatur: Literatur: Alstola, Tero. Judeans in Babylonia: A Study of Deportees in the Sixth and Fifth Centuries BCE. Culture and History of the Ancient Near East 109. Leiden: Brill 2019; Tolini, Gauthier. "From Syria to Babylon and Back: The Neirab Archive". Exile and Return: The Babylonian Context, edited by Jonathan Stökl and Caroline Waerzeggers, Berlin, München, Boston: De Gruyter, 2015, pp. 58-93; Neu, Katharina. "Zum Begriff 'babylonisches Exil'. 2025, auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 12.04.2026; Ibid. "Das Leben in der babylonischen Gola und Diaspora (6. Jh. v. Chr.)" auf bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de, abgerufen am 12.04.2026; Albertz, Rainer. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels 587 v. Chr. Historische Einordnung und religionspolitische Bedeutung, in: J. Hahn (Hrsg.), Zerstörungen des Jerusalemer Tempels, (Band 147 der Reihe Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament). Tübingen: Mohr Siebeck, 2002, 23-39.
Die Zerstörung des ersten salomonischen Tempels (587/586 BC)
Die Aufstände des Königreichs Juda gegen das Neubabylonische Reich (ca. 601-586 BC) gelten als eine der bedeutendsten "antibabylonischen Revolten" und sind in der historischen Überlieferung (Bibel und babylonische Chroniken) als direkter Widerstand gegen die babylonische Herrschaft in der Geschichte der Levante überliefert, bei der das Königreich Juda versuchte, sich von der Herrschaft des Großkönigs Nebukadnezars II. zu befreien.
Es gab indessen auch frühere interne Unruhen innerhalb des Babylonischen Reiches. So etwa Rebellionen, die kurz nach der Gründung des Neubabylonischen Reiches stattfanden, wie zum Beispiel die Revolte im Jahr 595/594 BC, an der Teile des babylonischen Heeres beteiligt waren, die Nebukadnezar II. allerdings niederschlagen konnte.
Die Folgen dieser finalen Revolte führte indessen zur Zerstörung des ersten salomonischen Tempels (587/586 BC) und markierten das Ende des Königreichs Juda und mit der Verschleppung des Großteils der judäischen Elite und Bevölkerung den Beginn des Babylonischen Exils.
Nach der Schlacht bei Karkmisch, einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den Heeren Ägyptens und Babylons (605 BC), wurde Babylon zur dominierenden Macht in der Region. Juda wurde zu einem Vasallenstaat, der zu Tributzahlungen verpflichtet war. Die Revolte begann, als König Jojakim von Juda (hebr. יְהֹויָקִים ) - einer der letzten Könige des Königreichs Juda (reg. 609–598 BC) vor dem babylonischen Exil - ermutigt durch Ägypten aufhörte, den Tribut an Nebukadnezar II. zu entrichten. Nebukadnezar II. reagierte mit Abstrafung, er belagerte Jerusalem und nahm die Stadt ein. Im Jahr 597 BC kam es zur ersten Eroberung der Stadt Jerusalem. Er setzte einen neuen König ein und deportierte einen Teil der jüdischen Elite nach Babylon.
Trotz Warnungen von Propheten wie Jeremia lehnte sich der von Babylon nunmehr neu eingesetzte Vasallenkönig Zedekia erneut gegen Nebukadnezars Herrschaft auf und verbündete sich mit Ägypten, was in Folge zur erneuten Belagerung durch Nebukadnezar II. führte. Im Jahr 586 BC wurde die Stadt Jerusalem erobert, und der erste salomonische Tempel zerstört und eine große Anzahl der Bevölkerung in die "Babylonische "Gefangenschaft" verschleppt .
Nach der Belagerung der Stadt Jerusalem, die nach etwa einem Jahr ausgehungert war, und keine Gegenwehr mehr stattfand, wurde am 29. Juli 587 BC von den babylonischen Mineuren eine Bresche in die Stadtmauer Jerusalems geschlagen: die Stadt war erobert.
Gemäß der übereinstimmenden Darstellung von II Reg 25,4 und Jer 39,6-8 gab Nebukatnezar II den Befehl zu ihrer Ausplünderung und Brandschatzung. Diese Anordnung erfolgte zeitlich erst nach dem Verhör und der Aburteilung König Zedekias in Ribla. Dieser schwankte zuvor hilflos zwischen den Fronten der national-religiösen Partei und den anti- und probabylonischen Gruppen. Letztere stritten heftig darum, was wohl der Abzug der Babylonier zu bedeuten habe, während die national-religiöse Partei die Meinung vertrat, die Babylonier seien endgültig abgezogen (Jer 21,2) und sahen Jerusalem schon wie durch ein Wunder gerettet.
Jeremia hingegen verkündete, die Babylonier würden wiederkehren und die Stadt einnehmen (Jer 37, 6-19; 34,22). Jeremia, der während der Belagerungspause vom Frühjahr 588 BC - diese hatte eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die innerjudäischen politischen und theologischen Auseinandersetzungen - Jerusalem verließ, um eine Angelegenheit in Benjamin zu regeln, wurde unter dem Verdacht, mit den Babyloniern zu kollaborieren, festgenommen und in eine Zisterne geworfen (Jer 37,11-16; 32,6-15). Jeremia behielt mit seiner Prognose recht: nach dem Sieg über die Ägypter kehrten die babylonischen Truppen nach Jerusalem zurück und nahmen im Spätsommer 588 BC erneut die Belagerung der Stadt Jerusalems auf, die , obgleich ihre Lage hoffnungslos war, noch etwa ein Jahr den babylonischen Belagerern standhielt. Jeremia riet dem König Zedekia, sich freiwillig zu ergeben, um so sein Leben und die Stadt vor der Zerstörung zu retten (Jer 38,17 f.). Dieser hatte jedoch Angst, von den probabylonisch eingestellten Judäern, die bereits zu den Babyloniern übergelaufen waren, wegen seiner verheerenden Politik gelyncht zu werden (V. 19). Der König Zedekia entschied sich, in den Fängen der National-Religiösen zu bleiben, die weiter zum Durchhalten aufriefen.
Nach der Eroberung der Stadt Jerusalem wurde Jeremia - dieser wurde zuvor wegen des Vorwurfs der Wehrkraftzersetzung angeschuldigt - auf Anordnung des Großkönigs Nebukadnezars II von babylonischen Offizieren aus der Haft befreit (Jer 39,11-14). Zedekia versuchte des Nachts mit einer kleinen Truppe zu fliehen, wurde jedoch von einem babylonischen Greiftrupp in Jericho gefangengenommen und zur Aburteilung zu Nebukadnezar II. nach Ribla verbracht (II Reg 25,4-7; Jer 39, 4 f.)
Die Neubabyonier hatten demnach hervorragende Kenntnis vom innerjudäischen Streit und behandelten Schuldige und Unschuldige, die den Führungskräften angehörten, deutlich unterschiedlich. Durch seinen untreuen Vasallen Zedekia, der bereits im Jahr 591 oder 590 BC (II Reg 24,20; 25,1) auf Drängen der national-religiösen Partei seinen Vasallenvertrag mit Nebukadnezar II. aufkündigte, erlitt der Großkönig Nebukadnezar II. einen empfindlichen politischen Mißerfolg. Eine Reihe von Texten reflektiert sogar eine angeblich fest zugesagte ägyptische militärische Unterstützung in Form eines geheimen Militärhilfeabkommen mit Ägypten seitens Zedekia vor oder nach dem Punienkrieg (Thr 4,17; Ez 17,7.15.17; 29,6; II Reg 18,21; Lachisch-Brief III). Nebukadnezars Eingrenzungspolitik gegenüber Ägypten schien nicht nur erneut bedroht, sondern angesichts des festen Bündnisses zwischen Juda und Ägypten regelrecht zum Scheitern verurteilt. Hinzu kam die persönliche Schmach, und möglicherweise sogar tiefe Verachtung gegenüber seinem judäischen Vasallen, hatte er diesen nicht sogar selbst ausgesucht, der ihm nun frech die Stirn bot.
Auch wenn ägyptische Quellen gänzlich fehlen, so besteht dennoch die sichere Annahme, daß die Ägypter dem judäischen Hilfeersuchen Folge leisteten. Am 15. Januar 588 BC nahm das babylonische Heer seine Belagerung von Jerusalem auf (Reg II,25,1). In diesem Zeitraum - die übrigen judäischen Festungen verfügten noch über freien Zugang (Jer 34,7) - gewinnt der erwähnte Lachisch-Brief III an Bedeutung. Der General Konjahu zog mit einer Schar von Soldaten nach Ägypten, wahrscheinlich um vom neuen Pharao Apries (589-570 BC.; Hophra Jer 44,30) die zugesagte Millitärhilfe zu erbitten.
In Jer 37,5 wird berichtet, daß die Kunde vom Aufmarsch des ägyptischen Heeres die Babylonier dazu veranlasste, die begonnene Belagerung Jerusalems abzubrechen. Die Tatsache , daß die Babylonier alle Kräfte auf die Abwehrschlacht gegen die Ägypter konzentrierten und nunmehr bereit waren, schon erreichte Erfolge bei der Abschnürung Jerusalems aufzugeben, spricht indess dafür, dass es dem Großkönig Nebukadnezar auch bei dieser zweiten Strafaktion gegen Jerusalem als Reaktion auf die antibabylonische Revolte - die erste Revolte begann, als König Jojakim von Juda (ermutigt durch Ägypten) aufhörte , den Tribut an Nebukadnezar II. zu zahlen - erneut primär um die Vertreibung der Ägypter von der palästinensisch-syrischen Landbrücke ging. Die Niederlage muss für die Ägypter verheerend gewesen sein und sie verzichteten in Folge auf den Kampf um ihren Einfluß in Richtung Syrien-Palästina zu Lande.
Nebukadnezar II. beteiligte sich an dieser zweiten Strafaktion gegen Jerusalem nicht mehr persönlich, sondern leitete den Feldzug vom südsyrischen Ribla aus (II Reg25,6), etwa 399 Kilometer nördlich vom eigentlichen Ort des Geschehens. Als untreuer Vasall und einer der Hauptschuldigen für die Aufstandspolitik wurde Zedekia hart bestraft: er musste mit ansehen, wie seine Söhne vor seinen Augen getötet wurden. Er wurde sodann geblendet und in Ketten nach Babylon geführt (II Reg 25,7; Jer 39,6 f.).
Zunächst blieb in der Schwebe, was die Babylonier mit der eroberten Stadt Jerusalem zu machen gedachten. Nach übereinstimmender Darstellung von II Reg 25,4 und Jer 39,6-8 erteilte Nebukadnezar II. erst nach dem Verhör und der Aburteilung Zedekias in Ribla den Befehl zur Ausplünderung und Brandschatzung.
II Reg 25,8-10: Am siebten Tage des fünften Monats, das ist das 19. Jahr des Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, der Bedienstete (vgl. Jer 52,12 "der vor dem König stand") des Königs von Babel, nach Jerusalem. 9 Dann verbrannte er das Haus JHWHs, das Haus des Königs und alle Häuser Jerusalems, vor allem die großen Häuser verbrannte er im Feuer. 10 Die Mauer Jerusalems ringsherum, sie riß das ganze Heer der Chaldäer, das dem Obersten der Leibwache unterstand, nieder.
Gemäß diesem Bericht im Zweiten Buch Könige richtete sich das Zerstörungswerk der Babylonier insbesondere gegen den Tempel und den Palast, die einen zusammenhängenden Baukomplex bildeten. Dieses religiöse und politische Zentrum steht betont am Anfang. Hinzu kamen die Häuser der ansässigen Bevölkerung und vor allem die großen Stadthäuser der Beamten, Militärs und Großgrundbesitzer. Die totale Schleifung der Mauer, zu der die ganze Truppe, eingesetzt werden musste, sollte die Stadt Jerusalem dauerhaft der Möglichkeit berauben, jemals in Folge wiederholt als Basis für antibabylonische Aufstände fungieren zu können.
Dass die Tempelzerstörung im Vernichtungswerk der Babylonier offenbar einen neuralgischen Punkt für die Betroffenen darstellte, wird aus dem Umstand erkennbar, dass sie im weithin parallelen Eroberungsbericht (Jer 38, 28 b-39,10), unerwähnt bleibt, dies obgleich in II Reg 25,13-17r ihr brutales Vorgehen in Form einer detaillierten Schilderung nochmals hervorgehoben wurde und zugleich Trauer und Empörung provoziert wurde:
Jer 39,8 Und das Haus des Königs und das Haus des Volks verbrannten die Chaldäer im Feuer und die Mauer Jerusalems rissen sie ein.
Offenbar vermieden die Tradenten des Jeremiabuches - diese waren durchweg probabylonisch eingestellt - , die Babylonier vor dem Vorwurf, das Sakrileg einer Tempelzerstörung begangen zu haben, in Schutz zu nehmen. War der Großkönig Nebukadnezar II. möglicherweise bei seiner Strafaktion gar zu weit gegangen? ( Albertz, 2002, S.32).
Der Großkönig Nebukadnezar II. ordnete nach anfänglichem Zögern letztlich aus Sicherheitserwägungen die Zerstörung des JHWH-Tempel an, da dieser Salomonische Tempel und seine Theologie Basis und Stimulans für den gefährlich religiös-politischen Widerstand und Aufstand der judäischen Elite gegen ihn gebildet hatten.
Es handelte sich aus heutiger Sicht um eine realitätsferne politische Instrumentalisierung der Jerusalemer Tempeltheologie gegen die babylonische Großmacht durch einen Teil der jüdischen Elite, die letztlich zur Zerstörung des Salomonischen Tempels führte. Gleichzeitig erwies sich seine traditionell stark ausgeprägte Schutzfunktion in der Krise - von Teilen der judäischen Bevölkerung unkritisch und weit überspannt in Anspruch genommen - als selbstzerstörerisch und stürzte das gesamte Gemeinwesen unweigerlich in eine der schwersten Krisen seiner bisherigen Geschichte (s. Albertz, 2002, S.38)
Die Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem durch die Babylonier unter dem Großkönig Nebukadnezar II. im Jahr 587/586 BC und die darauffolgende Verschleppung eines Großteils der jüdischen Elite und Bevölkerung nach Babylon markieren einen fundamentalen, auch traumatischen Wendepunkt in der Geschichte des Judentums. Diese 50-jährige Periode bis ca. 539 BC prägte den Übergang zum monotheistischen Glauben ("Geburtsstunde des Judentums").
Der Verlust des Salomonischen Tempels als Symbol der Anwesenheit JHWHs und die traumatische Erfahrung in Anbetracht der geglaubten Unverletzlichkeit Jerusalems (Topos der alten Zionstheologie) zwang die Israeliten, ihren Glauben neu zu organisieren.
Da Opfer nur im Tempel dargebracht werden durften, traten das Studium der heiligen Schriften und das Gebet an deren Stelle. Die mündlichen Überlieferungen wurden gesammelt und schriftlich fixiert, was den Grundstein für die Tora legte.
Die Zerstörung des königlichen Palastes und des Tempels nach 2. Kön. 25,8-17 erfolgte etwa einen Monat nach der Einnahme der Stadt Jerusalem um den 25. August 587 BC herum durch einen hohen babylonischen Offizier und Obersten seiner Leibwache, i.e. Nebuzar-adan. Dieser war eigens dazu nach Jerusalem gekommen und handelte auf Weisung des Großkönigs Nebukadnezar II. (s. Hermann, Geschichte Israels, 347) im Rahmen dessen Reichs- und Religionspolitik: die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht, und der Salomonische Tempel in Schutt und Asche gelegt.
So dargelegt in der Bibel und der Rabbinischen Literatur:
"Captain of Nebuchadnezzar's body-guard Nebuzar-adan entered Jerusalem in 586 B.C., burned the Temple, the king's palace, and the houses of the great, razed the walls of the city, and carried many of its people into captivity. He broke up and carried away the brass pillars of the Temple and all the material of the Temple service that was of sufficient value. The chief priest Seraiah, the second priest Zephaniah, and the chief men of the city, he took to Riblah, in the land of Hamath, and there put them to death (II Kings xxv. 8-22). Five years later, "in the three and twentieth year of Nebuchadnezzar," Nebuzar-adan came again and carried 745 others into captivity (Jer. lii.30)."
"Nebuzar-adan, called also Arioch because he fought the Jews like a lion (comp. Arioch in Rabbibical Literature), was sent by Nebuchadnezzar to conquer Jerusalem because the king was afraid to conduct the war himself (comp. Nebuchadnezzar in Rabbibical Literature). Although Nebuzar-adan had witnessed Sennacherib's defeat before the walls of Jerusalem ( Sanh. 95b), he did not hesitate to obey his master's commands. He went to Jerusalem with 300 mule-loads of iron axes. Although made of a kind of iron that shattered ordinary iron, they broke before a single gate of the city was pierced, and Nebuzar-adan was about to go away, fearing a fate similar to Sennacherib's, when he suddenly heard a voice from heaven saying: "Leaper and son of a leaper, O Nebuzar-adan, leap! for the time has come when the sanctuary shall be destroyed and the Temple burned." Then he pounded upon the gate with his one remaining ax, and the gate opened, so that he was able to enter Jerusalem with his army."
In der Haggada gilt Nebuzar-adan als Inbegriff eines zuverlässigen und ehrerbietigen Dieners; und es heißt, er habe das Bildnis seines Herrn Nebukadnezar an seinem Wagen befestigt, damit er stets das Gefühl habe, in dessen Gegenwart zu stehen (Sanh. 96b, oben; Ex. R. xlvi. 4).
Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Neubabylonier im Jahr 587/586 BC markiert einen signifikanten Wendepunkt in der Religionsgeschichte Israels. Diese Thematik wird eindrucksvoll im Psalm 137 veranschaulicht, der im Zusammenhang mit dem Babylonischen Exil steht. Der Psalm stellt kontrafaktische Bezüge zur Zionstheologie her und äußert den Wunsch nach deren Wiederherstellung, wodurch die Existenz im Exil als grundlegend defizitär wahrgenommen wird.
Zion ist der Name des Hügels in Jerusalem, auf dem der Tempel des Herrn stand. Dieser Ort ist mit theologischen Konzepten verbunden, die insbesondere in den Psalmen (beispielsweise Ps 46; Ps 48) sowie im Buch Jesaja dokumentiert sind. Die "Zionstheologie", auch bekannt als die "Jerusalemer Tempeltheologie" (oder Kulttheologie), wird traditionell als eine kohärente theologische Konzeption der Königszeit verstanden.
Im Mittelpunkt dieser Lehre steht die Auffassung, dass Jahwe in Jerusalem, auf dem Zionsberg, in seinem Heiligtum residiert (Ps 135,21) und dort als Königsperson thront. An diesem Ort treffen himmlische und irdische Sphären aufeinander. Die Gegenwart Jahwes auf dem Zion ist essenziell für das Wohlergehen und den Segen der Stadt sowie des gesamten Staates und begründet Aspekte wie Unangreifbarkeit, Fruchtbarkeit, Schönheit und soziale Gerechtigkeit. Diese Konzepte werden durch den davidischen König, der als Stellvertreter Jahwes agiert, verwirklicht.
Neuere Studien untersuchen die Veränderungen, die die Jerusalemer Tempeltheologie im Laufe der Zeit erfahren hat. Die Etymologie des Ortsnamens Zion (צִיּוֹן ṣijjôn; griechisch Σιων Siōn) bleibt unklar. Es wird jedoch vermutet, dass eine Verbindung zur Wurzel ציה ṣjh „trocken sein“ besteht (vergleiche Jes 41,18). Der Name könnte demnach auf die Beschaffenheit des Geländes hinweisen. Abgeleitete Formen aus dem Hurritischen "seya“ (Quelle / Fluss) oder aus dem Arabischen "ṣahweh“ (Grat / Bergkamm) erscheinen eher spekulativ.
In der Hebräischen Bibel ist der Begriff Zion insgesamt 154-mal dokumentiert, wobei er im Pentateuch nicht vorkommt und in den historischen Büchern lediglich sechsmal erwähnt wird (2Sam 5,7 // 1Chr 11,5; 1Kön 8,1 // 2Chr 5,2; 2Kön 19,21.31). Jesaja verwendet den Namen 47-mal, während er in den Psalmen 38-mal anzutreffen ist. In der Septuaginta wird der Begriff etwa 180-mal aufgeführt.
In einem erweiterten Sinne bezieht sich Zion auf die gesamte Stadt mit dem Tempel, sodass die Begriffe „Zion“ und „Jerusalem“ in der Poesie häufig synonym verwendet werden (Ps 48,13; Ps 102,22; Ps 147,12; Jes 1,27; Jes 2,3; Jes 4,3; Jes 33,20; Jes 52,1; Jes 64,9; Jer 14,12; Klgl 1,17; Am 6,1). Die Einheit Zion/Jerusalem wird als die "Stadt Gottes“ (Ps 46,5; Ps 48,2.9; Ps 87,3) beziehungsweise als die "Stadt Jahwes“ (Jes 60,14) bezeichnet und gilt als die "heilige Stadt“ (Jes 48,2; Jes 52,1; Neh 11,1.18).
Überdies kann der Begriff "Zion“ auch auf die Stadtbewohner Jerusalems oder sogar auf das gesamte Volk Israel und die Städte Judas angewendet werden (Jer 14,19; Ps 69,36). In Sacharja 2,11 wird "Zion“ offenbar mit dem Volk im Exil in Verbindung gebracht, sodass die Bedeutung des Namens sich von der spezifischen Topographie Jerusalems hin zu einer territorialen und politischen Dimension erweitert.
Der Begriff "Zion“ ist im Alten Testament von essenzieller Bedeutung, da er ein kohärentes theologisches Konzept verkörpert (vgl. Eschatologie und Präsenzeschatologie).
Nach alttestamentlicher Auffassung wurde Zion von Gott selbst errichtet (Jes 14,32) und fungiert als sein Wohnsitz (Ps 9,12; Ps 135,21; Jes 8,18-19; Sach 8,3). An diesem Ort manifestiert sich seine Königsherrschaft und Offenbarung (Ps 14,7; Ps 50,2-6; Ps 128,4; Ps 134,3; Am 1,2). Von Zion aus sendet Gott Unterstützung und Segen (Ps 14,7; Ps 53,7; Ps 128,5; Ps 134,3), gleichzeitig jedoch vollzieht er dort auch sein Gericht (Jes 2,2-5; Mi 4,1-4; Sach 9,14).
Gott hat Zion als Ort seiner Anwesenheit auserwählt und dort seinen königlichen Palast, den Tempel, errichtet (Dtn 12,5.21). Angesichts der Gottespräsenz wird Zion als der Ort betrachtet, an dem Himmel und Erde aufeinandertreffen (Ps 78,68-69; Ps 132,13; 1Kön 8,44.48; 1Kön 11,32.36; 1Kön 14,21; 2Kön 21,7; 2Kön 23,27; Sach 1,17; Sach 2,16; Sach 3,2).
Die Vorstellung von der Gegenwart Gottes auf Zion ist ein zentraler Aspekt der Ziontheologie. Dies verleiht dem umliegenden Terrain den Charakter des Heiligen und führt dazu, dass es in den Besitz Gottes überführt wird. Der Tempelberg wird somit als sein heiliger Berg (Ps 2,6) betrachtet, und Jerusalem wird als seine heilige Stadt angesehen (Jes 48,2; Jes 52,1). Darüber hinaus wird die Vorstellung von Gottes Präsenz auf Zion gelegentlich mit der „Wohnvorstellung“ in Verbindung gebracht: Gott wohnt in seinem Tempel (1Kön 8,12f; Ps 46,5), er residiert auf seinem Berg (Jes 8,18; Ps 9,12; Ps 68,17). Zudem wird das ursprünglich mit der Lade assoziierte Bild des Thrones Jahwes auf Zion übertragen: Jahwe thront auf dem Zion (Ps 47,9).
In nachexilischer Zeit erfährt das Verständnis von Gottes Präsenz auf Zion eine Transformation, da die Motive des Wohnens auf Zion und im Himmel miteinander verknüpft werden. In Jes 14,13 wird beispielsweise erwähnt, dass Gott seinen Thron im Himmel errichtet und sich auf dem Berg der Versammlung (Zion) niederlässt. Da Zion als der Ort der göttlichen Präsenz gilt, wird dort die Herrlichkeit Gottes erlebt und verkündet. Die Zionslieder (Ps 137,3) sind Lieder zu Ehren Jahwes sowie seines Tempels und seiner Stadt. Neben den klassischen Zionsliedern (Ps 46; Ps 48; Ps 76; Ps 84; Ps 87) finden sich auch Ps 2; Ps 65; Ps 95–99; Ps 110; Ps 122; Ps 125; Ps 128; Ps 132 in diesem Kontext.
Die Verortung im Babylonischen Exil impliziert jedoch nicht, dass der Psalm in der Zeit ohne Tempel verfasst wurde. Vielmehr tendiert die moderne Psalmenexegese dazu, die Ursprünge des Psalms in die frühnachexilische Periode zu datieren: Zion wurde zum Symbol für Erinnerung und Sehnsucht der im Exil lebenden Juden, beeinflusste ihre Gebetshaltung (vgl. Dan 6,11 EU) und prägte die zukunftsorientierten Hoffnungen der Exilsprophetie, sodass Zion als Synonym für die Rückkehr der Juden, die um das Heiligtum versammelt sind, in das „gelobte Land“ (eretz jisrael) fungierte.
Mit dem Wiederaufbau des Tempels, datiert auf etwa 520–515 BC, avancierte Zion wieder zum kultischen Zentrum des nachexilischen Judentums, das es als Mittelpunkt der Welt betrachtete und die angrenzenden Völker in die Zionstheologie einbezog.
Seit dem Bau des ersten Tempels ist Zion in der biblischen Überlieferung mit einer Vielzahl von Motiven und Themen verbunden, die zusammenfassend als "Zionstradition" oder "Zionstheologie" bezeichnet werden können. Statistische Analysen zeigen, dass im Codex Leningradensis 159 explizite Erwähnungen des Begriffs "Zion" (צִיּוֹן) dokumentiert sind. Darunter finden sich 49 in Jesaja, 38 in den Psalmen, 18 in Jeremia, 15 in den Klageliedern, 9 in Micha, 8 in Sacharja, 7 in Joel, 3 in 2. Könige, sowie je 2 in Amos und Obadja, Zephania und jeweils 1 in 2. Samuel, 1. Könige, 1. Chronik, 2. Chronik, dem Hohelied und Hesekiel.
Ein früher Beleg für die Universalisierung Jerusalems findet sich in der Inschrift von Chirbet Bet Layy.
Die Inschriften von Chirbet Bet Layy (auch Chirbet Beit Lei), eine archäologische Stätte ca. 8 km östlich des biblischen Lachisch) sind eine Gruppe althebräischer Felsengraffiti aus dem späten 8. oder frühen 7. Jahrhundert BC. Die Grabinschriften sind vor allem für die biblische Geschichte und die alttestamentliche Theologie von herausragender Bedeutung. Die Inschrift 1 (die "Jerusalem"-Inschrift) lautet übersetzt: "JHWH ist der Gott des ganzen Landes. Die Berge Judas sind sein, des Gottes von Jerusalem." Sie enthält damit eine der ältesten bekannten hebräischen Erwähnungen der Stadt Jerusalem und belegt die Verehrung JHWHs als Gott von ganz Juda. Andere Gravuren im selben Höhlengrab sind Hilferufe oder Fürbitten, die den Namen JHWH enthalten (z. B. "Rette, JHWH" oder Bitten um Gnade. Die Originale sind heute im Israel-Museum in Jerusalem ausgestellt.
Literatur: Executive Committee of the Editorial Board, Schulim Ochser, Louis Ginzberg, "NEBUZAR-ADAN", auf jewishencyclopedia.com, abgerufen am 12.04.2026; Simone Paganini, Simone und Annett Giercke-Ungermann, "Zion / Zionstheologie", auf die-bibel.de, abgerufen am 17.04.2026; Jeremias, Jörg. "Lade und Zion. Zur Entstehung der Zionstradition". In: Hans Walter Wolff (Hrsg.): Probleme biblischer Theologie. Festschrift für Gerhard von Rad zum 70. Geburtstag. München : Christian Kaiser, 1971 , pp. 183–198; Leuenberger, Martin. Gott in Zion. Geschichte der Zionstheologien im alten Israel mit Schwerpunkten auf den Psalmen und dem Jesajabuch. Tübingen: Mohr Siebeck 2024, pp. 243-244; Leuenberger, Martin. "Jhwh, »der Gott Jerusalems« (Inschrift aus Ḫirbet Bet Layy 1,2): Konturen der Jerusalemer Tempeltheologie aus religions- und theologiegeschichtlicher Perspektive" Evangelische Theologie, vol. 74, no. 4, 2014, pp. 245-260.
Das Buch Esther (Esther 1:1)

Das Buch Esther, hebräisch מְגִלַּת אֶסְתֵּר (Megillat Esther), ist ein bedeutender biblischer Text, der sowohl die Gefahren als auch die Chancen des Lebens in der antiken jüdischen Diaspora thematisiert. Die Erzählung beleuchtet das Leben und die Herausforderungen, mit denen Juden konfrontiert sind, um ihre Identität in einer kulturfremden Umgebung aufrechtzuerhalten.
In der jüdischen Tradition ist das hebräische Buch Esther Teil des dritten Hauptteils des Tanach, den Ketuvim (Schriften), und wird als Festrolle (Megilla) während des Purimfestes vorgetragen. Das Buch Esther spielt etwa ein Jahrhundert nach der babylonischen Gefangenschaft, die von 586 bis 538 BC andauerte, und spiegelt die Zeit des Exils der jüdischen Bevölkerung in Babylon wider. Diese Epoche entstand infolge der Eroberung des Königreichs Juda durch den neubabylonischen König Nebukadnezar II., nachdem Juda seinen Vasalleneid gebrochen hatte. In der Folge verlor Juda im Jahr 597 BC seine Unabhängigkeit.
Die früheste bekannte künstlerische Darstellung der Esther-Geschichte findet sich in einem Fresko der Synagoge von Dura Europos aus etwa 245 CE. Die Synagoge befand sich in Dura Europos, einer antiken Stadt im Osten von Syrien, die im 3. Jahrhundert CE zum Römischen Reich gehörte. Sie ist von besonderer Bedeutung, da sie die einzige erhaltene Synagoge aus der Antike ist, die vollständig mit figürlichen Wandmalereien dekoriert war. Die Wandmalereien sind heute in einem eigenen Raum im Nationalmuseum Damaskus zu sehen. Das Fresko zeigt den Perserkönig Ahasveros (historisch: Xerxes I. (um 519 BC- 465 BC), ein persischer Herrscher, der von 486 bis 465 BC als achämenidischer Großkönig und ägyptischer Pharao herrschte; sein Name bedeutet „Über Helden herrschend.). Er thront neben der Königin Esther. Vor ihm wird Mordechai geehrt, der auf dem Pferd des Königs reitet, dessen Zügel von Haman gehalten werden (vergleiche Esther 6,6–11). Mordechai ist als vornehmer Parther gekleidet, während Haman römische Kleidung trägt.
Mehrere Wissenschaftler vertreten die Auffassung, dass sich jüdische Gemeinden nach dem Babylonischen Exil im 6. Jahrhundert BC in Afghanistan niedergelassen hatten, als die jüdische Bevölkerung über das Persische Reich, einschließlich der heutigen afghanischen Regionen, verstreut wurde. Laut der Beschreibung im Buch Esther (Esther 1,1) umfasste das Persische Reich 127 Provinzen, wozu möglicherweise auch Teile Afghanistans gehörten. Esther 1,1 lautet:
"Und es geschah in den Tagen des Ahasveros – desselben Ahasveros, der von Indien bis Äthiopien über 127 Provinzen regierte."
Da Afghanistan im antiken Achämenidenreich (550 BC - 330 BC) einen Teil des Königreichs Chorasan bildete, ist anzunehmen, dass Juden während dieser Zeit, insbesondere während des Purimfestes – einer Feier, die an die Rettung der Juden vor Hamans Vernichtungsplan erinnert – bereits in dieser Region lebten.
Chorasan (persisch خراسان, Ḫurāsān) ist eine historische Region in Zentralasien, die sich zwischen Nordostiran und Nordwestafghanistan erstreckt und heute Gebiete der Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan umfasst. Der Begriff Chorasan ist altpersisch und bedeutet „Land der aufgehenden Sonne“ (Orient). Später erhielt das Wort im Parthischen und Mittelpersischen die allgemeine Bedeutung „Osten“. Die Region grenzt im Westen an das Kaspische Meer, im Osten an den Hindukusch und im Norden an die historischen Gebiete Transoxanien und Choresmien. Wichtige Städte Chorasans sind: Marw (heute in Turkmenistan), Buchara, Samarkand (heute in Usbekistan), Balch, Kabul, Ghazni, Herat (heute in Afghanistan), Mashhad, Tus und Nischapur (heute im Iran). Diese historische Landschaft, die sich in der Antike vom Kaspischen Meer bis über das heutige Zentral- und Nordafghanistan hinaus erstreckte, wurde seit dem 6. Jahrhundert BC unter Kyros II., auch bekannt als Kyros der Große - der von 559 bis 530 BC als sechster König der Achämeniden-Dynastie regierte - dem Perserreich zugerechnet und in die Satrapien Baktrien, Sogdien, Choresmien und Parthien unterteilt. Nach dem Sieg Alexanders des Großen über das Achämenidenreich wurde Chorasan eine makedonische Kolonie (334–330 BC).
Im ersten Jahrtausend BC etablierten sich die antiken Perser im westlichen Bereich des Iranischen Plateaus und pflegten signifikante Interaktionen mit den Elamitern, den indigenen Bewohnern dieser Region während der neuelamischen Periode (ca. 1100 bis ca. 539 BC), sowie den Babyloniern. Gleichzeitig waren die Meder, die von etwa 674 bis 550 BC im antiken Iran nachweisbar sind, in Kontakt mit den Assyrern. Zu Beginn wurden die westiranischen Gruppen im Nahen Osten von verschiedenen assyrischen Reichen dominiert. Die Meder schlossen sich in einem Bündnis mit den Persern sowie rebellierenden Babyloniern, Skythen, Chaldäern und Kimmeriern zusammen, welches nach der Einnahme von Niniveh im Jahr 612 BC zum endgültigen Zusammenbruch des Neuassyrischen Reiches bis 605 BC führte. Der medische Herrscher Kyaxares II. (mutmaßlich 625/624–584 BC) beendete die Herrschaft der Skythen, und infolgedessen erfuhr die medische Konföderation durch militärische Expansionen ihre größte Ausdehnung.
Im Jahr 614 BC besiegten die Meder in Allianz mit Babylonien das assyrische Reich und zerstörten die Stadt Aššur; ebenfalls fiel im Jahr 612 BC die alte Hauptstadt Ninive. Nach dem Fall des Assyrischen Reiches bildete sich zwischen 616 und 605 BC der vereinigte medische Staat, der neben Babylonien, Lydien und Ägypten zu einer der vier dominierenden Mächte des antiken Nahen Ostens wurde.
Im Jahr 553 BC schloss sich der medische Adel den Persern an, was 550 BC zum Ende der medische Herrschaft führte. Cyrus II. von Persien (ca. 600–530 BC), auch bekannt als Kyros der Große, unterwarf die medische Konföderation und legte so den Grundstein für das Perserreich. Medien wurde unter den Achämeniden zur Satrapie des Perserreiches, und die medische Aristokratie genoss zahlreiche Privilegien und Beteiligung an der Verwaltung.
Kyros II. führte die Achämeniden-Dynastie an, indem er nach seinem Sieg über das Medische Reich alle zuvor zivilisierten Staaten des antiken Nahen Ostens integrierte. Dies führte zu einer bedeutenden Expansion in Westasien und großen Teilen Zentralasiens, was dazu führte, dass es bald als das größte Reich seiner Zeit anerkannt wurde. Von etwa 559 bis 530 BC regierte er als König der Achämeniden-Dynastie und dehnte durch seine Expansionspolitik die Grenzen des ehemals kleinen altpersischen Reiches erheblich aus, das unter seinen Nachfolgern von Indien über Iran, Babylon, Kleinasien bis Ägypten reichte und bis 330 BC bestand, bevor es von Alexander dem Großen erobert wurde.
Das Achämenidenreich zeichnete sich durch eine innovative Verwaltung aus, welche die Koexistenz verschiedener Kulturen innerhalb eines Systems halbautonomer Provinzen, den Satrapien, ermöglichte. Zudem war es bekannt für seine monumentale Architektur, einschließlich der berühmten Stadt Persepolis, sowie für den Bau eines komplexen Straßennetzes, das Handel und Kommunikation über seine weitreichenden Territorien erleichterte. Das Reich erreichte unter Darius I. (reg. 522–486 BC) eine territoriale Ausdehnung von etwa 5,5 Millionen Quadratkilometern (2,1 Millionen Quadratmeilen) und stellte somit das größte Reich seiner Zeit dar. Es erstreckte sich von den Balkanländern und Ägypten im Westen bis zum Indus-Tal im Osten und schloss Anatolien, Aserbaidschan, Zypern, Mesopotamien, das Levante-Gebiet, Teile des östlichen Arabien und große Teile Zentralasiens ein. Darius I. (Altpersisch: 𐎭𐎠𐎼𐎹𐎺𐎢𐏁 Dārayavaʰuš; ca. 550–486 BC), allgemein bekannt als Darius der Große, war der dritte König der Könige des Achämenidenreiches und regierte von 522 BC bis zu seinem Tod im Jahr 486 BC. In seiner Regierungszeit, als das Reich seine größte territoriale Ausdehnung erreichte, umfasste es weite Teile Westasiens, Teile des Balkans (Thrakien und Mazedonien) und den Kaukasus, große Küstenregionen am Schwarzen Meer, Zentralasien, das Indus-Tal im Fernen Osten sowie Teile Nord- und Nordostafrikas, einschließlich Ägypten, Ostlibyen und der Küstenstreifen des Sudan.
Xerxes, der älteste Sohn von Darius I. und Atossa, bestieg als Xerxes I. den Thron. Vor seiner Thronbesteigung hatte er mit seinem älteren Halbbruder Artobarzanes, dem ältesten Sohn von Darius I. aus dessen erster Ehe, um die Thronfolge gestritten. Mit der Thronbesteigung von Xerxes wurde das Reich erneut von einem Mitglied des Hauses Kyros regiert. Das Achämenidenreich bestand bis zu seiner Eroberung durch Alexander den Großen im Jahr 330 BC.
Das Buch Esther schildert die Erlebnisse des jüdischen Volkes im babylonischen Exil unter dem König Ahasveros, etwa 55 Jahre nach dem Erlass von Kyros II. und ungefähr 25 Jahre vor der Reise Esras nach Jerusalem. Gemäß den Angaben des Buches spielt die Handlung zur Zeit des persischen Königs Xerxes I., im frühen 5. Jahrhundert BC, wird jedoch als deutlich jüngerer Text betrachtet, der auf das 3./2. Jahrhundert BC datiert wird. In 2. Makkabäer 15,36 wird für das 2./1. Jahrhundert BC ein Mordechaitag belegt, was darauf hindeutet, dass das Purimfest zu dieser Zeit bereits gefeiert wurde.
Die Herkunft des Namens „Esther“ ist nicht eindeutig geklärt, jedoch wird ein persischer Ursprung mit der Bedeutung „Stern“ vermutet. Im 2. Kapitel 7 wird Esther auch unter ihrem hebräischen Namen Hadassa, was „Myrte“ bedeutet, bekannt.
Der persische König Ahasveros wird mit Xerxes I. (486–465 BC) identifiziert, dem in Daniel 11,2 prophetisch angekündigten vierten Herrscher nach Kyros II. Xerxes I., allgemein bekannt als Xerxes der Große (ca. 518–465 BC), regierte von 486 BC bis zu seinem Mord im Jahr 465 BC; er war der Sohn von Darius dem Großen und Atossa, einer Tochter von Kyros dem Großen.
Das Buch Esther gehört zu den fünf Megillot, den Rollen, die im Judentum an besonderen Feiertagen gelesen werden. Es bildet den Ursprung des Purimfestes, da gemäß Esther 3,7 das Los (פּוּר, pûr) gezogen wird, um den Tag zu bestimmen, an dem die Juden verfolgt werden sollen. Diese Schrift stellt das erste dokumentierte Zeugnis über die verfolgte jüdische Gemeinschaft dar, die ohne spezifische Gründe leidet, lediglich aufgrund ihrer Andersartigkeit im Vergleich zu anderen Völkern.
Im Buch Esther wird das jüdische Volk als eine Gemeinschaft in der Diaspora dargestellt, die in der antiken Stadt Susa (Persien) lebt, fern der Heimat Israel. Es thematisiert Zerstreuung, Assimilation und rechtliche Andersartigkeit. Die Juden erstrecken sich über die 127 Provinzen des Perserreiches und sind, wie Esther und Mordechai, in vielen Aspekten assimiliert: Sie tragen persische Namen. Haman, eine zentrale Figur in der biblischen Erzählung, ist der Sohn des Hammedatha; oberster Minister des Königs Ahasveros (Esth. 3,1–2). Wie sein Name andeutet, war Haman ein Nachkomme Agags, des Königs der Amalekiter. Aufgrund seines Versuchs, die Juden im Königreich Ahasveros auszurotten, wird er häufig als „der Verfolger der Juden“ bezeichnet ( ; Esth. iii. 10; viii. 1; ix. 10, 24).
Der persische König Ahasveros hat Haman zum höchsten Regierungsbeamten ernannt, vor dem die königliche Dienerschaft niederknien soll. Als der Jude Mordechai, der am Tor des königlichen Palastes dient und auch als Cousin sowie Adoptivvater von Königin Esther agiert, dies verweigert, erwirkt Haman beim König ein Edikt, das die Ermordung aller Juden am 13. Adar und deren Plünderung erlaubt. Haman nutzt die religiöse und kulturelle Eigenständigkeit der Juden als Vorwand für seinen Vernichtungsplan und argumentiert vor dem König, dass ihre Gesetze „anders sind als die der anderen Völker“ und sie sich den Gesetzen des Königs nicht unterwerfen.
Mithilfe des königlichen Siegels erwirkt Haman ein Völkermorddekret, das die Ausrottung aller Juden an einem durch das Los (pur) bestimmten Tag anordnet. Doch durch kollektive Solidarität erweist sich das jüdische Volk in dieser Krise als starke religiöse und soziale Einheit. Auf Esthers Bitte hin fasten und beten alle Juden in Susa drei Tage lang für ihre Rettung. Dies führt zu einer Wende und dem Recht auf Selbstverteidigung durch ein neues Dekret. Da persische Gesetze unumkehrbar waren, konnte der König das Vernichtungsdekret nicht einfach aufheben. Stattdessen erließ er ein zweites Dekret, das den Juden gestattete, sich am Tag des Angriffs zu bewaffnen und zu verteidigen.
Damit kam es zur Umkehrung: Die Juden siegten über ihre Feinde, erlangten Ansehen und viele Nicht-Juden konvertierten sogar zum Judentum. Mordechai wurde zum zweithöchsten Mann im Staat erhoben. „vnahafoch hu“ (וְנַהֲפוֹךְ הוּא) ist ein hebräischer Ausdruck, der „und es wendete sich“ oder „das Gegenteil geschah“ bedeutet. Er stammt aus dem Buch Esther und beschreibt die Wende des Schicksals am Ende der Purim-Geschichte, in der die Juden das gegen sie gerichtete böse Dekret abwenden:
And so, on the thirteenth day of the twelfth month — that is, the month of Adar — when the king’s command and decree were to be executed, the very day on which the enemies of the Jews had expected to get them in their power, the opposite happened, and the Jews got their enemies in their power. (Esther 9:1)
Und so geschah am dreizehnten Tag des zwölften Monats – das ist der Monat Adar –, als der Befehl und das Dekret des Königs vollstreckt werden sollten, genau an dem Tag, an dem die Feinde der Juden erwartet hatten, sie in ihre Gewalt zu bringen, das Gegenteil, und die Juden brachten ihre Feinde in ihre Gewalt. (Esther 9,1) (Übersetzung durch den Author).
Die eigentliche Bedeutung des Begriffs „v’nahafoch hu“ ist, dass das, was anfangs als Ursache wahrgenommen wird, in Wirklichkeit eine Wirkung ist und das, was als Wirkung erscheint, tatsächlich die Ursache ist.
In der Erzählung werden die Begriffe „Juden“ und „Volk Israel“ oft synonym verwendet. Doch stellt das Buch Esther einen signifikanten sprachlichen Übergang in der biblischen Tradition dar. Es ist das erste Buch der Bibel, in dem der Begriff „Juden“ (Jehudim) konsequent als Selbst- und Fremdbezeichnung für das gesamte Volk verwendet wird. Ursprünglich bezog sich der Name auf Angehörige des Stammes Juda. Nach dem babylonischen Exil wurde dieser Begriff zur allgemeinen Bezeichnung für alle Mitglieder des Volkes Israel, die in der Diaspora leben.
Haman nutzt den Ausdruck „Juden“, um sie als eine Gruppe zu brandmarken, deren Gesetze „anders sind als die der anderen Völker“. Obwohl der Begriff „Israel“ im hebräischen Text des Buches Esther nur selten vorkommt, ist damit eindeutig das biblische Volk Israel gemeint. Mordechai wird als Nachkomme des Stammes Benjamin bezeichnet (Esther 2,5), was ihn direkt mit der Geschichte der zwölf Stämme Israels verbindet. Für zahlreiche Exegeten repräsentieren Esther und Mordechai den „Überrest Israels“, der auch fernab des Tempels in Jerusalem unter dem Schutz Gottes steht, selbst wenn der Name Gottes im Text nicht explizit erwähnt wird. Das Buch Esther beschreibt eine neue Realität: Das Volk ist nicht mehr als souveräner Staat in seinem eigenen Land tätig, sondern lebt als religiöse Minderheit in einem Weltreich. In diesem Kontext betont der Begriff „Juden“ die ethnische und religiöse Identität gegenüber den „Nationen“ (Persern, Amalekitern), während „Israel“ oft die Verbindung des Bundes zu Gott hervorhebt.
Das Buch Esther gilt als ein Manifest für das jüdische Überleben in der Fremde. Es unterstreicht, dass das jüdische Volk auch ohne das explizite Eingreifen Gottes durch Mut, Klugheit und Zusammenhalt in der Lage ist, zu bestehen.
Literatur: Wiesehöfer, Josef. "Die Geschichte Irans von den Achaimeniden bis in frühislamische Zeit". In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001; Wiesehöfer, Josef. Das antike Persien. Von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr. Düsseldorf: Albatros, 2005; Hinz, Walther. Darius und die Perser. Eine Kulturgeschichte der Achämeniden. 2 Bände. Baden-Baden: Holle 1976; Gschnitzer, Fritz. Die Sieben Perser und das Königtum des Dareios. Ein Beitrag zur Achaimenidengeschichte und zur Herodotanalyse. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1977; Depuydt, Leo. "Saite and Persian Egypt, 664 BC–332 BC (Dyns. 26–31, Psammetichus I to Alexander’s Conquest of Egypt)". In: Hornung, Erik, Krauss, Rolf und David A. Warburton (Hrsg.): Ancient Egyptian Chronology (= Handbook of Oriental studies. Section One. The Near and Middle East. Band 83). Leiden / Boston: Brill, 2006; Briant, Pierre. Darius. Les Perses et l’Empire. Paris: Decouvertes Gallimard, 1992; Rav Mosheh Twersky HY". "Purim: V’nahafoch Hu", auf ou.org, abgerufen am 17.04.2026
Artaxerxes I., Esra und Nehemia
Die Situation der Juden erfuhr während der Regierungszeit von eine signifikante Verbesserung. Artaxerxes I., der von 465 BC bis zu seinem Tod im Dezember 424 BC als Großkönig Persiens amtierte, herrschte über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren. Trotzdem bleibt unser Wissen über sein politisches Wirken gering. Die Informationen, die uns zur Verfügung stehen, stammen hauptsächlich aus den literarischen Quellen der griechischen Historiker sowie aus dem Alten Testament und konzentrieren sich auf die westlichen Randgebiete des Perserreiches, darunter Kleinasien, die Levante und Ägypten. Dennoch können die dort erzielten Erfolge Artaxerxes' I., die dauerhafte Stabilität der Herrschaft und die Stärkung der Reichszentralen als Indizien für eine der prosperierendsten Epochen innerhalb des Perserreiches gewertet werden.
Artaxerxes I. ernannte Esra zum Interessenvertreter der jüdischen Gemeinschaft am königlichen Hof (Esra 7,11 ff.) und entsandte ihn offiziell nach Jerusalem mit dem Ziel, den Juden vor Ort zu helfen, ihr traditionelles Leben gemäß ihren alten Gesetzen zu führen und sie in sämtlichen religiösen sowie weltlichen Angelegenheiten zu leiten.
Esra 7,11 ff:
11 König Artaxerxes gab Esra, dem Priester, der das Gesetz Gottes so genau kannte und auslegen konnte, eine Vollmacht mit. Sie lautete:[1] 12 »Artaxerxes, der größte aller Könige, an Esra, den Priester und Beauftragten für das Gesetz des Gottes im Himmel: Sei gegrüßt! 13 Ich ordne hiermit an, dass jeder Israelit in meinem Reich mit dir nach Jerusalem ziehen kann, wenn er es wünscht, auch die Priester und Leviten. 14 Der König und seine sieben Berater senden dich nach Juda und Jerusalem. Du sollst erkunden, ob dort alles dem Gesetz deines Gottes entspricht, das du ja so gut kennst wie kein anderer. 15 Nimm das Silber und Gold mit, das der König und seine Berater als Opfergaben für den Gott Israels gestiftet haben, dessen Tempel in Jerusalem steht. 16 Auch das Silber und Gold, das du in der Provinz Babylonien bekommen wirst, und die freiwilligen Gaben, die das Volk und die Priester für den Tempel ihres Gottes sammeln, sollst du mitnehmen.
Esra (hebräisch עֶזְרָא ‘æzrāʾ) war nach der Erzählung des Alten Testaments ein levitischer Beamter und Priester, sowie ein Nachkomme des ersten Hohepriesters Aaron. Er lebte nach der Zeit des Babylonischen Exils im persischen Weltreich und spielte eine entscheidende Rolle bei der Organisation einer Rückkehrgruppe aus dem Exil in die persische Provinz Jehud, die durch ein Edikt des Königs Kyros legitimiert wurde.
Neben dem hier behandelten Priester und Schreiber finden sich im Alten Testament zwei weitere Personen mit Namen Esra: ein Priester und Heimkehrer unter Serubbabel (Neh 12,1.13 EU) sowie ein Sänger in einem Dankchor, der jedoch möglicherweise mit Letzterem gleichzusetzen ist (Neh 12,33 EU).
Der König ermächtigte Esra, das Leben der jüdischen Gemeinschaft entsprechend der Thora zu gestalten, wobei das königliche Edikt die Thora als das offizielle und anerkannte Gesetz des Landes festlegte. Eine bedeutende Maßnahme zur Verbesserung der Bedingungen für die Juden war die Ernennung von Nehemia, dem Mundschenk von Artaxerxes I., zum Gouverneur von Judäa. Nehemia, auch Nehemia ben Hachalja (hebr. נְחֶמְיָה בֶּן־חֲכַלְיָה nəḥæmjâ bæn-ḥᵃḵaljâ), wird im Tanach als ein persischer Wiederaufbaukommissar und späterer Statthalter der persischen Provinz Jehud erwähnt. Nehemia war ein einflussreicher jüdischer Funktionär am Hof des persischen Königs Artaxerxes I. in Susa und bekleidete die hochangesehene und wichtige Position des Mundschenken. Diese Rolle umfasste die Verantwortung für die Sicherheit des Königs, indem er dessen Getränke verkostete, um potenziellen Vergiftungen vorzubeugen. Aufgrund seiner ständigen Nähe zum König hatte Nehemia die Gelegenheit, unmittelbare Gespräche zu führen und Gunst zu erbitten.
Erste Erwähnungen des Mundschenkenamtes gibt es bereits in der Bibel in Genesis 40,1–23 EU, wo in der Josefsgeschichte der Mundschenk des Pharao erwähnt wird, sowie in Neh 1,11, Neh 2,1 und 1 Kön 10,5. Auch vom assyrischen Hof ist das Amt belegt (etwa Aššur-bunaja-usur unter Salmanasser III.). Dort war der Mundschenk ein hoher Beamter, der zum Beispiel das Amt des "eponymen Beamten" wahrnehmen konnte.Der Umstand, dass er als „eponymer Beamter“ fungierte, bedeutet, dass er ein so hohes Ansehen und eine derartige Machtfülle besaß, dass nach ihm ein ganzes Jahr, eine Epoche oder ein wichtiges Verwaltungsjahr benannt wurde.
Nehemia entstammte den Judäern, die während des babylonischen Exils in die Gefangenschaft verschleppt wurden und nicht nach Israel zurückkehrten. Er erreichte am persischen Hof die Position des Mundschenks des Großkönigs und nutzte diese Stellung, um den Wiederaufbau der Stadtmauer von Jerusalem zu initiieren. Artaxerxes I. stellte ihm ein Empfehlungsschreiben für die Provinzgouverneure sowie militärischen Begleitschutz zur Verfügung. Im Jahr 445 BC kam Nehemia in Jerusalem an. Das Fehlen eines Provinzgouverneurs im Kontext des Tempelbaus und die Erwähnung des Empfehlungsschreibens deuten darauf hin, dass die Provinz keinen eigenen Gouverneur hatte.
Archäologische, epigraphische und numismatische Belege sprechen dafür, dass Jehud und Jerusalem vermutlich eine eigenständige Verwaltungseinheit innerhalb der von den Babyloniern festgelegten Grenzen bildeten. Ob diese Einheit als eigene Provinz zu betrachten ist oder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Samaria stand, ist Gegenstand von Debatten. Nehemia könnte maßgeblich zur Unabhängigkeit Jehuds von Samaria beigetragen haben. Belege hierfür liefern das Wiederaufflammen der Konflikte zwischen Samaria und Jerusalem während des Mauerbaus sowie die Tatsache, dass Nehemia der erste „Provinzstatthalter des Landes Juda“ ( pæḥâ bəʾæræṣ jəhūdâ, Neh 5,14 EU), war. Das ihm zustehende Gehalt lehnte er ab (Neh 5,15 EU). Etwa ab 408 BC ist dieses Amt auch in Texten von Elephantine dokumentiert, während ab der Mitte des 5. Jahrhunderts BC die Provinzbezeichnung Jehud auf Krughenkelaufschriften und Siegelabdrücken sowie später auch auf Münzen erschienen ist.
Das Amt des Mundschenken war ein Amt mit einer sehr hohen Verantwortung, aber auch Vertrauensstellung. Ähnlich dem bereits in der Antike bekannten Amt des Vorkosters vertraute der Herrscher dem Mundschenken seine Gesundheit und sein Wohlergehen an. Des Weiteren hatte der Mundschenk direkten Zugang zum König, wenn dieser in guter Stimmung und für Gefälligkeiten zugänglich war. Diese Vertrauensstellung führte zu dem hohen Ansehen des Amtes bis ins Hochmittelalter.
Obwohl er in einer derart hochstehenden Position lebte, war Nehemia zutiefst besorgt über die zerstörten Mauern Jerusalems und die missliche Lage seiner Landsleute. Im 20. Jahr der Herrschaft von Artaxerxes I. (circa 445 BC) wurde ihm vom König die Erlaubnis erteilt, nach Jerusalem zu reisen, um den Wiederaufbau der Stadtmauern zu koordinieren. In der Folge ernannte Artaxerxes I. Nehemia zum Gouverneur von Judäa.
Durch seinen Einfluss am Hofe des Königs gelang es ihm, den Wiederaufbau der Stadtmauern Jerusalems zu initiieren und die jüdische Gemeinschaft neu zu organisieren (Neh. 2,3-8).
Literatur: Gesenius, Wilhelm. Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. 18. Auflage. Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag 2013, S. 804; Hieke, Thomas.: "Nehemia". auf die-bibel.de, abgerufen 15.05.2026;"Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026.
Judäa während der persischen Herrschaft (4. Jhdt. BC)
Über die Beziehungen zwischen Judäa und Persien hinsichtlich der Verwaltung des Landes während des letzten Jahrhunderts der persischen Herrschaft (4. Jahrhundert BC) ist nahezu nichts bekannt. Basierend auf historischen Untersuchungen, insbesondere des bekannten israelischen Historikers Abraham Schalit (1898–1979) sank die Stellung Judäas von einer autonomen oder halbautonomen Einheit (medinta) zu einer untergeordneten Provinz innerhalb einer umfassenderen Satrapie. Dieser Wandel scheint in den späten Jahren unter ArtaxerxesI. und Darius II. vollzogen worden zu sein. Die genauen Umstände, die zu diesem Umbruch führten, sind jedoch unklar. Judäa wurde dabei in eine größere Satrapie eingegliedert und verlor an direkter politischer Selbstständigkeit. Dies geschah im Kontext der Neuorganisation persischer Provinzen, bei der lokale Verwaltungsstrukturen zunehmend zentralisierten Strukturen untergeordnet wurden
Abraham Schalit, ein führender israelischer Historiker, der für seine profunden Analysen bezüglich der herodianischen Ära sowie der jüdischen Geschichte während der römischen Herrschaft bekannt ist, hat sich umfassend mit der Transformation Judäas auseinandergesetzt. Seine Forschung legt den Fokus auf den Wandel der administrativen Strukturen, insbesondere den Übergang von einer Phase beträchtlicher interner Autonomie, in der Judäa als Medinata (eine jüdische Gemeinschaft mit gewisser Selbstverwaltung) agierte, zu einer stärker integrierten, untergeordneten Provinz innerhalb der persischen oder seleukidischen Satrapie.
In der frühen persischen Periode, nach 539 BC., verfügte Judäa über eine gewisse Form von Autonomie als Teil der Satrapie Eber-Nari, wobei der Hohepriester und der Ältestenrat maßgebliche Rollen in der Verwaltung einnahmen. Insbesondere während der späteren hellenistischen Periode, sowohl unter den Ptolemäern als auch den Seleukiden, sowie in der darauf folgenden römischen Ära (nach 63 BC / 6 CE), büßte diese Einheit zunehmend ihre administrative Selbstständigkeit ein. Judäa entwickelte sich zu einer Provinz bzw. einem Klientelstaat, der direkt den römischen Statthaltern (Prokuratoren) in Syrien unterstellt war.
Die Meder waren als Volk seit der Mitte des 2. Jahrtausends BC im Hochland von Iran ansässig. Das Auftreten von Münzen, die mit der Bezeichnung "jhd" (Jehud) versehen sind, sowie Inschriften aus der persischen Epoche, die entweder denselben Namen oder die abgekürzte Form "jrslm" (Jerusalem) tragen, ermöglichten es gemäß den Analysen des israelischen Archäologen Eleasar Lipa Sukenik (1889-1953) und des US-amerikanischen Biblischen Archäologen und Philologen altorientalischer Sprachen William Foxwell Albright (1891- 1971), zu schlussfolgern, dass Judäa möglicherweise als eine von geistlichen oder religiösen Würdenträgern ausgeübte (hierokratische) Gemeinschaft oder nationale Einheit angesehen wurde. Diese war mit speziellen Rechten ausgestattet, die dem Volk sowie den Hohenpriestern in der Verwaltung des Landes eingeräumt wurden, einschließlich des Rechts, eigene Münzen zu prägen.
Artaxerxes I. verstarb kurz nach der Umsetzung der Reformen, die durch Nehemia und Esra in Judäa initiiert wurden. Ihm folgten Xerxes II. (424 BC), Darius II. (423-404 BC), Artaxerxes II. (404-358 BC), Artaxerxes II. Ochus (358-338 BC) und Darius III. (336-331 BC).
Literatur: Schalit, Abraham. Der Mann und sein Werk. Berlin: De Gruyter, 2001; Schwartz, Daniel R. "On Abraham Schalit, Herod, Josephus, the holocaust, Horst R. Moehring, and the study of ancient Jewish history". Jew History 2 (1987), 9-28;"Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026.
Diasporajuden im Perserreich (5 Jhd. BC)

Im Gegensatz zur begrenzten Verfügbarkeit historischer Zeugnisse über die palästinensischen Juden hat die Entdeckung der Papyri von Elephantine faszinierende Einblicke in das Leben der dort ansässigen jüdischen Militärkolonie in Oberägypten eröffnet. Die "Elephantine-Papyri" stellen eine Sammlung verschiedener Dokumente dar, die auf der Nilinsel Elephantine nahe Assuan (Oberägypten) entdeckt wurden.
Ein Brief aus den Elephantine-Papyri, 407 BC (s. Abb.) aus einer Sammlung von Schriften aus dem 5. Jahrhundert BC der jüdischen Gemeinde in Elephantine enthält die Bitte um den Wiederaufbau eines jüdischen Tempels in Elephantine, der zuvor von ägyptischen Heiden zerstört worden war. Die Verfasser sind Jedonja und seine Kollegen, die Priester. Der Brief ist an Bagoas, den Statthalter von Juda, gerichtet, und ist auf das 17. Regierungsjahr König Darius’ (II.) unter der Herrschaft des ägyptischen Satrapen Arsames datiert, was dem Jahr 407 BC entspricht.
Bagoas (auch Bagohi genannt) war ein persischer Statthalter (Peschah) der Provinz Juda (Jehud) im späten 5. Jahrhunder BC. Er ist vor allem durch die Elephantine-Papyri bekannt, die einen Einblick in die jüdische Geschichte unter persischer Herrschaft geben. Er amtierte um ca. 410–407 BC. Bagoas ist der Adressat von Briefen der jüdischen Militärkolonie in Elephantine, die ihn um Hilfe beim Wiederaufbau ihres Tempels bat, nachdem dieser 410 BC zerstört worden war. In den Briefen wird Bagoas als "Statthalter von Juda" bezeichnet, oft in Verbindung mit dem Hohepriester Johanan in Jerusalem, was auf eine enge Verbindung zwischen der persischen Verwaltung und der religiösen Führung hindeutet. Er wird in den Dokumenten oft als "unser Herr" angesprochen, was seine hohe Position unterstreicht.
Johanan (auch Jonathan) war im 5. Jahrhundert v. Chr. ein Hohepriester am wiederaufgebauten Tempel in Jerusalem. Als Enkel von Eljaschib, der zur Zeit Nehemias wirkte, wird er in der Bibel (Nehemia 12,11, 22-23) und den Elephantine-Urkunden erwähnt. Seine Amtszeit wird etwa auf 410–371 BC geschätzt. Er amtierte während der Zeit der persischen Herrschaft (Darius II. und Artaxerxes II.) in der Provinz Yehud Medinata. Laut Flavius Josephus war er der Sohn Jojadas und Nachfolger im Hohepriestertum. Er wird in den Elephantine-Papyri explizit als Hohepriester in Jerusalem genannt.
Diese Militärkolonie beherbergte Söldner unterschiedlicher Herkunft, einschließlich griechischer, phönizischer und syrischer Gruppen.
Durch das günstige Wüstenklima konnten die Papyri über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten erhalten bleiben, wobei Texte in Demotisch, Altgriechisch, Aramäisch, Latein und Koptisch verzeichnet sind. Bereits vor dem Jahr 525 BC existierte auf Elephantine eine jüdische Kolonie, die einen eigenen Tempel für den Gott JHWH sowie einen entsprechenden Opferkult unterhielt.
Der deutsche Klassische Archäologe Otto Rubensohn (1867-1964) entdeckte während seiner Ausgrabungen das Archiv dieser jüdischen Gemeinschaft. Der deutsche Restaurator Hugo Ibscher (1874-1943), der sich auf die Konservierung und Restaurierung von Papyri spezialisierte und als Begründer der Papyrusrestaurierung gilt, wurde mit der Auswertung und Konservierung der noch versiegelten Dokumente betraut. Die erhaltenen aramäischen Schriftstücke aus dieser Kolonie datieren zwischen 495 und 399 BC (s. Abb.) und bieten wertvolle Informationen über die Diasporajuden im 5. Jahrhundert BC im Perserreich. Sie vermitteln zudem Einblicke in die Verwaltung des Achämenidenreichs.
Zu den Dokumenten gehören sowohl private Schreiben wie Kreditverträge und Heiratsurkunden als auch offizielle Korrespondenzen mit der persischen Verwaltung in Susa sowie mit den Satrapen diverser achämenidischer Provinzen und den Priestern des Jerusalemer Tempels.
Es ist jedoch festzustellen, dass am Standort Elephantine keine Fragmente des Tanach entdeckt wurden. Die Papyri stehen im Kontext der Zerstörung des JHWH-Tempels in Elephantine. Die Verantwortlichen, darunter der Kommandeur der Militärkolonie, wurden ermittelt und hingerichtet. Dennoch erhielt die Gemeinschaft zunächst keine Erlaubnis zum Wiederaufbau des Tempels und zur Wiederaufnahme des Opferkultes.
In Folge dessen richteten Jedoniah und seine Mitpriester in Elephantine Schreiben an Arsames, den Statthalter Ägyptens, sowie an Bagohi (Bagoas), den Statthalter von Judäa in Jerusalem, an Jehohanan, den Hohenpriester in Jerusalem, und an Delajah und Schelemjah, die Söhne Sanaballats, des Statthalters von Samarien.
Die Dokumente weisen in Sprache und Stil zahlreiche Gemeinsamkeiten mit den biblischen Büchern Esra und Nehemia auf, und einige der darin erwähnten Personen sind auch in diesen Texten zu finden. Der Gottesname wird in diesen Dokumenten nicht als יהוה (Jahwe / Jehova) , sondern durchgängig als יהו (Yahu / Yeho) wiedergegeben. Dies stellt vermutlich keine andere Aussprache dar, sondern vielmehr eine abweichende Schreibweise, bei der der letzte Buchstabe bei kurzem Endvokal als Mater lectionis entfällt. Die Buchstabenfolge יהו (Yahu / Yeho) ist eine theophore (gottbezogene) Erweiterung im Hebräischen. Sie ist die Kurzform des unaussprechlichen Gottesnamens JHWH (Jahwe / Jehova) und bedeutet „Der Herr“ oder „Jah ist...“
Die Elephantine-Papyri umfassen ebenfalls die Korrespondenz zwischen den Angehörigen der Kolonie und dem Hohenpriester in Jerusalem bezüglich der Feier des Passah. Sie berichten zudem, dass es aufgrund ägyptischer Intrigen zu antijüdischen Ausschreitungen kam, welche in der Zerstörung des Tempels zu Elephantine mündeten. In der Folge wandten sich die Juden an Bagoas, den persischen Gouverneur von Judäa, sowie an den Statthalter von Samaria, um Unterstützung bei den ägyptischen Behörden zu erbitten. Ihre Bitten waren erfolgreich, und man gestattete ihnen schließlich den Wiederaufbau des Tempels.
Literatur: Ungnad, Arthur. Aramäische Papyrus aus Elephantine. Kleine Ausgabe unter Zugrundelegung von Eduard Sachau’s Erstausgabe, bearbeitet von Arthur Ungnad. Hinrichs, Leipzig: Hinrichs, 1911; Staerk, Willy. Jüdisch-Aramäische Papyri aus Elephantine, sprachlich und sachlich erklärt. 2. verbesserte Auflage, Bonn: Marcus & Weber, 1912. (Textausgabe mit punktiertem Text und Anmerkungen); Meyer, Eduard. Der Papyrusfund von Elephantine, Dokumente einer jüdischen Gemeinde aus der Perserzeit und das älteste erhaltene Buch der Weltliteratur. 2. Auflage, Leipzig: Hinrichs, 1912; "Herrschaft der Makkabäer" auf judentum-projekt.de, abgerufen am 15.05.2026; "Persien und Israel", auf judentum.hagalil.com, abgerufen am 14.05.2026; die-bibel.de, abgerufen am 14.05.2026.
Der Untergang Persiens
Das persische Weltreich erstreckte sich von Indien bis in den Süden Ägyptens, basierte jedoch auf äußerst instabilen Fundamenten. Die Vielzahl der verschiedenen Nationalitäten überstieg in den Zahlen deutlich die der Perser, und es fehlte an einer verbindenden Idee, die die Diversität zu einer kohärenten Gemeinschaft hätte integrieren können.
Im späten 5. und im 4. Jahrhundert BC existierte keine starke Zentralgewalt, und die persische Militärmacht stellte sich als ineffektiv dar. Diese rekrutierte sich teilweise aus den unterschiedlichen Völkerschaften des Reiches, wobei das Rückgrat jedoch aus einem hauptsächlich aus Griechen bestehenden Söldnerheer bestand. Ähnlich wie ein Jahrtausend später das römische Weltreich war auch das persische Reich zu einem überalterten und fragilen Gebilde geworden, das unter einem disziplinierten Gegner leicht zu überwältigen war. Im Fall Persiens traf dies insbesondere auf die mazedonische Armee unter dem Kommando Alexanders des Großen zu, die zwar zahlenmäßig unterlegen war, jedoch von erfahrenen und entschlossenen Führern geleitet wurde.
Die mazedonische Armee unter Alexander dem Großen war eine hochdisziplinierte, kombinierte Streitmacht, die ab 334 BC den Perserzug antrat. Kern der Armee waren die mit der langen Sarissa bewaffneten Phalangiten (Infanterie) und die schwere Hetairenreiterei (Gefährtenkavallerie), die entscheidend zur Eroberung des Perserreiches bis 325 BC beitrugen. Die Hetairenreiterei war eine von den Gefolgsleuten der Heerführer (Hetairoi, Sg.: Hetairos, altgriechisch ἑταῖροι ‚Gefährten‘, ‚Freunde‘, ‚Genossen‘) getragene Reiterabteilung im Heer Alexanders des Großen und der Diadochen (Feldherren Alexanders des Großen).
Beim Übergang über den Hellespont (334 BC) bestand das Heer aus ca. 48.100 Soldaten, darunter 12.000 mazedonische Infanteristen, Hypaspisten (Elite-Infanterie) und 6.100 Reiter. Alexander nutzte eine "Amboss-und-Hammer"-Taktik: Die Phalanx (Amboss) band den Gegner, während die Kavallerie (Hammer) den entscheidenden Schlag ausführte. An der Spitze stand Alexander als König (Basileus), der seine Truppen oft persönlich in die Schlacht führte. Das Heer marschierte von Makedonien bis nach Ägypten, Zentralasien und an den Indus.
Nach jahrelangen Kämpfen und dem Indienfeldzug weigerten sich die Truppen 326 BC am Fluss Hyphasis, weiter vorzurücken, was den Rückzug einläutete. Das Nachfolgende Video veranschaulicht die "Amboss-und-Hammer"-Taktik, mit der Alexander der Große seine Siege errang.
Die Herrschaft der Sāsāniden (ca. 224-651 CE)
Das Sāsānidenreich war das dritte persische Großreich des Altertums. Der Name des Reiches, dessen Eigenbezeichnung "Eranschahr" lautete, leitet sich von der letzten vorislamischen persischen Dynastie der Sāsāniden (Sassaniden) ab. Die an die Aussprache angepasste Schreibweise Sassaniden wird in der jüngeren Forschung durch die etymologisch überlieferte Schreibweise Sāsāniden (vgl. neupers. ساسانیان, Sāsānīyān) verdrängt. Im mittelalterlichen Schāhnāme wird die Dynastie nach Papak bzw. Bābak, dem (eventuellen) Sohn des Stammvaters Sas(s)an, bezeichnet. Mit sehr wenigen Ausnahmen , i.e. Bahram (VI.) Tschobin, einem General (Spahbod) und Usurpator im spätantiken Sāsānidenreich (590/91 CE) sowie Farruchan, besser bekannt unter seinem Beinamen Schahrbaraz (im Schahname auch Gurāz), einem General des persischen Sāsānidenreichs und Usurpator im 7. Jahrhundert CE., gehörten bis zum Schluss sämtliche Großkönige der Familie der Sāsāniden an.
Das Reich existierte zwischen dem Ende des Partherreichs, dem zweiten persischen Großreich und der arabischen Eroberung Persiens, also von 224 CE bzw. 226 CE bis zur Schlacht von Nehawend im Jahr 642 CE beziehungsweise bis zum Tod des letzten Großkönigs Yazdegerd III. im Jahr 651 CE.
Das Sāsānidenreich, das in der Forschung auch als Neupersisches Reich bezeichnet wird (in Abgrenzung zum Altpersischen Reich der Achämeniden und Teispiden), war über mehr als 400 Jahre hinweg eine bedeutende Großmacht und ein Rivale des Römischen beziehungsweise Oströmischen Reiches. Außer kriegerischen Auseinandersetzungen (s. Römisch-Persische Kriege) gab es aber auch zahlreiche friedliche Kontakte zwischen Römern und Sāsāniden, die sich in vielerlei Hinsicht gegenseitig beeinflussten. Sāsānidische Traditionen hatten zudem großen Einfluss auf die Umayyaden, Samaniden und vor allem die Abbasiden. In der neueren Forschung wird der Geschichte und Kultur des Sāsānidenreichs im Rahmen des gewachsenen Interesses an der Spätantike daher verstärkt Beachtung geschenkt und auf die historische Bedeutung dieser zweiten Großmacht neben Rom hingewiesen.
Im Jahr 224 CE übernahm die Dynastie der Sāsāniden die Macht (224–651 CE) und begründete das dritte große Perserreich. Ihr Gründer, Ardaschir I. (r. 224–239/40 CE) stürzte die bis dahin im Iran herrschende Dynastie der Arsakiden und betrieb eine recht erfolgreiche Expansionspolitik.
Ardaschir I. erhob den Zoroastrismus zur Staatsreligion seines Reiches und verlieh seinen Priestern weitreichende Machtbefugnisse. Diese Religion basierte auf den Lehren des Zoroaster (oder Zarathustra), der zwischen dem 7. und 6. Jahrhundert BC in Persien lebte. Der Zoroastrismus ist eine dualistische Lehre, die an die Existenz zweier Götter glaubt – eines Gottes des Guten und eines Gottes des Bösen –, die sich in ständigem Widerstreit befinden. Sie vertritt die Überzeugung, dass am Ende der Zeiten das Gute triumphieren wird.
Für die Zoroastrier „verunreinigten“ die Anhänger anderer Religionen – darunter auch Juden und Christen – die Welt; folglich sahen sie es als ihre Pflicht an, gegen diese „Ungläubigen“ zu kämpfen. Diese Vorstellung ist von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der jüdischen Geschichte in Persien, da sie tief in der persischen Kultur verwurzelt ist – mit verheerenden Folgen für die Juden, die bis heute nachwirken.
Mitte des 5. Jahrhunderts nahmen die Verfolgungen gegen „Ungläubige“ ein beispielloses Ausmaß an und erreichten eine neue Dimension der Gewalt. Im Jahr 451 CE wurde den Juden beispielsweise die Einhaltung des Schabbats untersagt, und ihre religiösen Führer wurden hingerichtet.
Der Schabbat oder Sabbat (hebräisch: שַׁבָּת [ʃaˈbat], Plural: שַׁבָּתוֹת [ʃabaˈtɔt] Schabbatot, aschkenisch-hebräisch [ˈʃabos, ʃaˈbos] Schabbos, jiddisch Schabbes [ˈʃabəs]) ist im Judentum der siebte Wochentag, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Seine Einhaltung ist eines der Zehn Gebote (Ex 20,8 EU; Dtn 5,12 EU).Er beginnt am Vorabend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag, denn im jüdischen Kalender dauert der Tag vom Vorabend bis zum Abend des Tages – nicht von 0 bis 24 Uhr. Dies ist abgeleitet aus dem Schöpfungsbericht (hebräisch בְּרֵאשִׁית Bereschit, altgriechisch Γένεσις Génesis genannt): „und es war Abend und es war Morgen, ein Tag“. Der abendliche Beginn wird mit dem Wort Erev (hebräisch ערב „Abend“) bezeichnet. Der Schabbat trägt schon im Tanach einen eigenen Namen, während die übrigen Wochentage im jüdischen Kalender bis heute mit ihren Ordinalzahlen benannt werden. Juden wünschen sich einen friedvollen Schabbat mit der Grußformel שַבָּת שָׁלוֹם Schabbat schalom oder jiddisch gut Schabbes.
Schabbat bedeutet wörtlich übersetzt „Ruhetag, Ruhepause“, von hebräisch שָׁבַת [ʃaˈvat] „aufhören, ruhen“. In Verbindung mit Objekten nimmt es die Bedeutung „(mit etwas) aufhören, (von etwas) ruhen“ sowie „feiern“ an. Kausativ kann es auch „aufhören lassen“ bedeuten. Das artikellose Nomen שבת ist weiblich, steht ursprünglich für eine festgelegte Ruhezeit und kann auch auf jüdische Jahresfeste bezogen sein.
Im Jahr 469 CE wurde mehr als die Hälfte der jüdischen Gemeinde von Isfahan massakriert, und zoroastrische Priester verschleppten jüdische Kinder gewaltsam, um sie zum Dienst in ihren Tempeln zu zwingen.
Die Herrschaft der Sāsāniden (ca. 224–651 CE), die als letzte vorislamische Dynastie Persiens gilt und einen Höhepunkt der altiranischen Kultur darstellt, führte zu einem schrittweisen Verlust der politischen Autonomie der jüdischen Bevölkerung, die zuvor unter der Partherherrschaft erlangt worden war. Die sāsānidischen Monarchen, die sich als Beschützer und Förderer der zoroastrischen Religion betrachteten, schränkten die Freiheiten der Nicht-Zoroastrier erheblich ein. Zoroastrische Priester nutzten gelegentlich diese Gelegenheit, um ihre Anhänger zur Zerstörung jüdischer Kultstätten anzustiften und einzugreifen, indem sie bei lokalen Beamten die Unterdrückung jüdischer Rituale anregten.
Trotz dieser Herausforderungen gelang es der jüdischen Gemeinschaft, zu prosperieren, nicht zuletzt aufgrund ihrer umfangreichen Wirtschaftsnetzwerke, die für den Handel entlang der Seidenstraße von entscheidender Bedeutung waren. Bereits in der Partherzeit hatten Juden eine zentrale Rolle im Handel zwischen China und dem Römischen Reich eingenommen.
Ihre Position als Mittler wurde in Folge durch ihren Status als "Dhimmi" begünstigt, was ihnen in bestimmten Regionen eine relativ freie Reisemöglichkeit im Vergleich zu Muslimen gewährte. Dieser Umstand verschaffte ihnen einen signifikanten Vorteil bei der Pflege und dem Abschluss von Handelsgeschäften. Der Handel entlang der Seidenstraße , dem „Zentrum der Welt“ (Frankopan, 2016) war jedoch nicht ohne Herausforderungen. Der Austausch von Glaubensvorstellungen, Ideen und Religionen stellte ein fundamentales Merkmal der Seidenstraße dar, führte jedoch gleichzeitig gelegentlich zu Konflikten. Das Ringen um geistige Vorherrschaft, das bereits die Beziehung zwischen Christentum und Judentum prägte, intensivierte sich zunehmend. Religiöse Führer nahmen sich vor, die Grenzen zwischen beiden Glaubensgemeinschaften klar zu definieren. Die Juden verabschiedeten Gesetze gegen Mischehen, während die Christen den Termin des Osterfestes so verlegten, dass eine zeitliche Überschneidung mit dem jüdischen Pessachfest vermieden wurde.
Infolgedessen ist im Perserreich ein Wandel hin zu einer zunehmend negativeren Haltung der Juden gegenüber dem Christentum zu beobachten.(Frankopan, 2016) Mit der aktiven Unterstützung der Juden im Rahmen militärischer Unternehmungen der Sāsāniden während des römisch-persischen Krieges erkannte die persische Regierung schließlich, dass die Juden keine Bedrohung für die Sāsāniden darstellten. Ihr kaufmännisches Fachwissen erwies sich als unschätzbare Bereicherung für den Wohlstand des königlichen Hofes. Unter den späteren sāsānidischen Königen erlebte die jüdische Gelehrsamkeit schrittweise eine Blütezeit (van Gorder, 2010). Die Juden waren ein aktiver Bestandteil der vielfältigen religiösen Landschaft Persiens und bildeten einen integralen Bestandteil des religiösen Gleichgewichts, das das soziale Gefüge des Sāsānidenreichs aufrechterhielt.
Dieses Gleichgewicht verschob sich jedoch drastisch nach der arabischen Invasion, als eine völlig neue Reihe von Vorschriften auf Nicht-Muslime angewendet wurde (Amanat, 2011). Die muslimisch-arabische Eroberung Persiens im Jahr 642 CE beendete zwölf Jahrhunderte der Unabhängigkeit. Persien wurde in das arabisch-islamische Reich eingegliedert, dessen Hauptstadt zunächst Damaskus und später Bagdad war. Die gesamte Struktur der persischen Gesellschaft erfuhr einen tiefgreifenden Wandel, als der Islam den Zoroastrismus als Staatsreligion ablöste.
Diejenigen, die sich dem Glauben der Eroberer nicht unterwerfen wollten, wurden gezwungen, ein ungleiches Verhältnis (Dhimma) zwischen der dominierenden muslimischen Macht und den nicht-muslimischen Untertanen zu akzeptieren; dies unter der Bedingung, dass sie sich den Benachteiligungen und Demütigungen unterwarfen, die in spezifischen Vorschriften festgelegt waren, die gemeinhin als der „Bund des 'Umar“ (traditionell 'Umar I. (634–644 CE) zugeschrieben, von den meisten Orientalisten jedoch 'Umar II. (717–720 n. Chr.)) bekannt sind, was sowohl den Einzelnen als auch die Gemeinschaft herabwürdigte. Dhimmi-Untertanen wurden im „Haus des Islam“ ("Dar al-Islam") geduldet; dies im Gegensatz zum Rest der Welt, dem "Haus des Krieges" ("Dar al-Harb"). Die muslimische Rechtslehre geht von einem fortwährenden Kriegszustand zwischen beiden aus, bis die islamische Herrschaft weltweit herrscht.
Ungeachtet kurzer Ruhephasen, in denen diese Beschränkungen weniger streng angewendet wurden, und Gelegenheiten, bei denen außergewöhnliche Einzelpersonen in hohe Positionen aufstiegen, blieb der Dhimmi-Zustand der Ungleichheit bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts in Kraft, als Hülegü Chan ( auch Hülägü, persisch هولاکو خان ; um 1217-1265), ein mongolischer Khan und Enkel Dschingis Khans, Persien überrannte, Bagdad eroberte und dem Abbasidenkalifat ein Ende setzte. Nach Aufteilung des Mongolischen Großreichs war er von 1256 bis zu seinem Tod der erste Herrscher des Ilkhanats mit Residenz im persischen Maragha.
Im 7. Jahrhundert CE führte die Unzufriedenheit mit der veralteten, übermäßig restriktiven und korrupten sāsānidischen Sozialstruktur, die die Kluft zwischen den sozialen Schichten vertieft hatte, dazu, dass viele die arabischen Heere mit offenen Armen empfingen. Die Juden sahen, wie viele andere Perser, zunächst Hoffnung in den Versprechen der arabischen Heere auf soziale Gleichheit. Mit der Festigung der islamischen Herrschaft in Persien wurde jedoch offenkundig, dass die Anpassung an die neuen Bedingungen mit erheblichen Einschränkungen der sozialen und kulturellen Teilhabe von Nicht-Muslimen verbunden sein würde.
Den Juden wurde – wie auch den Christen und Zoroastriern – der Status der „Dhimmi“ verliehen; ihr Status war dem der muslimischen Untertanen des islamischen Reiches untergeordnet. Es ist von Bedeutung zu betonen, dass Juden, zusammen mit Christen und Zoroastriern, als „Leute des Buches“ ("Ahl al-kitāb") anerkannt wurden. Dies gewährte ihnen ein gewisses Maß an Schutz und resultierte insgesamt in besseren Lebensbedingungen, als jene, die die Juden im vormodernen Europa vorfanden. Trotz der Erlaubnis, ihre Religion weiterhin auszuüben, waren die Juden, ähnlich wie andere Dhimmi, zur Zahlung der "Dschizya" (Kopfsteuer) verpflichtet. Ihr Status als Nicht-Muslime führte häufig zu einer Degradierung zu Bürgern zweiter Klasse, und sie sahen sich bestimmten sozialen und rechtlichen Nachteilen gegenüber – beispielsweise dem Ausschluss vom Militärdienst sowie dem Tragen spezifischer Kleidungsstücke zur Kennzeichnung als Juden.
Mit Gründung der Sāsāniden-Dynastie (224–651 CE), dem dritten großen Persischen Reich im Jahr 224 CE, wurde der Zoroastrismus von ihrem Gründer Ardashir I. (Regierungszeit: 224–239/40) zur offiziellen Religion seiner Herrschaftsgebiete ernannt und verlieh seinen Priestern große Macht.
Der Zoroastrismus (auch Zarathustrismus genannt) ist eine der ältesten heute noch existierenden monotheistischen Religionen der Welt. Er entstand im alten Persien und geht auf den Propheten Zarathustra (griechisch Zoroaster) zurück. Im Zentrum der zoroastrische Religion steht die Verehrung von Ahura Mazda ("Der weise Herr") als dem einzigen, unerschaffenen Gott. Die Welt ist geprägt vom ständigen Kampf zwischen dem Guten (Spenta Mainyu) und dem Bösen (Angra Mainyu oder Ahriman). Die Menschen sind aufgerufen, sich durch „gute Gedanken, gute Worte und gute Taten“ aktiv für das Gute und die Ordnung zu entscheiden.
Der Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus (auch: Mazdaismus oder Parsismus) ist eine von Zarathustra gestiftet Religion. Der Begriff wurde vermutlich erst im 19. Jahrhundert CE gebräuchlich. Die heutigen Anhänger des Zoroastrismus werden Zoroastrier (nach Zoroaster, der griechischen Form von Zarathustra) oder Zarathustrier genannt. Die Religion Zarathustras fußt auf sehr alten indoiranischen Traditionen und Überlieferungen, und entstand zwischen 1800 und 600 BC. Ihre Herkunft ist umstritten, sie breitete sich etwa vom 7. bis zum 4. Jahrhundert BC im iranischen Kulturraum (vom östlichen Kleinasien und Mesopotamien über Persien bis Zentralasien) aus.
In der Spätantike - unter der Dynastie der Sāsāniden - war die zurvanistische Variante des Zoroastrismus weit verbreitet. In der zurvanistische Variante des Zoroastrismus galten der "gute" und der "böse Geist" als Kinder der „unendlichen Zeit“ (Zurvan/Zervan, Neupersisch Zaman).
Dem Zurvanismus (oder Zervanismus) - als einem Zweig des Zoroastrismus - , liegt „Zurvan“ als Prinzip der Weltentwicklung zugrunde. Der Begriff „Zurvan“ bezeichnet die zeitliche und räumliche Dimension des Kosmos. In der älteren Iranistik gab es bis in die 1960er Jahre systematische Annahmen einer zurvanistischen Konfession innerhalb des Zoroastrismus. In der heutigen Forschung hingegen werden fast alle Elemente dieser Konstruktion in Frage gestellt.
Grundidee ist „Zurvan akarano“ (die "unbegrenzte Zeit" bzw. „unendliche Zeit“). Ihre „Entäußerung“ bzw. Emanation (lat. emanatio „Ausfließen“, „Ausfluss“; das „Hervorgehen“ von etwas aus seinem Ursprung, der es aus sich selbst hervorbringt) bestimmt die „endliche“ oder begrenzte Zeit bzw. endliche Weltzeit (und Weltraum) der materiellen Welt. Im Zurvanismus sind die zoroastrischen Konzepte Ahura Mazda (Gutes, Licht, Weisheit, Wahrheit) und Angra Mainyu (Böses, Finsternis, Dummheit, Lüge, „Trug“; mittel- und neupersisch Ahriman) nicht nur gegensätzliche Prinzipien, sondern "Kinder Zurvans" und Zwillinge. Charakteristisch für den Zurvanismus war eine aus der babylonischen Astrologie stammende Äonenlehre (Lehre von den Wesenheiten oder zusammenfassend die Emanationen einer "obersten Gottheit" (Gnosis), nach der der Kampf zwischen Gut und Böse einem festgelegten heilsgeschichtlichen Ablauf von dreimal (oder viermal) 3000 Jahren folgt. Dieses Merkmal ist in den zoroastrischen Überlieferungen aus dem 9./10. Jahrhundert CE gut belegt und fester Bestandteil der allgemein zoroastrischen Kosmogonie und Kosmologie des Bundahischn (oder Bundehesch, mittelpers. für „Urschöpfung“ oder „Grundlegung“), einem mittelpersischen Text über Kosmogonie, iranische Mythologie und Legenden der zoroastrischen Religion. Alle heute existierenden Manuskripte der heiligen Schriften gehen auf ein "Basis-Manuskript" zurück, das im 9./10. Jahrhundert CE entstand. Da die altavestische Sprache zu diesem Zeitpunkt kaum noch verstanden wurde, schufen Priester die sogenannte Zend-Literatur – Übersetzungen und Kommentare in Mittelpersisch.
Das „Buch der Ursprungsschöpfung“ gilt als die wichtigste Quelle für die zoroastrische Kosmogonie und Kosmologie. Die als Bundahischn bezeichnete (ursprüngliche) Schöpfung stellt im Zoroastrismus eine erste Phase dar, gefolgt von einer zweiten Phase (gumezischn, „Mischung“) einer triadischen Aufteilung der Kosmologie in Konfrontation beider Prinzipien. Das „Buch der Ursprungsschöpfung“ beschreibt detailliert die Erschaffung der Welt, den Dualismus zwischen Gut und Böse sowie die Heilsgeschichte. Diese Enzyklopädie - sie verteidigt den Zoroastrismus gegen den erstarkenden Islam - ist die umfangreichste erhaltene Sammlung der zoroastrischen Religion, Philosophie und Tradition und bewahrt viele ältere, heute verlorene Quellen.
Wahrscheinlich war der Zurvanismus in den Westgebieten des vorislamischen Irans dominierend (Medien, Persis, Ost-Kleinasien, sowie iranische Kolonien Mesopotamiens,Westkleinasiens und des Nahen Ostens), während der orthodoxe Zoroastrismus möglicherweise in den Ostgebieten dominierte (Parthien/Chorasan, Choresmien, zeitweise auch Baktrien, Sakistan und vielleicht Sogdien – hier aber seit dem 3. Jahrhundert CE neben starken Anhängerschaften des Mahayana-Buddhismus, des christlichen Nestorianismus und in Sogdien auch des Manichäismus). Der Zurvanismus betont ein Urprinzip der Welt und eine Prädestination (Vorsehung des Schicksals), der sich niemand entziehen kann.
Der orthodoxe Zoroastrismus (in der Iranistik oft „Mazdaismus“ genannt, nach dem mittelpersischen Ausdruck "mazda-yasna" ("Anbetung des Mazda") lehrte dagegen die individuelle ethische Glaubensentscheidung. Ein freier Wille also, Gutes oder Böses zu tun und die Konzepte der Sünde, der Sündenvergebung durch Beichte und Buße, wie auch die Bestrafung des Bösen im Jüngsten Gericht waren zentrale Bestandteile der Lehre und Ethik des mazdaistischen Zoroastrismus, der sich selbst auch "veh-den" („Gute Religion“) nannte. Dagegen vertrat der zurvanistische Zoroastrismus offenbar durch Betonung des Schicksals in Zurvan, durch die Prädestination also, tendenziell eine gegenteilige Ethik.
Beide gemeinsam hatten einen starken Einfluss auf abrahamitische Religionen (Judentum, Christentum und Islam), auf griechisch-römische Philosophien wie die des logos, auf römische Mysterienkulte, auf die Gnosis und ihre Ableger (Manichäismus, Katharer usw.) und auf die islamische Philosophie, den schiitischen Islam und besonders einige schiitische Sekten, zum Beispiel die Qarmaten.
Der Zurvanismus war im spätantiken Sāsānidenreich recht einflussreich. Schon in vorsāsānidischer Zeit (vor 224 CE ) dürfte sich der Zurvanismus in eine ästhetische Richtung (Dualität zwischen männlichen und weiblichen Prinzipien), eine fatalistische Richtung (absolute Betonung der Prädestination im Hinblick (auf das Schicksal) und in eine materialistische Richtung (Verneinung alles Göttlichen außerhalb von Zeit und Raum bis hin zum Atheismus) gespalten haben. Der Zurvanismus neigte also zur nichtreligiösen mystischen Philosophie, die in der islamischen Philosophie fortlebte. Nach Untergang des Sāsānidenreiches wurde der Zurvanismus bis zum 10. (max. 13.) Jhd. CE verdrängt. Die verbleibenden Zoroastrier kehrten zum Mazdaismus zurück, der in den Gathas, die auf Zarathustra selbst zurückgehen, in den Grundlagen beschrieben wurde. Er blieb die einzige überlebende Form des Zoroastrismus. Warum der Zurvanismus verschwand, war Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.
Die Zoroastrier glaubten, Anhänger anderer Religionen, darunter Juden und Christen, “verschmutzten die Welt”, und so lag es an ihnen, gegen “Ungläubige” zu kämpfen. Diese Idee ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der jüdischen Geschichte in Persien, da sie tief in der persischen Kultur verwurzelt war und verheerende Folgen für die Juden hatte, die bis heute andauern.
Die Verfolgungen gegen “Ungläubige” erreichten Mitte des 5. Jahrhunderts CE beispiellose Ausmaße und Gewalt. Im Jahr 451 CE wurde es Juden beispielsweise verboten, den Schabbat zu begehen, und ihre religiösen Führer wurden hingerichtet. Im Jahr 469 CE wurde mehr als die Hälfte der Gemeinde Isfahans massakriert und zoroastrische Priester verschleppten gewaltsam jüdische Kinder für ihren Tempeldienst.
Gleichzeitig erwies sich ihr Status als Nichtmuslime auch als wirtschaftliche Gelegenheit. Da islamisches Recht bestimmte Wirtschaftsaktivitäten wie Geldleihe sowie den Umgang mit Gold und Silber untersagte, übernahmen jüdische Bankiers und Goldschmiede diese Berufe und schlossen damit entscheidende Lücken in der Wirtschaft.
Literatur: Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale. Padua: Università degli Studi di Padova: 2024/2025; Frankopan, Peter. The Silk Roads: A New History of the World. London: Bloomsbury Publishing, 2015; Amanat, Mehrdad. Jewish identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha'i Faith. London: I.B. Tauris, 2011; Littman David G., Jews under Muslim Rule. The Case of Persia. Reprint from The Wiener Library Bulletin, Vol. XXXII. New Series Nos. 49/50. London: Institute of Contemporary History, 1979, S.2-15; "Jews of Iran from Antiquity to the 19th Century", auf morasha.com.br, abgerufen am 17.05.202; Daryaee, Touraj. "The Sasanians and the Late Antique World". In: MIZAN Volume 9 (2025) Issue 1, auf mizanproject.org, abgerufen am 17.05.2026; Wiesehöfer, Josef. "ARDAŠĪR I i. History." Encyclopaedia Iranica, auf www.iranicaonline.org, abgerufen am 17.05.2026; Asmussen, Jes P. "ĀZ." auf Encyclopaedia Iranica (Dezember 15, 1987), abgerufen am 31.05.2026; Mary Boyce, Mary. "Some reflections on Zurvanism". Bulletin of the School of Oriental and African Studies 19:2 (1957), S. 304–316; Duchesne-Guillemin, Jacques. "Notes on Zurvanism". Journal of Near Eastern Studies 15: 2 (1956), S. 108–112; Frye; Richard. "Zurvanism Again". Harvard Theological Review 52: 2 (1959), S. 63–73; Eilers, Wilhelm. "BAḴT i. The term." auf Encyclopaedia Iranica, abgerufen am 31.05.2026; Shaked, Shaul. "BAḴT ii. The concept." auf Encyclopaedia Iranica, abgerufen am 31.0.2026.
Das Islamische Kalifat
Im Jahr 642 CE besiegten arabische Invasoren die Sāsāniden, wodurch Persien zur Provinz ihres Reiches wurde. Der Islam wurde zur Staatsreligion erhoben, und die Scharia, das islamische Rechtssystem, begann, das Leben der gesamten Bevölkerung zu regeln. Die Scharia (arab. شريعة Schariʿa, Šarīʿa, im Sinne von „Weg zur Tränke, Weg zur Wasserquelle, deutlicher, gebahnter Weg“; auch: „[religiöses] Gesetz“, „Ritus“; (persisch شريعت, Šarī‘at), das islamische Recht, beschreibt (insbesondere im islamischen Rechtskreis) „die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam“. Ein einziger Gott (Allah) gilt in diesem Rechtssystem als der oberste Gesetzgeber (شارع Schāri‘, šāriʿ, auch „Beginner“). Sein Gesetz sei Grundlage der göttlichen Offenbarung im Koran. Bei der Scharia handele es sich allerdings nicht um ein kodifiziertes, unveränderliches Rechtssystem, sondern um „ein Regelwerk, welches sich stets im Wandel befindet“. Scharia lasse sich deshalb nur verstehen, wenn man die „Rechtsquellen- und Rechtsfindungslehre“ ("uṣūl al-fiqh") statt „inhaltliche[r] Einzelregelungen“ betrachtet.
Ähnlich wie in anderen Regionen des Dar al-Islam (arab. für “islamisches Territorium”) durften Juden und Christen unter bestimmten Bedingungen in islamischen Gebieten leben. Diese Gruppen wurden als Dhimmis klassifiziert, was sie zu Bürgern zweiter Klasse machte, die die Überlegenheit des Islam und des islamischen Staates anerkennen mussten. Ihre Verpflichtungen beinhalteten die Zahlung spezifischer Steuern, so etwa die Kopfsteuer (arab. Dschizya) als Sondersteuer für nicht-muslimische Untertanen in islamischen herrschaftsgebieten. Im Gegenzug erhielten sie den Schutz von Leben und Eigentum sowie das Recht, ihren Glauben auszuüben.
Die Etablierung der islamischen Herrschaft in Persien, dem heutigen Iran, stellte einen tiefgreifenden Prozess dar, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte und im 7. Jahrhundert CE begann. Dieser Prozess markierte den Übergang vom zoroastrischen Sāsānidenreich zu einem integralen Bestandteil des islamischen Kalifats. Die muslimische Eroberung Persiens fiel in die Zeit des Rashidun-Kalifats (arab. الخلافة الرّاشدة, romanisiert: al-Khilāfat ar-Rāshidah), das frühislamische Staatswesen, das von den ersten vier aufeinanderfolgenden Kalifen (wörtl. „Nachfolger“) geführt wurde:
- Abū Bakr ibn Abī Quhāfa as-Siddīq (arab. أبو بكر بن أبي قحافة الصديق, Abū Bakr b. Abī Quḥāfa aṣ-Ṣiddīq (571- 634 CE), einer der ersten Anhänger des Propheten Mohammed und als Vater von Aischa bint Abi Bakr sein Schwiegervater. Nach Mohammeds Tod im Juni 632 herrschte er als dessen „Nachfolger“ bzw. „Stellvertreter“ (Kalif) bis zu seinem Tod über die Gemeinschaft der Muslime;
- Abū Hafs ʿUmar ibn al-Chattāb (arab. أبو حفص عمر بن الخطاب, Abū Hafṣ ʿUmar bin al-Ḫaṭṭāb (zwischen 582 und 592 CE-644 CE ), oft kurz Omar und mit dem Beinamen al-Fārūq („der die Wahrheit von der Lüge unterscheidet“), der zweite islamische Kalif (634–644 CE). Während seines Kalifats fand die arabisch-islamische Eroberung weiter Gebiete des Vorderen Orients (Syrien, Palästina, Irak, Ägypten, Westiran) statt. Außerdem leistete er wichtige Beiträge zur Festigung der Strukturen des von Mohammed begründeten Staatswesens und führte verschiedene Regeln im religiösen und rechtlichen Bereich ein, die später Bestandteil des sunnitischen Normensystems wurden. Sunniten betrachten ʿUmar als einen der vier „rechtgeleiteten“ Kalifen. Die imamitischen Schiiten erkennen ihn dagegen nicht als Kalifen an;
- ʿUthmān ibn ʿAffān (arab. عثمان بن عفان, ʿUṯmān ibn ʿAffān ( 574-656 CE), auch Osman oder Usman geschrieben, war nach Abu Bakr und ʿUmar ibn al-Chattāb der dritte Kalif der Muslime (644–656 CE) und gilt bei den Sunniten als der dritte rechtgeleitete Kalif. Für Schiiten war seine Herrschaft unrechtmäßig;
- Abū l-Hasan ʿAlī ibn Abī Tālib (arab. أبو الحسن علي بن أبي طالب, Abū l-Ḥasan ʿAlī b. Abī Ṭālib (600-661 CE), häufig kurz Ali genannt, war der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed und ist eine zentrale Figur des Islam. Er war der erste männliche Anhänger Mohammeds und heiratete dessen Tochter Fatima. Nach dem Tode des Propheten im Jahr 632 CE war er von 656 bis 661 CE Kalif. Über die Frage, ob er berechtigt gewesen wäre, unmittelbar nach dem Tode Mohammeds dessen Nachfolge anzutreten, entzweiten sich die Muslime: Für die Schiiten, deren Name sich von schīʿat ʿAlī (شيعة علي / šīʿat ʿAlī / ‚Partei ʿAlīs‘) ableitet, war ʿAlī der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds, die Sunniten dagegen meinen, dass Mohammeds Schwiegervater Abū Bakr ibn Abī Quhāfa as-Siddīq, der auch tatsächlich die Nachfolge antrat, größeren Anspruch darauf hatte. Den Sunniten gilt ʿAlī als vierter und letzter Rechtgeleiteter Kalif, den Schiiten und den Aleviten, deren Name sich ebenfalls von ʿAlī ableitet, als erster der Zwölf Imame.
Die benannten Nachfolger des Propheten Mohammed sind gemeinsam als die Raschidun-Kalifen oder „Rechtgeleiteten Kalifen“ bekannt. Diese frühen Kalifen leiteten die muslimische Gemeinschaft vom Tod des islamischen Propheten Mohammed im Jahr 632 CE bis zur Gründung des nachfolgenden Umayyaden-Kalifats im Jahr 661 CE.
Nach entscheidenden Schlachten, besonders der Schlacht von Nehawand (eine Stadt in der iranischen Provinz Hamadan, südlich von Hamadan gelegen) im Jahr 642 CE, brach der Widerstand des Sāsānidenreiches zusammen. Die Konversion der Bevölkerung zum Islam vollzog sich nicht abrupt, sondern war ein langsamer Prozess, der sich vom 8. bis zum 10. Jahrhundert CE erstreckte. Mitte des 9. Jahrhunderts CE waren schätzungsweise etwa 40 % der Bevölkerung Muslime, während dieser Anteil bis Ende des 11. Jahrhunderts CE auf nahezu 90 % anstieg.
Mit dem Aufstieg der Abbasiden ab 750 CE und der Gründung von Bagdad erlangten persische Gelehrte eine zentrale Rolle in der islamischen Wissenschaft, Philosophie und Literatur. Allerdings wurde mit der Etablierung der islamischen Herrschaft auch deutlich, dass die Anpassung an die neuen Verhältnisse mit einer Einschränkung der sozialen und kulturellen Teilhabe von Nicht-Muslimen einherging.
Juden, Christen und Zoroastrier erhielten den Status der „Dhimmi“, was sie rechtlich unter die muslimischen Untertanen des islamischen Reiches stellte. Der Begriff „Dhimmi“ (arab. "Schutzbefohlener") bezieht sich historisch auf nichtmuslimische Angehörige der „Buchreligionen“, die in einem muslimisch beherrschten Staat lebten. Im Gegenzug zur Zahlung einer Sonder- bzw. Kopfsteuer (arab. Dschizya) und der Anerkennung einer untergeordneten Rolle erhielten sie Schutz sowie das Recht, ihren Glauben auszuüben. Ihr Status als Nicht-Muslime führte häufig zu einer Degradierung zu "Bürgern zweiter Klasse", ergänzt durch spezifische soziale und rechtliche Benachteiligungen, wie den Ausschluss vom Militärdienst und in vielen Fällen der Verpflichtung, bestimmte Kleidungsstücke zu tragen, die sie als Juden kennzeichneten.
Die iranische Bevölkerung konvertierte schrittweise zum Islam, behielt jedoch die persische Sprache bei. Bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts CE hatte sich die Mehrheit der Bevölkerung dem sunnitischen Islam zugewandt, während die Schiiten eine zahlenmäßig unterlegene Minderheit darstellten. Schiiten und Sunniten sind zwei unterschiedliche Glaubensrichtungen innerhalb des Islam mit widersprüchlichen religiösen Interpretationen und Abfolgen. Die Teilung geht auf den Beginn des Islam und die Nachfolge nach dem Tod des Propheten Mohammed zurück.
In den ersten 600 Jahren islamischer Herrschaft wuchs die jüdische Bevölkerung Persiens in einem bisher unerreichten Maß; Hamadan und Isfahan wurden zu wichtigen Zentren dieser Gemeinschaft. Juden spielten eine bedeutende Rolle im Handel und ab dem 10. Jahrhundert CE auch im Finanzsektor. Mit dem Anstieg des internationalen Handels entwickelte sich in Ahwaz, Isfahan und Shiraz eine blühende Kaufmannsschicht. Dank der Berichte zweier Reisender, Benjamin von Tudela und Pethahiah von Regensburg, stehen uns Informationen über die jüdischen Gemeinden in Persien im 12. Jahrhundert zur Verfügung. Benjamin von Tudela (eigentlich Benjamín bar Jonás de Tudela; von etwa in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts in Tudela im Königreich Navarra bis ca. 1173 CE in Kastilien) war der bedeutendste jüdische Reisende des Mittelalters. Er reiste zwischen 1160 und 1173 über die Königreiche Navarra und Aragonien, Südfrankreich (Languedoc und Provence), Italien, Griechenland und das heilige Land bis nach Mesopotamien an die Grenzen Persiens und weiter nach Ägypten und okumentierte die Existenz von 30 Juden in Hamadan, 15 in Isfahan, 10 in Shiraz und 7 in Susa. Petachja aus Regensburg (12. Jahrhundert; Petachia von Regensburg, Petachja ben Jacob aus Regensburg) war ein jüdischer Reisender des Mittelalters. Vor 1187 CE unternahm er ausgehend von Regensburg über Prag, Polen, Kiew, die Krim (von deren Karäern er wertvolle Nachrichten überliefert), weiter über Armenien, Mossul und Bagdad eine Reise in das persische Susa. Der Rückweg führte ihn über Palästina und Griechenland.Ihn interessierten dabei vor allem das jüdische Leben und die jüdischen Heiligengräber.
Gleichzeitig eröffnete ihr Status als Nicht-Muslime den Juden auch wirtschaftliche Chancen. Da islamisches Recht bestimmte Tätigkeiten wie die Geldleihe sowie den Handel mit Gold und Silber verbot, übernahmen jüdische Bankiers und Goldschmiede diese Berufe und füllten wesentliche wirtschaftliche Lücken. Neben dem Handel waren viele persische Juden in verschiedenen Handwerken tätig. Sie stellten hochqualifizierte Gold- und Silberweber sowie Seidenweber und spielten eine entscheidende Rolle in der Textil- und Teppichindustrie. Einige Kaufleute konnten ihren unverzichtbaren Status selbst in späteren Perioden bewahren, trotz des Rückgangs des sozialen Status der Juden in der persischen Gesellschaft unter islamischer Herrschaft (Amanat, 2010).
Als talentierte Musiker und Unterhaltungsartisten trugen Juden erheblich zur Bewahrung und Weiterentwicklung der darstellenden Künste in Persien, insbesondere der Musik und des Theaters, bei. Ihre Bedeutung wurde besonders während der Zeiten des zunehmenden sozialen Drucks durch die muslimische Geistlichkeit deutlich, die es der immer stärker muslimisch geprägten Gesellschaft untersagte, an musikalischen Aufführungen teilzunehmen.
Auch die Beiträge der jüdischen Gemeinschaft zur Entstehung und Erhaltung der persischen Sprache sowie Literatur sind von erheblicher Relevanz, insbesondere durch das Medium des Judaeo-Persischen, einer mit dem hebräischen Alphabet geschriebenen Form des Persischen. Die literarischen Werke jüdischer Dichter, Mystiker und Literaten, die oft ihre gemeinschaftlichen Erfahrungen reflektierten, repräsentieren exemplarisch die Diversität des persischen Kulturraums. Darüber hinaus spielte das Judaeo-Persische in den zwei Jahrhunderten nach der arabischen Invasion eine bedeutende Rolle bei der Erhaltung und Weiterentwicklung der mittelpersischen Volkssprache, was entscheidend für den Übergang vom Mittelpersischen zum Neupersischen war.
In Bezug auf Wissenschaft und Gelehrsamkeit während der islamischen Epoche gewährten die Hebräischkenntnisse den Juden eine privilegierte Stellung, die ihnen den Zugang zu esoterischem Wissen in Bereichen wie den Heiligen Schriften, der Medizin und der Astrologie ermöglichte. Besonders hervorzuheben sind jüdische Ärzte, die häufig am Königshof tätig waren und deren Beiträge zur Entwicklung der galenischen sowie der indo-persischen Medizin bemerkenswert sind. Ferner nahmen jüdische Gelehrte eine zentrale Rolle in dem intellektuellen Austausch ein, der die westliche Wissenschaft und Philosophie nachhaltig beeinflusste. Im 12. und 13. Jahrhundert CE leisteten jüdische Übersetzer einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung und Verbreitung des persisch-islamischen Wissens, indem sie wichtige Werke aus dem Arabischen und Persischen ins Hebräische und Lateinische übersetzten. Diese Übersetzungen waren ausschlaggebend für die Übermittlung wissenschaftlicher und philosophischer Ideen aus der islamischen Welt nach Europa (Amanat, 2011, S. 23).
Das abbasidische Kalifat fiel 1258 CE an den mongolischen Herrscher Hülegü Chan, auch Hülägü (mongolisch ᠬᠦᠯᠡᠭᠦ Chülegü, pers. هولاکو خان; um 1217-1265 CE), den Enkel Dschingis Khans. Nach Aufteilung des Mongolischen Großreichs war er von 1256 bis zu seinem Tod der erste Herrscher des Ilkhanats mit Residenz im persischen Maragha. Mit Abschaffung der Unterscheidung zwischen Muslimen und Anhängern anderer Glaubensrichtungen durch die neuen Eroberer verbesserte sich die Lage der Juden, die begannen, Regierungspositionen zu bekleiden.
Literatur: Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale. Padua: Università degli Studi di Padova:2024/2025; Amanat, Mehrdad (2011). Jewish identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and theBaha'i Faith. London: I.B. Tauris; "Jews of Iran from Antiquity to the 19th Century", auf morasha.com.br, abgerufen am 17.05.2026; Schirrmacher, Christine, "Das Islamische Recht – die Scharia", auf www.igfm.de, abgerufen am 31.05.2026.
Der Aufstieg der Saffariden
Die Saffariden (pers. صَفّاریان, Ṣaffāriyān) waren eine persischstämmige muslimische Dynastie, die von 861 CE bis zu ihrer Beseitigung durch die Ghaznawiden 1003 CE die iranische Region Sistan mit der Hauptstadt Zarandsch (und zum Teil auch das Gebiet der heutigen Provinz Fars) beherrschte und (wie vor ihr die Tahiriden und nach ihr die Samaniden) vorübergehend zur dominierenden Macht des islamischen Ostens aufstieg, indem sie ganz Chorasan eroberte und bis in den Irak und nach Indien vorstieß; begleitet von mehreren kleineren Dynastien, darunter die Samaniden (819 bzw. 874 bis 1005 CE) und die Ghaznaviden (977 bis 1186 CE). Bedingt durch eine zwischenzeitliche Machtübernahme der Samaniden zu Beginn des 10. Jahrhunderts CE teilt sich die Dynastie in die beiden Linien der Laithiden (Laiṯiden) und Chalafiden (Ḫalafiden). Die Herrscher, welche Sistan ab 1030 regierten, werden manchmal ebenfalls als (Nachkommen der) Saffariden bezeichnet, doch gibt es keine nachweisbare Verbindung zwischen diesen sog. Herrschern von Nimruz und den „echten“ Saffariden.
Die Saffariden (861–1003 CE) waren eine persische Dynastie, die unter der Führung von Ya'qub ibn al-Laith as-Saffar (840–879 CE), einem ehemaligen Kupferschmied, der sich vom lokalen Heerführer zu einer einflussreichen militärischen Führungspersönlichkeit entwickelte, gegründet wurde. Ihre Hauptstadt war Zarandsch, eine Stadt, die sich im heutigen Südwesten Afghanistans befindet. Unter seiner militärischen Leitung eroberten die Saffariden weite Teile des östlichen Groß-Iran, zu dem das heutige Iran, Afghanistan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan sowie angrenzende Regionen des westlichen Pakistan und ein kleiner Teil des Irak gehörten.
Sie nutzten die Schwäche des Abbasidenkalifats, um bedeutende Gebiete in Khorasan und Persien zu erobern und Zarandsch zu ihrer Residenz zu machen. Die Expansion begann 861 CE, als die Saffariden Sistan, Fars und große Teile Chorasans in ihren Besitz brachten. Ihr Einfluss erstreckte sich zeitweise bis in den Irak und Indien. Sie etablierten sich als adversarische Macht gegenüber dem arabischen Kalifat und nutzten die Schwäche der Tahiriden, einer persischen Dynastie in Khorasan und Transoxanien, die von 821 bis 873 CE regierte und ihren Ursprung in Tāhir ibn al-Husain, einem General des abbasidischen Kalifen al-Ma'mun, hatte, zu ihrem Vorteil. Der Niedergang der Saffariden setzte nach dem Tod Ya'qub ibn al-Laith as-Saffars und einer entscheidenden Niederlage gegen die Samaniden im Jahr 900 CE ein. In der Folge verlor die Dynastie zunehmend an Einfluss und wurde schließlich im Jahr 1003 CE von den Ghaznaviden verdrängt.
Die Samaniden waren eine muslimische Dynastie persischstämmiger Abstammung, die von einer zoroastrischen Familie abstammte und erheblichen politischen sowie kulturellen Einfluss ausübte. Von ihrer Hauptstadt Buchara (im heutigen Usbekistan) aus regierten ihre Emire von 819 bzw. 874 CE bis 1005 CE über weitreichende Gebiete in Transoxanien und Khorasan, unterstanden jedoch dem Kalifat der Abbasiden in Bagdad.
Die Ghaznaviden waren eine türkischstämmige muslimische Dynastie, die von ehemaligen Militärsklaven der Samaniden gegründet wurde. Sie herrschten von 977 bis 1186 CE in den östlichen iranischen Gebieten, wobei sich ihr Einflussbereich zeitweise im Westen bis nach Dschibal und im Osten bis zum Oxus sowie nach Nordwestindien erstreckte. Die Stadt Ghazna in Khorasan, das heutige Ghazni in Afghanistan, war lange Zeit das Zentrum ihres Reiches.
Die historischen Errungenschaften der Saffariden sind von erheblicher Bedeutung, da sie zeitweise zur dominierenden Macht im islamischen Osten aufstiegen, indem sie ganz Chorasan eroberten und bis in den Irak und Indien vordrangen. Sie stellten eine der ersten selbstständigen iranischen Dynastien nach der islamischen Eroberung dar.
Die Geschichte der Juden unter den Saffariden (ca. 861–1003 CE ) im östlichen persischen Raum (vor allem in Sistan und Fars) ist historisch nur sehr bruchstückhaft überliefert. Die jüdischen Gemeinden in diesem Gebiet profitierten von der relativen Autonomie und der allgemeinen wirtschaftlichen Blüte dieser Epoche. Nach dem Untergang des Sassanidenreiches und der arabisch-islamischen Eroberung Persiens wurden die dortigen Juden als Dhimmi (Schutzbefohlene) rechtlich anerkannt. Die jüdischen Gemeinden in Persien wurden vom Exilarchen (dem sogenannten Resch Galuta) in Mesopotamien verwaltet, der die Gemeinden im gesamten Einflussbereich der muslimischen Dynastien vertrat.Das Amt entstand nach dem babylonischen Exil und wurde von den jeweiligen Herrschern (z.B. Parther, Sassaniden, islamische Kalifen) offiziell anerkannt und eingesetzt. Der Resch Galuta vertrat die Juden vor dem Königshof. Er erhob Steuern, lenkte die Wirtschaft und fungierte als oberster Strafrichter. Er arbeitete eng mit den Gelehrten der großen babylonischen Akademien (den sogenannten Geonim) zusammen und war maßgeblich an der Entstehung des babylonischen Talmud beteiligt.
Es bildete sich eine einzigartige jüdische Kultur heraus. Historiker bezeichnen diese und spätere Epochen oft allgemein als die der Mizrachim (orientalische Juden), deren Traditionen stark von der babylonisch-talmudischen Gelehrsamkeit geprägt waren.
Nach einer langen Blütezeit endete das Amt des Resch Galuta im Jahr 1401 CE unter der Herrschaft von Temür ibn Taraghai Barlas (von mitteltürkisch temür ‚Eisen‘; 1336 - 1405), auch bekannt als Amir Temur, einEM zentralasiatischeN Militärführer eines in Samarkand ansässigen turko-mongolischen Stammesverbandes und Eroberer am Ende des 14. Jahrhunderts CE. In der westlichen Geschichtsschreibung ist er besser bekannt als Timur (pers. تیمور Tīmūr bzw. Taymūr), auch Timur Lenk oder Timur Leng (pers. تيمور لنگ, DMG Teymūr-i Lang, auch Tīmūr-i Lang, „Timur der Lahme“).
Die Invasion der Seldschuken und die Eroberung Isfahans (1051 CE)
Die Ära der Saffariden fand ihr Ende mit der Invasion der Seldschuken, einer von 1040 bis 1194 CE herrschende Fürstendynastie oghusischen Ursprungs, die aus Zentralasien vorrückten und im Jahr 1051 Isfahan einnahmen. Nach ihrer Annahme des Sunnitentums intensivierten die Seldschuken ihre militärischen Auseinandersetzungen mit dem Byzantinischen und dem Armenischen Reich, was zu einer verstärkten Verfolgung von Christen führte. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckte sich von den Grenzen Chinas bis zu den Küsten des Mittelmeers und war geprägt von rigorosen Einschränkungen für religiöse Minderheiten, insbesondere für Juden und Christen.
Der bestehende Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten verstärkte die Intoleranz in diesem Zeitraum erheblich. In dieser Zeit wurde ein neues Feudalsystem etabliert, das landwirtschaftliche Pachtverträge ausschließlich an wohlhabende Sunniten vergab, während religiöse Minderheiten von landwirtschaftlichen Tätigkeiten ausgeschlossen wurden.
Gleichzeitig kam es zur wiederbelebung des Umar-Paktes, auch als "Shurut" bekannt. Das arabische Wort "Shurut" (arabisch: شروط) ist der Plural von "Shart" und bedeutet im islamischen Kontext "Bedingungen" oder "Voraussetzungen". Es beschreibt die essenziellen Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit eine Handlung, ein Vertrag oder ein Glaubensbekenntnis gültig ist.
Diese Sammlung von Vorschriften des Pakt des Umar ist ein historisch bedeutsamer Vertrag aus dem 7. Jahrhundert. Er regelt die Rechte, Pflichten und Beschränkungen von Nicht-Muslimen (Dhimmi) unter islamischer Herrschaft im Gegenzug für deren Schutz und die Gewährleistung freier Religionsausübung.
Der Pakt des Umar (auch bekannt als Bund des Umar, Vertrag des Umar oder Gesetze des Umar; arab. شروط عمر, عهد عمر oder عقد عمر) ist ein Vertrag zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, die im Jahr 63 CE während der Eroberung der Levante (Syrien und Libanon) durch Umar unterworfen wurden und der später in der islamischen Rechtswissenschaft kanonischen Status erlangte. Er legt Rechte und Beschränkungen für "Dhimmi" ( „Schutzbefohlene“) fest; hierbei handelt es sich um eine vom Islam anerkannte geschützte Bevölkerungsgruppe nicht-muslimischer Völker, zu der Juden, Christen, Zoroastrier sowie verschiedene andere anerkannte Glaubensgemeinschaften zählen, die unter islamischer Herrschaft leben. Es existieren mehrere Versionen des Paktes, die sich sowohl in ihrer Struktur als auch in ihren Bestimmungen unterscheiden. Während der Pakt traditionell dem zweiten der rechtgeleiteten Kalifen (Raschidun-Kalifen), Umar ibn al-Chattab, zugeschrieben wird, haben andere Juristen und Orientalisten diese Zuschreibung infrage gestellt;[stattdessen wird der Vertrag bisweilen "Mudschtahids" (islamischen Gelehrten) des 9. Jahrhunderts CE oder dem Umayyaden-Kalifen Umar II. zugeschrieben. Im Allgemeinen enthält der Pakt eine Liste von Beschränkungen für Nicht-Muslime ("Dhimmi").
Vor der vollständigen Unterwerfung Persiens durch die Seldschuken wurden erneut Regelungen für Nicht-Muslime erlassen. Dies umfassten unter anderem die Verpflichtung für Juden und Christen, Kleidung zu tragen, die ihre religiöse Zugehörigkeit deutlich kennzeichnete. Im Jahr 1091 CE führte man sogar eine Regelung ein, die jüdischen Frauen anordnete, an jedem Fuß Schuhe in unterschiedlichen Farben zu tragen. Einige Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft entschieden sich letztlich zur Konversion zum Islam, um solch erniedrigenden Maßnahmen zu entkommen (Levy, S. 225).
Literatur: Levy, Habib. Comprehensive History of The Jews of Iran: The Outset of the Diaspora. Costa Mesa, CA: Mazda Publishers, 1999; Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale. Padua: Università degli Studi di Padova:2024/2025;"Islam and the Jews: The Pact of Umar, 9th Century CE", auf www.bu.edu, abgerufen am 31.05.2026.
Die mongolische Invasion Persiens unter Dschingis Khan
Die mongolische Invasion Persiens, die im Jahr 1219 CE unter dem Kommando von Dschingis Khan begann, stellt ein einschneidendes und verheerendes Ereignis in der Geschichte Persiens dar. Ausgelöst durch die Exekution einer mongolischen Handelsdelegation auf Anordnung des Khorezm-Schahs Ala ad-Din Muhammad II. (1169-1220 CE) aus der Dynastie der Anuschteginiden, der ab 1200 die Herrschaft über Choresmien und weite Teile Zentralasiens innehatte, folgte eine umfassende Vergeltungskampagne.
Zu Beginn der mongolischen Herrschaft wurden alle Religionen zunächst gleichwertig anerkannt, und der Dhimmi-Status wurde aufgehoben. In der frühen Ilchaniden-Ära erlangten einige jüdische Individuen bedeutende Verwaltungs- und Regierungspositionen.
Arghun Khan (ca. 1258-1291 CE) der vierte Herrscher der mongolischen Ilchane von 1284 bis 1291, bevorzugte sogar Christen und Juden bei der Besetzung von Verwaltungsämtern in seinem gesamten Reich und ernannte seinen Freund und Leibarzt, den Juden Sa'd al-Dawla al-Safi ibn Hibatullah (gestorben am 5. März 1291 CE), einen einflussreichen jüdischen Arzt, zum Großwesir. Obwohl Letzterer selbst unter den Feinden für seine Weisheit und Gerechtigkeit berühmt war, wurde er in muslimischen Kreisen, insbesondere von den islamischen Geistlichen dennoch verachtet. Arghun Khan, Sohn des Abaqa Chan (1234-1282 CE ), des zweiten mongolischen Ilchans, war als Buddhist bekannt, und strebte zudem eine prochristliche Agenda an. Er war berühmt für seine diplomatischen Bemühungen, um eine franko-mongolische Allianz gegen die Muslime im Heiligen Land zu bilden.
Saʿd al-Dawla ibn Ṣafī ibn Hibatullāh ibn Muhassib al-Dawla al-Abharī (arab. سعد الدولة بن هبة الله بن محاسب ابهري) (c. 1240 –1291 CE), ein bedeutender Jüdischer Arzt und Universalgelehrter diente im 13. Jahrhundert CE als bedeutender Staatsmann unter Arghun Khan. Ursprünglich als Arzt tätig, erlangte er aufgrund seiner Fähigkeiten in der Finanzverwaltung und seines Erfolgs als Schatzmeister im mongolischen Verwaltungsapparat, insbesondere in Bagdad, besondere Aufmerksamkeit. Im Juni 1289 wurde er zum Großwesir ernannt, was zur Zentralisierung der Finanzen des Ilchanats und zu einem signifikanten Anstieg der Steuereinnahmen führte. Während seiner Amtszeit ernannte Sa'd al-Dawlah zahlreiche jüdische Beamte in einflussreiche Regierungspositionen, was den Juden ermöglichte, einen gewissen Einfluss auf die Staatsgeschäfte auszuüben. Er setzte Vertraute und Angehörige in Schlüsselpositionen ein und nutzte seine Macht, um die Einflussnahme mongolischer Militärführer zu reduzieren. Ein moderner Historiker der Mongolen beschrieb ihn als „den größten Wesir der Ilchan-Dynastie und einen der bedeutendsten Männer, die der Orient hervorgebracht hat“. (Fischel 1968, S. 122)
Diese Phase des Aufschwungs führte jedoch zu Unmut innerhalb der muslimischen Bevölkerung. Seine Ernennung wurde von vielen als Degradierung wahrgenommen, und seine strenge Verwaltungspolitik machte ihn unter mongolischen Beamten und der muslimischen Mehrheit unbeliebt. Als Arghun Khan schwer erkrankte, wurden Sa'd al-Dawlas Feinde aktiv und beschuldigten ihn, den Khan vergiftet zu haben. Am 5. März 1291 wurde Sa'd al-Dawla hinrichtet, was zu antijüdischen Unruhen in Großstädten wie Täbris und Bagdad führte, die weitreichende Tötungen und Zwangskonversionen nach sich zogen. Nach dem Tod Arghun Khans und der Ermordung seines jüdischen Wesirs (1291 BC) wurden die Juden des Mongolenreichs – laut dem persischen Historiker Wassaf (eigentlich Abdullah ibn Fadlullah, ca. 1264–1329 CE), einem bedeutenden Chronisten der Ilchane – „im gesamten Land des Islam unterdrückt und ihre Güter geplündert (...)“ (Fischel, 1968, S. 117).
Bar Hebraeus (1226-1286 CE), der zeitgenössische christliche Universalgelehrte, Arzt, Historiker und Maphrian des Ostens der Syrisch-Orthodoxen Kirche (1264–1286 CE) bemerkte dazu: : „Die Drangsal und der Zorn, die zu jener Zeit gegen die Juden entfacht wurden, kann weder eine Zunge aussprechen noch eine Feder niederschreiben.“ (Littman, 1979, S. 3 und Anm. 8; Fischel, 1968, p. 117.)
Das Leben von Sa'd al-Dawla ist ein Beispiel für den temporären Aufstieg der persischen Juden in höchste Verwaltungsämter während der mongolischen Ilchane-Dynastie (auch Ilchanid-Dynastie, ca. 1256–1335 CE), ein mongolisches Khanat, das im Südwesten des Mongolenreiches entstand. Gegründet von Hülegü Khan, einem Enkel Dschingis Khans, umfasste das Reich das heutige Iran, Irak, den Südkaukasus sowie Teile von Afghanistan und der Türkei.
Unter Ghazan Khan Mahmud (1271-1304 CE), dem siebten Herrscher der Ilchane, einer mongolischen Dynastie der Dschingisiden, die von 1256 bis 1335 CE über Persien und angrenzende Gebiete herrschten, verschlechterte sich die Situation jedoch zunehmend, nachdem dieser 1295 CE zum Islam konvertierte und eine strikte Anti-Minderheitenpolitik, einschließlich gegen Juden, einführte. Der historische Rechtsstatus der Dhimma (arab. für „Schutzvertrag“ oder „Obhut“) wurde wiederbelebt und noch strenger angewandt. Die Herrschaft seines Nachfolgers Öljaitü, auch bekannt als Mohammad-e Khodabandeh (1282-1316 CE), dem achten Herrscher der Ilchan-Dynastie (er regierte von 1304 bis 1316 CE von Täbris (Iran) aus), war gekennzeichnet durch die Zerstörung von Synagogen und den Rückgang des einst gewährten Schutzes für jüdische Gemeinschaften. Er war der älteste Sohn des Ilchan-Herrschers Arghun Khan, der Bruder und Nachfolger von Mahmud Ghazan (dem fünften Nachfolger Dschingis Khans) sowie der Urenkel des Gründers des Ilchanats, Hülegü Khan.
Religiöse Intoleranz weitete sich aus, was viele Juden zwang, zum Islam zu konvertieren, um gravierender Verfolgung zu entgehen. Laut Bar Hebraeus galt: „Kein Christ durfte gesehen werden, es sei denn, er trug einen Gürtel um seine Hüften, und kein Jude (...), es sei denn, er trug ein Kennzeichen auf dem Kopf.“ (Fischel 1968, S.121; Littman, 1979, S. 3). Die Erniedrigung der Juden während seiner Herrschaft findet ihren sinnbildlichen Ausdruck in der Beschlagnahmung des traditionellen Grabes des Propheten Ezechiel, über dem eine Moschee mit einem Minarett errichtet wurde.(Fischel 1968, S.121; Littman, 1979, S. 3)
Unter den Konvertiten befand sich auch Raschīd ad-Dīn (pers. رشيد الدين, Rašīd ad-Dīn; auch رشيد الدولة الهمذاني, Rašīd ad-Daula al-Hamaḏānī, 1247-1318 CE), der als persischer Wesir der Ilchane, Staatsmann und Historiker – bekannt wurde. Er wurde in einer jüdischen Familie in Hamadan geboren. Ursprünglich Arzt und Historiker, konvertierte er 1277 CE zum Islam, um dem Pogrom von 1291 CE zu entkommen und Zugang zum Hof der mongolischen Herrscher zu erlangen. Es wird vermutet, dass seine Konversion auch Ghazan Khan Mahmuds Übertritt zum Islam beeinflusste. Ghazan Khan Mahmud ernannte ihn zum Finanzberater und schließlich zum Wesir, wobei er ihm weitreichende Ländereien in Transkaukasien und Kleinasien übertrug. Unter seinem patronalen Einfluss entwickelte sich Täbris zu einem Zentrum der Wissenschaften. Seine Konversion schränkte nicht nur seine Karriere als Arzt, Historiker und Politiker am Hof Ghazan Khan Mahmuds Nachfolger, Öljaitü (reg. 1304–1316 CE in Tabriz, Iran) ein, sondern führte schließlich zu seiner Hinrichtung aufgrund unbegründeter Vergiftungsanschuldigungen gegen den König. Öljaitü auch bekannt als Mohammad-e Khodabandeh (1282–1316 CE), war der achte Herrscher dee Ilchan-Dynastie. Auch unter Ghazan Khan Mahmuds Bruder Öljeitü blieb Raschīd ad-Dīn zunächst Wesir. Als Öljeitü , der statt des sunnitischen den schiitischen Islam angenommen hatte, ermordet wurde, geriet Raschīd al-Dīn in mongolisch-schiitische Machtkämpfe am Hof, wurde 1316 CE unter Mordverdacht angeklagt und zwei Jahre später (1318 CE) im Alter von 70 Jahren – zusammen mit seinem Sohn – hingerichtet. Tagelang wurde sein Haupt durch die Stadt getragen, unter einem Banner, das ihn als „den ungläubigen Juden“ brandmarkte (Levy, S. 242), begleitet von den Rufen: „Dies ist das Haupt des Juden, der den Namen Gottes missbrauchte! Gottes Fluch sei auf ihm!“ (Boyle, 1971, S. 5). Ein Jahrhundert später wurde das Mausoleum, das er für sich selbst hatte errichten lassen, zerstört; und um eine weitere Schändung des muslimischen Friedhofs zu verhindern, wurden seine Gebeine auf den jüdischen Friedhof von Täbris überführt:
Auf die Exekution Raschīd ad-Dīns folgte eine Welle von Zwangskonversionen, die weitere prominente jüdische Gelehrte betrafen. Sein Schicksal verdeutlicht den markanten Unterschied in der Behandlung jüdischer Konvertiten zum Islam in Persien im Vergleich zu anderen muslimischen Regionen, wo der Assimilationsprozess im Allgemeinen reibungsloser verlief. In Persien hingegen wurden jüdische Konvertiten über Generationen hinweg häufig aufgrund ihrer jüdischen Herkunft stigmatisiert (Lewis, 1984, S. 101).
Literatur: Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History (Laurea Magistrale. Padua: Università degli Studi di Padova, 2024/2025; Lewis, Bernard. The Jews of Islam. Princeton, New Jersey: Princeton Univerity Press, 1984; Levy, Habib. Comprehensive History of The Jews of Iran: The Outset of the Diaspora. Costa Mesa, CA: Mazda Publishers, 1999; Littman, David. “Jews under Muslim Rule: The Case of Persia,” The Wiener Library Bulletin, Vol. XXXII, New Series, 49/50 (1979): 2–15 (3); Fischel, Walter J. Jews in the Economic and Political Life of Mediaeval Islam. London: Royal Aiatic Society, 1968, p. 117; Howarth. History of the Mongols, Vol. III, S. 589. In: Fischel, Walter J. Jews in the Economic and Political Life of Mediaeval Islam. London: Royal Society, 1968, op. cit. S. 122; Boyle, John Andrew. The Successors of Genghis Khan (translated from the Persian of Rashid al-Din), New York: Columbia University 1971, S. 5.
Der Aufstieg der Timuriden im Jahr 1383
Die relative Toleranz gegenüber dem jüdischen Volk als religiöser Minderheit in der frühen Mongolenzeit wurde nach dem Aufstieg der Timuriden im Jahr 1383 CE durch eine systematische Diskriminierung in Form einer nachrangigen rechtlichen Stellung abgelöst. Temür ibn Taraghai Barlas (1336-1405 CE ) - besser bekannt als Timur Lenk, der Gründer des Timuridenreichs in Zentralasien - gilt als einer der herausragendsten zentralasiatischen Militärführer und Eroberer des 14. Jahrhunderts. Er ist für seine brillanten, jedoch äußerst brutalen Feldzüge bekannt, die sich von Indien bis ins Mittelmeer erstreckten und Millionen von Menschenleben kosteten. Timur Lenk wurde um 1336 CE im heutigen Usbekistan geboren. Sein Name bedeutet im Persischen "Timur-e Lang" ("Timur der Lahme"), was auf seine lebenslangen Verletzungen an Arm und Bein zurückzuführen ist. Er entwickelte sich vom Anführer einer kleinen Bande zum mächtigen Emir. In Ermangelung direkter Abstammung von Dschingis Khan regierte er als vermeintlicher "Schwiegersohn" der Dschingisiden und setzte Marionetten-Khane ein. Seine Feldzüge waren geprägt von massiven Zerstörungen und Massakern. Er eroberte Persien, plünderte 1398 CE Delhi und besiegte 1402 CE das Osmanische Reich in der Schlacht von Ankara.
Trotz seiner grausamen Taktiken ist Timur Lenk auch als Förderer von Kunst und Wissenschaft in die Geschichtsschreibung eingegangen. Während seiner Feldzüge verschonte er Gelehrte und Handwerker und ließ seine Hauptstadt Samarkand prächtig ausbauen. Timur Lenk starb 1405 CE während der Vorbereitungen für einen Feldzug gegen das Ming-Reich (chinesische Ming-Dynastie), ein mächtiges chinesisches Kaiserreich, das von 1368 bis 1644 herrschte. Es folgte auf die mongolische Yuan-Dynastie und zeichnete sich durch wirtschaftliche Stärke, kulturelle Blüte (u.a. das berühmte blau-weiße Porzellan) und den Bau der Verbotenen Stadt (chinesisch 故宮 / 故宫, Pinyin Gùgōng – „alter Palast; ehemaliger Palast; ursprünglicher Palast“ bzw. 紫禁城, Zǐjìnchéng – „Purpurne Verbotene Stadt“), eine Palastanlage im Zentrum Pekings. Dort lebten und regierten bis zur Revolution 1911 die chinesischen Kaiser der Dynastien Ming und Qing. Der einfachen Bevölkerung war der Zutritt verwehrt – was den Namen "Verbotene Stadt" erklärt. Die Verbotene Stadt liegt am nördlichen Ende des Tian’anmen-Platzes. 1987 wurde sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Unter Timur Lenks Regierungszeit (1370–1405 CE) eroberten seine Streitkräfte weite Teile Zentralasiens und Indiens, darunter Gebiete des heutigen Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, Aserbaidschan, Georgien, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan sowie große Teile der Türkei und Syriens. Schätzungen zufolge führte sein Feldzug zur Tötung von etwa 17 Millionen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, was etwa fünf Prozent der damaligen Weltbevölkerung entsprach.
Michael Shterenshis, Dozent am Finnischen College in Jerusalem, vertritt in seinem Werk "Tamerlane and the Jews" (2002) die Ansicht, dass Timur Lenk die Juden nicht als "Ungläubige" betrachtete und verfolgte; als Schuzbefohlene ("Dhimmi") hatten sie keine politischen Ambitionen und suchten lediglich Schutz unter seiner Herrschaft. Timur Lenk erkannte offenbar den wirtschaftlichen Nutzen der jüdischen Bevölkerung als Steuerzahler und geschickte Handwerker. Jüdische Weber und Färber trugen erheblich zu seinen wirtschaftlichen Bestrebungen bei, die Region wiederaufzubauen und die einst blühende Seidenstraße zwischen Europa und Asien zu revitalisieren.
Da die Juden in Timur Lenks stabilem Reich unbehelligt leben konnten, gelangten sie unter seiner Herrschaft sogar zu Wohlstand. Mit der Gründung seines Reiches befreite Timur Lenk Zentralasien von den letzten mongolischen Herrschern und integrierte die Völker Transoxaniens in den Einflussbereich der persischen Zivilisation. Die zentralasiatischen Juden nahmen diesen Geist an und bewahrten ihn in ihrer Sprache und Kultur bis in die Neuzeit.
Alanna E. Cooper, eine auf das Judentum spezialisierte Kulturanthropologin, untersucht in ihrer ethnografischen und historischen Studie "Bukharan Jews and the Dynamics of Global Judaism“ (2012) die alte Mizrahi-Gemeinschaft Zentralasiens und dokumentiert, wie diese ihre lokalen Traditionen bewahrte, während sie sich gleichzeitig mit der breiteren jüdischen Diaspora vernetzte. Die Mizrahi-Gemeinschaft Zentralasiens umfasst historisch insbesondere die Bucharischen Juden, die eine eigenständige ethnisch-religiöse Gruppe des Judentums an der Seidenstraße bilden, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen.
„Buchara-Juden“ ist die gängige Bezeichnung für die Juden Zentralasiens, deren Muttersprache der jüdische Dialekt des Tadschikischen ist. Sie wurde erstmals von russischen Reisenden in Zentralasien im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert verwendet und anschließend – offenbar unabhängig davon – von britischen und indischen Reisenden des frühen 19. Jahrhunderts übernommen. Angehörige dieser Gruppe bezeichnen sich selbst als "[Y]Isroʾel" (gehobene Ausdrucksweise) oder "Yahūdī" (offizielle/neutrale Ausdrucksweise); letzterer Begriff wurde auf sie auch in der offiziellen persischen (tadschikischen) und tschagataischen ("Čaḡatāy", usbekischen) Terminologie vor der russischen Eroberung Zentralasiens angewandt. Trotz eines seit Mitte der 1920er Jahre bestehenden Verbots ist die pejorative Ableitung "ju[h]ud/jut" (von "johūd") weiterhin gebräuchlich und hat sich derart etabliert, dass selbst Juden sie verwenden. In der offiziellen und halb-offiziellen russischen ethnografischen Nomenklatur der späten 1920er und der 1930er Jahre wurde der Begriff "tuzemnye Evrei" („einheimische Juden“ [Zentralasiens]) verwendet. Im selben Zeitraum existierte im Usbekischen und Tadschikischen der Euphemismus "mayda-millat" („Angehöriger einer nationalen [ethnischen] Minderheit“) (Zand, 2000).
Die bucharischen Juden gehören zu den orientalischen Juden ( Mizrachim); ihre Wurzeln lassen sich weit zurückverfolgen. Die bucharische Juden kommen nicht nur aus der Stadt Buchara, sondern aus Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan. Ein Teil von ihnen führt ihre Herkunft auf die "verlorenen Stämme" zurück. So wird vermutet, dass nach dem babylonischen Exil im 6. Jahrhundert BC nicht alle Juden ins Land Israel zurückkehrten, sondern einige der jüdischen Gemeinschaft, die in der Region verblieben, nach dem Babylonischen Exil vor mehr als 2.500 Jahren weiter nach Persien zogen und sich in den benannten Regionen Zentralasien niederließen .
Bis heute sprechen die bucharischen Juden einen persisch-tadschikischen Dialekt, der mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Die Anwesenheit dieser eigenständigen ethnisch-religiöse Gruppe des Judentums in Zentralasien reicht Schätzungen zufolge mithin über 2.500 Jahre bis in die Zeit des Babylonischen Exils zurück.
Es ist bekannt, dass sich Juden im georgischen Raum – zweifellos unter achämenidischer Herrschaft (ca. 550–330 BC)– irgendwann nach 539 BC ansiedelten (Ben-Ōren und Moskovich, S. 99); dies geschah zu einer Zeit, als Babylon mit seiner großen jüdischen Bevölkerung in das Reich eingegliedert wurde. Das (ca. 550–330 v. Chr.) war das erste persische Großreich unter Herrschern wie Kyros dem Großen und Dareios I. und dehnte sich von Ägypten bis nach Indien aus. Es zeichnete sich durch eine effiziente Verwaltung (Satrapien) und kulturelle Toleranz aus, bevor es von Alexander dem Großen zerschlagen wurde.
Es liegt daher nahe anzunehmen, dass die Juden im selben Zeitraum auch jene Teile Zentralasiens erreichten, die ebenfalls zum Reich gehörten. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt wurde im Buch Ester (verfasst in der frühen Partherzeit, mindestens einige Jahrzehnte vor 78/77 BC. (siehe z. B. Bickerman, S. 202, 207; Eissfeldt, S. 691, 802) wird wiederholt festgestellt, dass Juden „in allen Provinzen“ (3,6.8; 8,5.12; 9,20) des Perserreichs ansässig waren. Parthien – das in etwa das Gebiet des südwestlichen Teils der Turkmenischen Sowjetrepublik sowie des nördlichen Teils der heutigen iranischen Provinz Chorasan umfasste und das Stammland der vom Parther Arsakes I. begründeten Arsakiden-Dynastie, die ab der Mitte des 3. Jahrhunderts BC bis 224 CE das Partherreich beherrschte – wäre dabei sicherlich eingeschlossen gewesen (Zand, 2000).
Die Apostelgeschichte (vermutlich um 85 CE verfasst) enthält eine offenbar zuverlässige Auflistung jüdischer Pilger, die sich zu Pfingsten des Jahres 33 CE in Jerusalem einfanden; die Aufzählung erfolgt nach der Reihenfolge ihrer Muttersprachen (2,9–11) und beginnt mit der Gruppe aus dem äußersten Osten: den „Parthern“. Die Meder und die Elamiter werden dabei klar von ihnen unterschieden, wenngleich beide Gruppen ebenfalls aus dem Arsakidenreich stammten. Das Partherreich (240 BC bis 224/226 CE) war die dominierende, von den Arsakiden beherrschte Macht des ersten vorchristlichen sowie des ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhunderts im Iranischen Hochland und Mesopotamien.
Es ist daher wahrscheinlich, dass es sich bei jenen Pilgern, die als "Parther“ bezeichnet wurden, um Personen handelte, die das Parthische als Muttersprache sprachen – was wiederum impliziert, dass sie bereits seit mehreren Generationen in einem parthischsprachigen Gebiet ansässig gewesen sein müssen.
Gamliel der Ältere, ein Präsident des Sanhedrin (der obersten jüdischen Religions- und Gesetzesinstanz mit Sitz in Jerusalem) aus dem frühen 1. Jahrhundert CE, soll einen Brief gerichtet haben „an unsere Brüder, die Söhne des Exils in Babylon, sowie an unsere Brüder, die in Medien [wohnen], und an den übrigen Teil des Exils Israels“ (Babylonischer Talmud, Traktat „Sanhedrin“, 11b). Da die Reihenfolge der erwähnten Exilierten von Jerusalem ostwärts verläuft, muss „der Rest des Exils“ jene Juden einschließen, die östlich von Medien siedelten – das heißt im östlichen Teil Groß-Irans.
Gamliel I., "der Ältere" (Rabbi Gamliel "ha-Zaken") war ein hoch angesehener jüdischer Tora-Gelehrter und prominentes Mitglied des Sanhedrin im 1. Jahrhundert CE. Er war der erste Gelehrte, der den Titel „Rabban“ trug, und spielte sowohl in der jüdischen Überlieferung als auch in der christlichen Apostelgeschichte eine bedeutende Rolle (Zand, 2000).
Jener Rabban (Rbn.) Gamliel I. (רבן גמליאל; erste Hälfte 1. Jh. CE), auch Rbn. Gamliel "ha-Zaken" ("der Ältere“), ist von seinem gleichnamigen Enkelkind Gamliel II. zu unterscheiden. Rabban Gamliel I. wird als Lehrer des Apostel Paulus angesehen (Apg 22,3) und als Angehöriger des Sanhedrin (συνέδριον „Gerichtshof“) erwähnt (Apg 5,34-39). Demnach tritt er für die Freilassung von Paulus ein und verhält sich gegenüber den ersten Christen tolerant. Nach einer vermutlich legendären talmudischen Zuschreibung (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 15a) ist er der Enkel von Hillel" ha-Zaken "(„der Ältere“). Eine Nähe zur Schule Hillels gilt dennoch als wahrscheinlich.
Hinweise auf die Präsenz von Juden in Zentralasien im 13. bis 15 Jahrhundert sind eher spärlich. Historische Zentren waren Städte wie Buchara und Samarkand, in denen die Gemeinschaft lange Zeit friedlich, aber isoliert vom restlichen Judentum lebte.
Im frühen 13. Jahrhundert wird erstmals eine jüdische Gemeinschaft in Buchara erwähnt (Fischel, S. 43). Im frühen 14. Jahrhundert wurde die Anzahl der Juden und Christen, denen die Ansiedlung in „Chorezm“ gestattet war, das heißt in dessen choresmischer Hauptstadt Gurgandsch, (wie die neuere Stadt Urganch auch Gurgentsch oder Gurgānǧ geschrieben), am Rande der Wüste Karakum und nahe der Grenze zu Usbekistan gelegen, auf 100 "Häuser“ pro Gemeinschaft begrenzt ((Zand, 2000; Tiesenhausen, S. 221).
Familienlegenden zentralasiatischer Juden legen nahe, dass gegen Ende des 14. oder zu Beginn des 15. Jahrhunderts CE eine Anzahl jüdischer Seidenweber von Tīmūr Lenk aus den Städten Sabzewar (pers. سبزوار,Sabzewār, früher Beihagh, etwa 220 Kilometer westlich von Maschhad im Nordosten Irans gelegen; Yūsofov, S. 1), Schiras (pers. شيراز, Šīrāz, etwa 700 km südlich von Teheran im Süden des Zagros auf etwa 1500 m gelegen) und Bagdad (Sukhareva, 1958, S. 88; 1966, S. 166–67) nach Zentralasien umgesiedelt wurde, wo sie sich allmählich in die dortigen jüdischen Gemeinden integrierte (Zand, 2000).
Im 18. Jahrhundert entstanden in Zentralasien drei Machtzentren: (1) das Emirat von Buchara (ein islamischer Staat im heutigen Usbekistan) sowie (2) das Khanat Kokand (ein Khanat im Ferghanatal in Zentralasien mit der Hauptstadt Kokand) und (3) das Khanat Chiwa (von pers. خانات chānāt), ein unabhängiges Khanat (Fürstentum) in Choresm, im westlichen Zentralasien, das 1512 gegründet und ab dem 17. Jahrhundert Khanat Chiwa genannt wurde).
Trotz Diskriminierung, Verfolgungen und der Herrschaft unter verschiedenen islamischen Emiraten bewahrten die bucharischen Juden ihre Religion und Tradition.
Das änderte sich allerdings gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als usbekische Nomaden und Herrscher im Emirat Buchara zahlreiche Juden zwangen zum Islam zu konvertieren. Das Buchara Emirat war ein zentralasiatischer islamischer Staat im heutigen Usbekistan, der historisch aus dem Usbeken-Khanat oder Khanat der Usbeken hervorging - einer Stammesföderation der Usbeken in Zentralasien, die 1428 gegründet wurde, 1468 zerbrach, um 1500 neu begründet wurde und ab 1506 in das Khanat-Buchara überging - und von verschiedenen usbekischen Nomadendynastien - insbesondere den Schibaniden, Toqai-Timuriden und schließlich der Manghit-Dynastie - bis zu seiner Zerschlagung durch die Bolschewiki im Jahr 1920 regiert wurde. Die Geschichte der usbekischen Herrschaft in Buchara ist eng mit dem Einzug halbnomadischer Stämme verbunden. Die wichtigsten Dynastien prägten die Region über Jahrhunderte:
Die Schaibaniden-Dynastie (1500–1599) wurde durch Muhammad Schaibani begründet, der die timuridischen Herrscher vertrieb und Buchara ab 1533 zu seiner prunkvollen Hauptstadt machte. Unter ihnen erlebte die Stadt eine kulturelle Blüte.
Die Dynastie der Toqai-Timuriden / Dschaniden (1599–1747/1785) übernahm nach dem Aussterben der Schaibaniden die Macht und führten das Reich weiter.
Die Manghit-Dynastie (1785–1920): unter Shah Murad wandelte sich das Khanat formell zum Emirat. Diese Dynastie regierte bis zum Sturz des letzten Emirs, Sayyid Mir Muhammad Alim Khan, im Jahr 1920.
Die Macht der Herrscher dieser Dynastien basierte maßgeblich auf dem Bündnis und der militärischen Gefolgschaft usbekischer Nomadenstämme. Der Staat funktionierte als eine Art Stammeskonföderation. Die Khane und Emire mussten sich die Loyalität der verschiedenen Nomaden-Clans durch Landvergaben und Beutezüge sichern. Im Laufe der Jahrhunderte passten sich viele der ursprünglich nomadischen Usbeken den sesshaften Strukturen an, vermischten sich mit der tadschikischen Bevölkerung und übernahmen deren persisch-tadschikische Verwaltungssprache (Tadschikisch). Während der Adel und die Kriegerkaste (die Usbeken) das Militär und die Führungsschicht stellten, dominierte die sesshafte, persophone Bevölkerung (Tadschiken) die städtische Verwaltung, die Handwerke und den Handel.
Die unter der Herrschaft des Emirats Buchara von der Zwangskonversion betroffenen bucharischen Juden, historisch als Tschalas („weder noch“) bezeichnet, wurden fortan von der muslimischen Mehrheit abgelehnt, aber auch von der jüdischen Gemeinde isoliert. Unter der Herrschaft der usbekischen Emire verschlechterte sich mithin die Situation der alteingesessenen bucharischen Juden. Sie wurden vor die Wahl gestellt, den Islam anzunehmen oder zu sterben. Diejenigen, die unter Zwang konvertierten, praktizierten ihren jüdischen Glauben häufig als Krypto-Juden heimlich weiter. Dies führte zu einer gesellschaftlichen Isolation, da sie als Tschalas („weder noch“) weder als vollwertige Muslime noch als Juden akzeptiert wurden.
Dies führte zum Verlust der jüdische Bildung und Identität in der Region. Die Wende brachte der marokkanische Rabbiner Josef ben Moses Mamon al-Maghribi, der 1793 nach Usbekistan reiste. Er fand die jüdische Bildung zu diesem Zeitpunkt darniederliegend und führte bei den bucharischen Juden sephardische Bräuche und Sitten ein, und legte somit den Grundstein für das Überleben der jüdischen Gemeinschaft. Er stärkte das Wissen um Tora, Kaschrut, Gebote und Verbote. So hielten auch die sephardischen Riten Einzug in das gelebte Judentum, weshalb bucharische Juden heute zu den Sepharden gezählt werden. Durch seine Reformen konnte das kulturelle und religiöse Erbe gefestigt und das Überleben der jüdischen Gemeinschaft gesichert werden.
Im 19. Jahrhundert geriet das Emirat zunehmend unter den Einfluss des Russischen Kaiserreichs. Nach einer Reihe militärischer Niederlagen musste das Emirat 1868 die russische Oberhoheit als Protektorat anerkennen, behielt jedoch eine gewisse innere Autonomie.
Die Herrschaft der Emire und die feudale Gesellschaftsordnung endeten schließlich im September 1920, als die Rote Armee Buchara eroberte. Der letzte Emir floh nach Afghanistan, und auf dem Gebiet wurde zunächst die Volksrepublik Buchara ausgerufen, bevor das Gebiet in die Usbekische und Tadschikische SSR der Sowjetunion aufgeteilt wurde.
Im späten 18. und 19. Jahrhundert erlebte die jüdische Gemeinschaft in Buchara religiöse Erneuerungswellen, viele ihrer Mitglieder pilgerten nach Palästina und errichteten in Jerusalem das bis heute existierende Bucharische Viertel. Unter der Sowjetherrschaft im 20. Jahrhundert wurden jüdische Traditionen, Schriftquellen und Bildungseinrichtungen systematisch unterdrückt und das kulturelle Leben verfiel (Dolakidse, 2023).
Bucharische Juden leben heute auf der ganzen Welt, so etwa in Samarkand, Duschanbe, New York, Wien oder Jerusalem. In Deutschland wurde ihre Zahl im Jahr 2020 mit anderthalbtausend angegeben. Allein 300 bucharische Juden sind in Hannover zu Hause, wo 2002 die erste Gemeinde der bucharischen Juden auf deutschem Boden gegründet wurde. Sie seien ein „exemplarisches und äußerst interessantes Beispiel für die Bewahrung der Eigenheiten einer Volksgruppe“, deren Angehörige zum überwiegenden Teil aus ihrer angestammten Heimat in Zentralasien ausgewandert sind, so Alexander Boroda, der Leiter des Jüdischen Museums und Toleranzzentrums in Moskau (Dolakidse, 2023).
Die bucharischen Juden sind Abkömmlinge einer jüdischen Bevölkerungsgruppe, die sich in der zentralasiatischen Region zwischen dem sechsten und vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung niederließ. Obgleich die Eroberung dieses Gebiets durch die Araber im 8. Jahrhundert mit einer Islamisierung einherging, bewahrten die meisten Juden ihren Glauben. Sie konnten ihre Religion ausüben, wurden jedoch verpflichtet, eine spezielle Steuer (Kopfsteuer) zu zahlen, sie unterlagen Restriktionen, durften keine staatlichen Ämter bekleiden und es wurde ihnen auferlegt, bestimmte Kleidungsstücke zu tragen. Ihre Synagogen mussten so ausgestaltet werden, dass sie die Moscheen in keinster Weise überragten (Dolakidse, 2023).
Gewöhnlich wohnten die Juden in ihren eigenen Vierteln, wo sie über eine gewisse Selbstverwaltung verfügten. Die jüdischen Gemeinden - insbesondere die bucharischen Juden in Zentralasien - hatten ihren Gemeindevorsteher, den sogenannten Kalontar (auch Kalantar), den gewählten weltlichen Vorsteher und Repräsentanten einer jüdischen Gemeinde. Die Rolle und Bedeutung des Kalontars umfasste traditionell folgende Kernbereiche: Der Kalontar war das offizielle Oberhaupt der Gemeinde. Er wurde meist auf Lebenszeit gewählt und vertrat die Interessen der Juden gegenüber dem Emir, muslimischen Herrschern und lokalen Behörden. Er regelte Konflikte und zivile Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde. Während der Rabbiner für die religiösen Gesetze und das geistliche Leben zuständig war, kümmerte sich der Kalontar um die Verwaltung, das Bildungswesen und die weltlichen Angelegenheiten der Gemeinschaft. Bekannte historische Vertreter dieses Amtes waren unter anderem Moshe Kalontar (Kalontarov) (1815-1878), der 1843 den Bau des jüdischen Viertels in Samarkand ermöglichte und Sein Sohn Rafael ben Moshe Nosi Kalontar, der Erbauer der Kanesoi-Gumbaz-Synagoge in Samarkand.
Die größte jüdische Gemeinschaft war in Buchara konzentriert. Aus diesem Grund bezeichneten Reisende aus Europa die zentralasiatischen Juden als "bucharisch". Ende des 19. Jahrhunderts ging das Khanat Kokand im russischen Imperium auf. Das Emirat von Buchara und das Khanat Chiwa gerieten zunächst unter das Protektorat Russlands, blieben nach innen jedoch selbstständig (Dolakidse, 2023).
Nur eine geringe Anzahl europäischer Reisender befassten sich Ende des 19. Jahrhunderts mit den im russischen Zentralasien lebenden Juden, die sich über Jahrhunderte in vielerlei Hinsicht an die dort ansässige Tadschiken und Usbeken angepasst hatten – dies ungeachtet der noch immer geltenden Kleidungsvorschriften. In ihren eigenen Wohnvierteln pflegen sie hingegen ihre jüdische Lebensweise, wenngleich sie sich in der Öffentlichkeit nicht dazu bekannten. Die bucharischen Juden übten ihren Glauben sehr diskret aus. Ihre Alltags- und Einrichtungsgegenstände für den privaten Haushalt erwarben die Juden bei muslimischen Handwerkern auf den städtischen Basaren. Muslime liessen sich von den jüdischen Wunderheilern behandeln. Der Name der Stadt Buchara – ihrer geistigen Hauptstadt – wurde zu einem Sammelbegriff für die Juden Zentralasiens (Heger, Weltmuseum Wien).
In den 1920er Jahren wurde in dieser zentralasiatischen Region die Sowjetmacht ausgerufen und das Territorium an die Sowjetunion angegliedert. Für die bucharischen Juden hatte diese Entwicklung eklatante Folgen: Ihre Gemeinden wurden aufgelöst, und die jüdischen Kaufleute in Folge enteignet. Mit der Zeit zog auch die Zerstörung der jüdischen Kultur immer weitere Kreise: Der bucharisch-jüdische Dialekt wurde aus der Liste der Sprachen der Sowjetvölker vollständig gestrichen. Alle Schriftquellen mussten ins Kyrillische übertragen werden, die Bildungs- und Kultureinrichtungen wurden sodann geschlossen.
Als die Sowjetunion zerfiel, kehrten die allermeisten bucharischen Juden Zentralasien den Rücken.
Russlands Oberrabbiner Berl Lasar (meist Berel Lazar, geb. 1964 in Mailand) ein orthodoxer Rabbiner der Chabad-Bewegung - er amtiert seit dem Jahr 1999 als einer der Oberrabbiner von Russland und gilt als einer der wichtigsten religiösen Führer des Landes mit Vorsitz im Rabbinerrat der Föderation Jüdischer Gemeinden Russlands (FEOR) - erzählt, wie er 1987 zum ersten Mal in Taschkent war, der Hauptstadt von Usbekistan:
„In dieser Zeit fing der Exodus an. Und obwohl die Atmosphäre der bucharischen Juden noch deutlich zu spüren war, klagten die Leute, dass Tradition und Kultur verlorengingen. Schließlich hatte man unter Seinesgleichen gelebt. Heute ist man über den gesamten Erdball verstreut.“
Damals, so Berl Lasar, hätten keinerlei Strukturen existiert, um die Bewahrung der Traditionen zu unterstützen. Heute, da es praktisch in jedem Land Gemeinden der bucharischen Juden gebe, sei das ganz anders:
„Die räumliche Zersplitterung hindert sie nicht daran, überall ihr Zuhause zu haben und die Traditionen zu leben. Küche, Kleidung, Sprache – all das ist sogar bei der jüngeren Generation, den Kindern und Enkeln zu finden.“(Dolakidse, 2023).
Trotz seiner Nähe zum Kreml übte Lasar in der Vergangenheit auch Kritik, so zum Beispiel als er Moskaus Haltung und das Ausbleiben einer direkten Verurteilung der Hamas durch den russischen Staat nach dem Terroranschlag in Israel öffentlich rügte (domradio.de, 2023).
Alanna E. Cooper zitiert in ihrer Studie das 1995 erschienene Werk "The Bukharan Jews: A Short Chronicle and Reflections“ (1995). Der Autor dieses bedeutsamen historischen und ethnografischen Berichts über die zentralasiatischen Juden, Yuno Izrailevich Datkhaev, spielte in Tadschikistan eine bedeutende Rolle in der jüdisch-kulturellen Gesellschaft Chaverim (חֲבֵרִים, Chaverim – „Freunde“, häufig auch „Hoverim“), bevor er 1992 in die USA emigrierte. Sein Bericht bietet einen detaillierten Einblick in die Ursprünge, Kultur und Lebensweisen der zentralasiatischen jüdischen Gemeinden aus der Ich-Perspektive. Laut Alanna Cooper argumentiert Yuno Izrailevich Datkhaev, dass der Begriff „Buchara-Juden“ erst entstanden sei, nachdem Timur Lenk mehrere hundert jüdische Familien von Buchara nach Samarkand umsiedelte, um diese beim Umbau Samarkands – seiner designierten Hauptstadt – als Hilfs- und Arbeitskräfte einzusetzen. Berichten zufolge lebten diese Juden in der Nähe von Timur Lenks kürzlich restauriertem, prachtvoll überkuppelten Basar (Registan), an dem alle wichtigen Handelswege zusammenliefen. Der überkuppelte Basar (Registan) ist das Herz des antiken Samarkands. Der Registan-Platz (usbekisch Registon maydoni, vom Persischen میدان ریگستان, Maidān-i Rēgistān, „Platz des sandigen Ortes“) in der usbekischen Stadt Samarkand gehört zu den bedeutendsten historischen Orten Mittelasiens. Heute erinnert nur noch eine restaurierte Kuppel aus dem 15. Jahrhundert - östlich hinter der Scherdor-Medrese gelegen - an den einstmals prachtvoll überkuppelten Basar, den Timur Lenk einst errichten ließ. Unter Timur Lenks Enkel Ulugbek wurde der Basar durch den Maidān-i Rēgistān ersetzt, einen Ort für Paraden, Hinrichtungen, Feierlichkeiten und die Verkündung von Gesetzen.
Wie die Anthropologin Alanna Cooper in ihrem Werk "Bukharan Jews and the Dynamics of Global Judaism" darlegt, war die Forschung im Bereich der Jüdischen Studien über einen längeren Zeitraum hinweg von dem Konzept einer "globalen Einheit des Judentums" geprägt – ein Konzept, das sie als „Jewish Peoplehood" bezeichnet. Das Konzept „Jewish Peoplehood“ (" jüdische Zusammengehörigkeit") begreift das Judentum als eine Zivilisation, die eine gemeinsame Geschichte, Religion, Kultur, Sprache, ethische Tradition sowie ein starkes Engagement für die Gemeinschaft umfasst.
Was ist "Jewish peoplehood" ("jüdische Zusammengehörigkeit")? In einer Welt, die in ihrer Reichweite zunehmend international ausgerichtet ist, wandelt sich unser Verständnis für das Nationale oder Stammesgebundene beständig. Was bedeutet es im 21. Jahrhundert, Teil eines Volkes zu sein? Was macht ein Volk aus – und, genauer gesagt: Was macht"Jewish peoplehood" ("jüdische Zusammengehörigkeit") aus? (https://18forty.org/peoplehood).
Die moderne Anthropologie hingegen hinterfragt diese Prämissen, indem sie sich mit der Entstehung von Identität aus den gelebten Erfahrungen der Differenz auseinandersetzt (Kamp, 2014). Heute stehen Juden aller Altersgruppen vielfältige Wege offen, ihr Judentum zu leben, aktiv zu gestalten und innerlich zu erfahren.Alanna Cooper verbindet diese Ansätze und analysiert zwei Jahrhunderte des historischen und ethnografischen Materials, um zu demonstrieren, wie eine kleine Gemeinschaft zentralasiatischer Juden universelle Prozesse globaler Artikulation und lokaler Differenzierung exemplarisch verkörpert. Sie beschreibt, wie „bucharische“ Juden sowohl „Jewish Peoplehood“ als auch spezifische bucharisch-jüdische Differenzen hervorbringen (kamp, 2014).
Darüber hinaus nutzt Alanna Cooper den Fall der bucharischen Juden, um zwei vorherrschende Modelle innerhalb der Jüdischen Studien zu kritisieren, die zur Analyse der Identität im Kontext von Differenzerfahrungen herangezogen wurden: (1) das Zentrum-Peripherie-Modell und (2) den Begriff der "Edah", den sie als „ethnische Gruppe“ interpretiert (Kamp, 2014).
Der Begriff "Edah" (hebr. עֵדָה, Plural: Edot) bedeutet wörtlich „Gemeinde“, „Versammlung“ oder „Schar“. Im jüdischen und biblischen Kontext bezeichnet der Begriff primär das zusammenkommende Volk Israel oder eine spezifische religiöse Gemeinschaft. In der hebräischen Bibel wird Edah vor allem in der Tora (insbesondere in der Priesterschrift) verwendet, um das gesamte Volk Israel als kultisch reine Gemeinschaft und Gottesvolk zu beschreiben. Der Begriff ist eng mit dem Verb ya'ad (sich verabreden/treffen) verknüpft und bezieht sich auf die Zusammenkunft des Volkes am "Zelt der Begegnung“. In der Septuaginta (der griechischen Übersetzung des Alten Testaments) wurde Edah meist als synagoge (Versammlung/Gemeinde) übersetzt.
In der talmudischen und rabbinischen Literatur hat der Begriff Edah eine sehr spezifische soziologische Bedeutung erlangt: Er steht oft für eine ritusbedingte Mindestanzahl von zehn jüdischen Erwachsenen (Männern nach orthodoxem Verständnis). Diese Gruppe von zehn Personen wird als Minjan bezeichnet. Erst wenn dieser Minjan (die Edah) vollzählig ist, können bestimmte gemeinschaftliche Gebete und öffentliche Tora-Lesungen im Gottesdienst stattfinden.
Unabhängig davon, ob es sich um Hegelianer wie Heinrich Graetz (Hirsch Graetz; 1817-1891), einen deutschen Historiker jüdischer Abstammung, dessen Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ein Standardwerk der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts darstellt, oder Sozialhistoriker wie Simon Dubnow (vollständiger Name: Semjon Markowitsch Dubnow; 1860-1941), einen russischen Historiker, Theoretiker des Judentums und Politiker ab Anfang des 20. Jahrhunderts, handelt: Die Pioniere der „Wissenschaft des Judentums“ im späten 19. Jahrhundert neigten dazu, das Problem der jüdischen Identität, trotz zugrunde liegender Vielfalt, durch die Etablierung historisch variierender jüdischer „Zentren“ zu lösen, auf die sich die verstreuten jüdischen Gemeinschaften konzentrierten – insbesondere hinsichtlich der religiösen Orthodoxie (S. 25–27). Alanna Cooper erkennt die Wirkmächtigkeit solcher Narrative sowie deren problematischen Aspekte, die hinter wenigen akademischen Arbeiten stehen, die sich mit den zentralasiatischen Juden befassen. Viele dieser Texte charakterisieren die bucharischen Juden als sozial isoliert und religiös ungebildet – bis zur Ankunft eines Gesandten aus dem osmanischen Palästina, die im 18. Jahrhundert stattfinden soll (S. 35–36). In diesen Erzählungen lässt sich dieser Gesandte unter den bucharischen Juden nieder und beginnt mit seiner Lehrtätigkeit (Kamp, 2014).
Die Rezension von Albert Kaganovitch, Senior Research Fellow am Institute for Humanities der University of Manitoba in Kanada, bietet eine kritische Analyse von Alanna E. Coopers Werk „Bukharan Jews and the Dynamics of Global Judaism“. Das Buch verfolgt das Ziel, die historische und ideologische Entwicklung der bucharisch-jüdischen Gemeinschaft eingehend zu beleuchten. Der Rezensent würdigt insbesondere die analytische Tiefe sowie die durchdachte Struktur des Textes. Dennoch äußert er Bedenken hinsichtlich der Genauigkeit historischer Behauptungen, die sich auf die Ursprünge und die Identität der Gemeinschaft beziehen. Darüber hinaus wird die Darstellung des bucharisch-jüdischen Lebens in verschiedenen Städten als unzureichend erachtet.
Albert Kaganovitchs Einwände deuten darauf hin, dass es eines differenzierten Ansatzes bedarf, um die komplexe Realität der bucharisch-jüdischen Erfahrung adäquat zu erfasse.
Timur Lenk trat als Herrscher auf, dessen jüdische Untertanen ihm eine unerwartete Loyalität entgegenbrachten. In seiner Hofchronik werden Juden jedoch nicht explizit erwähnt. Es liegt jedoch ein Dokument vor, in dem Ärzte aus Herat, der Residenzstadt des Timuriden-Herrschers Schāh Ruch, die Genehmigung erbitten, verwundete Soldaten Timurs zu behandeln. Schāh Ruch, der seit 1397 n. Chr. als Statthalter von Chorasan, Sistans und Mazandaran fungierte, war der vierte Sohn von Timur Lenk und seiner Konkubine Taghāy Tarkān Āghā. Signifikant ist, dass diese Ärzte ihre Dienste der staatlichen Armee anbieten, wie Michael Shterenshis in seinem Werk "Tamerlane and the Jews" hervorhebt. Ebenso erließ auch Timur Lenk keine antijüdischen Proklamationen, Gesetze oder Beschränkungen. Nach den Ausführungen von Michael Shterenshis unterdrückte Timur Lenk die Juden niemals aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit. Unter seiner Herrschaft war es den Juden zudem gestattet, Immobilien zu besitzen und als Landwirte zu arbeiten; das Regime zwang den Juden auch nicht die Rolle der Geldverleiher auf. Ihre hauptsächlichen Tätigkeitsfelder lagen im Handwerk, im lokalen Handel sowie in der Medizin. Allerdings genossen die jüdischen Ärzte nicht mehr den hohen Status, den sie in früheren Jahrhunderten innehatten.
Interessanterweise wird Timur Lenk in lokalen jüdischen Legenden als wohlwollender Beschützer wahrgenommen, ihm wird sogar nachgesagt, dass er die Gebeine des Propheten Daniel nach Samarkand überführt habe. Einige Quellen deuten darauf hin, dass bereits vor Timur Lenk eine jüdische Gemeinschaft in Samarkand existierte. Im 10. Jahrhundert lebten dort bedeutende jüdische Gelehrte, bekannt als "chabr", ein Begriff, der vom hebräischen Chaver abgeleitet ist und, wie Irena Vladimirsky in „The Jews of Kyrgyzstan“ (2009) schreibt, dazu diente, sich von den „Gewöhnlichen“ abzugrenzen.
Benjamin ben Jonah, auch bekannt als Benjamin von Tudela, ein jüdischer Reisechronist, beschreibt in seinem im 12. Jahrhundert verfassten Reisebericht "Massaot Binjamin" eine sehr große Gemeinde in Samarkand. Er beziffert die Zahl der dortigen "Israeliten" auf bis zu 50.000, darunter "sehr weise und reiche Männer". Diese Gemeinde ernannte einen "Nasi" (Oberhaupt), der für die Erhebung der fälligen Steuern von den Schutzbefohlenen ("Ahl al-Dhimma") verantwortlich war.
Historiker sind sich weitgehend einig, dass diese Zahl stark übertrieben ist. Sie spiegelt jedoch wider, dass Samarkand zu dieser Zeit ein wichtiges und gut etabliertes Zentrum an der Seidenstraße für Juden in Zentralasien war. Benjamins Reisebericht ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Quellen über jüdische Gemeinden im Mittelalter, auch wenn er viele Zahlen und lokale Sagen auf Basis von Erzählungen Dritter wiedergibt. Die jüdische Gemeinschaft in Samarkand entwickelte sich anscheinend zu einem bedeutenden Zentrum, und ihre Mitglieder trugen zum Bau des Aquädukts von Samarkand bei.
Giora Pozailov, ein Historiker an der Bar-Ilan-Universität in Israel, der sich auf die jüdischen Gemeinden Zentralasiens spezialisiert hat, hebt hervor, dass die bucharischen Juden von Samarkand historisch – insbesondere vor der Machtübernahme durch die Bolschewiki – die Textil-, Baumwoll- und Färbereiindustrien der Region vollständig dominierten. Sein umfangreiches wissenschaftliches Werk dokumentiert die jahrhundertelange Präsenz, die Gemeinschaftsstrukturen sowie die sozioökonomischen Beiträge der Juden in Usbekistan und Samarkand. Timur Lenk führte im späten 14. Jahrhundert grausame Eroberungszüge durch, die durch extreme Massaker und Zerstörungen gekennzeichnet waren. Moderne Historiker betrachten seine brutalen Methoden oft nicht als „ethnische Säuberungen“ im heutigen Sinne, da es ihm primär nicht um die dauerhafte Vertreibung oder Vernichtung spezifischer ethnischer Gruppen ging. Dennoch waren seine Handlungen von extremer politischer und religiöser Gewalt, gezielter Einschüchterung und der physischen Auslöschung ganzer Bevölkerungen geprägt. Timur ließ nach der Eroberung von Städten oft die gesamte Bevölkerung niedermetzeln. Bekannt sind die aus den Schädeln der Opfer errichteten Schädelpyramiden in Städten wie Isfahan (1387 n. Chr.), Delhi (1398 n. Chr.) und Bagdad (1401 n. Chr.). Er praktizierte systematische Deportationen: Handwerker, Gelehrte und Künstler wurden aus den eroberten Gebieten verschleppt und in seine Hauptstadt Samarkand verlegt, um dort Prachtbauten zu errichten und den eigenen Staat kulturell zu bereichern. Seine Feldzüge richteten sich weitgehend gegen andere islamische Herrscher (z.B. die Osmanen, die Mamluken oder die Muzaffariden in Persien). Die Zerstörung traf dabei die ansässige Bevölkerung unabhängig von deren ethnischer Zugehörigkeit. In den eroberten Gebieten ging er gegenüber nicht-muslimischen Gruppen (z. B. Hindus in Indien oder Christen im Kaukasus) oft mit dschihadistischer Härte vor, um sich als Vorkämpfer des sunnitischen Islam zu legitimizieren. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Timur Lenk weniger auf ethnische Säuberungen abzielte, sondern vielmehr auf totale Unterwerfung, Exempel und die Plünderung von Ressourcen. Die dabei verübten Gräueltaten kosteten Millionen von Menschen das Leben. Habib Levy (1896–1984), eine vielschichtige Persönlichkeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Iran – er war Zahnarzt, Historiker des jüdischen Volkes, erfolgreicher Geschäftsmann, überzeugter Zionist und anerkannter Philanthrop – beschreibt in seiner "Comprehensive History of the Jews of Iran: The Outset of the Diaspora" die Feldzüge von Timur Lenk im 14. Jahrhundert nicht durch den modernen Begriff der gezielten ethnischen Säuberung. Vielmehr dokumentiert er brutale, wahllose Massaker und Zwangsumsiedlungen, von denen die jüdische Bevölkerung ebenso betroffen war wie andere Religionsgruppen.
Die zentralen historischen Fakten beschreibt Habib Levy wie folgt: Timurs Eroberungszüge waren von extremem Blutvergießen geprägt, weil er strategische Exempel statuierte. Jüdische Gemeinden wurden oft Opfer von Plünderungen, Folter und Massenmorden, die sich gegen die gesamte lokale Bevölkerung richteten. Nach einem Aufstand in der Stadt Isfahan ordnete Timur ein Massaker an. Um seine Macht zu demonstrieren, ließ er aus den abgeschlagenen Köpfen der Einwohner – darunter viele Juden und Muslime – Türme errichten. Timur deportierte Handwerker und Gelehrte aus eroberten Gebieten in seine Hauptstadt Samarkand. Unter diesen Verschleppten befanden sich auch zahlreiche Juden, die dort als Zwangsarbeiter oder zur Förderung der Wirtschaft angesiedelt wurden.
Literatur: Habib Levy, "Comprehensive History of the Jews of Iran: The Outset of the Diaspora", herausgegeben und gekürzt von Hooshang Ebrami, ins Persische übersetzt von George W. Maschke, Costa Mesa, CA: Mazda Publishers in Zusammenarbeit mit der Cultural Foundation of Habib Levy, 1999; van Gorder, A. Christian, "Christianity in Persia and the Status of Non-Muslims in Iran", Maryland, MD: Lexington Books, 2010;Hollenbach, Michael. "Kleine Glaubensgemeinschaft. Ein neues Haus in Blau" ; Aus der jüdischen Welt" Podcast, 10.01.2014, auf deutschlandfunkkultur.de, abgerufen am 06.06.2026; Levi, Scott C. The Bukharan Crisis: A Connected History of 18th Century Central Asia (Central Asia Context) Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 2020; Zhang, Fengfeng. Book Review. Levi, Scott C. The Bukharan Crisis: A Connected History of 18th Century Central Asia (Central Asia in Context) SLOVO 34:2 (2021); Mullodchon, Sajfullochi. "Der Fall von Buchara und das Schicksal der Tadschik:innen: War es eine Revolution?" für Asia-Plus, aus dem Russischen (gekürzt) von Berenika Zeller, auf novastan.org, abgerufen am 06.06.2026; Vladimirsky, Irena, "Jews in Kazakhstan", "Encyclopedia of the Jewish Diaspora: Origins' Experiences, and Culture", ABC-CLIO, Santa Barbara, 2009, Vol.3, S. 1132-1142; Migge, Thomas, "Jüdische Kultur in Zentralasien", deutschlandfunk.de abgerufen am 01.06.2024; Dolakidse, Jekaterina. "Wie die bucharischen Juden sich treu blieben (24.04.2023) auf mdz-moskau.eu, abgerufen am 02.06.20; Franz Heger. „Bucharische Juden“ aus der Serie „Ansichten und Volkstypen aus Transkaspien“, auf weltmuseumwien.at, abgerufen am 13.06.2026.
D. Mittelalterliche Quellen
Frühe Seldschukische Zeit
Das Werk 'Siyásat-náma' von Niẓām al-Mulk (1018-1092 CE)
In seinem Werk 'Siyásat-náma' (das „Buch der Staatskunst“) dokumentiert der mittelalterliche persische Autor und gefeierte Wesir des Großen Seljuq-Reiches, Niẓām al-Mulk (1018-1092 CE), bereits einen jüdischen Dienst in muslimischen Königshäusern.
Niẓām al-Mulk, auch bekannt als Abū ʿAlī al-Hasan ibn ʿAlī ibn Ishāq at-Tūsī, war eine herausragende Persönlichkeit in der islamischen Welt und diente als Großwesir im Seldschuken-Sultanat unter Alp Arslan (ca. 1030-1072), Sultan der Großseldschuken (r.1063-1072) und Malik Schāh (1055-1092), ein Sohn Alp Arslans und ab 1072 Seldschuken-Sultan. Geschrieben zwischen 1091 und 1092 CE, umfasst das Werk von Niẓām al-Mulk fünfzig Abschnitte, die nahezu alle königlichen Pflichten, Vorrechte und Verwaltungsstrukturen während der frühen Seljuq-Zeit behandeln.
Dem Bericht zufolge lehnte Niẓām al-Mulk entschieden die Anstellung von „dhimmī“ ab, ein Begriff, der Angehörige der „Bücher des Volkes“ bezeichnete, zu denen Juden, Christen, Sabäer und manchmal Zoroastrier und Hindus gehörten.
"The author complains bitterly (p. 139) that Jews, Christians, Fire-worshippers (gabrs), and Carmathians are employed by the Government, and praises the greater stringency in this matter observed in Alp Arslan's reign." (Browne, Vol. II, p. 214).
Niẓām al-Mulk beklagte sich mithin heftig darüber, dass
„Juden, Christen, Feueranbeter (gabrs) und Karmaten von der Regierung angestellt werden“ und lobte die striktere Handhabung dieser Angelegenheit unter der Herrschaft von Alp Arslān."
(Anm. des Autors: Karmaten (arab. Qarāmeṭa; Singular: Qarmaṭī), Bezeichnung für die Anhänger eines Zweigs der ismaelitischen Bewegung im 3./9. Jahrhundert)
Gleichzeitig pflegte Niẓām al-Mulk enge Beziehungen zu jüdischen Bankiers und Finanzexperten, sowie zu Beamten und Steuerpächtern, die ihm bei seinen Aufgaben zur Seite standen. Diese nicht-muslimischen Minderheiten waren von sozialer und politischer Gleichheit ausgeschlossen, wurden somit allgemein als "Bürger zweiter Klasse" betrachtet, genossen jedoch als dhimmīs volle Freiheit, an verschiedenen wirtschaftlichen Möglichkeiten teilzunehmen.
Literatur: Browne, Edward G. A Literary History of Persia. Vol. II: From Firdawsi to Sa’di. Cambridge: Cambridge University Press, 2009, 214.
Niẓām al-Mulk wurde in der Ortschaft Radkan bei Ṭūs in Chorasan geboren und entstammte einer Familie, die dem persischen Landadel, den Dehqān, angehörte. Der Begriff „Dehqān“ wurde in der späten sassanidischen Zeit verwendet, um eine Klasse von Großgrundbesitzern zu bezeichnen die im Rang den Āzādān, Bozorgān und Kadag-xwadāyān („Hausherren“) untergeordnet waren. Nach einigen frühislamischen Quellen war der Rang der Dehqān in der sassanidischen Zeit auch dem der šahrīgān, der „Oberhäupter der kleinen Kantone“, untergeordnet. Über seine Jugend sind lediglich wenige Informationen bekannt, darunter die Tatsache, dass sein Vater als Finanzbeamter für die Ghaznawiden tätig war. Im Jahr 1040, als die Seldschuken Chorasan eroberten, floh Niẓām al-Mulks Vater nach Ghazna, wo Niẓām al-Mulk möglicherweise einen Posten innerhalb der Regierung erhielt. Etwa im Jahr 1043 CE trat er in die Dienste der Seldschuken, und Alp Arslan (ca. 1030-1072 CE), Sultan der Großseldschuken (von 1063 bis 1072 CE) ernannte ihn 1063 CE zum Wesir mit dem Ehrentitel „Niẓām al-Mulk“, der „Ordnung des Reiches“ bedeutet.
Die Seldschuken, bekannt als seldschukische Türken oder Seldschuqen (türkisch „Selçuklular“, persisch سلجوقيان „Saldschughiyan“), waren eine Fürstendynastie oghusischen Ursprungs, die von 1040 bis 1194 CE regierte und das turko-persische Reich der Großseldschuken ins Leben rief. Dieses Reich erstreckte sich über Mittelasien, Iran, den Irak, Syrien, Anatolien sowie Teile der Arabischen Halbinsel und erlebte seine Blütezeit zwischen 1047 und 1157 CE.
Niẓām al-Mulks Ruhm beruht wesentlich auf der Tatsache, dass er spätestens seit der Ermordung Alp Arslans im Jahr 1072 CE in jeder Hinsicht als der eigentliche Regent des Seldschukenreichs agierte und dessen Regierung mit bemerkenswertem Erfolg führte. Zeitgenössische Historiker, darunter Ibn al-Aṯīr (1160–1233), der bedeutendste muslimische Historiker des Hochmittelalters, bezeichneten das Reich seiner Herrschaft als „Reich Niẓām al-Mulks“ (الدولة النظامية, ad-daula an-niẓāmīya). Unter Niẓām al-Mulks weitsichtiger Politik erlebte das Seldschukenreich eine Phase wirtschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Blüte. Besonders hervorzuheben ist seine Gründung von Madrasas in Städten wie Bagdad, Amul, Isfahan, Nischapur, Mossul, Basra und Herat, wo er die führenden Gelehrten seiner Zeit versammelte. Die Madrasa in Bagdad, die die Bedeutung der sogenannten Niẓāmīya repräsentierte, war die herausragendste unter diesen Bildungseinrichtungen. Mit Medrese oder Madrasa (arab. مدرسة ‚Ort des Studiums‘, Pl. Madāris; türk. medrese), bezeichnet man seit dem 10. Jahrhundert eine Lehreinrichtung, in der den islamischen Grundsätzen gemäß das Wissen der Zeit vermittelt werden soll.
In seinem einflussreichen Werk „Siyāsat-nāma“ (das „Buch der Staatskunst“) entwickelt er anhand prägnanter Erzählungen seine Perspektiven zur angemessenen Verwaltung eines Reiches. Dieses Werk wird zusammen mit dem „Qābūs-nāma“ als Prototyp des Fürstenspiegels betrachtet und hat vermutlich Einfluss auf spätere europäische Werke wie Machiavellis „Il Principe“ genommen. Das „Qābūs-nāma“ ist ein herausragendes persischsprachiges Prosawerk des 11. Jahrhunderts, verfasst von Unsur al-Maali Kai-Kawus ibn Iskandar ibn Qabus (ca. 1021 - 1087), besser bekannt als Kjekjawus, persischer Fürst aus der Dynastie der Ziyariden, und ist seinem Sohn Gilan-Schah gewidmet.
Niẓām al-Mulk spielte eine entscheidende Rolle in der Staatsverwaltung, die sich sowohl auf die Tagespolitik als auch auf theoretische Grundlagen sowie wirtschaftliche und militärische Strukturen erstreckte. Seine zunehmende Präsenz und sein Einfluss als bedeutender turkisch-persischer Staatsmann und Wesir innerhalb der Dynastie führten jedoch zu Misstrauen und Feindseligkeit in hohen Kreisen. Er wurde letztlich von den legendären Assassinen unter Hasan-i Sabbah ermordet, einem iranischen Missionar der schiitisch-islamischen Ismailiten. Die Assassinen, ein legendärer militarisierter Orden, wurde von Berichten von Kreuzfahrern und späteren Reisenden wie Marco Polo in der westlichen Welt bekannt und waren für ihren Widerstandsgeist gegen die Kreuzfahrer berühmt.
Ibn Chaldun (1332-1406), ein nordafrikanischer Historiker und Vordenker soziologischen Denkens, bezeichnet die Assassinen aufgrund ihrer bemerkenswerten Opferbereitschaft als „Fidawiyun“ („die Opferbereiten“). Hasan ibn Sabah gilt als Gründer und erstes Oberhaupt des Ordens.
In seinem Hauptwerk „Siyāsat-nāma“ soll Niẓām al-Mulk die theoretischen Grundlagen für den Wandel einer ineffizienten Kalifenverwaltung zu einer integrierten Struktur dargelegt haben, die das alte sassanidische und das islamische Kalifenmodell in einem zentralisierten System vereint. Indem er Wirtschaft und Finanzen als essentielles Element der Regierungsführung betrachtet, bietet Niẓām al-Mulk praxistaugliche Details und stützt sich dabei auf die Erfahrungen historischer persischer Könige und legendärer muslimischer Herrscher. Er skizziert einen Staat, der sozialer Gerechtigkeit Priorität einräumt und stellt Gerechtigkeit als Fundament wirtschaftlicher Aktivitäten dar. Diese Auffassung könnte als historische Einsicht verstanden werden, dass wirtschaftliche Tätigkeiten nicht ausschließlich nach ihrem eigenen Wert beurteilt werden sollten. Seine Theorie basiert auf einem hypothetischen gerechten Regierungssystem, in dem der Staat auf militärische Macht angewiesen ist, die durch Steuern von den Untertanen finanziert wird, die gerecht behandelt werden.
Literatur: Niẓām al-Mulk. The book of government or rules of Kings/The Siyar al-Mulūk or Siyāsat-Nāma of Nizam al-Mulk (trans. and ed. Darke B). New York: Routledge, 2002; Browne, Edward G. A Literary History of Persia, vol. II: From Firdawsi to Sa’di. Cambridge: Cambridge University Press, 2009, p. 214; Şimşek, Halil. "Niẓām Al-Mulk". In: Ustaoğlu, Murat and Çakmak, Cenap (eds.) The Palgrave Encyclopedia of Islamic Finance and Economics. Palgrave Macmillan Cham, 2024; Barthold, Vasily Vladimirovich. Turkestan down to Mongol Invasion, tr. and revised by the author with assistance of H. A. R. Gibb. London: Luzac and Co., 1928; Hodgson, Marshall G. S. "The Venture of Islam: conscience and history in a world civilization". In: The expansion of Islam in the middle periods, vol 2. Chicago: Chicago University Press, 1977; Yavari, Neguin. "NEẒĀM-AL-MOLK", auf iranicaonline.org, abgerufen am 19.04.2026.

Theologisch philosophische Strömungen und Handel entlang der Seidenstraße
„Diwan“ eine Gedichtsammlung von Nasir Khusraw (1004–1088 n. Chr.)
In seiner Gedichtsammlung "Diwan" (persisch: دیوان) behandelt der persische Reisende, Dichter und Philosoph Nāṣir-i Khusraw eine Vielzahl von Themen. Er trifft nicht nur Aussagen über den Islam, sondern erörtert auch verschiedene andere Glaubenssysteme, Denkweisen, und philosophische Strömungen.
Im Kontext von Religionen, die "außerhalb des Islam" angesiedelt sind, nennt Nāṣir-i Khusraw die Juden (S. 53, 83, 92, 95, 138), Christen (S. 14, 15, 67, 242), Magier (im Mittelalter i.S. von Hofmagier, Astrologe, Berater, Alchemist, Wissenschafts- und Experimental-Künstler, Gaukler und Volkszauberer; S. 52, 70, 79), Hindus (S. 33, 204), Dualisten (S. 28, 275), Manichäer (S. 111, 269), Sabaeaner (S. 111), Zindīqs (S. 58) sowie Philosophen (S. 111, 216).
Nāṣir-i Khusraw, mit vollem Namen Abū Muʿīn Nāṣir ibn Khusraw ibn Ḥārit̲h̲ al-Ḳubād̲h̲iyānī, war nicht nur ein herausragender persischer Dichter, Prosaautor, Reisender und Philosoph, sondern auch ein ismailitischer Missionar (Dāʿī). Geboren im Jahr 1004 CE in Ḳubād̲h̲iyān am rechten Ufer des Oxus, heute in Tadschikistan gelegen, wuchs er in einer Familie von Landbesitzern und Beamten auf und erhielt eine umfassende Ausbildung in den Natur- und Geisteswissenschaften. Er verstarb zwischen 1072 und 1088 CE in Jamgan (Yumgān), das heute als Ḥażrat-e Sayyed (Saʿīd ) im afghanischen Badachschan bekannt ist. Sein Werk "Diwan" stellt eine umfangreiche und bedeutende Sammlung von Gedichten dar, die Nāṣir-i Khusraw verfasste und zusammenstellte.
"Under God's protection I am here in Yumgan.
Look closely, and consider me not a prisoner.
No one says that silver or diamonds or rubies
Are prisoners in the rocks or Jowly.
Even though Yumgan itself is lowely and worthless,
Here I am greatly valued and honored."
Diese Zeilen über den „Rubin von Badakhshan“, wurden von Nāṣir-i Khusraw im elften Jahrhundert während seines Exils in Yumgan, einem abgelegenen Distrikt im Gebirge von Badakhshan, in der nordöstlichen Provinz des heutigen Afghanistans, verfasst.
Nāṣir-i Khusraw Werk enthält zwar keine spezifischen Passagen, die der jüdischen Gemeinschaft gewidmet sind, und jegliche Erwähnung der Judenst eher beiläufig oder symbolisch im Rahmen allegorischer oder historischer Kontexte, ohne eine explizite theologische, soziale oder literarische Ausarbeitung. Es ist jedoch erwähnenswert, dass Nāṣir-i Khusraw in seinem „Diwan“ die Koexistenz von Juden, anderen Glaubensrichtungen und Geistesströmungen in seiner historisch bedeutsamen Umgebung dokumentiert. Dies findet insbesondere Beachtung unter Berücksichtigung seines Exils in der abgeschiedenen, jedoch strategisch exponierten Lage von Yumgan im Nordosten Afghanistans in der Provinz Badakhshan, einer abgelegenen und gebirgigen Region in der Nähe der Grenze zu Tadschikistan. Die Provinz Badakhshan selbst ist geprägt von einer reichen Geschichte, einer vielfältigen Kultur und bemerkenswerten Landschaften, was sie zu einer Region von erheblicher Bedeutung innerhalb Afghanistans macht.
Die wenigen Informationen, die wir über das frühe Leben von Nāṣir-i Khusraw, auch bekannt als Abū Muʿīn Nāṣir, haben, stammen überwiegend aus Hinweisen, die in seinen eigenen literarischen Werken zu finden sind. Diese autobiografischen Details spiegeln seine retrospektive Interpretation seines Lebens wider, welche die verschiedenen Phasen seiner moralischen und spirituellen Entwicklung hervorhebt.
Nāṣir-i Khusraw ist ein oftmals analysiertes Thema in literarischen Erzählungen, einschließlich einer gefälschten Autobiografie, die seinen Namen trägt und seit Jahrhunderten sowohl bei Ismaeliten als auch bei Nicht-Ismaeliten verbreitet ist. Die überlieferten Werke Nāṣir-i Khusraws bieten wertvolle und aufschlussreiche Einblicke in sein Leben und seine philosophischen Überzeugungen. Im auffälligen Gegensatz zu anderen ismailitischen Schriftstellern seiner Zeit, wie Hamid ai-din al-Kirmani (gest. ca. 1020), einer der profiliertesten ismailitischen Theologen und Philosophen der Fatimiden-Zei oder Abu Ya‘qub al-Sijistani, einem persischen ismailitischen Schriftsteller und Missionar des 10. Jahrhunderts, der im Norden und Osten des Iran tätig war und eine entscheidende Rolle bei der Einbringung neuplatonischer Ideen in die ismailitische Theologie spielte, existieren zahlreiche Primärquellen über Nāṣir-i Khusraws Lebensweg. Diese Aufzeichnungen stammen – in unterschiedlichem Maße der Verlässlichkeit – aus der Feder Nāṣir-i Khusraw selbst, von einem (feindseligen) Zeitgenossen und von späteren Historikern. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass viele dieser Manuskripte von sunnitischen Gelehrten bearbeitet und zensiert wurden, um sämtliche Hinweise auf den Ismailismus zu tilgen.
Nāṣir-i Khusraw war ein gebürtiger Perser, geboren im Jahr 1004 in Qubadiyan, einem Stadtteil von Balkh, in eine Familie von Regierungsbeamten und Landbesitzern. Zu jener Zeit gehörte die Stadt Balkh zur Provinz Marw (Merv) in der Region Khorasan (Chorasan) und unterstand der Herrschaft der Ghaznawiden, einer persischen Dynastie türkischer Herkunft, die aus Sklaven hervorgegangen war. Zusammen mit zwei seiner Brüder bekleidete Nāṣir-i Khusraw eine bedeutende Position in der Verwaltung des seldschukischen Hofes – des Gerüchts nach in der Finanzverwaltung. Es bestehen auch Hinweise darauf, dass er mit dem Hof der Ghaznawiden vertraut war. Aufgrund der Qualität seiner schriftstellerischen Arbeiten erhielt er eine exzellente Ausbildung in den Wissenschaften, Literaturen und Philosophien seiner Zeit, einschließlich des Studiums der griechischen und neoplatonischen Philosophie. Es wird angenommen, dass Nāṣir-i Khusraw seine berufliche Laufbahn als Schreiber begann, bevor er nach Marw zog, um dort als Finanzverwalter tätig zu werden. Bis zum Jahr 1040 - als Khorasan von den Seldschuken erobert wurde - hatte er Zugang zum Hof in Balkh. Er behielt sein Amt auch unter der Herrschaft der Seldschuken, deren Mitgründer Chaghri Beg (989–1060 CE, Da'ud ibn Mika'il ibn Saljuq) als Mitregent des frühen Seldschukenreichs über Khorasan regierte.
In Khorasan florierten zu Nāṣir-i Khusraws Zeit unterschiedliche religiöse Glaubensrichtungen. Neben orthodoxen Muslimen, insbesondere Hanafiten und Schafiiten, existierten auch verschiedene andere Religionsgemeinschaften, darunter Mazdeisten (Zoroastrier), Juden, Schiiten, Charidschiten, eine religiös-politische Oppositionsbewegung des frühen Islams, und Muʿtaziliten. In dieser Zeit kam es im islamischen Osten zu heftigen Auseinandersetzungen, die auf die gegensätzlichen Ansichten zwischen Rationalisten und Traditionalisten (ahl al-raʾy und ahl al-hadith) zurückzuführen waren.
Während des „schiitischen Jahrhunderts“ und auch darüber hinaus fanden nicht nur religiöse Konflikte zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppen in den östlichen Regionen Zentralasiens statt, sondern auch innergemeinschaftliche Streitigkeiten zwischen verschiedenen schiitischen Sekten. Ismailitische Missionare hatten sich bereits nach Osten ausgebreitet, bevor die Fatimiden 969/358 Ägypten und Syrien eroberten. In der Folge kam es zu einer Spaltung zwischen den ismaelitischen Qarmaten, einer messianischen und radikalen schiitischen Gruppierung des 9., 10. und 11. Jahrhunderts, die ebenso wie die Fatimiden zu den Ismailiten zählte und auf Hamdan Qarmat (890–906 CE) zurückgeht und den Fatimiden, was politische, militärische und religiöse Konflikte zwischen den Anhängern beider Sekten auslöste.
Diese Ereignisse und Entwicklungen prägten Nāṣir-i Khusraw in seiner Entwicklung zum Intellektuellen und während seiner lebenslangen Suche nach Wissen. In seiner Jugend erlebte Nāṣir-i Khusraw die prekäre wirtschaftliche Lage, die durch Krankheiten und Dürren in Zentralasien verschärft wurde. Zudem fand er sich inmitten der Kriege zwischen den herrschenden Klassen und den religiösen Konflikten zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen der Region wieder. Nāṣir-i Khusraw amtierte in dieser konfliktbeladenen Zeit sowohl für die Ghaznawiden als auch für die Seldschuken als Finanzbeamter und war Zeuge ihrer anti-ismailitischen Politiken.
Zu dieser Zeit kämpften die Ghaznawiden, eine sunnitische Dynastie mit Zentrum in Ghazna unter Sultan Mahmud Ghaznavi (reg. 998–1030 CE), gegen ihre politischen Gegner, um sich dem schiitischen Einfluss entgegenzustellen (vgl. Ibn al-Athir, Bd. 7, 48, 81, 85–86, 160–161, 164, 184–185, 196–197, 204, 353). Die Ghaznawiden verfolgten liberal gesinnte Intellektuelle mit rationalen Gedanken, insbesondere solche der ismailitischen Sekte, die unter dem toleranten sunnitischen Herrscher von Samarkand, Nasr b. Ahmad, der das geistliche Leben in Buchara und anderen großen Städten Transoxaniens förderte, Anerkennung gefunden hatte. Nasr b. Ahmad, auch bekannt als Nasr II, war ein bedeutender Herrscher der Samaniden-Dynastie und regierte von 914 bis 943 CE. Nasr II war bekannt für seine Rolle als Premierminister und seine Rolle als Kulturzentrum des samanidischen Hofes. Er stiftete zahlreiche Offiziere und förderte die Wissenschaft und das Bildungssystem in Buchara.
Einer der prominentesten frühen ismailitischen Dāʿis war Abu Hatim Razi (gest. 934 CE), der seine Mission auf die Stadt Rayy (Iran) konzentrierte und Bewohner der umliegenden Gebiete von Daylam, Tabarestān und Isfahan im Iran beeinflusste. Viele Menschen schlossen sich ihm an und konvertierten zum Ismailismus. Infolgedessen wurden auch zahlreiche hochrangige Persönlichkeiten von dieser Daʿwa erfasst, darunter Mardāvij ibn Ziyār, auch bekannt als Mardavij der Große, ein iranischer Prinz, der die Ziyariden-Dynastie gründete und von 930 bis 935 regierte, und Asfār ibn Shiruya, ein iranischer Militärführer gilakischer Herkunft, der im frühen 10. Jahrhundert im Norden des Iran (insbesondere in Tabaristan und Jibal) tätig war. Das Wort Da’wah (دعوة) stammt aus dem Arabischen und bedeutet wörtlich „Einladung“ oder „Ruf“. Es kommt von der Wurzel د ع و (d-ʿ-w), die „rufen“, „einladen“ oder „bitten“ bedeutet.Im islamischen Kontext bezeichnet Da’wah das Einladen der Menschen zum Islam, sei es durch Worte, Taten oder gutes Verhalten.
Auch Ahmad Nasafi (gest. 943/945) war in der Lage, den sunnitischen Herrscher der Samaniden, Nasr b. Ahmad, zur Unterstützung der Ismaʿiliten in Zentralasien zu bewegen. Als ismailitischer Missionar (da'i) und Theologe des frühen 10. Jahrhunderts gelang es ihm um 937 den Samaniden-Emir Nasr II. zum Ismailismus zu bekehren; er leitete damit eine Ära ismailitischer Vorherrschaft am samanidischen Hof ein, die bis zu Nasrs Tod andauerte.
Angetrieben von einer inneren Leere, die aus dem Fehlen klarer Lebensziele resultierte, suchte Nāṣir-i Khusraw nach einer akzeptablen Wahrheit, die ihn zu seinen Zielen führen würde. Gleichzeitig sah er sich tiefgreifenden Verfolgungen und Hindernissen gegenüber, die seine Lebensführung zusätzlich erschwerten und ihn zwangen, von Ort zu Ort zu ziehen, bis zu seinem Tod im Jahr 1088 CE. Angesichts dieser politischen, religiösen und wirtschaftlichen Gegebenheiten war es Nāṣir-i Khusraw unmöglich, das Elend und die Not seiner Umgebung zu ignorieren, was seine ethische Haltung zu religiösen und humanistischen Gedanken prägte.
Die lokalen Machthaber in Zentralasien hatten schon früh die ismaelitischen Missionare (dāʿis) verfolgt. Der Aufstieg des fatimidischen Staates ab dem 10. Jahrhundert begünstigte die Aktivitäten dieser von den Fatimiden unterstützten Missionare, was zu intensiveren Verfolgungen der Ismaeliten im Irak sowie in den östlichen Provinzen des abbasidischen Kalifats führte. Das Abbasiden-Kalifat oder Abbasiden-Reich war ein islamisches Großreich unter der 749 CE begründeten Dynastie der Abbasiden (arabisch العبّاسيّون, al-‘Abbāsiyyūn), die im Jahr 750 CE die Umayyaden in der Regierung des Kalifats ablösten.
Hatim Muhammad Mahamid, Dozent und Forscher für Islamwissenschaft, widmet sich in seiner Studie eingehend den Aktivitäten dieser Missionare sowie den Schwierigkeiten und Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, wobei ein besonderer Fokus auf dem Fall von Dāʿi Nāṣir-i Khusraw (1004–1088 CE) in Zentralasien liegt. Zu dieser Zeit galt Nāṣir-i Khusraw als herausragender Dāʿi, der die Missionare der Ismaeliten verkörperte. Als Dāʿī bzw. Dāʿiya (arabisch الداعي، الداعية ‚der Rufer‘, Plural دعاة / ad-duʿāt) galt eine Person, die Daʿwa betreibt, also zum islamischen Glauben oder zu einer bestimmten islamischen Lehre aufruft, wobei dies auch mit einem politischen Anspruch verbunden sein konnte. Bei den Ismailiten ab Ende des 9. Jahrhunderts hatte ein Dāʿī sowohl die Rolle eines Missionars, der neue Anhänger gewann und Auserwählten die ismailitische Geheimlehre verkündete, als auch die eines politischen Agenten.
Sein gesamtes Leben lang litt er unter der schweren Last der Erwartungen als Haupt-Dāʿi der Fatimiden, einer ismailitische Dynastie, die 907 CE ein Gegenkalifat (zum Kalifat der Abbasiden) errichtete und von 909 bis 1171 CE in Nordafrika, das heißt im Maghreb und Ägypten, sowie in Vorderasien (Syrien) herrschten. Trotz der feindlichen Atmosphäre und der ständigen Unsicherheit gelang es Nāṣir-i Khusraw, sich als bedeutender Philosoph und Dichter zu etablieren. Dennoch starb er unter tragischen Umständen, isoliert im Tal von Yomgān.
Im Jahr 1150 CE wurde die Region Badakhshān von den Ghūriden erobert, die als bekannte Gegner der Ismaeliten galten. Folglich ist es wahrscheinlich, dass jede ismailitische Gemeinschaft, die Nāṣir-i Khusraw in dieser Region gegründet hatte, Verfolgung erlitten oder in den Untergrund gedrängt wurde, was das Fehlen jeglicher Belege über Ismaeliten in den Quellen dieser Zeit erklären könnte.
Yumgan wurde der letzte Wohnort von Nāṣir-i Khusraw, und es ist gerade diese bedeutsame Region seines Exils, in dem er die meisten seiner erhaltenen Werke verfasste, die ihm den Ruf eines hoch geachteten Dichters der klassischen persischen Poesie und seine einflussreiche Position innerhalb der Ismailitischen Philosophie einbrachten. Die Ismailiten (arabisch الإسماعيلية al-Ismāʿīlīya, persisch اسماعیلیان Esmāʿīlīyān) stellen eine Glaubensgemeinschaft innerhalb des schiitischen Islam dar, die im 8. Jahrhundert aus einer Spaltung der Imamiten-Schia oder Zwölfer-Schia hervorgegangen ist, einer der drei ursprünglichen Glaubensrichtungen des Islam mit historischem Zentrum im Irak.
Nāṣir-i Khusraw, "Diwan" umfasst etwa 11.000 Verse, die philosophische, religiöse und persönliche Themen behandeln. Im Gegensatz zur Dichtung traditioneller Hofpoeten, die er selbst eindeutig ablehnt (vgl. Diwan 97, vgl. 436), konzentriert sich seine Lyrik auf Themen wie Philosophie – insbesondere Ethik und Metaphysik – Religion, das Streben nach Wissen, Glauben und Vernunft sowie die Natur. Der thematische Rahmen seines Werkes ist durchgehend religiös geprägt. Die deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Brigitte Schimmel (1922-2003) hebt hervor, dass selbst Nāṣir-i Khusraws Beschreibungen der Natur stets mit dem Schöpfer und dem Korangehalt verknüpft sind. In seinen Gedichten betont Nāṣir-i Khusraw kontinuierlich, dass eine esoterische Auslegung des Korans von ebenso großer Bedeutung ist wie die exoterischen Rituale und Praktiken. Zudem enthält seine Dichtung historische Kommentare sowie Eindrücke seiner persönlicher Emotionen und Sehnsüchte (Diwan 65:18-209); er reflektiert über die Eroberung von Khurasan durch die Seldschuken.
Besonders hervorzuheben ist die umfassende thematische Auseinandersetzung mit dem ismailitischen Kalifen und Imam al-Mustansir (1029 - 1094 CE ), dem achten Kalifen der Fatimiden (Regierungszeit 1036 bis 1094 CE , der in dieser Zeit das Fatimidenkalifat leitete. Nāṣir-i Khusraws Werk "Diwan" wird eingehend hinsichtlich seiner historischen, philosophischen und literarischen Relevanz untersucht.
Nāṣir-i Khusraw galt insbesondere als ein Missionar der ismailitisch-schiitischen Bewegung, dem allgemein die Gründung der ismailitischen Gemeinschaft in Badakhshan zugeschrieben wird. Ähnlich wie andere ismailitische Philosophen ist auch Nāṣir-i Khusraws Kosmologie stark vom Neoplatonismus beeinflusst. Seine Metaphysik beschreibt einen Gott, aus dem alles hervorgeht und zu dem alles strebt. Durch Gott wird die Existenz durch die Universelle Seele und den Universellen Intellekt ins Leben gerufen. Jedes dieser Konzepte bildet das Fundament für materielle Objekte, die von Mineralien bis zu Menschen reichen. In jedem Individuum existieren eine Seele und ein Intellekt, die zwar in ihrer Ausprägung unvollkommen sind, jedoch innerhalb der Universalien existieren.
Nāṣir-i Khusraw verknüpft seine Metaphysik mit der schiitischen Lehre und postuliert die Notwendigkeit eines göttlich inspirierten Führers, der uns auf unserem Weg begleitet, um uns wieder mit dem Universellen Intellekt und der Universellen Seele zu vereinen. Durch diese kosmogonische Beschreibung differenziert Nāṣir-i Khusraw seine Philosophie vom früheren ismailitischen Denken, das von Abū Nasr Muhammad al-Fārābī (ca. 872-950), einem arabischsprachigen Philosophen und Wissenschaftler aus Zentralasien, eingeführt und von Ibn Sina und al-Kirmani weiterentwickelt wurde.
Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā (persisch ابن سينا, arabisch أبو علي الحسين بن عبد الله ابن سين), allgemein bekannt als Ibn Sina oder Avicenna (vermutlich über eine Zwischenstufe wie Aven Zina, latinisiert Avicenna), wurde circa 980 CE in Afschana bei Buchara in Chorasan geboren und verstarb im Juni 1037 CE in Hamadan, dem heutigen Iran. Er war ein persischer Universalgelehrter, der sich als Arzt, Naturwissenschaftler, aristotelisch-neuplatonischer Philosoph, Dichter, sunnitisch-hanafitisch ausgebildeter Jurist (Faqīh), Mathematiker, Astronom, Alchemist und Musiktheoretiker sowie Politiker auszeichnete. Seine bedeutenden Beiträge zur Medizin, insbesondere sein einflussreiches Werk „Der Kanon der Medizin“ ("al-Qanun fi’l-Tibb"), wurde über Jahrhunderte hinweg sowohl in Europa als auch in der islamischen Welt als grundlegendes Lehrbuch der Medizin anerkannt. Darüber hinaus leistete er wesentliche Beiträge zur Philosophie; sein Hauptwerk, das „Buch der Heilung“ ("al-Shifa’"), hatte weitreichenden Einfluss auf die europäische Scholastik und auf Denker wie den italienischen Dominikaner Thomas von Aquin (1225-1274 n. Chr.). Ibn Sinas Schriften in arabischer und persischer Sprache beinhalteten verschiedene Disziplinen, unter anderem Astronomie, Chemie und Mathematik, was ihn zu einer herausragenden Persönlichkeit des Goldenen Zeitalters des Islam machte.
Hamid al-Din al-Kirmani war ein prominenter ismailitischer Da‘i oder Missionar und gilt als einer der gelehrtesten Theologen und Philosophen der fatimidischen Zeit. Wie viele andere Missionare dieser Epoche, die ihre Aktivitäten ebenso wie Nāṣir-i Khusraw in feindlichen Umgebungen geheim hielten, ist nur wenig über die Biografie al-Kirmanis bekannt, der während der Herrschaft des fatimidischen Kalifen-Imams al-Hakim (996–1021) tätig war.
Nāṣir-i Khusraw ist Gegenstand zahlreicher Erzählungen, darunter einer gefälschten Autobiografie, die seinen Namen trägt und seit vielen Jahrhunderten unter Ismaeliten und Nicht-Ismaeliten zirkuliert. Die noch erhaltenen Schriften Nasirs bieten aufschlussreiche Einblicke in sein Leben und seine Philosophie. Es scheint jedoch, dass die meisten dieser Manuskripte von feindseligen sunnitischen Schriftgelehrten zensiert wurden, um jegliche Hinweise auf den Isma'ilismus zu entfernen. Als gebürtiger Perser stammte Nasir aus einer Familie von Regierungsbeamten und Landbesitzern. Vor seiner Konversion zum Isma'ilismus gehörte er höchstwahrscheinlich der zwölfer-schiitischen Glaubensrichtung des Islam an. Er wurde 1004 in Qubadiyan geboren, einem Stadtteil der Stadt Balkh, die zur Provinz Marw in der Region Khorasan gehörte. Das Gebiet stand damals unter der Kontrolle der Ghaznawiden, einer persischen Dynastie türkischer Herkunft, die aus Sklaven hervorgegangen war.
Nāṣir-i Khusraw begann seine Karriere vermutlich als Schreiber, bevor er in die Stadt Marw zog, um dort als Finanzverwalter zu arbeiten. Er hatte bis 1040 Zugang zum Hof in Balkh, als Khorasan von den Seldschuken erobert wurde. Er behielt sein Amt unter den Seldschuken,deren Mitbegründer Chaghri Beg über Khorasan herrschte. Im Alter von etwa 41 Jahren erlebte Nasir eine tiefgreifende und plötzliche Veränderung in seiner Spiritualität, die den Verlauf seines Lebens drastisch veränderte.
Im Dezember 1045 beschloss Nāṣir-i Khusraw , sich auf eine lange Reise zu begeben, deren Endziel eine Pilgerfahrt nach Mekka war. Im März 1046 brach er zusammen mit seinem Bruder Abu Sa'id und einem indischen Begleiter zu seiner Reise auf, die erst nach fast sieben Jahren enden sollte. Von Khurasan aus reiste er nach Westen, durch den Norden und Westen des Iran, Armenien und Kleinasien. Anschließend gelangte er nach Syrien, Palästina und schließlich nach Arabien, wo er seine Pilgerreise absolvierte. Im August 1047 begab er sich nach Kairo in Ägypten,das als Hauptstadt des ismailitischen Fatimidenkalifats diente.
In Kairo wurde Nasir von namhaften Gelehrten in ismailitischer Lehre, Rechtskunde und Staatsführung unterrichtet. Er traf al-Mu'ayyad fi'l-Din al-Shirazi (gest. 1087), einen ismaelitischen Gelehrten aus Shiraz im Südwesten des Iran, der ebenfalls kurz zuvor in Kairo eingetroffen war. Dieser wurde Nāṣir-i Khusraw Lehrer und unterwies ihn in den rätselhaften Konzepten und der Philosophie der Ismaeliten.
Nāṣir-i Khusraw wurde sodann zum dā‘ī („Missionar“) erhoben und zum "Hujjat-i Khorasan", zu einer Autorität Chorasans ernannt. Hujjat al-Islam (arabisch: حجة الإسلام, romanisiert: ḥujjat ul-Islām, persisch: حجةالاسلام oder حجتالاسلام ) ist beispielswise ein islamischer Ehrentitel, der mit „Autorität im Islam“ oder „Beweis des Islam“ übersetzt werden kann. Der Titel „Hujjat al-Islam“ wird Gelehrten verliehen, die über ein hohes Maß an islamischem Fachwissen und islamischer Theologie verfügen. Im Wesentlichen gilt jemand, der diesen Titel erlangt, als Autorität im Islam, die Respekt verdient.
Doch die Feindseligkeit, der er bei der Verbreitung dieser neuen religiösen Ideen nach seiner Rückkehr nach Groß-Khorasan im Jahr 1052 CE begegnete, sowie der sunnitische Fanatismus zwangen ihn schließlich zur Flucht. Nachdem er von Ort zu Ort gewandert war, fand er um 1060 CE Zuflucht in Yamgan in den Bergen von Badakhshan, wo er die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte und eine beträchtliche Anzahl treuer Anhänger um sich scharte, die seine Lehren an nachfolgende Generationen weitergaben.
Nāṣir-i Khusraw starb in Yamagan im heutigen Nordafghanistan und wurde in einem kleinen Mausoleum auf einem kleinen Hügel im heutigen Dorf Hadrat-i Sayyid (auch Hadrat-i Sa'id genannt) an der Ostseite des Koksha-Tals im heutigen Afghanistan beigesetzt. Einer Inschrift auf dem Bauwerk zufolge wurde es 1697 renoviert.
Nāṣir-i Khusraw verfasste einen Reisebericht, bekannt als „Safar-nāma" („Buch der Reisen“, der eine reichhaltige Quelle ethnografischer Informationen über den Nahen Osten im 11. Jahrhundert darstellt. Er verfasste mehrere Abhandlungen und einen Großteil seiner Gedichte während seines Aufenthalts in Badakhshan. Während seine Schriften im Allgemeinen nur wenige Informationen über die Verhältnisse in Badakhshan liefern, widmete er sein letztes datiertes Werk, das "Jāmiʿ al- ḥikmatayn" ("Die Vereinigung der beiden Weisheiten“), einem lokalen Herrscher, den er als den "Amir von Badakhshan" bezeichnet und dessen Namen er mit Abuʾl-Maʿali ʿAli b. al-Asad al-Harith belegt.
Nāṣir-i Khusraw liefert keine weiteren Informationen zu dieser Figur, und sein Name wird an keiner anderen Stelle erwähnt. Jüngste Münzfunde zeigen jedoch, dass die an Badakhshan angrenzende Region Khuttalan bis ins Jahr 1040 CE von einem ghaznawidischen Statthalter namens Abuʾl-Asad al-Harith regiert wurde, dessen Name auf eine Verbindung zu dem oben erwähnten samanidischen Statthalter von Badakhshan, al-Harith b. Harb, verweist und deutet darüber hinaus darauf hin, dass er möglicherweise der Großvater von Nasir-i Khusraws Gönner, dem Amir von Badakhshan, ʿAli b. al-Asad al-Harith, war.
Die von Nāṣir-i Khusraw in Badakhshan eingeführte ismaelitisch-schiitische Tradition sollte im Laufe der Jahrhunderte weiter wachsen und sich entwickeln und wurde durch die Ankunft weiterer Missionare (innerhalb der ismaelitischen Tradition als daʿis oder „Berufer“ bekannt) nach den mongolischen Eroberungen weiter gestärkt.
Nasir-i Khusraw dokumentiert seine umfassenden Reisen über einen Zeitraum von etwa sieben Jahren (vom 6. März 1046 CE bis zum 23. Oktober 1052), in dem er zahlreiche Städte besuchte und detaillierte Beschreibungen über diese verfasste. Dabei thematisierte er unter anderem Hochschulen, Karawansereien, Moscheen, Gelehrte, Herrscher, die breite Öffentlichkeit sowie die demografischen und geografischen Gegebenheiten der Städte und teilte anekdotische Erinnerungen. Der Bericht endet jedoch mit seiner Rückkehr in seine Heimat nach Balkh, und die Einzelheiten seines weiteren Werdegangs bleiben weitgehend im Dunkeln.
Das Wenige, was über die letzten Jahrzehnte seiner Laufbahn bekannt ist, lässt sich aus beiläufigen Hinweisen in seiner Dichtung und anderen Werken sowie aus späteren legendären und hagiografischen Berichten zusammenfügen. Seine Aktivitäten als Missionar wurden in Balkh feindselig aufgenommen, so dass er schließlich gezwungen war , nach Osten in die bergige Provinz nach Yumgan (Provinz Badachschan) unter ismailitischer Provinzherrschaft zu fliehen. Unter dem Schutz wohlwollender lokaler Herrscher verfasste er während seines Exils in Badakhshan eine Reihe bedeutsamer Werke.
Nāṣir-i Khusraw wurde in den Jahrhunderten nach seinem Tod zum Gegenstand einer Vielzahl von Legenden und hagiografischen Berichten, während sich sein Schrein im Bezirk Yumgān, im heutigen afghanischen Badakhshan gelegen, zu einem bedeutenden Pilgerzentrum in der Region entwickelte. Seine Schriften bilden den intellektuellen Grundstein der zentralasiatischen ismailitischen Tradition, während sein Reisebericht und seine Dichtung bis heute in der gesamten persischsprachigen Welt große Popularität genießen.
Die abgelegene und gebirgige Region in der Provinz Badakhshan, im Nordosten Afghanistans nahe der Grenze zu Tadschikistan ist eine bemerkenswerte Landschaft mit einer reichhaltigen Kultur und von erheblicher historischer Bedeutung für Afghanistan. Badakhshan spielte eine zentrale Rolle als Knotenpunkt für den Handel und den kulturellen Austausch zwischen China und Westeurasien sowie zwischen Zentralasien und Indien, was zur Entwicklung vielfältiger Handelsbeziehungen und einem fruchtbaren Austausch unterschiedlicher Religionen und Kulturen führte. Bereits im 2. Jahrhundert CE führten Karawanenrouten, die Teil der Seidenstraße waren, durch das Pyanj-Tal im Pamir. Der Pyanj, traditionell als Ochus (Oxus) bekannt, ist ein Fluss, der durch Afghanistan und Tadschikistan fließt und als Nebenfluss des Amu Darya fungiert. Mit einer Länge von 921 km und einem Einzugsgebiet von 114.000 km² bildet er einen bedeutenden Teil der Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan.
Zusätzlich zu muslimischen Händlern spielten mittelasiatische Juden eine wesentliche Rolle in den vielfältigen Handelsnetzwerken, die diese Region durchzogen und Handelsstationen etablierten. Jüdische Kaufleute aus Buchara sowie anderen zentralasiatischen Zentren und Afghanistan beteiligten sich aktiv am Handel in den Hochgebirgen, um Edelsteine und diverse Waren zu akquirieren. Diese Handelsaktivitäten führten dazu, dass Personen aus verschiedenen Regionen, darunter Inder, Perser, Araber und Afghanen, in die Gebirgsregionen vordangen. Die Anwesenheit jüdischer Händler war charakteristisch für die urbanen Handelszentren an den Ausläufern des Pamir-Gebirges, während die muslimische Präsenz, insbesondere die der schiitischen Ismailiten, tief in den Bergtälern verankert war.
Die Geschichte der jüdischen Diaspora im und um das Pamir-Gebirge ist eng verknüpft mit dem interkontinentalen Handel entlang der Seidenstraße sowie der Entwicklung des Handels unter zentralasiatischen Juden. Obgleich im Hochgebirge kaum dauerhafte jüdische Siedlungen existierten, kontrollierten jüdische Händlernetzwerke bedeutende Knotenpunkte an den Rändern. Im 8. bis 10. Jahrhundert sind insbesondere die "Radhaniten" zu nennen, eine elitäre Gilde frühmittelalterlicher jüdischer Kaufleute, die zentrale Positionen einnahmen und die Weltwirtschaft maßgeblich beeinflussten. Diese Kaufleute sprachen mehrere Sprachen und verfügten über ein globales Handelsnetzwerk. Entschlossen, ihre Profite zu maximieren, nahmen sie jede waghalsige Unternehmung an und überbrückten weite Distanzen, während sie zugleich den Handel zwischen der christlichen und der muslimischen Welt förderten.
Viele Handelsstraßen, die zuvor im Rahmen des Römischen Reiches entstanden waren, blieben während dieser Zeit dank ihrer Initiativen bestehen. Ihr Handelsnetz erstreckte sich über umfangreiche Teile Europas, Nordafrikas, des Nahen Ostens, Zentralasiens sowie Teile Indiens und Chinas. Die geopolitischen Verhältnisse im 9. und 10. Jahrhundert eröffneten den Radhaniten die Möglichkeit, sich an die Spitze der internationalen Wirtschaftselite zu positionieren. Mit der Ausdehnung des Abbasidenkalifats über arabische Territorien war die Welt in zwei feindlich gesinnte, voneinander getrennte Domänen aufgeteilt: Das christliche Reich der Franken dominierte den Nordwesten, während das islamische Reich den Süden kontrollierte. Eliyahu Ashtor (hebräisch: אליהו אשתור; geb. Eduard Strauss, 1914–1984), ein österreichisch-jüdisch-israelischer Historiker, fasst diese Situation prägnant als „zwei feindlich gesinnte, voneinander getrennte Welten“ zusammen.
Die Isolation sowie die Feindseligkeiten zwischen den beiden theokratischen Reichen führten zu einer signifikanten Transformation der Handelsbeziehungen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es Handelsreisenden möglich, ohne nennenswerte Hindernisse vom Fernen Osten über den Nahen Osten nach Europa und weiter nach Spanien sowie in den Maghreb zu reisen. Jedoch führten die wiederholten militärischen Konflikte im Nahen Osten zu erheblichen Störungen der Handelskontakte und in manchen Fällen sogar zu einem kompletten Zusammenbruch des Austausches zwischen dem islamischen Osten und dem christlichen Westen.
Dies förderte den Aufstieg der Radhanitischen Kaufleuter, die in diesem Konflikt eine unternehmerische Chance erkannten und entschlossen waren, diese zu nutzen. Eliyahu Ashtor bemerkt, dass nach der Schließung des Mittelmeers für christliche Händler die Radhaniten in der Lage waren, die Vorherrschaft zu gewinnen. Sie konnten ohne Schwierigkeiten zwischen den beiden Reichen reisen, da sie offiziell keiner der beiden Seiten zugeschrieben werden konnten; somit fungierten sie als ideale Vermittler. Die Historikerin und Dozention, Elinoar Bareket, Achva Academic College, Israel ergänzt, dass die Radhaniten in jener Zeit nicht nur neutrale Händler, sondern auch Botschafter waren, die vielen Staaten erhebliche Einnahmen sicherten und folglich sowohl von der Karolinger-Dynastie als auch von muslimischen Herrschern verschiedene Privilegien erhielten.
Der erste, der die Geschichte der Radhaniten systematisch dokumentierte, war der arabische Geograph Ibn Khordadbeh (820/25-913 CE): In seiner Abhandlung "Buch der Wege und Königreiche" (arabisch: كِتَاب ٱلْمَسَالِك وَٱلْمَمَالِك, Kitāb al-Masālik wa-l-Mamālik), verfasst um das Jahr 870 CE unter dem abbasidischen Kalifen al-Mu'tamid, beschreibt er die Radhaniten als eine kultivierte und mehrsprachige Gruppe. Ibn Khordadbeh gibt eine ausführliche Beschreibung ihrer Handelsrouten, die sie nach China, Indien, Persien, den fränkischen Gebieten sowie nach Spanien und Marokko führten. Von dort aus reisten sie durch die Regionen des Maghreb und Ägypten in Richtung des Roten Meeres, bevor sie wieder in den Osten zurückkehrten.
Die Radhaniten spezialisierten sich primär auf den Transport von Gütern mit geringem Volumen, jedoch hoher Nachfrage. Ihr Handelsgut umfasste exotische Früchte, Korallen, Gewürze, Parfüm, Schmuck und seltene Seide, sowie Heilsalben und Moschusparfüm, das aus den Drüsen eines bestimmten Hirsches gewonnen wurde. Darüber hinaus werden auch Öle, Weihrauch, Stahlwaffen und Pelzein ihrem Warenangebot vermerkt. Zu den exportierten Waren zählten Zobel- und Mungo-Felle, allerlei Leder sowie kostbare Schwerter, die im Osten besonders hoch geschätzt wurden. Bei ihren Rückreisen führten sie Luxusgüter für die wohlhabenden und einflussreichen Personen des Westens, einschließlich Adliger, Könige und hochrangiger Kirchenvertreter, mit sich. Die Aktivitäten der Radhaniten beschränkten sich nicht nur auf den Handel mit renommierten Waren und diplomatischen Missionen; sie beteiligten sich auch am Handel von weniger humanen, jedoch äußerst lukrativen Gütern, darunter Sklaven. Angesichts des Verbots in den fränkischen Gebieten, christliche Sklaven zu kaufen oder zu verkaufen, handelten sie mit weißen heidnischen Sklaven aus slawischen Ländern, die im Osten und bei den Kalifen in Córdoba stark nachgefragt waren. Auch die Sklavinnen fanden großen Anklang, die in Spanien Unterricht in Gesang und Musik sowie eine gewisse Ausbildung erhielten, um ihre Besitzer zu unterhalten. Die langen Reisen, die sie unternahmen, waren sowohl gefährlich als auch kostenintensiv und erforderten Ressourcen, über die ausschließlich die Radhaniten verfügten, da sie äußerst wohlhabend waren. Sie bildeten eine exklusive und kleine Zunft, die durch ein solides finanzielles Sicherheitsnetz gekennzeichnet war.
Im frühen Mittelalter schlossen muslimische Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika sowie christliche Königreiche in Europa häufig die Häfen für Händler der jeweils anderen Seite. Freibeuter beider Lager unternahmen gezielte Übergriffe auf die Schiffe ihrer Gegenspieler. Die Radhaniten traten als neutrale Vermittler auf und sicherten die Kommunikations- und Handelsrouten zwischen den Ländern des ehemaligen Römischen Reiches und dem Fernen Osten.
Aufgrund der beträchtlichen Einnahmen, die sie generierten, genossen jüdische Kaufleute während der frühen Karolingerzeit in der gesamten muslimischen Welt erhebliche Privilegien, ein Umstand, der gelegentlich den Unmut lokaler kirchlicher Autoritäten erregte. Während der Handel zwischen Europa und Ostasien traditionell oft über persische und zentralasiatische Zwischenhändler abgewickelt wurde, gehörten die Radhaniten zu den Pionieren, die ein Handelsnetzwerk etablierten, das sich von Westeuropa bis nach Ostasien erstreckte. Sie betrieben diesen Handel regelmäßig über einen längeren Zeitraum und dies bereits Jahrhunderte bevor der venezianische Händler Marco Polo (1254-1324 CE) und der berberische Rechtsgelehrte sowie Reiseautor Ibn Battuta (1304-1368 oder 1377 CE) ihre Reiseberichte aus dem Orient an die christliche bzw. muslimische Welt überbrachten. Es wird angenommen, dass Ibn Battuta auf seinen Reisen mit muslimischen Händlern, die ähnlichen Routen wie die Radhaniten nahmen, im Orient unterwegs war. Während viele Historiker traditionellerweise der Meinung sind, dass die Kunst der chinesischen Papierherstellung über arabische Händler nach Europa gelangte, die das Wissen von Kriegsgefangenen aus der Schlacht von Talas erlangt hatten, vertreten einige die Auffassung, dass jüdische Händler wie die Radhaniten eine entscheidende Rolle bei der Einführung der Papierherstellung in den Westen spielten.
Historisch betrachtet haben jüdische Gemeinschaften seit der Antike Akkreditive verwendet, um beträchtliche Geldsummen sicher und ohne das Risiko von Diebstahl zu transportieren. Diese Praxis wurde insbesondere von mittelalterlichen jüdischen Kaufleuten, den Radhaniten, signifikant weiterentwickelt, wodurch sie als Vorläufer der im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit entstandenen Bankinstitute angesehen werden können. Einige Forscher vermuten, dass die Radhaniten eine maßgebliche Rolle bei der Bekehrung der Chasaren zum Judentum gespielt haben könnten. Zudem wird angenommen, dass sie an verschiedenen Knotenpunkten ihrer Handelsrouten jüdische Gemeinden gründeten und entscheidend zur frühen jüdischen Besiedlung in Osteuropa, Zentralasien, China und Indien beitrugen.
Die Aktivitäten der Radhaniten scheinen im 10. Jahrhundert eine Stagnation erfahren zu haben. Mögliche Ursachen hierfür sind der Niedergang des Tang-Reiches im Jahr 908 CE sowie der anschließende Zerfall des chasarischen Staates etwa sechzig Jahre später (zwischen 968 und 969 CE), was zu instabilen Handelswegen führte. Die Macht der Chasaren wurde Ende des 10. Jahrhunderts von der Kiewer Rus mit der Zerstörung der Hauptstadt Atil gebrochen, und die Chasaren verschwanden weitgehend aus der Geschichte. Diese Situation wurde durch das Aufkommen expansionistischer turkisch-persischer Staaten weiter verschärft. Infolgedessen erlebte die Seidenstraße über mehrere Jahrhunderte hinweg einen signifikanten Rückgang.
In dieser Zeit blühten die italienischen Handelsstädte, insbesondere die Seerepubliken Genua, Venedig, Pisa und Amalfi, auf und betrachteten die Radhaniten als unerwünschte Konkurrenten. Das Verschwinden der Radhaniten hatte nachhaltige Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft. Historische Quellen belegen beispielsweise, dass viele Gewürze, die im frühen Mittelalter regelmäßig verzehrt wurden, im 10. Jahrhundert nahezu vollständig aus den europäischen Küchen verschwanden. Zuvor hatten jüdische Kaufleute in weiten Teilen Westeuropas ein quasi-monopolartiges Eigentum am Gewürzhandel inne. Der Sklavenhandel hingegen wurde offenkundig von anderen Akteuren fortgeführt. Der Chronist Helmold von Bosau (um 1120 - nach 1177 CE), ein Geistlicher und Autor der in lateinischer Sprache verfassten "Chronica Slavorum" (1167 CE), dokumentiert, dass 700 versklavte Dänen von slawischen Piraten in Mecklenburg zum Verkauf angeboten wurden. Im Schwarzmeerraum scheint der Sklavenhandel von den Tataren übernommen worden zu sein, die insbesondere versklavte Slawen an die Osmanen verkauften.
Eine Hypothese besagt, dass eine Sammlung jüdischer Schriftrollen aus dem 11. Jahrhundert, die im Jahr 2011 in einer Höhle in der afghanischen Provinz Samangan entdeckt wurde, möglicherweise auch einen Nachlass der Radhaniten in dieser Region darstellt.
Der Begriff "Radhaniten" findet sich lediglich in einer begrenzten Anzahl primärer Quellen, und es bleibt unklar, ob er sich auf eine spezielle Zunft, einen Clan oder allgemein auf jüdische Kaufleute innerhalb des trans-eurasischen Handelsnetzwerks bezieht. Ibn al-Faqihs, ein persischer Historiker und Geograph des 10. Jahrhunderts, bekannt für sein um das Jahr 903 CE verfasstes Werk "Mukhtaṣar Kitāb al-Buldān“, eine Geographie aus dem frühen 10. Jahrhundert erwähnt die Radhaniten gleichfalls; viele seiner Informationen stammen jedoch aus dem Werk von Ibn Khordadbeh.
Die viel diskutierte Frage nach dem Ursprung der Radhaniten und ihrem historischen Eintritt in die Geschichtsschreibung wird durch verschiedene Erklärungen beleuchtet. Für den Begriff „Radhanit“ wurden unterschiedliche etymologische Ansätze vorgeschlagen. Wissenschaftler wie der französische Historiker und Orientalist Barbier de Meynard (1826-1908) und Moshe Gil (1921-20149), ein israelischer Mediävist und Wirtschaftshistoriker, vermuten, dass er sich auf eine Region in Mesopotamien bezieht, die in zeitgenössischen arabischen und hebräischen Texten als „das Land Radhan“ dokumentiert ist. Eine alternative Hypothese deutet darauf hin, dass der Name möglicherweise von der Stadt Ray (Rhages) im nördlichen Iran abgeleitet ist. Darüber hinaus existiert die Annahme, dass der Begriff von den persischen Wörtern (راه rāh) „Weg, Pfad“ und (دان dān) „der Wissende“ abgeleitet ist, was „derjenige, der den Weg kennt“ bedeutet.
Zwei westliche jüdische Historiker, der britische Historiker und Kunstkenner Cecil Roth ( 1899-1970 ) sowie Claude Cahen (1909- 1991), ein französischer Orientalist und Historiker der Islamischen Welt, haben eine Verbindung zum Namen des Rhône-Tals in Frankreich vorgeschlagen, das auf Lateinisch Rhodanus und auf Griechisch Rhodanos (Ῥοδανός) bezeichnet wird. Sie argumentieren, dass sich das Zentrum der Aktivitäten der Radhaniten mutmaßlich in Frankreich befand, da alle ihre Handelsrouten dort ihren Ursprung hatten. Englischsprachige und andere westliche Quellen ergänzten den Begriff um das Suffix -ite, welches charakteristisch für ethnische Bezeichnungen oder von Orten abgeleitete Namen ist.
Im Mittelalter spielten jüdische Händler, einschließlich der Bucharischen Juden, eine hochspezialisierte Rolle im internationalen Fernhandel. Sie fungierten häufig als Vermittler und nutzten Handelsrouten durch Zentralasien, wobei sie das Pamir-Gebirge, eines der anspruchsvollsten Gebirge der Region, auf dem Weg nach Kaschgar (China) überqueren mussten. In den letzten Jahren hat das akademische Interesse an den Bucharischen Juden erheblich zugenommen. Dennoch zählt die Geschichte der jüdischen Gemeinschaften in Zentralasien zu den am wenigsten erforschten Themen innerhalb der jüdischen Diaspora. Die Juden Zentralasiens bilden eine heterogene Gruppe, deren Vorfahren bereits in vorislamischer Zeit in dieser Region ansässig waren.
Die ältesten archäologischen Funde zu jüdischen Siedlungen im heutigen Turkmenistan datieren bis ins 1. Jahrhundert BC. Zur Zeit der Islamisierung stellte Samarkand ein zentrales Zentrum jüdischen Lebens in Zentralasien dar. Benjamin von Tudela, ein bedeutender jüdischer Forschungsreisender und Autor des „Sefer ha massa‘ ot“ („Buch der Reisen“), schätzte im 12. Jahrhundert die jüdische Bevölkerung dieser Oasenstadt auf etwa 30.000. Zudem existierten in zahlreichen anderen Städten entlang der Seidenstraße bis nach China sowohl größere als auch kleinere jüdische Gemeinden, die sich auf den Fernhandel spezialisierten oder handwerkliche Tätigkeiten ausübten.
Mit der Teilung des Mongolenreichs entstanden verschiedene Herrschaftsstrukturen, die jeweils unterschiedliche interne Entwicklungen durchliefen. Die zunehmende Isolation dieser neuen Staaten behinderten den Austausch zwischen den dort ansässigen jüdischen Gemeinschaften. Ab dem 16. Jahrhundert lebte die Mehrheit der Juden nördlich des Amu-Darja (dem heutigen Grenzfluss zu Afghanistan) in den Städten des Emirats Buchara. Ähnlich wie die Juden in Persien und Afghanistan verwendeten sie Persisch als primäres Kommunikationsmittel sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form. Das sprachliche Umfeld, in dem die Juden Zentralasiens lebten, war seit dem 10. Jahrhundert überwiegend von der persischen Sprache geprägt. Für die Bucharischen Juden stellte Persisch das wichtigste Kommunikationsmittel dar, während sie ihre schriftlichen Aufzeichnungen in einem hebräisch basierten Schriftsystem verfassten. Hebräisch fand fast ausschließlich für liturgische Zwecke Anwendung; in der Alltagssprache, die zahlreiche regionale Dialekte integrierte, waren lediglich vereinzelt hebräische Wörter in Gebrauch.
Die jüdischen Händler nutzten ihre umfangreichen Netzwerke, um wertvolle Waren aus den schwer zugänglichen Gebieten des Pamir und Zentralasiens zu exportieren und im Gegenzug technologische sowie luxuriöse Güter zu importieren. Ihr Fokus lag auf Produkten mit geringem Volumen, jedoch hohem Marktwert, um die ökonomischen Risiken, die mit den schwierigen Bergpassagen verbunden waren, zu rechtfertigen.
Händler aus bedeutenden Städten wie Buchara übernahmen häufig den Erwerb von Halbedel- und Edelsteinen, einschließlich Rubinen (Spinellen) und Lapislazuli, direkt von lokalen Minenbesitzern. Die jüdische Gemeinschaft in Buchara besaß nahezu ein Monopol auf die Seidenfärberei sowie die Verarbeitung von Rohseide in dieser Region. Sie exportierten veredelte Seidengarne und hochwertige Textilien, wobei insbesondere die Wolle und Lockenfelle der Karakul-Schafe über jüdische Handelsstationen bis nach Europa und Russland gelangten.
Als Vermittler zwischen Ost und West handelten sie mit in den Hochgebirgen gewonnenem Moschus sowie mit seltenen Kräutern und Farbstoffen. Im Gegenzug führten die Karawanen Waren in die Region Pamir ein, die das tägliche Leben bereicherten oder als Statussymbole fungierten. Metallwaren und hochwertige Stahlschwerter aus dem Westen sowie persische Klingen wurden als wertvolle Tauschobjekte geschätzt. Haushalts- und Luxuswaren wie Zucker, Glaswaren, Spiegel und edle Lederprodukte wurden aus Russland und Europa importiert. Des Weiteren fand die Übertragung des Wissens über die Papierherstellung von China in den Westen über diese Handelsrouten statt, wobei jüdische Händler als wesentliche Distributoren agierten.
Ein wesentlicher Vorteil jüdischer Händler war die Verwendung von Schuldscheinen (Promissory Notes). Durch die bestehenden Gemeinden entlang der Handelsrouten waren sie in der Lage, finanzielle Transaktionen durchzuführen, ohne physisches Gold durch gefährliches Gelände wie das Pamir transportieren zu müssen. Viele dieser Händler waren mehrsprachig (Arabisch, Persisch, Hebräisch, Griechisch), was sie zu hervorragenden Vermittlern zwischen den ansässigen Bergbewohnern und den großen Märkten machte.
Die Provinz Badakhshan grenzt im Norden an Tadschikistan, im Nordosten an die chinesische Region Xinjiang, sowie im Süden und Westen an die afghanischen Provinzen Takhar, Kunduz und Panjshir. Innerhalb der Provinz Badakhshan befindet sich der berühmte Wakhan-Korridor, ein schmaler Landstrich im Nordosten Afghanistans. Er erstreckt sich zwischen der Grenze zu Tadschikistan im Norden und derjenigen zu Pakistan im Süden bis zu einer kurzen Grenze zwischen Afghanistan und China im Osten. Seine Länge beträgt ungefähr 300 km, seine Breite variiert zwischen 17 und über 60 km. Bewohnbar ist das Gebiet praktisch nur im Tal des Wachandarja, denn schon dieser Hauptfluss des Gebiets verläuft in Höhen zwischen etwa 2700 und 4000 Meter. Dieser Korridor trennt dabei das Territorium Tadschikistans im Norden von dem Pakistans im Süden.
Obgleich dieses Gebiet äußerst schwer zu überqueren ist, wurde der Korridor seit der Antike als Handelsroute zwischen Badachschan und Yarkant genutzt. Yarkant, meist als als Yarkand bezeichnet liegt in der Region Xinjiang Uygur im Nordwesten Chinas, am südlichen Rand der Taklamakan-Wüste im Tarim-Becken und war einst Sitz eines alten buddhistischen Königreichs am südlichen Zweig der Seidenstraße sowie des Khanats von Yarkand. Das Gebiet von Yārkand wird erstmals im „Buch der Han“ (1. Jahrhundert v. Chr.) als „Shaju“ erwähnt, was wahrscheinlich mit dem Namen der iranischen Saka-Stämme in Zusammenhang steht. Beschreibungen im Hou Hanshu („Geschichte der Späteren Han“) geben Einblicke in die komplexe politische Lage, mit der China konfrontiert war, als es im 1. Jahrhundert CE versuchte, die „Seidenstraßen“ nach Westen zu öffnen.
Historisch diente die Region als Grenze zwischen West- und Ostasien und war daher eine bedeutende Route der Seidenstraße, die aufgrund ihrer Ost-West-Ausrichtung und Verbindung zu unterschiedlichen Korridoren als Schmelztiegel der Ethnien, Kulturen und Religionen gilt. Hier fand ein reger Austausch in Wissenschaft und Technologie statt. Einst ein entscheidender Abschnitt der Seidenstraßen-Handelsrouten, diente dieser Korridor als wichtige Verbindungsroute zwischen Zentralasien und dem indischen Subkontinent. Auch weist diese Region eine historische Verbindung zur ismailitischen schiitischen Islamgemeinschaft auf und wurde im Laufe der Geschichte von verschiedenen Dynastien und Reichen beeinflusst.
Die Gebirgsregion, die später als Badakhshan bekannt wurde, war in der Antike für ihre Edelsteinvorkommen, insbesondere Lapislazuli und verschiedene Arten von Turmalin, berühmt, welche von den Ägyptern und Griechen hoch geschätzt wurden. Der Abbau dieser Edelsteine reicht zurück bis ins alte Mesopotamien um 3500 v. Chr. Im Laufe der Geschichte spielte diese strategisch bedeutsame Gebirgsregion eine zentrale Rolle als Handelsdrehkreuz zwischen China und Westeurasien sowie zwischen Zentralasien und Indien.
Frühere muslimische geografische Quellen beschreiben Badakhshan als Teil des östlichen Abschnitts einer historischen Provinz namens "Tukharistan", die sich von der Stadt Balkh (in der Nähe des heutigen Mazar-i Sharif im nördlichen Afghanistan) bis zum Pamir-Gebirge erstreckte. Eine Vielzahl sowjetischer archäologischer Expeditionen im östlichen Pamir-Gebirge brachte die Überreste einer bedeutenden Bergbausiedlung im Bazar Dara-Tal zutage, die im 10. und 11. Jahrhundert eine florierende Gemeinschaft beherbergte. Bazar Dara (Bāzār Darra, Tágh Nák, Tokanak oder Maza Dala) war eine kleine Bergbausiedlung am Zusammenfluss von Bazar Dara und Yarkand, südlich des Kunlun-Gebirges in der chinesischen Region Xinjiang, angrenzend an die Taklamakan-Wüste. Das Silber, das in diesen Minen abgebaut wurde, lässt sich durch Karachaniden-Münzen aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts nachweisen. An der Stätte fanden sich auch Dokumente in arabischer und neupersischer Sprache, was die Existenz einer bedeutenden Händlergemeinschaft in der Region belegt. Der Ort scheint im frühen 12. Jahrhundert aus unbekannten Gründen weitgehend aufgegeben worden zu sein.
Der Wakhan-Korridor stellte einen der strategisch bedeutendsten Abschnitte der Seidenstraße dar. Für jüdische Händler, insbesondere die Radhaniten (8.-10. Jh. n. Chr.) und später die bucharischen Juden, war dieses schmale Tal der entscheidende Durchgang, um das Pamir-Gebirge in Richtung China zu überqueren. Die Händler nutzten das Tal als natürliche Verbindung zwischen dem heutigen Afghanistan, Tadschikistan und dem chinesischen Xinjiang. Die Route führte von den Handelszentren Balkh oder Kunduz (Afghanistan) entlang des Pandsch-Flusses tief in den Wakhan-Korridor.
Historische Handelsplätze wie Ishkoshim im Südosten Tadschikistans fungierten als Grenzmärkte, an denen Waren umgeschlagen wurden. Von Langar aus verließen die Händler das fruchtbare Tal und bewältigten den beschwerlichen Khargush-Pass (4.344 m), um weiter in östlicher Richtung nach Kaschgar zu ziehen. Langar liegt im oberen Teil des Wakhan-Tals, Tadschikistan, wo die Flüsse Wakhan und Pamir zusammenfließen. Es liegt auf einer Höhe von über 3000 Metern über dem Meeresspiegel und ist bekannt für seine Petroglyphen, die eine wichtige kulturelle und archäologische Bedeutung haben und eine der größten Ansammlungen in Tadschikistan darstellen.
Im Gegensatz zu den nördlicheren Routen über den heutigen "Pamir-Highway" bot der Wakhan-Korridor spezifische Vorteile. Das Tal liegt deutlich niedriger als das Hochplateau (etwa 2.000 bis 3.000 m), was die Reise für Mensch und Tier bis zum finalen Aufstieg erheblich erleichterte. Entlang des Pandsch-Flusses fanden sich Weideflächen und Wasser für die Lasttiere.
Die jüdischen Händler profitierten von ihrer Vielsprachigkeit und ihrer Stellung als religiös neutrale Akteure, die sowohl mit den buddhistischen Reichen im Osten als auch mit den muslimischen Kalifaten im Westen Handel treiben konnten. Sie etablierten zudem im Wakhan ein System von Schuldscheinen, das es ermöglichte, Warenwerte über weite Strecken zu transportieren, ohne physisches Gold durch das gefährliche Grenzgebiet transportieren zu müssen. Archäologische Funde in Zentralasien, wie Fragmente hebräischer oder judeo-persischer Manuskripte und Gebetstexte, belegen, dass jüdische Händler diese Routen nicht nur kurzfristig bereisten, sondern entlang der Strecke auch Stützpunkte und religiöse Gemeinschaften unterhielten.
Die Handelsstützpunkte der Gemeinschaft der Bucharischen Juden umfassten bedeutende Städte wie Buchara, Samarkand und Khujand. Diese Zentren dienten als Ausgangspunkt für Karawanen, die in die Bergregionen des Pamir vordrangen, um seltene Rohstoffe wie Rubine (Spinelle) und Lapislazuli zu beschaffen. Die Bucharischen Juden kommunizierten in Buchori (Judeo-Tadschikisch), einem Dialekt des Tadschikischen mit hebräischen Elementen, was den Austausch mit der lokalen Bevölkerung im Pamir erleichterte.
Im Wakhan-Tal befanden sich strategisch wichtige Festungen, darunter die Festung Yamchun, auch bekannt als Zamir-i-Atash-Parast ("Festung der Feueranbeter"), aus dem 3. Jahrhundert BC, die sich in etwa 8 km Entfernung vom Dorf Yamg auf einer hohen Klippe über dem Wakhan-Tal erhebt. Eine weitere bedeutende Festung ist Khakha (auch Kaakha oder Qah Qaha), die sich auf einer imposanten natürlichen Klippe über dem Fluss Panj südöstlich der Stadt Ishkashim befindet und auf das 2. Jahrhundert BC datiert wird. Diese Festungen, die als "Wächter der Seidenstraße" fungierten, so auch die Festung Abrashim Qala ("Seidenfestung") in Zong, 5 km westlich von Langar gelegen, waren entscheidend für den Schutz der Karawanen, die von China nach Afghanistan und Indien reisten, sowie für die Kontrolle der Handelsrouten, die über den Pamir nach China führten. Diese Infrastruktur war für die muslimischen und jüdischen Händlergemeinschaften von immenser Bedeutung, da sie sichere Lagerplätze für wertvolle Handelsgüter boten und in unmittelbarer Nähe Karawansereien unterhielten, in denen Händler Informationen austauschten und sich versorgten. Die Herrscher des Wakhan finanzieten ihren Lebensunterhalt durch Abgaben, die an diesen strategischen Punkten von den Händlern erhoben wurden.
Im Spätsommer 2019 besuchte ein Forschungsteam des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) im Rahmen einer Kampagne des DFG-Projekts „RESAF – Ressourcen und antiker Bergbau in Afghanistan“ archäologische Stätten sowie Museen in Tadschikistan. Ziel dieser Untersuchungen war die Analyse prähistorischer Edelsteine und metallischer Artefakte mittels eines tragbaren Röntgenfluoreszenzanalysators (RFA). Neben Objekten aus Gold, Silber, Blei und Kupferlegierungen wurden auch Schmuckstücke aus Lapislazuli und Türkis untersucht, um einen geochemischen Fingerabdruck zu erstellen.
Die Ergebnisse dieser Analysen sollen dazu beitragen, die Rohstoffquellen des Metall- und Edelsteinhandels während der Kupfer- und Bronzezeit in Zentralasien und darüber hinaus zu identifizieren. Im Zuge der Feldstudien im Hochgebirge des Pamir wurden spezifische Fundstellen von Lapislazuli besucht, sowie Siedlungsmuster und frühere Landnutzungen im Zusammenhang mit diesen Vorkommen dokumentiert. Das Wissen um die Verfügbarkeit von Lapislazuli im Pamir wurde seit Generationen von den einheimischen Schugnan sprechenden Pamiri bewahrt und durch mündliche Überlieferungen weitergegeben. Erst im Jahr 1930 wurde dieses Wissen durch eine unter sowjetrussischer Leitung stehende geologische Expedition wissenschaftlich belegt. Diese Expedition hatte die Möglichkeit, die Lagerstätte mithilfe ortskundiger Jäger und Hirten aufzusuchen und zu beproben. Geologen schätzen die Gesamtmenge des Lapislazuli-Vorkommens auf etwa 500 Tonnen, von denen bis in die 1990er Jahre rund 190 Tonnen durch ein Stollensystem, das mehr als acht übereinanderliegende Horizonte umfasst, abgebaut wurden. Das Vorkommen im Pamir wurde in der westlichen Forschung bislang weitgehend ignoriert und erheblich unterschätzt, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass es sich in einem schwer zugänglichen Grenzgebiet befindet und die einschlägige russische sowie tadschikische Literatur außerhalb der ehemaligen Sowjetunion kaum gewürdigt wurde.
Der Lapislazuli trat ursprünglich in ausgeprägten, mehrere Meter breiten blauen Adern in einer bis zu 120 Meter hohen senkrechten Felswand aus weißem Marmor zutage. Dies erklärt die in den überlieferten Erzählungen erwähnte Metapher eines Lapislazuli-Flusses. Der tadschikische Begriff „Ladschuardara“, dessen Wurzeln im Persischen „lājvard“ für Lapislazuli und „dara/darjā“ für Fluss stehen, könnte sich mithin nicht ausschließlich auf den Gletscherbach beziehen, der Gerölle des blauen Steins transportierte. Vielmehr ist es wahrscheinlicher, dass damit die beeindruckende Erscheinung des blau strahlenden „Flusses“ der Lapislazuli-Ader gemeint ist, die die blendend weiße Marmorwand durchzog, und diese Vorstellung über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit, wie in dem Gedicht von Nāṣir-i Khusraw, überliefert bleibt.
Im Rahmen der ersten Expedition im Jahr 2019 konnten im Pamir, neben bereits bekannten, auch bisher unerforschte archäologische Fundstätten dokumentiert werden. Diese befinden sich in der Bergkette im südwestlichen Pamir, insbesondere im Tal des Schachdara sowie im Badomdara-Tal, in unmittelbarer Nähe zu den Lapislazuli-Vorkommen. Die für das DAI-Forschungsteam relevanten Funde im Schachdara-Tal datieren auf die Bronze- und Eisenzeit, wobei jedoch kein Material identifiziert wurde, das älter ist. Die Schachdarakette bildet die Wasserscheide zwischen dem Fluss Schachdara im Norden und dem Oberlauf des Pandsch im Süden sowie Westen. Felsbilder, die in dieser Region bis in Höhenlagen von über 4600 Metern dokumentiert sind, lassen sich jedoch oft nicht einfach chronologisch einordnen.
Im Rahmen der ersten Kampagne des DAI konnte das Forschungsteam im Jahr 2019 die Zugangsbedingungen zur Lapislazuli-Lagerstätte umfassend untersuchen und den Prozess der Dokumentation von Siedlungsspuren in der unmittelbaren Umgebung einleiten. Nur wenige Meter unterhalb der Lagerstätte befindet sich ein kleines Mausoleum, auch als „Mazār“ oder persisch „Imamzadeh“ bekannt, in dem eine bemerkenswerte Sammlung von Artefakten aufbewahrt wird. Neben charakteristischen Lampen und Leuchtern, die auf das Hochmittelalter datiert werden, fanden sich archaische Artefakte, wie beispielsweise Amboßsteine und ein Libationsgefäß aus Steatit, deren chronologische und kulturelle Einordnung gegenwärtig noch herausfordernd ist. Besonders hervorzuheben sind mehrere hochwertige Lapislazuli-Stücke, die teilweise primitive Bohrungen aufweisen und daher als Halbfabrikate klassifiziert werden können, sowie abgenutzte Steinhämmer aus widerstandsfähigem Material, die deutliche Arbeitsspuren aufweisen. Diese Funde sind Relikte eines sehr alten Lapislazuli-Bergbaus. Alle Steine in diesem Heiligtum, insgesamt über ein Dutzend, wurden sekundär als Lampen verwendet, indem Schafstalg, unter Einsatz von Dochten aus Schafswolle, als Opfergabe verbrannt wurde. Das Sammeln speziell geformter Steine und Artefakte an heiligen Orten ist Teil eines Ritus, der im Pamir bis heute weit verbreitet ist und dessen Wurzeln tief in die Geschichte zurückreichen. Dies ist insbesondere von Interesse für die archäologische und ethnologische Forschung des Hochgebirges.
Die tadschikischen Lapislazuli-Lagerstätten sowie die nur etwa 150 Kilometer luftlinientfernten afghanischen Minen bei Sar-e Sang befinden sich an den Zuflüssen eines der größten Flüsse Zentralasiens, dem Amu-Darja, der in den Aralsee mündet. Sar-e Sang, gelegen im Bezirk Kuran va Munjan der Provinz Badachschan in Afghanistan, befindet sich auf einer Höhe von 2560 Metern über dem Meeresspiegel. Bereits in der Antike war der westliche Hindukusch, zu dem dieser Ort gehört, für seine umfangreichen Vorkommen an Lapislazuli (seit etwa 6000 Jahren) sowie an Lasurit und Sodalit in hervorragender Schmuckstein-Qualität bekannt. Sodalit ist ein relativ seltenes Mineral aus der Mineralklasse der Silikate und Germanate. Lasurit findet sich insbesondere als färbender Bestandteil des Lapislazuli, existiert jedoch auch in reiner Form als körnige bis massive Mineralaggregate oder als Einkristalle. Lasurit wurde in der Lapislazuli-Lagerstätte Ladjuar Medam nahe Sar-e Sang entdeckt und 1890 von Waldemar Christofer Brøgger und H. Bäckström wissenschaftlich beschrieben. Sie benannten das Mineral aufgrund seiner Farbe nach dem persischen Wort لاژورد / lāžward, was „blau“ beziehungsweise „Himmelsblau“ bedeutet. Für die Minerale Afghanit und Lasurit gilt Sar-e Sang, insbesondere die nahegelegene Lapislazuli-Lagerstätte Ladjuar Medam (Lajur Madan), als Typlokalität.
Der Fluß Amudarja, auch bekannt als Amudarya oder Amu-Darja (persisch: آمودریا, Āmūdaryā), war in der Antike als Oxos oder Oxus bekannt und spielt seit Jahrtausenden eine zentrale Rolle in der westlichen Region Zentralasiens. Er ermöglicht den kulturellen, wirtschaftlichen und technologischen Austausch und verbindet bedeutende Handelswege, die zwischen den großen Oasenstädten und Machtzentren in Gebirgen sowie Steppen verlaufen. Bereits in frühen Zeiten wurden über diverse Pässe Verbindungen in südlicher und südöstlicher Richtung hergestellt, weshalb es nicht überrascht, dass Lapislazuli bereits in Fundstätten des 7. Jahrtausends BC, wie beispielsweise Mehrgarh in Pakistan, nachgewiesen werden konnte. Der Gebrauch dieses Materials nahm sowohl im Chalkolithikum als auch in der Bronzezeit kontinuierlich zu und ist in nahezu allen Hochkulturen des südwestasiatischen Raums bis nach Nordostafrika zu finden. Funde sind unter anderem im Bereich der Induskultur sowie in Belutschistan, Afghanistan, im Baktrisch-Margianischen Archäologischen Komplex (BMAC), im Iranischen Hochland sowie in Mesopotamien, der Levante und bis nach Ägypten und Anatolien dokumentiert.
Allerdings scheint der Lapislazuli in der Urgeschichte entlang der Kaukasusregion und im nördlichen und nordöstlichen Raum relativ selten zu sein. In den Steppengebieten war in der Bronzezeit insbesondere Türkis der vorherrschende Schmuckstein, der auch in den südlichen Regionen weit verbreitet war. Im Nordwesten Tadschikistans, im Übergangsbereich von Gebirgen zu Steppen- und Oasengebieten, befindet sich die UNESCO-Weltkulturerbestätte Sarazm (Provinz Sughd). Diese Stätte war im Neolithikum und Chalkolithikum ein bedeutendes Zentrum am Serafschan-Fluss und in der Nähe der berühmten Stadt Samarkand, die später eine zentrale Rolle entlang der Seidenstraße einnehmen sollte. Sarazm zeichnet sich durch einen Reichtum an Schmuckstücken aus Edelmetallen und Edelsteinen aus, darunter Türkis, Karneol, Achat, Marmor, Alabaster sowie Lapislazuli, wie das beeindruckend ausgestattete Grab der „Prinzessin von Sarazm“ belegt. Die „Prinzessin von Sarazm“, die im Nationalmuseum von Tadschikistan in Duschanbe ausgestellt ist, stellt eine bedeutende bestattete Person aus der Chalcolithikum- und Frühbronzezeit dar, die auf etwa 3000 BC datiert wird. Das Grab weist außergewöhnlich gut erhaltene Beigaben auf, darunter Perlen aus Lapislazuli, Türkis, Jaspis sowie Bronzespiegel und Schmuck, die auf ihren hohen sozialen Status hinweisen. Die Analyse des Grabes zeigt eine enge Verbindung zwischen Zentralasien und den südlichen Regionen wie der Indus-Region sowie Afghanistan und belegt die weitreichenden Handelsbeziehungen bereits um 3000 BC.
Das Forschungsteam des Deutschen Archäologischen Institut (DAI) dokumentierte zudem bearbeitete Stücke aus Lapislazuli, die auf eine lokale Verarbeitung des Rohmaterials hindeuten. Diese Steine sind von besondere Bedeutung, da sie anhand ihres geochemischen Fingerabdrucks und im Vergleich mit Proben aus dem Bergwerk im Pamir eine frühe Nutzung der tadschikischen Lagerstätte belegen könnten. Aufgrund der äußerst komplexen und in bestimmten Bereichen variablen chemischen Zusammensetzung sind unterschiedliche analytische Methoden erforderlich, um die Artefakte eindeutig einer spezifischen Lagerstätte zuzuordnen. Daher wurden vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) erstmals umfassende Untersuchungen der Lapislazuli-Rohstücke aus Sarazm mittels Mikroskopie und portabler Röntgenfluoreszenzanalyse (pRFA) durchgeführt. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, müssen jedoch durch komplementäre Labormethoden validiert werden, um eine unabhängige und fundierte Bewertung zu ermöglichen. Sobald die Methodik optimiert ist, wird es möglich sein, Fundstücke aus den frühen Hochkulturen hinsichtlich ihrer Rohmaterialherkunft zuzuordnen und somit deren Verbreitung über die komplexen Austauschnetzwerke im südwestlichen Eurasien nachzuvollziehen.
Im 7. Jahrhundert war ein Großteil der Region Badakhshan unter der Herrschaft der Westtürken, deren Herrscher den Titel "Yabghu" trugen, während auch einige lokale Herrscher der Hephthaliten-Konföderation Teile der Region kontrollierten. Der Buddhismus stellte die vorherrschende Religion im vorislamischen Tukharistan dar und erhielt bedeutende politische Unterstützung; auch der Zoroastrismus war in der Region präsent. In den ländlichen Gebieten wurden zudem zahlreiche lokale Traditionen gepflegt. Die ersten arabischen Invasionen in Tukharistan begannen im Jahr 652 CE, kurz nach der Vollendung der Eroberung des Iran, doch die arabische Eroberung der Region gestaltete sich als langwierig, war mit zahlreichen Rückschlägen verbunden und kam schließlich kurz vor Badakhshan zum Stillstand.
Während Badakhshan im 10. Jahrhundert offenbar fest unter muslimischer Herrschaft stand, zeigen geografische Berichte aus dieser Zeit, dass es ähnlich wie die Region in Ghur (Chorasan) nach wie vor eine Grenzregion war, in der eine bedeutende nicht-muslimische Bevölkerung, darunter Juden und andere Religionsgemeinschaften sowie lokale Strömungen - wie von Nāṣir-i Khusraw in seiner Gedichtsammlung "Diwan" bestätigt - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen koexistierten. Bis ins 12. Jahrhundert nahm die Region innerhalb der muslimischen Welt weitgehend eine Randstellung ein. Ihr Status änderte sich erheblich im Zuge der mongolischen Eroberungen, aus denen Badakhshan als ein deutlich vergrößertes und autonomes Königreich hervorging, das fortan eine zentrale Rolle in der politischen Geschichte Zentralasiens und Afghanistans spielte.
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Rabbi Benjamin von Tudela Reisebericht (ca. 1165-1173 CE)
Im Jahr 1160 unternahm ein spanischer "Rabbiner" eine bemerkenswerte Reise, die nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Wissen seiner Zeit nachhaltig beeinflussen sollte. Bei seiner Rückkehr brachte er eine bedeutende Sammlung an Erkenntnissen über jüdische Gemeinschaften in weit entfernten Ländern mit. Benjamin von Tudela (hebräisch: בִּנְיָמִין בֶּן יוֹנָה מִטּוּדֵלָה), auch bekannt als Benjamin ben Jona oder Benjamín bar Jonás de Tudela, wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Tudela, im Königreich Navarra, geboren und verstarb um 1173 CE in Kastilien. Obwohl die genauen Daten seines Lebens weitgehend unbekannt sind, ist bekannt, dass er in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Spanien lebte.
Der Zeitraum seiner Reisen wird auf etwa 1165 bis 1173 CE datiert, gestützt durch Angaben aus seinem eigenen Werk, dem „Buch der Reisen“. Von diesem Reisetagebuch existieren zwei frühe Druckausgaben: eine von Eliezer ben Gershon, die 1543 CE in Konstantinopel erschien, und eine von Abraham Usque, die 1556 CE in Ferrara gedruckt wurde. Zahlreiche Nachdrucke und Übersetzungen folgten, unter anderem von Leopold Zunz. Es ist erwähnenswert, dass in einer Sammelhandschrift des British Museums der Reisebericht mit verschiedenen Werken von Maimonides (1135/38–1204 CE), unterschiedlichen Midraschim und einem Kommentar zur Haggadah kombiniert ist. Zudem finden sich auch andere Ausgaben in sogenannten Sammelbänden, bei denen die Herausgeberkonzepte häufig unklar sind. Die Standardausgabe stammt von Adolf Asher aus dem Jahr 1841. Eine bedeutende englische Übersetzung von Marcus Adler aus dem Jahr 1907 ist ebenfalls von großer Relevanz für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk.
Benjamin von Tudela gilt oft als der herausragendste jüdische Reisende des Mittelalters. Über seine Ausbildung ist wenig bekannt, und die Bezeichnung als "Rabbiner" durch einige nicht-jüdische Autoren erweist sich als wenig erhellend, da dieser Titel häufig als respektvolle Anrede verwendet wird. Im eigentlichen Sinne war Benjamin wahrscheinlich kein Rabbiner, da seine schriftlichen Hinterlassenschaften nicht auf eine entsprechende Ausbildung hindeuten. Er verwendete ein vergleichsweise einfaches Hebräisch, das eher der Sprache eines Kaufmanns als einem gelehrten Text entspricht. Es wird angenommen, dass er als Juwelenhändler tätig war, was auf den Zweck seiner Reise schließen lässt: möglicherweise die Erkundung internationaler Handelsverbindungen im Rahmen einer von ihm als „Weltreise“ bezeichneten Unternehmung. Diese Reise führte ihn durch nahezu alle bekannten Regionen Europas, große Teile Asiens und schließlich Nordafrika zurück nach Europa. Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen jüdischen Reisenden endete sein Weg nicht in Palästina, sondern führte ihn zurück nach Spanien. Ob seine Unternehmung als Pilgerfahrt, Geschäftsreise oder als eine Kombination beider Aspekte zu bewerten ist, bleibt ungewiss.
Einige Autoren bezeichnen Benjamin als den "jüdischen Marco Polo", was weniger auf seinen Schreibstil, sondern vielmehr auf das Ausmaß seiner Reise zurückzuführen ist, die ihn möglicherweise bis nach China führte. Dieser Vergleich könnte auch darauf basieren, dass er, ähnlich dem berühmten Reisenden Marco Polo (1254–1324 CE), seinen Reisebericht einem Schreiber diktierte. Benjamins Werk entstand jedoch mehr als ein Jahrhundert vor Polos „Il Milione“, etwa zwischen 1298 und 1299 CE. Die Reise Benjamins wird entweder auf 1159 CE oder erst auf 1167 CE datiert, mit seiner Rückkehr etwa um 1172/73 CE. Dies impliziert, dass die Dauer seiner Reise auf mindestens fünf und höchstens vierzehn Jahre geschätzt werden kann. In seinen Schilderungen der Stadt Rom erwähnt Benjamin Papst Alexander III., dessen Pontifikat im September 1159CE begann und mit Unterbrechungen bis 1181 CE andauerte, obgleich er sich nicht durchgehend in Rom aufhielt. Dieser Papst wird ausdrücklich namentlich erwähnt.
Es ist bemerkenswert, dass die Einleitung, die in der dritten Person verfasst wurde, den Eindruck vermittelt, sie stamme von einer externen Quelle und nicht von Benjamin von Tudela selbst. In dieser Darstellung wird Benjamin als ein intelligenter und beständiger Mann beschrieben, der über umfangreiche Kenntnisse der Tora und Halacha verfügt. Die durch die Verwendung von „wir“ geäußerten Aussagen sind indes nicht überprüfbar. Es bleibt unklar, inwieweit diese Aussagen authentisch sind und ob sie tatsächlich von einem Zeitgenossen verfasst wurden, der dieselbe Reise unternommen hat. Diese Einleitung lässt den Verdacht aufkommen, dass der Autor beabsichtigte, seinen Ausführungen mehr Gewicht zu verleihen. Viele seiner Darlegungen erscheinen zwar unglaubwürdig, jedoch nicht so phantastisch wie die Berichte anderer Reisender. Die Intention hinter Benjamins Reise und dem verfassten Bericht bleibt vage. Er scheint die Reise aus freiem Antrieb unternommen zu haben, ohne die religiösen oder politischen Zwänge, die beispielsweise Moses ben Nachman (1194-1270 CE), auch Nachmanides (hebräisch מֹשֶׁה בֶּן־נַחְמָן Mōše ben-Nāḥmān) einen bedeutenden jüdischen Gelehrten, Arzt, Philosoph und Dichter des Mittelalters, dazu veranlassten, seine Heimat zu verlassen.
Der Reisebericht von Benjamin von Tudela wird nicht als klassische Auftragsarbeit betrachtet, sondern vielmehr als ein persönliches, detailliertes Tagebuch, das den Fokus auf jüdische Gemeinden legt. Hinweise auf einen offiziellen Auftraggeber fehlen gänzlich. Nach Abschluss seiner Reise kehrte er offenbar per Schiff über Ägypten nach Spanien zurück. Es deutet vieles darauf hin, dass er wirtschaftliche Interessen verfolgte, insbesondere die Dokumentation von Gelehrten, Gemeinden und biblischen Stätten. Er erfasste akribisch die jüdische Bevölkerung, nannte herausragende Rabbiner, verzeichnete Hauptindustrien und maß die Entfernungen zwischen den Städten. Besonders hervorzuheben ist sein Interesse an der „heiligen Geographie“, insbesondere an den Gräbern der Patriarchen, was einen prägnanten Einfluss auf seine Reise durch Mesopotamien hatte. Sein Werk wurde später als wertvolle Quelle für Historiker und Mediävisten anerkannt, was 1543 CE zu einer ersten Veröffentlichung führte. Benjamin unterlässt es, detaillierte Informationen über die Beweggründe seiner Reise, die Finanzierung oder die Umstände seiner Unterbringung bereitzustellen. Vielmehr wiederholt er stereotype Entfernungsmessungen, ohne spezifische Angaben über Reisezeiten oder Transportmittel zu machen.
Sein Werk erlangte später als wertvolle Quelle für Historiker und Mediävisten Anerkennung und wurde erstmalig im Jahr 1543 CE publiziert. Vor den bekannten Reisenden, wie dem aus einer venezianischen Händlerfamilie stammenden Asienreisenden Marco Polo (1254- 1324 CE), der durch seinen Bericht über seinen mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Aufenthalt im Kaiserreich China bekannt wurde, begab sich ein unauffälliger Kaufmann auf eine Reise, um sowohl seine eigene Identität als auch die seines Volkes zu erkunden. Benjamin von Tudela, ein jüdischer Händler aus Nordspanien, lebte im 12. Jahrhundert. Er war gebildet, sprach mehrere Sprachen und zeigte eine bemerkenswerte Affinität zu fremden Kulturen. Sein Handel umfasste Korallen und Edelsteine, und er verfügte über ein ausgeprägtes Gespür für Investitionen und Geschäftsmöglichkeiten.
Über seine frühen Lebensjahre sind nur begrenzte Informationen verfügbar, dennoch wird angenommen, dass seine umfassende Reise um das Jahr 1160 CE begann. Ob er tatsächlich als Rabbiner tätig war, wird von verschiedenen jüdischen Quellen in Frage gestellt. Nach seiner Abreise aus Tudela führte seine Route ihn durch Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland, die Türkei, Zypern, das Heilige Land, Damaskus und den Irak. In seinem anschließenden Bericht dokumentiert er die für die Reisen benötigte Zeit zwischen den Orten und bietet darüber hinaus die erste nicht-arabische Erwähnung der drusischen Kultur in der Literatur.
Benjamin verbrachte eine erhebliche Zeit in christlichen Zentren wie Rom und Konstantinopel. Während er vom Reichtum Konstantinopels beeindruckt war, äußerte er auch Bedenken über die Behandlung der jüdischen Bevölkerung. Nathan Marcus Adler (1803-1890), ein deutsch-britischer Rabbiner im Britischen Empire und einer der Übersetzer Benjamins, stellte fest, dass dieser zu den wenigen mittelalterlichen Autoren gehörte, die Prester John, einen umstrittenen legendären christlichen Monarchen, erwähnten. Es bestehen Zweifel, ob Benjamin von Tudela tatsächlich über den Irak hinaus reiste. Obwohl er von Persien, China und sogar Tibet berichtet, sind einige Informationen über diese abgelegenen Regionen fragmentarisch. Nichtsdestotrotz ist die allgemeine Genauigkeit seines Berichts bemerkenswert. Persien war bekannt für die Unterdrückung jüdischer Gemeinschaften, was seine Reise in diese Gegend riskant gestaltete. Zudem zählt Benjamin zu den ersten, die China namentlich erwähnen.
Es ist durchaus möglich, dass Benjamin von Tudela Informationen anderer Reisender zur Ergänzung seiner Berichterstattung heranzog. Nach dem Abschluss seiner Reise kehrte er per Schiff über Ägypten nach Spanien zurück. Sein Werk „Die Reisebeschreibung des Benjamin von Tudela“ gilt als eine der zuverlässigsten und präzisesten Quellen über das Leben im Mittelalter sowie die interreligiösen Beziehungen in Europa und im Nahen Osten.
Es scheint, dass Benjamin sich unter Muslimen wohler fühlte als unter Christen, was er durch die Hervorhebung der harmonischen Beziehungen zwischen Juden und Muslimen seiner Zeit unterstreicht. Zudem setzte er sich offen mit den Konflikten innerhalb des Judentums auseinander und beleuchtete die feindlichen Verhältnisse zwischen den konkurrierenden Sekten der Rabbaniten und Karaiten. In seiner inoffiziellen Erhebung der jüdischen Bevölkerung in Europa und dem Nahen Osten dokumentierte er relevante Zahlen, Berufe, Gelehrte, Synagogen und Bräuche. Beispielsweise vermerkt er, dass Pisa eine sehr große Stadt mit etwa zwanzig Juden sei. In Lucca ermittelte er eine Anzahl von etwa vierzig Juden und dokumentierte insgesamt rund 300 Städte.
Sein Reisebericht bietet Historikern wertvolle Einblicke in die bedeutenden gesellschaftlichen Umwälzungen innerhalb Europas im Kontext jüdischer, christlicher und muslimischer Gemeinschaften. Die Ereignisse des 12. Jahrhunderts waren von herausragender Bedeutung, einschließlich der Kreuzzüge, dem Beginn der Renaissance, der Etablierung von Nationalstaaten, dem Aufstieg der Literatur in Volkssprachen und der Diversifizierung des Handels. Historiker sind sich uneinig über die genauen Beweggründe seiner Reise; einige vermuten sowohl religiöse als auch wirtschaftliche Motive. In seinem Text beschreibt er, wie sein Glaube in den unterschiedlichen Ländern lebendig war. Die umfassende Dokumentation jüdischer Erfahrungen, Stätten und Bräuche könnte darauf hindeuten, dass seine Reise auch eine innere, religiöse Suche darstellte.
War er möglicherweise auf einer Pilgerreise ins Heilige Land?
Der Bericht von Benjamin von Tudela vermittelt den Eindruck, dass er ein frommer Jude war, der die Traditionen seines Volkes pflegte und biblische Stätten aufsuchte. Er äußerte einmal: „Je näher ich Jerusalem komme, desto mehr Juden sind als Ketzer zu betrachten.“ Hätte die Reise ausschließlich einen religiösen Zweck verfolgt, wäre zu erwarten gewesen, dass er detaillierter auf die spirituellen Dimensionen seiner Erlebnisse eingegangen wäre.
Alternativ könnte man annehmen, dass er auch die sogenannten verlorenen Stämme Israels suchte. Benjamin und andere seiner Zeit waren bestrebt, diese Stämme zu finden, die infolge historischer Konflikte ins Exil gezwungen wurden, um deren historisches Erbe zu wahren. Im Verlauf der Jahrhunderte hatten sich Juden weltweit verbreitet. Alanna E. Cooper, Professorin für Religionswissenschaft an der Case Western Reserve University in Cleveland, vermerkt, dass Benjamin die Stämme Dan, Sebulon, Asser und Naftali erwähnt, dies jedoch nur am Rande tut. Sein relativ lockerer Tonfall deutet darauf hin, dass die Auffindung der Stämme nicht von zentraler Bedeutung für ihn war.
Der jüdische Theologe Dr. Michael A. Signer (1945-2009), ein prominenter jüdischer Denker und Rabbiner, der an der Universität Notre Dame lehrte, interpretiert Benjamins Reisebericht als eine Art „Trost für das jüdische Volk“ und als ein Mittel zur Förderung der Einheit. Die „Reisebeschreibung des Benjamin von Tudela“ war wahrscheinlich ein Herzensprojekt, das darauf abzielte, seine eigene Identität zu erfassen oder potenziellen Emigranten Orientierung innerhalb der jüdischen Diaspora zu bieten. Im Kontext der Kreuzzüge waren zahlreiche Juden verfolgt und aus ihren angestammten Wohnorten vertrieben worden.
Schließlich könnte auch zu bedenken sein, dass er nach Handelsrouten zwischen den jüdischen Gemeinschaften suchte. Er stellte häufig fest, ob die Personen, denen er begegnete, Kaufleute, Juweliere, Glasbläser, Seidenweber oder Färber waren. Benjamin von Tudela hat sich als eine wesentliche Quelle historischer Daten etabliert. Obwohl Tudela möglicherweise nicht den gleichen Bekanntheitsgrad wie Marco Polo (1254-1324 CE), ein aus einer venezianischen Händlerfamilie stammender Asienreisender, oder Ibn Battuta (Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn Battūta (1304-1368 oder 1377), ein berberischer Rechtsgelehrter und Autor des Reiseberichtes (تحفة النظار في غرائب الأمصار وعجائب الأسفار 'Tuḥfat an-Nuẓẓār fī Gharāʾib al-Amṣār wa ʿAǧāʾib al-Asfār' (Geschenk für diejenigen, welche die Wunder von Städten und den Zauber des Reisens betrachten‘ )oder kurz الرحلة ('ar-Riḥla ‚'Die Reise‘.) Battūtas Reisebericht handelt von einer Pilgerfahrt nach Mekka und einer anschließenden Reise von mehr als 120.000 km Länge durch die gesamte islamische Welt und darüber hinaus.
Benjamin von Tudelas Reisen werden als gleichwertig angesehen und sein Werk spielt eine zentrale Rolle in der mittelalterlichen hebräischen Literatur. Martin Jacobs, Professor für Rabbinische Studien, diskutiert in seinem einleitenden Kapitel die verschiedenen Formen von Reiseliteratur, die von reinen Reiseberichten über Handbücher bis hin zu Tagebuchaufzeichnungen reichen. In seinem Buch "Reorienting the East. Jewish Travelers to the Medieval Muslim World" (2014) analysiert er die Perspektiven des Nahen Ostens, wie sie von jüdischen Reisenden und Schriftstellern vom späten Mittelalter bis zur frühen Neuzeit (ca. 1150–1520 CE) wahrgenommen und dokumentiert wurden. Jacobs demonstriert, dass viele Reisende aus dem christlichen Raum eine antichristliche Haltung gegenüber der Levante einnahmen, die sie als eine Landschaft jüdischer Erinnerung zurückeroberten, und damit eine "westliche" Vorstellung des "Ostens" für ein jüdisches Publikum neu gestalteten. Gleichzeitig identifiziert das Buch jüdische Exemplare eines aufkommenden Orientalismus und bewertet die Rolle der Reiseliteratur hinsichtlich der Bestätigung und Infragestellung spezifischer jüdischer Ansichten von Heimat, Exil, Identität und Differenz.
Tatsächlich kann das Werk Tudelas als Paradebeispiel eines Itinerariums betrachtet werden, aus dem die Distanzen und die besuchten Orte klar hervorgehen. Auffällig ist, dass die bestehenden Texte möglicherweise unterschiedliche Lesergruppen ansprechen, was durch die verwendete Sprache und bestimmte arabische Begriffe unterstützt wird. Tudelas Fokus liegt hauptsächlich auf der jüdischen Bevölkerung, die er vorfand, und deren Lebensweise; dies zumeist unter Hervorhebung bedeutender Persönlichkeiten wie Gelehrter oder Gemeindevorsteher.
Die Existenz verschiedener Textversionen lässt Raum für Spekulationen über die angesprochene Leserschaft (Aschkenasim in der Londoner Handschrift oder italienisch-jüdische Leser für die Ferrara-Ausgabe?). Die verwendete Sprache legt jedenfalls nahe, dass sie nicht für ein besonders gebildetes Publikum gedacht ist, obwohl die Vielzahl arabischer Begriffe darauf hindeutet, dass der Autor zumindest über rudimentäre Kenntnisse dieser Sprache verfügte. Sein Herkunftsort bewegte sich bereits seit etwa einem Jahrhundert im Rahmen christlicher Herrschaft, im Gegensatz zum nach wie vor arabisch dominierten Süden Spaniens.
Benjamin von Tudela beginnt seine Reise in Tudela und reist zuerst nach Saragossa, gefolgt von Tarragona, bevor er in Barcelona ankommt, wo er die dort ansässige jüdische Gemeinde erwähnt. Seine Beschreibungen der Handelsbeziehungen in diesen Hafenstädten deuten auf ein starkes Interesse am Handel hin. Die Reise führt ihn weiter über Gerona, Montpellier und Marseille bis nach Rom. In Rom bietet er eine umfassende Beschreibung der Stadt sowie ihrer architektonischen Merkmale, was darauf schließen lässt, dass er sich dort mehrere Tage aufgehalten haben könnte. Die detaillierten Schilderungen erstrecken sich darüber hinaus auf Antiochia, Israel, Persien und Bagdad. Benjamin beschreibt die hebräischen Gemeinschaften, deren religiöse und wirtschaftliche Verbindungen, die Dichte der jüdischen Bevölkerung sowie die soziale und wirtschaftliche Struktur dieser Gemeinschaften. Im abschließenden Teil seines Berichts neigt er jedoch dazu, einige Aspekte der kulturellen und religiösen Landschaft zu übertreiben, wobei historische Bezüge gelegentlich geographisches Wissen überlagern, um seine eigene Perspektive zu legitimieren.
Die Absicht dieses Artikels würde es nicht rechtfertigen, alle weiteren Stationen der Reise, deren Distanzen und Fortbewegungsarten im Detail darzulegen. Es bleibt unklar, ob Benjamin seine Tagesetappen zu Fuß, auf dem Rücken eines Pferdes (was in höheren Gesellschaftskreisen üblich war, jedoch zeitweise für Juden gänzlich untersagt war), auf einem Esel, dessen Fortbewegung eher schleppend war, oder per Schiff unternahm, wie in den Dokumenten zu seiner Rückreise festgehalten ist.
Besonders hervorzuheben ist seine Beschreibung der Petroleumgewinnung bei Sorrento, wo es aus den Tiefen des Meeres sprudelt und zu therapeutischen Zwecken verwendet wird. Zudem erläutert Benjamin nur sporadisch die Beschäftigungen der jüdischen Einwohner, wie etwa in Brindisi, wo die dort ansässige kleine jüdische Gemeinschaft sich auf die Färberei spezialisiert hat. Bei seinen Angaben zur jüdischen Bevölkerung (zehn Juden in Brindisi, hingegen fünfhundert in Otranto) ist anzunehmen, dass er lediglich die Haushaltsvorstände zählt, wobei Familienangehörige und andere Haushaltsmitglieder hinzuzufügen wären. Andernfalls wäre es schwer verständlich, wie der Fortbestand einer jüdischen Gemeinde in einer Ansiedlung mit nur zwei Juden gewährleistet sein könnte. Benjamin legt offenkundig großen Wert auf die Nennung der Gemeindevorsteher (Rabbiner) sowie ortsansässiger Gelehrter und verweist darauf, dass das Leben der jüdischen Bevölkerung in vielerlei Hinsicht bedroht ist, insbesondere in Sinon Potamo (dem heutigen Lamia in Griechenland), wo, obwohl die Wallachen jüdische Namen führen und sich als Juden identifizieren, die Gelegenheit genutzt wird, diese zu berauben und zu töten.
Verständlicherweise widmet Benjamin der Beschreibung Konstantinopels besondere Aufmerksamkeit, einer Stadt, die er im Hinblick auf ihren Reichtum mit der späteren Blüte Bagdads vergleicht. Er zieht Vergleiche zu Rom, schildert den Prunk der Hagia Sophia und weiterer Paläste. Auch das Weihnachtsfest wird ausführlich dargestellt. Darüber hinaus dokumentiert er detailliert die Unterhaltungsspiele im Hippodrom und die dortigen Schätze, einschließlich der jüdischen Gemeinde, die jedoch außerhalb der eigentlichen Stadt ansässig ist. Seine Reise führt ihn von Konstantinopel über die griechischen Inseln schließlich nach Armenien und weiter nach Antiochia, wo unter den wenigen ansässigen Juden auch das Handwerk des Glasmachers Erwähnung findet. Die Reise setzt sich fort ins Land Israel, einschließlich Berichten über ein verheerendes Erdbeben, bei dem mehr als 20.000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen.
Der Autor äußert sich in kritischer Weise über das Volk der Drusen, das er als Heiden ohne jeden Religionsschluss bezeichnet. Diese Gemeinschaft lebt in den Gebirgen, besitzt keinen Fürsten und wird des Unzuchtverdachts beschuldigt, was er als „Blutschande“ bezeichnet.
Besonders eindrucksvoll ist seine Schilderung der Region Gebel am Fuß des Libanon, wo die Assassinen (arabisch: Al Hashishin) auf Geheiß ihrer Ältesten selbst Könige ermordeten. Es ist nicht von ungefähr, dass der englische Begriff für Attentäter – „assassin“ – von diesem Namen abgeleitet wird. Eine ähnliche Darstellung findet sich auch in Marco Polos Werk "Il Milione". In seiner Beschreibung Israels beschränkt sich Benjamin nicht auf geografische Gegebenheiten, sondern beleuchtet auch die dort ansässigen Stämme. Sein Augenmerk gilt insbesondere der Darstellung Jerusalems und seiner Umgebung. An relevanten Stellen verweist er auf die Existenz von Akademien und beschreibt beeindruckende Bauwerke, darunter den Palast von Baalbek. Er macht auf die noch vorhandenen Synagogen sowie auf die Moscheen der muslimischen Bevölkerung aufmerksam.
Die Reise führt ihn weiter ins Persien, nach Mosul; zudem thematisiert Benjamin untergegangene Städte wie Ninive und Assur. Seine detaillierte Schilderung Bagdads, dessen Blütezeit zu diesem Zeitpunkt bereits vorüber war, nimmt mehr Raum ein als die Jerusalems. Besonders hervorzuheben ist Benjamins Darstellung des Kalifenhofes und des Kalifen selbst, der den Juden sehr zugeneigt sei und in dessen Dienst viele Juden stehen würden. Er zieht einen Vergleich zwischen dem Kalifen und dem Papst, als dem höchsten Herrscher der Christenheit. Dabei begibt er sich in den Bereich der Fantasie und schreibt dem Kalifen (als Herrscher der Gläubigen!) zu, mit eigenen Händen Matten herzustellen, um sie zu verkaufen, und somit von seiner eigenen Arbeit zu leben. Der Kalif, so argumentiert Benjamin, beherrsche alle Sprachen, lese und schreibe auch Hebräisch und sei ein Experte für das mosaische Gesetz. Er verlässt seinen Palast lediglich einmal im Jahr, um den Ramadan zu begehen, währenddessen reitet er auf einem königlichen Maultier durch die Stadt. Die glorifizierte Darstellung dieses Herrschers bleibt rätselhaft, da er seine Verwandten in ihren Palästen einsperren lässt, um mögliche Bedrohungen seiner Herrschaft zu eliminieren. Dies gilt auch für geistig Behinderte: Während der Sommerhitze, die offensichtlich eine große Belastung für sie darstellt, werden sie in einem speziellen Palast untergebracht, um sie im Winter wieder zu entlassen. Der Kalif erfährt Anerkennung und Huldigung sowohl von Fürsten muslimischer Herkunft aus Arabien und Persien als auch von solchen aus Tibet und Samarkand.
Benjamin beschreibt, dass der Kalif eine Art Pessach-Opfer darbringen würde. Er legt besonderen Wert auf die Persönlichkeit von Daniel ben Chasdaj, dem Exilarchen Israels, dessen Abstammung bis zu König David zurückverfolgt werden kann, während der Kalif lediglich eine Herkunft bis zum Propheten Mohammed nachzuweisen vermag. Der Exilarch verfügt über erhebliche Macht über alle jüdischen Gemeinden und erfreut sich auch unter Muslimen eines hohen Ansehens, da Mohammed selbst anordnete, dass Angehörige anderer Völker seinen Gefolgsleuten große Ehrerbietung erweisen sollen. Der Exilarch war während der Parther- und Sassanidenreiche sowie im Abbasidenkalifat bis zur mongolischen Invasion in Bagdad im Jahr 1258 CE das Oberhaupt der jüdischen Gemeinschaft in Mesopotamien (dem heutigen Irak), wobei politische Entwicklungen gelegentlich zu Unterbrechungen führten. Er wurde von der jüdischen Gemeinde als königlicher Nachkomme der davidischen Linie angesehen und nahm sowohl als rabbinische Autorität als auch als Adliger an persischen und arabischen Höfen eine bedeutende Stellung ein.
Benjamin von Tudela widmet sich intensiv der Architektur Bagdads, einer großen und wohlhabenden Stadt, die nicht weniger als achtundzwanzig Synagogen beherbergt, darunter die große Synagoge des Exilarchen. Bagdad ist nicht nur ein bedeutendes Handelszentrum, sondern beheimatet auch zahlreiche Gelehrte, Philosophen und Wissenschaftler sowie Magier, die sich mit verschiedenen Formen von Zauberei beschäftigen. Besonders hervorzuheben sind die herausragenden medizinischen Kenntnisse in Bagdad; Benjamin lobt die Muslime dafür, dass sie Bagdad zu einem führenden medizinischen Zentrum gemacht haben. Es ist jedoch anzumerken, dass die königlichen Ärzte syrische Christen sind und die jüdischen Ärzte Babylons ihre Ausbildung an jüdischen Akademien absolvieren müssen, da ihnen der Zugang zu anderen Ausbildungsstätten verwehrt bleibt. Generell sind die Juden Bagdads gut gebildet und überwiegend wohlhabend.
Der Autor berichtet auch über die bereits zerstörte alte Stadt Babel sowie über verschiedene Heiligtümer, darunter die Grabstätte des Propheten Ezechiel und die Gräber diverser Könige. Bemerkenswert ist die Erwähnung eines Gebiets namens Saba, auch „Al Mayin“ genannt; dort existiert ein jüdischer Stamm, der zusammen mit Arabern Raubzüge unternimmt und nicht von anderen Völkern unterdrückt wird.
Überraschend ist zudem die Beschreibung der Stadt Tilmas, in der angeblich 100.000 Juden leben, und in deren Umgebung die Nachkommen der Stämme Reuben, Gad und Manasse wohnen sollen. Es fällt auf, dass die dargestellten Gemeinden, wie Mahabad, sehr groß sind; ebenso gilt dies für Hammada in Medien, dem Begräbnisort von Mordechai und Esther. Auch in den persischen Städten gibt es jeweils eine bedeutende jüdische Bevölkerung. Es entsteht der Eindruck, dass mit zunehmender Entfernung nach Osten die Dichte der jüdischen Bevölkerung steigt. Für Samarkand, Tibet und Naisabur werden die zurückzulegenden Distanzen als erheblich dargestellt.
Benjamin hat anscheinend lediglich aus zweiter Hand Kenntnis darüber, dass Nachkommen der sogenannten "verlorenen Stämme" Dan, Zebulon, Ascher und Naftali in diesen Regionen leben. Im Verlauf der Lektüre wird dem Leser zunehmend unplausibel, dass der Autor jemals die in seinen Ausführungen beschriebenen Orte besucht haben könnte. Schließlich werden während Benjamins Lebenszeit bereits historische Konflikte zwischen Persern und Juden thematisiert, was die Glaubwürdigkeit seiner Darstellungen in Frage stellt. Die geografische und topografische Beschreibung wird durch historische Ereignisse erweitert.
Besonders bemerkenswert ist Benjamins Erwähnung des Landes Sin (China), wo er offenbar als einer der ersten westlichen Berichterstatter dieses geographische Gebiet unter diesem Namen erwähnt. Diese Darstellung weist abenteuerliche Merkmale auf, insbesondere im Zusammenhang mit der Schilderung eines Schiffbruchs und der Rettung aus dem Eismeer durch einen Adler, die Parallelen zur Erzählweise aufweist, die von Stemberger als Münchhausiade bezeichnet wird. Die Distanzen, die hier beschrieben werden, sind deutlich größer.
Nach einem übersichtlichen Aufenthalt in Indien erfolgt ein plötzlicher Übergang nach Libyen, wobei eine nahezu unglaubliche Entfernung zurückgelegt wird, ohne dass spezifische Zeit- oder Distanzangaben gemacht werden. Die Darstellung wird hier erneut einfallsreich, insbesondere hinsichtlich der Nilbewohner, die – ähnlich wie Tiere – Gräser konsumieren, nackt herumlaufen und als verstandlos gelten. Die Bewohner von Assuan machen zahlreiche Gefangene, um diese anschließend als Sklaven zu verkaufen; diese Sklaven werden als schwarz und als Nachkommen von Ham beschrieben. Benjamin widmet einem ausführlichen Überblick über Ägypten, insbesondere den Nilhochwässern, viel Aufmerksamkeit. Seine Beschreibung Alexandrias ist ebenso fantasievoll, insbesondere die Schilderung des Leuchtturms und des Glasspiegels an der Spitze, mit dem man ein Schiff bereits aus einer Entfernung von zwanzig Tagen erblicken könne. Die Bedeutung der Stadt wird ferner durch die Auflistung zahlreicher Handelsbeziehungen hervorgehoben, wobei im Gegensatz zu den zuvor genannten Städten auch erhebliche Handelsvolumina und Länder aufgeführt werden.
Nach einem Abstecher zum Berg Sinai und dem Roten Meer kehrt Benjamin nach Damietta zurück, um von dort eine zwanzigtägige Seereise nach Sizilien anzutreten. Über das ausführlich beschriebene Palermo geht es schließlich – wieder auf dem Seeweg – in das Gebiet Roms. Von Lucca aus benötigt man zwanzig Tage nach Verdun, wo das Land Alemannien (Deutschland) beginnt, welches auch als Aschkenazy bezeichnet wird. Bei den vielen verschiedenen Städten am Rhein und der Mosel belässt es der Autor bei deren Aufzählungen, ohne zu erwähnen, dass hier viele Gelehrte und wohlhabende Juden leben. Nebenbei werden Prag und Kiew erwähnt, wobei der Autor hier auch zugibt, dass er diese Orte nicht selbst besucht hat. Von Russland beschreibt Benjamin die extreme Kälte. Schließlich „springt“ er von Auxerre nach Paris, der Königsstadt, in der es so viele Gelehrte gibt, wie man sie sonst weltweit nicht findet und , die sich Tag und Nacht mit der Thora beschäftigen. An dieser Stelle wird der Bericht „beendet“ und „abgeschlossen“, die Rückkehr ins heimatliche Spanien wird somit nicht explizit geschildert.
Benjamins Schilderung entwickelt sich zwar entlang eines Reiseverlaufs, zeigt jedoch keine durchgehende Struktur und ist „plotless“: der Autor zeichnete einfach auf, was er sah oder hörte. Im Vergleich zu zeitgenössischen Reisenden ist bemerkenswert, dass sich hier kein großer jüdischer Gelehrter auf den Weg machte, wie etwa Nachmanides (1194–1270 CE) oder Maimonides.
Nachmanides (1194 -1270 CE) war ein bedeutender jüdischer Gelehrter, Arzt, Philosoph und Dichter aus Katalonien. Er stammt aus einer gelehrten Familie und studierte jüdische Lehre, Medizin und Philosophie in Barcelona. Nachmanides gilt als einer der bedeutendsten jüdischen Religionsgelehrten seiner Zeit und war von 1264 CE bis zu seiner Emigration nach Eretz Israel als Oberrabbiner von Katalonien tätig. Er war bekannt für seine Kommentare zum Talmud und seine Beteiligung an der Maimonideskontroverse in Montpellier. Moses Maimonides (hebräisch מֹשֶׁה בֶּן מַיְמוֹן Mosche ben Maimon, 1135/ 1138 -1204 CE) war ein andalusischer jüdischer Philosoph, Rechtsgelehrter, Theologe und Arzt, der vor allem in al-Andalus und Ägypten wirkte. Für Jahrzehnte war er das geistige Haupt der Sephardim. Er gilt als bedeutender Gelehrter des Mittelalters.
Benjamin unterscheidet sich auch von dem nur unwesentlich später reisenden Petachia von Regensburg (1170/1187 CE). Petachja aus Regensburg ( Petachja ben Jacob aus Regensburg) war ein jüdischer Reisender des Mittelalters, der vor 1187 CE ausgehend von Regensburg über Prag, Polen, Kiew, die Krim (von deren Karäern er wertvolle Nachrichten bringt), weiter über Armenien, Mossul und Bagdad eine Reise in das persische Susa unternahm. Der Rückweg führte ihn über Palästina und Griechenland. Petachia von Regensburg interessierten dabei vor allem das jüdische Leben und die jüdischen Heiligengräber. Nach seiner Rückkehr verfassten mehrere Autoren, unter ihnen Jehuda ben Samuel, auf der Grundlage von Petachjas Notizen (jedoch gekürzt) den Reisebericht "Sibbuv" (Umkreisung), der erstmals 1595 CE in Prag gedruckt wurde und weitere 24 Auflagen erlebte. Die Schrift wurde in mehrere andere Sprachen übersetzt, so erschien 1905 eine hebräisch-deutsche Ausgabe. Dessen Route wäre im Umfang vergleichbar. Jedoch hatte Petachia, anders als Benjamin, eine qualifizierte Ausbildung, und die Art seiner Darstellung lässt darauf schließen, dass er die geschilderten Umstände tatsächlich selbst erlebt hat.
Bei anderen Autoren ist der Zweck der Beschreibungen klarer im Vordergrund, dies gilt nicht nur für jüdische Reiseschriftsteller, sondern auch für christliche und muslimische Erzähler. Diese legen die Gegebenheiten der von ihnen unternommenen Pilgerfahrten dar, um zukünftigen Reisenden nützliche Informationen zu vermitteln. Beispiele hierfür sind die „Briefschreiber“ Meshullam von Volterra (1481 CE) und Obadja von Bertinoro (1465–1515 CE). Meshullam von Volterra, ein bedeutender Italiener des 15. Jahrhunderts, unternahm im Jahr 1481 CE eine abenteuerliche Reise, die ihn aus der Toskana der Renaissance in den Orient führte. Er war ein Bankier und Edelsteinhändler, der mit den Medici auf Augenhöhe zu reden pflegte. Die Reise war eine Entscheidung, die er in Kauf nahm, um in Jerusalem ein Gelübde zu erfüllen und kostbare Juwelen im Orient zu kaufen. Meshullam reiste über ein halbes Jahr und lernte dabei einige der prächtigsten Städte der damaligen Zeit kennen, darunter Alexandria, Kairo, Jerusalem, Damaskus und Venedig. Sein Bericht, der unter jüdischen Autoren bis dahin ungekannt war, ist heute eine der wichtigsten historischen Quellen zum Nahen Osten im Zeitalter der osmanischen Expansion.
Obadja Bertinoro (Rabbi Obadia von Bertinori, Obadja b. Abraham da Bertinoro; ca. 1465 - ca. 1515 CE) war ein italienischer Talmudist, der seit 1486 in Jerusalem lebte. Er verfasste einen Kommentar zur Mischna (aus Raschi und Maimonides), der fast allen Mischna-Ausgaben beigedruckt ist.
Benjamin von Tedula mangelte es sicherlich an der erforderlichen sprachlichen Kompetenz, die Poeten wie Judah Halevi (1074–1141 CE) oder Judah Alharizi (1165/70–1225/35 CE) besitzen, welche ebenfalls aus Spanien stammen: deren Beschreibungen vermitteln zwar einen realistischen Hintergrund, jedoch steht in ihrer kunstvoll gehobenen Sprache die künstlerische Gestaltung deutlich im Vordergrund.
Judah haLevi (auch Yehuda Halevi oder ha-Levi; ca. 1075–1141 CE) war ein sephardischer jüdischer Dichter, Arzt und Philosoph. HaLevi gilt als einer der größten hebräischsprachigen Dichter und ist bekannt für seine weltlichen und religiösen Gedichte, von denen viele in der heutigen jüdischen Liturgie vorkommen. Judah haLevi wurde entweder in Tudela oder Toledo in Al-Andalus geboren, das damals unter der Herrschaft der Almoraviden stand. Obwohl über seine frühen Lebensjahre und seine Ausbildung wenig bekannt ist, steht fest, dass er sich in Arabisch, Hebräisch und den klassischen Wissenschaften, einschließlich Medizin und Philosophie, gut auskannte.
Judah Alharizi, auch Judah ben Solomon (ca. 1165/1170–ca. 1225/1235 CE) war ein Gelehrter, und letzter Vertreter des goldenen Zeitalters der spanisch-hebräischen Dichtung. Er wanderte durch die Provence und auch durch den Nahen Osten und übersetzte arabische Gedichte und wissenschaftliche Werke ins Hebräische. Seine Fassung von Maimonides’ „Führer der Verwirrten“ ist künstlerischer, wenn auch weniger genau als die von Ibn Tibbon. Seine gekonnte Adaption der schwierigen "Maqāmāt von al-Ḥarīrī unter dem Titel Mahberot Ithi'el" ermutigte ihn, eigene hebräische Maqāmāt mit dem Titel "Tahkemoni" zu verfassen, auf denen sein Ruhm in erster Linie beruht. Sein Schreiben zeichnet sich durch einen reichen Wortschatz und bemerkenswerte sprachliche Gewandtheit aus.
Samuel Ibn Tibbon (ca. 1165–1232) war Übersetzer, Philosoph und Verfasser philosophischer Kommentare zur Bibel. Am bekanntesten ist er für seine Übersetzung von Maimonides’ „Führer der Verwirrten“ aus dem Arabischen ins Hebräische, doch er übersetzte auch andere Werke von Maimonides und schuf die ersten hebräischen Fassungen von Aristoteles und Averroes. Neben seiner Tätigkeit als Übersetzer war Ibn Tibbon auch ein eigenständiger Autor. Er verfasste die erste vollständige aristotelisch-maimonidische Auslegung des biblischen Buches Kohelet, eine philosophisch-exegetische Monografie mit dem Titel "Ma’amar Yiqqawu ha-Mayim" sowie mehrere kleinere philosophisch-exegetische Abhandlungen und Briefe. Sein Werk war besonders in seiner Heimat Südfrankreich („Provence“) von Bedeutung, doch übte er im 13., 14. und 15. Jahrhundert auch erheblichen Einfluss auf die jüdische Philosophie und Exegese in Italien, Byzanz und Spanien aus. Er gilt zu Recht als Begründer des Maimonidismus, einer philosophisch-exegetischen Strömung im mittelalterlichen Judentum.
Dort, wo Benjamin Geschichten vermittelt, die ihm von anderen zugetragen wurden oder in denen übertriebene Darstellungen erkennbar sind, befindet er sich dennoch weit entfernt von den imaginären Reisen solcher Autoren wie Eldad Ha Dani (um 880 CE) oder David Reuveni (1490–1535/41 CE), die sich in phantastischen Geschichten ergehen und einer Art früher Phantasieliteratur entstammen.
Eldad ha-Dani, dt. "Eldad der Daniter" (spätes 9. Jahrhundert CE) war ein jüdischer Weltreisender und Händler, der um 880 CE in Nordafrika und Spanien auftrat. Herkunft und Leben von Eldat liegen weitgehend im Dunkeln. Gemäß seinem Namen gehörte er dem Stamm der Danaiten an, die nach seinen Angaben zusammen mit den nomadischen Stämmen Naftali, Gad und Ascher in Afrika ein eigenes Königreich gebildet hatten. Ausgehend von diesem Reich unternahm Eldat verschiedene Reisen in Nordafrika. Er beschrieb die einzelnen Siedlungsgebiete der zehn verlorenen Stämme Israels und berichtete über deren Traditionen. Von seinem Stamme behauptete er, er lebe „dort wo das Gold ist“. Die Frage der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit seiner Schriften ist umstritten. Seine Erzählunge über die "verlorenen Stämme" wie auch die angeblich aus seiner Heimat mitgebrachten andersartigen Schächtregeln erregten starke Aufmerksamkeit. Sein Buch hatte große Wirkung und wurde oftmals (häufig in bearbeiteter und erweiterter Form) weitergegeben.
David Reuveni (auch Reubeni, hebräisch: דוד הראובני; ca. 1485-ca. 1538 Ce) war ein jüdischer Reisender aus dem Orient, der eine militärische Allianz zwischen Juden und Christen herstellen wollte, um die heiligen Stätten in Palästina von den Osmanen zu befreien. Er wurde von zahlreichen Juden als Messias verehrt, von anderen als Betrüger und falscher Messias verdammt. Überliefert ist sein in hebräischer Sprache verfasstes Tagebuch, aus dem die meisten Informationen über ihn stammen.
Möglicherweise sollen simplifizierte Übertreibungen in Benjamins Werk lediglich dazu dienen, die mehr oder weniger willkürliche Aneinanderreihung örtlicher Gegebenheiten aufzulockern und einen Spannungsbogen, wenn auch nur mühsam, aufrechtzuerhalten. Er beschränkt sich dabei nicht auf die numerische Aufzählung angetroffener jüdischer Einwohner, deren Gemeindevorsteher und Gelehrte, sondern berichtet auch über Besonderheiten, insbesondere solcher architektonischer Art.
Vom Umfang der Erzählung – zeitlich wie örtlich – her kann man diese Schilderung durchaus mit jener von Marco Polo vergleichen, wenngleich Benjamins Text nicht mit ebenso vielen historischen Ereignissen angereichert ist. Benjamin von Tudela wurde von Leopold Zunz als „unser erster Reisender“ bezeichnet (in seinem Anhang zu Adolf Ashers erster englischer Ausgabe von „The Itinerary of Rabbi Benjamin of Tudela“, 2 Bände, New York 1840-41). Als bedeutendster jüdischer Reisender seiner Zeit wurde er daher auch als "jüdischer Marco Polo" bezeichnet.
Sandra Benjamin lässt Tudela in Form fiktiver Briefe (Heimbriefe) nach Spanien sprechen, sodass es den Anschein hat, als habe er die einzelnen Stationen und Begebenheiten unmittelbar festgehalten und den Zurückgebliebenen berichtet, wie von anderen Autoren bekannt.
Sandra Benjamin stellt in ihrem Werk "The world of Benjamin of Tudela a medieval Mediterranean travelogue" (1995) den jüdischen Reisenden des 12. Jahrhunderts, Benjamin von Tudela, als Führer durch die Völker rund um das Mittelmeer dar, wobei besonderes Augenmerk auf deren Wirtschaftsleben gelegt wird. Der Anstoß für Benjamins Reisen lässt sich in der wirtschaftlichen und militärischen Lage seiner Heimatstadt Tudela erkennen. Tudela war weitaus weltoffener als die meisten Kleinstädte des mittelalterlichen Europas und förderte bei seinen muslimischen, christlichen und jüdischen Einwohnern eine weltumspannende Neugier. Die örtlichen Juden waren in allen Bereichen des Wirtschaftslebens tätig, und die jüngsten Ereignisse auf der Iberischen Halbinsel hatten sie mehr denn je an Pilger, Schriftsteller und Zionisten gewöhnt. "The world of Benjamin of Tudela a medieval Mediterranean travelogue" zeigt, dass Benjamin, so unerschrocken er als Weltenbummler auch war, kein Wegbereiter war.
Er machte sich jedoch auf seiner gesamten Reise Notizen, und Mediävisten zitieren oft Benjamins Chronik, ohne ihre Quellenangaben zu präzisieren. "The world of Benjamin of Tudela a medieval Mediterranean travelogue" greift die Chronik auf und erweitert sie durch das Mittel der Heimbriefe, um ein klareres Bild von Benjamins Zeit und Ort zu vermitteln.
Obwohl dieser Ansatz fiktional ist – es sind keine Briefe bekannt – muss sich der Reisende dennoch Notizen gemacht haben, eine Art Reisetagebuch, vielleicht nur bestehend aus Kurzeinträgen, um seine über Jahre verteilten Erlebnisse und die erhobenen „statistischen Daten“ zur jüdischen Bevölkerung festzuhalten, da es unwahrscheinlich ist, dass er seinen Bericht nach der Rückkehr frei erfunden hat oder dass er so viele detaillierte Angaben lediglich aus dem Gedächtnis hätte reproduzieren können.
Martin Jacobs zieht einen interessanten Vergleich zum bedeutendsten muslimischen Reisenden, der aus dem südlichen, muslimisch beherrschten Spanien stammt: Ibn Jubayr aus Valencia (1145–1217 CE). Ibn Jubayr (auch Ibn Dschubair, mit vollem Namen أبو الحسن محمد بن أحمد بن جبير الكناني / Abū l-Ḥasan Muḥammad b. Aḥmad b. Ǧubair al-Kinānī; geboren 1145 CE in Valencia, Spanien; gestorben 1217 CE in Alexandria, Ägypten) war ein arabischer Geograph und Reiseschriftsteller. Als Postbeamter des almohadischen Gouverneurs von Granada unternahm er drei ausgedehnte Reisen: 1183 CE eine Pilgerreise nach Mekka über Sardinien, Sizilien, Kreta, Ägypten, Irak und Syrien; 1189–1191 CE über Syrien und Irak nach Persien; 1217 CE nach Ägypten. Ibn Jubayr gilt als Begründer der als Rihla bekannten Erlebnisberichte in anschaulicher Tagebuchform,Seine Werke wurden Vorbild für Berichte späterer Pilger.
Ibn Jubayrs Bericht „Rihla“ ist in literarisch gehobenem Arabisch verfasst. Jacobs stellt die seiner Ansicht nach treibenden Motive der beiden unterschiedlichen Reisenden einander gegenüber: für Ibn Jubayr die „Umma“ (religiöse Gemeinschaft der Muslime) als religiöse und politische Einheit unter der Herrschaft der Almohaden, für Benjamin hingegen die Idee einer „diasporischen Verbundenheit“, die einen Geist der Einheit und Verbindung unter den unter verschiedensten christlichen und muslimischen Herrschaften verstreuten Juden formen kann. Dies könnte eine schlüssige Erklärung für Benjamin von Tudelas gewagtes und gleichsam weltumspannendes Unterfangen zur Erforschung und Berichterstattung über die existierende jüdische Bevölkerung sein, wo immer sie sich auch aufhielt.
Benjamins Reisezweck ist unbekannt. Es wird vermutet, dass er Juwelenhändler war, da er an mehreren Stellen seines Berichts Interesse am Korallenhandel zeigte. Ein weiterer Grund war, in Erfahrung zu bringen, wie Juden über alle Welt zerstreut in unterschiedlichsten Lebensverhältnissen in allen möglichen Herrschaften und Kulturen lebten.
Ein nicht zu vernachlässigender weiterer Grund ist die Lage der Juden in Spanien und ganz Europa. Sowohl in christlich als auch in islamisch beherrschten Gebieten wurde das Leben für die Juden im Hochmittelalter immer bedrohlicher. Auf der muslimischen Seite eroberten 1148 CE fanatische Almohaden Córdoba. Im Jahr 1146 CE verkündete Abd al-Mu'min (عبد المؤمن, ʿAbdu 'l-Muʾmin; ca. 1094-1163 CE), Begründer und erster Kalif der maghrebinischen Dynastie der Almohaden (von 1130 bis 1163 Ce) in Fès Juden und Christen: „Ihr habt nur die Wahl: Islam oder Tod!“ Auf der christlichen Seite begannen die Kreuzzüge mit grausamen antijüdischen Ausschreitungen im Rheinland des 11. und 12. Jahrhunderts, die sich auch während des Zweiten Kreuzzugs fortsetzten, als flämische und deutsche Kreuzfahrer 1147 und 1148 CE in Tortosa ein Blutbad unter den Juden anrichteten.
Es kann vermutet werden, dass Benjamin auch Fluchtwege aus Spanien und Unterschlupf für seine Glaubensbrüder in den bereisten Gebieten erkundete.
Quelle: Baldinger, Christian. 'Buch der Reisen Benjamin von Tudela'. DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift, Heft 145 (07/2025), auf davidkultur.at, abgerufen am 15.03.2026.
Literatur: Adler, Marcus Nathan. The Itinerary of Benjamin of Tudela: Critical Text. Translation and Commentary. London: Oxford University Press 1907; Benjamin, Sandra. The World of Benjamin of Tudela, A Medieval Mediterranean, Travelogue. Cranbury, London u.a.: Associated University Presses, 1995; Benjamin von Tudela. Buch der Reisen, Seferha-Massa’ ot, ins Deutsche übertragen von Rolf P. Schmitz. Reihe Judentum und Umwelt, herausgegeben von Johann Maier, Band 22. Frankfurt am Main, Bern, New York u.a.: Verlag Peter Lang, 1988; Jacobs, Martin. 'A day’s journey': Spatial Perceptions and Geographic Imagination in Benjamin of Tudela’s Book of travels'. The Jewish Quarterly Review 109/2 (2019), pp. 203-235, 2019; Rüger, Hans Peter, "Syrien und Palästina nach dem Reisebericht des Benjamin von Tudela", übersetzt und erklärt von Hans Peter Rüger, in Abhandlungen des deutschen Palästina Vereins, Siegfried Wiegmann und Manfred Weippert (Hg), Band 12, Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1990; Meshullam da Volterra. Von der Toskana in den Orient. Ein Renaissance-Kaufmann auf Reisen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1. Auflage 2012; Jacobs, Martin. "A Day's Journey": Spatial Perceptions and Geographic Imagination in Benjamin of Tudela's Book of Travels'. The Jewish Quarterly Review 109/2 (Spring 2019): 203-232; Jacobs, Martin. Reorienting the East. Jewish Travelers to the Medieval Muslim World. University of Pennsylvania Press, 2014; Blidstein, Moshe and Adam J. Silverstein. "Abrahamic Experiments in History". The Oxford Handbook of Abrahamic Religions. Oxford: Oxford University Press , 2015, pp. 43–51; James T. 'Samuel Ibn Tibbon'. In The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2024 Edition). Zalta, Edward N. & Uri Nodelman (eds.), auf plato.stanford.edu, abgerufen am 16.03.2026; Gottheil, Richard and Isaac Broydé. 'Eldad Ben Mahli Ha-Dani'. In: Isidore Singer (ed.), Jewish Encyclopedia, New York: Funk and Wagnalls,1901–1906; Mindel, Nissan. "Eldad haDan", auf de.chabad.org, abgerufen am 16.03.2026; Benmelech, Moti. "History, Politics, and Messianism: David Ha-Reuveni's Origin and Mission2. AJS Review 35 (2011), pp. 35–60.
Die Schrift Chahár Maqála von Nizámí-i-‘Arúdí - aus dem 12. Jh. CE
In jüdischen Chroniken finden sich nur wenige Belege für die Existenz jüdischer Gemeinschaften in diesem Kulturraum, der- oft als Wegekreuz Asiens bezeichnet - China und Indien mit dem Vorderen Orient und der Mittelmeerwelt verband. In der History ofcivilization of Central Asia suchen wir ihre Geschichte vergeblich, und die Encyclopedia Judaica enthält dieses kurze Statement:
"A Jewish community in Firoz Koh, capital of the medieval rulers of Ghür or Ghuristan, situated halfway between Herat and Kabul, is mentioned in Tabaqât i-Nâsirî, a chronicle written in Persian (completed around 1260) by al-Jūzğānī. This is the first literary reference to Jews in the capital of the Ghūrids. About 20 recently discovered stone tablets, with Persian and Hebrew inscriptions dating from 1115 to 1215, confirm the existence of a Jewish community there. The Mongol invasion in 1222 annihilated Firoz Koh and its Jewish community."
1979 setzte die sowjetische Invasion den wissenschaftlichen Forschungen über die Juden in Afghanistan ein Ende. Die Publikation der Forschungsergebnisse wurde zudem durch den Verlust wertvoller Aufzeichnungen und Fotografien und den vorzeitigen Tod bedeutender Gelehrter (wie Daniel Schlumberger, seit 1945 Direktor der Délégation Archéologique Française (DAFA) in Afghanistan) - weiter behindert.
2003 konnte das Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP) unter der Leitung von Prof. Giovanni Verardi vom Istituto Italiano per l'Africa e l'Oriente (IsIAO) in Zusamenarbeit mit dem National Afghan Institute of Archaeology und Unterstützung der UNESCO die wissenschaftliche Forschung in der Region um das Minarett von Jām in der Provinz Ghōr wieder aufnehmen.
Nach neueren archäologischen Forschungen wird Djam - etwa 215 km östlich von Herat in einer abgelegenen, ungefähr 1900 m über dem Meeresspiegel und bis zu 3500 m hohen Bergregion Zentral-Afghanistans gelegen - in Übereinstimmung mit der bereits bekannten Theorie erneut mit dem Urbanen Zentrum von Fīrūzkūh, einer Sommerresidenz der Ghuriden, in Verbindung gebracht:
"Despite the debatable evidence, modem Jām is now therefore generally accepted as the site of Fīrūzkūh. Uncorroborated reports of the looting of antiquities atJām indicate the wealth of the site: the large caches of coins and jewellery
reputed to have been discovered correlate with al-Jūzjānī's account, while the discovery of Persian-Hebrew tombstones supports his mention of a Jewish trading community at Fīrūzkūh." (op. cit. Thomas, FĪRŪZKŪH, pp. 120-121).
Lintz, Ulrike-Christiane. "Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan". Judaica: Beiträge zum Verstehen des Judentums 64 (2008), pp. 333-358, Lintz, Ulrike-Christiane. "Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil II)". Judaica : Beiträge zum Verstehen des Judentums 65 (2009), pp. 43-74; Thomas, David Collin. "FĪRŪZKŪH.The summer Capital of the Ghurids". In: Amira K. Bennison & Alison Lucy Gascoigne (eds.), Cities in the Pre-modern Islamic World.The Urban Impact ofState, Society and Religion, New York: Routledge 2007, S. 115-144.

Chahár Maqála - Anekdote XXII: Ya'qúb ibn Isháq al-Kindī
Ahmad ibn 'Umar ibn 'Alí (auch bekannt als Nizamī-i Arūzī-i Samarqandī (persisch: نظامی عروضی)), poetisch Nizámí genannt und ferner mit dem Titel 'Arúdí (der „Prosodiker“) versehen, war ein vielseitiger Dichter, Prosaautor, Astronom und Arzt, der in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts der Hidschra (zwölftes Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung) wirkte und den größten Teil seines Lebens in Khurásán und Transoxiana verbracht zu haben scheint.
In seiner bedeutsamen Schrift Chahár Maqála („Vier Abhandlungen“) erwähnt er in Anekdote XXII einen jüdischen Gelehrten namens Ya'qúb ibn Isháq al-Kindī:
"Ya'qúb ibn Isḥáq al-Kindī, though he was a Jew, was the philosopher of his age and the wisest man of his time, and stood high in the services of al-Ma'mún. One day he came in before al-Ma'mún, and sat down above one of the prelates of Islám. Said this man, "Thou art of a subject race; why then dost thou sit above the prelates of Islám?" "Because," said Ya'qúb, I know what thou knowest, while thou knowest not what I know."
Die Annahme, dass Ya'qúb ibn Isḥáq al-Kindī jüdischer Herkunft war, ist gemäß der gängigen historischen Forschung kaum zutreffend. Dennoch findet die Anekdote über ihn und al-Ma'mūn im „Fihrist“ – einem umfassenden Werk, das die islamische Kultur des Mittelalters dokumentiert und auch deren Randphänomene eingehend behandelt – eine gewisse Bestätigung. Der "Kitāb al-Fihrist" (arabisch: كتاب الفهرست, "Der Buchkatalog") ist ein von Ibn al-Nadīm (gest. 995 oder 998), einem schiitischer Gelehrten, Bibliograph und Buchhändler verfasstes enzyklopädischen Werk, das das Wissen und die Literatur des 10. Jahrhunderts im Islam zusammenfasst. Es enthält Einträge zu etwa 10.000 Büchern sowie 3.500 bis 3.700 Autoren, obwohl es unvollständig bleibt. Als bedeutende Quelle der arabisch-islamischen Literatur des Mittelalters bewahrt es die Namen von Autoren und Werken sowie Berichte, die andernfalls gänzlich verloren wären. Ibn al-Nadīm war wie sein Vater ein Buchhändler (warrāq) und Kopist, der seinen Lebensunterhalt u. a. mit der Abschrift arabischer Bücher verdiente. Er lebte im „Byzantiner-Viertel“ von Bagdad, ein Aufenthalt in Mosul wird von ihm belegt. Der "Kitāb al-Fihrist" spiegelt Ibn al-Nadīms Streben nach Wissen im kultivierten Umfeld der intellektuellen Elite Bagdads wider. Als Zeugnis einer Zivilisation, das über die muslimische Kultur in die westliche Welt gelangte, bietet es einzigartiges klassisches Material und Verbindungen zu anderen Kulturen.
In den Kap. VIII-X enthält der "Kitāb al-Fihrist" wertvolle, historisch zuverlässige Informationen über esoterische Aktivitäten und Gemeinschaften im Islam, so über Magie, Alchemie, die Manichäer und die Sabäer. Abū 'l-Faradsch Muhammad ibn Abī Yaʿqūb ibn Ishāq an-Nadīm al-Warrāq, allgemein bekannt unter dem Nasab (Vaternamensbezeichnung) ibn Ishāq an-Nadīm ; ca. 932 – ca. 995 CE) war arabischer oder persischer Herkunft. Vieles, was über ihn bekannt ist, lässt sich aus seinen Beinamen ableiten. „an-Nadīm“ (النَّدِيم), „der Hofbegleiter“, und „al-Warrāq“ (الْوَرَّاق), „der Abschreiber (Kopist) von Manuskripten“. Er wurde wahrscheinlich um 932 CE in Bagdad geboren und starb dort am Mittwoch, den 20. Tag des Monats Schaʿban 385 n. H, das heißt am 17. September 995 oder 998 CE.
Abū l-ʿAbbās ʿAbdallāh al-Ma'mūn ibn Hārūn ar-Raschīd (arabisch أبو العباس عبد الله المأمون بن هارون الرشيد ) kurz al-Ma'mūn (786-833 CE) , war der siebte Kalif (r. 813–833 CE) der Abbasiden. Er verbrachte den ersten Teil seiner Herrschaft in Chorasan und zog erst im Jahr 819 CE nach Bagdad. Unter ihm erreichte das Kalifat der Abbasiden seinen kulturellen Höhepunkt. Al-Ma'mūn ist vor allem für sein Interesse an der Philosophie und den Naturwissenschaften und für seine Förderung von arabischen Übersetzungen antiker griechischer Texte bekannt. Darüber hinaus führte er die Mihna ein, ein inquisitorisches Verfahren, das die höchsten Amtsträger des Reiches einer Prüfung unterzog, bei der sie auf das Bekenntnis zur Erschaffenheit des Korans verpflichtet wurden, um ihre Treue zur im Koran verkündeten Schöpfungslehre zu bestätigen. Die Mihna entstand vor dem Hintergrund theologischer Auseinandersetzungen über die Natur des Korans im frühen Abbasidenstaat.
Die Mihna (arabisch محنة, miḥna ‚Prüfung‘) stellte zu den Zeiten der abbasidischen Kalifen al-Ma'mūn, al-Mu'tasim und al-Wāthiq eine Form der Inquisition dar; dabei wurden die Betroffenen gezwungen, die staatlich propagierte Lehre von der „Erschaffenheit des Korans“ (chalq al-qurʾān) zu bekennen. Diese Maßnahme wurde kurz vor dem Tod al-Ma'mūns im Jahr 833 CE eingeführt und erst 849 CE unter al-Mutawakkil ʿalā llāh (المتوكل على الله), dem zehnten Kalifen (von 847 bis 861 CE) aus der Dynastie der Abbasiden wieder aufgehoben. Während die Mehrheit der Gelehrten der Überzeugung war, dass der Koran das unerschaffene Wort Gottes sei, bekräftigten verschiedene Vertreter der Muʿtazila die Lehre von der Erschaffenheit des Korans. Zu den bedeutenden Muʿtaziliten, die dieser Auffassung anhingen, zählten unter anderem der kufische Theologe Ibn ʿUlaiya (gestorben 833 CE) sowie Abū l-Hudhail, der als erster spekulativer Theologe (Kalām) der Muʿtaziliten gilt. Nachdem al-Ma'mūn 819 CE von Merw nach Bagdad gezogen war, zog er mehrere muʿtazilitische Theologen an seinen Hof, darunter auch Abū l-Hudhail. Im Sommer 827 CE erklärte al-Ma'mūn die Lehre von der Erschaffenheit des Korans zur Staatsdoktrin. Kurz vor seinem Tod im Jahr 833 CE befahl er von Syrien aus, wo er sich im Glaubenskrieg befand, dass die Rechts- und Religionsgelehrten der Hauptstadt, insbesondere jene in öffentlichen Ämtern, einen Eid auf die Lehre von der Erschaffenheit des Korans ablegen sollten, wodurch er die Mihna in Gang setzte.
Während die Mehrheit der islamischen Gelehrten den Koran als ewig und unerschaffen betrachtete, vertraten die Muʿtazila (arabisch المعتزلة ‚die sich Absetzenden‘), eine theologisch-rationalistische Strömung des Islam, die um die Mitte des 8. Jahrhunderts von Wāsil ibn ʿAtā' in Basra gegründet wurde und ihre Blütezeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert erlebte, die Auffassung, dass der Koran von Gott erschaffen wurde. Die Muʿtazila waren stark von der griechischen Philosophie beeinflusst und trat besonders im Kalām hervor, einer Form des theologischen Streitgesprächs mit rationalen Argumenten. Anders als die traditionalistischen Muslime waren Muʿtaziliten der Auffassung, dass Gut und Böse nicht durch die Scharia begründet werden, sondern in der Natur der Dinge liegen, und die Scharia nur der Ausdruck dieser natürlichen Ordnung ist, die der Scharia vorausgeht.
Al-Ma'mūn erklärte 827 CE diese Lehre zur Staatsdoktrin und ordnete an, dass alle Gelehrten im Staatsdienst dies unter Eid bestätigen sollten. Abū l-ʿAbbās ʿAbdallāh al-Ma'mūn ibn Hārūn ar-Raschīd (arabisch أبو العباس عبد الله المأمون بن هارون الرشيد), häufig als al-Ma'mūn bezeichnet, lebte von 786 bis 833 CE und war der sieben Kalif der Abbasiden, der von 813 bis 833 CE regierte. Zu Beginn seiner Herrschaft war al-Ma'mūn in Chorasan tätig, bevor er im Jahr 819 CE nach Bagdad übersiedelte. Unter seiner Ägide erlebte das Abbasidische Kalifat einen herausragenden kulturellen Höhepunkt. Besonders hervorzuheben ist sein intensives Engagement für Philosophie und Naturwissenschaften sowie die Förderung arabischer Übersetzungen antiker griechischer Werke.
Al-Kindi (ca. 801–873 CE), der als "Al-Falsafa al-Arabiyya" („Philosoph der Araber“) bekannt wurde, stammte aus dem südarabischen Stamm der Kinda, einer einflussreichen arabischen Familie aus Kufa, und war Muslim.
Fraglich ist indessen, warum der Poet und Schriftsteller Nizámí-i-'Arúdí, den berühmten "Al-Falsafa al-Arabiyya" Al-Kindi in seinem Werk Chahar Maqala offensichtlich als "Jude" bezeichnet: "Ya'qúb ibn Isḥáq al-Kindī, though he was a Jew, was the philosopher of his age and the wisest man of his time, (...)", eine Tatsache, die in den Anmerkungen in persischer Sprache von Mírza Muhammad von Qazwín in seiner kritischen Edition wie folgt hervorgehoben wurde:
"The author's assertion that the celebrated al-Kindi, called par excellence "the Philosopher of the Arabs," was a Jew, is, as the Editor has pointed out (Persian notes ...), so absurd as to go near to discrediting the whole story." (vgl. Browne, S. 64, Anm. 1).
Mirza Muhammad von Qazwín spielte eine Schlüsselrolle bei der Herausgabe, Übersetzung und Kommentierung der „Chahar Maqala“, insbesondere bei den späteren Ausgaben, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen. Seine Beiträge haben das Werk „Chahar Maqala“ für moderne Leser und Wissenschaftler zugänglicher gemacht und dafür gesorgt, dass sowohl der literarische Stil als auch der historische Inhalt besser verstanden und bewahrt werden. Viele Ausgaben der Chahár Maqala, darunter jene, die vom Archaeological Survey of India und in der E. F. W. Gibb Memorial Series veröffentlicht wurden, führen Mirza Muhammad ausdrücklich als Herausgeber oder Verfasser der Anmerkungen auf, was seine redaktionelle Autorität auf dem Gebiet der persischen Literaturwissenschaft unterstreicht.
Als mögliche Gründe könnten folgende Annahmen sprechen:
Der "Philosoph der Araber" Abū Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī war einer der ersten Gelehrten, der griechische Philosophie ins Arabische übersetzte und in den Islam integrierte. Die Bezeichnung "Al-Falsafa al-Arabiyya" („Philosoph der Araber“) erhielt er, weil er im Gegensatz zu vielen späteren Denkern der islamischen Welt, die Perser waren, tatsächlich ethnischer Araber war.
Al-Kindi gehörte der rationalistischen Schule der Mu'taziliten an, die der Vernunft hohe Priorität einräumte. Seine intellektuelle Offenheit und Zugehörigkeit zur Schule der Mu'taziliten führte dazu, dass er von konservativen islamischen Gelehrten als „Freidenker“ oder bisweilen sogar als Häretiker verdächtigt und sogar verfolgt wurde. Dieser Verdacht und seine Distanz zur orthodoxen Lehre führten bisweilen zu Missverständnissen bezüglich seiner Religionszugehörigkeit. Es wird sogar vermutet, dass er zeitweise in Ungnade fiel, seine Bibliothek bisweilen konfisziert wurde. Das Fehlen genauer Daten zu seinem Geburts- und Todesdatum deutet darauf hin, dass er in ungeordneten Verhältnissen verstarb.
In der goldenen Ära des Islam war zudem eine gemeinsame arabisch-jüdische Identität im Sinne einer kulturellen Assimilation bis weit in die Geschichte hinein eine kulturelle Realität. Ein Gelehrter wie Nizámí-i-'Arúdí konnte daher Al-Kindi als Symbol für die Vereinigung von Wissen in Form einer arabisch-jüdischen Identität über religiöse Grenzen hinweg exponiert vorgestellt haben, auch wenn Al-Kindi historisch gesehen tatsächlich Muslim war.
Nizámí-i-'Arúdí war ein Förderer verschiedener wissenschaftlicher Fortschritte unter der Herrschaft der Ghūriden und stand im Dienst des Hauses von Ghūr, auch bekannt als die „Könige der Berge“. Der im Chahár Maqála erwähnte Jude Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī war um das Jahr 873 CE als „der Philosoph der Araber“ bekannt. Abū (Yūsuf) Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī, auch als al-Kindī (arabisch: أبو يوسف يعقوب بن إسحاق الكندي, Abū Yūsuf Yaʿqūb bin Isḥāq al-Kindī) bekannt, wurde um 800 CE in Kufa geboren und starb 873 CE in Bagdad. Er war ein herausragender arabischer Philosoph, Wissenschaftler, Mathematiker, Arzt, Musiker und Schriftsteller. Philosophisch ist al-Kindī von Bedeutung, sowohl aufgrund seiner eigenen Beiträge als auch wegen seiner umfangreichen Übersetzungsarbeiten. Im sogenannten "Haus der Weisheit" in Bagdad initiierte er Übersetzungen zahlreicher Schriften, unter anderem von Aristoteles, Platon, Alexander von Aphrodisias und Johannes Philoponos, ins Arabische.
Besonders die naturphilosophischen Werke von Aristoteles fanden Eingang in seine Überlegungen. Seine Abhandlung Über den Intellekt wurde über viele Jahrhunderte hinweg von Intellektuellen in der arabischen und lateinischen Welt breit rezipiert, und auch theologische Diskurse wurden von seinen Konzepten beeinflusst.
Abū Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī stammte tatsächlich von dem Stamm der Kinda ab und wurde von seinen nichtarabischen Zeitgenossen daher als „der arabische Philosoph“ bezeichnet. Er selbst führte seine Abstammung auf die alten Kinda-Fürsten zurück, eine Behauptung, deren Nachweis fehlt, jedoch auf eine wohlhabende Herkunft hinweist. Geboren um 800 CE in Kufa, wo sein Vater als Statthalter tätig war, profitierte er von dem intellektuellen Erbe seiner Vorfahren, was ihm wiederum die Möglichkeit bot, zahlreiche Übersetzer zu engagieren.
Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Bagdad, dem kulturellen Zentrum der islamischen Welt, wo er sich intensiv mit verschiedenen Lehren und Kulturen auseinandersetzen konnte. Deshalb gilt er als einer der ersten großen „Übersetzer“, da er maßgeblich an der Übersetzung der Werke von Aristoteles, Platon und der Neuplatoniker beteiligt war. Seine eigenen Werke basieren stark auf diesen Übersetzungen. Zwar hatte er Zugang zum Hof des Kalifen, jedoch ist nicht überliefert, in welcher Funktion.
Al-Kindi wirkte im „Haus der Weisheit“(„Bayt al-Hikma“) in Bagdad, eine der bedeutendsten Institutionen des mittelalterlichen Wissens, gegründet im 8. oder 9. Jahrhundert. Es fungierte als Bibliothek, Akademie und Übersetzungszentrum, das maßgeblich zum Goldenen Zeitalter des Islam beitrug, indem es antikes Wissen bewahrte und förderte.Al-Kindi arbeitete mithin in einem multikulturellen Umfeld, eng mit christlichen, jüdischen und sabäischen Gelehrten zusammen, um Wissen zu übersetzen. Im Haus der Weisheit waren zeitweise etwa 90 Fachkräfte mit wissenschaftlichen Übersetzungen beschäftigt, überwiegend aus dem Griechischen, jedoch auch aus dem Aramäischen und Persischen in die arabische Sprache.
Der Kalif al-Ma'mūn beauftragte einen seiner Gelehrten, nach Byzanz zu reisen, um den Kaiser um die Übergabe mathematischer Werke, darunter auch die Schriften des Euklid, zu bitten. In dieser Institution wurden sämtliche antike Werke, die verfügbar waren, ins Arabische übersetzt, darunter bedeutende Texte von Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus und Archimedes. Unter der Leitung des Arztes Hunayn ibn Ishaq (808-873 CE), ein im Abbasiden-Kalifat lebender christlich-arabischer Gelehrter, Übersetzer und Arzt, dessen latinisierter Name Johannitius lautete und das älteste arabische Lehrbuch der Augenheilkunde verfasste, entwickelte das Team eine Technik des konzeptionellen Übersetzens, die über das wörtliche Verständnis hinausging. Sein Sohn Ishāq ibn Hunyin trug ebenfalls zur Übersetzung der Elemente des Euklid in Zusammenarbeit mit dem Mathematiker und Astronomen Thabit ibn Qurra (826-901 CE), einem sabischen Mathematiker, Astronom, Astrologe, Magier, Physiker, Mediziner und Philosoph, der in Europa unter der latinisierten Form des Namens Thebit bekannt ist, bei.
Laut dem arabischen Historiker Ibn al-Qifti (1172-1248 CE) arbeiteten zur Zeit der Gründung des Hauses in Bagdad 37 Christen, 8 Sabäer und 9 Juden, deren Fach- und Sprachkenntnisse für den Aufbau der Institution von wesentlicher Bedeutung waren. Zu den bekannten Mitarbeitern zählten neben Hunayn ibn Ishaq (808-873 CE), ein im Abbasiden-Kalifat lebender christlich-arabischer Gelehrter, Übersetzer und Arzt, Thabit ibn Qurra (ca. 836–901 CE), ein bedeutender arabischer Mathematiker, Astronom, Arzt und Philosoph, der für seine wichtigen Beiträge zu den Naturwissenschaften während des Goldenen Zeitalters des Islam bekannt war, al-Abbas ibn Said al-Dschauhari, ein Astronom, Astrologe und Mathematiker am Hof des Kalifen al-Ma'mūn (r. 813 bis 833 CE) und bekannt für seine Beteiligung an bedeutsamen Himmelsbeobachtungen 829/830 CE in Bagdad und 832/833 in Damaskus, der Philosoph al-Kindī (um 800-873 CE), einer der bedeutendsten arabischen Philosophen, Wissenschaftler, Mathematiker, Arzt, Musiker und Schriftsteller, die Banū-Mūsā (بنو موسی)-Brüder, drei persische Gelehrte und Brüder, die im 9. Jahrhundert in Bagdad wirkten, i.e. Jafar Muḥammad ibn Mūsā ibn Shākir (vor 803 –873 CE), Aḥmad ibn Mūsā ibn Shākir (im 9. Jahrhundert) und Al-Ḥasan ibn Mūsā ibn Shākir ( im 9. Jahrhundert), bekannt durch Bücher über Geometrie, Astronomie und mechanische Erfindungen (Maschinen) und Mitbegründer der islamischen mathematischen Tradition als einer der frühesten Mathematiker, die die griechische Mathematik fortsetzten sowie der persisch-arabische Mathematiker al-Chwarizmi (um 780- 835 / 850 CE), ein choresmischer Universalgelehrter, Astronom und Geograph während der abbasidischen Blütezeit im Frühmittelalter. Al-Chwarizmi stammte aus dem zentralasiatischen Choresmien. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er jedoch in Bagdad und wirkte dort im „Haus der Weisheit“, der berühmten Hochschule von Bagdad. Von seinem Namen leitet sich der Begriff Algorithmus ab.
Das Haus der Weisheit war ein multikulturelles und interreligiöses Zentrum, in dem Wissen unabhängig von religiöser Herkunft gefördert und genutzt wurde. Die jüdischen Gelehrten waren somit integraler Bestandteil einer frühen, international ausgerichteten wissenschaftlichen Gemeinschaft. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die jüdischen Gelehrten am Haus der Weisheit eine bedeutende, wenn auch namentlich nicht überlieferte Rolle bei der Übersetzung und Vermittlung antiker und fremder wissenschaftlicher Werke innehatten und damit zum intellektuellen Fundament des Goldenen Zeitalters der islamischen Wissenschaft beitrugen. Ihre Beteiligung war wesentlich für den Aufbau, die Übersetzungstechniken und die Weitergabe von Wissen.
Neben dem Übersetzungszentrum umfasste das Haus der Weisheit auch ein Observatorium, eine Akademie, eine umfangreiche Bibliothek sowie ein Krankenhaus. Anhand dieses Modells wurden ähnliche Einrichtungen in Córdoba und Sevilla eingerichtet. Um das Jahr 1000 ließ der Fatimiden-Kalif al-Hakim in Kairo ein weiteres Haus der Weisheit gründen.
Bagdad wurde 1258 von den Mongolen unter Hülegü (um 1217 – 1265 CE), einem Enkel von Dschingis Khan, eingenommen, wobei das Haus der Weisheit zusammen mit sämtlichen anderen Bibliotheken zerstört wurde.
Chahár Maqála - Anekdote XXI: "Isaac the Jew"
Nizámí-i-'Arúdi erwähnt in einer autobiographischen Anekdote XXI seiner Schrift "Chahar Maqala" ("Vier Abhandlungen", vgl. Browne, 2009, Band II, S. 340) einen Juden namens "Isaac the Jew", den er auf Geheiß des Sultans ("Send thine agent thither") als Vertreter ("agent") zur Bleimine von Warsá (district of Varšād/Varšār; Jūzjānī, Ṭabaqāt I, pp. 335-36, tr. Raverty, I, pp. 339-40) entsandte.
Diese Mission fand im Rahmen einer Bergbaukonzession für eine Dauer von zwei Monaten und zehn Tagen statt, konkret vom ersten Shawwál bis zum zehnten Dhu'l-Hijja. Diese Konzession wurde dem Hofdichter Nizámí-i-'Arúdi vom damaligen "martyred prince, the King of the Mountains", dem zu dieser Zeit herrschenden Sultan der Ghuriden - i.e. Sayf al-Din Suri (r. 1146 to 1149) zwischen 1146 und 1149 - als Auszeichnung für seine herausragenden poetischen Fähigkeiten zuteil, insbesondere seiner Befähigung zur Improvisation von fünf Versen, die er dem noblen aus Balkh angereisten Staatssekretär Amir 'Amíd Safiyyu'd-Dín Abú Bakr Muhammad b. al-Husayn Rawánsháhí vortrug. Dieser Staatssekretär fand sich zur Zeit des Festes des Fastenbrechens "Eid al-Fitr" (arabisch عيد الفطر , ʿĪd al-Fiṭr) am Königshof der Ghuriden - hier im Zentrum des Reiches, in der Sommerresidenz Fīrūzkūh ein. Es war Hochsommer: "So I sent Isaac the Jew. It was then the middle of summer (...)" (op.cit. Browne (2009), S. 340).
Nizámí-i-'Arúdi versteckte sich 1152-1153 CE in Herat, nachdem die Armee der Ghuriden von Muizz ad-Dunya wa-d-Din Abu l-Harith Ahmad Sandschar, kurz Ahmad Sandschar (Sanǧar) (persisch معز الدنيا والدين أبو الحارث أحمد سنجر, Muʿizz ad-Dunyā wa-’d-Dīn ʾAbū ’l-Ḥāriṯ ʾAḥmad Sanǧar, 1084/1086 - 1157 CE), dem letzten Sultan der Seldschuken, welcher als Dynastieoberhaupt sowohl über den Irak als auch über Iran herrschte (r. 1118 bis 1157 CE), besiegt wurde.
Sein Werk Chahár Maqála wurde wahrscheinlich innerhalb der dauauf folgenden neun Jahre verfasst, da er auf Gahān-Sūz (auch Jahán-súz, persisch جهانسوز, „Weltverbrenner“), einen Beinamen, der hauptsächlich mit Ala al-Din Husayn (Pers. علاء الدین حسین), einem Herrscher der Ghuriden-Dynastie im 12. Jahrhundert (reg. 1149–1161 CE), verbunden wird, anspielt. Der Titel „Weltverbrenner“ wurde ihm verliehen, nachdem er die Stadt Ghazni (im heutigen Afghanistan) erobert und als Rache für die Tötung seiner Brüder durch die Ghaznawiden, mittels sieben Tage dauernder Brände und Plünderungen fast vollständig zerstörte. Ala al-Din Husain war ein bedeutender Herrscher der Ghuriden, der die Unabhängigkeit seines Reiches von den Ghaznawiden erkämpfte. Seine Zerstörung von Ghazni war ein Wendepunkt in der regionalen Machtbalance. Der Beiname "Gahān-Sūz" ist in persischen historischen Chroniken und literarischen Quellen weit verbreitet.
Ala al-Din Husain stand 1152 CE in der Schlacht im Heri-Rud-Tal gegen die Seldschuken, wurde besiegt und gefangen genommen. Nach zwei Jahren Gefangenschaft kam er 1154 CE gegen ein hohes Lösegeld frei und setzte seine Expansionspolitik fort. Nach seinem Tod (1161 CE) folgte sein Sohn Sayf ad-Din Muhammad nach, der jedoch nur kurz regierte. Sayf al-Din Suri war von 1149 bis 1161 König der Ghuriden-Dynastie. Als Sayf al-Din Suri, den Thron bestieg, teilte er das Ghuridenreich unter seinen Brüdern auf.
Qutb al-Din Muhammad erhielt Warshad Warsh, wo er die berühmte Stadt Fīrūzkūh errichtete. Später zerstritt sich Sayf al-Din Suri jedoch mit seinem Bruder Qutb al-Din Muhammad, der in Ghazna Zuflucht suchte und vom Ghaznawiden-Sultan Bahram-Shah von Ghazna vergiftet wurde. Um seinen Bruder zu rächen, marschierte Sayf al-Din Suri 1148 nach Ghazna und errang einen Sieg in der Schlacht von Ghazni, während Sultan Bahram-Shah nach Kurram floh. Sultan Bahram-Shah stellte eine Armee auf und marschierte zurück nach Ghazna. Sayf al-Din Suri floh, doch die ghaznawidische Armee holte ihn ein, und es kam zu einer Schlacht bei Sang-i SurakSayf al-Din Suri und Majd ad-Din Musawi wurden gefangen genommen und später in Pul-i Yak Taq gekreuzigt. Nach seinem Tod folgte ihm sein Bruder Baha al-Din Sam I. auf den Thron, der jedoch kurz darauf eines natürlichen Todes starb, bevor er seine ermordeten Brüder Qutb al-Din Muhammad und Sayf al-Din Suri rächen konnte. Ala al-Din Husayn, der jüngere Bruder von Sayf al-Din Suri und Baha al-Din Sam I., bestieg daraufhin den Thron der Ghuriden:
Der Königshof und das Machtzentrum der Ghuriden befanden sich ursprünglich in der Gebirgsregion Ghur (auch Ḡūr) im Herzen des heutigen Afghanistan. Als eigentliche Hauptstadt und Zentrum des Reiches gilt die Stadt und Sommerresidenz Fīrūzkūh (pers. Fīrūzkūh ("Turquoise Mountain", „Türkisberg“; s. Jūzjānī, Ṭabaqāt I, pp. 335-36, tr. Raverty, I, pp. 339-40), die höchst wahrscheinlich mit dem heutigen Djām (Jam) in Afghanistan identisch ist.
Fīrūzkūh ("Turquoise Mountain") war die Hauptresidenz und Hauptstadt der Ghuriden. Aufgrund der klimatischen Bedingungen in den zentralafghanischen Bergen war dies der primäre Aufenthaltsort, der durchaus auch als "Sommerresidenz" zu bezeichnen ist, während die Herrscher im Winter eher in wärmere Gebiete wie Ghazna (Ghazni) oder den indischen Subkontinent zogen. Die Ghuriden stammten aus dieser zentralafghanischen Region, bevor sie im 12. Jahrhundert zur dominierenden Macht in der Region aufstiegen.
Neben Firuzkuh war auch die Stadt Ghazna ein bedeutendes Machtzentrum, das 1173 CE zum Ausgangspunkt für die Feldzüge auf den indischen Subkontinent unter den Brüdern Sultan Ghiyath al-Din Muhammad (Persian: غیاث الدین محمد بن سام), auch bekannt als Ghiyath al-Din Ghori oder Ghiyassuddin Ghori (c. 1140-1203), Sultan der Ghuriden-Dynastie (r. 1163-1203) und Co-Sultan Mu'izz al-Din Muhammad ibn Sam (Persian: معز الدین محمد بن سام, auch Muʿizz al-Dīn Muḥammad ibn Sām; c. 1144 – 1206), auch bekannt als Muhammad von Ghor or Muhammad Ghori, Herrscher der Ghuriden-Dynastie mit Sitz in Ghor (r. 1173-1206), wurde. Beide waren Söhne von Baha al-Din Sam I (Persian: بهاء الدین سام), dem König der Ghuriden-Dynastie, der nur für kurze Zeit (r. 1149) in Nachfolge seines Bruders Sayf al-Din Suri regierte (r. 1146-1149) .
Der 1. Shawwá, beginnt mit dem Tag des Eid al-Fitr (Fest des Fastenbrechens), dem Ende des Fastenmonats Ramadan. Dhu'l-Hijja (auch Dhul-Hidscha) ist der 12. und letzte Monat des islamischen Kalenders. Er ist von großer Bedeutung, da in diesem Monat die Pilgerfahrt (Hadsch) nach Mekka stattfindet, das Opferfest (Eid al-Adha) am 10. Tag gefeiert wird und die ersten zehn Tage als besonders gesegnet gelten, um gute Taten zu verrichten.
"When I submitted these verses, the Amír 'Amíd Safiyyu'd-Dín bowed and said, O King, I know of no poet, let alone the Nidhámís, in all Transoxania, 'Iráq, and Khurásán, able to improvise five such verses, particularly having regard to their strength, energy, and sweetness, combined with such grace of diction and containing ideas so original. Be of good cheer, O Nidhámí, for thou hast no rival on the face of the earth! O Sire, he hath a pretty wit, a mind swift to conceive, and a finished art. By the good fortune of the King of the age, he hath developed into a unique genius, and will even improve upon this, seeing that he is young and hath many days before him.'
"Thereat the countenance of my lord the King brightened mightily, and a great cheerfulness showed itself in his gracious temperament, and he applauded me, saying, ' I give thee the leadmine of Warsá from this Festival until the Festival of Sacrifice. Send thine agent thither.' So I sent Isaac the Jew. It was then the middle of summer, and while they were working the mine they smelted so much ore that in the seventy days thwelve thousand maunds of lead accrued to me, while the King's opinion of me was increased a thousand-fold. May God (blessed and exalted is He) illuminate his august ashes with the light of His approbation, and gladden his noble spirit with all riches, by His Favour and Crace!" (op. cit. Browne, Vol. II, S. 340).
Nizámí-i-'Arúdis sandte seinen Vertreter "Isaak den Juden" zur Bleimine von Warsá (auch Waršāda oder Warshādah, s. Raverty (2010), vol. 1, 339). Diese Mine befand sich in jener Region, die Sultan Sayf al-Dīn Sūri, nach dem Tod seines Vaters bei Übernahme seiner Regentschaft, seinem Bruder Qutb al-Dīn Muhammad (auch "Malik-ul-Jibāl" - "Lord of the Mountains" genannt) als Regierungssitz zusprach (s. Raverty (2010), vol. 1, 339). Während ihrer Arbeit in der Mine - es war Hochsommer - gelang es, eine derart erhebliche Menge Eisenerz abzubauen zu verarbeiten, dass in einem Zeitraum von siebenundsiebzig Tagen Zwölftausend Pfund Blei ("thwelve thousand maunds of lead "), eine beträchtliche Menge, die insgesamt 5,4 Tonnen (12.000 lbs) ausmacht - produziert wurden, die Nizámí-i-'Arúdi zugeteilt wurden. In diesem Zeitraum stieg die Wertschätzung des Königs für ihn um das Tausendfache.
Im Mittelalter war das Geschäft mit Blei sowohl eine lukrative als auch lebensgefährliche Angelegenhet. Das Kommissionsgeschäft galt als eine zentrale Methode, um den riskanten Fernhandel mit Gütern wie Blei abzuwickeln. Ein Kaufmann in Kommission (Kommissionär) handelte dabei im eigenen Namen, aber auf Rechnung und Gefahr des Auftragsgebers (des Kommittenten). Für Kaufleute, die mit Blei handelten, ergaben sich daraus spezifische berufliche und finazielle Risiken: wirtschaftliche und rechtliche Risiken (Haftung und Transport). Blei war ein schweres und wertvolles Handelsgut. Kaufleute mussten den Transport über unsichere Fernstraßen organisieren, auf denen u.a. Raubüberfälle durch Wegelagerer drohten. Im Kommissionsverhältnis trug oft der Auftraggeber das finanzielle Risiko des Warenverlusts, während der Kaufmann für die sorgfältige Abwicklung haftete.
In vielen Städten herrschte das sog. Stapelrecht, das Kaufleute zwang, ihre Waren (einschließlich Metallen wie Blei) für eine bestimmte Zeit zum Verkauf anzubieten, bevor sie weiterziehen durften. Das Stapelrecht (auch Niederlagsrecht oder jus stapulae) war ein bedeutendes Handelsrecht im Mittelalter und der frühen Neuzeit, das einer Stadt das Privileg verlieh, durchziehende Kaufleute zu verpflichten, ihre Waren für einen festgelegten Zeitraum (sog. Stapelzeit) in der Stadt abzuladen, zu lagern ("zu stapeln") und zum Verkauf anzubieten. Es diente der Versorgung der Stadtbevölkerung, sicherte den lokalen Kaufleuten hohe Gewinne, generierte Zolleinnahmen und förderte die Wirtschaft der Stadt. Kaufleute, die auf Flüssen oder Handelsstraßen unterwegs waren, mussten an den Stapelplätzen Halt machen. Die Waren wurden oft 3 Tage oder länger feilgeboten. Dies bedeutete eine erhebliche Verzögerung, zusätzliche Lagerkosten und eine erzwungene Preisgestaltung. Daher war das Stapelrecht bei Kaufleuten zwar unbeliebt, aber kaum zu umgehen, da der Umweg oft unwirtschaftlich war. Händler konnten sich teilweise durch Zahlung einer hohen Gebühr, des sogenannten Stapelgeldes, von der Lagerpflicht befreien.
Als Kommissionär war es die Aufgabe des Kaufmanns, die Qualiät der Barren zu prüfen. Minderwertiges oder verunreinigtes Blei konnte zu erheblichen Verlusten und Rechtsstreitigkeiten mit dem Auftraggeber führen. Der Kaufmann haftete für die Sorgfaltspflicht eines "ordentlichen Kaufmanns". Den Fall gesetzt, er lagerte Bleibarren unsachgemäß (z.B. in feuchten Lagern oder Kellern, wo diese oxidierten) oder prüfte die Qualiät beim Ankauf nicht, so musste er für den Wertverlust geradestehen. Da Blei ein schweres Gut war, war der Transport teuer und gefährlich. In der Regel trug der Kommitent (Auftraggeber) das Risiko des Warenverlusts durch höhere Gewalt (z.B. Raub, Schiffbruch oder Piraterie), sofern der Kaufmann nachweisen konnte, dass er alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte. Ging der Kaufmann ein besonderes Risiko ein und garantierte für die Zahlungsfähigkeit des Käufers (sog. Delkrederehaftung), musste er den Kaufpreis selbst zahlen, falls der Abnehmer zahlungsunfähig war.
In vielen Städten überwachten Kaufmannsgilden - erste Nachweise solcher Schutzgemeinschaften ohne strikte Berufstrennung finden sich auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs (im 8. Jahrhundert), in England und in Deutschland (erstmals um 926 CE in der Burgenordnung Heinrichs I) - ( Ab dem 11. Jahrhunder bildeten sich in Westeuropa (in den Niederlanden, Belgien und Norddeutschland) spezifische Kaufmannsgilden, die dem gegenseitigen Schutz auf den gefährlichen Handelswegen und der sozialen Absicherung der Mitglieder dienten. Im 12. und 13. Jahrhundert entwickelten sich die Gilden in den Städten zu einflussreichen Monopolorganisationen und die Kaufleute, die in einer Stadt Fernhandel treiben wollten, mussten in der Regel Mitglied der Gilde sein. Sie kontrollierten Preise und Qualität und hatten erheblichen Einfluß in den Stadträten. Ein Kommissionär, der seinen Auftraggeber betrog, riskierte den Ausschluss aus der Gilde und damit das Berufsverbot.
Obwohl Kaufleute seltener direkt im Bergbau arbeiteten, waren sie dennoch gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Beim Umschlag von kontaminierten Bleibarren und dem Aufenthalt in Lagerräumen kamen Kaufleute mit Bleistaub in Kontakt, der durch Einatmen oder über die Haut aufgenommen werden konnte.
Hinzu kam, dass wohlhabende Kaufleute zur städtischen Elite gehörten. Diese war besonders gefährdet, da sie oft mit Bleizucker gesüßten Wein konsumierten - wie in der Anekdote XXI von Nizámí-i-'Arúdi dargestellt: "When the wine had gone round several times (...) So Itook up a pen, and, ere the wine-cup had gone tice round, composed these five couplets, which I then submitted to the King". Auch wurde bleihaltiges Tafelgeschirr gennutzt, was zu chronischen Vergiftungen (Symptome: Koliken, Hirnschäden und Gicht) führte. Da mittelalterlicher Wein oft sauer oder instabil war, nutzten Weinhändler und Produzenten eine chemische Reaktion, um ihn genießbarer zu machen. Man kochte sauren Traubenmost in Bleikesseln ein. Die enthaltene Essigsäure reagierte mit dem Blei der Kesselwand zu Bleiacetat - dem sogenannten "Bleizucker", der extrem süß schmeckte und gleichzeitig konservierende Wirkung zeigte. Er maskierte die Säure und verhinderte, dass der Wein zu Essig umkippte. Da Bleizucker ein schweres Nervengift ist, litten Konsumenten - oft die wohlhabende Oberschicht, die sich erhebliche Mengen Wein leisten konnte, an chronischer Bleivergiftung. Typische Symptome waren die schmerzhafte Bleigicht, Koliken, Lähmungen und geistiger Verfall.
Auch wurden zur Kennzeichnung und Sicherung von Waren, so etwa von Tuchballen und anderen Handelsgütern massenhaft Bleiblomben verwendet. Der ständige Umgag mit diesen Siegeln stellte eine unterschwellige, aber dauerhafte Belastungsquelle dar.
Auf einem mittelalterlichen jüdischen Friedhof am Kūh-i Kushkak in der Provinz Ghur wurden persisch-hebräische Grabinschriften entdeckt, die auf die Zeitspanne von 1012 bis 1220 CE datiert werden. Dieser historisch bedeutsame mittelalterliche jüdische Friedhof ist am südlichen Rand von Djām gelegen, nahe dem UNESCO-Weltkulturerbe, dem Minarett von Djām, das während der Ghūriden-Dynastie (1148–1215 CE) errichtet wurde.
Der jüdische Friedhof am Kūh-i Kushkak wurde erst nach der Erstveröffntlichung einer persisch-hebräischen Inschrift für "Elisa ben Mose Joseph" (d. 1198) durch André Dupont-Sommer im Jahr 1946, zum Mittelpunkt wissenschaftlicher Diskussionen, die für die Erforschung jener in der Provinz Ghur vormals ansässigen, einst blühenden jüdischen Gemeinschaft bis heute nichts an Aktualität und Bedeutung eingebüsst hat.
Die Chronologie aller bis dato dokumentierten Epitaphe vom Kūh-i Kushkak - demographisch erfasst wurden bisher allein Inschriften des männlichen Anteils der dort ansässigen jüdischen Bevölkerung von 1012 bis 1220 CE - ermöglicht eine vorläufig exakte Datierung in das 11. bis 13. Jh. CE und vermittelt einen ersten Eindruck von einer jüdischen Gemeinde in der Gegend um Djām, die in ihrer Größe und Bedeutung - unter Einbeziehung der noch zu errechnenden Anzahl an Frauen und Kindern - ganz sicher mit den mittelalterlichen jüdischen Gemeinden der drei europäischen Rheinstädte des 11. /12. Jh. CE Mainz, Speyer, und Worms vergleichbar ist. Dies bestätigt insbesondere die Anzahl der bisher dokumentierten 91 Funde, jener zum Teil mehrflächig und mit unterschiedlicher Zeilenzahl beschrifteten Rollkiesel aus Granit, die ganz sicher unvergleichlich schwieriger zu bearbeiten waren als die Sand- und Kalksteine der mitteleuropäischen Landschaft. Dieser Corpus von 91 datierten (1012-1220) und undatierbaren Inschriften aus Afghanistan, die in der Zeit von 1946 bis 1999 entdeckt wurden, wurde bisher jedoch nur zum Teil systematisch dokumentiert und veröffentlicht. Davon wurden 85 Inschriften allein durch den Theologen, Orientalisten und Afrikanisten Eugen Ludwig Rapp und den Architekten und Bauhistoriker Werner Herberg in den Jahren 1965 bis 1973 der epigraphischen Forschung zugänglich gemacht.
Die Ansiedlung dieser jüdischen Gemeinde in der heute entlegen anmutenden vorwiegend muslimisch geprägten Gegend um Djām, oftmals und aktuell erneut mit der Ghuriden-Hauptstadt Fīrūzkūh - einem zuvor blühenden Herrschafts- und Handelszentrum der Ghuriden gleichgesetzt, dessen Herrschaftsanspruch sich von Nishāpur im Ost-Iran bis zum Golf von Bengalen und dem Vorgebirge des südlichen Teils des Himalayas bis nach Sind in Nord-Indien erstreckte - scheint auf den ersten Blick rätselhaft, ist jedoch mit der Entwicklung größerer Handelsbeziehungen in der Region Ghur zu begründen, jener vormals eher "heidnisch" geprägten Umgebung, die aufgrund ihrer Rohstoffe, Eisen- und Metallverarbeitung sowie Pferdezucht weithin bekannt war, und zu Beginn des 10. Jahrhunderts zunächst mit dem Sklavenhandel auf den Märkten Herats und Sistans an Bedeutung gewann und ähnlich den Städten Kabul und Ghazni zur Zeit der Ghaznaviden von einer dauerhaften Ansiedlung von Händlern unterschiedlicher ethnischer Herkunft zeugt.
Dieser mittelalterliche jüdische Friedhof stellt ein signifikantes Zeugnis vielfältiger historischer und kultureller Einflüsse dar, die entlang der Seidenstraße in Asien wirkten. Die Region Ghur, die sich am östlichen Rand des islamischen Einflussbereichs befindet, hat eine lange Geschichte, die bis ins 2. Jahrhundert BC zurückreicht. Während der Han-Dynastie (ca. 206 BC –220 CE) bis zum Beginn der mongolischen Invasion (1194-1220 CE) war sie von erheblicher Bedeutung für China. Zu Beginn der mongolischen Eroberungen (ab ca. 1219 CE, insbesondere unter Dschingis Khan) erlitten viele florierende Handelsstädte entlang der Seidenstraße in Zentralasien, wie Samarkand und Buchara, schwere Zerstörungen. Die mongolische Invasion Afghanistans unter Dschingis Khan (ca. 1155, 1162 oder 1167 - 1227 CE) stellte einen verheerenden Feldzug dar, der das Gebiet des heutigen Afghanistans nahezu vollständig unterwarf. Diese Invasion war Teil der Eroberung des Choresmischen Reiches und führte zur Zerschlagung großer Städte (wie Bamyan, Herat und Ghazni) sowie zur Betroffenheit der Hazara-Bevölkerung, die als Nachkommen der mongolischen Soldaten angesehen wird.
Die Hauptinvasion begann 1219 CE, und die meisten Gebiete wurden bis 1222 erobert. Dschingis Khan führte die mongolische Armee, während sein Sohn die Kämpfe fortsetzte. Die mongolische Herrschaft zeichnete sich durch Brutalität aus, und in Städten wie Ghazni und Helmand sollen Berichten zufolge im Jahr 1222 CE nahezu alle männlichen Bewohner getötet worden sein. Trotz der Übermacht der Mongolen gab es auch lokalen Widerstand, wie in der Schlacht von Parwan (nördlich von Kabul, Afghanistan) im Jahr 1221, bei der ein mongolisches Heer vorübergehend besiegt wurde.
Langfristig wurde Afghanistan Teil des Mongolischen Reiches (Il-Khanat und später Tschagatai-Khanat), und die ethnische Zusammensetzung des Landes veränderte sich nachhaltig. Dschingis Khan erkannte die Bedeutung des Handels und erlangte gezielt die Kontrolle über zentrale Routen der Seidenstraße, was den Austausch zwischen Asien und Europa förderte. Nach den Eroberungen gewährten die Mongolen eine Phase beispielloser Sicherheit. Durch strikte Rechtsdurchsetzung (Pax Mongolica) und patrouillierende mongolische Krieger wurde gegen jegliches Banditentum vorgegangen, was die Reise entlang der Handelsrouten sicherte. Das Mongolische Reich verstärkte den Handel durch ein gut organisiertes Post- und Relais-System (Yam), welches den Transport von Waren und Nachrichten erheblich beschleunigte. Diese Stabilität förderte den intensiven Austausch von Ideen, Technologien (darunter Schießpulver und Papier) und den Kulturen zwischen Ost und West. Europäer wie Marco Polo waren in der Lage, die Route sicher zu bereisen. Während die Mongolen die Seidenstraße revitalisierten, führte der spätere Zerfall des Mongolischen Reiches zu einem Niedergang der Route, die um 1453 CE ihre Bedeutung weitgehend verlor.
Die mongolische Invasion zwar zunächst verheerend, führte jedoch langfristig zu einer Phase der Absicherung und Intensivierung des Fernhandels. Die Seidenstraße, ein bedeutendes Handelsnetz, trug über mehr als 1500 Jahre zum Austausch von Waren und zur kulturellen Interaktion bei. Das Mongolische Reich und die Pax Mongolica stärkten und revitalisierten die Seidenstraße zwischen 1207 CE und 1360 CE.
Die persisch-hebräischen Inschriften - ein Konvolut von ca. 91 (datierten und undatierten) Epitaphien (Epitaph, altgriech. ἐπιτάφιον ‚zum Grab gehörend') - des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs am Kūh-i Kushkak südlich von Djām gelegen, sind ein wertvolles steinernes Archiv einer jüdischen Gemeinde, die einst in dieser abgelegenen Bergregion im zentralasiatischen Raum bis zur mongolischen Eroberung der einst blühenden Handelsstädte entlang der Seidenstraße lebte und aktiv am Fernhandel beteiligt war.
In den persisch hebräischen Inschriften des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs vom Kuh-i Kushkak finden sich neben Standesbezeichnungen und Funktionen der Verstorbenen (z.B. Levit, Priesternachkomme (und Arzt), Vorbeter und Lehrer, Gemeindevorsteher, Gemeinde- und Synagogenvorsteher) auch Hinweise auf weltliche Beruf, die diese innerhalb der jüdischen Gemeinde ausübten (Vorsteher des Ordnerdienstes, Kaufmann, Gelehrter, Lehrer, Beamter des Reichsdistrikts (Hofjude oder Hoffaktor), Neumondbeobachter (Astronom), Kunstweber (Damastwirker), (Priesternachkomme) und Arzt.
In der Inschrift Afghanica 19 (1973)/11(1971, s. Abb.) wird eines bedeutenden Gemeindemitglieds gedacht, das als Distriktsbeamter, und Verwalter tätig war: "Der Distriktsbeamte Sacharja, Sohn des Simcha Mose" (d. 25. April 1173; s. Abb. ), möglicherweise der Sohn eines Leviten namens "Simcha". Es handelt sich in diesem Fall weniger um einen klassischen Politiker, sondern primär um einen Finanz- oder Logistikexperten, demnach um ein entscheidendes Bindeglied zwischen der muslimischen Herrschaft und der wirtschaftlichen Infrastruktur. Ein jüdischer Distriktsbeamter war in der Regel dafür verantwortlich, die Abgaben einer bestimmten Region (Distrikts) für den Sultan einzutreiben. Da die Juden zu dieser Zeit oft über bessere Kenntnisse und internationale Währungserfahrungen verfügten, vertraute man ihnen die Buchhaltung an.
In der Provinz Ghur gab es bedeutende Bergwerke und wie bereits erwähnt jene im Verwaltungsdistrikt Warshá gelegene Bleimine, von der der Hofdichter Nizámí-i-'Arúdi in seiner autobiographischen Anekdote XXI berichtet. Die Region um das Minarett von Djām im Distrikt Shahrak ist reich an archäologischen Überresten. 2024 wurden dort antike Objekte entdeckt, die aus der Erde gespült wurden, was auf versteckte historische Stätten hinweist.
Mein geschätzter Kollege, der Archäologe David Colin Thomas 2003 konnte während des Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP) unter der Leitung von Prof. Giovanni Verardi vom Istituto Italiano per l'Africa e l 'Oriente (IsIAO) in Zusamenarbeit mit dem National Afghan Institute of Archaeology und Unterstützung der UNESCO die wissenschaftliche Forschung in der Region um das Minarett von Djām in der Provinz Ghor wieder aufnehmen.
Nach neueren archäologischen Forschungen wird Djām - etwa 215 km östlich von Herat in einer abgelegenen, ungefähr 1900 m über dem Meeresspiegel und bis zu 3500 m hohen Bergregion Zentral-Afghanistans gelegen - in Übereinstimmung mit der bereits bekannten Theorie erneut mit dem Urbanen Zentrum von Fīrūzkūh, einer Sommerresidenz der Ghuriden, in Verbindung gebracht:
"Despite the debatable evidence, modem Jām is now therefore generally accepted as the site of Fīrūzkūh. Uncorroborated reports of the looting of antiquities at Jām indicate the wealth of the site: the large caches of coins and jewellery reputed to have been discovered correlate with al-Jūzjānī's account, while the discovery of Persian-Hebrew tombstones supports his mention of a Jewish trading community at Fīrūzkūh."
Erstmalige Belege für die Fīrūzkūh-Theorie und die zuvor nur wenig bekannten Befestigungsanlagen Ghors finden sich bei Sir Henry George Raverty (1825-1906), einem Linguisten und Offizier der British Indian Army,sowie in den Aufzeichnungen von Colonel Sir Thomas Holdich (1843-1929) über seine Tätigkeit für die Russo-Afghan Boundary Commission undseiner Dokumentation eines Besuches in der Gegend um Taywara:
"Taiwara is locally known as Ghur, and may be absolutely on the site of the ancient capital, for there are ruins enough to support the theory."
Afghanistan ist bekannt für Eisenerz, Kupfer, Gold und Lapislazuli. Die raue Gebirgslandschaft von Ghur (Teil des Hindukusch) deutet auf ähnliche, teils unerforschte Lagerstätten hin, wie sie auch in der Nachbarprovinz Bamian (18 Mrd. Tonnen Eisenerz) vermutet werden. Der primäre Rohstoff, der in mittelalterlichen Bleiminen in Afghanistan (insbesondere im Hindukusch, z. B. im Ghorbandtal oder Panjshir) abgebaut wurde, war Bleiglanz (lateinisch Galena, chemisch Bleisulfid, \(PbS\)). Der Bleiglanz wurde in der Regel nicht nur wegen des Bleis, sondern primär zur Gewinnung von Silber abgebaut, das oft in geringen Mengen im Bleiglanz enthalten war (Silber-Blei-Erze). Es handelte sich um Untertagebau, bei dem die Erze in Gängen (Venen) im Nebengestein gesucht wurden. Die Minen waren seit der Samaniden-Zeit (ca. 819–1005 CE) bis ins 13. Jahrhundert von großer Bedeutung für die Herstellung von Silbermünzen (Dirhams), die in ganz Eurasien gehandelt wurden. Der Dirham (arab. درهم, dirham; Pl. دراهم / darāhim), in europäischen Darstellungen auch Dirhem (und Derham) genannt, ist eine arabische Währungseinheit, die heute als Währung in den arabischen Staaten Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie als Untereinheit in Katar, Libyen, Jordanien wie auch in Tadschikistan im Umlauf ist. Der Dirham war historisch die Silbereinheit des arabischen Münzsystems, die vom Kalifen Abd al-Malik im Jahre 698/699 CE eingeführt wurde. Das arabische Wort geht über das Persische "drahm" auf das griechische Wort "drachme" (δραχμή) zurück.
Während der Ghuriden-Zeit (12.-13. Jahrhundert) war diese Region ein Machtzentrum, das für seine Metallverarbeitung bekannt war, was einen lokalen Bergbaumehr als wahrscheinlich macht.
Nizámí-i-'Arúdi sandte seinen Vertreter "Isaak den Juden" zur Bleimine von Warsá (auch Waršāda oder Warshādah, s. Raverty (2010), vol. 1, 339). Bei diesen Vertretern oder Gesandten handelte sich in der Regel um einen speziell ausgebildeten Distriktsbeamten, der den Abbau und den Transport der zu Tage beförderten Rohstoffe zur Hauptstadt, so etwa nach Djām (Firuzkuh) kontrollierte und organisierte.
Es könnte sich mithin bei dem von Nizámí-i-'Arúdi benannten "Isaac the Jew" sogar um einen jüdischen Distriktsbeamten aus der lokal bedeutsamen Linie der "Isaakiden" der Inschriften vom Kūh-i Kūshkak handeln, der zu Nizámí-i-'Arúdis Zeit am Hof der Ghuriden in seinem Auftrag tätig wurde.
Auf der Inschrift Afghanica 19 (1973)/11(1971, s. Abb.) wurde des "Sacharja, Sohn des Simcha Mose" als einem Gemeindemitglied von hoher politischer und wirtschaftlicher Autorität in seiner besonders wichtigen Funktion als dem "greisen ehrwürdigen Beamten des Reichsdistrikts" gedacht. Er verstarb am 10. Iyyar 1484 =4933 = 25. April 1173. Sacharja gehörte ganz sicher zu den Hauptakteuren und Architekten des Wohlstands, die den Bau des monumentalen Minarett von Djām erst möglich machten.
In der Provinz Ghur waren jüdische Distriktsbeamte im 11. und 12. Jahrhundert unersätzliche Fachkräfte für die muslimischen Ghuriden-Sultane. Diese Beamten besaßen technische Expertise, waren in loyalem Dienst tätig und hatten direkten Zugang zur internationalen Vernetzung im Fernhandel an der Seidenstraße. Sie waren oftmals auch als Steuerpächter engagiert, garantierten dem Sultan eine feste Summe an Abgaben aus einem Distrikt und organisierten die detaillierte Eintreibung vor Ort. Ghur war reich an Bodenschätzen und die jüdischen Beamten überwachten den Abbau von Blei und dem darin enthaltenem Silber, der für die Herstellung von Waffen, Edelmetallen und Münzen von höchster Bedeutung war. Die Sultane der Ghuriden vertrauten den jüdische Beamten oft mehr als ihren eigenen lokalen muslimischen Adligen, da die Juden keine Ambitionen auf den Thron hatten und ihr Überleben direkt vom Schutz des Herrschers abhängig war. Dies symbiotische Beziehung endete erst mit der Ankunft der Mongolen, die die Stadt Fīrūzkūh und die Verwaltungsstrukturen vollständig vernichteten.
Auch gab es Hoffaktoren (Wirtschaftsberater und Finanziers) am Hof der Ghuriden. Diese waren weit mehr als nur einfache Händler. Sie waren strategische Parner der Ghuridischen Dynastie.
Diese Position ermöglichte es Familien wie den Nachkommen der "Söhne des Isaak" (den "Isaakiden"), über Generationen hinweg ihren Reichtum und Einfluss zu sichern. Bei dem erwähnten " Juden Isaak" handelt es sich ganz sicher um einen Nachkommen aus der Linie der "Isaakiden", den Sohn eines Leviten, der zur Zeit des Hofdichters aktiv im Bereich der Kontrolle des Abbaus, Transports und Handels der Rohstoffe im lokalen Bergbau nahe der Sommerresidenz der Ghuridendynastie Fīrūzkūh tätig war.
Literatur: Lintz, Ulrike-Christiane. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil I).“ JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 4 (2008): 333-358; Dies. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil II.)“, JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 1 (2009): 43-74; Dies. “The Qur'anic Inscriptions of the Minaret of Jam in Afghanistan.“ In: Mohammad Gharipour and Irvin Cemil Schick, eds., Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Edinburg: Edinburgh University Press, 2013, 83-102; Dies. “Survey of Judaeo-Persian Inscriptions from Djam, Central Afghanistan.“ In: Mariko N. Walter and James P. Ito-Adler, eds., The Silk Road: Interwoven History, Vol. 1: Long-distance Trade, Culture, and Society. Cambridge: Cambridge Institutes Press, 2015, 132-177; Sir Thomas Hungerford Holdich. The Indian Borderland 1880-1900. London 1901 repr. Whitefish/MT 2007); Sir Thomas Hungerford Holdich. The Gates of India. Being an Historical Narrative. London 1910, S. 222; Thomas, David Colin and Alison Lucy Gascoigne. "Recent Archaeological Investigations of Looting around the Minaret of Jam, Ghur Province". In: Juliette Van Krieken-Pieters (ed.). Art and Archaeology of Afghanistan. Its Fall and Survival. A Multi-disciplinary Approach. Leiden: Brill, 2006, S. 155-167; Thomas, David Colin. "FlRÜZKÜH, The summer Capital of the Ghurids". In: Amira K. Bennison & Alison Lucy Gascoigne (eds.). Cities in the Pre-modern Islamic World. The Urban Impact ofState, Society and Religion. London 2007, S. 115-144; Thomas, David Colin. "Looting, Heritage Management and Archaeological Strategies at Jam, Afghanistan". Culture Without Context 14 (2004), S. 16-20; DERS. "Archaeological Investigations at Jam, Afghanistan". al-'Usur al-Wusta 18 (2006), S. 1-6.

In der Inschrift Afghanica 51 (1973)/ 33 (1971) erfahren wir von einem Kaufmann (hebr. תגר - pers. tājir; Krämer oder Händler). "Der Kaufmann Joseph, Sohn des Isaak, Sohn des Joseph Noah" (d. 1202), ein Beleg dafür, dass die Juden aus Fīrūzkūh ("Turquoise Mountain", „Türkisberg“; s. Jūzjānī, Ṭabaqāt I, pp. 335-36, tr. Raverty, I, pp. 339-40), der Sommerresidenz der Ghuriden in der abgelegenen Bergregionin der Provinz Ghūr, die höchst wahrscheinlich mit dem heutigen Djām (Jam) in Afghanistan identisch ist, im 12. Jahrhundert aktiv am Fernhandel beteiligt waren.
Shaul Shaked (1933–2021), Schwarzmann University und Professor (emeritus) an der Hebräischen Universität Jerusalem für Iranistik, Religionswissenschaft, Aramäisch und Magie in der Spätantike, kommentiert dies wie folgt: "To the sphere of commercial activity belongs the title תגר as well, corresponding to Arabic and Persian tājir" (Epigraphica Judaeo-Iranica, S. 80-81) und "In the Geniza documents tājir tends to designate a person whose commercial activity is large and respected. cf. S.D. Goitein, A Mediterranean society, I [...], p. 149" (Epigraphica Judaeo-Iranica, S. 81 Anm. 50).
Bei der Tätigkeit eines jüdischen Kaufmanns handelte es sich demnach um eine gewerbliche Tätigkeit (hebr. „תגר“, pers. „tājir“), die recht umfangreich, verantwortungsvoll und angesehen war. Die jüdischen Kaufleute waren zudem als Berater und Vermittler zwischen den Handelsgemeinschaften und den Herrschern tätig.
Die Sultane benötigten für ihre Indien-Feldzüge enorme finanzielle Mittel. Jüdische Kaufleute und Finanzexperten organisierten die Liquidität, so etwa durch das System der suftadja (mittelalterliche Wechsel und Kreditbriefe), wodurch Geld sicher über weite Strecken transferiert werden konnte. Händler aus dem arabisch-islamischen Raum beglichen Beträge bargeldlos mit suftadja (Tratte) und sak (ähnlich einem Scheck). Eine Tratte (gezogener Wechsel) ist im Wirtschaftsrecht ein vom Gläubiger (Trassant) ausgestellter Wechsel, der den Schuldner (Trassat) anweist, eine Geldsumme zu zahlen. Sie dient als kurzfristiges Finanzierungs- und Zahlungsinstrument, insbesondere im internationalen Handel. Mit Unterschrift (Akzept) wird sie zum akzeptierten Wechsel. Für die mittelalterlichen Geschäftsleute war die Erfindung des Wechsels revolutionär: mehr Sicherheit, mehr flüssige Mittel, und einfacherer Handel über grosse Distanzen.
Als Spezialisten für den Fernhandel und Teil des Netzwerkes der Seidenstraße beschafften die jüdischen Kaufleute dem Hof Güter, die lokal nicht verfügbar Waren (z.B. feine Stoffe oder seltene Medikamente).
Neben den jüdischen Distriktsbeamten und Hoffaktoren waren die jüdischen Kaufleute und Finanzexperten in der Provinz Ghur zentrale Akteure in einem globalen Handelsnetzwerk. Die "Afghanische Geniza", die Epitaphien vom jüdischen Friedhof nahe der Stadt Djam (Fīrūzkūh ) und archäologische Funde in dieser Region belegen ihre Handelsaktivitäten an der Seitenstraße.
Die „Afghanische Geniza“ stellt eine bedeutende Sammlung von Manuskriptfragmenten aus dem mittelalterlichen Afghanistan dar, die mehrere Tausend Dokumente umfasst. Ein erheblicher Teil dieser Texte wurde innerhalb afghanischer jüdischer Gemeinden verfasst, über deren Geschichte bislang wenig bekannt war. In den letzten Jahren ist es der Nationalbibliothek Israels gelungen, annähernd 300 Seiten dieses wertvollen Materials zu erwerben. Die Analyse dieser Dokumente hat entscheidende Einblicke in das Leben der Juden gewährt, die vor nahezu tausend Jahren in Afghanistan lebten. Sie beleuchtet Aspekte ihres Alltags, ihrer Arbeit, ihrer religiösen Praktiken sowie ihrer Interaktionen mit muslimischen Nachbarn. Im frühen 13. Jahrhundert erlitten diese jüdischen Gemeinden - ebenso wie die Gemeinde von Jjam - erhebliche Verluste durch die Invasion der mongolischen Streitkräfte unter Dschingis Khan, die auch die umliegende Region Khorasan hart traf. Dass diese Manuskripte die Zeit überdauert haben, dürfte eher dem Zufall als einer bewussten Archivierung zu verdanken sein. Die Sammlung, die sich in der Nationalbibliothek befindet, beinhaltet persönliche Korrespondenzen, Geschäftsdokumente sowie juristische, administrative und literarische Texte. Die ältesten Stücke stammen aus dem 11. Jahrhundert, während die jüngeren aus der frühen Phase des 13. Jahrhunderts datieren. Ein besonders aufschlussreiches Dokument innerhalb dieser Zusammenstellung ist ein Brief eines jungen jüdischen Mannes namens Yair, der sich in einer schwierigen Situation befand. Aufgrund gescheiterter Geschäftsunternehmungen sah er sich gezwungen, von seiner Heimatstadt Bamiyan in die etwa 150 Kilometer entfernte Gemeinde Ghazni zu ziehen, wobei er seine Frau zurücklassen musste.
Dem jungen Mann wurde zudem vorgeworfen, den Sabbat nicht eingehalten und „in Vermögensangelegenheiten gelogen“ zu haben. Yairs Brief ist an einen Mann gerichtet, der als Abu al-Hasan Siman-Tov bekannt ist und sehr wohl sein Schwager gewesen sein könnte. Er wurde im 11. Jahrhundert in Judeo-Persisch (Persisch in hebräischen Buchstaben) verfasst.
Hier sind einige Auszüge aus dem Brief, übersetzt und transkribiert von Ofir Haim:
“A thousand greetings to the beloved brother Abu al-Hasan Siman-Tov, may he have a long life, son of Abu Nasr, son of Daniyal. May God’s blessing and praise upon (his) body and soul (increase)…
The letter of the beloved brother arrived, may God keep him alive. I read (it). I was joyful at the news of his good health, may God bestow good tidings. Also I inform the beloved brother that these several letters (which) were written (saying) that I committed falsehood regarding property and broke promises, are all false claims. There should not be so much reproaching. If I took property, my affair and my reply are with the Merciful. I did not do a thing by which the Merciful was not pleased. If one says that I do not observe the Sabbath, I know such, brother, that the Mericful will not punish him because of that. These many reproaches should not be done by anyone. I did nothing contrary to (the customs of) people (...)"
Die persisch-hebräischen Grabinschriften aus Afghanistan sowie die Manuskriptfragmente der „Afghanischen Geniza“ enthalten eine beträchtliche Fülle wertvoller Informationen, die uns einen einzigartigen Einblick in das Alltagsleben, die religiösen Praktiken und die logistischen Aspekte des Fernhandels der mittelalterlichen jüdischen Gemeinden entlang der Seidenstraße ermöglichen.

Auf mehreren Epitphien des jüdischen Friedhofs vom Kuh-i Kushkak begegnet uns der Name "Isaak" (Isaac).
Der hebräische Name des Verstorbenen wird in der Regel - der Tradition folgend - mit einem oder mehreren Vornamen und dem Vaternamen zitiert. Im Fall der Abstammung von einem Priester oder Leviten tritt- wie in den vorliegenden Inschriften aufgezeigt - die Bezeichnung der Zugehörigkeit zu einer der beiden Priesterklassen zum Namen hinzu.
- Afghanica 3 (1973)/ 1 (1971): "Der Levit Mose, Sohn des Isaak" (d. 1089/90)
- Afghanica 4 (1973) / 2 (1971): "Der gerechte Isaak, Sohn des N." (d. 1093);
- Afghanica 9 (1971 - Neufund): " David; Sohn des Abraham, Sohn des Isaak, Sohn des 'gr ('gd)" (d. 1133);
- Afghanica 23 (1973)/14 (1971): "Šadan, Sohn des Isaak Šadan" (d. 1178):
- Afghanica 29 (1973)/18 (1971): "Der junge Priesterabkömmling Isaak, Sohn des Šadan Isaak (d. 1184), s. Abb.;
- Afghanica 34 (1973)/22 (1971): "N. Sohn des Isaakiden" (d. 1189)
- Afghanica 38 (1973)/25 (1971): "Jakob, Sohn des Halla'i (Neumondbeobachter) Isaak (d. 1192);
- Afghanica 41 (1973)/26 (1971): "Isaak, Sohn des Jakob, genannt Malik" (d. 1194);
- Afghanica 43 (1973)/28 (1971): "Der Levit Joseph, der Sohn Abrahams, der Sohn des Isaak Salomo (d. 1196);
- Afghanica 45 (1973)/30 (1971):"Samuel, Sohn des Jakob Isaak Abraham" (d. 1198);
- Afghanica 49 (1973/32 (1971): "Isaak, Sohn des David" (d. 1202);
- Afghanica 50 (Neudund 1971): "Abraham, Sohn des des Isaak David (d. 1202);
- Afghanica 51 (1973)/33 (1971): "Der Kaufmann Joseph, Sohn des Isaak, Sohn des Joseph Noah" (d. 1202);
- Afghanica 55 (1973)/35(1971): "Joseph Isaak, Sohn des Simcha, bekannt unter dem Namen "Rawuh" ("Wehklage") (1213);
- Afghanica 60 (1973)/16 (1965):"N., Sohn des Isaak" (nicht datierbar);
- Afghanica 53 A (1973): "Sangi (Zangí) , der Sohn des Isaakiden" (d. 1210) (Anm.: pers. Name mit Bedeutung von "Äthiopier";
- Afghanica 59 A (1973): "Der edle (nudjaba) Bräutigam, der Gerechte, Fromme, Isaak, Sohn des (Mose?) (d. 11. März 1220)
Allein bei den hier dokumentierten datierten Grabinschriften, handelt es sich bei den benannten "Isaakiden" um eine gesicherte Familiengenealogie von ca. 5 Generation, die zwischen 1089/90 und 1220 CE verstarben. Dies lässt sich nach folgender Grundformel berechnen (vgl. Ehmer, Josef. Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1800-2000, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004).
n = Zeitraum in Jahren (131) / Durchschnittliche Generationslänge (ca. 25-30 Jahre pro Generation =
n= ca. 131/25 = 5,24 Generationen (plus/minus 1, je nach Alter bei Geburt)
Shaul Shaked kommentiert den Namen Šadan, vgl. Afghanica 23 (1973)/14 (1971): "Šadan, Sohn des Isaak Šadan" (d. 1178) wie folgt:
"[...] Šādān, Šādī (both names occur in Rapp 1971, No. 4; cf. also Rapp 1965, Nos. 5 ,6. Šādān is also written defectively šdn in Rapp 1971, No. 8). The name probaly doubled for Simḥa (cf. Rapp 1965, No. 5 and 1971, No. 35), just as in the Arabic speaking area Jews used Faraḥ as equivalent for Simḥa. The name Šādī is also attested among the Jews of Kai Feng, though the latest investigator of the material, D. D. Leslie, preferred to read it improbably as shaddai."
Auch findet sich auf einem Epitaph der Hinweis auf die "Isaakiden", eine poetische oder theologische Umschreibung für die jüdische Abstammung. Der Begriff leitet sich ab vom biblischen Erzvater "Isaak", dem Sohn Abrahams und Vater Jakobs.
- Afghanica 34 (1973/22 (1971). "N., Sohn des Isaakiden" (d. 1189)
In der mittelalterlichen Genealogie und Symbolik steht der Begriff "Isaakiden" für die Fortführung der Verheißung Gottes an das Volk Israel.
Tritt in einer jüdischen Gemeinde - wie auf dem mittelalterlichen Friedhof vom Kuh-i Kushkak - jedoch eine Häufung von Hinweisen auf den Namen "Isaak" und die Nachfolge eines "Sohnes des Isaak" auf verschiedenen Epitaphien auf, oder gar ein Hinweis dahingehend, dass es sich um den "Sohn des Isaakiden" handelt, so deutet dies auf eine historische und genealogische Gegebenheit hin. Im MittelaLter und bis in die frühe Neuzeit waren in jüdischen Gemeinden keine festen Familiennamen üblich. Personen wurden stattdessen nach ihrem Vater benannt (Patronym). Ein Verstorbener hieß zum Beipiel "Levi ben Jizchak" ("Levi, Sohn des Isaak"). Werden mehrere Grabsteine mit "Sohn des Isaak" oder "Sohn des Isaakiden" erwähnt, so kann dies darauf hindeuten, dass ein einflussreicher Namensgeber "Isaak" in der Gemeinde lebte, der viele Söhne hatte, die wiederum alle an diesem Ort bestattet wurden.
- Afghanica 3 (1973)/ 1 (1971): "Der Levit Mose, Sohn des Isaak" (d. 1089/90)
- Afghanica 9 (1971 - Neufund): " David; Sohn des Abraham, Sohn des Isaak, Sohn des 'gr ('gd)" (d. 1133);
- Afghanica 45 (1973)/30 (1971):"Samuel, Sohn des Jakob Isaak Abraham" (d. 1198);
- Afghanica 53 A (1973): "Sangi (Zangí) , der Sohn des Isaakiden" (d. 1210) (Anm.: pers. Name mit Bedeutung von "Äthiopier";
Auch war die traditionelle Namensfortführung in den jüdischen Gemeinden üblich, so dass die männlichen Nachkommen die Namen verstorbener Vorfahren trugen. Verstarb ein Stammvater namens "Isaak", trugen die Enkel oft denselben Namen. Dies führte über Generationen hinweg zu einer Häufung des Namens in der Epigraphik einer einzigen Gemeinde. Dies deutet - wie auf dem mittelalterlichen Friedhof vom vom Kuh-i Kushkak ersichtlich - auf eine starke lokale Bestätigung der Familie des "Isaak" hin.
Oft bezog sich der Begriff "Isaakide" auch auf den expliziten Hinweis auf die Vaterschaft eines "Isaak" aus einer lokal bekannten Rabbiner-oder Gelehrtenfamilie, was bei den Epitaphien der jüdischen Gemeinde von Djām durchaus der Fall sein könnte. Die Erwähnung des Vaters "Issak" diente als Qualitätsmerkmal und Legitimation des eigenen sozialen und religiösen Status innerhalb der Gemeinde. Die Häufung des Namens dokumentiert somit gleichsam den sozialen Aufstieg oder langanhaltenden Einfluss dieser spezifischen Genealogie in der Gemeinde.
Eine lokale Häufung des Namens "Isaak" - wie auf dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof der Gemeinde um den Fundort Djām (Jam), in der Provinz Ghur (Ghor) , der vermutlich mit der ("Sommer-) Residenz Fīrūzkūh der Ghuriden gleichzusetzen ist, verweist ganz sicher auf eine dominante lokale Familiendynastie der "Isaakiden" hin, die über mehrere Generationen hinweg das Gemeindeleben prägte und ihre Abstammung als Identitätsmerkmal auf den Grabmälern dokumentiert.
Der Name "Isaak" (Yischak) ist eng mit der Erzählung der Akedah (Bindung Isaaks) verknüpft (religiöse Symbolik). In Zeiten der Verfolgung wurde "Isaak" oft als Symbol für die Standhaftigkeit im Glauben und das Märtyrertum verwendet. Eine Häufung in einer bestimmten Zeitspanne könnte theoretisch zudem eine kollektive religiöse Selbstidentifikation der Gemeinde widerspiegeln.
Die auf dem jüdischen Friedhof von Djām dokumentierten Grabinschriften datieren zwischen 1012 CE und 1220 CE. Allerdings existieren auch weitaus ältere Epitaphien, die nachweislich (Duktus) wesentlich älter sein dürften (ca. 10. Jahrhundert CE), aber bisweilen weder Daten noch Namen tragen, oder aufgrund ihres Zustandes (Verwitterungsgrad und Fragmentierung) kaum zu entziffern sind.
Die relativ häufige Nennung des Patronyms "Isaak" deutet gewiß auf eine lokale Familiendynastie hin, die als einflussreiche Familie über Generationen hinweg die Führung innehatte. Die Häufung zeigt eine genealogische Tiefe, da die Familie über nahezu 5 Generationen stabil genug war, um eine durchgehende Stammfolge (Genealogie) zu dokumentieren. Die Familie des Patronyms "Isaak" dürfte nicht nur dem Hofdichter Nizámí-i-'Arúdi bekannt gewesen sein, und die Bezeichnung "Isaakide" dürfte sogar als eine Art Ehrenbezeichnung anzusehen sein, die die Zugehörigkeit zu diesem angesehenen Familienzweig betonte.
Die "Söhne Isaaks" erweisen sich möglicherweise als steinerne Zeugnisse (Archiv) einer jüdischen Elite, die vom 11. bis bis ins 13. Jahrhundert im Herzen eines islamischen Weltreichs lebte, und mit der Zerstörung der Stadt Fīrūzkūh durch das Heer von Ögedei Khan, Sohn des Dschingis Khan, im Jahr 1222 CE ein gewaltsames Ende fand. Der spätest datierte Grabstein stammt aus dem Jahr 1220 CE, zwei Jahre vor der totalen Zertörung der Stadt Firuzkuh.
Möglicherweise lebte nach der mongolischen Invasion eine kleine Gruppe von Mitgliedern dieser vormals bedeutsamen jüdischen Gemeinde in dieser Region bevor die jüdische Präsenz in diesem entlegenen Tal für Jahrhunderte vollständig erlosch.
Die Mitglider der Gemeinde von Djām lebten keineswegs isoliert, sondern waren Teil eines hochgebildeten Handelsnetzwerkes entlang der Seidenstraße, eine Tatsache, die durch die Funde hunderter Manuskripte und Fragmente in den Höhlen der Provinz Samangan (nördlich von Ghur), als Teil der sog. "Afghanischen Geniza" in beeindruckender Weise bestätigt wird. Die "Afghanische Geniza" enthält wertvolle Dokumente, darunter Briefe, Rechtsverträge, biblische Kommentare und kaufmännische Aufzeichnungen in Hebräisch, Aramäisch und Judeo-Persisch, die es uns ermöglicht, das Leben dieser jüdischen Gemeinde im 11. bis 13. Jahrhundert zu ergründen und zu verstehen.
Die hier vorgestellten Epitaphien wurden im Andenken an Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Djām, Afghanistan errichtet. Einige dieser Mitglieder lebten ganz sicher während der Zeit als Nizámí-i-'Arúdi als Hofdichter im Dienste des Hauses der Ghuriden, bekannt als die „Könige der Berge“ tätig war. Nizámí-i-'Arúdi berichtet selbst, dass er zum Zeitpunkt der Erstellung der Chahár Maqála (ca. 1165 CE) bereits seit fünfundvierzig Jahren (ca. seit 1120 CE) mit diesem Königshaus verbunden war.
Mithin könnte Nizámí-i-'Arúdi sogar einige der Gemeinemitglieder, z.B. "Šadan, Sohn des Isaak Šadan" (d. 1152-53 CE) und den "junge(n) Isaak, der Priester, der Sohn des Šadan Isaak" (d. 1163-64 CE) der jüdischen Gemeinde von Djām, deren Namen uns auf den Epitaphien vom Kūh-i Kūshkak im Andenken an sie überliefert sind, persönlich gekannt haben. Vielleicht wurde sogar ein Mitglied der Familie der "Isaakiden", von ihm - aufgrund der Popularität in jener Anekdote XXI vereinfacht als "Isaak the Jew" benannt - als sein Vertreter ("agent") zur Bleimiene entsandt.
In diesem Zusammenhang gilt zu beachten, dass es sich im Judentum bei einem geburtsständigen Status, wie dem des Priesters (Kohen) nicht um einen Vollzeitberuf wie im christlichen Mittelalter handelt. Mithin war die Vereinbarkeit von Priesterstatus und kaufmännischer Tätigkeit (einschließlich der Rolle eines Distriktsbeamten oder Kommissionärs) durchaus gegeben, und im vorliegenden Fall aufgrund der örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten auch möglich, auch wenn dies auf dem entsprechenden Epitaph nicht erwähnt sein sollte. Ein Kohen (Priester) war in dieser Zeit ein ganz gewöhnliches Mitglied der Gemeinde. Viele Kohanim waren als Kaufleute, Händler, Geldverleiher und Kommissionäre tätig. Es gab keine religiöse Vorschrift, die einen Kohen daran hinderte, wirtschaftlich tätig zu sein. Da es nach der Zertörung des Tempels (ab 70 CE) keine Opfer mehr im Tempel gab, wandelte sich die Funktion der Priester. Sie behielten ihren Status durch Abstammung, nahmen aber keine Vollzeit-Amtsfunktion mehr ein. Ihre Hauptaufgabe bestand im Priesersegen (Birkat Kohanim) in der Synagoge.
Im 12. und 13. Jahrhundert war das Leben der Juden in Zentralasien (insbesondere im Gebiet des heutigen Usbekistan, (z.B. in Buchara, Samarkand und Choresm) stark von der Rolle als Kaufmann und Vermittler auf der Seidenstraße geprägt. Im Gegensatz zu vielen Teilen Europas war die jüdische Bevölkerung in dieser Region in den islamischen Kalifaten und Khanaten oft fester in die städtische Wirtschaft integriert, wenngleich sie unter dem dhimmī-Status (Schutzbefohlene) standen. Dhimma (arabisch ذمة - dhimma, ḏimma - "Schutz(-vertrag)“, "Obhut“, "Garantie“, "Zahlungsverpflichtung“) ist ein Rechtsstatus im klassischen islamischen Recht, der das Leben nichtmuslimischer Untertanen bzw. „Schutzbefohlener“ (ahl adh-dhimma, dhimmī) – unter muslimischer Herrschaft regelte. Sie garantierte Schutz von Leben, Eigentum und Religionsfreiheit gegen Zahlung einer Kopfsteuer (Dschizya, arab. جزية , ǧizya‚ Kopfsteuer,Tribut). Die Definition der "dhimma“ (Schutzverträge) und der juristische Umgang mit Schutzbefohlenen (dhimmī) sind im islamischen Kriegs- und Fremdenrecht maßgeblich als Teil der Siyar (Völkerrecht) im zweiten muslimischen Jahrhundert (8. Jahrhundert CE) entstanden und in dem daraus entwickelten Zweig der Rechtsliteratur (Ahkam ahl adh-dhimma / أحكام أهل الذمة - aḥkām ahl aḏ-ḏimma - "Rechtsbestimmungen für Schutzbefohlene") erörtert. In dieser Phase entstanden feste Rechtsbestimmungen für den Umgang mit Nichtmuslimen (ahl adh-dhimma) unter islamischer Herrschaft, einschließlich Steuerpflichten und rechtlichem Schutz.
Ein solches Schutzbündnis war ursprünglich nur Juden, Christen und Sabäern vorbehalten. Im Laufe der islamischen Expansion hat man indes das Angebot der dhimma auch auf andere Religionsgemeinschaften, wie beispielsweise die Zoroastrier oder die Hindus, ausgeweitet, so dass letzten Endes alle Nichtmuslime schlechthin dazu befähigt waren, einen dhimma-Vertrag mit den muslimischen Eroberern zu schließen. Mit diesem Vertrag ging die Zahlung der Dschizya (Kopfsteuer) einher. Die Behandlung nichtmuslimischer Untertanen unter islamischer Herrschaft variierte abhängig von Ort, Zeit und Herrscher.
Zu den typischen und erlaubten Berufen der Juden gehörten: Handel, Textilhandwerk, Finanzwesen und Geldverleih, auch Medizin und Landwirtschaft.
Besonders bekannt waren die jüdischen Gemeinden in Zentralasien für ihre Expertise im Färben von Stoffen und in der Seidenherstellung. Die Kunst des Färbens wurde in einigen Regionen, wie Buchara und Samarkand, fast ausschließlich von Juden ausgeübt. Neben der Textilfärberei waren Juden als Weber, Glasbläser und Kunsthandwerker tätig. Wie auch andernorts, waren jüdische Kaufleute als Bankiers und Geldwechsler aktiv, da sie im Gegensatz zu Muslimen und Christen Zinsgeschäfte betreiben durften. Jüdische Ärzte genossen hohes Ansehen und waren häufig am Hofe oder in den Städten tätig. Die Inschrift Afghanica 1971 J (Neufund aus dem Jahr 1970) - ein Fragment von 4 Zeilen, datiert "(1) 404=4953 =1192-93" im Andenken an den "Priesternachkommen und Arzt" vom mittelalterlichen jüdischen Friedhof am Kuh-i Kushkak bestätigt dies.
Im 12. Jahrhundert gab es neben der städtischen Bevölkerung auch Juden, die Ackerbau betrieben, insbesondere im Weinbau.
Unter der Dynastie der Ghuriden (ca. 1148-1215) erlebte Afghanistan eine Blütezeit, in der die jüdische Gemeinschaft fest im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge verankert war. Im Gegensatz zu den restriktiven Bedingungen im mittelalterlichen Europa genossen Juden unter den Ghuriden weitgehende berufliche Freihheiten, solange sie ihren Status als dhimmī ("Schutzbefohlene") akzeptierten. Trotz der überwiegend aktiven Rolle im Wirtschaftsleben gab es Zeiten und Orte, in denen Juden unterdrückt wurden, konvertieren mussten oder diskriminierenden Vorschriften und Gesetzen unterlagen.
Auswertungen von Archiven - darunter die "Afghanische Geniza" - belegen, dass Juden im 11. und 12. Jahrhundert in Regionen wie Bamiyan bedeutende Landbesitzer waren. Sie agierten als Verpächter für muslimische Bauern und waren tief in die lokale Agrarwirtschaft integriert. Als Kaufleute auf der Seidenstraße handelten sie mit Leder, Textilien und Karakul-Schafen. Ihre Netzwerke reichten von Herat bis tief nach Zentralasien. Jüdische Experten waren als Geldverleiher und Finanzberater an urbanen Zentren gefragt, da sie aufgrund ihres Glaubens nicht an das islamische Zinsverbot gebunden waren. In Städten wie Herat und Ghazni arbeiteten sie als spezialisierte Handwerker und Färber. In den Gebirgsregionen von Bamiyan und Ghor lebten jüdische Gemeinschaften, die am Fernhandel beteiligt waren. Die Manuskriptfragmente, darunter rechtliche Verträge, Briefe und religiöse Texte aus dem 11. und 13. Jahrhundert belegen ein reges jüdisches Alltags - und Geschäftsleben entlang der Seidenstraße.
Die Region Ghūr wurde erst im 11. Jahrhundert islamisiert und unterstand seit 1010 den Ghaznawiden, einer muslimischen Dynastie, deren Herrschaft im östlichen Iran mit der Machtübernahme Sebüktegins, eines eng vertrauten, persönlichen Sklaven Alptegins, des Oberbefehlshabers der türkischen Generäle am Hof der Samaniden, im Jahre 977 CE begann und nach einer zweiunddreißig Jahre währenden Regentschaft seines Sohnes Mahmūd (998-1030 CE) mit dem letzten Ghaznawidenherrscher Khusraw Malik (1160-1186 CE) zu Ende ging. Das Zentrum ihres sich im Westen bis Rayy und Ǧebāl" und im Osten bis zum Oxus und Nordwestindien erstreckenden Reiches war die Stadt Ghazna. Anfang des 11. Jh. wurden die Ghuriden, eine muslimische Dynastie aus dem Haus der Shansabāni und ehemals samanidische Statthalter, ghaznawidische Statthalter in Ghazna. Nachdem sie die Ghaznawiden unter 'Alā’ al-Dīn Husain (Ǧahān-Sūz, "World Incendiary") 1150 besiegt hatten und ihren Machteinfluss erfolgreich gegen die türkische Fürstendynastie der Seldschuken verteidigen konnten, herrschten die Ghuriden unter Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam und Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam zwischen 1149 und 1206 in der Region Ghūr.
Die Verbreitung des Islams und die Bekehrung der Bevölkerung Ghūrs vollzogen sich nur sehr langsam. Gegen Ende des 10. Jh. waren die Ghūriden zum überwiegenden Teil noch „heidnisch" geprägt. Der Geograph al-Istaḫrī (gest. c. 951 CE) schildert diese Region als die grösste pagane Enklave innerhalb der Grenzen des islamischen Reiches. Möglicherweise führten von Khorasan ausgehende missionarische Aktivitäten während des 10. und 11. Jh. auch in der Region Ghūr zur Erstarkung der Karāmi Bewegung, einer vorwiegend in Nishapur stark vertretenen, pietistisch-asketischen Form des sunnitischen Islams. Die Karrāmiyya war in dieser Region über Jahrzehnte äußerst einflussreich. Der streng asketisch pietistische Zug in Ibn Karrāms Lehre und Praxis war darauf gerichtet, Anhänger für sich zu gewinnen. Anfänglich wurden die Anhänger dieser Glaubensrichtung in Khorasan von Sebüktegin und seinem Sohn Mahmūd von Ghazna gefördert. Die Beziehungen zu Ghazna, Herat und anderen Zentren muslimischer Kultur brachten einen Wandel im religiösen Charakter Ghūrs und seiner angrenzenden Gebiete mit sich und im Verlauf des 12. Jh. wandten sich die Shansabānis zusehends vom Patronat der Karrāmiyya ab. Es kam zu Auseinandersetzungen unter den Anführern der Sekte, die als Opposition zu Fahr al-Dīn al-Rāzī (1149-1209) eine beträchtliche Anhängerschaft in Ghūr gewannen. Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam führte die šāfi’ītische Rechtsschule ein, während sein Bruder Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam sich der hanafitischen Rechtsschule zuwandte.
Die sozio-kulturellen Verhältnisse in Ghūr wurden durch zahlreiche religiöse, geistige und philosophische Strömungen, darunter die islamischen Rechtsschulen von Nišāpūr und den Sufismus und andere in Zentralasien verbreitete Glaubensrichtungen wie Manichäismus, Zoroastrismus oder christliche, insbesondere nestorianische und jüdische Lehren geprägt; dennoch wurde diese Region erst zu Beginn des 11. Jahrhundert islamisiert, und ihre Bevölkerung galt bis weit ins 10. Jh. hinein als roh, ungebärdig und ungebildet.
Mit der muslimisch-arabischen Eroberung Persiens im Jahr 642 CE wurde Persien in das arabisch-islamische Reich eingegliedert, dessen Hauptstadt zunächst Damaskus und später Bagdad war. Die gesamte Struktur der persischen Gesellschaft erfuhr einen tiefgreifenden Wandel, als der Islam den Zoroastrismus als Staatsreligion ablöste. Diejenigen, die sich dem Glauben der Eroberer nicht unterwerfen wollten, wurden gezwungen, ein ungleiches Verhältnis (Dhimma) zwischen der dominierenden muslimischen Macht und den nicht-muslimischen Untertanen zu akzeptieren. Dhimmi-Untertanen wurden im "Haus des Islam“ ("Dar al-Islam") unter der Bedingung geduldet, dass sie sich den Benachteiligungen und Demütigungen unterwarfen, die in spezifischen Vorschriften festgelegt waren, die gemeinhin als „Vertrag des Umar“ bekannt sind und sowohl den Einzelnen als auch die Gemeinschaft herabwürdigen.
Obgleich die Wellen islamischer Eroberung die Randzonen von Ghur bereits zu Zeiten des Umayyaden-Kalifats (660-750 Ce ) mehrmals berührten, unterlagen sie dennoch nicht dem Einfluss der vom sunnitischen Islam geprägten Kultur, wie nicht zuletzt den zahlreichen erhaltenen judeo-persischen Inschriften dieser Zeit zu entnehmen ist, zu der auch die hier vorgestellten Epitaphien gehören.
Die relative Stabilität unter den Ghuriden endete jedoch abrupt mit dem Einfall der Mongolen im frühen 13. Jahrhundert. Die jüdische Bevölkerung Afghanistans, die in dieser Zeit auf bis zu 80.000 Menschen gschätzt wurde, erlitt durch die Eroberungszüge Dschingis Khans massive Verluste. Im Jahr 1865 wurde der Anteil der jüdischen Bevölkerung auf etwa 40.000 Individuen geschätzt, und dürfte im Mittelalter wahrscheinlich weitaus höher gewesen sein.
Im Jahr 1927 lauteten die Angaben auf etwa 18.000 Juden auf 60 verschiedene Gemeinden verteilt. In Kabul lebten zu dieser Zeit etwa 2.000 Juden. Das größte jüdische Zentrum Afghanistans, Herat, hatte 1906 etwa 4.000 Seelen, 1924 noch 200 Familien und 1931 etwa 2.000 Seelen. In Balkh waren es 1906 noch 70 Seelen und 1924 etwa 90. Von Kandahar, Ghazni und den vielen anderen Gemeinden fehlen schon seit den dreißiger Jahren jegliche Angaben. Noch im Jahr 1970 konnte von etwa 1000 Seelen in drei Städten berichtet werden, während für das Jahr 1971 die Zahl von etwa 130 Seelen wahrscheinlich den Tatsachen entspricht (vgl. Rapp, Mainzer Afghanica, 1973).
Edward G. Browne kommentiert Nizámí-i-'Arúdis Anekdote XXI in der "Chahar Maqala" wie folgt: "Wie sich zeigen wird, war unser Dichter hinsichtlich seiner Leistungen nicht bescheiden; doch die offene Freude an seiner Klugheit, die sich hier und an anderen Stellen offenbart, ist von solcher Art, dass sie feindselige Kritik entwaffnet. Bescheidenheit war in der Tat selten ein Merkmal der persischen Dichter ." (Übersetzung durch den Autor, vgl. Browne, A Literary History of Persia, Vol. II, S. 340).
Die Schrift "Chahar Maqala" („Vier Abhandlungen“) ist Nizámí-i-'Arúdis einziges vollständig erhaltenes Werk. Er wurde in Samarkand geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Khorasan und Transoxiana. Er war viele Jahre lang im wesentlichen als Hofdichter der Ghaznawiden tätig und gilt als einer der größten persischen Prosaautoren.
Nach den Ausführungen Edward G: Brownes (Browne, S. 338 ff.) stellen die Chahár Maqála oder „Vier Abhandlungen“ eine der herausragendsten und faszinierendsten Prosawerke in der persischen Literatur dar. Sie bieten eine weitreichende und tiefgreifende Einsicht in das intime Leben an den Höfen Persiens und Zentralasiens im zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung, die durch kein anderes ihm bekanntes Werk erreicht wird.
Wir erfahren, dass Nizámí-i-'Arúdi sich in den Jahren 1152 bis 1153 CE in der Stadt Herat versteckte. Nizámí-i'Arúdí begleitete den Ghuriden-Herrscher ʿAlāʾ-al-dīn Ḥosayn (II.) b. 'Ezz- al- dīn Ḥosayn genannt "Jahān Sūz" („Weltverbrenner“), König der Ghuriden-Dynastie (r. 1149 bis 1161 CE) in dessen Krieg gegen Ahmad Sandschar (Sanǧar) (pers. معز الدنيا والدين أبو الحارث أحمد سنجر, Muʿizz ad-Dunyā wa-’d-Dīn ʾAbū ’l-Ḥāriṯ ʾAḥmad Sanǧar (1085 -1157 CE)), dem letzten Sultan der Seldschuken (r. 1118 bis 1157 CE), und versteckte sich nach der Niederlage von "Jahān Sūz" in einer Schlacht bei Herat im Jahr 1152/3 für eine gewisse Zeit vor Ort.
Sayf al-Dīn Sūri (persisch: سیف الدین سوری) war von 1146 bis 1149 CE König der Ghuriden-Dynastie (ein Vasall Sultan Sandschars) im heutigen Afghanistan. Er war der Sohn und Nachfolger von Izz al-Din Husayn.
Izz al-Din Husayn (persisch: عز الدین حسین) war König der Ghuriden-Dynastie (r. 1100-1146 CE) und bestieg im Jahre 1100 den Thron, nachdem er die Nachfolge seines Vaters, Qutb al-Din Hasan (persisch: قطب الدین حسن; r. 1080 – 1100 CE), angetreten hatte. Zu Beginn seiner Herrschaft war das Ghuriden-Königreich von erheblichem Chaos geprägt. Es gelang Izz al-Din Husayn jedoch, die innere Stabilität wiederherzustellen und die Stärke seines Reiches zu konsolidieren. In der späten Phase seiner Herrschaft unternahm der seldschukische Sultan Sandschar (Sanǧar) einen Übergriff auf seine Gebiete, besiegte ihn in der Schlacht und nahm ihn gefangen. Dennoch wurde Izz al-Din Husayn später gegen die Zahlung von Tributen freigelassen. Ahmad Sandschar war der letzte mächtige seldschukische Sultan, der über weite Teile des Iran und Zentralasiens herrschte. Die Ghuriden waren ein aufstrebendes Reich im heutigen Afghanistan. Ahmad Sandschar (Sanǧar) führte Feldzüge gegen die Ghuriden, um deren Expansion einzudämmen. Im Jahr 1148/1149 CE erlitten die Ghuriden eine schwere Niederlage.
Nach dem Ableben Izz al-Din Husayns im Jahr 1146 CE trat sein Sohn, Sultan Sayf al-Dīn Sūri (auch Saif-ud-Dīn Sūri) die Nachfolge an und regierte als Malik (König) von Ghur (r. 1146 – 1149 CE). Diese Zeit war geprägt vom Aufstieg der Ghuriden und ihrem Kampf um Unabhängigkeit von den Seldschuken. Unter seinen Nachfolgern, insbesondere dem Ghūriden-Herrscher Abū ʿAlī ʿAlāʾ al-Dīn Ḥusayn Ikhtiyār Amīr al-Muʾminīn wurde Ghazni vollständig zerstört.
Als Sayf al-Dīn Sūri den Thron bestieg, teilte er das Ghuridenreich unter seinen Brüdern auf: Fakhr al-Din Masud, der erste Herrscher des Ghuriden-Zweigs von Bamiyan (r. 1152 bis 1163), erhielt Ländereien in der Nähe des Flusses Hari Rud, Baha al-Din Sam I., der die Ghuriden-Dynastie, für kurze Zeit (r. 1149 CE) regierte (ein Vasall Sultan Sandschars), erhielt Ghur, Shihab al-Din Muhammad Kharnak erhielt Madin; Shuja al-Din Ali erhielt Jarmas; ʿAlāʾ-al-dīn Ḥosayn (II.) b. 'Ezz- al- dīn Ḥosayn genannt Ǧahān-Sūz ("World Incendiary"-„Weltverbrenner“), König der Ghuriden-Dynastie (r. 1149 bis 1161, ein Vasall Sultan Sandschars) und einer der bedeutendsten und einflussreichsten Herrscher der Ghuriden, erhielt Wajiristan und Qutb al-Din Muhammad (d. 1146–1147 CE) erhielt Warshad Warsh (auch Waršāda) als Verwaltungsgebiet.
Qutb al-Din Muhammad war maßgeblich an der Expansion der Dynastie beteiligt. Unter seiner Herrschaft wurde ein Teil von Ghur zur Hauptstadt Fīrūzkūh ernannt. Später geriet Sayf al-Dīn Sūr jedoch in Streit mit seinem Bruder Qutb al-Din Muhammad, der in Ghazna Zuflucht suchte und dort vom ghaznavidischen Sultan Bahram-Shah vergiftet wurde. Als Sayf al-Dīn Sūr die Tat an seinem Bruder zu rächen suchte und einen Feldzug gegen Ghazna führte, nahm Sultan Bahram-Shah ihn gefangen und ließ ihn kreuzigen. Ein weiterer Bruder, Bahāʾ-al-dīn Sām, starb, bevor er seine beiden Brüder rächen konnte.
Sayf al-Dīn Sūrs Bruder, der Ghuriden-Sultan ʿAlāʾ-al-dīn Ḥosayn (II.) b. 'Ezz- al- dīn Ḥosayn genannt "Ǧahān-Sūz" ("World Incendiary" - „Weltverbrenner“), übernahm sodann im Jahr 1149 CE die Nachfolge (r. 1149-1161 CE). Er war der erste Ghuriden-Sultan und Herrscher der Šansabānī-Familie, der die Ghuriden zu einer Großmacht in der östlichen islamischen Welt machte Er vollendete den Bau der Festungshauptstadt Fīrūzkūh und war vor allem darauf bedacht, seine Familie an den Ghaznawiden zu rächen.
Fīrūzkūh, ursprünglich von Qutb al-Din Muhammad als Sitz seines Nebenreichs Waršāda gegründet, blieb sodann die Hauptstadt seines Bruders Alāʾ-al-dīn Ḥosayn (II.) ("Ǧahān-Sūz"). Im Jahr 1150/51 CE zerstörte er die Ghaznawiden-Hauptstadt Ghazni. Aufrund seiner Zerstörungswut erhielt er seinen Beinamen "Ǧahān-Sūz", festigte jedoch die Basis für das spätere Ghuriden-Reich und die Macht der Šansabānī-Familie. ʿAlāʾ-al-Dīn Ḥosayn (II.) besiegte den Ghaznawiden-Sultan Bahramschah und machte sich unabhängig vom Einfluss der Seldschuken. Er starb 1161 und wurde von seinem Sohn Sayf al-Dīn Muhammad beerbt. Unter seiner Herrschaft (1161-63 CE) wandelte sich die Dynastie von lokalen Stammesführern in eine zentralasiatische Macht.
Der Bezirk Waršāda wurde als Teil des Ghuridenreiches und Verwaltungsgebiet unter der Bautätigkeit von Ḡīāṯ-al-Dīn Moḥammad b. Bahāʾ-al–Dīn Sām (Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam; vgl. Jūzjānī, I, S. 335–36, 353, Übers. I, S. 339, 370) erweitert, wozu auch das berühmte Minarett von Jām gehört, das entweder an der Festung von Fīrūzkūh selbst oder in deren Nähe errichtet wurde.
Unter der Herrschaft der beiden Brüder Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam (ca. 1140–1203 CE, r. 1163-1203 CE ) und Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam (ca. 1144–1206 CE ; r. 1173–1206 CE in Fīrūzkūh bzw. Ḡazna erreichte das Ghuridenreich seine größte territoriale Ausdehnung und den Höhepunkt seiner Macht. Obwohl die frühere Geschichte der Familie Šansabānī von Fehden und Streitigkeiten geprägt war, pflegten die Brüder und Co-Herrscher eine Partnerschaft, die von gegenseitiger Freundschaft und einer Aufteilung der Wirkungs- und Einflussbereiche geprägt war. Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam widmete sich vor allem der Expansion nach Westen in Richtung Khorasan und der Eindämmung der dortigen Ambitionen der Ḵwārazmšāhs, während Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam Feldzüge nach Indien führte.
Nizámí-i-'Arúdis bedeutendes Werk „Chahar Maqala“ entstand in den Jahren nach seiner Flucht nach Herat (1152 /1153 CE), dh. zwischen ca. 1153 CE bis 1162 ff CE , da seine Ausführungen auf die "leadmine of Warsá" (die Region Waršāda), den "martyred prince, the King of the Mountains" (Sayf al-Dīn Sūr (r. 1146-1149 CE), der die Tat an seinem Bruder zu rächen suchte und einen Feldzug gegen Ghazna führte, wurde 1949 CE von Sultan Bahram-Shah gefangen genommen und gekreuzigt) und den Ghuriden-Sultan ʿAlāʾ-al-dīn Ḥosayn (II.) b. 'Ezz- al- dīn Ḥosayn (reg. 1149–61 CE) anspielen, dessen Tod im Jahr 1161 CE dokumentiert ist. Dieser war - wie bereits angemerkt - der Nachwelt wegen seiner rachsüchtigen Plünderung der Stadt Ghazna im heutigen Afghanistan als Ǧahān-Sūz ("World Incendiary"-„Weltverbrenner“) bekannt.
Über Nizámí-i-'Arúdis späteres Leben liegen uns keine detaillierten Informationen vor, und selbst das genaue Datum seines Ablebens bleibt unbekannt. Seine Ansprüche auf literarische Unsterblichkeit stützen sich vollständig auf dieses eine Werk Chahar Maqala, dessen einzigartiger Wert bisher nur unzureichende Würdigung erfahren hat. Das gesamte Werk ist "von erlesenem Wert", und obwohl Browne in seinen Ausführungen bereits umfassende Zitate daraus verwendet hat, war er aus Platzgründen gezwungen, wesentliche Teile wegzulassen, die er gerne berücksichtigt hätte. Daher beschränkte er sich darauf, die benannte autobiografische Anekdote (Nr. XXI) detailliert zu zitieren, die den zweiten der „Vier Abhandlungen “ (über Dichter) abschließt:
"At the period when I was in the service of that martyred prince, the King of the Mountains (may God illuminate his tomb and exalt his station in Paradise!), that august personage had a high opinion of me, and showed himself towards me a most generous patron. Now on the Festival of the breaking of the Fast, one of the nobles of the city of Balkh (may God maintain its prosperity!), the Amír 'Amíd Safiyyu'd -Dín Abú Bakr Muhammad b. al-Husayn Rawánsháhí, came to the Court. Though young, he was an expert writer, a capable Secretary of State, richly dowered with culture and its fruits, and popular with all, so that his praises were on every tongue. At the moment [of his arrival] I was not in attendance.
"Now at a reception the King chanced to say, 'Call Nidhámí.' 'Is Nidhámí here?' inquired the Amír 'Amíd Safiyyud-Dín. They replied that he was. But he supposed that it was Nídhámí-i-Munírí. 'Ah,' said he, 'a fine poet, and a man of wide celebrity !'
"When the messenger came to summon me, I put on my shoes, and as I entered, did obeisance, and sat down in my place. When the wine had gone round several times, Amír 'Amíd said, 'Nidhámí has not yet come.' 'Nay,' replied the King, 'he is come; see, there he is, seated in such-and-such a place.' 'I am not speaking of this Nidhámí,' said Amír 'Amíd; 'the Nidhámí of whom Ispeak is another, and as for this one, I am not even aquinted with him.' Thereat I saw that the King was vexed; and, turning to me, he straightway asked, ' Is there another Nidhámí besides thee?' 'Yes, sire,' I replied; 'two others, one of Samarqand, whom they call Nidhámí-i-Munírí , and another of Níshápúr, whom the call Nidhámí-i-Athírí, while me they call Nidhámí-i-Arúdí. 'Art thou better, or they?' demanded he.
"Then Amír 'Amíd, perceiving that he had made an unfortunate remark, and that the King was vexed, said, 'Sire, those two Nidhámís are quarrelsome fellows, apt to break up social gatherings by their brwals, and to cause trouble and do mischief.' 'Wait a while,' said the King jestingly, 'till you see this one drain a bumper and break up the meeting. But tell me, of these three Nidhámís, which is the best poet?' 'Of those two,' answered the Am´r 'Amíd, ' I have personal knowledge, having seen them; but this one I have not previously seen, nor have I heard this poetry. If he will compose a couple of verses on this topic which we have been discussing so that I may see his talents and hear his verse, I will tell you which of the three is the best.' Then the King turned to me, saying, 'Now, O Nidhámí, do not put us to shame, and say what the 'Amid desires.'
"Now at the time when I was in the service of this prince I possessed copious talents and a brillant wit, while the favours and gifts of my patron had so stimulated me that my improvisations came fluent as running water. So I took up a pen, and , ere the wine-cup had gone twice round, composed these five couplets, which I then submitted to the King:-
'O Sire, there be Nidhámís three, and the world with their fame
doth ring;
Two are in Merv at the Sultan's Court, one here before the
King.
All are the pride of Khurásán wide in song , and I tell you true
That as water fluent, as wisdom wise, is the verse of the other
two.
But I am the wine, the headstrong wine, and so, when I them
o'ertake,
Their song they cease, they rest in peace, and the making of
verse forsake.'
"When I submitted these verses, the Amír 'Amíd Saffiyyu'd-Dín bowed and said, 'O King, I know of no poet, let alone the Nidhámís, in all Transoxiana, 'Iráq, and Khurásán, able to improvise five such verses, particularly having regard to their strength, energy, and sweetness, combined with such grace of diction and containing ideas so original. Be of good cheer, O Nidhámí, for thou hast no rival on the face of the earth! O Sire, he hath a pretty wit, a mind swift to conceive, and a finished art. By the good fortune of the King of the age, he hath developed into a unique genius, and will even improve upon this, seeing that he is young and hath many days before him.'
"Thereat the countenance of my lord the King brightened mightily, and a great cheerfulness showed itself in his gracious temperament, and he applauded me, saying, 'I give thee the leadmine of Warsá from this Festival until the Festival of Sacrifice. Send thine agent thither.' So I sent Isaac the Jew. It was then the middle of summer, and while they were working the mine they smelted so much ore that in the seventy days twelve thousand maunds of lead accrued to me, while the King's opinion of me was increased a thousand-fold. May God (blessed and exalted is He) illuminate his august ashes with the light of His approbation, and gladden his noble spirit with all riches, by His Favour and Grace!"
Alles, was über Nizámí-i-'Arúdis Privatleben bekannt ist, stammt aus dem Werk „Chahar Maqala“ selbst. Obwohl er in erster Linie ein Höfling (Hofdichter) war, vermerkte er in seinem Buch auch, dass er Astronom und Arzt war. Er berichtet in seinem Werk, dass er Zeit nicht nur in seiner Heimatstadt Samarkand verbrachte, sondern auch in Herat, Tus (dort besuchte er Ferdowsis Grab und sammelte Material über den großen Dichter), Balkh und Nishapur, wo er etwa fünf Jahre lang lebte. Er behauptete auch, bei dem aus Nishapur stammenden Astronomen und Dichter Omar Chayyám studiert zu haben. Omar Chayyām (persisch عمر خیام, ʿOmar-e Ḫayyām oder ʿUmar-i Ḫayyām; arabisch عمر الخيام, ʿUmar al-Ḫayyām ‚‘Umar der Zeltmacher‘, (1048- 1131 CE) war ein persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Kalenderreformer, Philosoph und weltweit vor allem wegen seiner Vierzeiler (die Rubā‘īyāt) ein geachteter Dichter.
In der Einleitung zu den "Chahar Maqala" geht Nizámí-i-'Arúdi ausführlich auf Fragen der Naturwissenschaften, der Erkenntnistheorie und Politik ein. Er bekennt sich als ein Verfechter des altpersischen Konzepts der Königsherrschaft, das aus Gründen der Legitimation in muslimischem Vokabular ausgedrückt wird. Seine Ausführungen zu den Gesellschaftsschichten sind sowohl von persischen als auch von griechischen Vorstellungen beeinflusst, insbesondere von Platon.
Er verbrachte den größten Teil seiner Zeit in Khorasan und Transoxianien und war 45 Jahre lang Hofdichter der Ghuriden. Im Jahr 1110/1 CE hielt sich Nizámí-i-'Arúdi in Samarkand auf, wo er Material über den persischen DichterAbu Abdullah Dschafar ibn Muhammad, bekannt als Rudaki (circa 858–941 CE) sammelte. Rudaki wird allgemein als der „Vater der persischen Poesie“ angesehen und gilt als Pionier, der als erster bedeutender Dichter in der neupersischen Sprache tätig war; er übertrug die arabische Metrik auf die persische Sprache. Rudaki diente am Hof der Samaniden in Buchara und hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der klassischen persischen Literatur, was sich in der Inspiration für nachfolgende Dichter wie Ferdowsi und Rumi manifestierte. Sein literarisches Schaffen umfasst Qasīden, eine aus vorislamischer Zeit (Dschāhilīya) stammende, zahlreiche Strophen enthaltene Gedichtform, Ghazale (auch Gasel, Ghasele Ghasal, Ghazal; von arabisch غزل, ġazal ‚Gespinst, 'Liebesworte‘), eine lyrische Gedichtform, die bereits in vorislamischer Zeit auf der Arabischen Halbinsel entstanden ist, sowie Versfabeln.
Rudaki, wurde im 9. Jahrhundert (ungefähr 858 CE) in Rudak, dem heutigen Tadschikistan, geboren. Als Hofdichter des Samaniden-Emirs Nasr II. (914–943 CE) erlangte er finanziellen Wohlstand und große Anerkennung, wodurch er den Titel „König der Dichter“ erhielt. Trotz seiner hohen Produktivität sind lediglich einige Fragmente (ungefähr 1000 Verse) seines Werkes bis heute erhalten geblieben. Seine Gedichte zeichnen sich durch Musikalität, Klarheit und teilweise mystische Elemente aus. Rudaki verstarb 941 CE, wobei einige Quellen berichten, dass er in bescheidenen Verhältnissen und fernab des Hofes lebte. Im zentralasiatischen Raum, insbesondere in Tadschikistan, ist Rudaki als kulturelles Symbol fest verankert und wird häufig als Vater der tadschikischen Literatur verehrt.
Im Jahr 1112/1113 CE traf Nizámí-i'Arúdí Omar Chayyām und al-Isfazārī bei einem Bankett in Balkh (im heutigen Afghanistan). Abū Ḥātim al-Muẓaffar al-Isfazārī (persisch: ابوحاتم مظفر اسفزیاری) wirkte im späten 11. oder frühen 12. Jahrhundert. Er war ein islamischer Mathematiker, Astronom und Ingenieur aus Chorasan. Nach Angaben des bedeutendsten muslimischen Historikers und Geografen des Hochmittelalters, Ibn al-Athir (1160-1233 CE) und des Universalgelehrten Qutb al-Din al-Shirazi (1236-1311) arbeitete al-Isfazārī in der seldschukischen Sternwarte von Isfahan.
Im folgenden Jahr 1114 CE lebte Nizámí-i'Arúdí in Armut in Nishapur und begab sich sodann nach Tus, um die Gunst des seldschukischen Prinzen Ahmad Sandschar (Sanǧar) (persisch: احمد سنجر; Muizz ad-Dunya wa ad-Din Adud ad-Dawlah Abul-Harith Ahmad Sanjar ibn Malik-Shah; 1086–1157) zu gewinnen, der von 1097 bis 1118 seldschukischer Herrscher von Khorasan war, bevor er Sultan des Seldschukenreichs wurde, das er bis zu seinem Tod im Jahr 1157 regierte. Dort besuchte er das Grab des persischen Dichters Abu l-Qasem-e Firdausi (940 - 1020 CE), einem der größten Epiker und Autor des monumentalen, etwa 55.000 Verse umfassenden Schāhnāme ( „Buch der Könige“), und sammelte Material über ihn.
Nizámí-i'Arúdí traf auch Amir Mu'izzi, einen Hofdichter der Seldschuken, der ihm half, seine Karriere als Dichter voranzutreiben. Amir Mu'izzi (gestorben ca. 1125–1127 CE) war ein bedeutender persischer Hofdichter (Malik al-Shu'ara, "König der Dichter") unter den Seldschuken-Sultanen Malik Schah I. und insbesondere unter dem seldschukischen Prinzen Ahmad Sandschar (Sanǧar). Amir Mu'izzi ist vor allem für seine Panegyrik (Lobgedichte) bekannt, in denen er die Macht und Großzügigkeit seiner seldschukischen Herrscher pries. Panegyrik (aus dem Griechischen für „Festversammlung“) bezeichnet die Lobrednerei, insbesondere das feierliche Herrscherlob in der Antike und im Mittelalter. Sie ist Teil der epideiktischen Rhetorik und diente oft als Auftragsliteratur der Repräsentation und Verherrlichung. Sein Stil gilt als repräsentativ für die persische Hofdichtung des 11. und frühen 12. Jahrhunderts, die sich durch raffinierte Formulierungen und Sprachgewandtheit auszeichnet. Seine Gedichte sind wichtige historische Quellen für das höfische Leben, die Ideologie und die Kultur des Seldschukenreichs. Amir Mu'izzi war einer der zentralen Dichter, die dazu beitrugen, die Legitimität der seldschukischen Herrschaft in Persien durch ihre Kunst zu festigen.
Mit Hilfe Amir Mu'izzis gelang es Nizámí-i'Arúdí die Aufmerksamkeit des seldschukischen Prinzen Ahmad Sandschar (Sanǧar) zu gewinnen. Im Jahr 1120/1121 CE erzählte ihm Amir Mu'izzi die Geschichte von Abu l-Qasem-e Firdausi und dem Ghaznawiden-Sultan Mahmud (reg. 998–1030 CE), eine der berühmtesten, wenn auch tragischsten Geschichten der persischen Literaturgeschiche, die das schwierige Verhältnis zwischen schöpferischer Freiheit eines Hofdichters und der Macht von Herrschern veranschaulicht.
Mahmud von Ghazni (persisch محمود غزنوی, Maḥmūd-i Ġaznavī ( 971-1030), eigentlich Yamin ad-Daula wa-Amin al-Milla Abu ’l-Qasim Mahmud ibn Sebüktigin, kurz Maḥmūd ibn Sebüktigin, war der berühmteste Herrscher aus der türkischstämmigen Ghaznawidendynastie. Indem er zahlreiche Feldzüge – auch nach Nordindien – unternahm, errichtete er ein bedeutendes islamisches Großreich mit dem Zentrum Ghazna, das er als Sultan von 998 bis zu seinem Tode regierte.
Mahmud von Ghazni, weithin anerkannt als ein bedeutender Förderer der Kunst und Literatur, unterstützte in seinem Hofstaat zahlreiche Dichter. Firdausi widmete ihm sein Lebenswerk, das "Schāhnāme" (oder Schahnameh, pers. شاهنامه Šāhnāme, Šāhnāma, "Herrscherbuch"oder "Buch der Könige"), ein monumental gestaltetes Epos, das die persische Geschichte und Mythologie thematisiert und an dem er über dreißig Jahre arbeitete. Der Legende nach versprach Mahmud von Ghazni dem Dichter Firdausi für jeden Vers des "Schāhnāme", insgesamt etwa 60.000 Doppelverse, einen Golddinar. Jedoch zahlte der Sultan, nach Vollendung des Werkes, angeblich lediglich mit Silbermünzen, was als Ausdruck von Missachtung oder Geiz interpretiert wurde.
Ein zunächst weniger offenkundiger Grund für diese Entfremdung könnte in der religiösen Differenz zwischen den beiden Männern zu begründen sein, da Firdausi als Anhänger der Schia (Schīʿat ʿAlī (šīʿat ʿAlī, „Partei ʿAlīs“), des vierten Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib (r. 656–661 CE) und seiner Nachkommen) galt, während Sultan Mahmud von Ghazni als sunnitischer Herrscher, der sich selbst als Verteidiger des orthodoxen Islam verstand, auftrat. Enttäuscht und verärgert verließ Firdausi Ghazni, die Hauptstadt des Ghaznawidenreiches, und kehrte in seine Heimatstadt Tus zurück. Dort soll er eine bedeutende Satire über Sultan Mahmud von Ghazni verfasst haben, in der er dessen Herkunft als 'Sohn eines Sklaven' (er war der Sohn des Sebüktigin, eines türkischen Sklaven, der von Alp-Tegin, dem Kommandanten der königlichen Garde der Samaniden-Dynastie, gekauft wurde) verspottete. Es wird berichtet, dass Sultan Mahmud von Ghazni später sein Verhalten bedauerte und die versprochene Summe von 60.000 Golddinar nach Tus übermitteln ließ. Als das Geschenk jedoch die Stadt erreichte, war Firdausi bereits verstorben. Seine Tochter weigerte sich, das Geld anzunehmen.
Im Jahr 1136 CE kehrte Nizámí-i-'Arúdi nach Nischapur zurück und besuchte das Grab von Omar Khayyam. Nizámí-i'Arúdí begleitete den Ghuriden-Herrscher ʿAlāʾ-al-dīn Ḥosayn (II.) b. 'Ezz- al- dīn Ḥosayn genannt "Jahān Sūz" („Weltverbrenner“), König der Ghuriden-Dynastie (r. 1149 bis 1161 CE) in dessen Krieg gegen Ahmad Sandschar (Sanǧar, und versteckte sich nach dessen Niederlage in einer Schlacht bei Herat im Jahr 1152/3 CE für eine gewisse Zeit in Herat. Nizámí-i-'Arúdi verfasste höchstwahrscheinlich wenige Jahre später (ca. 1156 CE) die "Chahar Maqala", die er dem Ghuridenprinzen Abu'l-Hasan Husam al-Din Ali widmete. Der Name 'Abu l-Hasan Husam al-Din Ali ibn Masud' (ein ghuridischer Prinz), verweist auf den historischen Kontext der Ghuriden-Dynastie (Schansabaniden) im 12. und 13. Jahrhundert, wobei 'Husam al-Din' ('Schwert des Glaubens') ein häufiger Ehrenname (Laqab) für Emire und Prinzen dieser Zeit steht, so zum Beispiel als Teil des Namens von Mitgliedern der Schansabani-Familie. Der Verweis auf die Abstammung 'Ali ibn Masud' könnte auf eine Verbindung zu früheren ghuridischen Führern (wie den Nachkommen von Qutb al-Din Hasan ibn Muhammad oder anderen lokalen Anführern im Gebiet Ghor verweisen.
Nizámí-i-'Arúdi, auch bekannt als Nizāmī-i Arūżī-i Samarqandī, war ein angesehener Dichter und Gelehrter, der aus der Region Ghur stammte. Diese Region, eine zentrale Provinz Afghanistans, liegt etwa 2000 bis 2500 Meter über dem Meeresspiegel am Fluss Hari Rud. Während seiner aktiven Schaffensperiode im mittleren 12. Jahrhundert CE spielte er eine bedeutende Rolle im literarischen Umfeld von Chorasan (arabisch-persisch: خراسان و ما وراء النهر, Ḫurāsān wa Mā warāʾ an-nahr), einer historisch wichtigen Region in Zentralasien, die sich über die heutigen Staaten Afghanistan, Iran und Turkmenistan erstreckt. Insbesondere in der Stadt Herat hinterließ er nachhaltige Spuren. Er unternahm umfangreiche Reisen in der Region Chorasan und war ein bedeutender Zeitzeuge der kulturellen Blüte unter den Ghuriden und Seldschuken in dieser Gegend. In dieser Ära wirkten zahlreiche Dichter am Hof der späten Seldschuken, die jedoch oftmals weniger namentlich bekannt sind, als vielmehr als "Herat-Dichter" in Erscheinung treten und somit als Teil der persischsprachigen Literaturlandschaft Chorasans gelten können. Um die Jahre 1150 bis 1160 CE erlebte die persische Poesie in den Gebieten um Herat durch den Machtwechsel zu den Ghuriden einen signifikanten Wandel, wobei Gelehrte häufig zwischen Städten wie Herat und Ghazni reisten.
Über den weiteren Lebensverlauf Nizamis ist wenig bekannt; möglicherweise studierte er tatsächlich Astrologie und Medizin.
Nizámí-i'Arúdís "Chahár Maqála“ ("Die vier Abhandlungen") ist ein Werk, das vier Diskurse über vier verschiedene Berufsgruppen enthält, von denen Nizámí-i'Arúdí glaubte, dass ein König sie in seinem Palast anstellen müsse. Im Vorwort des Buches erörtert Nizámí-i'Arúdí die philosophische oder religiöse Ideologie der Schöpfung der Welt und der Ordnung der Dinge. Obwohl er in erster Linie ein Höfling war, merkte er in seinem Buch an, dass er auch Astronom und Arzt war. Er berichtet in seinem Werk, dass er Zeit nicht nur in seiner Heimatstadt Samarkand verbrachte, sondern auch in Herat, Tus (wo er Ferdowsis Grab besuchte und Material über den großen Dichter sammelte), Balkh und Nishapur, wo er vielleicht fünf Jahre lang lebte. Er behauptete zudem, bei dem aus Nishapur stammenden Astronomen und Dichter Omar Chayyām studiert zu haben. Omar Chayyām (persisch عمر خیام, ʿOmar-e Ḫayyām oder ʿUmar-i Ḫayyām; arabisch عمر الخيام, ʿUmar al-Ḫayyām ‚‘Umar der Zeltmacher‘ (1048-1131 CE) war ein persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Kalenderreformer, Philosoph und weltweit vor allem durch seine Vierzeiler (die Rubā‘īyāt) berühmter Dichter.
In der Einleitung zu den "Chahar Maqala" geht Nizámí-i'Arúdís ausführlich auf Fragen der Naturwissenschaft, Erkenntnistheorie und Politik ein. Ein charakteristisches Merkmal von Nizámí-i'Arúdís Schrift ist das Vorwort „Über Kosmographie“ (Section II) sowie die umfangreiche Verwendung von Sätzen mit doppelter Ausgewogenheit, die den Eindruck eines Glaubens an binäre Gegensätze oder die Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Dinge in allem vermitteln. Dem Dualismus (von lat. duo „zwei“) folgend - dieser bezeichnet philosophische, religiöse oder weltanschauliche Lehren, die die Wirklichkeit auf zwei grundlegende, oft gegensätzliche Prinzipien zurückführe - vertritt er scheinbar die Annahme einer Zweiheit (z. B. Geist/Materie, Gut/Böse), die nicht auf ein einziges Prinzip (Monismus) reduzierbar ist.
"The Royal Mind (may God exalt it!) should deign to know that all existing beings fall necessarily into one of two categories. Such being is either self-existent, or it exists through some other. ThatBeing which is self-existent is called "the Necessarily Existent," which is God most High and most Holy, who existeth by virtue of Himself, and who, therefore, hath always existed, since He awaiteth none other; and who (Ɛ) will always exist, since He subsisteth by Himself, not by another.But that existence whose being is through another is called "Contingent Being", and this is such as we are, since our being is from the seed, and the seed is from the blood, and the blood is from food, and food is from the water, the earth and the sun, whose existence is in turn derived from something else; and all these are such as yesterday were not, and to-morrow will not be. And on profound reflection [it appeareth that] this causal nexus reacheth upwards to a Cause which deriveth not its being from another, but existeth necessarily in itself; which is the Creator of all, from Whom all derive their existence and subsistence (...)"
Auch Nizámí-i'Arúdís scholastische islamische Ideologie vertritt die Auffassung, dass eine „Langue“ oder eine Art Metanarrativ die Dinge in Ordnung hält und von kleineren Objekten umgeben ist. Diese „Langue“ ist Gott, der ewig existiert. Er ist ein Verfechter des altpersischen Konzepts des Königtums, das aus Gründen der Legitimation in muslimischem Vokabular ausgedrückt wird. Seine Ausführungen zu den Gesellschaftsschichten sind sowohl von persischen als auch von griechischen Vorstellungen beeinflusst, insbesondere von denen Platons.
Literatur: Revised Translation of the Chahár Maqála ("Four Discourses") of Nizámí-i-'Arúdí of Samarqand, followed by an abridged translation of MírzáXMuhammad's notes to the Persian text by Edward G. Browne, M.A.,M.B.,F.B.A.,F.R.C.P., Vol. XI.2, printed by the Cambridge University Press for the Trustees of the "E.J. W. Gibb Memorial"and published by Messrs Luzac & Co., 46, Great Russell Street, London, W.C., 1921; Yūsofī, Ḡolām-Ḥosayn. "ČAHĀR MAQĀLA", auf iranicaonline.org, abgerufen am 19.04.2026; Browne, Edward Granville. A Literary History of Persia, 4 vols. New York: Charles, Scribner and Sons, 1902-1906, vol. 2, p. 33; Dahlén, Ashk P. "Kingship and Religion in a Mediaeval Fürstenspiegel: The Case of the Chahār Maqāla of Nizāmi ʽAruzi", Orientalia Suecana 58 (2009): 9-24; Bosworth, C. Edmund (2001). "GHURIDS", auf Encyclopaedia Iranica, abgerufen am 28.04.2026; Bosworth, C. Edmund . "The Political and Dynastic History of the Iranian World (A.D. 1000–1217)". In Frye, R. N. (ed.). The Cambridge History of Iran, Volume 5: The Saljuq and Mongol periods. Cambridge: Cambridge University Press, 1968, pp. 1–20; Schreiner, Stefan. "Zwischen den Welten – Zur Geschichte der Juden in der arabischen-islamischen Welt". In: Der Bürger im Staat. 56. Jahrgang, Heft 2 (2006), 94-10.
Die Chronik Tabakāt-i Nāsirī von al-Juzjani (al-Ğūzğānī) aus dem 13. Jhd.
Die Chronik „Tabakāt-i Nāsirī“ stellt eine bedeutende - allerdings nicht unparteiische - HaUptquelle zur Geschichte der Ghūriden dar und erwähnt einen jüdischen Kaufmann aus Ghūr, bezeichnet als Yahūd: "The chronicler relates, that , in that country [Ghūr] there was a merchant, a Yahūdī [Jew], [a follower] of the religion of Mithar Mūsā[Moses] ..." Diese Erwähnung stammt von dem Verfasser und Historiker al‐Jūzjānī (al-Ğūzğānī) aus dem 13. Jahrhundert.
Abū ʿUbayd ʿAbd al‐Wāḥid ibn Muḥammad al‐Jūzjānī (ca. 980-1037 CE), latinisiert als Sorsanus, war ein angesehener persischer Arzt, Astronom und Mathematiker, der sowohl Schüler als auch Biograf des bedeutenden Philosophen Ibn Sina (pers. ابن سينا, und latinisiert Avicenna) war. Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā (arab. أبو علي الحسين بن عبد الله ابن سينا, Abū ʿAlī al-Ḥusain b. ʿAbd Allāh ibn Sīnā, kurz Ibn Sina genannt, war ein persischer Arzt, Naturwissenschaftler, aristotelisch-neuplatonischer Philosoph, Dichter, sunnitisch-hanafitisch ausgebildeter Jurist bzw. Faqīh, Mathematiker, Astronom, Alchemist und Musiktheoretiker sowie Politiker. Er verfasste Werke in arabischer und persischer Sprache.
Der von al- Jūzjānī in seinem bedeutenden Werk „Tabakāt-i Nāsirī“ benannte jüdische Kaufmann hatte umfangreiche Erfahrungen in den "Gepflogenheiten der Welt" gesammelt: "He had travelled a great deal, and had acquired great experiences in the ways of the world, and had frequented the capitals of the rulers of the countries around, and had become acquainted with the udsages and forms of etiquette of the Courts and Sultāns and Princes (...)"(Tabakāt-i Nāsirī, op.cit. Bd.I, S. 314). Dieser jüdische Kaufmann pflegte eine Freundschaft zu Amīr Banjī, einem der Gründer der Ghūriden-Dynastie. Die Freundschaft begann mit einem Vorfall, als Amīr Banjī auf dem Weg nach Bagdad war, um einen Streit mit seinem Feind zu schlichten. Er traf den jüdischen Kaufmann und bat ihn um Rat, der sich als äußerst wertvoll erwies. Amīr Banjī war dem jüdischen Kaufmann dankbar und gestattete mehreren „Kindern Israels“ (Banī-Isrā’īl), sich in seinem Gebiet niederzulassen.
"The chronicler relates, that, in that country [Ghūr] there was a merchant, a Yahūdī [Jew], [a follower] oft the religion of Mihtar Mūsā [Moses], on whom be peace! This merchant entertained a friendship for Amir Banjī . He had travelled a great deal, and had acquired great experience in the ways of the world, and had frequented the capitals of the rulers of the countries around, and had become acquainted with the usages and forms of etiquette of the Courts of Sultāns and Princes; and he set out in company with Amīr Banjī.
He was acquainted with the objects and intentions of Amir Banjī, and he said to him: - "If I should instruct thee in etiquette, and make thee acquainted with the usages of decorum and politeness, and give thee proper knowledge of
the forms and ceremonies observed at the Court of the Khilāfat, and in the presence of sovereigns, so that on that account the authority and government of the territory of Ghūr shall be conferred upon thee, do thou enter into a covenant with me, that, in every tract that I may desire, throughout the whole of thy territory, thou shalt assign a locality to, and cause to settle therein, a number of the Banī-Isrā'īl [children of Israel], followers of the faith of Mithar Mūsā, in order that under the shadow of thy protection, and beneath the guardianship of thy Maliks and thy offspring, they may dwell in peace and tranquillity." (Tabakāt-i Nāsirī, op.cit. Bd.I, S. 313-314)
Diese Chronik gewährt uns Einblicke in die Gründe für die Existenz der jüdischen Siedlung der Banī-Isrā'īl [children of Israel], in der Region Ghūr. Diese scheinen durchaus plausibel, obgleich es keine direkten Beweise dafür gibt, dass diese jüdischen Kaufleute wie der benannte Yahūdī mit den Sprechern jüdisch-persischer Dialekte in Verbindung standen. Seine beratende Funktion am Hof des Amir Banjī, verweist allerdings auf die allumfassende, äußerst geschätzte und honorierte Tätigkeit eines erfahrenen jüdischen Kaufmanns, der im Fernhandel tätig war und zwischen den unterschiedlichsten Handelsposten unterwegs war. Diese waren zudem äußerst einflußreich und wohlhabend.
Wie bereits in der Inschrift Afghanica 51 (1973)/ 33 (1971) dokumentiert, wurde auf dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof in Djām eines Kaufmanns (hebr. תגר - pers. tājir; Krämer oder Händler) gedacht: "Der Kaufmann Joseph, Sohn des Isaak, Sohn des Joseph Noah" (d. 1202). Dies ist ein Beleg dafür, dass die Juden aus Fīrūzkūh ("Turquoise Mountain", „Türkisberg“; s. Jūzjānī, Ṭabaqāt I, pp. 335-36, tr. Raverty, I, pp. 339-40), der Sommerresidenz der Ghuriden in der abgelegenen Bergregionin der Provinz Ghūr, die höchst wahrscheinlich mit dem heutigen Djām (Jam) in Afghanistan identisch ist, im 12. Jahrhundert aktiv am Fernhandel beteiligt waren und ählich dem von al- Jūzjānī in seinem bedeutenden Werk „Tabakāt-i Nāsirī“ benannten jüdischen Kaufmann umfangreiche Erfahrungen in den „Gepflogenheiten der Welt“ gesammelt hatten. Sie waren ganz sicher weit gereist und hatten große Lebenserfahrung gesammelt. Auch hatten sie gewiß die Hauptstädte der Herrscher und die Handelszentren der umliegenden Länder besucht und sich mit den Sitten und Gebräuchen an den Höfen der Sultane und Fürsten vertraut gemacht.
Mittelalterliche Quellen berichten von mehreren jüdischen Zentren in Afghanistan, wobei die bedeutendsten in den Städten Merv, Balkh, Kabul, Nishapur, Ghazni und Herat lagen.
Al- Jūzjānī lebte 607 H. (1210-1211 CE) in Fīrūzkūh, zu jener Zeit, als Ghiyāth al-Dīn Mahmūd, der geachtete Sohn des Ghūriden-Sultans Ghiyāth al-Dīn Muhammed b. Sām, von choresmischen Flüchtlingen ermordet wurde:
"until on the night of Tuesday, the 7th of the month of Safar, in the year 607 H., four individuals of the party referred to climbed up on the roof of the Sultān's Kasr, and assassinated him, and got away again by the same road as they had got up. They then crossed the river of Fīrūz-koh, which flows in front of the Kasr, and also climbed to the top of hat high hill [the Koh-i-Āzād], and cried out with a loud voice: „0 foes of our Malik! We have killed the Sultān: arise, and search for your Malik !" When the day broke, the whole city became agitated; and they buried the Sultān in the Kasr itself, and subsequently the body was removed to Hirāt, and finally interred in the Gāzār-gāh [catacombs] of Hirāt." (Tabakāt-i Nāsirī, op.cit. Bd.I, S. 407
Besondere wissenschaftliche Beachtung fand das 2002 zum Weltkulturerbe erklärte Minarett von Jām, etwa 5 km nördlich des Ortes Jām an der Einmündung des Jām Rūd in den Hārī Rūd gelegen, das um 1174/75 CE unter Ghiyāth al-Dīn Muhammed b. Sām (1163-1203 CE) von dem Architekten 'Alī b. Ibrāhīm al-Nisabūrī erbaut wurde. Dieses architektonisch einzigartige Werk stand mehrfach im Fokus wiisenschaftlicher Betrachtungen aufgrund einer allerdings nicht unwidersprochen gebliebenen These von André Maricq, die besagte, dass es sich dabei möglicherweise um die Entdeckung der vollständig zerstörten ghūridischen Hauptstadt Fīrūzkūh handele, die der Geschichtsschreiber al-Gûzgānī (Maulānā Minhāğ-ud-D Abū-'Umār-i-'Usmān), dessen Mutter eine Pflegeschwester zu Ghiyāth al-Dīn's Tochter, Prinzessin Māh Malik war, in seiner Chronik Tabaqāt-i-Nāsirī (um 1260) als eine mächtige Festung beschreibt, die von Balkonen und Türmchen mit vergoldeten Kuppeln überragt wird (vgl. Tabaqāt-i-Nāsirī, Bd. I, S. 403-488; Bd. 2, S. 1006-105):
"That Kasr is an edifice the like of which is not be found in any country or in any capital - a Kasr in height and area, and with buttresses, balconies, and turrets, and of such configuration as no geometrician hath made manifest. Over that Kasr are placed five pinnacles inlaid with gold, each of them three ells and a little over in height, and in breadth two ells; and also two gold humāe, each of about the size of a large camel. Those golden pinnacles and those humās , the Sultān-i-Ghāzī, Muizz-ud- Dīn, Muhammad, after the capture of Ajmīr, had sent in token of service, and as valuable presents, to [his brother] Sultān Ghiyās-ud-Dīn, Muhammad-i-Sām, with many other articles of rarity, such as a ring of gold, with a chain of gold attached, the dimension of which was five ells by five ells, and two great kos [kettle-drums] of gold, which were carried on carriages. Sultān Ghiyās-ud-Dīn directed that ring and chain, and those kharbūzah [kettle-drums], should be suspended before the portico of the Jāmi' Masjid at Firūz-koh; and, when the Jāmi' Masjid was destroyed by a flood, the ring, chain, and those kharbūzah [kettle-drums], the Sultān sent to the city of Hirāt, so that after the Jāmi' Masjid of that city had been destroyed by fire, they rebuilt it by neans of those gifts." (Tabaqt-i-Nāsirī, Bd. I, op.cit. S. 403-404).
Al‐Jūzjānī berichtet, dass die nahe dem Minarett gelegene Jāmi' Masjid (Freitagsmoschee) noch zu Lebzeiten Ghiyāth al-Dīn's durch eine flutartige Überschwemmung kurze Zeit vor der Belagerung durch die Mongolen 1221/22 zerstört worden ist:
"[...] and, when the Jāmi' Masjid was destroyed by a flood, the ring, chain, and those kharbūzah [kettle-drums], the Sultan sent to the city of Hirāt, so that after the Jāmi' Masjid of that city had been destroyed by fire, they rebuilt it by means of those gifts."(Tabaqt-i-Nāsirī, Bd. I, op.cit. S. 404)
Bereits vor der vollständigen Zerstörung durch Ögödei (1222/23)' war Fīrūzkūh 1215/16 unter Sultan 'Alā' al-Dīn Muhammad Khwārizm Shāh gefallen, der 1221 seine letzte Schlacht gegen Čingiz-Khān verloren hatte:
"On a Friday, in the middle of the month of Jamādī-Awwal, in the year 607 H., the city [of Fīrūz -koh] was taken [by the Khwārazmī forces], and the dominion of the family of [Ghiyās -ud-Dīn] Muhammad, son of Bahā-ud-Dīn Sām, passed away."(Tabaqt-i-Nāsirī, Bd. I, op.cit. 410-411)
Dieser These von André Maricq, haben der Architekt und Bauhistoriker Werner Herberg und Sprachwissenschaftler Gholam Djelani Davary in ihrem 1976 erschienenen Forschungsbericht über Fīrūzkūh eine auf architektonischen und topographischen Studien basierende Betrachtungsweise gegenübergestellt und eine andere Deutung des Minaretts von Jām bzw. des Problems Jām-Fīrūzkūh vorgeschlagen. Danach konnte das Minarett auch ein Turm des Sieges und Ruhmes gewesen sein oder sogar die Stelle einer wichtigen Begebenheit markieren; denn Fīrūzkūh konnte auch - wie bereits Holdich annahm - in der Gegend von Taiwara gelegen haben. (Herberg, Forschungsreise 1973 nach Afghanistan, Kap. II: Bericht über die Ergebnisse unserer Arbeit in Jam, Teil 2 - unveröffentlichtes Maniskript).
Nach neueren archäologischen Forschungen wird Jām - etwa 215 km östlich von Herat in einer abgelegenen, ungefähr 1900 m über dem Meeresspiegel und bis zu 3500 m hohen Bergregion Zentral-Afghanistans gelegen - in Übereinstimmung mit der bereits bekannten Theorie erneut mit dem urbanen Zentrum von Fīrūzkūh, einer Sommerresidenz der Ghuriden, in Verbindung gebracht. Der Archäologe David Colin Thomas, berichtet über seine Erfahrungen im Rahmen der wissenschaftlichen Forschungen in der Region um das Minarett von Jām in der Provinz Ghūr im Rahmen des Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP) im Jahr 2003:
"Despite the debatable evidence, modern Jām is now therefore generally accepted as the site of Fīrūzkūh. Uncorroborated reports of the looting of antiquities at Jām indicate the wealth of the site: the large caches of coins and jewellery reputed to have been discovered correlate with al- Jūzjānī's account, while the discovery of Persian-Hebrew tombstones supports his mention of a Jewish trading community at Fīrūzkūh." (Thomas,"FĪRŪZKŪH", op. cit. S. 120-121).
Er ergänzt:
"As archaeologists, we are attempting to reconstruct a more balanced impression of the Ghurids, negotiating between Juzjani's rather partisan and exaggerated account, and those of the Ghurids' neighbours, who bitterly dismissed them as little more than mountain brigands. The emerging evidence points to a well-organised, sophisticated, flourishing 12-13th century community at Jam, whose opulent standard of living was based on a steady stream of supplies and booty from the corners of their empire. When the Mongols devastated Central Asia, the Ghurids were unable to sustain the lifestyle they had become accustomed to, and reverted to periodic raids from their mountain strongholds."(Thomas, Archaeological Invastigations at Jam, Afghanistan , op. cit. S. 2):
Über Al‐Jūzjānīs Leben ist nur wenig bekannt. Er zählt zu den ersten islamischen Gelehrten, die ein alternatives Modell zum Ptolemäischen Äquantenkonzept entwickelten. Das ptolemäische Äquantenkonzept ist ein genialer mathematischer Kniff des antiken Astronomen Claudius Ptolemäus (um 100- nach 160 CE), eines griechischen Mathematikers, Geograph, Astronom, Astrologe, Musiktheoretiker und Philosoph. Er lebte in Alexandria in der Römischen Provinz Ägypten. Das Ptolemäische Äquantenkonzept löst das Problem, dass sich Planeten auf ihren Kreisbahnen (Deferenten) um die Erde nicht gleichmäßig bewegen. Der Planet bewegt sich von der Erde aus betrachtet schneller, wenn er nah ist, und langsamer, wenn er fern ist.
Vermutungen zufolge war er bereits als Rechtsgelehrter (faqīh) in Jurjān tätig, als er im Jahr 1012 auf Ibn Sīnā traf. Jurjān (oft auch Gorgān) war eine bedeutende historische Region und antike Stadt im Norden des heutigen Iran, gelegen zwischen dem Kaspischen Meer und der Region Chorasan. Die Ruinen der frühmittelalterlichen Stadt befinden sich nahe der heutigen Stadt Gonbad-e Qabus in der Provinz Golestan. Im 10. und 11. Jahrhundert CE war Jurjān ein intellektueller Hotspot. Berühmte Gelehrte und Ärzte der islamischen Goldenen Zeit wirkten hier. Die Stadt war berühmt für die Herstellung der feinen Jurjān-Keramik (oft mit goldenem oder metallischem Glanz) während der Zeit der Seldschuken.
Al‐Jūzjānī wurde ibn Sīnās Schüler und berichtete, dass er bei Ibn Sīnā das „Almagest“ von Ptolemäus sowie Logik studierte. Jūzjānī leistete wertvolle Beiträge zur Komposition von Ibn Sīnās Werk „Heilmittel“ (al-Shifāʾ) und ergänzte Abschnitte über Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik aus Ibn Sīnās früheren Schriften in dessen Werke „Rettungswerk“ (al-Najāt) und „Philosophie für ʿAlā al-dawla“ (Dānishnāme-IʿAlāʾī). Zudem kommentierte er komplexe Passagen von Ibn Sīnās „Medizinischem Kanon“ (al-Qānūn fī al-ṭibb) und übersetzte das „Buch über die Tiere“ aus dem „Heilmittel“ ins Persische. Nach dem Tod Ibn Sīnās vervollständigte Jūzjānī dessen Autobiografie. Darüber hinaus verfasste Jūzjānī das nicht erhalten gebliebene Werk „Über die Anordnung der Sphären“ (Kitāb Kayfiyyat tarkīb al‐aflāk) sowie eine erhaltene Zusammenfassung (Mulakhkhaṣ) dieses Textes.
Al-Jūzjānī ist der Autor des Werkes „Zusammenfassung der Anordnung der Sphären“ (Khilāṣ tarkīb al‐aflāk), einem Kommentar zu Farghānīs maßgeblichem Text „Grundlagen der Astronomie und der Himmelsbewegungen“ (Jawāmiʿ ʿilm al‐nujūm wa‐ʾl‐ḥarakāt al‐samāwiyya). In seiner „Zusammenfassung der Anordnung der Sphären“ bezieht sich Jūzjānī auf sein kontinuierliches Interesse an der Astronomie sowie auf die Schwierigkeiten, die er bei der Auffassung der Äquanten und den Aspekten der Bewegung in terrestrischer Breite (insbesondere der Neigung, Verdrehung und Schräglage des Epizyklus) hatte. Er wandte sich um Unterstützung an Ibn Sīnā und erhielt eine ernüchternde Antwort: „Ich habe eine tiefgehende Einsicht in dieses Problem nach umfangreicher Anstrengung erlangt, werde jedoch mein Wissen nicht weitergeben. Widme dich selbst intensiv diesem Thema, und es könnte dir offenbart werden, wie es mir offenbart wurde.“
Jūzjānī erwiderte skeptisch auf Ibn Sīnās Assertion und bemerkte: „Ich vermute, dass ich der erste war, der solch ein Verständnis für diese Problematik erlangte.“ Das Kernproblem Jūzjānīs in Bezug auf die Äquanten besteht darin, dass „die Bewegungen der Himmelskörper nicht unregelmäßig sein können, sodass sie sich mal schneller und mal langsamer bewegen. Dies wurde in der Physik (al‐ʿilm al‐ṭabīʿī) nachgewiesen.“ Um das Äquantenproblem zu adressieren, schlägt Jūzjānī ein Modell vor, in dem alle Sphären (der Deferent, der Epizykel und ein sekundärer Epizykel) sich gleichmäßig um ihre jeweiligen Zentren bewegen. Dennoch erweist sich dieses Modell als unpraktikabel.
Die Relevanz von Jūzjānīs Kritik am Äquanten liegt nicht in der Unmöglichkeit seiner Lösung, sondern vielmehr in der Unabhängigkeit seines Beitrags von der Auseinandersetzung mit dem Äquanten, die in dem Werk seines älteren Zeitgenossen Ibn al-Haytham mit dem Titel „Zweifel gegen Ptolemäus“ (Shukūk ʿalā Baṭlamyūs) zu finden ist. Ibn al-Haytham, lateinisiert als Alhazen (ca. 965 – ca. 1040 CE), war ein Mathematiker, Astronom und Physiker des Goldenen Zeitalters des Islam aus dem heutigen Irak. Er wird als „Vater der modernen Optik“ bezeichnet, und leistete bedeutende Beiträge zu den Grundlagen der Optik und insbesondere der visuellen Wahrnehmung.
Diese Arbeiten al-Jūzjānīs repräsentieren die frühesten bekannten Kritiken an der Äquantenhypothese des Ptolemäus, die letztendlich zu alternativen Modellen führten, die von Naṣīr al-Dīn al-Ṭūsī und anderen Astronomen, häufig als „Marāgha-Schule“ bezeichnet, in Bezug auf die Planetenbewegung entwickelt wurden und die nicht auf den Äquanten zurückgriffen. Nahe Talebkhan (♁37° 23′ 45,9″ N, 46° 12′ 33″ O) liegen auf einem Hügel 3,8 km westlich der Stadt die Ruinen des Observatoriums Rasad Khaneh (Rasad Chaneh), das Hülegü Chan (um 1217-1265 CE), mongolischer Khan und Enkel Dschingis Khans, 1259 bis 1262 für den persischen Mathematiker, Astronom und Universalgelerten Nasīr ad-Dīn at-Tūsī (1201 bis 1274 CE) errichten ließ. Naṣīr al-Dīn al-Ṭūsī (arab.: نصیر الدین الطوسي; pers. : نصیر الدین طوسي) oder einfach (al-)Tusi war ein persischer Universalgelehrter, Architekt, Philosoph, Arzt, Wissenschaftler und Theologe. Nasir al-Din al-Tusi war ein viel publizierter Autor, der zu Themen wie Mathematik, Ingenieurwesen, Prosa und Mystik schrieb.
Auf einem zitadellenartigen Gelände von 340 auf 135 m2 stand ein vierstöckiger Bau. An dem Observatorium und der Akademie arbeiteten neben iranischen und islamischen Forschern auch christliche, armenische und georgische sowie chinesische Mathematiker und Astronomen. Die Bibliothek enthielt 40.000 Bücher. Am Observatorium wirkten unter anderem der Astronom, Architekt und Ingenieur Mu'ayyad al-Din al-Urdi (d. 1266 CE) (Urdi-Lemma) und Qutb ad-Din asch-Schirazi (1236–1311 CE), ein bedeutender persischer Universalgelehrter, der herausragende Beiträge zur Astronomie, Optik und Philosophie leistete, und für seine Mitarbeit am Maragha-Observatorium und seine Beteiligung an der ersten mathematisch korrekten Erklärung des Regenbogens bekannt ist.Letzterer erklärte zeitgleich mit Theodorich von Freiberg (ca. 1240-1320 CE, auch Dietrich von Freiberg; lat.: Theodericus de Vriberch) einem bedeutenden deutschen Philosoph, Theologe und Naturwissenschaftler des Spätmittelalters, den Regenbogen erklärte. Theodorich von Freiber war Mitglied des Dominikanerordens. Bahnbrechend sind vor allem seine naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Arbeiten, darunter die physikalische Erklärung des Regenbogens.
Mu˒ayyad al-Dīn ibn Barmak al-˓Urḍī al-Dimashqī (13. Jahrhundert CE) wurde in Damaskus geboren und arbeitete zunächst in Syrien. Er war in Damaskus im Bereich Wasserbau tätig und konstruierte ein astronomisches Instrument für den Herrscher von Hims (Emessa), al-Manṣūr Ibrāhīm (1239–1245 CE). Außerdem lehrte er Handasa (Architektur oder Geometrie). Im Jahr 1259 CE oder kurz danach hielt er sich in Maragha auf, der Hauptstadt des mongolischen Eroberers Hulagu Khan, des Enkels von Dschingis Khan. Er war einer der vier Astronomen, die mit Naṣīr al-Dīn al-Tūsi, dem Gründer der Sternwarte von Maragha, zusammenarbeiteten. Er war an der Organisation, dem Bau und der Konstruktion der Instrumente dieses Observatoriums sowie am Bau einer Moschee und eines Palastes in Maragha beteiligt.
Die Arbeiten dieser Astronomen und Universalgelehrten wurden später in Damaskus, Samarkand und Istanbul fortgeführt ("Maragha-Schule") und könnten Kopernikus beeinflusst haben (Tusi-Paare, Urdi-Lemma), auch wenn nicht geklärt ist, wie er davon Kenntnis erhielt.
Während Ibn al-Haythams Kritik offensichtlich einen größeren Einfluss hatte, waren die Astronomen der Marāgha-Schule sich des Beitrags von al- Jūzjānī durchaus bewusst.
In seiner polemischen Schrift „Du hast es getan, also gib mir nicht die Schuld!“ ("Faʿalta fa-lā talum") bezieht sich Quṭb al-Dīn al-Shīrāzī (1236-1311 CE), ein persischer Wissenschaftler, der vor allem in Schiras, Maragha, Dschuvain, Anatolien (Konya, Sivas, Malatya) und Syrien wirkte, ausführlich auf al- Jūzjānīs Werk.
Literatur: Lintz, Ulrike-Christiane. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil I).“ JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 4 (2008): 333-358; Dies. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil II.“, JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 1 (2009): 43-74; Dies. “The Qur'anic Inscriptions of the Minaret of Jam in Afghanistan.“ In: Mohammad Gharipour and Irvin Cemil Schick, eds., Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Edinburg: Edinburgh University Press, 2013, 83-102; Dies. “Survey of Judaeo-Persian Inscriptions from Djam, Central Afghanistan.“ In: Mariko N. Walter and James P. Ito-Adler, eds., The Silk Road: Interwoven History, Vol. 1: Long-distance Trade, Culture, and Society. Cambridge: Cambridge Institutes Press, 2015, 132-177; Thomas, David Colin. "FĪRŪZKŪH, The summer Capital of the Ghurids". In: Bennison, Amira K. and Alison Lucy Gascoigne (eds.), Cities in the Pre-modern Islamic World. The Urban Impact of State, Society and Religion, London 2007, S. 115-144;Thomas, David Colin. "Archaeological Invastigations at Jam, Afghanistan". In: al-'Usur al-Wusta 18 (2006), S. 1-6; Werner Herberg in Zusammenarbeit mit Djelani Davary, "Topographische Feldarbeiten in Ghor. Bericht über Forschungsarbeiten zum Problem Jam-Ferozkoh". Afghanistan Journal 3:2 (1976) S. 57-69; Hockey, Thomas et al. (eds.). The Biographical Encyclopedia of Astronomers. Springer Reference. New York: Springer, 2007, pp. 604-605; Gohlman, William E. The Life of Ibn Sīnā: A Critical Edition and Annotated Translation. Albany: State University of New York Press, 1974; Gutas, Dimitri (1988). Avicenna and the Aristotelian Tradition. Leiden: E. J. Brill, 1988; Ragep, F. Jamil. Naṣīr al‐Dīn al‐Ṭūsī's Memoir on Astronomy (al‐Tadhkira fī ʿilm al‐hayʾa). 2 Vols. New York: Springer‐Verlag, 1993; "Al-˓Urḍī", auf link.springer.com, abgerufen am 10.05.2026; Saliba, George. “Ibn Sīnā and Abū ʿUbayd al‐Jūzjānī: The Problem of the Ptolemaic Equant.” In A History of Arabic Astronomy: Planetary Theories during the Golden Age of Islam. New York: New York University Press, 1994, pp. 85–112. (Originally published in Journal for the History of Arabic Science 4 [1980]: 376–403, Ders. “Arabic Astronomy and Copernicus.” In A History of Arabic Astronomy: Planetary Theories during the Golden Age of Islam. New York: New York University Press, 1994 (Originally published in Zeitschrift für Geschichte der Arabisch‐Islamischen Wissenschaften 1 [1984]: 73–87.); Sezgin, Fuat. Geschichte des arabischen Schrifttums. Vol. 6, Astronomie, pp. 280–281. Leiden: E. J. Brill, 1978.
Die jüdischen Handelskolonien entlang der Seidenstraße
Die Ghuriden-Hauptstadt Fīrūzkūh
Zu Beginn des zehnten Jahrhunderts existierten in der Region Ghūr permanent multiethnische Handelsniederlassungen von Kaufleuten, ähnlich den Handelszentren in Kabul und Ghazna aus der Zeit der Ghaznaviden. Der englische Historiker und Orientalist Clifford Edmund Bosworth (1928 – 2015) vermerkte, dass stabile indische Handelskolonien auch vor der Gründung der Ghūriden-Hauptstadt Fīrūzkūh im Jahr 541 A.H. (1146-7 CE) existierten. Die Expatriate-Gemeinschaften von Kaufleuten und deren Familien aus Khwarazm und Transoxanien waren in ganz Asien als Handelsbanken tätig, die ein etabliertes System von Kreditbriefen nutzten, welche in weitreichenden Gebieten von China bis zur Wolga akzeptiert wurden. Der Erfolg basierte auf grenzenlosen, familienbasierten Netzwerken. Ein Kaufmann in China konnte Wertsachen bei einem Agenten hinterlegen und erhielt einen Kreditbrief (ähnlich dem späteren Hawala-System), der von seiner Familie in Samarkand eingelöst wurde.
Die beschriebenen Händler waren die Sogder (und später u.a. die Urturks und persischsprachigen Ortoq-Kaufleute aus Transoxanien und Khwarazm. Als Meister der Seidenstraße erfanden und nutzten sie bereits in der Antike und im Mittelalter hochentwickelte Finanzinstrumente wie Kreditbriefe, um den Fernhandel in ganz Asien abzusichern. Die ältesten Zeugnisse dieses Systems sind die sogenannten Sogdischen Antiken Briefe aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. (entdeckt in Dunhuang), die den regen Handel und die Kreditpraxis belegen. Da keine einheitlichen Währungen oder imperialen Kontrollsysteme über Tausende von Kilometern existierten, ersetzten diese Verträge, geschriebenen Notizen und eine gemeinsame Handelssprache jedes formelle Bankenwesen. Die "Sogdischen Briefe"(entdeckt in Dunhuang) aus dem 4. Jahrhundert CE sind die ältesten Zeugnisse, die den regen Handel und die Kreditpraxis belegen.
Die Sogdier waren ein persischsprachiges Volk, und ihr Land, Sogdiana, bestand aus mehreren Oasenstaaten entlang des Flusses Zarafschan. Die bedeutendsten Städte waren Samarkand und Buchara. Es bildete eine Satrapie des Achämenidenreichs und stand später unter der Herrschaft benachbarter Großmächte wie der Kuschana und der Westturken. Bis zur Eroberung durch die Araber im 8. Jahrhundert genoss es jedoch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit. In dieser Zeit, insbesondere im 6. bis 8. Jahrhundert, spielten die Sogdier eine führende Rolle als Händler entlang der landgestützten Seidenstraße. Ihr Handelsnetz erstreckte sich nicht nur bis nach China, sondern auch bis in die Mongolei, nach Tibet, Indien, Persien, Byzanz und Osteuropa. Einige der von ihnen gehandelten Waren finden sich in den in Turfan entdeckten Dokumenten aus dem 7. Jahrhundert; aufgeführt sind Seidenfäden, Pferde, Sklaven, Gold, Silber, Medizin, Duftstoffe, Kurkuma, Ammoniumchlorid und so weiter. Alle Waren mit Ausnahme von Seide wurden von West nach Ost gebracht. Die Dokumente belegen zudem das Monopol der Sogdier auf den Handel entlang der Seidenstraße sowie ihre Zusammenarbeit bei ihren Aktivitäten in den Städten entlang der Handelsroute. Als das Tang-Reich nach dem Aufstand von An Lushan (755–763 CE) die Kontrolle über Zentralasien verlor, verlagerte sich die relative Bedeutung des Landhandels auf den Seeweg, und die Rolle der Sogdier als Händler zwischen China und dem Westen wurde von persischen und islamischen Händlern übernommen.ystems, die den regen Handel und die Kreditpraxis belegen.
Als zentralasiatisches Volk iranischer Herkunft dominierten die Sogdier den Handel von der Spätantike bis ins frühe Mittelalter (5. bis 8. Jahrhundert). Neben dem Handel mit Seide, Edelsteinen und Gewürzen fungierten sie als wichtigste Kulturvermittler zwischen dem Mittelmeerraum, Indien und China. Das System wurde später unter islamischen Dynastien und im Mongolischen Reich weiter verfeinert und ausgebaut.
Die zentralasiatischen Städte entlang der Seidenstraße fungierten als zentrale Handelsstützpunkte in der Region und verbanden den Westen und Osten mit Afghanistan als geographischem Mittelpunkt dieser ausgedehnten Handelsrouten.
Die Ansiedlung der bereits benannten jüdischen Gemeinde in der heute entlegen anmutenden vorwiegend muslimisch geprägten Gegend um Jām (Djām), oftmals und aktuell mit der Ghuriden-Hauptstadt Fīrūzkūh - einem zuvor blühenden Herrschafts- und Handelszentrum gleichgesetzt, dessen Herrschaftsansprach sich von Nishāpur im Ost-Iran bis zum Golf von Bengalen und dem Vorgebirge des südlichen Teils des Himalayas bis nach Sind in Nord-Indien erstreckte, und dessen abrupter Untergang scheinbar mit der Ermordung Mu'izz al-Dīn Muhammad b. Sāms (1206 CE) sowie der anschließenden Eroberung durch den Khwārizm Shāh (1215/16 CE) begann und durch den Einfall der Mongolen unter Ögödei, den Sohn des Čingiz-Khān im Jahre 1222/23 CE besiegelt wurde - scheint auf den ersten Blick rätselhaft.
Die Ghuriden-Hauptstadt Fīrūzkūh, die legendäre Sommerresidenz der Ghuriden-Dynastie im 12. und frühen 13. Jahrhunder, eine florierende Bergfeste im Herzen der unzugänglichen afghanischen Provinz Ghur, wurde 1215 CE durch die Choresm-Schahs zerstört und galt als verschollen. Fīrūzkūh war eine blühende Handelskolonie und die Eisen- und Metallverarbeitung sowie Pferdezucht, Fernhandel mit Eisenerz (Blei), Edelmetallen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen war weit verbreitet. So waren beispielsweise im Hari-Rud-Tal, in Balkh, Sistan und anderen Provinzen zahlreiche Wassermühlen in Betrieb. Allein der Fluss Balkh lieferte die Energie für siebzig Wassermühlen. insbesondere Windenergie wurde effektiv genutzt. Sie trieb Windmühlen an und diente, wie im Tā'rīkh-i Sistān ("Geschichte von Sistan"), einem Werk eines unbekannten Autors (ca. 11. Jh.), berichtet, auch dazu, Wasser aus Brunnen für die Bewässerung zu fördern:
„The processin of agricultural products was widely developed. For example, in the Hari Rud valley, Balkh, Sistan and other provinces there were many watermills in operation. One river alone, the Balkh river, provided the motive power for seventy water mills. Wind energy was effectively used: it powered windmills and also, as reported in the Tā'rīkh-i Sistān [History of Sistan], raised water from the wells for irrigation" (N. N. Negmatov, The Samanid State, op. cit. S. 84)
Die Existenz dieser jüdischen Siedlung in der abgelegenen muslimischen Region rund um Djām, der bedeutendsten Ghūridischen Städte in Zentralafghanistan, 215 km östlich von Herat gelegen und etwa 1.900 m über dem Meeresspiegel, umgeben von Bergen, die fast 3.500 m hoch sind, dürfte mit der Entwicklung größerer Handelsbeziehungen in der Region Ghūr zu begründen sein, jener vormals eher „heidnisch" geprägten Umgebung, die aufgrund ihrer Rohstoffe, Eisen- und Metallverarbeitung sowie Pferdezucht weithin bekannt, zu Beginn des 10. Jahrhunderts zunächst mit dem Sklavenhandel auf den Märkten Herats und Sistans an Bedeutung gewann und ähnlich den Städten Kabul und Ghazna zur Zeit der Ghaznaviden von einer dauerhaften Ansiedlung von Händlern unterschiedlicher ethnischer Herkunft zeugt. Die Institution des Sklavenhaushalts gewann unter Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam (r.1173–1206 CE) an Bedeutung, der seine Sklaven wie seine Söhne behandelte; im Laufe der Zeit wurden sie zum Eckpfeiler der Verwaltung im Indien der post-Ghuriden-Dynastie:
„The institution of the slave household assumed importance under Mu'izz al-Din, who treated his slaves as his sons, and in course of time they became the linchpin of post-Ghurid organization in India." (A. Nizami, The Ghurids, op. cit. S. 188)
Als Ghur noch heidnisch war, lieferte es Sklaven an die Märkte von Herat und Sistan (“„While it was still pagan, Ghur supplied slaves to the markets of Herat and Sistan." (A. Nizami, ebd. S. 178).
Diese historisch bedeutsame Region wurde in den Jahren 1971 -1973 umfassend von meinen geschätzten Kollegen, dem Architekten und Bauhistoriker Werner Hernerg und in Folge von dem Archäologen David Colin Thomas während des Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP) im Jahr 2003 eingehend erforscht und dokumentiert..
Unter der Herrschaft der beiden Brüder und Co-Herrscher Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam (ca. 1140–1203 CE, r. 1163-1203 CE) und Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam (ca. 1144–1206 CE; r. 1173–1206 CE) in Fīrūzkūh bzw. Ḡazna erreichte das Ghuridenreich seine größte territoriale Ausdehnung und den Höhepunkt seiner Macht. Obwohl die frühere Geschichte der Familie Šansabānī von Fehden und Streitigkeiten geprägt war, pflegten die Brüder und eine Partnerschaft, die von gegenseitiger Freundschaft und einer Aufteilung der Wirkungs- und Einflussbereiche geprägt war. Ghiyāt al-Dīn Muhammad b. Sam widmete sich vor allem der Expansion nach Westen in Richtung Khorasan und der Eindämmung der dortigen Ambitionen der Ḵwārazmšāhs (auch Choresm-Schahs) während Mu’izz al-Dīn Muhammad b. Sam Feldzüge nach Indien führte.
Die Stadt Djām war ein lebendiges Zentrum urbaner Komplexität und Weltgewandheit unter der Herrschaft des ghūridischen Herrschers Ghiyāth al-Dīn Muḥammad bin Sām (gest. 1203 CE). Die Stadt ist bekannt für das Minarett von Djām mit seinen reich verzierten Koransuren sowie für die Entdeckung des jüdischen Friedhofs in der Nähe der Anhöhe des Kūh-i Kushkak. Es wird vermutet, dass die Juden dort aufgrund der Entstehung weitreichender Handelsnetze in der Region siedelten. Die Region um Djām, die - so wird teilweise vermutet - die Sommerresidenz des Sultans, Fīrūzkūh, beherbergte, war ein blühendes politisch-ökonimisches Zentrum, das sich von Nishāpur im östlichen Iran, im Westen bis zum Golf von Bengalen, im Süden und nach Sind in Nordindien, im Nordosten erstreckte. Der plötzliche Niedergang des Ghūriden-Reiches scheint durch den Tod von Mu‘izz al-Dīn Muḥammad bin Sām im Jahr 1206 CE verursacht worden zu sein, gefolgt von der Eroberung durch Khwārizm Shāh Ala ad-Din Muhammad II. (1169-1220 CE) um 1215 CE. Sieben Jahre später führte die mongolische Invasion unter Ögödei zum vollständigen Ende des gesamten Reichs um 1222 CE. Diese Region ist insbesondre historisch bedeutsam für ihren florierenden Handel, der auf Eisen- und Metallverarbeitung sowie Pferdezucht und Sklavenhandel in den Märkten von Herat und Sistan basierte.
Mein geschätzter Kollege Werner Herberg (1945-2013) Architekt und Bauhistoriker, der mir vor seinem Tod seine wertvollen Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen im Rahmen meiner Forschungen zu den Juden in Afghanistan übergab, besuchte diese bedeutsame Region mehrfach während seiner Forschungsreisen nach Afghanistan in den Jahren 1971-1973.
Literatur: Nizami, Khaliq Ahmad. "The Ghurids", in: Asimov & Bosworth (eds.), History of civilizations of Central Asia, Bd. IV/I: The Age of achievement, A.D. 750 to the end of the fifteenth century, Pt. I: the historical, social and economic setting, p. 177-190. UNESCO, Paris 1998; Negmatov, Numon Negmatovich. "The Samanids". In Asimov, M.S. and C.E. Bosworth(eds.). History of Civilizations of Central Asia. Vol. IV, part one: The age of achievement: A.D. 750 to the end of the fifteenth century. UNESCO, Paris 1998, Bd. IV/I, S. 77-94; Smirnova, Lidija P. (ed.). Tā'rīkh-i Sistān. Moskau 1974 (vgl. die Zusammenfassung in engl. Sprache, dort S. 571-574); Lintz, Ulrike-Christiane. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil I).“ JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 4 (2008): 333-358; Dies. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil II.“, JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentum 1 (2009): 43-74; Dies. “The Qur'anic Inscriptions of the Minaret of Jam in Afghanistan.“ In: Mohammad Gharipour and Irvin Cemil Schick, eds. Calligraphy and Architecture in the Muslim World. Edinburg: Edinburgh University Press, 2013, 83-102; Dies. “Survey of Judaeo-Persian Inscriptions from Djam, Central Afghanistan.“ In: Mariko N. Walter and James P. Ito-Adler, eds., The Silk Road: Interwoven History, Vol. 1: Long-distance Trade, Culture, and Society. Cambridge: Cambridge Institutes Press, 2015, 132-177; Thomas, David Colin. "FĪRŪZKŪH, The summer Capital of the Ghurids". In: Bennison, Amira K. and Alison Lucy Gascoigne (eds.), Cities in the Pre-modern Islamic World. The Urban Impact of State, Society and Religion, London 2007, S. 115-144; Yoshida, Yutaka. "The Sogdian Merchant Network" (26 May 2021). In David Ludden (ed.), Oxford Research Encyclopedia of Asian History (New York, NY, online edn, Oxford Academic, 27 Feb. 2017, auf academic.oup.com, abgerufen am 10.05.2026.
Die "Afghanische Genizah"
Eine seltene Sammlung von Hunderten von Dokumenten aus dem 11. bis 13. Jahrhundert wurde - so wurde mehrfach berichtet - in einer Höhle bei Samangan in einem Gebiet des heutigen Afghanistan entdeckt. Die Sammlung ist die größte ihrer Art und umfasst etwa 250 Dokumente, die praktisch die einzigen schriftlichen Zeugnisse einer einst blühenden Gemeinschaft darstellen.
Im Jahr 2013 erwarb die Nationalbibliothek Israels einen Teil dieses seltenen "Archivs", nachdem umfangreiche Astrengungen unternommen worden waren, die afghanische Geniza-Sammlung für künftige Generationen zu bewahren. Die Sammlung, die etwa 250 Seiten aus dem frühen 11. Jahrhundert umfasst, stellt den größten Bestand an Originalmaterialien aus der Region vor der Neuzeit dar. Sie ist praktisch die einzige schriftliche Primärquelle für Informationen über diese einst blühenden jüdischen Gemeinden entlang der Seidenstraße sowie über die islamische und persische Kultur der Region vor der mongolischen Invasion.
Dieser Erwerb wurde durch die großzügige Unterstützung der William Davidson Foundation und des Haim and Hanna Salomon Fund ermöglicht. Die Dokumente aus dem 11. bis 13. Jahrhundert bieten einen beispiellosen Einblick in das Alltagsleben, die Gesellschaft und die Wirtschaft der Juden entlang der Seidenstraße, der alten Handelsroute, die einst Europa und China verband.
Diese einzigartige Sammlung von mehreren hundert fragmentarischen Dokumenten, bestehend aus Manuskripten in Hebräisch, Aramäisch, Judeo-Arabisch und Judeo-Persisch, wurde in einer Höhle in Samangan im nordwestlichen Afghanistan entdeckt. Die Dokumente, die als "Afghanische Geniza" bezeichnet werden, stammen aus dem Zeitraum vom 11. bis in die frühe Phase des 13. Jahrhunderts CE. Ihre Übersetzung und Publikation verspricht, wesentliche Einblicke in das jüdische Leben im mittelalterlichen Afghanistan zu bieten.
Die "Afghanische Geniza" umfasst einen Textkorpus von mehreren hundert Blättern, datierbar aus der Zeit vom 5./11. bis zum frühen 7./13. Jahrhundert. Die Blätter wurden in Zentralafghanistan gefunden, wobei der genaue Fundort unbestimmt bleibt. Es ist ebenfalls unklar, ob sämtliche Blätter aus demselben Fund stammen. Die Manuskripte, die Teil eines umfangreicheren Korpus der "Afghanischen Geniza" sind, scheinen ihren Ursprung in Zentralafghanistan, möglicherweise im Gebiet von Bamiyan, zu haben und sind auf einen Zeitraum von zweihundert Jahren datierbar (vom frühen 5./11. bis zum frühen 7./13. Jahrhundert).
Diese Texte vertiefen unser Verständnis vom Leben der jüdischen Händler und Kaufleute - insbesondere einer jüdischen Händlerfamilie des benannten "Abū Naṣr Yehuda" und seine engen Verbindungen zu anderen jüdischen Gemeinden in der Region während der frühen Ghaznawiden-Zeit (erste Hälfte des 11. Jahrhunderts), die in und um die Stadt Bamiyan lebte, einem einst geschäftigen Handelszentrum an der Seidenstraße. Zu den Texten gehört auch eine Schuldurkunde über eine Geldschuld gegenüber Abū Naṣr Yehuda (Ausgabe und Übersetzung im Artikel verfügbar; Jerusalem, Nationalbibliothek Israels, Ms. Heb. 8333.217=4)
Ganze 27 Seiten eines gebundenen Kaufmannskontobuchs bieten einen Einblick in die wirtschaftlichen Realitäten einer alten und bislang kaum erforschten Gemeinschaft.
Ein Fragment des Traktats „Avoda Zara“ aus der Mischna stellt den frühesten Beleg für einen rabbinischen Text dar, der in persischsprachigen Gebieten östlich des traditionellen rabbinischen Zentrums in Babylonien gefunden wurde.
Die Sammlung, verfasst in Persisch, Arabisch, Aramäisch und Judäo-Persisch, umfasst zudem Rechtsdokumente, Liturgie, Lyrik, Texte des jüdischen Rechts, eine historische Chronik und Bibelstellen.
Ein weiterer Teil der Sammlung enthält Dokumente aus dem frühen 13. Jahrhundert, die die islamische Kultur am Vorabend der verheerenden mongolischen Eroberungen von 1221 dokumentieren. Infolge der Zerstörungen durch Dschingis Khan und seine Armee lagen uns bisher fast keine Belege zur persischen und arabischen Kultur und Sprache der Region vor – bis jetzt.
Viele Objekte der Sammlung stammten aus dem Archiv eines lokalen Verwalters und umfassen Verwaltungsdokumente sowie Fragmente religiöser und literarischer Werke, hauptsächlich in persischer Sprache. Dieses Material bietet einen einzigartigen Einblick in die Funktionsweise der lokalen Verwaltung, Politik und Rechtsordnung in dieser abgelegenen Region.
Die "Afghanische Geniza" umfasst auch ein Konvolut an Manuskripten, bezeichnet als "Afghan Liturgical Quire" (ALQ), auch bekannt als "Afghanischer Siddur". Es handelt sich um das älteste jüdische Gebetbuch, das eine festgelegte Ordnung täglicher Gebete enthält und jemals entdeckt wurde. Darin enthakten sind: hebräische liturgische Texte, einschließlich Gebeten, Segenssprüchen und Piyyutim, i.e. jüdische Liturgiedichtungen, die üblicherweise während religiöser Zeremonien gesungen, rezitiert oder vorgetragen werden. Das Manuskript ist in Hebräisch, Aramäisch und Judeo-Persisch verfasst.
Aus unbekannten Gründen ist ein Teil der Passah-Haggadah – eines grundlegenden jüdischen Textes, der die Ordnung des Passah-Seders darlegt – im Buch auf den Kopf gedreht. Der Passah-Seder ist ein rituelles Festmahl, das zu Beginn des jüdischen Feiertags Passah am 15. Tag des Nisan im jüdischen Kalender (bei Sonnenuntergang, wenn ein jüdischer Tag beginnt) stattfindet. Der aktuelle Standort des jüdischen Gebetbuches ist die Sammlung im Museum of the Bible in Washington, D.C.
Die Bamiyan-Papiere, deren präzise Herkunft und Geschichte unklar sind, stammen aus dem Antiquitätenhandel. Laut den Berichten in den Publikationen von Shaul Shaked wurden diese Dokumente im Distrikt Darra-yi Ṣūf, in der nördlichen Provinz Samangān, aufgefunden. In einem spezifischen Bericht, dessen Authentizität Shaked in Zweifel zieht, wird angegeben, dass die Papiere in einer Höhle entdeckt wurden, in der eine Fuchssippe die Blätter als Unterlage genutzt hatte (Shaked 2013:153). Angesichts der Vielfalt der enthaltenen Textgruppen ist anzunehmen, dass die Papierblätter nicht an einem einzelnen Standort gefunden wurden. Vielmehr wurden sie von denjenigen zusammengetragen, die sie auf ihrer oft langwierigen Reise von Zentralafghanistan zum Antiquitätenmarkt transportierten. Somit ist die Quellenlage anfänglich schwer nachvollziehbar, da Antiquitätenhändler die Dokumente unwiederbringlich „störten“.
Wie von Ofir Haim, Doktorand an der Jack, Joseph und Morton Mandel School for Advanced Studies in the Humanities an der Hebräischen Universität in Jerusalem, in seinem Artikel "Jews, Landlords and Peasants in the Ghaznavid Bamiyan Hinterland (...)" (2023) erwähnt, sind die Bamiyan-Papiere nicht der einzige Textfund aus dem Bamiyan-Tal, der auf die Zeit vor der mongolischen Herrschaft datiert werden kann. Im Jahr 1931 wurden elf Dokumente von einer archäologischen Expedition nach Shahr-i Ghulghula, einer befestigten urbanen Stätte, im Rahmen der Délégation archéologique française en Afghanistan (DAFA; Kohzad 1328/1949) entdeckt. Der jetzige Verbleib dieser Handschriften ist unklar, jedoch wurden sie fotografiert und zur weiteren Analyse nach Paris an Paul Eugène Pelliot (1878- 1945) einen französischen Sinologen und Zentralasienforscher geschickt, der sie an den bedeutenden russischen Orientalisten und Iranisten Vladimir Fjodorowitsch Minorsky (1877-1966) weitergab. Vladimir Minorsky veröffentlichte basierend auf diesen Fotografien eine Studie zu acht dieser Dokumente, einschließlich einer vollständigen Transkription und Übersetzung eines gut erhaltenen langen Briefes (Minorsky 1943: MS A). Da eines der Dokumente auf das Jahr 607/1211 datiert ist, argumentierte Minorsky, dass sämtliche anderen Dokumente um dieses Jahr entstanden sind, also zwischen den letzten Tagen der Ghuriden-Herrschaft und der Eroberung von Bamiyan durch die Khwārazamshāhīs.
In den letzten Jahrzehnten wurden zudem mehrere Bestände vormongolischer Dokumente aus Nord- und Zentralafghanistan in europäischen Privatsammlungen erworben. Die Khalili-Sammlungen beinhalten 32 Verwaltungs- und Rechtsdokumente in arabischer Sprache, die auf den Zeitraum 755 bis 777 CE, also aus der frühen Abbasidenzeit, datiert werden. Diese Dokumente gehören zu einem privaten Archiv, das vermutlich der Familie von Mīr b. Bēk, der den Nisba (Hinweis auf seine Herkunft) al-Bāmiyānī („aus Bamiyan“) trägt, entstammt. Weiterhin umfassen die Khalili-Sammlungen 16 Dokumente, überwiegend rechtlicher Natur, die sich mit Landverkäufen, Eheschließungen und Darlehen beschäftigen. Diese Dokumente beziehen sich auf eine nicht identifizierte Siedlung namens "Istīw", die möglicherweise in der Nähe der bergigen Ghūr-Region liegt, und datieren von 1197 bis 1220 CE.
Im Gegensatz zu den zuvor genannten Materialien, die sich im Privatbesitz befinden, wurde eine Sammlung von etwa 100 Papierblättern, die in Ghalmīn (im Norden der Provinz Ghūr) entdeckt wurden, im Jahr 2020 im Nationalarchiv von Afghanistan in Kabul hinterlegt. Diese Dokumente, die als "Fīrūzkūh-Papiere“ bekannt sind, stammen aus den Jahren 1177-1121 CE und decken somit mehrere Jahrzehnte der Ghuriden-Periode sowie die wenigen Jahre der Khwārazmshāhī-Herrschaft bis zur mongolischen Eroberung ab.
Die "Fīrūzkūh-Papiere" enthalten Briefe, Rechtsdokumente, Verwaltungsschreiben und Listen. Die größte Untergruppe dieser Papiere besteht aus Dokumenten, die um das Jahr 1217–1218 CE vom al-Dīwān al-Ikhtiyārī ausgestellt wurden. Diese Dokumente wurden an lokale Beamte, insbesondere an ʿAlī b. ʿAbd al-Rashīd, einen Lagerverwalter, der für mehrere Dörfer im Gebiet von Ghalmīn verantwortlich war, gesendet.
Wie Ofir Haim in seinem Artikel beschreibt, hat sich die Anzahl der Quellen für die Erforschung des vor-mongolischen Bamiyan und der angrenzenden Regionen in den letzten Jahrzehnten signifikant erhöht. Unter den hier angeführten Korpora sind die Bamiyan-Papiere jedoch die umfangreichsten und inhaltlich reichhaltigsten. Eine sorgfältige Analyse der jüngsten Funde der "Afghanischen Geniza", insbesondere der Schriftstücke aus dem Archiv von Yehuda ben Daniel, birgt das Potenzial, eine bedeutende Lücke zu schließen und neue Erkenntnisse zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des vor-mongolischen Iran zu liefern.
Dies hat Ofir Haim anhand der Analyse von Text A (Jerusalem, NLI, Ms. Heb. 8333.18=4, recto, National Library of Israel) in beeindruckender Weise verdeutlicht, der den Einfluss ländlicher Pächter auf ihre städtischen Grundbesitzer beleuchtet. Solche Erkenntnisse tragen zu einem vertieften Verständnis der komplexen Dynamik in den Beziehungen zwischen diesen beiden Parteien bei.
Darüber hinaus offenbart seine detaillierte Analyse von Text B ( Jerusalem, NLI, Ms. Heb. 8333.206=4, fol. 11v, National Library of Israel), ebenso wie die Rechnungsbücher im Allgemeinen, die vielfältigen Rollen eines Mitglieds der jüdischen städtischen Elite des 11. Jahrhunderts. Yehuda ben Daniel war nicht nur ein tief in die ländliche Umgebung von Bamiyan integrierter Grundbesitzer, sondern auch als Geldverleiher und Kaufmann im Getreidehandel tätig. Obwohl er möglicherweise eine Ausnahme innerhalb der jüdischen Gemeinde darstellt, wirft die weitere Untersuchung seines Archivs grundlegende Fragen zu den „traditionellen“ oder „typischen“ jüdischen Berufen auf und stellt damit gängige Verallgemeinerungen über Juden in der mittelalterlichen islamischen Welt in Frage.
Eine vertiefte Untersuchung des Archivs wirft zusätzliche spannende Fragen bezüglich der finanziellen Aktivitäten von Yehuda ben Daniel auf, darunter das Ausmaß seines Grundbesitzes, seine mögliche Rolle als Steuereintreiber im ländlichen Raum und seine Verstrickung in umfassende Handelsnetzwerke, die sich über das gesamte Ghaznawidenreich erstreckten. Derzeit sind diese Fragen noch nicht beantwortet, wodurch Raum für weitere Untersuchungen und Auswertungen anderer Dokumente aus seinem Archiv sowie für Vergleiche mit Materialien aus anderen Teilen der mittelalterlichen islamischen Welt, insbesondere der Kairoer Geniza, bleibt.
Da viele der Texte in hebräischer Schrift verfasst sind, wird der gesamte Korpus als "Afghanische Geniza" bezeichnet. Es handelt sich um eine seltene Sammlung von Manuskripten, die in den vergangenen Jahren von der Nationalbibliothek Israels erworben wurde. Der Überblick über diese Texte wird durch eine Edition und Übersetzung zweier islamischer Anerkennungsurkunden (iqrār) in Neu-Persisch ergänzt, die auf den Beginn des 5./11. Jahrhunderts datieren.
Im Jahr 2013 erwarb die National Library of Israel einen Teil dieses seltenen Schatzes. Nach intensiven Bemühungen, die "Afghan Genizah"-Sammlung für zukünftige Generationen zu bewahren, hat die Bibliothek nahezu 250 weitere Manuskripte erworben. Diese Entdeckung wird die Bibliothek und Forscher über viele Jahre hinweg beschäftigen und ermöglicht einen einzigartigen Einblick in die jüdisch-afghanische Gemeinschaft sowie die reiche muslimische Kultur, die in dieser Region lebte. In der Zwischenzeit bietet dieses Video einen ersten Blick auf mehrere besondere Dokumente aus der "Afghan Genizah".
Literatur: "The Afghan Genizah", auf nli.org.il, abgerufen am 10.05.2026; Williams, Teri." The “Afghan Genizah”: A New Source for the History of Pre-Mongol Bāmiyān" (April 2, 2019), auf euppublishingblog.com, abgerufen am 10.05.2026; Haim, Ofir. "Jews, Landlords and Peasants in the Ghaznavid Bamiyan Hinterland: A Private Archive from the Eleventh Century (Bamiyan Papers/Afghan Genizah)," 'Atiqot 112 (2023), Article 9.
Die Safawiden-Dynastie im 16./17. Jahrhundert
Die Machtergreifung der Safawiden-Dynastie im 16. Jahrhundert stellt einen signifikanten Wendepunkt in der Geschichte des persischen Judentums dar. Die Safawiden (auch Safaviden; pers. صفویان, Ṣafawīyān) waren eine aus Ardabil in der iranischen Region Aserbaidschan stammende Herrscherdynastie in Persien, die von 1501 bis 1722 CE regierte und den schiitischen Islam als Staatsreligion etablierte. Unter den Safawiden wurde der schiitische Islam zur Staatsreligion erklärt, und das Dogma der "rituellen Unreinheit" wurde zu einem zusätzlichen Stigma, um die Dhimmi (arab. ذمّي, ḏimmī - "Schutzbefohlener", ein historischer Rechtsbegriff im islamischen Recht für nicht-muslimische Staatsbürger, die in einem islamisch beherrschten Staat leben) von den „wahren Gläubigen“ zu unterscheiden.
Der erste Herrscher der Safawiden, Ismail I. Schah (1487–1534 CE, Schah ab 1501 CE), setzte die Zwölfer-Schia als Staatsreligion Irans durch. Für die Juden änderte sich an ihrem Status als "rituelle unreine" ("nejasat"), Dschizya (auch Jizya, eine historische Kopfsteuer oder ein Tribut), zahlende „Schutzbefohlene“ (Dhimmi) zunächst nichts. Nejasat (arab. نجاسة) bezeichnet im islamischen Recht die rituelle Unreinheit. Diese unterscheidet sich von normaler physischer Verschmutzung; sie ist ein spiritueller Zustand, der vor religiösen Pflichten wie dem täglichen Gebet durch Waschung entfernt werden muss.
In diesem historischen Kontext lebten lediglich etwa 30 Juden in der Region. Schah Ismail I. (1487-1524 CE) war der Begründer der Safawiden-Dynastie und von 1501 bis 1524 CE Schah von Persien. Er führte den Schiismus als offizielle Staatsreligion ein. Die schiitischen Kleriker, bekannt als Mullahs, ein Ehrentitel für muslimische Geistliche und Moscheeführer, erlangten nahezu uneingeschränkte Macht und die Ulemas (Gelehrte des Religionsrechts) wurden zur eminenten Quelle der Autorität. Ihre Fatwas (Dekrete) wurden dem gesamten Volk, einschließlich der Schahs, aufgenötigt. Der erste Herrscher der Safawiden, Ismail I. (1487–1534 CE, Schah ab 1501 CE), setzte die Zwölfer-Schia als Staatsreligion Irans durch. Für die Juden änderte sich an ihrem Status als rituelle unreine (nejasat), Dschizya zahlende „Schutzbefohlene“ (Dhimmi) zunächst nichts.
Hervorzuheben ist, dass die schiitischen Kleriker eine dominante Stellung im Iran bis in die Gegenwart innehalten und lediglich zwischen 1925 und 1979 de facto entmachtet wurden, während Persien unter der Herrschaft der Pahlavi-Dynastie stand, der letzten iranische Königsdynastie, die den Iran fast 54 Jahre lang regierte; diese förderte den Prozess der Verwestlichung und des Wirtschaftswachstums. Nach der Islamischen Revolution von 1979 erlangten diese Kleriker erneut absolute Macht.
Im Gegensatz zur sunnitischen Auffassung vertritt der iranische Schiismus die Ansicht, dass ein Muslim "unrein" werde, wenn er mit "Ungläubigen", insbesondere mit Juden, die als "Najas" ("Verschmutzer") betrachtet werden, in Kontakt tritt. Dieser Glaube war ursächlich für zahlreiche Demütigungen und Verfolgungen der jüdischen Gemeinschaft in Persien. Die Ulemas propagierten die Notwendigkeit, Körperkontakt mit Anhängern anderer Glaubensrichtungen zu vermeiden sowie deren Nahrungsmittel und Utensilien nicht zu nutzen.
Im Jahr 1588 CE, als Schāh ʿAbbās I. (1571 in Herat- 1629 in Mazandaran) den Thron bestieg - er hatte seinen Vater Mohammad Chodābande in einer Palastrevolution gestürzt - befand sich das Safawidenreich in einer kritischen Lage. Im Westen drängten die Osmanen vor, im Osten bedrohten die Usbeken, während im Inneren anarchische Zustände herrschten. Unter dem Schah Abbas I. (1588–1629) verschärfte sich die Verfolgung der iranischen Juden.
Der kaschanische jüdische Chronist und Dichter Bābā’ī ben Loṭf berichtet in seiner jüdisch-persischen Chronik "Ketāb-e anūsī" ("Das Buch eines Zwangskonvertiten") über das Schicksal iranischer Juden in den Jahren von 1613 bis 1662 CE: Jüdische Gemeindeführer wurden hingerichtet und die gesamte jüdische Gemeinde der iranischen Metropole Isfahan wurde zum Islam zwangskonvertiert. Während Schah Safi I. (1629–1642) den äußerlich islamisierten Juden ein erneutes Bekenntnis zum Judentum gestattete, gab es unter Schah Abbas II. (1642–1666) eine erneute Islamisierungswelle, die nun das ganze Land erfasste.
Schāh ʿAbbās I. , auch "Abbas der Große" aus der Dynastie der Safawiden regierte von 1587 bis 1629 CE als Schah von Persien. Aus Angst, dass er ebenfalls von einem Familienmitglied gestürzt werden würde, ließ er seinen ältesten Sohn Safi Mirza töten und andere Angehörige einsperren. Als Abbas I. schließlich 43 Jahre später verstarb, erstreckte sich sein Reich von Irak und Armenien bis zum Indus, und europäische Diplomaten sowie Kaufleute rivalisierten um seine Gunst. Zudem war der Einfluss des geistlichen Standes, der Mullahs, fest etabliert. Schah Abbas I. vervollständigte somit das Erbe seines Ahnen, Schah Ismail I., dem Begründer der Safawiden-Dynastie.
Schah Ismail I. (1487-1524 CE) repräsentierte eine typische Figur seiner Zeit, als die iranische Zivilisation nach den verheerenden Feldzügen Timurs (auch als Tamerlan (1336-1405 CE) für seine trategische Grausamkeit beannt), der Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts eines der größten, wenn auch ein kurzlebiges turko-mongolisches Großreich von Zentralasien bis in den Nahen Osten schuf, in den migrationsbedingten Unruhen durch turkmenische Stämme im Chaos versank. Nomadische Gruppen dominierten das Land und lebten einem einfachen, volkstümlichen Islam, der tiefe schamanische Wurzeln aufwies.
Unter diesen Führern trat Ismail I. hervor, der durch die Gründung eines Derwisch-Ordens eine fanatisch loyale Gefolgschaft um sich sammelte. Im Jahr 1501 CE wurde er in Täbris zum "Schahanschah" ("König der Könige") ausgerufen, was in einer bemerkenswerten Entscheidung mündete: Ismail I. proklamierte die Schi'a zur Staatsreligion.
Monika Gronke, eine renommierte Islamwissenschaftlerin aus Köln, hebt hervor, dass die Etablierung der Zwölferschia als Staatsreligion von einem Mann (Ismail I.) initiiert wurde, der nur eine vage, wenn überhaupt, Vorstellung von der lange entwickelten zwölferschiitischen Theologie hatte. Die Gründe für die radikale Hinwendung der Safawiden zur Schi'a sind Gegenstand intensiver Spekulationen. Es ist unbestritten, dass Ismail I. von einem starken religiösen Sendungsbewusstsein getrieben wurde. Darüber hinaus leiteten er und seine Nachkommen ihre Abstammung von Mūsā ibn Dschaʿfar al-Kāzim (arab. موسى بن جعفر الكاظم, Mūsā ibn Ǧaʿfar al-Kāẓim; 745-799 CE), einem Nachfahren des Propheten Mohammed und der siebte Imam der "Partei Alis" ( sein Imamat betrug 35 Jahre) ab, was sie direkt mit dem Propheten Mohammed verbinden sollte. Diese Abstammung könnte in ihrer historischen Genauigkeit fraglich sein, hinderte jedoch die Familie und ihre Anhänger nicht daran, diese Überlieferung mit inniger Überzeugung zu bekräftigen (Seewald, 2009).
Die Angelegenheit besitzt zweifellos einen rationalen Kern. Shah Ismail I. war in der Lage, durch die Identifikation mit der schiitischen Tradition seinem Herrschaftsanspruch eine religiöse Legitimation zu verleihen, die seine Mitbewerber um die Macht im Iran verdrängte. Diese Strategie war jedoch mit erheblichen Nachteilen verbunden, da der Iran zu einem großen Teil sunnitisch geprägt war. Die brutale Gewalt, mit der Ismail I. und seine Nachfolger ihre neue Glaubensrichtung durchsetzten, führte zu weitreichenden Konsequenzen. Eine erhebliche Anzahl von Sunniten verließ das Land, während die verbleibenden Anhänger des sunnitischen Islams unter Druck standen, sich einer radikalisierten Interpretation des Schiismus zuzuwenden, die auch politische Implikationen mit sich brachte. Der Konflikt mit dem sunnitischen Osmanischen Reich erhielt zunehmend eine religiöse Dimension. Im Jahr 1514 CE erlitt Ismail I. in der Schlacht von Tschaldiran eine entscheidende Niederlage gegen die überlegene Artillerie und die Musketenschützen der Osmanen, was zum Verlust seines Heeres und fast seines eigenen Lebens führte.
Erst Abbas I. war eine Generation später in der Lage die Unruhen im Iran zu beenden und die Macht der Safawiden wiederherzustellen. Vor allem hat Abbas I. die Schiitisierung des Landes maßgeblich vorangetrieben. Zu diesem Zweck holte er Mullahs und Theologen aus den schiitischen Zentren des Libanon, Bahrains und des südlichen Irak ins Land. Unter ihrem Einfluss entwickelte sich der volksfromme Islam der safawidischen Frühphase zu einer strukturierten Lehre, in der der Begriff "Sufi" nicht länger als Ehrentitel, sondern als "Häretiker" angesehen wurde. Allerdings hatte diese Transformation ihren Preis. Die Geistlichkeit, die ihre Autorität von einem abgelegenen Imam der Schiiten ableitete, konnte leicht in Konflikt mit dem real existierenden Herrscher geraten. Solange die vermeintlichen Nachfahren des Propheten unter den Safawiden auf dem Thron saßen, schien ein gewisses Gleichgewicht gewahrt zu sein. Doch bereits unter den unfähigen Nachfolgern, Abbas’ I., die zunehmend zu Marionetten ihrer militärischen Vasallen wurden, begannen die Mullahs, ein unabhängiges Machtzentrum zu bilden.
Nach dem Verlust des Irak und der Kontrolle über seine bedeutenden schiitischen Stätten fanden die Mullahs dort einen Rückzugsort, der vor staatlicher Intervention geschützt war. Es ist folglich nicht überraschend, dass Ayatollah Khomeini einen Großteil seines Exils in der irakischen Stadt Nadschaf verbrachte, wo er sein zentrales Werk „Der Islamische Staat“ (1970) verfasste. Khomeini verband die traditionelle Opposition der Mullahs mit den antikolonialen und antiwestlichen Bewegungen, die gegen das Schahregime gerichtet waren. In diesem Zusammenhang transformierte er das schiitische Ideal des leidenden Märtyrers in das des islamischen Revolutionärs. Die Grundlage hierfür wurde im Iran von Abbas I. gelegt(Seewald, 2009).
In der Frühphase der aufgeklärten Herrschaft von Schah Abbas I. (1571–1629 CE), der die Fundamente für den modernen iranischen Einheitsstaat schuf, wurde Nichtmuslimen gegenüber eine vergleichsweise wohlwollende Haltung eingenommen. Schah Abbas I. regierte von 1587 bis 1629 CE als Schah von Persien. Ausländische Händler und Handwerker, insbesondere von armenischer Herkunft, wurden dazu ermutigt, sich in Isfahan, der neuen Hauptstadt, niederzulassen. Zu dieser Zeit sind zahlreiche Hinweise auf jüdische Gemeinden zu finden, die sich in etwa 50 Städten und Dörfern etablieren konnten.(Seewald, 2009).
Allerdings änderte Schah Abbas I. in der zweiten Regierungsphase seine positive Einstellung. Abbas I. ist vor allem für die signifikante Förderung der Schiitisierung des Landes bekannt. Seine Zeitgenossen bezeichneten ihn nicht ohne Grund als "Abbas den Großen", da er die Grundlagen für den modernen iranischen Einheitsstaat schuf. Obwohl sein Imperium auch Azerbaijan sowie Teile des Irak, Afghanistans und Ostanatoliens umfasste, hob sich das schiitische Kernland deutlich von den traditionellen Regionen der vornehmlich sprachlich und kulturell geprägten iranischen Zivilisation ab. Die heutigen Grenzen spiegeln diese Differenzierung durchaus wider (Seewald, 2009).
Nach Schah Abbas I. (dem Großen) regierte sein Enkel Schah Safi I. von 1629 bis 1642 im Iran. Er übernahm den Thron der Safawiden-Dynastie nach dem Tod seines Großvaters, da Schah Abbas I. aus Angst vor möglichen Thronwirren seine eigenen Söhne hatte hinrichten lassen. Auf ihn folgte Abbas II. ( 1633- 1666) aus der Dynastie der Safawiden. Er war von Mai 1642 bis Dezember 1666 Schah von Persien. Am 12. Mai 1642 folgte er seinem Vater Safi I. auf den Thron.
Ab dem 16. Jahrhundert wurde im gesamten Safawidenreich eine gezielte Politik zur Bekehrung zum schiitischen Islam implementiert. Im Verlauf der Zeit gelang es den Safawiden, einen Großteil ihrer Untertanen zum Zwölferschia-Islam zu konvertieren, abgesehen von einigen Minderheiten wie Christen, Zoroastriern, Banias (auch Baniya oder Vania), streng gläubige Jainas oder Hindus (oft Vaishnava-Gläubige) - eine traditionelle Händler- und Kaufmannskaste aus Indien (hauptsächlich Gujarat und Rajasthan) und Juden, die trotz ihrer begrenzten Zahl oft eine signifikante Rolle im Wirtschaftsleben des Reiches einnahmen.
In Isfahan und Kashan wurden die Juden von den Herrschern gezwungen, sich zu entscheiden, ob sie von Tieren gefressen werden wollten oder den Schiitismus akzeptieren. Viele "neue Muslime" ("jadid al-Islam) praktizierten jedoch weiterhin heimlich das Judentum. Erst mit dem Aufstieg des neuen Schahs Safi I. konnten sie wieder offenkundig zu ihrer Religion zurückkehren. Safi I. (1611-1642 CE), Nachfolger und Enkel von Abbas I., war von 1629 bis 1642 CE Schah der Safaviden in Iran. Zur Aufrechterhaltung seiner Macht soll er viele politische Gegner ermordet haben, auch unter Einfluss seines Großwesirs Saru Taqi. Außenpolitisch gelang ihm 1639 der Vertrag von Qasr-e Schirin mit den Osmanen. Safi I. starb 1642 in Kaschan und liegt in Qom begraben.
Während Schah Safi I. (1629–1642 CE) den äußerlich islamisierten Juden eine erneute Bekenntnis zum Judentum gestattete, gab es unter Schah Abbas II. (1642–1666) eine erneute Islamisierungswelle, die nun das ganze Land erfasste. Ab den 1630er Jahren CE, insbesondere in den 1640er Jahren CE unter Schah ʿAbbās II. (reg. 1642–1666 CE), gewannen die königlichen Beamten aufgrund der zunehmenden Macht der Ulema an Einfluss bei ihren Initiativen gegenüber nicht-muslimischen Minderheiten. In dieser Zeit begannen einige Großwesire, Maßnahmen gegen die Dhimmī-Bevölkerung zu erlassen.
Das 17. Jahrhundert war für die jüdische Bevölkerung des Landes von erheblichem Leid geprägt. Ketāb-e anūsī" ("Das Buch eines Zwangskonvertiten"), eine jüdisch-persische Chronik von Bābā’ī ben Loṭf, dokumentiert die Verfolgungen und Zwangs-Konversionen zum Islam im Zeitraum zwischen 1617 und 1662 CE.
Der bekannteste Großwesir dieser Ära war Moḥammad Beg (pers. محمد بیگ; gestorben 1672), der von 1654 bis 1661 als Großwesir des safawidischen Herrschers Schah Abbas II. (reg. 1642–1666) tätig war. Er entstammte einer Familie armenischer Schneider, die ursprünglich als Gholams (Sklavensoldaten) gedient hatten.
Obwohl zahlreiche christliche Reisende ihn als "fromm und eifrig" beschrieben und ihn nicht als feindlich gegenüber anderen Glaubensrichtungen wahrnahmen, bezeichneten ihn die örtlichen Karmelitermissionare als "fanatischen Mohammedaner, der dem Christentum feindlich gesinnt ist." Tatsächlich pflegte Moḥammad Beg Kontakte zu mehreren christlichen Besuchern, während er gleichzeitig den Druck auf nicht-muslimische Minderheiten im Iran verstärkte (Matthee 2005, 27).
Seine Kampagnen, die im Namen der "rituellen Reinheit" konzipiert wurden, richteten sich gegen Symbole moralischer Verderbtheit, wie die Herstellung, den Verkauf und den Genuss von Wein. Sie nutzten die Ängste der muslimischen Untertanen hinsichtlich des tatsächlichen oder vermeintlichen Wohlstands der betroffenen Minderheiten aus (Matthee 2012, 186–87).
Die systematischen Verfolgungen von Minderheiten begannen um 1655 CE, als Kirchen geschlossen wurden und Verbote erlassen wurden, die den dort ansässigen Christen, insbesondere Armeniern und Syrern, ab 1657 CE das Verweilen in Isfahan untersagten, was zu ihrer Umsiedlung in das Viertel New Julfa (auch Neu-Dschulfa (armenisch Նոր Ջուղա Nor-Dschuga, pers. نو جلفا), einen armenischen Stadtteil von Isfahan, am Ufer des Zayandeh-Rud-Flusses gelegen,führte (Matthee 2005, 27, 2012, 187). Nachdem Shah Abbas I im Jahr 1603 CE Armenien erobert und zwei Jahre später erkannt hatte, dass er das Gebiet nicht halten konnte, hinterließ er verbrannte Erde und siedelte die Bewohner der Weberstadt Dschulfa (Julfa) in den Süden von Isfahan um.
Ab 1656 CE erlebten auch die Juden eine Welle von Verfolgungen und Zwangskonvertierungen, beginnend mit der Vertreibung der Juden aus Isfahan, die gezwungen waren, vorübergehend ihre Häuser zu verlassen und ihren Glauben aufzugeben. Diese Welle der Verfolgung breitete sich anschließend auf zahlreiche andere jüdische Gemeinden im gesamten Safawidenreich aus (Moreen 2017, 1047–9)
Die Verfolgung der iranischen Juden während der Herrschaft des Safawiden-Schahs ʿAbbās II. (1642–1666) ist seit den bahnbrechenden Studien des ugarischen Rabbiners und Orientalisten Wilhelm Bacher (1850–1913) in der Fachwelt bekannt. Bachers bahnbrechende Übersetzungen und Auswertungen hebräisch-persischer Manuskripte dienen bis heute als Primärquelle für Historiker, um die Lebensbedingungen, die lokale Literatur und das Schicksal der iranischen Juden (beispielsweise während der Verfolgungen unter Schah Abbas II.) nachzuvollziehen
Jüngste Forschungen tragen zunehmend dazu bei, die Wissenslücken über die jüdische Gemeinschaft im mittelalterlichen Iran zu schließen.
Eine wesentliche Quelle, ist die bereits genannte jüdisch-persische Chronik "Ketāb-e anūsī" ("Das Buch eines Zwangskonvertiten"), von Bābā’ī ben Loṭf. Diese Chronik erweist sich als von unschätzbarem Wert durch ihre umfassenden Schilderungen der Ereignisse von 1617 bis 1661 CE, die das Schicksal der iranischen Juden maßgeblich beeinflussten. Der Autor, Bābāī ibn Luṭf (er starb nach 1662 CE) lebte während der Regierungszeit von Schah ʿAbbās II. und war entweder Zeuge vieler der beschriebenen Ereignisse oder stand den Betroffenen nahe. Das "Ketāb-e anūsī" stellt, aufgrund des Mangels an anderen Quellen, die bedeutendste Schrift zur Geschichte der iranischen Juden im frühen 17. Jahrhundert dar. Es thematisiert vor allem die sporadische Verfolgung der Juden im Iran zwischen 1617 und 1661 CE. Die zwischen 1661 und 1662 CE verfasste Chronik erweist sich zudem als zuverlässiges historisches Dokument, da seine Berichte mit anderen Quellen korrelierbar sichert.
Vera Basch Moreens Studie "The Persecution of Iranian Jews during the Reign of Shah ʿAbbās II (1642-1666)" untersucht drei im Kitāb-i Anusī dokumentierte Ereignisse, die durch weitere Quellen verifiziert werden können, und kommt zu dem Schluss, dass die Art und der Umfang der Bestätigungen auf die hohe Zuverlässigkeit dieser Quelle hindeuten.
Die Juden litten unter Schah ʿAbbās II. (Regierungszeit 1642–1666 CE) unter intensiven Verfolgungen, erzwungenen Konversionen (Zwangsislamisierung) und Pogromen. Unter dem Einfluss streng schiitischer Geistlicher und des Großwesirs Muhammad Beg wurden Juden als rituell „unrein“ ("najes") stigmatisiert, erfuhren staatliche Repressionen und waren zu bestimmten Zeiten drastisch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Der Höhepunkt dieser Unterdrückung war ein Erlass von ʿAbbās II., der die Vertreibung aller Juden aus Isfahan anordnete und die zwangsweisen Konversionen (1656–1662 CE) der jüdischen Bevölkerung zum schiitischen Islam in ganz Persien forderte; Zehntausende Juden waren betroffen. Viele von ihnen nahmen den Islam nur äußerlich an, praktizierten ihren jüdischen Glauben jedoch im Geheimen weiter (Krypto-Judentum).
Ein verbitterter abtrünniger Jude aus Lar (ca. 330 Kilometer südöstlich von Shiraz, in der der Region Larestan in der südiranischen Provinz Fars gelegen) gelangte mit Unterstützung des schiitischen Klerus zu einem königlichen Edikt, gemäß dem alle Juden gezwungen wurden, ein diskriminierendes Erkennungszeichen zu tragen und spezielle Kleidungsstücke zu verwenden.
Am Vorabend des Sabbats, dem 8. Oktober 1656 CE, wurden alle Juden unter dem Vorwand ihrer "Unreinheit" gewaltsam aus Isfahan vertrieben, wobei es keinerlei Mitleid unter den Muslimen gab. Sie wurden kollektiv zur Konversion zum Islam gezwungen. Bruder Dionysius bemerkte in diesem Zusammenhang: " ... the king of Persia ... has ordered that all the jews of hies realm should become Muslim to the number of 100,00" („... der König von Persien ... hat angeordnet, dass alle Juden seines Reiches, insgesamt 100.000 an der Zahl, Muslime werden sollten.“) (Fischel, 1974, op. cit. S. 14; Spicehandler, 1974, op. cit S. 9)
Der wirtschaftliche Verlust, der dadurch entstand, dass die neuen "Muslime" die zuvor erhobene spezielle Steuer für Nicht-Muslime (Dschizya) nicht mehr zu entrichten hatten, führte zu Engpässen in der Staatskasse. Dieser ökonomische Nachteil bildete letztlich einen entscheidenden Grund dafür, dass Schah ʿAbbās II. ab 1661/1662 CE den Übertritt zum Judentum wieder tolerierte.
Im Jahr 1661 CE wurde er ein Edikt erlassen, das den Juden die öffentliche Rückkehr zum Judentum erlaubte, jedoch nur gegen Zahlung der Dschizya und unter der Auflage, ein Erkennungszeichen auf ihrer Oberbekleidung zu tragen. Aus ähnlichen Gründen "ritueller Unreinheit" wurden auch armenische Christen und Zoroastrier aus den Mauern Isfahans verbannt. Ein spezielles Gesetz gewährte jedem Juden oder Christen, unabhängig von der Verwandtschaft, der zum Islam konvertierte, exklusive Erbrechte.
Bābā’ī ben Loṭfs Enkel, Bābā’ī ben Farhad, verfasste zwischen 1721 und 1731 CE eine weitere Chronik, "Katab-e sargozasht-e kashan dar bab-e ibri va-guyimi-ye-sani " ( („Das Buch der Ereignisse in Kaschan bezüglich der Juden; Die zweite Konversion“).), in der er die Zwangskonversion der Juden dieser Stadt schilderte.
Bābā’ī ben Farhad (Pers. بابایی بن فرهاد, Hebr. באבאי בן פרהאד) war ein persisch-jüdischer Chronist, Dichter und Historiker sowie der Verfasser des "Katab-e sargozasht-e kashan dar bab-e ibri va-guyimi-ye-sani " („Das Buch der Ereignisse in Kaschan bezüglich der Juden; Die zweite Konversion“). Hierbei handelt es sich um eine Chronik der gewaltsamen Konversion der Juden von Kaschan, Isfahan und Hamadan sowie der damit verbundenen Leiden in den Jahren 1721 bis 1731 CE – insbesondere in den Jahren 1729 und 1730 CE.
Das Werk orientiert sich am Schaffen seines Großvaters, Bābā’ī ben Loṭf. Nach dessen Chronik ist es das zweite bekannte persisch-jüdische Geschichtswerk. Wie sein Großvater lebte auch er als Krypto-Jude, d. h. er praktizierte das Judentum im Verborgenen, während er sich nach außen hin zum Islam bekannte. Seine Chronik behandelt den Untergang der Safawiden-Dynastie während der afghanischen Invasion im Iran in den Jahren 1722 bis 1730 CE. Sie ist in persischer Sprache, jedoch in hebräischer Schrift verfasst – eine Sprachform, die auch als Judäo-Persisch bezeichnet wird. Das Werk ist in Versform gehalten und folgt dem Stil der klassischen persischen Dichtung; es enthält zudem persische Umgangssprachlichkeiten sowie Bezüge zur Sufi-Mystik. Bābā’ī ben Farhad steht Nāder Šāh-e Afšār, dem Schah Persiens von 1736 bis 1747 und Begründer der Dynastie der Afschariden kritisch gegenüber, der den afghanischen Herrscher Aschraf Schah (1725–1729) vertrieb und von der jüdischen Gemeinde finanzielle Abgaben forderte. Aschraf Schah (gest. 1730 CE) war ein Herrscher der afghanischen Hotaki-Dynastie. Nach dem Sturz der persischen Safawiden regierte er als Schah von Persien (1725–1729 CE). Ihm gelang es, das Reich erfolgreich gegen das Osmanische Reich und Russland zu verteidigen, bis er 1729 vom späteren Herrscher Nāder Šāh-e Afšār gestürzt wurde
Nāder Šāh-e Afšār, der den Ehrentitel „Ṭahmāsp Qulī Khān“ (Pers. „Sklave des Ṭahmāsp“) angenommen hatte und in Folge zwischen 1729 und 1730 CE die Afghanen besiegte, erhob hohe Steuern und plünderte auf seinem Durchmarsch durch die Region zahlreiche Ortschaften; dies veranlasste die Juden schließlich zur Konversion, um weiteren Forderungen und dem Verlust von Menschenleben zu entgehen. Später konnten die Synagogen wiedereröffnet werden. Bābā’ī ben Farhad erlebte zudem die Invasionen der Osmanen und der Russen.
Ab dem späten 18. Jahrhundert sah sich Persien, ohne tatsächlich erobert zu werden, der Expansion des Russischen Reiches in Zentralasien und des Britischen Empire in Indien gegenüber und verlor letztendlich Teile seines Territoriums.
Literatur: Sir H. Chick (ed.) "A Chronicle of the Carmelites in Persia and the Papal Mission of the 17th and 18th Centuries", 2 vols., 2 vols., London: Eyre & Spottiswoode, 1939 (Letter of 21 May 1657). In: E. Spicehandler, Ezra, The Persecution of the Jews of Isfahan under Shah Abbas II (1642-66), Jerusalem: Hebrew Union College, 1974; Fischel, Walter J. The Jews in Medieval Iran from the 16th to 18th Centuries: Political, Economic and Communal Aspects (Paper), International Conference on Jewish Communities in Muslim Lands, Jerusalem 1974; Fischel, Walter Joseph, "The Jews in mediaeval Iran from the 16th to the 18th centuries: Political, Economic, and Communal Aspects". Irano-Judaica I. Studies Relating to Jewish Contacts with Persian Culture throughout the Ages. Ed. by Shaul Shaked. Jerusalem: Ben-Zvi Institute, 1982; Lassner, Jacob und Walter J. Fischel, "Jews in the Economic and Political Life of Medieval Islam", Journal of the American Oriental Society 91/4 (1971): 539; Moreen, Vera Basch. “The Persecution of Iranian Jews during the Reign of Shah ʿAbbās II (1642–1666).” Hebrew Union College Annual 52 (1981): 275–309; Seewald, Berthold, "Der Schah, der Khomeini den Weg bereitete" (18.04.2009), auf welt.de, abgerufen am 18.05.2026; Moreen, Vera Basch, Sutcliffe, Adam und Jonathan Karp (eds.). "The Jews of Iran in the Seventeenth and Eighteenth Centuries", The Cambridge History of Judaism: Volume 7: The Early Modern World, 1500–1815 Cambridge: Cambridge University Press, 2017, pp. 1046–1057; Moreen, Vera Basch. "Bābāī ben Farhād", Encyclopedia of Jews in the Islamic World, auf brill.com, abgerufen am 19.05.2026; Moreen, Vera B. "The Kitāb-i Sar Guzasht-i Kāshān of Bābāī ibn Farhād". Proceedings of the American Academy for Jewish Research 52 (1985) pp. 141–157; Moreen, Vera B. Iranian Jewry during the Afghan invasion: the Kitāb-i sar guzasht-i Kāshān of Bābāī b. Farhād. Freiburger Islamstudien. Stuttgart: F. Steiner, 1990; Netzer, Amnon "BĀBĀʾĪ BEN FARHĀD". Encyclopaedia Iranica. Vol. III, Fasc. 3, p. 297 (published December 15, 1988), auf Encyclopaedia Iranica, abgerufen am 19.05.2026; Nissimi, Hilda. The Crypto-Jewish Mashhadis: The Shaping of Religious and Communal Identity in their Journey from Iran to New York. Liverpool: Liverpool University Press, 2006; Moreen, Vera B. "The Problems of Conversion among Iranian Jews in the Seventeenth and Eighteenth Centuries". Iranian Studies 19 (3/4), (1986).): 215–228; Bacher, Wilhelm "Les juifs de Perse au XVIIe et au XVIIIe siècles d'après les chroniques poétiques de BabaI Β. Loutf et de Babai Β. Farhad". Revue des études juives 51: 101 (Januar-März 1906): 121–136; O'Flynn, Thomas "Persian Jews: Western Contacts and Missions (1811–90s): Historical Perspectives: Early History of the Persian Jews, Persian and Western Intellectual Interaction with European Jews, and Missions to the Jews in Europe and Persia", The Western Christian Presence in the Russias and Qājār Persia, c.1760–c.1870, Studies in Christian Mission, Band: 47, Leiden: Brill, 2017, pp. 757–865; "Jews of Iran from Antiquity to the 19th Century", auf morasha.com.br, abgerufen am 19.05.2026; Lucca, Paolo. The Expulsion and Forced Conversion of the Jews ofIsfahanA Comparison between Arak‘el Davrižec‘i’sGirk‘ patmuteanc‘andBābā’ī ben Loṭf’sKetāb-e anūsī. Entangled Religions13.3 (2022), auf er.ceres.rub.de, abgerufen am 19.05.2026.
Bābā’ī ben Loṭf’s Ketāb-e anūsī (in Judeo-Persian)
Eine Vielzahl westlicher Reisender und Missionare wurden entweder direkte Zeugen der beschriebenen Ereignisse zum zeitpunkt der Unterdrückung durch den Erlass von Shah ʿAbbās II., der die Vertreibung aller Juden aus Isfahan anordnete und die zwangsweisen Konversionen (1656–1662 CE) der jüdischen Bevölkerung zum schiitischen Islam in ganz Persien forderte, oder erhielten später darüber Kenntnis. Die Zwangskonversion der iranischen Juden wird ebenfalls im persischen "Abbās-nāma" ("Buch des ‘Abbās") des Autors Moḥammad Ṭāher Waḥīd Qazvīnī (ca. 1025–1112/1615–1701 CE) thematisiert, welches die Regierungszeit von Schah ‘Abbās II. bis ins Jahr 1663 dokumentiert. Moḥammad Ṭāher Waḥīd Qazvīnī war über fast drei Jahrzehnte hinweg (1055–85/1645–74) Dichter und Hofchronist (Majlesnevīs, Wāqeʿanevīs) unter Schah ʿAbbās II. (reg. 1052–77/1642–66 CE) sowie unter Schah Solaymān (reg. 1077–1105/1666–94 CE) während der ersten acht Jahre dessen Herrschaft.
Gegen Ende von Solaymāns Regierungszeit (1101/1689–90 CE) erlangte er das Amt des Großwesirs. Schließlich, nach neun Jahren im Dienst, sah er sich gezwungen, vom Großwesirat zurückzutreten (1110/1699 CE). Zwei Jahre später, im hohen Alter von über achtzig Jahren, starb er in Isfahan während der Herrschaft von Schah Solṭān Ḥosayn (reg. 1105–34/1694–1722).
Es ist nicht verwunderlich, dass der Autor in diesem offiziellen und gehobenen Werk sowohl die Ursachen der Verfolgungen als auch das Leid der jüdischen Bevölkerung unerwähnt lässt, während er stattdessen den Erfolg des Schahs in Bezug auf seine Bekehrungspolitik hervorhebt (Lucca, 2022).
Die verlässlichsten zeitgenössischen Quellen zu diesen Ereignissen stammen allerdings von jüdischen und armenischen Autoren:
Das" Ketāb-e anūsī" ("Buch eines Zwangskonvertierten"), ein jüdisch-persisches Masnavī, behandelt teilweise die Geschichte des iranischen Judentums während der Herrschaft von Schah ‘Abbās I., Schah Ṣafī I. und Schah ‘Abbās II. im Zeitraum von 1617 bis 1662 CE. Der Text, verfasst vom jüdischen Dichter und Historiker Bābā’ī ben Lofṭ kurz nach 1662 CE, fokussiert die Verfolgungen von 1656 bis 1661/2 CE und beschreibt die Vertreibung der Juden aus Isfahan sowie deren Zwangskonvertierung auf Befehl von Moḥammad Beg. Da sich der Autor Bābā’ī ben Lofṭ zu dieser Zeit in Kāshān aufhielt, war er zwar kein unmittelbarer Zeuge der Geschehnisse in Isfahan, dennoch muss er die Verfolgungen, die sich auch auf andere Städte wie Kāshān, Shīrāz und Lār ausdehnten, persönlich miterlebt haben (Lucca, 2022).
Bābā’ī ben Loṭf (pers. بابائی بن لطف, hebr. באבאי בן לוטף) war ein jüdischer Dichter und Historiker aus Kāšān, Iran, während der Safawidenzeit in der ersten Hälfte des 11./17. Jahrhunderts (verstorben nach 1073/1662 CE). Er ist bekannt als Verfasser der ersten jüdisch-persischen Chronik, dem „Ketāb-e anūsī“ oder „Buch des Zwangskonvertierten“. Der Begriff „anūsī“ bezieht sich auf Juden, die gezwungen wurden, ihren Glauben abzulegen, aber heimlich am Judentum festhalten. Dieses bedeutende Werk umfasst etwa 5.300 Verse und ist in persischer Sprache unter Verwendung hebräischer Schrift verfasst, wodurch es als eines der ersten historischen Erzählwerke der iranischen Juden gilt. Bābā’ī ben Loṭf war Teil der krypto-jüdischen Gemeinschaft im Iran und sein Enkel, Bābā’ī ben Farhad, der im 18. Jahrhundert wirkte, setzte seine Chronistentradition fort.
Nach eigenen Aussagen wurde Bābā’ī ben Loṭf zusammen mit den Juden von Kāšān gezwungen, den Islam anzunehmen, wodurch er mehrere Jahre offen als Muslim lebte, während er insgeheim seinen jüdischen Glauben aufrechterhielt; er lebte als Krypto-Jude. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und aus Sorge um die Sicherheit seiner großen Familie war ihm eine Emigration nach Bagdad nicht möglich.
Er hinterließ zwei Werke in Versform: die Geschichtsschreibung „Ketāb-e anūsī“ ("Das Buch eines Zwangskonvertiten") und ein kurzes Gedicht mit dem Titel "Monājāt-nāma“, das dem Propheten Elia gewidmet ist. Beide Werke sind in jüdisch-persischer Sprache verfasst und verwenden hebräische Schriftzeichen. Über das persönliche Leben und die weiteren Details zu Bābā’ī ben Loṭf ist kaum etwas bekannt. Das „Ketāb-e anūsī“, ein Werk mit etwa 5.300 Versen im Versmaß „hazaj-e mosaddas-e maḥḏūf“,einem der berühmtesten und musikalischsten Versmaße der persischen, arabischen und urdu-sprachigen Poesie, gilt als das erste historische Schriftstück aus der iranisch-jüdischen Gemeinschaft, welches bisher nicht veröffentlicht wurde. Es existieren etwa sechs Manuskripte in größeren Bibliotheken der USA, Europas und Israels.
Mängel in der Versgestaltung sowie der Gebrauch antiquierter und umgangssprachlicher Ausdrücke mindern den literarischen Wert des "Ketāb-e anūsī". Dennoch besitzt das Werk aufgrund seines Inhalts einen unvergleichlichen Wert, der sich in folgende Hauptpunkte unterteilen lässt:
1. Die Darstellung der Lebenssituation der iranischen Juden von den Jahren vor 1022/1613 bis zum Ende der Herrschaft von Schah ʿAbbās I. im Jahr 1038/1629. In dieser Zeit waren Juden im Iran systematischer Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Viele religiöse Führer wurden hingerichtet, da sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren. Bābā’ī ben Loṭf erwähnt zudem mehrere Kriege Schah ʿAbbās I. gegen Georgien sowie die Gründung von Faraḥābād und die Ansiedlung georgischer Juden und Christen. Seine Schilderungen werden durch Zeitgenossen wie Eskandar Beg und insbesondere Pietro della Valle unterstützt. Darüber hinaus äußert er sich positiv über Shaikh Bahāʾ-al-Dīn ʿĀmelī und Schah Ṣafī I., insbesondere hinsichtlich der Rettungsbemühungen für die Juden von Isfahan.
2. Die dokumentierte Schikane und Zwangskonversion der Juden in den Jahren 1067/1656 bis 1073/1662, während der Herrschaft von Schah ʿAbbās II., bildet den zentralen Abschnitt des Buches. Diese Aspekte werden durch andere Quellen, wie das ʿAbbās-nāma von ʿEmād-al-Dīn Moḥammad Ṭāher b. Ḥosayn Khan Qazvīnī (Pseudonym: Waḥīd) und die Geschichte der iranischen Armenier des Priesters Arakel von Tabrīz, bestätigt. Zudem wird die Fürsprache von Mollā Moḥsen Fayż Kāšānī zugunsten der Juden anerkannt.
3. Diese Teile beinhalten darüber hinaus wichtige Informationen über die jüdische Bevölkerung im Iran, insbesondere hinsichtlich ihrer Berufe, wirtschaftlichen Lage und kommunalen Organisation, mit einem speziellen Fokus auf Isfahan und Kāšān, sowie bedeutenden historischen Ereignissen wie der Krönung von Schah Ṣafī und dem Krieg gegen Qandahār während der Herrschaft von Schah ʿAbbās .
Litertur: Lucca, Paolo. The Expulsion and Forced Conversion of the Jews ofIsfahanA Comparison between Arak‘el Davrižec‘i’sGirk‘ patmuteanc‘andBābā’ī ben Loṭf’sKetāb-e anūsī. Entangled Religions13.3 (2022), auf er.ceres.rub.de, abgerufen am 19.05.2026; Moreen, Vera Basch. “The Persecution of Iranian Jews during the Reign of Shah ʿAbbās II (1642–1666).” Hebrew Union College Annual 52 (1981): 275–309; Seewald, Berthold, "Der Schah, der Khomeini den Weg bereitete" (18.04.2009), auf welt.de, abgerufen am 18.05.2026; Moreen, Vera Basch, Sutcliffe, Adam und Jonathan Karp (eds.). "The Jews of Iran in the Seventeenth and Eighteenth Centuries", The Cambridge History of Judaism: Volume 7: The Early Modern World, 1500–1815 Cambridge: Cambridge University Press, 2017, pp. 1046–1057; Moreen, Vera Basch. "Bābāī ben Farhād", Encyclopedia of Jews in the Islamic World, auf brill.com, abgerufen am 19.05.2026; Moreen, Vera B. "The Kitāb-i Sar Guzasht-i Kāshān of Bābāī ibn Farhād". Proceedings of the American Academy for Jewish Research 52 (1985) pp. 141–157; Moreen, Vera B. Iranian Jewry during the Afghan invasion: the Kitāb-i sar guzasht-i Kāshān of Bābāī b. Farhād. Freiburger Islamstudien. Stuttgart: F. Steiner, 1990.
"Girk‘ patmut‘eanc‘ "("Book of Histories") by Aṙak‘el Davrižec‘i
The History concerning the people of the Jews, who lived in the city of Isfahan […]. On the reason why they converted from their faith into the religion of Muhammad is the thirty-fourth chapter of the "Girk‘ patmut‘eanc‘" ("Book of Histories") by the Armenian historian Aṙak‘el Davrižec‘i (Xanlaryan 1990, 357–72).
Dieses Kapitel wurde am 10. März 1660 CE von Aṙak‘el Davrižec‘i fertiggestellt, also etwa zwei Jahre bevor die Verfolgungen gegen nicht-muslimische Minderheiten nach der Absetzung von Moḥammad Beg als Großwesir im Jahr 1661 CE endeten. Es schließt unmittelbar an Aṙak‘el Davrižec‘is Kapitel über die Vertreibung der Armenier aus dem Zentrum von Isfahan und ihre Umsiedlung in die Vororte der Stadt an.
Aṙak‘el von Täbris oder Aṙak‘el Davrižec‘i (armenisch: Առաքել Դաւրիժեցի; 1590er Jahre–1670) war ein armenischer Historiker und Geistlicher aus Täbris. Seine „Geschichte“ ist eine wichtige und zuverlässige Quelle für die Geschichte des Safawiden- und des Osmanischen Reiches, Armeniens, Aserbaidschans und Georgiens im Zeitraum von 1602 bis 1662.
Aṙak‘el Davrižec‘i wurde in den 1590er Jahren in Täbris (im damaligen Armenisch „Davrezh“ genannt) geboren: Seine theologische Ausbildung erhielt er am Seminar in Etschmiadsin, dem Sitz der Armenisch-Apostolischen Kirche, wo er zum Vardapet (zölibatärer Priester/Archimandrit) geweiht wurde. Im Jahr 1636 wurde er zum Abt des Klosters Hovhannavank ernannt, ein Amt, das er ein Jahr lang bekleidete, bevor er nach Etschmiadsin zurückkehrte. Später wurde erim Auftrag des Katholikos Pilippos auf verschiedene Missionen nach Isfahan, Amasya, Sivas, Urfa, Aleppo, Jerusalem und Athen entsandt.Katholikos Pilippos I. von aghbak (auch Philippos I. Aghbaketsi) war von 1633 bis zu seinem Tod im Jahr 1655 das Oberhaupt (Katholikos) der Armenischen Apostolischen Kirche.
Im Jahr 1662 vollendete er seine "Geschichte“, auch bekannt als das „Buch der Geschichten“ ("Girk‘ patmut‘eanc‘"), ein einzigartiges Werk über die Geschichte Armeniens und der angrenzenden Länder und Völker im 17. Jahrhundert. Er war Zeuge vieler Ereignisse, die er in diesem „Buch der Geschichten“ festhielt. Insbesondere enthält sein Werk einen Bericht über die Massenvertreibung der Armenier unter dem Safawiden-Schah Abbas I. Aṙak‘el Davrižec‘i starb im Jahr 1670 CE in Etschmiadsin und wurde, wie er es sich gewünscht hatte, auf dem Friedhof der Bruderschaft beigesetzt.
Als armenischer Geistlicher und Botschafter reiste Aṙak‘el Davrižec‘i im Auftrag des armenischen Katholiko Pilipposs und besuchte Mitte des 17. Jahrhunderts verschiedene armenische Gemeinden im Osmanischen- und im Safawidenreich. In den 1650er Jahren begann er mit der Zusammenstellung seiner historischen Ereignisse, die er 1662 CE vollendete. Seine Erzählung umfasst die Regierungszeiten von Schah ‘Abbās I. (der Große), seinem Enkel Schah Ṣafī und dessen Sohn Schah ‘Abbās II. von 1602 bis 1662 CE und liefert Informationen zu verschiedenen Themen, von Listen osmanischer und safawidischer Kaiser sowie armenischer Vardapets und Katholikos bis hin zu den Celali-Aufständen, einer Serie schwerer soziopolitischer Erhebungen und Revolten in Anatolien gegen die Zentralregierung des Osmanischen Reiches, die vorwiegend im späten 16. und im 17. Jahrhundert stattfanden (primär ausgelöst durch durch die sogenannte "Kleine Eiszeit" mit den Folgen extremer Wetterbedingungen und Dürren, die zu Hungersnöten und Ernteausfällen führten) und dem Leben und Martyrium einer Reihe armenischer Geistlicher. Sein „Buch der Geschichten“ ("Girk‘ patmut‘eanc‘") wurde 1669 CE in Amsterdam von Oskan Erewanc‘i gedruckt, was Aṙak‘el Davrižec‘i zum ersten armenischen Autor macht, der zu Lebzeiten veröffentlicht wurde (Oskan Erewanc‘i 1669; Lucca, 2022).
Das Manuskript, das Aṙak‘el Davrižec‘i bei der Vorbereitung der Ausgabe verwendete und das 1665 vom Priester Avetis unter der Aufsicht von Aṙak‘el Davrižec‘i selbst kopiert worden wurde (Lucca, 2022; Ms. 137 of the Vienna Mekhitarist Library; s.Tašean (1895, 430–33); see also the colophon by the scribe, Avetis, 427v–428r) muss jedoch entweder eine "ungenaue Abschrift" oder ein Entwurf des Textes gewesen sein (Bournoutian, 2005-2006, 2:563). Darüber hinaus nahm Oskan Erewanc‘i selbst mehrere Änderungen an Aṙak‘el Davrižec‘is Werk vor: Er ließ nicht nur einzelne Wörter und Phrasen weg, sondern auch ganze Sätze und Absätze, manchmal sogar mehrere Seiten, und strich unnötige Wiederholungen sowie Details zu Wundern und wundersamen Begebenheiten (Lucca, 2022; Xanlaryan, 1990, 46–49). Infolgedessen weicht der von ihm gedruckte Text oft von dem ab, der in den anderen erhaltenen Handschriften des "Girk‘ patmut‘eanc‘" zu finden ist ("Mss. 1772, 1773, 5025, 5959, 7296 of the Matenadaran of Erevan. Four of them were copied before Aṙakel’s death in 1670"; Lucca 2022; s. Eganean, 2009, 1155–66).
Darüber hinaus wurden nach 1667 CE einige Ergänzungen und Erweiterungen in die früheste erhaltene Handschrift von Aṙak‘el Davrižec‘i selbst oder auf seinen eigenen Wunsch hin aufgenommen ("Ms. 1773 of the Matenadaran of Erevan, copied in 1663 by a certain At‘anas"; Lucca 2022) wobei die bemerkenswerteste davon ein ganzes Kapitel über Schabbtai Zvi (auch Sabbatai Zewi oder Schabbatai Zwi; 1626-1676, hebr: שַׁבְּתַי צְבִי ), einem jüdischen Religionsgelehrten und Begründer (als Messias) des nach ihm benannten Sabbatianismus, ist (s. Lucca 2010). Infolgedessen enthält die zweite gedruckte Ausgabe des "Girk‘ patmut‘eanc‘", die auf zwei verschiedenen Manuskripten basierte und 1884 vom Heiligen Synod in Ēǰmiacin veröffentlicht wurde, im Vergleich zu Oskan Erewanc‘i 's Ausgabe zahlreiche Abweichungen (s. Surb Sinōd Ēǰmiacni 1884).
Bis dato sind bereits einige Studien erschienen, in denen Aṙak‘el Davrižec‘is Bericht über die Vertreibung und Zwangskonvertierung der Juden von Isfahan mit der jüdisch-persischen Chronik "Ketāb-e anūsī" ("Das Buch eines Zwangskonvertiten"), von Bābā’ī ben Loṭf verglichen wird (Lucca 2022; s. Moreen 1981 , 1987; s. Spicehandler 1975 ), doch stützen sich diese alle auf die französische Übersetzung von Marie-Felicité Brosset, die auf der Amsterdamer Ausgabe von Aṙak‘el Davrižec‘is Werk aus dem Jahr 1669 basiert (Brosset 1874, 267–608).
Literatur: Lucca, Paolo."The Expulsion and Forced Conversion of the Jews of Isfahan. A Comparison between Arak‘el Davrižec‘i’s Girk‘ patmuteanc‘ and Bābā’ī ben Loṭf’s Ketāb-e anūsī." Entangled Religions 13.3 (2022), Università Ca’ Foscari Venezia, Italy, auf er.ceres.rub.de/index.php/ER/article/view/9793/9705, abgerufen am 18.05.2026; Bacher, Wilhelm. 1903. “Un épisode de l’histoire des Juifs de Perse.” Revue des études juives 47: 262–82; Bacher, Wilhelm. “Les Juifs de Perse aux XVIIe et XVIIIe siècles d’après les chroniques poétiques de Babai b. Loutf et de Babai b. Farhad.” Revue des études juives 51 (1906): 121–36, 265–79; Bacher, Wilhelm. “Les Juifs de Perse aux XVIIe et XVIIIe siècles d’après les chroniques poétiques de Babai b. Loutf et de Babai b. Farhad.” Revue des études juives 52 (1906): 77–97, 234–71;Bacher, Wilhelm. “Les Juifs de Perse aux XVIIe et XVIIIe siècles d’après les chroniques poétiques de Babai b. Loutf et de Babai b. Farhad.” Revue des études juives 53 (1906): 85–110; Bournoutian, George A. The History of Vardapet Aṛak‘el of Tabriz. Introduction and Annotated Translation from the Critical Text. 2 vols. Armenian Studies Series 9. Costa Mesa, CA: Mazda Publishers, 2005–2006; Brosset, Marie-Félicité (ed.) Collection d’historiens arméniens. St. Peterburg: Imprimerie de l’Académie Impériale des Sciences,1874.
Arak‘el Davrižec‘is „Girk‘ patmuteanc‘“ und Bābā’ī ben Loṭfs „Ketāb-e anūsī“
Der Wissenschaftler Paolo Lucca, Department of Asian and North African Studies an der Ca' Foscari University of Venice, hat in seinem Analyse Arak‘el Davrižec‘is „Girk‘ patmuteanc‘“ im Vergleich mit Bābā’ī ben Loṭfs „Ketāb-e anūsī“ (Lucca, 2022) einige Passagen aus dem vierunddreißigsten Kapitel aus Aṙak‘el Davrižec‘is "Girk‘ patmut‘eanc‘" erörtert, die seines Erachtens bis dato nicht berücksichtigt wurden, da sie in der Erstausgabe ausgelassen wurden und somit von Brosset (Brosset, 1874) bei der Übersetzung ins Französische keine Beachtung fanden.
Paolo Lucca beabsichtigt, mit seiner Analyse zu einem besseren Verständnis von Aṙak‘el Davrižec‘is erzählerischem Können und seiner Motivation für das Verfassen dieses vierunddreißigsten Kapitels des "Girk‘ patmut‘eanc‘" beizutragen. Er untersucht in seinem Artikel (Lucca 2022) insbesondere die Verfolgung und Vertreibung der Juden von Isfahan, die unter Schah ʿAbbās II. zwischen 1656 und 1662 CE stattfanden. Die Ereignisse, die auf Initiative des Großwesirs Moḥammad Beg zurückgingen, werden in verschiedenen zeitgenössischen Quellen dokumentiert, insbesondere in den beiden Werken von Bābā’ī ben Loṭfs "Ketāb-e anūsī" (in Judäo-Persisch) und Arak‘el Davrižec‘is "Girk‘ patmuteanc‘" (in Armenisch). Mohammad Beg (Pers. محمد بیگ; er verstarb 1672) war der Großwesir des Safaviden Herrschers Shah Abbas II (r. 1642–1666 CE ) von 1654 bis 1661 CE. Mohammad Beg wurde in Täbris in eine armenische Familie hineingeboren, die ursprünglich als Gholams (Sklavensoldaten) der iranischen Safawiden-Dynastie dienten, später jedoch den Beruf des Schneiders ergriffen. Mohammad Begs Vater war Hoseyn Beg Tabrizi, der während der Regierungszeit von Schah Safi (reg. 1629–1642 CE) als Hofschneidermeister (Qaychachi-bashi) tätig war.
Paolo Lucca (Lucca, 2022) beleuchtet die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Autoren hinsichtlich der Darstellung der Ermordung eines jüdischen Informanten des Großwesirs mit Namen "Awatia"/"‘Ūbadyā" - ein Spion der persischen Behörden (Xanlaryan 1990, 364–65) - zu deren Motivationen andere Juden beitrugen. Durch die Analyse der unterschiedlichen Erzählweisen der beiden Verfasser im Hinblick auf dieselben Ereignisse zeigt Paolo Luccas Analyse auf, dass die divergierenden Ansichten der Autoren das Ergebnis ihrer unterschiedlichen Absichten und Ansätze beim Verfassen ihrer Werke darstellen.
Bābā’ī ben Loṭfs Bericht folgt dem traditionellen biblischen Paradigma von Sünde und Strafe und zeigt daher geringeres Mitgefühl für die Notlage der Juden, da ihr Leiden aus der Sicht des Autors vermeintlich durch eigene Verfehlungen verursacht wurde.
Im Gegensatz dazu bietet Arak‘el Davrižec‘is eine einfühlsamere Darstellung der Juden und ihrer Leiden, welche vor dem Hintergrund seiner Besorgnis über die mögliche Konversion seiner Glaubensgenossen aus materiellen Gründen oder wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit zu verstehen ist. Er hebt hervor, wie die Juden an ihrem Glauben festhielten und sich nicht durch finanzielle Anreize oder Geschenke, die ihnen von persischer Seite angeboten wurden, zum Islam verleiten ließen. In dem Kapitel, das er der Geschichte der Juden von Isfahan widmet, entwirft er eine moralische Erzählung, die einen Helden und einen Bösewicht entwirft und mit Details angereichert ist, die den jüdischen Charakter betonen, um seinen armenischen Lesern zu verdeutlichen, wie auch sie der Versuchung zur Konversion widerstehen sollten.
Bābā’ī ben Loṭf beschreibt die Ereignisse, die zur massiven Konversion der jüdischen Bevölkerung in Isfahan führten, folgendermaßen: Er führt die Verfolgung auf den Verlust eines Dolches zurück, den Schah Abbas I. während einer Nacht in einem Garten namens Bāgh-i kāme in Isfahan verlor. Ein Gärtner entdeckte den Dolch und war daran interessiert, ihn zu behalten, jedoch stahl ihm sein Gehilfe den Dolch und entfernte die mit Diamanten besetzten Teile des goldenen Griffs, die er später an zwei Juden verkaufte. Bābā’ī ben Loṭf erwähnt diesen Vorfall in den Kapiteln 22–23 seines Werkes "Ketāb-e anūsī". Als die beiden Juden identifiziert wurden, ordnete der Schah ihre Hinrichtung an. Schließlich erklärte er jedoch, auf Drängen seiner Berater, dass er bereit sei, ihr Leben zu verschonen, sofern sie zum Islam konvertierten. In diesem Zusammenhang wandte jemand ein, dass keiner der Juden, die unter Schah ‘Abbās I. konvertiert waren, dem Islam treu geblieben sei. Daraufhin meldete sich der Großwesir, Moḥammad Beg, zu Wort:
[Die Juden] haben schlechtes Blut in ihren Adern; sie sind böse und verloren. Jeder Mann und jede Frau dieser Gemeinschaft ist unrein. Man muss ihnen gegenüber eine andere Politik einschlagen. Mit Eurer Erlaubnis werde ich sie alle aus der Stadt verbannen. Ich werde ihnen einen Ort zuweisen, an dem sie wohnen können; sie sollen nicht länger unter uns umherlaufen. Wenn Ihr wünscht, dass ich sie zum Islam bekehre, so werde ich dies mit Leichtigkeit tun – ohne den Einsatz von Ketten und Stricken. Ich werde sie aus ihrer Heimat vertreiben. Und durch geschickte Listen werde ich sie bekehren. Nicht nur diese gesamte Gemeinschaft, nein, ich werde alle zum Islam bekehren, die innerhalb der Grenzen des Königreichs wohnen. (Übersetzung aus dem Englischen Text)
Der König stimmte zu, und der Großwesir ordnete die Ausweisung der Juden aus dem Zentrum von Isfahan an. Es ist unbestreitbar, dass Moḥammad Beg hierbei eine wesentliche Rolle spielt, da er zunächst Schah ‘Abbās II. und letztlich den Juden selbst die Thematik der Unreinheit als Begründung für deren Vertreibung aus der Stadt vorträgt.
Ihr seid nach unserem Glauben unrein und verunreinigt, doch eure Körper kommen ständig mit unseren eigenen in Kontakt. Ihr berührt alles. […] Der Befehl des Schahs […] lautet, dass ihr die Stadt noch heute verlassen müsst! (Übersetzung aus dem Englischen Text)
Die Unreinheit der Juden wird sowohl in Waḥīds (Mirza Mohammad Taher Vahid Qazvini) „Abbās-nāma“ (vgl. Moreen 1981, S. 282–83) als auch in Arak‘el Davrižec‘is "Girk‘ patmuteanc" thematisiert. Mirza Mohammad Taher Vahid Qazvini (pers. محمدطاهر وحید قزوینی; gestorben 1700) war ein iranischer Bürokrat, Dichter und Historiker, der als Großwesir zweier safawidischer Monarchen, Schah Suleiman (reg. 1666–1694) und dessen Sohn Soltan Hoseyn (reg. 1694–1722 CE) von 1691 bis 1699 CE diente. Sein Werk „Abbās-nāma“ist eine der wichtigsten iranischen Quelle zu den Ereignissen während der Herrschaft von Schah Abbas II. (reg. 1642–1666 CE).Es ist bekannt, dass narrative Quellen, die der Regierungszeit von Schah Abbas II. gewidmet sind, in der Geschichtsschreibung eine Minderheit bilden.
Auch dieses dritte Werk „Abbās-nāma“ des Chronisten Waḥīds (Mirza Mohammad Taher Vahid Qazvini) aus dem 17. Jahrhundert besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere wissenschaftliche Bedeutung. Handschriften dieses Werkes werden in bedeutenden Bibliotheksbeständen weltweit aufbewahrt. Das "Abbās-nāma“ beschreibt die Ereignisse, die sich während der Regierungszeit von Schah Abbas II. zugetragen haben. Somit liefert der Autor wertvolle wissenschaftliche Informationen zur militärpolitischen Geschichte, zur Innen- und Außenpolitik sowie zum sozioökonomischen Leben des safawidischen Staates Aserbaidschan.
Jedoch ist die Argumentation, die Bābā’ī ben Loṭf in seiner Chronik „Ketāb-e anūsī“ hinsichtlich des Leidens seiner Glaubensgenossen vorbringt, traditioneller Natur: Das Ungemach des jüdischen Volkes sei infolge ihrer eigenen Verfehlungen über sie gekommen (Moreen 1987, S. 32). Hätten die beiden Juden sich entschieden, den gestohlenen Dolch des Schahs nicht zu erwerben, wäre die Verfolgung nicht initiiert worden. Am Ende des "Ketāb-e anūsī" (Kap. 83) listet Bābā’ī ben Loṭf die Sünden auf, die zur Verfolgung führten, und verknüpft symbolisch jede von den Juden erlittene „Strafe“ mit einer angeblichen „Sünde“.
Wenn jemand fragt: „Sagt uns, wie ist es dazu gekommen?“, sollt ihr antworten: „So ist es geschehen. Wegen unserer Sünden mussten wir diese Prüfung durchstehen […]. Weil wir die fünf Bücher der Thora vernachlässigt haben, hat Gott uns für fünf Jahre dem Islam ausgeliefert. Weil wir uns von der Thora des Moses abgewandt haben, mussten wir die Worte des Korans hören. […] Wir haben die Fastentage vernachlässigt, also hat Gott uns einen ganzen Fastenmonat (d. h. den Ramadan) auferlegt, in dem wir fasten mussten."
Das „Ketāb-e anūsī“ stellt in seiner Einzigartigkeit fest, dass der Verkauf des goldenen Griffs des Schahdolches den Auslöser für die Verfolgung darstellte. Ob dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat, bleibt ungewiss; gleichwohl sind die drastischen Maßnahmen gegen die persischen Juden schwerlich als bloße Reaktion auf eine so marginale Übertretung zu rechtfertigen (Moreen 1981b, 278).
Weder Waḥīds (Mirza Mohammad Taher Vahid Qazvini) noch Arak‘el Davrižec‘i thematisieren den Diebstahl und führen als offizielles Motiv für die Vertreibung aller nicht-muslimischen Minderheiten ausschließlich die Thematik der "rituellen Reinheit" an. Im dreiunddreißigsten Kapitel des "Girk‘ patmut‘eanc‘" schildert Arak‘el Davrižec‘i das Leid der Christen und verweist in Folge explizit darauf, dass ein schriftlicher Befehl erlassen wurde, der anordnete, „dass alle Wein trinkenden Menschen [d. h. alle Nichtmuslime] das Land verlassen und von den Muslimen getrennt werden und an den Rand der Stadt ziehen sollten, um sich dort getrennt niederzulassen“ (Xanlaryan 1990, 351).
Die Erzählung des gestohlenen Dolches im Bericht von Bābā’ī ben Loṭf hat eine entscheidende Funktion, da sie in das traditionelle jüdische biblische Schema von Sünde und Strafe eingewoben ist, gefolgt von Reue und der endgültigen Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands sowie der Bestrafung des oder der Verfolger.
Arak‘el Davrižec‘i „Girk‘ patmut‘eanc‘“ und Bābā’ī ben Loṭfs „Ketāb-e anūsī“ sind zwei Werke unterschiedlicher Art und Gattung. Zwar war Bābā’ī ben Loṭf eher Dichter als Historiker. Dennoch enthält seine historische Chronik - diese umfasst etwa 5.300 Verse, verfasst im Versmaß hazaj-e mosaddas-e maḥḏūf (aus sechs Versfüßen und auf quantitierenden (silbenzählenden) Prinzipien basierend)- historische Angaben (die durch andere Quellen bestätigt werden) und vermittelt eine eigenständige Sicht auf die Geschichte. Wie bereits angemerkt, muss sein Werk im Lichte des oben erwähnten Paradigmas von Sünde und Strafe, gefolgt von einer letztendlichen Wiederherstellung, verstanden werden.
Bābā’ī ben Loṭfs hermeneutische Perspektive stützt sich fest auf die hebräische Bibel, die ihm die Erklärung für die Ereignisse seiner eigenen Zeit liefert und ein Verständnis der jüdischen Existenz als grundsätzlich exilisch vermittelt: „Jede jüdische Generation in jedem Land hat ihr eigenes galut [d. h. Exil] erdulden müssen.“ Tatsächlich zeigt die jüdisch-persische Chronik "Ketāb-e anūsī" jene von Yerushalmi berühmt beschriebene Tendenz, „selbst bedeutende neue Ereignisse unter bekannte Archetypen zu subsumieren“ (Yerushalmi, 1982, 36).
Abraham wird wegen des religiösen Eifers gepriesen, den er beim Zerschlagen der Götzenbilder zeigte, und gab damit den Juden ein Vorbild, dem sie nacheifern sollten. Moḥammad Beg ist ein zweiter Haman und geht ebenso wie dieser seinem Schicksal entgegen.
Kāshān war ein „kleiner Tempel“ (miqdaš qaṭan), und als sein Nāsī Mollā Yehudā, den Bābā’ī ben Loṭf mit dem Propheten Sacharja vergleicht, durch „Zauberei“ von anderen Juden ermordet wurde, folgte auf seinen Tod Gottes Strafe: Schah Abbas II. und sein Großwesir zerstörten die Synagogen der Stadt, verbrannten die Thora-Rollen und töteten viele Priester und junge Männer, so wie der Tod Zacharias’ von Nebukadnezar und seinem Hauptmann Nebusaradan gerächt wurde, die den Tempel in Jerusalem niederbrannten (siehe 2. Könige 25,8–9). Die Geschichte liegt in Gottes Händen: So wie die Befreiung Israels aus Ägypten zur rechten Zeit kam, „endete auch unser Galut (Exil), als seine Zeit abgelaufen war.“ Viele weitere Beispiele ließen sich anführen.
Die Wissenschaftlerin Vera Basch Moreen, spezialisiert auf die Geschichte und Kultur des vormodernen Judentums, ist der Ansicht, Bābā’ī ben Loṭfs Erzählung sei als „fast als bitter (zu) charakterisieren", da diese "den Stempel eines enttäuschten Mannes trägt, da er wenig Mitgefühl für seine Glaubensgenossen zeigt“ (Moreen, 1981, S. 287). Doch selbst wenn Bābā’ī ben Loṭfs von seinen jüdischen Mitmenschen und deren Gier „enttäuscht“ war (Moreen 1981, S. 290) und anerkannte, dass die Verfolgung durch ihre eigenen Sünden über sie gebracht wurde, lässt sich ein solcher Mangel an Empathie auch im Lichte seiner oben erwähnten hermeneutischen Sichtweise erklären: Israel lebt tatsächlich im Exil, und als es zu „Vertreibung, nicht weniger als zu Massakern oder Zwangskonvertierungen“ kam, brachte dies „die Wahrnehmung des Galut in seiner ursprünglichen, archetypischen Bedeutung ins volle Bewusstsein“ (Yerushalmi 1997, S. 18).
In diesem Sinne entspringt Bābā’ī ben Loṭfs Mangel an Mitgefühl einer einfachen Feststellung: Wenn ein ""lokales“ Exil zum archetypischen Galut wird, können die Menschen nicht viel tun, außer darauf zu warten, dass es endet, während sie im Idealfall ihre Sünden bereuen, die es herbeigeführt haben.“ (Yerushalmi 1982, S. 36). Dies ist der Grund, warum der Jude namens Pīnḥās und seine Komplizen zu tadeln sind, da ihr Plan Gottes gerechten Plan zur Bestrafung (und Erlösung) der persischen Juden durchkreuzte. Dies ist auch der Grund, warum Bābā’ī ben Loṭf es nicht für nötig hält, die Heldentaten der Juden (im Vergleich zu Arak‘el Davrižec‘i) übermäßig hervorzuheben: Auch wenn Märtyrer gepriesen werden sollten, spricht ihr Opfer nur für ihren Heldenmut, trägt aber nichts dazu bei, das Galut zu verkürzen, da das Exil erst enden wird, wenn Gott dies beschließt. In diesem Sinne ist Bābā’ī ben Loṭfs Chronk nicht nur Poesie: Auch wenn es sich nicht um ein historisches Werk im eigentlichen Sinne handelt, enthält es doch eine Hermeneutik der Geschichte.
Andererseits könnte man Arak‘el Davrižec‘is "Girk‘ patmut‘eanc‘“ zwar in jeder Hinsicht als „Geschichte“ bezeichnen, und das Kapitel über die Juden von Isfahan wird im Titel selbst als „patmut‘iwn“ („Geschichte, Bericht“) bezeichnet, verwandelt Arak‘el Davrižec‘i jedoch ein historisches Ereignis (die Vertreibung und Zwangskonvertierung der Juden) in eine moralische Erzählung, indem er den Bericht über das Leid der Juden und den Mord an Awatia (Bābā’īs „Ūbadyā“), der als „ein durch und durch glaubensloser und gottloser Mensch“ charakterisiert wird, literarisch so gestaltet, dass er bei seinen armenischen Landsleuten Anklang findet.
Interessanterweise ist Arak‘el Davrižec‘is Schilderung der Vertreibung der Christen aus Isfahan weitaus knapper, was die Beschreibung der Qualen betrifft, die die Armenier erdulden mussten. Tatsächlich erwähnt er lediglich einige „Schläge mit dem Knüppel auf [ihre] Köpfe“ und die „Gewalt“ der mit der Vertreibung beauftragten persischen Behörden, während er die „Unhöflichkeit und Grobheit“ (sopṙ ew bird azgs Hayoc‘) und die „natürliche Unverschämtheit“ (zbnakan goṙozut‘iwnn) der Armenier hervorhebt (Xanlaryan 1990, 352–53).
Unabhängig davon, ob diese scheinbar unsympathische Haltung gegenüber seinen Glaubensgenossen als Beleg für die Spannungen dienen kann, die seinerzeit zwischen der armenischen Gemeinde von Isfahan-Neu-Dschulfa und dem Heiligen Stuhl in Ēǰmiacin bestanden (wo Arak‘el Davrižec‘i aufwuchs, seine Ausbildung erhielt und zunächst von Katholikos P ‘ilippos i Ałbakec‘i und später von Katholikos Yakob iv J̌ułayec‘i mit der Abfassung seiner „Geschichte“ betraut wurde), könnten Arakels Ausführungen über die von der Vorsehung gefügten positiven Folgen, die sich für die Armenier aus ihrer Vertreibung ergaben, einen Kontext für das Verständnis seiner mitfühlenden und anerkennenden Haltung gegenüber den Juden sowie für die Beweggründe liefern, die ihn bei der Gestaltung jenes Kapitels leiteten, das er ihrem Schicksal widmete.
Unabhängig davon, ob diese scheinbar unsympathische Haltung gegenüber seinen Glaubensgenossen als Beleg für die Spannungen dienen kann, die seinerzeit zwischen der armenischen Gemeinde von Isfahan-Neu-Dschulfa und dem Heiligen Stuhl in Ēǰmiacin herrschten (wo Arak‘el Davrižec‘i aufgewachsen war, seine Ausbildung erhalten hatte und zunächst von Katholikos P ‘ilippos i Ałbakec‘i undn später von Katholikos Yakob iv J̌ułayec‘i mit der Abfassung seiner „Geschichte“ betraut wurde) könnten Arak‘el Davrižec‘i Ausführungen über die von der Vorsehung gefügten positiven Folgen, die sich für die Armenier aus ihrer Vertreibung ergaben, einen Kontext für das Verständnis seiner mitfühlenden und anerkennenden Haltung gegenüber den Juden sowie für die Beweggründe liefern, die ihn bei der Gestaltung jenes Kapitels leiteten, das er ihrem Schicksal widmete.
Von den vier Hauptgründen, die er dafür anführt, warum die Christen für ihre Vertreibung aus dem Stadtzentrum dankbar sein sollten, betreffen drei ihre Beziehungen zu den Muslimen. Laut Arak‘el Davrižec‘i erwies sich die Vertreibung insofern als positives Ereignis, als diese durch die Trennung der Christen von den „listigen“ (ōjabaroy, wörtlich „schlangenhafte“) Muslime, die Gelegenheiten für diejenigen, die „unvollkommene Gläubige“ (t‘erahawat) waren, erheblich verringert, dass ihr Glaube durch den Anblick der nachsichtigen Religion der Muslime geschwächt wurde und sie zum Islam konvertierten, sowie für junge Christen, sich in junge Muslime zu verlieben und sie zu heiraten, wodurch sie sich vom Christentum abwandten. Tatsächlich „war es Gottes Gnade, dass den Christen dies widerfuhr“ (Xanlaryan 1990, S. 354–355). Dass viele seiner armenischen Landsleute zum Islam konvertierten, beunruhigte Arak‘el Davrižec‘i
zutiefst, insbesondere wenn sie dies taten, um auf Kosten ihrer Glaubensgenossen reich zu werden. In Kapitel 5 des "Girk‘ patmut‘eanc‘" erörtert er ausführlich, wie einige Christen den Islam annahmen und begannen, andere Christen zu verfolgen, wobei sie ihre neue Stellung ausnutzten, um Geld von ihnen zu erpressen. Sie bestachen andere Muslime, damit diese gegen die Christen aussagten. Sie gaben vor, Verwandte dieser Christen zu sein, um die muslimischen Richter dazu zu bringen, ihnen das gesamte Erbe und den gesamten Besitz zu übergeben, wobei sie sich ein Gesetz zunutze machten, das es Christen, die zum Islam konvertierten, erlaubte, ihr christliches Familienerbe bis zum siebten Grad einzufordern.
Dies könnte der Grund sein, warum Arak‘el Davrižec‘i so sehr auf der Standhaftigkeit der Juden in ihrem Glauben angesichts von Verfolgung und der Verlockung durch Geld besteht. Ob diese Standhaftigkeit nun tatsächlich besteht, nur als solche wahrgenommen wird oder eine literarische Erfindung ist –Arak‘el Davrižec‘i macht die Juden zu einem Vorbild, dem seine armenischen Landsleute nacheifern sollen. Die Gleichgültigkeit gegenüber Reichtum und Geld, die er ihnen zuschreibt, ist ein Tugendvorbild, mit dem er seinen Lesern lehrt, dass wahre Gläubige ihren Glauben nicht verhandeln sollten.
Anstatt aus seiner Sympathie für sein eigenes Volk oder von dem Wunsch geleitet, das Leid nichtmuslimischer Minderheiten hervorzuheben (Moreen 1981b, 287; 1987, 62, 68), könnteArak‘el Davrižec‘is einfühlsame Haltung gegenüber den Juden ein literarisches Stilmittel sein: Er nutzt es, um den Armeniern die göttliche Fügung vor Augen zu führen, die darin besteht, getrennt von den Muslimen leben zu dürfen, und ihnen verständlich zu machen, dass das Heil nicht im Verrat des eigenen Glaubens liegt, sondern im Ausharren und im Widerstand gegen die Verlockungen der Konversion. Die Tatsache, dass die Juden –Arak‘el Davrižec‘is Erzählung zufolge – das Geld, mit dem sie für ihre (vorgetäuschte) Konversion entlohnt wurden, nicht für sich nutzten und dass es ihnen, obwohl sie den muslimischen Glauben nicht wirklich annahmen, dennoch gelang, von den Persern unbehelligt zu bleiben, lässt sich als eines jener vielen Wunder und gottesfürchtigen Taten betrachten, die Arak‘el Davrižec‘i – laut Bournoutian (2005–2006, 2:561) – in sein Werk "Girk patmut‘eanc‘" aufnahm, um die Macht des christlichen (und jüdischen!) Gottes über den Islam zu demonstrieren.
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Die jüdische Gemeinde von Mashhad unter Nāḍir Šāh Afschar (r.1736-1747)
Die Verfolgung der Juden hielt bis ins 18. Jahrhundert an, und alle Nichtmuslime litten schwer unter den schiitischen Reinheitsgesetzen. Unter dem letzten der Safawiden unternahm die Geistlichkeit erneut den Versuch, alle Nichtmuslime zur Konversion zum Islam zu zwingen – jedoch ohne Erfolg.
Der letzte nominelle Herrscher der persischen Safawiden-Dynastie war Abu Turab Ismail III. (Abū Turāb Ismāʿīl; um 1733- 1773 CE) aus der persischen Safawiden-Dynastie und ohne wirkliche Macht. Er regierte als Marionettenherrscher, da das Land zu dieser Zeit von Generälen und Stammesführern kontrolliert wurde, bis die Dynastie endgültig endete. Der eigentliche Machthaber war General Karim Khan-e Zand, der nach dem Zusammenbruch des Safawidenreichs die Zand-Dynastie begründete. Karim Khan-e Zand (pers. کریم خان زند Karīm Ḫān-e Zand, ehemals Muhammad Karim Beg oder Tuschmal Karim; um 1705-1779 ), kurz Karim Chan, war ein iranischer Stammesführer, General unter Nadir Schah, und Gründer der kurzlebigen Dynastie der Zand-Fürsten. 1722 stürzten afghanische Rebellen aus dem Osten des Landes den Großvater Ismail III. und errichteten die Hotaki-Herrschaft.
Schon 1726 aber gelang General Nāḍir Chan die Vertreibung der Hotaki aus Isfahan. Die Safawiden wurden zwar wieder eingesetzt, doch waren sie nur Marionetten Nāḍir Š Chans, der sich 1736 selbst zum König ernannte. Nāḍir Šāh Afschar (persisch نادر شاه افشار Nādir Schāh Afschār, 1688-1747), eigentlich Nader Qoli (pers. نادر قلی, Nāder Qolī), mit dem Titel (vor seiner Thronbesteigung) Ṭahmāsp Qulī ( ‚Sklave des Ṭahmāsp‘) regierte als Schah Persiens von 1736 bis 1747 und gründete die Dynastie der Afschariden.Wegen seiner militärischen Fähigkeiten wurde er von einigen Historikern als „zweiter Alexander“ oder „Napoleon Persiens“ bezeichnet. In seiner Zeit reichte Persien vom Kaukasus bis zum Indus und ans Südufer des Persischen Golfs.
Durch diesen bemerkenswerten Herrscher Nāḍir Šāh Afschar (1736–1747 n. Chr.) wurden die Juden vor der physischen und geistigen Auslöschung bewahrt. Als sunnitischer Muslim schaffte er den Schiismus als Staatsreligion ab, behandelte Nicht-Muslime mit großer Toleranz.
Die jüdische Gemeinde in Herat weist eine enge kulturelle Verbindung zu den Juden Irans auf. Viele Mitglieder dieser Gemeinschaft stammen ursprünglich aus Mashhad, einer Stadt, die allgemein als die heiligste in Persien angesehen wird. Die jüdische Gemeinde in Mashhad wurde während der Herrschaft des persischen Monarchen Nāḍir Šāh Afschar (reg. 1736–1747 CE) gegründet, der für seine Toleranz gegenüber Juden bekannt war. Tatsächlich erlaubte er 1741 CE jüdischen Einwanderern (etwa vierzig Familien), sich in Mashhad niederzulassen.
Im Rahmen Nāḍir Šāh Afschars Siedlungspolitik trug die zunehmende Präsenz von Hunderten jüdischer Familien zur Stärkung bestehender jüdischer Institutionen maßgeblich zur Blüte des jüdischen Lebens in Afghanistan bei. Die jüdischen Einwohner lebten unter dem Protektorat Nāḍir Šāh Afschar über mehrere Jahrzehnte hinweg friedlich im jüdischen Viertel von Mashhad mit der muslimischen Bevölkerung der Stadt, die sich zu einem zentralen Handelsplatz für Zentralasien entwickelte.
Nāḍir Šāh Afschars Politik gegenüber der jüdischen Minderheit war untrennbar mit seiner Machtstrategie und dem Bestreben verbunden, die schiitische Orthodoxie Persiens zu schwächen. Durch die Ansiedlung von Juden in der heiligen Stadt Mashhad – deren Zutritt für Nicht-Muslime zuvor strengen Restriktionen unterlag – und die Förderung jüdischer Gelehrter schuf er eine loyale Basis zur Stabilisierung seiner ökonomischen und politischen Herrschaft.
Nāḍir Šāh Afschar gewährte der jüdischen Gemeinschaft die Möglichkeit, ihren Glauben offen zu praktizieren, und lockerte die repressiven Maßnahmen, die zuvor unter der Herrschaft der Safaviden bestanden. Die Erhebung Mashhads zur Hauptstadt Irans führte zu einer Umsiedlung zahlreicher Juden aus den Provinzen Qazvin und Gilan in die östlichen und nordöstlichen Regionen des Landes. Dies führte schließlich um 1746 CE zur Etablierung dieser Gemeinschaft in der Stadt Mashhad, die sich als Zentrum seiner Macht entwickelte. Aufgrund seines Misstrauens gegenüber ortsansässigen Gruppen war Nāḍir Šāh Afschar auf loyale Verwalter seines Staatsschatzes angewiesen. Im Einklang mit seiner wirtschaftlichen Strategie übernahmen jüdische Familien in Mashhad die Rolle von Verwaltern und Wächtern seiner erbeuteten Schätze, die er während seines Feldzugs nach Indien im Jahr 1739 CE erlangte. Im März 1739 CE führte er einen Angriff auf Nordindien durch, plünderte systematisch die Stadt Delhi und brachte Raubgut im geschätzten Wert von 70 Millionen Rupien nach Persien. Seine Truppen besiegten die Mughals in der Schlacht von Karnal und besetzten die Mogul-Hauptstadt. Während die jüdische Bevölkerung unter der Herrschaft Nāḍir Šāh Afschars scheinbar von Privilegien profitierte, hing ihr Schicksal letztlich von seiner Willkür ab.
Nāḍir Šāh Afschar, der als Begründer der Afschariden-Dynastie (1736-1796 CE) gilt - einer kurzlebigen, turkmenischen Herrscherdynastie in Persien (heutiger Iran und Afghanistan) - zählt zu den bedeutendsten militärischen Eroberern Zentralasiens. Seine Regierungszeit markiert einen Wendepunkt im afghanischen Raum, in dem die Vorherrschaft der persischen Safawiden und indischen Moguln einem modernen afghanischen Staat unter Ahmad Schah Durrani (1722-1772 CE) Platz machte.
Litertur: Lintz, Ulrike-Christiane. “Reflection of Sacred Realities in Urban Contexts: The Synagogues of Herat.“ In: Mohammad Gharipour, ed., Synagogues in the Islamic World, Architecture, Design, and Identity. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2017, 51-72.
Kernaspekte Nāḍir Šāh Afschar 's Politik
Pragmatischer Ansatz seiner Religions- und Außenpolitik
Die Regierungszeit Nāḍir Šāh Afschars (1688-1747 CE) - Schah des Iran (r. 1736-1747 CE) und Gründer der Dynastie der Afschariden - , ist geprägt von zahlreichen erfolgreichen Feldzügen, um sein Reich auszudehnen. Aufgrund seiner militärischen Erfolge wurde er zuweilen auch „zweiter Alexander“ genannt.
Nāḍir Šāh Afschar verfolgte eine bemerkenswert tolerante Politik gegenüber den Juden in Persien, die einen grundlegenden Bruch mit den brutalen Verfolgungen und Zwangsbekehrungen darstellte, die das vorhergehende Safaviden-Regime prägten. Als sunnitischer Herrscher, der eine mehrheitlich schiitische Bevölkerung regierte, strebte er aktiv die Unterstützung religiöser Minderheiten an. Sein Handeln war durch pragmatische Zielsetzungen gekennzeichnet: eine radikale Abkehr von der schiitischen Lehre der Safaviden, um den Einfluss der schiitischen Geistlichkeit zu mindern. Die Safaviden hatten den schiitischen Islam zur Staatsreligion Persiens erhoben. Ihre Lehre basierte auf der Zwölfer-Schia, ergänzt durch Elemente der mystischen Volksfrömmigkeit. Die Dynastie legitimierte ihren Herrschaftsanspruch als Nachkommen des Propheten und veränderte die religiöse Identität der Region nachhaltig.
Im Mittelpunkt ihrer Glaubenslehre stand die legitime Nachfolge des Propheten Mohammed durch dessen Vetter Ali sowie elf weitere unfehlbare Imame. Der zwölfte, als Mahdi bekannte (verborgene) Imam, der gemäß der Tradition im 9. Jahrhundert in die Verborgenheit entrückt wurde, gilt als der wahre und rechtmäßige Herrscher. Die Herrscher der Safaviden betrachteten sich als dessen irdische Stellvertreter. Historisch gesehen war der Safaviden-Orden eine sufistische Bruderschaft, deren Machtfundament durch die spirituelle Verehrung des Ordensgründers und iranischen Sufi-Scheichs Safi al-Din (1252-1334 CE) sowie die bedingungslose Loyalität seiner Anhänger, der sogenannten Qizilbash oder "Rotmützen", gekennzeichnet war.
Die frühen Herrscher der Safaviden, insbesondere Schah Ismail I. (1487-1524 CE), der als Schah den Iran regierte(r. 1501 bis 1524 CE) und als Begründer der Safaviden-Dynastie gilt, wurden von ihren Anhängern als göttlich inspirierte oder sogar messianische Figuren verehrt. Schah Ismail I. verfasste religiöse Gedichte, in denen er sich selbst als Manifestation von Ali sowie des verborgenen Imams darstellte. Um die dogmatische Grundlage der schiitischen Theologie zu festigen, luden die frühen Safaviden-Schahs, darunter Tahmasp I. (1514-1576 CE), der als zweiter Schah der Dynastie nach seinem Vater Ismail I. (1501–1524 CE) regierte, bedeutende Gelehrte, insbesondere aus dem Libanon und Bahrain, in den Iran ein. Unter seinem Nachfolger, Schah Abbas I. (reg. 1588–1629 CE), entwickelte sich der Iran zu einem blühenden Zentrum für Philosophie und Rechtswissenschaft, das zunehmend mystische Volksüberzeugungen mit der systematischen schiitischen Lehre (Fiqh) in Einklang brachte.
Die Safaviden stellen eine bedeutende iranische Dynastie türkisch-aserbaidschanischer Abstammung dar. Ihr Aufstieg zur Herrschaft in Iran wurde maßgeblich durch den religiösen Führer (Šayḫ) Sāfī al-Dīn Ishaq (gest. 1334 CE) eingeleitet, der in Ardabil, dem heutigen Aserbaidschan, lebte und wirkte. Seine religiösen und politischen Konzepte waren synkretistisch und umfassten sowohl sunnitische als auch schiitische und mystische Strömungen, die insbesondere unter den turkmenischen Nomadenstämmen Irans schnell an Zustimmung gewannen. Šayḫ Sāfī al-Dīn Ishaq ließ durch die Behauptung, er stamme vom siebten schiitischen Imam Mūsa al-Qāsim ab, seine religiöse Autorität erheblich wachsen.
Mūsa al-Qāsim (arab: موسى بن جعفر الكاظم, Mūsā ibn Ǧaʿfar al-Kāẓim; 745-799 CE ) war ein Nachfahre des Propheten Mohammed und der siebte Imam der Imamiten. Die Zeit seines Imamats (Amt und die Funktion eines Imams als religiösem und politischem Führer) betrug 35 Jahre.
Die Anhänger dieser Glaubensrichtung waren durch ihre charakteristische Kopfbedeckung, eine rote Mütze mit zwölf Troddeln (taǧ = „Krone“), erkennbar, was ihnen die Bezeichnung „Rotköpfe“ (türk. Kızılbaş) einbrachte. Die Einführung dieser Kopfbedeckung Mitte des 15. Jahrhunderts stellte eine Uniformierung ihrer Gefolgsleute dar und markierte die Transformation des zuvor pazifistischen Ordens zu einer militärisch ausgerichteten Bewegung, die territorialen Einfluss anstrebte.
Unter der Herrschaft von Schah ʿAbbās I., dem Großen (1571–1629 CE), er regierte von 1587 bis 1629 CE, wurde der Einfluss der „Rotköpfe“ zurückgedrängt, und das Machtzentrum verlagerte sich hin zur zentralen Bürokratie. Als Beleg für diese Transformation wurde die Hauptstadt wiederholt nach Iṣfahān verlegt. Große Teile des Landes wurden zu Krongütern erhoben, deren Verwalter dem Schah direkt unterstanden, während zuvor ein erheblicher Teil des Territoriums im Besitz von Stammesführern war, die stets an der Wahrung ihrer Unabhängigkeit interessiert waren. Zur Festigung der Position der religiösen Würdenträger wurden umfangreiche Ländereien in religiöses Stiftungsland (arab. waqf) umgewandelt. Die Safaviden förderten zudem den Handel durch den Ausbau von Verkehrswegen und die Errichtung von Karawansereien, wobei das Hauptziel dieser Maßnahmen die Maximierung der Einkünfte der Herrscherdynastie war. Die Einführung von Kronmonopolen auf zahlreiche Waren erschwerte private Investitionen. Unter den Safaviden erlebte Iṣfahān eine prächtige Erweiterung; zeitgenössische Dichter beschrieben die Stadt oft mit dem Ausdruck „Iṣfahān Niṣf-i-Ǧahān“ ("Isfahan ist die Hälfte der Welt").
Die Nachfolger von ʿAbbās I. (der Große), dem fünften und bedeutendsten Herrscher der persischen Safaviden-Dynastie (r. 1588 -1629 CE) wuchsen im Harem auf und erwiesen sich als schwache Herrscher, unter deren Führung die Kontrolle über die Zentralverwaltung stark abnahm. Lediglich Schah ʿAbbās II. (1633-1666 CE) aus der Dynastie der Safaviden - er folgte seinem Vater Safi I. auf den Thron und regierte Persien von 164 bis 1666 CE - gelang es, die königliche Autorität erneut zu festigen. Lokale Machthaber erlangten zunehmend Autonomie, während die Stämme wieder an Einfluss gewannen, was zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion führte. Auch die religiösen Würdenträger wurden unabhängiger vom Schah, was die Macht des Staates weiter unterminerte.
Im Jahr 1722 CE war der Schāh Soltān Hoseyn (1668-1726 CE) gezwungen, vor aufständischen afghanischen Stämmen zu kapitulieren. Schāh Soltān Hoseyn (r. 1694-1722 CE) verzichtete am 23. Oktober 1722 CE zugunsten des Ghilzai-Anführers Mir Mahmud Hotaki auf den Thron.
Als Tahmasp II. (1704–1740 CE), der vorletzte Schah der Safaviden im Iran (Regierungszeit 1722 bis 1732 CE), in einem Krieg gegen die Osmanen kämpfte, nutzen die Hotaki diese Gelegenheit zur Vergeltung, was zum Verlust des safavidischen Einflusses in Georgien und Armenien führte. Die Hotaki-Dynastie (paschtunisch د هوتکيانو ټولواکمني) war eine afghanische Monarchie der Ghilzai-Paschtunen, welche im April 1709 CE von Mir Wais Hotak, resultierend aus einer erfolgreichen Revolution der Paschtunen gegen die schiitisch-safavidischen Herrscher in der Region, gegründet wurde. Zeitweise belief sich die territoriale Expansion der Hotakis über ein Gebiet, welches dem heutigen Afghanistan, Iran, Westpakistan und einigen Teilen Tadschikistans und Turkmenistans entspricht.
Infolgedessen führte Nāḍir Šāh Afschar einen Staatsstreich durch. Er marschierte mit seinen Truppen in die damalige Hauptstadt Isfahan, entthronte Tahmasp II. und verbannte ihn ins Exil nach Chorasan. Formell setzte Nāḍir Šāh Afschar dessen nur achtmonatigen Sohn Abbas III. auf den Thron (r. 1732 bis 1736 CE), um Zeit zu gewinnen und die Stimmung am Hof sowie unter den Militärs zu sondieren. Als Nāḍir Šāh Afschar die Zeit für angemessen erachtete, setzte er Abbas III. ab und krönte sich selbst am 8. März 1736 CE auf dem nach ihm benannten "Nadir Hügel" zum Schah. In den andauernden Kriegen gegen die Osmanen war es ihm möglich, alle zuvor verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Obwohl die der Safaviden-Dynastie treue Bevölkerung zunächst gegen die Teilung Irans zwischen Afghanen, Osmanen und Russen Widerstand leistete, beendete Nāḍir Šāh Afschar im Jahr 1736 CE offiziell die Dynastiee, nachdem er zuvor als safawidischer Feldherr Persien von den afghanischen Hotaki-Besatzern befreit hatte. Durch seine Krönung und die Abdankung des Kleinkindes ʿAbbās III. begründete er die Dynastie der Afschariden und ersetzte die herrschenden Safaviden.
Die historische Bedeutung der Safaviden erstreckt sich sowohl auf religiösem als auch auf politischem Gebiet. Sie vereinten zunächst die Gebiete, die sich später als der Staat Iran herauskristallisieren sollten, und erklärten die schiitische Richtung des Islam zur Staatsreligion. Bis heute ist Iran der einzige offiziell schiitische Staat. Dieser Prozess geschah nicht ohne Zwang; dennoch schufen die Safaviden eine Art frühes nationales Bewusstsein unter den Persern, die sich fortan in religiöser und ethnischer Hinsicht als von ihren benachbarten Arabern, Türken und Indern unterschiedlich fühlten.
Der Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten hat seine Ursprünge in den frühesten Tagen des Islam im 7. Jahrhundert CE. Im Zentrum dieses Konflikts steht die Auseinandersetzung über die legitime Nachfolge des Propheten Muhammad, der im Jahr 632 CE verstarb. Nach seinem Tod übernahmen enge Gefährten das Kalifenamt, was die Anhänger der Blutsverwandten des Propheten, insbesondere der Nachkommen Alis, ablehnten. Diese vertraten die Auffassung, dass Ali Ibn Talib – der Cousin und Schwiegersohn Muhammads – als rechtmäßiger Nachfolger angesehen werden müsse. Obwohl Ali im Jahr 656 CE zum vierten Kalifen ernannt wurde, führte seine Amtsübernahme zu einem Bürgerkrieg, der 661 CE mit seinem Tod und der Machtübernahme seiner politischen Gegner endete. Die Anhänger Alis, bekannt als Schi'at Ali (daher der Begriff Schiiten), betrachteten fortan nur die Imame als die direkten Nachfahren Muhammads und Alis, als legitime Führer der muslimischen Gemeinschaft. Alis Sohn Husain, der dritte Imam, scheiterte 680 CE in seinem Versuch, die Kontrolle über das arabische Weltreich zu erlangen. Nach seinem Tod in Kerbela im heutigen Irak akzeptierten die nachfolgenden Imame ihr Schicksal, wurden jedoch weiterhin verfolgt. Die Linie der Imame endete mit dem zwölften Imam, Muhammad al-Mahdi, der im Jahr 874 CE (endgültig 941 CE) verschwand und nach schiitischer Überzeugung am Ende der Zeiten als Erlöser zurückkehren wird.
In den nachfolgenden Jahrhunderten blieben die Schiiten eine häufig unterdrückte und verfolgte Minderheit, wodurch sich eine politische Theorie entwickelte, die stark von Ohnmacht und Verfolgung geprägt war. Nach der vorherrschenden Ansicht unter den Schiiten gilt politische Macht in der Abwesenheit des Imam Mahdi als illegitim, weshalb Gelehrte und Gläubige dazu angehalten werden, sich von den politischen Herrschern ihrer Zeit zu distanzieren. Die islamischen Großreiche, die die darauf folgenden Jahrhunderte prägten, waren überwiegend sunnitischen Dynastien unterworfen, darunter die Abbasiden, Mamluken, Moguln und Osmanen. In diesen Reichen wechselten sich langanhaltende Friedensphasen mit wiederkehrenden konfessionellen Konflikten ab. Umfassende Auseinandersetzungen traten zumeist auf, sobald Schiiten politische Macht erlangten. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Herrschaft der Fatimiden zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert, die Teile Nordafrikas und Ägyptens kontrollierten; diese schiitische Dynastie wurde jedoch durch eine sunnitische Gegenreaktion bedroht, die letztlich zur Zerschlagung des Fatimidenreiches führte.
Literatur : Lüdke,Tilman. "Safawiden", auf eeo.aau.at, abgerufen am 11.05.2026; "Nadir Schah Afschar", auf eslam.de, abgerufen am 11.05.2026; Steinberg, Guido. "Schiiten und Sunniten – ein politisch-religiöser Konflikt der Gegenwart", auf bpb.de, abgerufen am 11.05.2026.
Nadir Shah's Religionspolitik und der Disput von 1740
Nāḍir Šāh Afschar, ein Verfechter des sunnitischen Islam, verfolgte das Ziel, den Einfluss der schiitischen Religionsautoritäten, die während der Safaviden-Dynastie (1501–1736 CE) dominant waren, zu schwächen. Diese politische Neustrukturierung führte für die jüdische Gemeinde, die zuvor umfangreicher Verfolgung und Zwangsbekehrungen ausgesetzt war, zu einer gewissen Erleichterung.
Berichten zufolge hegte Nāḍir Šāh Afschar die Vision, alle monotheistischen Religionen in einer einheitlichen Glaubensgemeinschaft zu vereinen, wenngleich diese Idee nicht in substantieller Form umgesetzt wurde. Stattdessen beauftragte er die Führer der jüdischen, christlichen und muslimischen Gemeinschaften mit der Übersetzung ihrer heiligen Schriften ins Persische. Diese Initiative resultierte letztlich in der Übersetzung der jüdischen Heiligen Schrift (Pentateuch) durch Rabbi Bābā`ī ben Nūrī'el, einen Rabbiner (ḥāḵām) aus Isfahan, der auf Geheiß von Nāder Schah Afšār (reg. 1148–60/1736–47 CE) den Pentateuch und die Psalmen Davids aus dem Hebräischen ins Persische übersetzte. Hakham (hebr. חכם, romanisiert: ḥāḵām, wörtlich: „Weiser“) ist ein Begriff im Judentum, der einen weisen oder geschickten Mann bezeichnet.
Drei weitere Rabbiner halfen ihm bei der Übersetzung, die im Rabīʿ II. 1153/Mai 1740 CE begonnen und im Jomādā I. 1154/Juni 1741 CE abgeschlossen wurde. Gleichzeitig übersetzten acht muslimische Mullahs sowie drei europäische und fünf armenische Priester den Koran und die Evangelien. Die Arbeit wurde von Mīrzā Moḥammad Mahdī Khan Astarābādī (auch Khan Monšī genannt), dem Hofchronisten und Verfasser des "Tārīḵ-ejahāngošā-ye nāderī", beaufsichtigt. Die fertigen Übersetzungen wurden Nāḍir Šāh Afschar im Juni 1741 CE in Qazvīn überreicht; dieser schien jedoch nicht beeindruckt zu sein. Die Übersetzung wurde in Judäo-Persisch (auch Judaeo-Persisch oder Latorayi) verfasst und später von einem Muslim in persischer Schrift neu niedergeschrieben.
Die Berichte über Nāḍir Šāh Afschars Regime beruhen maßgeblich auf dem Werk "Tārīḵ-ejahāngošā-ye nāderī“, besser bekannt als „Tarikh-i Naderi“ ("The history of Nadir"/"Die Geschichte von Nadir") einem bedeutenden persischen Werk in Form einer offiziellen Hofchronik, die die Ereignisse während der Herrschaft Nāḍir Šāh Afschars in den 1750er Jahren CE dokumentiert. Verfasst von seinem Hauptsekretär und Vertrauten Mīrzā Muhammad Mahdī Khan Astarābādī (gest. 1759 CE), umfasst das Werk eine Übersicht über die geopolitische Situation im Iran nach der afghanischen Invasion von 1722 CE und dokumentiert Nāḍir Šāh Afschars Aufstieg zur Macht, seine Krönung im Jahr 1736 CE in Moḡān sowie seine militärischen Expeditionen, einschließlich der Eroberung Delhis. Die Chronik behandelt die Ereignisse bis zu Nāḍir Šāh Afschars Ermordung im Jahr 1747 CE und ist eine wesentliche Quelle, um die militärische Expansion sowie die politischen Strukturen unter der Herrschaft Nāḍir Šāh Afschar zu verstehen.
Mīrzā Muhammad Mahdī Khan Astarābādī diente Nāḍir Šāh Afschar siebzehn Jahre bis zum Ende seiner Regierungszeit (1747 CE), zunächst als Leiter des Sekretariats (monšī-al-mamālek) bis zu Nadir Schah Afshars Krönung in Moḡān im Jahr 1736 CE, danach als sein offizieller Biograf und Historiograf (wāqeʿa-nevīs). Während dieser Zeit war er für die Abfassung von Siegesberichten (fatḥ-nāma), Präambeln zu Verträgen und anderen staatlichen Dokumenten verantwortlich.
Auch wenn der Autor Astarābādī in seiner Chronik "Tārīḵ-ejahāngošā-ye nāderī" die jüdische Minderheit nicht zentral thematisiert, liefert sie relevante Kontexte zu Nāḍir Šāh Afschars Religionspolitik und seinen Bestrebungen, die Macht des schiitischen Establishments in Persien zu verringern.
Im Jahr 1740 CE, nach seinem Feldzug nach Indien im Jahr 1739 CE – einer militärischen Kampagne von verheerendem Ausmaß, die zum Zusammenbruch des Mogulreichs führte und Nāḍir Šāh Afschar als einen der bedeutendsten Eroberer seiner Zeit etablierte – initiierte Nāḍir Šāh Afschar eine religiöse Versammlung, die Vertreter aller abrahamitischen Glaubensrichtungen zusammenbrachte. In einem bedeutenden Akt religiöser Neugier lud er Rabbiner, Mullahs und christliche Priester an seinen Hof ein, um einen Dialog zu führen. Sein Ziel war es, eine neue, einheitliche Religion (Mazhab-e-Ja'fari), zu etablieren, um die erheblichen Differenzen zwischen Sunniten und Schiiten zu überwinden und gleichzeitig seine eigene religiöse Autorität zu konsolidieren. Er forderte die Vertreter der drei Glaubensrichtungen — Muslime, Christen und Juden — auf, an der Diskussion teilzunehmen. Unter den Anwesenden befand sich Rabbi (Hakam) Bābā`ī ben Nūrī'el, einen Rabbiner (ḥāḵām) aus Isfahan, der die jüdische Gemeinde repräsentierte.Nāḍir Šāh Afschar forderte ihn sowie andere Gelehrte auf, die heiligen Schriften ins Persische zu übersetzen, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Religionen zu untersuchen. Diese Disputationen waren weniger als Ausdruck purer Toleranz zu verstehen, sondern vielmehr als strategisches Mittel, um den Einfluss des schiitischen Klerus zu schwächen, welchen Nāḍir Šāh Afschar als potenzielle Bedrohung für seine Herrschaft ansah.
Literatur: Netzer, Amnon. "BĀBĀʾĪ BEN NŪRĪʾEL." Encyclopaedia Iranica (December 15, 1988), abgerufen am 13.06.2026; Perry, John R.. "ASTARĀBĀDĪ, MAHDĪ KHAN." Encyclopaedia Iranica (December 15, 1987), abgerufen am 13.06.2026; Mīrzā Mahdī Khan Astarābādī, Tārīḵ-ejahāngošā-ye nāderī, ed. ʿA. Anwār, Tehran, 1341 Š./1962.
Bibelübersetzungen - unter Nāḍir Šāh Afschar 1740/41 CE
Nāḍir Šāh Afschar beauftragte Bābā`ī ben Nūrī'el, einen Rabbiner (ḥāḵām) aus Isfahan, als Hauptübersetzer die Tora sowie die Psalmen Davids vom Hebräischen ins Persische zu übertragen. Unterstützt wurde er dabei von drei weiteren Rabbinern. Dieser bedeutende Übersetzungsprozess begann im Rabī' II, 1153 (Mai 1740) und fand im Jomādā I, 1145 (Juni 1741) seinen Abschluss. Zeitgleich arbeiteten acht muslimische Mollas sowie drei europäische und fünf armenische Priester an der Übersetzung des Korans und der Evangelien. Die gesamte Übersetzungsarbeit unterstand der Aufsicht von Mirza Muhammad Mahdi Khan Astarabadi, dem Hofhistoriografen und Verfasser des Werkes „Tarikh-e Jahangushay-i Nadiri“. Im Jahr 1741 wurden die fertigen Texte Nāḍir Šāh Afschar in Qazvin präsentiert, wobei berichtet wird, dass er wenig Begeisterung für die Übersetzungen zeigte und Teile der Schriften als „inkonsistent“ verspottete.
Die Ergebnisse dieser religiösen Auseinandersetzung stellen heute wertvolle linguistische und historische Zeugnisse dar. Der wissenschaftliche Wert von Rabbi Bābā`ī ben Nūrī'els Übersetzungen liegt in der bemerkenswerten Präzision der persischen Entsprechungen hebräischer Begriffe. Sein Vorwort zu den Psalmen Davids ist von besonderer Bedeutung und gewährt zudem seltene Einblicke in das jüdische Bildungswesen im Iran des 18. Jahrhunderts. Die Originalmanuskripte gelangten auf unterschiedlichen Wegen in europäische Sammlungen, und heute sind Exemplare in der Vatikanischen Bibliothek (darunter Codex Vat. Pers. 61), der Bibliothèque Nationale in Paris sowie im Ben-Zvi-Institut in Jerusalem zu finden.
Dieses historische Ereignis markiert einen radikalen Bruch mit der repressiven Politik der vorangegangenen Safaviden-Dynastie und wirft unweigerlich die Frage auf, ob Nadir Shah Afshar als Vorläufer einer modernen Toleranz oder als rein machtpolitischer Pragmatiker zu bewerten ist. Es handelt sich um die erste staatlich geförderte Anerkennung jüdischer Gelehrsamkeit seit Jahrhunderten. Nāḍir Šāh Afschar unterbrach ad hoc 150 Jahre religiöser Verfolgung, indem er als genialer Pragmatiker die Juden als Werkzeug gegen den schiitischen Klerus und als Hüter seiner Schätze instrumentalisierte.
Literatur: Netzer, Amnon," Rābāi ben Nuri'el", Encyclopaedia Iranica, Bd. III, Fasz. 3, S. 297, veröffentlicht am 15. Dezember 1988, https://www.iranicaonline.org/articles/babai-ben-nuriel/).
"Ketāb-e sargoḏašt-e Kāšān" - Die Chronik von Bābā'ī ben Farhād
Nāḍir Šāh Afschar nimmt einen bedeutsamen Platz in der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft ein, wie seine Teilnahme an verschiedenen historischen Ereignissen verdeutlicht. Die Chronik ""Kitāb-i Sar Guzasht-i Kāshān dar bab-i 'Ibri va guyimiyi Sani" („Das Buch der Ereignisse in Kaschan bezüglich der Juden; Die zweite Konversion“) verfasst um 1730 CE von dem persisch-jüdischen Chronisten, Dichter und Historiker Bābā'ī ben Farhād (Pers. بابایی بن فرهاد, Hebr. באבאי בן פרהאד), dokumentiert sowohl die Erleichterungen, die die Toleranz Nāḍir Šāhs der jüdischen Gemeinschaft brachte, als auch die finanziellen Belastungen, die er von den jüdischen Gemeinden in Kashan und Isfahan forderte, sowie Verweise auf andere Städte.
Inmitten seiner militärischen Auseinandersetzungen, die auf die Vertreibung der afghanischen Invasoren aus dem Iran (1722–1730 CE) abzielten, erhob er erhebliche Geldsummen von den Juden in Kashan und Isfahan, und agierte mit großer Strenge.
Die Chronik "Kitāb-i Sar Guzasht-i Kāshān dar bab-i 'Ibri va guyimiyi Sani" („Das Buch der Ereignisse in Kaschan bezüglich der Juden; Die zweite Konversion“ umfasst etwa 1.300 Verse in judaeo-persischer Sprache (Persisch in hebräischer Schrift). Seine Chronik ist ein bedeutendes Werk, das die Zwangskonversion der Juden aus Kaschan, Isfahan und Hamadan zwischen 1721 CE und 1731 CE behandelt, insbesondere in den Jahren 1729 CE und 1730 CE.
Kaschan war bereits seit der Safavidenzeit die Heimat einer bedeutenden jüdischen Gemeinde und eines wichtigen kulturellen Zentrums. Obwohl der jüdische Dialekt Kashans auf eine uralte Anwesenheit in der Region hinweist, erwähnen mittelalterliche Quellen keine jüdische Gemeinschaft innerhalb der schiitischen Bevölkerung Kashans (Ṣafā, I, S. 232). Es ist möglich, dass die Juden in Kaschan vor der Safavidenzeit überwiegend in den umliegenden Dörfern wie Ārān und Bidgol lebten, deren Dialekt dem in Kashan gesprochenen sehr ähnlich war.
Die Einwanderung von Juden nach Kaschan dürfte bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Rahmen der vom safavidischen Staat geförderten Expansion der Seidenindustrie zugenommen haben – ein Wirtschaftszweig, in dem Juden eine zentrale Rolle im Handel und in der Produktion spielten. Auch an Orten wie Ārān lassen sich bis in die frühen Jahre des 19. Jahrhunderts Beweise für eine jüdische Landbevölkerung finden; zu dieser Zeit sollen die Juden zum Islam konvertiert sein (Levi, III, S. 520–21; Shofet, S. 89). Dies fiel zeitlich zusammen mit dem Aufstieg des Schiitentums und grundlegenden Veränderungen im iranischen Rechtssystem.
Die Situation der Juden unter den Safaviden kann als eine Mischung aus relativem wirtschaftlichen Wohlstand und religiöser Verfolgung charakterisiert werden. Die freiwillige und erzwungene Konversion von Nichtmuslimen zum Islam war unter Schah ʿAbbās I. (reg. 1588–1629 CE) nicht ungewöhnlich und wurde zeitweise durch materielle Anreize gefördert (Della Valle, Übers., S. 573, 606). Massenkonversionen traten jedoch hauptsächlich in Isfahan auf, wo die Konvertiten größtenteils zum Judentum zurückkehrten.
Unter Schah ʿAbbās II. (reg. 1642–1666) nahm der Druck auf die Juden zur Konversion zum Islam einen aggressiveren und gewalttätigeren Charakter an. Dies geschah im Rahmen einer vom Großwesir Moḥammad Beg geführten Kampagne, die darauf abzielte, städtische Zentren von "schariʿawidrigen Lastern" und „Unreinheiten“ zu säubern. Um die Muslime vor möglichem Kontakt mit „unreinen“ Nichtmuslimen zu schützen, wurden die Juden in Isfahan vor die Wahl gestellt, entweder zum Islam zu konvertieren oder ihre Wohnsitze zu verlassen (Waḥid Qazvini, S. 218). Diese und andere Maßnahmen – wie die Schließung von Bordellen und Kaffeehäusern in Isfahan sowie die Entfernung anderer sogenannter „Verunreinigungen“ – zielten darauf ab, ein islamisches Erscheinungsbild zu schaffen, gleichzeitig Geld von Juden und anderen Minderheiten zu erpressen und möglicherweise von den gegenwärtigen wirtschaftlichen Krisen abzulenken (Matthee, S. 20, 23–28).
Laut der bereits benannten zeitgenössischen jüdischen Quelle aus Kāšān – dem "Ketāb-e anusi* („Buch des Zwangsbekehrten“), einem in Versform verfassten Bericht von Bābāʾi Ben Loṭf – wurden die Juden von Kāšān im Jahr 1656 CE zur Konversion zum Islam gezwungen (Moreen, S. 95). Nahezu sieben Jahre später, im Jahr 1662 CE, kehrten diese „neuen Muslime“ aus Kāšān zum Judentum zurück – dies war das Ergebnis einer Intervention des prominenten schiitischen Sufis und Gelehrten Mollā Moḥsen-Moḥammad Fayż Kāšāni (gest. 1679 CE) sowie der Bemühungen eines jüdischen Gemeindeleiters aus Kāšān, Mollā Ebrāhim.
Bei ihrer Rückkehr zum Judentum waren die Juden verpflichtet, die finanziellen Zuwendungen zurückzuzahlen, die ihnen für ihre Konversion zum Islam gewährt worden waren; zudem mussten sie die ausstehende Kopfsteuer (Dschizya) nachzahlen, die von den Anhängern offiziell anerkannter nichtmuslimischer Glaubensgemeinschaften erhoben wurde. Dies stellte eine „beträchtliche Summe“ dar, die jährlich zu entrichten war (mablaḡ-e ḵaṭir) und offenbarte den Wohlstand zumindest eines Teils der Juden von Kāšān (Waḥid Qazvini, S. 218; Māšiaḥ Ben Rafāʾel, bei Netzer, 1988; Moreen, S. 130–32).
Eine kleine Gemeinschaft jüdischer Konvertiten zum Islam, bekannt als „Jadids“ (kurz für "Jadid al-Islām", „neuer Konvertit“), die in einem eigenen Viertel Kāšān lebte und für ihre Entschlossenheit zum Islam bekannt war, bestand bis ins 20. Jahrhundert (Shofet, S. 89).
Zu den wohlhabenden und kosmopolitischen Juden von Kāšān während der Safavidenzeit zählte ein gewisser Mollā Masiḥ – ein jüdischer Arzt, dessen Familie aus Safed in Palästina stammte und der von Schah ʿAbbās I. als persönlicher Leibarzt von Schiras nach Kāšān berufen wurde. Der italienische Forschungsreisende, Reiseschriftsteller und Komponist Pietro Della Valle (1586-1652 CE) traf den innovativen und wissbegierigen Arzt im Jahr 1618 CE und war von dessen Fachwissen sowie seiner Sammlung gedruckter Bücher und Handschriften beeindruckt (Della Valle, Übers., S. 574).
Nach den Berichten von Bābāʾi Ben Farhād (S. 145–46) waren die Juden von Kāšān unter der kurzen Herrschaft von Maḥmūd Hotak (reg. 1722–1725 CE) und Ašraf Hotak (reg. 1725–1729 CE) - zwei afghanische Herrscher aus dem 18. Jahrhundert, die als Folge einer Rebellion die persische Safaviden-Dynastie stürzten und kurzzeitig als Schahs über Persien herrschten - besonders begünstigt und wohlhabend; ihnen standen dreizehn funktionierende Synagogen zur Verfügung. Berichten zufolge übertraf der Status der Nichtmuslime (einschließlich der Zoroastrier) zu jener Zeit sogar den der Schiiten.
Doch nach dem Aufstieg von Nāder Qoli (dem späteren Nāḍir Šāh Afschar, ) verschlechterte sich die Lage der Juden von Kāšān, was zu einer erneuten massenhaften Konversion zum Islam führte, die dieses Mal sieben Monate andauerte (Netzer, 1977; 1988). Diese ausgehandelte Massenkonversion könnte eine strategische Reaktion der Juden gewesen sein, um im Kontext eines Bürgerkriegs und der Abwesenheit einer Zentralgewalt die mehrfachen Zahlungen der Dschizya-Steuer an rivalisierende Machthaber zu vermeiden.
Das Kāšān der Frühen Neuzeit ist bekannt für seine Dichter und Gelehrten – darunter Bābāʾi ben Loṭf, sein Enkel Bābāʾi Ben Farhād, Judah ben Eleazar (Riba; 17. Jahrhundert), ein persischer Arzt, Philosoph und einer der bedeutendsten Gelehrten, der aus der jüdischen Gemeinde Persiens hervorging, der hochgefeierte Benyāmin b. Mišʾāel (gest. nach 1732 CE), bekannt unter dem Pseudonym "Amin", ein jüdischer Dichter aus Kāšān sowie der in eine Rabbinerfamilie geborene exzentrische persische Dichter und Günstling des Mogulkaisers (Dārā Šokōhr), Saʿid Sarmad (gest. 1661 CE). Letzterer konvertierte zum Islam, wenngleich er in persischen und europäischen Quellen stets als „Sarmad der Jude“, „der hebräische Pantheist“ oder „der jüdische Mystiker“ bezeichnet wird. Allerdings ist der Geburtsort von Saʿid Sarmad nicht abschließend geklärt (Schimmel und Waghmar, S. 116; Ṣafā, V/2, S. 1228–30).
Die jüdisch literarische Tradition Kāšāns ist die einzige ihrer Art, die bis heute bewahrt geblieben ist. Dieses kulturelle Erbe, zusammen mit einer heterodoxen karäischen Verbindung, die sich bis ins frühe 20. Jahrhundert hielt (Mehrdad Amanat, 2006, S. 38–40; Mousa Amanat, S. 191–92), sowie die überproportionale Präsenz von Rabbinern aus Kāšān als Gemeindeführer während der Pahlavi-Ära (Shofet, S. 254–66), unterstreicht die kulturelle Relevanz der Gemeinde. Obwohl Kāšān niemals das Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit oder die Sitz einer Jeschiwa war, verdankt es seine kulturelle Bedeutung dem kosmopolitischen Charakter der Stadt und ihrer geoökonomischen Lage als Knotenpunkt im Handel und als Industriezentrum.
Die erhebliche Lücke in den schriftlichen jüdischen Quellen nach dem 18. Jahrhundert kann teilweise durch den Bildungsstand der betroffenen Gemeinde Kāšān erklärt werden. Abgesehen von hochrangigen Rabbinern und Ärzten hatten Juden im Allgemeinen keinen Zugang zu einer Ausbildung in Persisch und Arabisch, was teils auf die rigide Durchsetzung der Reinheitsgesetze zurückzuführen ist. Ein herausragendes Beispiel für einen gebildeten jüdischen Gelehrten ist Ḥakim Hārun aus Kāšāns, der als Hofarzt in Teheran wirkte und für seinen beträchtlichen Reichtum sowie seine umfassenden medizinischen Kenntnisse bekannt war (Tsadik, S. 11, Anm. 43; Mehrdad Amanat, 2010, S. 123, Anm. 9).
Dennoch beschränkten sich die Bildungschancen unter den Juden von Kāšāns hauptsächlich auf das Studium des Hebräischen und Judaeo-Persischen in den Synagogen, was zu einer wachsenden kulturellen Isolation führte. Die erste jüdische Schule in Kāšān wurde in den Jahren 1910/11 gegründet und nach ihrem Stifter, dem Gemeindevorsteher Āqā Yequtiyel, benannt, nachdem es Widerstand gegen eine Initiative der Alliance Israélite Universelle zur Errichtung einer neuen Schule gegeben hatte. Die Mädchenschule der Alliance Israélite Universell entstand einige Zeit später. Traditionell wurde Frauen der Zugang zu formaler Bildung verwehrt; jedoch erhielten junge Mädchen und heranwachsende Jugendliche eine praktische Ausbildung in Haushaltsführung und vor allem in der Seidenverarbeitung, indem sie Zeit als Lehrlinge ("dāsi" – "Helferinnen“) in den Haushalten anderer jüdischer Familien verbrachten.
Trotz ihres reichen kulturellen Erbes entwickelte sich die jüdische Gemeinde von Kāšān bis zum späten 19. Jahrhundert zunehmend zu einer monolithischen Einheit unter der Kontrolle traditionalistischer Rabbiner, die insbesondere auf die strikte Einhaltung des Sabbats und der Speisegesetze pochten. Diese Entwicklung war auch auf den Druck der schiitischen Ulama zurückzuführen, deren Botschaft an die Juden lautete: „Entweder konvertiert zum Islam oder gehorcht eurer eigenen Geistlichkeit“ (Rayḥāni, bei Mehrdad Amanat, 2006, S. 257).
In einem dokumentierten Vorfall wurde einer rechtlosen jüdischen Einwanderin, die beschuldigt wurde, preiswertes, nicht koscheres Fleisch gekauft zu haben, Gewalt durch einen Rabbiner angedroht. In einem anderen Beispiel war ein älterer jüdischer Mann gezwungen, eine Nacht vor dem Stadttor von Kāšān in der Kälte zu verbringen, da die Rabbiner das Passieren am Sabbat untersagt hatten (Rayḥāni, bei Mehrdad Amanat, 2006, S. 256–257).
Extreme Ausdrucksformen frommer Religiosität waren unter den Juden von Kāšān nicht selten; dazu zählten regelmäßige Fastenperioden und Selbstgeißelungen – zum Beispiel durch einen Rabbiner – zur Buße am Jom Kippur. Während dieser Zeit zogen es einige sogar vor, den ganzen Tag in der Synagoge zu verbleiben, um dem Anblick von Nichtjuden zu entgehen (Rayḥāni, in Mehrdad Amanat, 2006, S. 188, 233, 257–258).
Trotz dieser Strukturen übten die Rabbiner nicht die alleinige Kontrolle über das religiöse Leben der Gemeinde aus. Es gibt Hinweise auf einen populären, aufgeklärten Mystiker (ʿāref) aus dem späten 19. Jahrhundert, genannt ʿAšur, der nonkonformistische Ansichten vertrat, diese jedoch weitgehend privat hielt. Berichten zufolge, weigerte er sich, als Rabbiner (mollā) bezeichnet zu werden, da er diesen Titel verachtete (Rayḥāni, in Mehrdad Amanat, 2006, S. 278–279).
Eine ausgeprägte und weit verbreitete Form der Nonkonformität fand in jener Zeit innerhalb einer kleinen Gemeinschaft, überwiegend junger jüdischer Männer, statt, die sich dem neu gegründeten Bahai-Glauben zuwandten – einer Religion, die im Gegensatz zum Islam keinen vollständigen Bruch mit der jüdischen Vergangenheit der Konvertiten verlangte. Ein Vorfall einer Massenkonversion der Juden von Kāšān zum Bahai-Glauben wird für das späte 19. Jahrhundert dokumentiert, als zahlreiche Anhänger eines Rabbiners, namens Mollā Solyamān, freiwillig konvertierten, später jedoch zum Judentum zurückkehrten (Rayḥāni, bei Mehrdad Amanat, 2006, S. 214).
Ein weiteres verbreitetes Konversionsmuster fand unter jungen jüdischen Männern aus Kāšān Anwendung, die ihre Heimat verließen, um in Handelszentren wie Hamadān oder Arāk nach wirtschaftlichen Möglichkeiten zu suchen, und die Konversion zum Bahai-Glauben als eine Möglichkeit zur Verständigung mit der Modernität betrachteten, der sie dort begegneten.
Die Rabbiner betrachteten es als ihre Pflicht, den Konversionen entgegenzuwirken, und suchten die Unterstützung der örtlichen Gouverneure; diese waren bereit einzugreifen und die Konvertiten inhaftieren zu lassen, bevor sie diese wieder auf freien Fuß setzten (Rayḥāni, übers. v. Mehrdad Amanat, 2006, S. 224–233).
Bis in die 1850er Jahre waren die Juden von Kāšān relativ wohlhabend und politisch weniger angreifbar als andere jüdische Gemeinden. Sie waren als Händler und Seidenfärber aktiv in die Seidenindustrie Kāšāns eingebunden (Stern, S. 179, 182; Benjamin, S. 195–196; Curzon, II, S. 13, 525).
Im Laufe des selben Jahrhunderts erfuhren die Juden von Kāšān jedoch einen signifikanten Rückgang ihres Lebensstandards, infolge ihrer zunehmenden, religiös motivierten Marginalisierung im Geschäftsleben des Hauptbasars. Diese Entwicklung könnte gezielt von muslimischen Händlern herbeigeführt worden sein, um die Konkurrenz durch jüdische Mitbewerber auszuschalten. Zudem litten sie unter dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang ihres einst blühenden Standorts, was teilweise der westlichen Marktdominanz bei kostengünstigen Textilien nach der Industriellen Revolution zuzuschreiben ist.
Dennoch spielten die Juden von Kāšān bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein eine aktive Rolle im Seidenhandel und in der Seidenverarbeitung, wobei die Arbeitsverteilung geschlechtsspezifisch organisiert war. Jüdische Frauen hatten ein Monopol auf das Sortieren von Seidengarnen, eine Tätigkeit, die sie in ihren Haushalten unter Verwendung eines Handwebstuhls (kupi) ausübten. Die jüdischen Männer handelten mit Rohseide, die sowohl lokal als auch in Gilan produziert wurde, und beschäftigten sich mit dem Verspinnen des sortierten Garns, das dann hauptsächlich von muslimischen Webern weiterverarbeitet wurde. Einige jüdische Männer waren sowohl im Handel als auch in der Produktion tätig; sie kauften die Rohseide, überwachten deren Verarbeitung und exportierten Textilwaren in Regionen wie Kurdistan, wo diese als Teil der traditionellen lokalen Kleidung Verwendung fanden (Mousa Amanat, S. 39).
Im Gegensatz zu anderen bedeutenden jüdischen Zentren im Iran blieb Kāšān von Antisemitismus weitgehend unberührt. Dennoch kam es mindestens einmal um die Jahrhundertwende, nach der Aufführung eines Passionsspiels (Taʿziya), zu einem Vorfall der Verfolgung (Yahud Begiri). Dieser Vorfall endete erst, nachdem die jüdischen Gemeindevorsteher eine hohe Geldsumme an die Anführer der Randalierer gezahlt hatten (Rayḥāni, bei Mehrdad Amanat, 2006, S. 241–242).
Die Beziehungen der Juden zur konservativen schiitischen Bevölkerungsmehrheit waren häufig durch das Stigma der "rituellen Unreinheit" ("Najāsat") belastet, was eine soziale Barriere schuf und zu Isolation führte. Trotz eines tiefen Misstrauens gab es jedoch auch freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Gruppen. Zu den führenden Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde zählten Rabbiner (Ḥaḵamim), Älteste (Kadḵodās) und einflussreiche Persönlichkeiten in der staatlichen Verwaltung. Traditionell war es Brauch, dass die Gemeindeführer dem Gouverneur zu besonderen Anlässen, wie dem Neujahrsfest Nouruz, Geschenke überreichten.
Schätzungen von Außenstehenden zufolge umfasste die jüdische Gemeinde von Kāšān Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 200 Familien und um die Wende zum 20. Jahrhundert etwa 1.800 Einzelpersonen. Diese lebten größtenteils im jüdischen Viertel, wenn auch nicht ausschließlich. Laut einer anderen Quelle zahlten – neben vielen weiteren Abgaben – nur fünfzig bis sechzig Familien eine bescheidene jährliche Kopfsteuer von einem Toman pro Haushalt. Der Toman (auch Tomaund oder Tomond) war eine alte persische Goldmünze, die ursprünglich dem Dukaten glich.Sie wurde in 10 Kran à 2 Panabat à 10 Schahi (4 Schāhi entsprachen einem Abbāsi oder 200 Dinar) eingeteilt und enthielt gesetzmäßig 3,376 g Feingold. Diese Berechnung an jährlicher Kopfsteuer pro Haushalt könnte jedoch auf einer zu weit gefassten Definition des Haushalts beruhen, die die tatsächlichen Zahlen für steuerliche Zwecke nach unten verzerrte (Stern, S. 171; Tsadik, S. 9; Abbot, S. 122).
Ein jüdischer Rat, bestehend aus Ältesten und Honoratioren (Anjoman-e Kalimiān-e Kāšān), war für die Angelegenheiten der Gemeinde in Kāšān verantwortlich. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verfügte die Gemeinde Kāšāns über sieben funktionstüchtige Synagogen, darunter eine, die von einem zum Islam konvertierten Juden namens Naṣr-Allāh ("Mollā Nisān") erbaut und nach ihm benannt worden war (Shofet, S. 54–56). Der jüdische Friedhof, bekannt als "Bet Haym" und später als "Beheštiya", befand sich außerhalb des "ʿĀttar" (Tors der Stadt) und war ein weitläufiges, umfriedetes und karges Gelände; zahlreiche Grabsteine waren beschädigt, wahrscheinlich durch Muslime. Die Verstorbenen wurden traditionell zu Hause gewaschen und anschließend von ihren Angehörigen zum Friedhof getragen (Mousa Amanat, S. 49).
Zu den jüdischen Heiligtümern in Kaschan gehört besonders das Grab des Kabbalisten, Gelehrten und Dichters Hakham Mullah Moše Halevi (auch Moshe Ha-Lavi; Shofet, S. 62–63). Die Kultstätte ist in der historischen Darayi-Straße
(nahe dem jüdischen Viertel und einem jüdischen Friedhof) lokalisiert. Moše Halevi wirkte im 16. und frühen 17. Jahrhundert. Er wanderte vermutlich im Zuge der Inquisition aus Spanien nach Persien aus. In der jüdischen Gemeinde des Iran, dieKāšān einst den Beinamen "Klein-Jerusalem" einbrachte, wird er als Gelehrter verehrt, der sich unter anderem mit Kabbala, Astronomie und traditioneller Medizin befasste. Das Gebäude das sein historisches Wohnhaus und sein Grab umschließt, wurde zuletzt im Jahr 2006 durch das Tehran Jewish Committee umfassend restauriert und renoviert.
Bis zum Jahr 1943 waren die jüdischen Einwohner Kāšāns – nach Einwanderungswellen in Handelszentren wie Hamadan, Rasht, Arāk und besonders Teheran – auf lediglich 1.380 angewachsen (ʿĀlam-e Yahud, Nr. 22, 15. Januar 1946, S. 379; Nr. 28, 12. März 1946, S. 472–473). In der Gegenwart sind keine Zeugnisse der jüdischen Gemeinde mehr in Kāšān vorhanden, was auf die zunehmende ethnische und religiöse Homogenität im Iran hinweist. Lediglich ein schwacher Hauch ethnischer Zugehörigkeit blieb unter jenen Juden in Teheran, Kalifornien und Israel erhalten, die Kāšān nach wie vor als ihre Heimatstadt betrachten
Bābā'ī ben Farhād orientierte sich in seinem Werk an den Schriften seines Großvaters, Bābā’ī ben Loṭf; es gilt als das zweite bekannte persisch-jüdische Geschichtswerk dieser Art. Ähnlich wie sein Großvater lebte er als Krypto-Jude und praktizierte das Judentum heimlich, während er öffentlich den Islam annahm.
Seine Chronik behandelt den Niedergang der Safaviden-Dynastie während der afghanischen Invasion im Iran von 1722 CE bis 1730 CE. Das Werk ist in persischer Sprache verfasst, nutzt jedoch die hebräische Schrift. Es folgt dem Stil klassischer persischer Dichtkunst und integriert sowohl die persische Alltagssprache als auch Sufi-Anspielungen.
Bābā'ī ben Farhād übt in seiner Arbeit Kritik an Nādir Šāh Afschar, der Tahmasp II. absetzte und von der jüdischen Gemeinde erhebliche finanzielle Beiträge forderte. Zu jener Zeit als Nādir Šāh Afschar noch als General unter dem Namen Ṭahmāsp Qulī aktiv war, entthronte er den letzten Safaviden, Schah Tahmasp II. Nach einem gescheiterten Krieg gegen das Osmanische Reich putschte Nādir Šāh 1732 CE gegen Schah Tahmasp II, verbannte ihn und setzte dessen minderjährigen Sohn Abbas III. auf den Thron. 1736 CE ließ sich Nādir Šāh Afschar schließlich selbst zum Schah krönen, wodurch die Herrschaft der Safaviden offiziell endete.
Nādir Šāh Afschar erhob unter dem Titel "Ṭahmāsp Qulī Khān" drückende Steuern und plünderte während seiner Feldzüge zahlreiche Städte, was viele Juden zur Konversion drängte, um weiteren Ansprüchen und dem Verlust ihres Lebens zu entgehen. Glücklicherweise konnten die Synagogen später wieder eröffnet werden. Bābā'ī ben Farhād war zudem Zeuge der Invasionen durch Osmanen und Russen. Seine Chronik, die die Zwangskonvertierungen der jüdischen Gemeinschaften in Kāšān, Isfahan und Hamadan sowie deren Leiden zwischen 1721 CE und 1731 CE behandelt, orientiert sich an den Schriften seines Großvaters Bābā’ī ben Loṭf und gilt somit als die zweite bedeutende persisch-jüdische Chronik. Bābā’ī ben Loṭf (pers. بابائی بن لطف, hebr. באבאי בן לוטף; verstorben nach 1662) war ein jüdischer Dichter und Historiker im Iran der Safavidenzeit des 17. Jahrhunderts. Er lebte in Kāšān, wo er höchstwahrscheinlich auch geboren wurde, und verfasste die erste jüdisch-persische Chronik, das "Ketāb-e anūsī" oder "Buch der Zwangskonvertierten", das aus etwa 5.300 Versen in judaeo-persischer Sprache besteht. Bābā'ī ben Loṭf wurde gewaltsam zum Islam bekehrt, praktizierte jedoch das Judentum heimlich. Das Werk gilt als eines der frühesten historischen Erzählungen der iranischen Juden.
Ähnlich wie sein Großvater war auch Bābā'ī ben Farhād ein Krypto-Jude (anusim), wodurch er gezwungen war, seinen Glauben im Verborgenen zu leben und nach außen hin den Islam anzunehmen. Diese Chronik bietet einen seltenen und subjektiven Einblick in die persische Geschichte aus der Perspektive einer religiösen Minderheit. Der Schwerpunkt liegt auf den schweren Verfolgungen in den Jahren 1729 CE und 1730 CE, als die Juden von Kāšān, wie auch in Isfahan und Hamadan, zur Annahme des Islam gezwungen wurden, jedoch heimlich an ihrem jüdischen Glauben festhielten. Das Werk dokumentiert die Zerrissenheit Irans, den Einfall der afghanischen Herrscher Maḥmūd Hotak (reg. 1722–1725 CE) und Ašraf Hotak (reg. 1725–1729 CE) aus dem 18. Jahrhundert, die als Folge einer Rebellion die persische Safaviden-Dynastie stürzten und kurzzeitig als Schahs über Persien herrschten sowie die militärischen Auseinandersetzungen von Nader Qoli Khan, dem späteren Nāḍir Šāh Afschar.
Interessanterweise erwähnt der Autor, dass die afghanischen Eroberer Maḥmūd Hotak und Ašraf Hotak den Juden (und Zoroastriern) zunächst einen höheren soziopolitischen Status zuschrieben als den schiitischen Muslimen und ihnen eine gewisse Toleranz entgegenbrachten. Die Literatur zu diesem Thema ist vielfältig, darunter Werke des ungarisch jüdischen Gelehrten Wilhelm Bacher (1850-1913), der Gelehrten der Geschichte und Kultur des vormodernen Judentums Vera Basch Moreen, und des britischen Gelehrten Laurence Lockhart (1890–1975); ihre Werke setzen sich intensiv mit der Rolle der jüdischen Gemeinschaft im Iran während dieser turbulenten Zeit auseinander.
Literaratur: Amanat, Mehrdad, Amanat. "KASHAN viii. RELIGIOUS COMMUNITIES (1) JEWISH COMMUNITY." ( May 1, 2012), auf Encyclopaedia Iranica, abgerufen am 23.05.2026; Abbot, Keith Edward. Cities and Trade: Consul Abbot on the Economy and Society of Iran 1847-1866, ed. Abbas Amanat, London 1983; Amanat, Mehrdad.“Negotiating Identities: Iranian Jews, Muslims and Baha’is. In: The Memoirs of Rayhan Rayhani (1859- 1939), Ph.D. diss., University of California, Los Angeles, 2006; Amanat, Mehrdad. Jewish Identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha’i Faith. Library of Modern Religions 9. London and New York: I. B. Tauris, 2011; Benjamin, Israel Josef. Eight Years in Asia and Africa, from 1846 to 1855. Hannover, Selbstverl. 1859; Curzon, George N. Persia and the Persian Question, 2 vols., repr., London: Frank Cass, 1966; Pietro Della Valle. Viaggi di Pietro Della Valle, il Pellegrino, 2 vols., Brighton, UK:G. Gancia, 1843; tr. Šoʿāʿ-al-Din Šafā as Safar-nāma-ye Petro Delā Vāla, Tehran, 1969; Levi, Habib. Tāriḵ-e Yahud-e Irān, 3 vols., Los Angeles, 1984; Matthee, Rudi. “Career of Mohammad Beg Grand Vizir of Shah ʿAbbas II (r. 1642-1666),” Iranian Studies 24/1-4 (1991), pp. 17-36; Moreen, Vera Basch. Iranian Jewry’s Hour of Peril and Heroism: A Study of Bābāi Ben Lutf’s Chronicle (1617-1662), New York: Columbia University Press1987; Schimmel, Annemarie and Burzine K. Waghmar. The Empire of the Great Mughals: History, Art and Culture, London: Reaktion Books, 2004; Shofet, Y. Ḵāṭerāt-e Hāḵām Yedidyā Šofet, Los Angeles, 2000; Stern, Henry Aaron. Dawnings of light in the East: with biblical, historical, and statistical notices of persons and places visited during a mission to the Jews, in Persia, Coordistan, and Mesopotamia. London: Charles H. Purday, 1854;Tsadik, Daniel. Between Foreigners and Shiʿis: Nineteenth-Century Iran and Its Jewish Comunity, Stanford, Calif.:University Press, 2007;'Emād-a-Din Moḥammad-Ṭāher Waḥid Qazvini, ʿAbbās-nāma yā šarḥ-e zendagāni-e 22 sāl-e Šāh ʿAbbās-e ṯāni, ed. Ebrāhim Dehgān, Arak, 1950.
Jonas Hanway (1712-1786), ein britischer Kaufmann, Schriftsteller und Philantrop
Jonas Hanway (1712-1786), ein britischer Kaufmann, Schriftsteller und Philantrop, der 1744 Persien bereiste, traf Nāḍir Šāh Afschar persönlich. In seinem Werk "An Historical Account of the British Trade over the Caspian Sea, with The Author's Journal Travels from England through Russia into Persia, and back through Russia, Germany and Holland (...)." (1753) beschreibt er die paradoxe Mischung aus Unterdrückung, Ausbeutung , Grausamkeit und strategischer Toleranz des Usurpators Nāḍir Šāh Afschar gegenüber den Juden und Menschen unterschiedlicher Herkunft, die er in Mashhad während seiner Siedlungspolitik zwangsweise ansiedelte.
"When I was in PERSIA my curiosity led me to collect several anecdotes concerning the famous usuper NADIR SHAH: I had the fortune to experience such marks of his clemency, as the most polite CHRISTIAN countries can produce few parallels. This afforded me an oportunity of entering into the character of this extraordinary person; and as I found no regular and continued historical account of him, I resolved to use my own papers, with the addition of such as I could procure here and in RUSSIA. The proper basis of such a work, seemed to be the revolutions of PERSIA during the century, till the time in which he came to act so dreadful a part on the stage of life; this period takes in near thirty years, and includes the unhappy reign of HUSSEIN, and the invasion of the AFGHANS (...)" (Introduction, Vol. I, S. xii)
Jonas Hanway beschreibt seine Eindrücke beim Besuch von Buchara, einem Ort, an dem sowohl Juden als auch Araber verkehrten, die hohe Steuern zahlen mussten und extrem unterdrückt wurden. Sie wurden oftmals ihres gesamten Besitzes durch den Khan oder seine Gefolgsleute beraubt, die sich nach Belieben an deren Hab und Gut bereicherten.
"The inhabitants of this city [Ergänzung durch den Author: Bokhara] are more civilized and polite than those of KHIEVA; buth they are also cowardly, cruel, effeminate, and extremely perfidious. Great numbers of JEWS and ARABIANS frequent this place; though they are much oppressed, and often deprived of their whole possessions by the KHAN, or his attendants, who feize them at their pleasure; and notwithstanding the pay most heavy taxes, it is criminal in them to be rich." (Vol. I, S.353)
Um 1744 erreichte Jonas Hanway die blühende Handelsmetropol Mashhad, die Hauptstadt von Chorasan und die "Lieblingsstadt" des Nāḍir Šāh Afschar. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Stadt von Nāḍir Šāh Afschars Sohn Reza Quli Mirza regiert. Er beschreibt die Stadt Mashhad, die nördlich einer Bergkette gelegen, über eine umfassende Wasserzufuhr verfügt, die über einen Aquädukt aus beträchtlicher Entfernung geleitet wird. In Friedenszeiten - so Jonas Hanway - fungierte Mashhad als bedeutendes Handelszentrum; täglich eintreffende Karawanen aus Bukhara, Balkh, Biddukshan, Kandahar und Indien sowie aus sämtlichen Teilen Persiens belegten dies. Die Bazarflächen, die Marktplätze der Stadt, waren großzügig gestaltet, gut erbaut und von einer Vielzahl von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten bevölkert, die sich mit kostbaren Waren versorgten. Schätzungen zufolge existierten in dieser Stadt circa neunzig Karawansereien, die sich sämtlich in einwandfreiem Zustand befanden.
Er berichtet, dass Nāḍir Šāh Afschar die Ansiedlung einer großen Anzahl von Menschen aus allen Teilen Persiens sowie aus den neu eroberten Gebieten veranlasste und umfassende Mittel einsetzte, um die Stadt zu einer "blühenden Stadt" zu verwandeln. Die Reise von Buchara zur Stadt dauerte mittels direkter Route 14 Tage, 20 Tage von Balkh, 26 Tage von Biddukshan und 30 Tage von Kandahar.
Jonas Hanway verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen gewissen Berichterstatter namens van Mierop, der nur drei Jahre später über den Handel in Mashhad berichtet (siehe Bericht, Band II, S. 24). Dieser unterstreiche indessen sehr deutlich, wie rasant Nāḍir Šāh Afschar zu dem Verfall Persiens, einschließlich dieser von ihm bevorzugten Stadt Mashhad, beigetragen haben muss.
"September the 22d, we arrived at MESCHED, the capital of KHORASAN, and the favourite city of NADIR. It was at this time governed by his son RIZA KOULI MYRZA: it is situated to the north of a ridge of mountains, ansd is well supplied with water, which is brought hither in an aqueduct from a great distance. In time of peace it is a great place of great trade, caravans are employed daily from BOKHARA, BALKH, BIDDUKSHAN, KANDAHAR, and INDIA; as well as from all parts of PERSIA. The BAZARS, or market-places, ar large and well built, filled with rich merchandize, and frequented by great numbers of people of different nations. There were computed about ninety caravanserai in this city, all in good repair. Great numbers of people were sent hither by NADIR SHAH from all parts of PERSIA, as well as from the new-conquered dominions; and all other means were used to make it a "flourishing city: it is 14 days journey distant from BOKHARA by the direct road, 20 from BALKH, 26 from BIDDUKSHAN, and 30 from KANDAHAR." (Vol. I, S.356)
"The account which Mr. VAN MIEROP gave of the trade of MESCHED three years afterwards (s. the account vol. II,p. 24) plainly shews how rapid a progress NADIR SHAH made in the ruin of PERSIA, even of this favourite city." (Vol. I, S.357)
Jonas Hanway (1712–1786 CE) bereiste Persien in den Jahren 1743 CE bis 1745 CE. Seine Reise war Teil einer Handelsunternehmung der British Russia Company über das Kaspische Meer. Er verfasste einen detaillierten Reisebericht über den Norden des Iran in den letzten Lebensjahren von Nāḍir Šāh Afschar. Als Sohn eines Marineversorgers verbrachte Jonas Hanway mehrere Jahre in Portugal, bevor er 1743 CE nach St. Petersburg zog, um für die Britisch-Russische Kompanie zu arbeiten. Bald darauf wurde er in den Iran entsandt, um die Lage des Handels der Gesellschaft dort zu beurteilen und deren Vertreter, John Elton, zu überprüfen.
John Elton, ein englischer Seemann, hatte seit 1740 CE daran gearbeitet, eine britische Handelspräsenz am Kaspischen Meer aufzubauen, nachdem er sich Handelsprivilegien von Nāḍir Šāh Afschar gesichert hatte. Als „Jamāl Beg“ baute John Elton zudem eine Kaspische Flotte für Nāḍir Šāh Afschar auf. Die Russen sahen es mit Argwohn, dass John Elton sowohl als iranischer Marinekommandant als auch als britischer Kaufmann fungierte. 1743 CE denunzierten sie ihn als Schmuggler und Spion, weshalb Jonas Hanway entsandt wurde, um die Lage aus erster Hand zu beurteilen. Jonas Hanway traf in Langarūd auf John Elton. Sein erster Eindruck von John Elton und der Lage des britischen Handels im Iran war positiv. Dies bestärkte Jonas Hanway darin, eine Testkarawane mit Waren nach Mashhad zu organisieren, einem wichtigen Umschlagplatz auf der Landroute von der Kaspischen Region nach Indien.
Seine Reise endete abrupt in Astarābād, wo er festgenommen und der Großteil seiner Ladung von den Truppen Moḥammad Ḥasan Khan Qājārs geplündert wurde, der zu dieser Zeit gegen Nāḍir Šāh Afschar rebellierte. Jonas Hanway gelangte nur knapp zurück nach Langarūd und wurde von John Elton überredet, von Nāḍir Šāh Afschar Entschädigung zu verlangen. Im königlichen Lager bei Hamadan versprachen die Stellvertreter des Schahs Jonas Hanway eine Entschädigung, wiesen ihn jedoch an, diese in Astarābād einzufordern. Hanway kehrte widerwillig zurück, erhielt jedoch erst nach zähen Verhandlungen eine teilweise Entschädigung für seine Verluste.
Er kehrte im September 1744 CE nach Russland zurück, mit einer pessimistischen Einschätzung der Zukunft des Handels in der Region. 1746 CE verhängten die Russen ein formelles Verbot gegen britische Kaufleute am Kaspischen Meer. Großbritannien focht diese Entscheidung nicht an, angesichts der mäßigen Bilanz seiner Handelsunternehmungen vor Ort und der erkannten Notwendigkeit, Russland in europäischen Konflikten zum Verbündeten zu machen.
Im Jahr 1750 CE, kurz nach seiner Rückkehr nach England, veröffentlichte Hanway „An Historical Account of the British Trade over the Caspian Sea (...)“, ein vierbändiges Kompendium seiner Erlebnisse in Russland und Persien. Die ersten beiden Bände enthalten einen Bericht über seine Reise, angereichert mit wertvollen Augenzeugenbeschreibungen, wie etwa einer detaillierten Schilderung von Nāḍir Šāh Afschars Lager. Die beiden folgenden Bände sind eine allgemeine Geschichte des Iran von 1722 CE bis 1749 CE, die sich weitgehend auf die früheren Werke von Judasz Tadeusz Krusinski (1675 – 1756), einem polnischen Jesuiten stützt, der von 1707 CEbis 1725/1728 CE im safavidischen Iran lebte und als Vermittler und Hofübersetzer zwischen dem Papsttum und dem iranischen Hof tätig war, sowie auf die Beschreibung von Louis André de la Mamie de Clairac (1690-1752), einem französischen Militäringenieur.
Jonas Hanway, der die aufklärerische Abneigung gegen absolute Herrscher zum Ausdruck brachte, sah in Nāḍir Šāh Afschar kaum mehr als einen tyrannischen Usurpator, getrieben von Macht- und Reichtumsgier, bewunderte jedoch das „robuste, kriegerische und zähe“ Wesen der Perser, denen er begegnet war.
In späteren Jahren erlangte Jonas Hanway Ruhm als Gründungsmitglied der Marine Society, einer der ersten modernen englischen Wohltätigkeitsvereinigungen. Er verfasste zahlreiche Bücher und Traktate, schrieb jedoch nie wieder über Persien.
Literatur: An Historical Account of the British Trade Over the Caspian Sea: With a Journal of Travels from london through RUSSIA into PERSIA; and back again through RUSSIA, GERMANY and HOLLAND. To which are added, The revolution of PERSIA during the present century, with the particular history of the great usurper NADIR KOULI", 4. vols., by Jonas Hanway (ed.), vol. I, London: T. Osborne [etc.], 1753; Tucker, Ernest. "HANWAY, JONAS." auf Encyclopaedia Iranica, abgerufen am 12.05.2026.
Nāḍir Šāh Afschars Ermordung 1747 und sein tragisches Erbe
Die Phase von Nāḍir Šāh Afschars Herrschaft bis zu seiner Ermordung im Jahr 1747 CE muss als eine kurzzeitige, gezielte Unterbrechung der Verfolgung der Juden betrachtet werden, ein eher pragmatisches Protektorat, das politisch und wirtschaftlich motiviert war und nicht aus altruistischen Gründen erfolgte.
Seine Herrschaft war von beispiellosen militärischen Erfolgen, massiver territorialer Expansion und zunehmender Tyrannei geprägt, die 1747 CE in seiner Ermordung gipfelte. In seinen letzten Lebensjahren wandelte sich Nāḍir Šāh Afschar von einem populären Befreier zu einem herrschsüchtigen und grausamen Tyrannen. Die ständigen Kriege führten zu einem wirtschaftlichen Niedergang und einer ruinösen Steuerpolitik, die die persische Bevölkerung zunehmend in die Armut trieb. Aufgrund seiner Härte und der ihn befallenden Paranoia kam es zu zahlreichen Aufständen, die er blutig niederschlug, oft unter Anwendung von Kopf-Schädel-Pyramiden.
Nadir Schah wurde am 20. Juni 1747 CE im Alter von 58 Jahren von seinen eigenen Generälen in seinem Zelt in der Nähe von Fathabad (bei Quchan, Chorasan) im Schlaf ermordet. Nach seinem Tod brach sein Reich rasch zusammen, da es an einer soliden internen Struktur fehlte.
Ahmad Schah Durrani, ein Leibwächter Nāḍir Šāh Afschars, nutzte das entstandene Machtvakuum, floh mit Teilen des Schatzes (inklusive des "Koh-i-Noor") nach Kandahar und begründete den modernen afghanischen Staat. Der "Koh-i-Noor"- "Berg des Lichts", ein 108,93- karätiger Diamant (21,786 g), verblieb nach seinem Tod zunächst in der Schatzkammer von Punjab. Als der Staat gut 100 Jahre später von Britisch-Indien annektiert wurde, ging das Kleinod infolge der Sikh-Kriege in den Besitz der Britischen Ostindien-Kompanie über. Im Jahr 1850 CE wurde der Stein der britischen Königin Victoria zum 250. Gründungsjubiläum der Britischen Ostindien-Kompanie überreicht. Königin Victoria ließ den "Koh-i-Noor" 1852 CE neu schleifen, nachdem Verwunderung über sein "mangelndes Feuer" laut geworden war. So wurde der vormals 186-karätige Diamant auf seine heutige Größe von 108,93 Karat (21,786 g) gebracht.
Zur Krönung von Königin Mary 1911 wurde der "Koh-i-Noor" als zentraler Stein der Krone verwendet und schließlich 1937 in die Krone von Königin Elizabeth, der späteren Königinmutter, übernommen. In Pakistan, Afghanistan und Iran wurden in der Vergangenheit immer wieder Forderungen nach Rückgabe des "Koh-i-Noor" gestellt. In neuerer Zeit wurde insbesondere die Frage diskutiert, ob die Familie des früheren Maharadschas von Punjab, Ranjit Singh, in deren Besitz der Diamant 1747 CE gelangt war, den Stein im 19. Jahrhundert freiwillig den Briten übergeben hatte. Im März 2016 prüfte das Oberste Gericht Indiens in Delhi eine Petition auf Rückgabe des Diamanten. Am 18. April 2016 erklärte der indische Generalstaatsanwalt Ranjit Kumar den Streit vorerst für beendet. Der Generalstaatsanwalt stellte fest, dass der Stein von der Kolonialmacht Großbritannien weder unter Zwang entwendet noch gestohlen worden sei. Das indische Kulturministerium ließ daraufhin verlauten, dass Indien versuchen wolle, den Diamanten auf freundschaftliche Weise zurückzugewinnen. Mit Rücksicht auf diesen Disput wurde der Diamant für die Krönung von Queen Camilla 2023 aus der Königinmutter-Elizabeth-Krone entfernt.
Im Iran folgten auf Nāḍir Šāh Afschars Tod weitere Machtkämpfe, aus denen schließlich Karim Khan-e Zand (1705 CE -1779 CE), kurz Karim Khan, ein iranischer Stammesführer, General unter Nāḍir Šāh Afschar, später im Süden als Herrscher von Persien und Gründer der kurzlebigen Dynastie der Zand-Fürsten hervorging. Nāḍir Šāh Afschar war eine komplexe Figur, deren militärisches Genie den Iran kurzzeitig zur stärksten Macht in Westasien machte, aber deren rücksichtslose Herrschaft das Land wirtschaftlich vollständig erschöpfte.
Moderne historische Darstellungen, wie Laurence Lockharts „Nadir Shah: A Critical Study Based Mainly Upon Contemporary Sources“ (London, 1938), bieten eine kritische Analyse seiner politischen Maßnahmen. Lockhart (1890-1975) war ein Gelehrter und Fotograf des Iran. Er verbrachte einen Großteil seiner Kindheit in Südafrika, wo sein Vater in der Bergbauindustrie tätig war. Als er nach Hause zurückkehrte, um die höhere Schule zu besuchen, erkrankte er und wurde für einen Winter nach Kairo geschickt, um sich zu erholen. Seine Zeit dort weckte sein Interesse am Nahen Osten, da er sich grundlegende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Sprechen der arabischen Sprache aneignete. Er studierte Geschichte am Pembroke College der Universität Cambridge; 1913 wurde ihm der akademische Grad des Bachelor of Arts verliehen. Er blieb dort noch zwei weitere Jahre, um Arabisch und Persisch unter der Anleitung solcher Koryphäen wie Edward G. Browne und Reynold A. Nicholson zu studieren; diese Studien schloss er mit höchsten akademischen Auszeichnungen ab. Eine Knieverletzung befreite ihn im Ersten Weltkrieg vom Militärdienst, weshalb er als Sachbearbeiter im britischen Außenministerium tätig war. In den darauffolgenden zwei Jahrzehnten (1919–1939) arbeitete er für die Anglo-Persian Oil Company, die 1935 in „Anglo-Iranian Oil Company“ (AIOC) und 1954 in „British Petroleum“(BP') umbenannt wurde.
Eine überarbeitete Fassung seiner Dissertation – die erste moderne, umfassende wissenschaftliche Studie über den iranischen Herrscher des 18. Jahrhunderts, Nāder Schah Afšār (reg. 1148–60/1736–47) –, wurde 1938 als Monografie veröffentlicht. Laurence Lockharts maßgebliches Werk über Nader Schah trägt den Titel „Nadir Shah: A Critical Study Based Mainly upon Contemporary Sources“ und wurde 1938 in London bei Luzac & Co. veröffentlicht. Dieses Buch gilt als bedeutende wissenschaftliche Untersuchung des Lebens und der Herrschaft Nader Schahs, die auf Primärdokumenten beruht.
Im Jahr 1939 veröffentlichte Lockhart "Famous Cities of Iran" – eine Sammlung seiner Reiseberichte aus dem Iran, die ursprünglich in der Zeitschrift "The Naft" (dem Hausblatt der AIOC) erschienen waren. Obwohl Lockhart nie eine formelle Hochschulposition innehatte, blieb er während seiner gesamten beruflichen Laufbahn – und selbst nach seiner Pensionierung – akademisch tätig. Seine ersten beiden Artikel, die 1926 veröffentlicht wurden, waren kommentierte Übersetzungen zeitgenössischer Quellen in portugiesischer und spanischer Sprache über Nāder Schah Afšār. In den darauffolgenden fünf Jahrzehnten verfasste er eine vielfältige Reihe von Werken zu Themen des Nahen Ostens und des Irans. Zwei seiner wichtigsten Arbeiten – "Nadir Shah" (1938) und "The Fall of the Ṣafavī Dynasty" (1958) – gelten bis heute als Standardmonografien der Iranistik.
Martin Bernard Dickson (1924 – 1991), Professor für Nahoststudien an der Princeton University sowie Historiker Irans und Zentralasiens, verfasste eine vernichtende Rezension des letztgenannten Werkes – eine Kritik, die bisweilen als Vorläufer von Edward Saids Analyse des Orientalismus betrachtet wird. Martin B. Dickson würdigte Lockhart zwar für die Erschließung neuer Primärquellen sowie für die neuartige Einbeziehung russischer Forschungsliteratur; zugleich jedoch übte er scharfe Kritik an dessen Geschichtsphilosophie, die er auf einem „hypothetischen Männlichkeitsindex“ basieren sah, auf dem Europäer eine höhere Position einnahmen als „Orientalen“ – mit den Persern noch unterhalb aller anderen.
Die Regierungszeit Nāḍir Šāh Afschar stellt eine paradoxe Zäsur in der Geschichte der persischen Juden dar. Einerseits erlebte die jüdische Gemeinschaft eine kulturelle Blüte und staatlichen Schutz, andererseits legte die forcierte Ansiedlung der Juden in Mashhad den Grundstein für das spätere krypto-jüdische Überleben der Gemeinde nach dem Allahad-Pogrom von 1839 CE.
Nādir Šāh Afschār (reg. 1736 Ce–1747 CE) brachte den Juden in Persien eine Phase der relativen Erleichterung und religiösen Toleranz nach etwa 150 Jahren schwerer Verfolgung, Zwangsbekehrungen und geheimer Glaubensausübung unter den Safaviden. Als sunnitischer Herrscher, der die Schiiten-dominierte Struktur Persiens aufbrach, verfolgte er eine Politik der religiösen Kontrolle, die den Minderheiten, einschließlich der Juden, kurzzeitig mehr Freiraum gewährte. Unter Nādir Šāh Afschār konnten die Juden in Persien ihren Glauben nach einer langen Zeit der Unterdrückung wieder offener praktizieren.
Um 1746 CE zwang Nādir Šāh Afschār jedoch etwa 40 jüdische Familien aus Qazvin und Gilan, sich in seiner neuen Hauptstadt Maschhad niederzulassen. Diese Maßnahme diente dazu, die aus Indien mitgebrachten Schätze zu bewachen und die Wirtschaft der Stadt zu fördern. Obwohl Maschhad als heilige schiitische Stadt galt und für Nicht-Muslime geschlossen war, schuf er ein jüdisches Viertel. Die unter seinem Schutz stehende jüdische Gemeinde in Maschhad wuchs und prosperierte trotz offener Feindseligkeit der lokalen schiitischen Bevölkerung.
Auf Initiative von Nādir Šāh Afschār wurde der Rabbi Bābāʾi ben Nuriʾel aus Isfahan beauftragt, die Tora und die Psalmen Davids (Zabur) aus dem Hebräischen ins Persische zu übersetzen. Diese Übersetzungen werden teilweise noch heute in der Vatikanischen Bibliothek, der Bibliothèque Nationale in Paris und dem Ben-Zvi-Institut in Jerusalem aufbewahrt.
Vor seiner Thronbesteigung, während seiner Kämpfe gegen die Afghanen (1722 CE -1730 CE), presste der damals als Nader-Quli bekannte Führer Nādir Šāh Afschār den Juden in Kaschan und Isfahan jedoch beträchtliche Summen ab und behandelte sie äußert schlecht und unmenschlich.
Nach der Ermordung Nādir Šāh Afschārs im Jahr 1747 CE endete diese kurze Ära der Toleranz. Die jüdischen Familien in Maschhad waren der schiitischen Bevölkerung ausgeliefert, was schließlich zur Entstehung der sogenannten „Jadid al-Islam“ (zwangskonvertierte „neue Muslime“) führte, die ihren Glauben im Untergrund weiterlebten.
Obwohl Nādir Šāh Afschār für seine Grausamkeit bekannt war, wurde seine Haltung gegenüber den Juden von Zeitgenossen als eher sympathisierend oder zumindest "zweckorientiert tolerant" eingestuft, da er sie als loyale Handwerker und Händler schätzte
Literatur:"LOCKHART, LAURENCE", auf iranicaonline.org, abgerufen am 12.05.2026; Giosafat Barbaro and Ambrogio Contarini, I viaggi in Persia degli ambasciatori veneti Barbaro e Contarini, ed. Laurence Lockhart, Raimondo Morozzo dela Rocca, and Maria Francesca Tiepolo, Rome, 1973; Petros di Sargis Gilanents (Gilanēncʿ), The Chronicle Petros di Sarkis Gilanentz: Concerning the Afghan Invasion of Persia in 1722, the Siege of Isfahan and the Repercussions in Northern Persia, Russia, and Turkey, tr. from the Armenian by Caro Owen Minasian and annotated by Laurence Lockhart, Lisbon, 1959; Pierto della Valle, I viaggi di Pietro della Valle: Lettere dalla Persia, ed. Franco Gaeta, Laurence Lockhart, and Giuseppe Tucci; Rome, 1972; Laurence Lockhart, James H. Bamberg, and Charles P. Melville, Images ofPersia: Photographs by Laurence Lockhart, 1920s-1950s, Cambridge, 2002;
Der Allahad-Pogrom von 1839
Nach der Ermordung Nādir Šāh Afšārs im Jahr 1747 CE zerfiel sein riesiges Großreich rasch in mehrere Teilgebiete, und Persien versank für Jahrzehnte in blutigen Bürgerkriegen. Mit dem Zerfall seines Großreichs fiel der Schutzwall für die Juden in Mashhad. Die Spannungen mit der schiitischen Mehrheit - die einer der beiden Hauptströmungen des Islam (Sunniten und Schiiten) angehören - entluden sich knapp 100 Jahre später in einem folgenschweren Vorfall, bekannt als Allahdad (wörtlich „Gottes Gerechtigkeit“). Am 26. März 1839 CE (kurz vor Pessach) eskalierte ein Gerücht über die Schändung eines muslimischen Symbols durch eine Jüdin zu einem Massenpogrom. Ein Pogrom (aus dem Russischen für "Verwüstung" oder "Zerstörung") bezeichnet gewaltsame Ausschreitungen und Hetzjagden gegen eine religiöse, nationale oder ethnische Minderheit. Ein zentrales Merkmal ist, dass diese Angriffe von der Mehrheitsbevölkerung ausgehen und von den staatlichen Behörden geduldet, unterstützt oder gar angestiftet werden.
Die Ereignisse, die sich dort während und im Gefolge des Pogroms gegen jene Gemeinschaft am 27. März 1839 CE zutrugen, sind umfassend dokumentiert und erforscht worden. Nach Vorwürfen sakrilegischen Verhaltens seitens einer jüdischen Frau während des muslimischen heiligen Monats Muharram, dem ersten Monat des islamischen Mondkalenders, der den Beginn des neuen Jahres markiert, wurde das jüdische Viertel der Stadt von einem aufgebrachten Mob gewaltsam angegriffen. Ein wütender Mob von Schiiten, der aus Stadtbewohnern und muslimischen Pilgern bestand, attakierte das jüdische Viertel und tötete 30 bis 40 Juden. Viele Bewohner des jüdischen Viertels wurden verletzt und ausgeraubt, und einige Frauen sowie junge Mädchen wurden misshandelt und verschleppt. Jene, die nicht flohen, wurden zur Konversion zum Islam gezwungen.
Während dieses Angriffs auf das Jüdische Viertel- bkannt als Eidgah oder „Ort der Feierlichkeiten“ - wurden die Überlebenden vor die Wahl gestellt: Konversion zum Islam oder Tod. Nahezu 2.400 Juden aus Mashhad, die nicht flohen, waren gezwungen, offiziell zum Islam zu konvertieren und fortan über 100 Jahre als Jadid al-Islam ("Neue Muslime") zu leben. Das Pogrom setzte der offiziellen und anerkannten Existenz einer jüdischen Gemeinde in Maschhad ein Ende, wenngleich die Mehrheit der konvertierten Juden ihren jüdischen Glauben im Geheimen bewahrte und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts öffentlich zum Judentum zurückkehrt
Der Übergriff führte somit zum Ende der offiziell anerkannten Existenz der jüdischen Gemeinde Mashhads. Dieser gewaltsame Aufstand zwang sie dazu, ein doppeltes religiöses Leben als Zwangskonvertiten oder "Anusim" zu führen. Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff „Anusim“ eine rechtliche Kategorie von Juden in der Halacha, die gezwungen wurden das Judentum gegen ihren Willen aufzugeben, typischerweise während einer zwangsweisen Bekehrung zu einer anderen Religion. Halachisch (nach Jüdischen Gesetzen) gelten sie trotz Zwangskonvertierung weiter als Juden. Der Begriff „Anusim“ wird korrekt als die „Gezwungenen“ übersetzt. Der Begriff unterscheidet sich von der Zuweisung "Meshumadim" (freiwillige Abtrünnige). Der Begriff "Anusim" wurde jedoch nach den zwangsweisen Konversionen von aschkenasischen Juden in Deutschland Ende des 11. Jahrhunderts häufiger verwendet. In den folgenden Jahrhunderten, nach den bekannten Zwangskonversionen der sephardischen Juden im 15. und 16. Jahrhundert, fand dieser Begriff breite Anwendung unter spanischen Rabbinern und ihren Nachfolgern.
Literatur: Yeroushalmi, David. The Jews of Iran in the Nineteenth Century. Aspects of History, Community, and Culture. Leiden and Boston: Brill, 2010, S. 28 Rn. 4.
"Anusim“ - Ein Werk von Sohini Tal
Der nachfolgene von unserer Redaktion ausgewählte Film „Anusim“, eine kurze historische Erläuterung der Illustratorin und Regisseurin Sohini Tal, die eine Szene zeigt, in der sephardische Anusim ihr jüdisches Leben im Verborgenen praktizieren und Matzot vor dem Pesach backen, stellt einen wichtigen Beitrag zu diesem Thema dar.
Einer der herausragenden Aspekte des ANU-Museum of the Jewish People ist die Ausstellung "Anusim", die sich mit den "Zwangsgetauften“ beschäftigt. Hier wird das exquisite Originalvideo der Regisseurin und Künstlerin Sohini Tal präsentiert. Durch den Einsatz hochentwickelter Technik gelang es Sohini Tal, eine minimalistische, jedoch äußerst eindringliche Darstellung des Pessachfestes unter den zwangsgetauften Juden zu schaffen, die mit größter Sorgfalt versuchten, das jüdische Leben im Verborgenen fortzuführen. Am Ende des Videos sind einige Aufnahmen zu sehen, die den kreativen Prozess hinter diesem bemerkenswerten Videoexponat verdeutlichen.
Die "Fluidität und Vielschichtigkeit jüdischer Identitäten"
Die historische Quelle "Ketāb-e Anūsi" ("Das Buch der Zwangsbekehrten"), verfasst von dem jüdisch-persischen Dichter Bābāi’ Ben Loṭf, wurde während der Safavidenzeit zusammengestellt. Das "Ketāb-e Anūsi" schildert Ereignisse, die von erheblicher Bedeutung für die jüdischen Gemeinden im Iran waren, die sich während der Herrschaftszeiten von Schah Abbas I., Schah Safi I. und zu Beginn der Ära von Schah Abbas II. in den Jahren 1613 CE bis 1660 CE ereigneten.
Diese Epoche war für die Juden des Iran von großer Bitterkeit geprägt; Verfolgungen ereilten die Juden von Stadt zu Stadt. Bābāi’ Ben Farhād – der Enkel oder Urenkel von Bābāi’ Ben Loṭf – setzte etwa siebzig Jahre später die Berichterstattung des "Ketāb-e Anūsi" in seiner Chronik mit dem Titel "Kitdb-i Sar guzasht-i Kdshdn dar bdb-i 'Ibrt va Goyimi-yi stnt" ("The Book ofEvents in Kashan Concerning the Jews and Their Second Conversion" fort. Diese kurze Chronik behandelt die Zeit unter Schah Abbas II. und beschreibt zudem die Qualen der jüdischen Bevölkerung während der afghanischen Invasion im Iran (1722 CE –1730 CE) – die auf den Sturz der Safavidendynastie abzielte – sowie die darauf folgenden blutigen Schlachten.
Das "Kitāb-i Sar-guzasht-i Kāshān dar bāb-i ʿIbrat wa Goyīmī-yi sanī" ("Das Buch der Ereignisse in Kāshān betreffend die Juden und ihre zweite Konversion") ist eine poetische Chronik von 19 Kapiteln, die rund 1.300 Verse umfasst und von Ibn Luṭfs Enkel, Bābāʾī ben Farhād, verfasst wurde. Kapitel 12 stammt aus der Feder eines anderen Autors – eines gewissen Maschīaḥ ben Raphael –, dessen Beitragdas in die Texte der beiden erhaltenen Handschriften interpoliert wurde. Dieser Autor fügte im Anschluss an Bābāi’ ben Farhād dem "Ketāb-e Anūsi" etwa 200 Verse hinzu; diese behandeln den Widerstand der Juden von Kaschan gegen eine siebenmonatige Phase der Zwangsbekehrung während der Herrschaftszeit von Schah Tahmasb II. sowie den Aufstieg der Afghanen.
Wenngleich er als Schriftsteller nicht so begabt war wie sein Großvater, hat Bābāʾī ben Farhād dennoch für die Nachwelt einen bedeutenden Bericht über das wiederkehrende Leid der Juden im vormodernen schiitischen Iran bewahrt. Dieses Leid war geprägt von mehreren Fällen massenhafter Zwangskonversionen jüdischer Gemeinden zum Islam sowie von der Praxis des Krypto-Judentums durch die neu konvertierten Gläubigen über kürzere oder längere Zeiträume hinweg.
Im "Kitāb-i Sar-guzasht (...)" erzählt Bābāʾī ben Farhād zunächst die Geschichte eines jungen Juden namens Allāhyār, der um das Jahr 1694 herum das Martyrium erlitt, weil er während einer muslimischen heiligen Nacht gemeinsam mit einem Freund in einem Garten Wein getrunken und gezecht hatte. Der Hauptteil des Buches behandelt jedoch die Invasion und die Herrschaft der afghanischen Schahs (1721–1730 CE).
"Die Rolle der Anusim", beleuchtet die Situation der persischen Juden während dieser Zeit. Nach Nāḍir Šāh Afschars Ermordung im Jahr 1747 CE verloren die Juden ihren mächtigen Gönner und den Schutz, den er gewährte, was sofortige Gewaltübergriffe gegen die jüdische Gemeinde in Mashhad zur Folge hatte und einen erneuten Anlass für Verfolgung und Zwangsbekehrungen unter den dort angesiedelten Juden schuf.
Die bedeutsame Studie von Makvandi Arezoo "The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History" (2023/24), Department of Historical and Geographic Sciences and the Ancient World (DISSGEA) Università Padova, untersucht die Schnittstelle zwischen historischen Phänomenen und der Identitätsbildung im persischen Judentum während der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts. Sie lenkt den Blick auf die "Fluidität und Vielschichtigkeit jüdischer Identitäten" und vertritt die These, dass es keine singuläre jüdische Identität gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl von Identitäten, die sowohl durch interne als auch durch externe Faktoren geformt wurden. Insbesondere der Übertritt zu einer anderen Religion wird als maßgeblicher Faktor bei der Ausformung dieser Identitäten hervorgehoben.
Die Untersuchung stützt sich vornehmlich auf Sekundäranalysen von Primärquellen – wie etwa seltene jüdisch-persische Chroniken wie das "Ketab-e Anusi" von Bābāʾi ben Loṭf – sowie auf die mündlichen Überlieferungen der Juden von Maschhad, die als zentrale Fallstudie der Arbeit dienen. Durch eine vertiefte Betrachtung dieses einzigartigen Fallbeispiels aus dem persischen Judentum werden die Tradierung von Erinnerung und die gemeinschaftlichen Bindungen als einige jener Mechanismen analysiert, derer sich die Juden von Maschhad bedienten, um ihre Identitäten zu bewahren.
Ziel dieser Studie war es, die tiefgreifende Wechselbeziehung zwischen historischen Phänomenen sowie der Identitätsbildung und -entwicklung im Kontext des persischen Judentums unter der Herrschaft der Safaviden und Kadscharen zu analysieren – ebenso wie einige jener Mechanismen, die von diesen jüdischen Gemeinden angewandt wurden und zur Bewahrung ihrer Identitäten beitrugen.
Die Studie von Makvandi Arezoo untersucht die Vielschichtigkeit jüdischer Identität in Persien während der Frühen Neuzeit und des beginnenden Zeitalters der Moderne bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wobei der Schwerpunkt auf der Art und Weise liegt, wie sich diese Identitäten unter dem spezifischen Wechselspiel religiöser, sozialer und politischer Umstände der Region entwickelten. Durch die Analyse relevanter historischer Phänomene und deren Dynamiken versucht diese Arbeit, ein Bild davon zu zeichnen, wie persische Juden ihr Leben und ihre Identitäten in einer Gastgesellschaft gestalteten, die ihren religiösen Minderheiten gegenüber häufig eine feindselige Haltung einnahm.
Das erste Kapitel legt das Fundament, indem es den breiteren historischen Kontext der jüdischen Existenz in Persien beleuchtet und die Entwicklung der jüdischen Gemeinden von ihren frühesten Anfängen im 8. Jahrhundert BC bis in die Frühe Neuzeit nachzeichnet; dies diente dazu, ihre historische und soziale Stellung in der Region vor dem Aufstieg der Safaviden zur Macht zu kontextualisieren.
Die Studie hat diesen Aufstieg der Safaviden als einen entscheidenden Wendepunkt für den religiösen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Status religiöser Minderheiten – wie etwa der Juden – gewürdigt. Dies ist vor allem auf die Etablierung des schiitischen Islam als offizielle Staatsreligion zurückzuführen, die die Safaviden vorantrieben, um ihr Reich als politische Entität von seinen vorwiegend sunnitischen Nachbarn – insbesondere von ihrem langjährigen Rivalen, den Osmanen – abzugrenzen. Darüber hinaus hat das Kapitel historische Zeugnisse jüdischer Präsenz unter der Herrschaft der Kadscharen im 19. Jahrhundert analysiert – einer Epoche, die vom politischen Niedergang geprägt war. Wenngleich die Kadscharen den Schiismus nicht in demselben Maße als identitätsstiftendes Merkmal Persiens hervorhoben wie einst die Safaviden, so hat die Studie doch aufgezeigt, dass dieser weiterhin Einfluss auf das jüdische Leben ausübte; dies wird durch zahlreiche Berichte über religiöse Verfolgung sowie über Episoden gewaltsamer Massenkonversionen eindrucksvoll belegt.
Viele der für diese Arbeit herangezogenen Quellen haben betont, dass Religion eine spaltende Angelegenheit und wohl die entscheidende Trennlinie der damaligen Gesellschaft darstellte. Während dies in einigen Fällen auf eine typische Form des „Othering“ – der Ausgrenzung – der Minderheit zurückgeführt werden kann, haben die Untersuchungen gezeigt, dass es zahlreiche Fälle gab, in denen Juden zum Islam konvertierten – sei es freiwillig oder unter Zwang –, sich jedoch dennoch nicht kulturell in die Mehrheitsgesellschaft assimilieren konnten. Unter Othering (auch Fremdmachung) versteht man den gesellschaftlichen Prozess, bei dem eine dominante Gruppe Menschen als „andersartig“ oder „fremd“ klassifiziert. Dadurch grenzt sie sich ab und wertet diese Personen ab, um die eigene Identität als vermeintliche „Norm“ zu bestätigen.
Die Studie hat die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Maschhad untersucht, die einen einzigartigen Fall krypto-jüdischer Gemeinschaften innerhalb Persiens darstell, und bildet somit einen zentrales Fallbeispiel für die gesamte Forschungsarbeit. Obwohl sie nach den katastrophalen Ereignissen des Jahres 1839 CE zum schiitischen Islam konvertierten, wurden sie als „Jadid al-Islam“ bezeichnet und konnten sich infolgedessen nicht vollständig in die allgemeine Gesellschaft integrieren, da diese Bezeichnung eine Barriere zwischen ihnen und der schiitischen Mehrheit errichtete. Durch die historische Betrachtung religiöser Verfolgung und Konversion hat das erste Kapitel aufgezeigt, dass historische Phänomene einen soliden Rahmen für ein besseres Verständnis jener äußeren Umstände bieten, die die Entscheidungen und Identitäten der Juden prägen.
Auf der Grundlage dieses historischen Kontexts hat das zweite Kapitel tiefer in die "fluiden, komplexen Schichten persisch-jüdischer Identitäten" geblickt. Es hat aufgezeigt, dass – wenngleich das definierende Merkmal der Juden, sowohl aus ihrer eigenen Perspektive als auch aus der der Nichtjuden, ihr „Jüdischsein“ war – dieses Merkmal weder singulär noch statisch ist; vielmehr umfasst es eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte, die sowohl durch interne als auch durch externe Faktoren geformt und transformiert werden.
Eine der Methoden, mit denen das zweite Kapitel diese Dynamiken analysiert hat, bestand in der Untersuchung einiger prominenter jüdischer literarischer Werke. Anhand von Beispielen jüdischer Dichter wie Shāhin und Emrani hat die Studie den Einfluss der persischen Kultur und Literatur in den Schriften dieser Juden nachgezeichnet.
Shāhin-i Schirazi (14. Jahrhundert) gilt als der erste und bedeutendste jüdisch-persische Dichter, dessen Werk, wie etwa das "Ardašīr-nāma" (eine Nacherzählung des Buches Esther), tief in der persischen Kultur verwurzelt ist, aber in hebräischer Schrift verfasst wurde. Wenngleich in der Kairoer Geniza nur einige kurze Fragmente jüdisch-persischer Gedichte gefunden wurden, gilt Shāhin als der erste und bedeutendste jüdisch-persische Dichter, der im 14. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. Höchstwahrscheinlich ist „Shāhin“ – was „Falke“ bedeutet – das Pseudonym des Dichters, das an vielen Stellen in seinen poetischen Werken erscheint; sein bürgerlicher Name sowie sein Privatleben sind unbekannt. Gelehrte, die Shāhins Werke am Rande erwähnten, behaupteten, er stamme aus Schiras; interne Belege zeigen jedoch zweifelsfrei, dass er weder aus Schiras noch aus irgendeinem anderen Ort im südlichen oder zentralen Iran stammte. Möglicherweise gehörte er dem Großraum Chorasan an – wahrscheinlich der Stadt Merw. Für die persischen Juden ist Shāhin von ebenso großer Bedeutung wie der Verfasser des *Schahnameh, Firdausi, für die Iraner.
Imrani (16. Jahrhundert) wird als einer der wichtigsten jüdisch-persischen Dichter nach Shahin angesehen, der ebenfalls epische Werke verfasste, die biblische Geschichten auf Persisch erzählen.
Der jüdisch-ungarische Gelehrter, Rabbiner, Orientalist und Linguis Wilhelm Bacher (1850–1913) hat die Werke von Schahin und Imrani in seinem Buch "Zwei juedisch-persische Dichter Schahin und Imrani" (1908) umfassend erforscht und zugänglich gemacht. Diese Dichter sind besonders hervorzuhebem, da sie persische Dichtkunst (wie das Metrum des Shahnameh) mit jüdischen Inhalten verbanden.
Dies verweist auf ihre Hinwendung zur Kultur ihrer Heimat und bekräftigt zudem, dass ihre Identitäten nach wie vor durch den persischen Kontext geprägt waren, in dem sie lebten – ungeachtet der Tatsache, dass sie als religiöse Minderheit häufig von der muslimischen Mehrheit entfremdet waren.
Ein zentrales Thema, das sich durch das gesamte zweite Kapitel zieht, ist die Rolle von Zwangskonversionen bei der Formung der jüdischen Identität. Das Kapitel zeigt auf, dass eine Konversion nicht lediglich einen Religionswechsel darstellte, sondern ein Phänomen war, das eng mit sozialer Integration, wirtschaftlichem Überleben und politischer Notwendigkeit verknüpft war.
Diese Form des äußeren Drucks verdeutlichte jedoch zugleich die Bedeutung gemeinschaftlicher Bindungen für die Juden – ein Aspekt, der in Kapitel drei eingehender erörtert wird. Die Grundlage für die Erörterung dieser gemeinschaftlichen Bindungen wurde bereits in Kapitel zwei gelegt; dort wurde die krypto-jüdische Identität der Maschhad-Juden analysiert – eine "Doppelidentität", die nicht nur infolge ihrer Massenkonversion aufrechterhalten wurde, sondern auch durch ihre kollektiven Anstrengungen als Gemeinschaft.
Diese Beobachtung bildete den Ausgangspunkt für die Diskussion darüber, wie persische Juden ihre Identität durch ein "kollektives Bemühen um das Erinnern" bewahrten. Das dritte Kapitel stellt die Weitergabe von Erinnerung – sowohl in Form mündlicher Überlieferung als auch als kulturelles Erbe – als ein herausragendes Phänomen für die Bewahrung der kollektiven Identität dar, insbesondere bei krypto-jüdischen Gemeinschaften wie den Maschhadis. Ihre Bedeutung als Fallstudie für dieses dritte Kapitel kann kaum überschätzt werden, da ein Großteil ihrer Geschichte und Kultur durch mündliche Überlieferungen und Folklore, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden, erhalten geblieben ist.
Darüber hinaus spielten auch ihre verdeckten jüdischen religiösen Praktiken und Rituale – die verändert und angepasst wurden, um ihre krypto-jüdische Identität nicht zu enthüllen – eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung ihrer Identität; dies belegt eindrucksvoll ihre Beharrlichkeit bei der Ausübung ihres Glaubens. Schließlic zeigt das Kapitel auch auf, wie das tiefe Gemeinschaftsband innerhalb der Mashhadi-Gemeinschaft die Bewahrung ihrer Identität maßgeblich begünstigte. Ihre gemeinsamen Werte und religiösen Bräuche schweißten sie angesichts der Gefahren ihres Daseins als Krypto-Juden zusammen – ein Umstand, den die Forschung als Schlüsselfaktor für die Herausbildung ihrer einzigartigen Identität identifiziert hat, die sich selbst von der der meisten anderen persischen Juden deutlich abhob.
Von größter Bedeutung waren die Methoden, die sie zur Weitergabe ihrer Traditionen und religiösen Praktiken entwickelten. Diese erforderten die "kollektive Anstrengung" der gesamten Gemeinschaft, was zusätzlich dazu beitrug, ihre Identität zu definieren und zu festigen.
Diese Forschungsarbeit könnte in Zukunft auf vielfältige Weise erweitert werden. Wie bereits an verschiedenen Stellen dieser dargelegt, gibt es – angesichts ihrer langen Siedlungsgeschichte in der Region und ihrer komplexen Identitäten – noch immer viel Unbekanntes hinsichtlich der Geschichte, Religion und Kultur des persischen Judentums. In erster Linie ist nur sehr wenig über die religiösen Bräuche und Praktiken der persischen Juden bekannt. Tatsächlich achteten jene, die – sei es freiwillig oder unter Zwang – konvertierten, sorgfältig darauf, nur wenige Spuren ihres früheren Lebens zu hinterlassen, oder verbargen diese tief unter einer weiteren "Identitätsschicht". Eine Untersuchung dieser religiösen Praktiken – gestützt auf das Wenige, das uns über die Bräuche und Glaubensvorstellungen von Gemeinschaften wie den Mashhadis bekannt ist – könnte der Diskussion über das Wechselspiel zwischen Religion und Identität eine weitere Dimension verleihen. Im Allgemeinen wurden bislang nur sehr wenige Versuche unternommen, eine vergleichende Analyse des jüdischen Lebens in Persien und in anderen Regionen durchzuführen. Die Studie von Arezoo Makvandi hat kurz einige der Gemeinsamkeiten zwischen den Juden aus Maschhad und den Krypto-Juden Spaniens und Portugals erörtert. Die Untersuchung dieser Gruppen – die trotz der Unterschiede in ihrem sozialen, religiösen und politischen Umfeld soziale Identitäten mit ähnlichen Merkmalen ausprägten – bereichert die Diskussion über die Rolle der Konversion bei der Formung einer eigenständigen jüdischen Identität.
Ein weiterer faszinierender Weg, den diese Forschung zukünftig einschlagen könnte, bestünde darin, ihren Untersuchungsrahmen auf das 20. Jahrhundert auszuweiten, um die Rolle der Frauen für den Fortbestand und die Beharrlichkeit jüdischer Gemeinschaften und Identitäten zu ergründen. Während über jüdische Frauen in der Safavidenzeit fast nichts bekannt ist, existieren zahlreiche mündliche Überlieferungen, Interviews und Memoiren, die eine neue Perspektive auf die Geschlechterrollen in persisch-jüdischen Gemeinschaften sowie auf das Leben jüdischer Frauen in der späten Kadscharen- und Pahlavi-Zeit eröffnen.
Arezoo Makvandi hat in dieser studie die Bedeutung der Gemeinschaft für die Formung und Bewahrung jüdischer Identitäten hervorgehoben. Dieser Aspekt ließe sich weiter vertiefen, indem man die Rolle der Frauen beim Schutz der Gemeinschaft, bei der Vermittlung von Bildung und bei der Tradierung des kollektiven Gedächtnisses – Faktoren, die das Überleben der Gemeinschaft sicherten – näher untersucht.
Darüber hinaus könnte die Forschung von einer Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der religiösen Verfolgung der Juden in Persien und jener in anderen Teilen der muslimischen Welt – insbesondere im Osmanischen Reich – profitieren; hierbei könnte die Dimension der erbitterten Rivalität zwischen diesen beiden Regionen der Untersuchung zusätzliche Tiefe verleihen.
Ein weiterer vielversprechender Ansatz wäre die Erforschung der bislang kaum untersuchten Interaktionen zwischen persischen Juden und anderen Minderheitengruppen, wie etwa Armeniern, Christen oder Zoroastriern. Der vielfältige Austausch zwischen diesen Gruppen könnte wertvolle Einblicke darin gewähren, wie sie sich als religiöse Minderheiten gegenseitig beeinflussten, während sie sich inmitten religiöser Verfolgung und des in der Frühen Neuzeit vorherrschenden religiösen „Wir-gegen-die-Anderen“-Klimas behaupten mussten.
Literatur: Makvandi, Arezoo. The Jews of Early Modern and Modern Persia: Exploring Identities Through the Lens of History. (Laurea Magistrale), Dipartimento di Scienze Storiche, Geografiche e dell'Antichità , Università di Padova 2023724); Bremer-McCollum, Adam. "On Judeo-Persian Language and Literature. Part Two: Texts and Bibliography" (August 26, 2015), auf ancientjewreview.com, abgerufen am 25.05.2026; P. Asmussen, J. P. “Judaeo-Persica I: Shahin-i Shirazi’s Aradshir Nama,” Acta Orientalia 28/3-4, 1965, pp. 245-61; Bacher, Wilhelm. Zwei juedisch-persische Dichter Schahin und Imrani. Berlin: De Gruyter, 1908; Moreen, Vera Basch. "A Dialogue between God and Satan in Shāhin's Bereshit-Nāmah," in: Shaul Shaked and Amnon Netzer (eds.), Irano-Judaica 3 (1994), 127–41; Netzer, Amnon. "A Judeo-Persian Footnote: Shāhin and 'Emrāni," in: Israel Oriental Studies 4 (1974), 258–64; Netzer, Amnon. "Some Notes on the Characterization of Cyrus the Great in Jewish and Judeo-Persian Writings," in: Acta Iranica 2 (1974), 35–52; Netzer, Amnon. "The Story of the Prophet Shoʿayb in Shahin's Musānāmeh," in: Acta Iranica 16 (1990), 152–67; Netzer, Amnon "Notes and Observations Concerning Shāhin's Birthplace," in: Shaul Shaked and A. Netzer (eds.) Irano-Judaica 4 (1999), 187–202; E. Spicehandler, "Shāhin's Influence on Bābāi ben Lotf: The Abraham-Nimrod Legend," Irano-Judaica 2 (1990), 158–65.
Die Mashhadi-Juden und ihre Tradition
Der Ausdruck "Krypto-Jude" hat sich als politisch korrekter Begriff etabliert, der sich auf Juden bezieht, die gezwungen wurden, einer bestimmten Religion und politischen Ideologie zu folgen, während sie ihre jüdischen Traditionen geheim hielten. Hört man das Wort »Krypto-Juden«, denkt man normalerweise an jene Juden, die nach der Spanischen Inquisition von 1492 zum Katholizismus konvertierten.Diese Gruppe umfasste Juden, die nach außen hin als Christen auftraten, obwohl einige von ihnen weiterhin heimlich das Judentum praktizierten.
In der gegenwärtigen Zeit sind insbesondere in Afghanistan, Iran und der Türkei Krypto-Juden anzutreffen, die äußerlich als Muslime auftreten. Der Begriff kann sich auch auf eine Gruppe von Juden in der muslimischen Welt beziehen, konkret auf Juden in Mashhad, dem heutigen Iran, im äußersten Nordosten Persiens. Obwohl diese gezwungenen Konvertiten vorgeblich den Islam annahmen, praktizierten die meisten, bekannt als "Jadid-e Islam"("neu im Islam"), über ein ganzes Jahrhundert hinweg heimlich das Judentum in diskreten, unterirdischen Synagogen. Die Gemeinschaft der Juden aus Mashhad, auch als Mashhadis bezeichnet, überlebten als Krypto-Jude und führten über mehr als ein Jahrhundert ein äußerst geheimes Doppelleben. Sie entwickelten eine kollektive Identität, die sie bis heute von anderen persischen Juden unterscheidet.
Die Stadt Mashhad war nach Teheran die zweitgrößte des Landes und war als heilige Stadt bekannt, da sie ein bedeutender Wallfahrtsort mit intensiver religiöser Hingabe war. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass Juden und Muslime im Iran stets friedlich miteinander lebten – zumindest bis zur Gründung der Islamischen Republik 1979 –, erlitten die Juden, wie bereits erwähnt, unter der Safaviden-Dynastie im 16. Jahrhundert einen markanten Rückgang. In der Rolle von Bürgern zweiter Klasse, bekannt als Dhimmis, besaßen sie nur eingeschränkte Rechte, lebten in Ghettos und wurden von der muslimischen Mehrheitsbevölkerung als "najas" ("unrein") betrachtet. Beispielsweise war es Juden nicht gestattet, bei Regen nach draußen zu gehen, um zu verhindern, dass Wasser von ihnen auf Muslime spritzte und diese "befleckte.
Wie bereits im vorherigen Artikel dargelegt, ereignete sich im März 1839 ein Pogrom gegen ca. 2.400 Juden, die im jüdischen Viertel von Mashhad lebten. Bei diesem gewalttätigen Vorfall wurden über fünfzig Männer, Frauen und Kinder getötet, junge Frauen und Mädchen entführt und in den Harem des Imams gebracht. Den überlebenden Juden blieb allein die Wahl zwischen der zwangsweise auferlegten Konversion zum Islam oder dem Tod. Die Juden von Mashhad wählten die Konversion und wurden als "Jadid e-Islam" bekannt, analog zu den neuen Christen in Spanien. Während sie im Äußeren Muslime blieben, führten sie jedoch heimlich ein jüdisches Leben. Sie gaben ihren Kindern muslimische, jedoch auch geheime jüdische Namen. Beinahe jeder Mashhadi verwendete zwei Namen: einen muslimischen Namen für das öffentliche Leben (z. B. Hassan oder Fatima) und einen hebräischen Namen für ihre Gemeinschaft (z. B. Abraham oder Sarah).Sie besuchten Moscheen und unterrichteten ihre Söhnen gleichzeitig weiterhin in der Tora. Viele Mashhadis pilgerten nach Mekka, um ihre muslimische Fassade zu perfektionieren, und diejenigen, die zurückkehrten, erhielten den Ehrentitel "Hadji". In ihrer Gemeinschaft galt dies jedoch oft als Symbol für das Überleben unter Druck. Heimlich wurden in Kellern Synagogen gegründet. Um eine Vermischung mit der muslimischen Mehrheit zu vermeiden, wurden eheliche Verbindungen endogam gestaltet, indem sie ihre Kinder bereits in frühem Alter mit anderen Juden verlobten, um Heiratsanträgen von Muslimen zuvorzukommen. Interessanterweise wurden bei den Hochzeitszeremonien zwei Ketubahs (Eheverträge) ausgestellt, einer nach muslimischem und einer nach jüdischem Recht. Jüdische Männer versteckten Miniatur-Tefillin (Gebetsriemen) in ihren Turbanen und Mini-Siddurim (Gebetsbücher) in Exemplaren des Korans.
Da es keine offiziellen, koscheren Metzger gab, entwickelte sich ein strenges religiöses Untergrundnetzwerk, in dem die Väter selbst das rituelle Schlachten (Schechita) erlernten; das Fleisch wurde nachts heimlich verteilt. Halal-Fleisch wurde zwar käuflich erworben, jedoch zu Hause entsorgt; sie hielten sich weiterhin an die Kaschrut (koscher Regelungen) und die Schechita (rituelles Schlachten).
Für über hundert Jahre lebte die jüdische Gemeinde von Mashhad ein Doppelleben, bis viele ihrer Mitglieder ins Mandatsgebiet Palästina und schließlich nach Israel emigrierten. Auf diese Weise gelang es den Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft von Mashhad über hundert Jahre , ihre jüdische Identität zu bewahren. Heute zählen sie zu den strenggläubigsten und solidarischsten Gemeinschaften, die darüber hinaus auch keine Ehen mit anderen persischen Juden eingehen.
Erst im 20. Jahrhundert, nach 1948 und spätestens nach der Islamischen Revolution 1979, verließen fast alle Mashhadis den Iran. Heute bilden sie eine geschlossene und eine der erfolgreichsten jüdischen Gemeinschaften weltweit, insbesondere in Israel (Tel Aviv und Herzliya), New York (Great Neck), Mailand, London und anderen europäischen Städten. Sie pflegen ihre persischen Dialekte und Traditionen bis heute mit großem Stolz.
Der nachfolgene von unserer Redaktion ausgewählte fünfzehnminütige Film mit dem Titel "Mashhad" von Sarah Solemani, einer preisgekrönten Schauspielerin, Autorin und Regisseurin, die in London geboren wurde und väterlicherseits von Juden aus Mashhad abstammt, verdeutlicht in eindrucksvoller Weise die Geschichte der Mashhadis, eine »Geschichte von Religion als Unterdrückung und Glauben als Überleben«. Ihr Werk - die Premiere fand beim Hollyshorts Film Festival in Hollywood statt - basiert auf den Lebenserfahrungen ihrer Großmutter. Sarah Solemani, so berichtet sie in einem Interview mit dem YouTube-Kanal Bond on Cinema, recherchierte diese weitgehend undokumentierte
Geschichte der aus arabischen Ländern und dem Iran vertriebenen sephardischen Juden heute eine der größten ethnischen Gruppen in Israel - indem sie in Great Neckn in New York lebende Juden aus Mashhad interviewte.
Der Film, in dem Farsi sprechende Schauspieler mitspielen, bietet »eine Gelegenheit, sich für den Frieden zwischen zwei unversöhnlichen Geschichten – der palästinensischen und der jüdischen – einzusetzen«, sagt Sarah Solemani. »Frieden entsteht, wenn man einander zuhört und einander liebt.« Sie sei gespannt, wie der Film bei Menschen ankommen wird, die mit der Geschichte der im Nahen Osten beheimateten Juden nicht vertraut sind. Bislang, so ihre Erfahrung, haben die meisten Menschen »keine Ahnung von diesem Teil der Geschichte, sind aber sehr daran interessiert, mehr darüber zu erfahren« (Julius, 2025).
Literatur: Lyn Julius. "Film enthüllt das geheime Leben der Juden von Mashhad". Gastautorin, 8. Oktober 2025, auf mena-watch.com, abgerufen am 25.05.2026 (Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber). Lyn Juliusist Autorin des 2018 erschienenen Buchs "Uprooted: How 3,000 Years of Jewish Civilization in the Arab World Vanished Overnight".
Die Jüdische Gemeinde von Herat, Afghanistan
Die gezwungenen Konvertiten, die sich nach dem Übergriff am 26. März 1839 in Mashhad weigerten, ein Doppelleben zu führen, flohen nach Herat, Afghanistan und vermischten sich mit der dort ansässigen bedeutenden jüdischen Gemeinschaft. Später, in den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, kehrten die gezwungenen Konvertiten von Mashhad öffentlich zum Judentum zurück.
Weitere Wellen der Feindseligkeit gegenüber jüdischen Gemeinschaften folgten während und nach der endgültigen Eroberung der Provinzhauptstadt Herat im Oktober 1856 durch die Truppen des Qajar-Prinzen Sultan Murad Mirza. Die in der Stadt Herat lebenden Juden, von denen die Mehrheit aus Mashhad stammte und nach dem Pogrom im März 1839 in Herat angesiedelt war, wurden bedroht, geschlagen, ihrer Habe beraubt und schließlich aus Herat vertrieben und in ein Lager nahe Mashhad, im heutigen Iran, geschickt. Die persischen Behörden rechtfertigten die Misshandlungen und die Vertreibung der Juden offiziell damit, dass die in Herat lebenden Juden 1839 ohne Genehmigung der Regierung von Mashhad migriert waren. Die darauf folgenden Deportationen begannen am neunzehnten Tag des Shevat 5617 im jüdischen Kalender (13. Februar 1857) und dauerten etwa dreißig Tage. Viele der Deportierten, deren Zahl zwischen 3.000 und 5.000 lag, kamen aufgrund von Hunger, Krankheiten, Gewalt und extremer Kälte ums Leben. Bei ihrer Ankunft in Mashhad wurden die Juden aus Herat in einer verfallenen Festung namens "Baba Quadrat" interniert, die am östlichen Stadtrand lag. Die Deportierten waren extremen physischen und wirtschaftlichen Strapazen ausgesetzt.
Nach fast zwei Jahren Haft erlaubte Naser ad-Din Schah oder Nasreddin Schah (pers. ناصرالدین شاه Nāser od-Din Schāh auch Nasr-ed-Din; 1831-1896) , Schah von Persien (Regierungszeit 1848–1896) den Juden — sowohl Einwanderern als auch deportierten Juden aus Afghanistan und Iran, die Jahrzehnte zuvor gezwungen worden waren, sich in Herat und Mashhad neu anzusiedeln — die Rückkehr nach Herat. Nasir al-Din Shah besiegelte ihr Schicksal: Da er das verlorene Territorium, das zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts an Russland verloren ging, nicht zurückgewinnen konnte, suchte er nach Entschädigung, indem er Herat 1856 eroberte.
Während des Konflikts starben mehr als 300 jüdische Häftlinge an Hunger, unzureichender Kleidung und schlechten Wohn- sowie sanitären Bedingungen. Einige der Exilierten blieben in Mashhad, doch die Mehrheit kehrte nach Afghanistan zurück. Diese unmenschliche Periode endete im August 1858 aufgrund des Drucks, den die Briten auf die persische Regierung ausübten. Die Juden erreichten Herat am dreizehnten Tag des Shevat 5619 (18. Januar 1859) und begannen, ihre ehemaligen Wohnungen wieder einzunehmen. Einen detaillierten Bericht über die Vertreibung und ihre Folgen liefert das hebräische Zeugnis von Mulla Matatiya Gurji, dem Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde von Herat gegen Ende des 19. Jahrhunderts (s. Yehoshua-Raz, 110-111).
Literatur: Yehoshua-Raz, Benzion D. From the Lost Tribes in Afghanistan to the Mashhad Jewish Converts of Iran (auf Hebräisch). Jerusalem: Bialik Institute, 1992, S. 110–111; Levy, A. "The Expulsion of the Jews of Mashhad from Herat." In Levy, Azaria. The Jews of Mashhad. Jerusalem, 1998, op. cit., ch. 2, pp.1-18; Nissimi, Hilda.““Us” and “Them” –The Formation of the Crypto-Jewish Community of Mashhad, Iran”, Revue de l’histoire des religions [Online], 3 ( 2005), auf journals.openedition.org, abgerufen am 26.05.2026.
Ein Bericht von Jakob Eduard Polak (1818-1889)
Im Jahr 1856 beschrieb der österreichische Arzt, Ethnologe und Gelehrte Jakob Eduard Polak (1818–1889) die Bedingungen, unter denen die jüdische Bevölkerung in einem Stadtviertel lebte, das als mahalla-e Yahud („das jüdische Viertel“) bekannt war, und die extremen Lebensumstände, die sie erdulden mussten:
„Diese Menschen leben in größter Not und Armut. In einem Viertel der Stadt, bekannt als mahalah-yi Yahud, dem jüdischen Viertel, sind sie gezwungen, die Türen ihrer Häuser so niedrig zu bauen, dass man sich bücken muss, um hindurchzugehen. Dies geschieht, um sich bei plötzlichen Angriffen leicht hinter den Türen barrikadieren zu können. Einige Gouverneure und deren Untergebene nutzen jede Art von wirklichem oder angeblichem Vergehen, die von einem Juden begangen wurde, als Vorwand, um von der gesamten Gemeinschaft Geld zu erpressen. Ähnliche Vorwände werden genutzt, um die Höhe der Kopfsteuer (die jizyah), die Muhammad für nicht-muslimische Untertanen festgelegt hat, zu erhöhen. Diese anhaltende Unterdrückung und Druck haben viele Juden gezwungen, in die Türkei und in andere Länder des Ostens auszuwandern, obwohl die Regierung diese Auswanderung auf verschiedene Weise verhindert; somit ist eine Auswanderung aus dem Land nur über geheime Fluchtwege möglich.“ (Übersetzung durch den Autor)
Im Gegensatz dazu stellte Polak fest, dass die Lage der Juden in Afghanistan und Turkistan zu dieser Zeit erheblich besser war als die derjenigen, die in Iran lebten. Tatsächlich waren die Juden oft die einzigen, die in der Lage waren, Kommunikations- und Handelsbeziehungen zwischen den verschiedenen Stämmen und Clans herzustellen, die ständig miteinander im Krieg waren. Historische Quellen bezeugen ebenfalls, dass viele dieser jüdischen Einwanderer und Deportierten aus Herat und Mashhad friedlich mit den muslimischen Bewohnern koexistierten und sogar als Ärzte sowohl für Muslime als auch für Juden tätig waren. Einer der Hofärzte — der persönliche Arzt der Mutter von Nasir al-Din Shah — war ein Jude namens Hakim (Arzt) Yehezqel, auch bekannt als Hakim Haqnazar (gest. 1873).
Jüdische Ärzte am Hof der königlichen Familie
Zu den herausragenden jüdisch-persischen Ärzten zählen Ḥakim Nur-Maḥṃu (1822–1899) und Rouhollah Sapir (1911–1943). In der turbulenten Zeit des 19. Jahrhunderts lässt sich feststellen, dass die freiwillige Konversion von Juden zum Islam, insbesondere in einkommensstarken Familien, oft durch sozioökonomische Faktoren und berufliche Erwägungen motiviert wurde. Renommierte Positionen, wie die des Leibarztes der königlichen Familie, wurden von prominenten jüdischen Ärzten wie Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅar und Ḥakim Nur-Maḥṃu (siehe Abb. 6-8) eingenommen, die im Dienste der Qajaren standen.
Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅar (ca. 1812–?) war ein iranisch-jüdischer Arzt des 19. Jahrhunderts, der als Hofarzt für Mohammad Schah Qajar (reg. 1834–1848) und dessen ältesten Sohn Nāser ad-Dīn Schah Qajar (reg. 1848–1896) tätig war. Er pflegte enge Beziehungen zur Mutter von Nāser ad-Dīn Schah, Malek Jahan Khanom, und zu Jeyran, einer der geliebten Ehefrauen und ersten Mätressen des Schahs. Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅar war der Enkel eines Arztes, der 1821 während der Herrschaft von Fath-Ali Schah (reg. 1797–1834) von Khansar, einer Stadt nordwestlich von Isfahan, nach Teheran zog. Ihm wird die Gründung der "Hakim-Synagoge" im jüdischen Viertel Teherans zugeschrieben. Seine drei Brüder waren ebenfalls als Hofärzte tätig; sein Bruder Hakim Musa (gest. 1881) diente unter Mohammad Schah und Nāser ad-Dīn Schah. Als prominente Persönlichkeit am Hof der Qajaren genoss er die besondere Gunst von Mahd-e ʿAliya (Malek Jahan Khanom), der Mutter von Nāser al-Dīn Schah, die ihn als ihren Leibarzt hoch schätzte. Sein Einfluss erstreckte sich auf zentrale Hofintrigen in einer Zeit, die durch bedeutende politische Machenschaften geprägt war – einschließlich der Ereignisse um die Absetzung und Hinrichtung des reformorientierten Premierministers Mirza Taqi Khan Amir Kabir im Jahr 1852.
Aufgrund seiner beratenden Rolle und seiner herausragenden Stellung in königlichen Kreisen wurde er in den iranisch-jüdischen Gemeinschaften mit der biblischen Figur Mordechai verglichen. Er wurde in eine jüdische Familie hineingeboren, deren Wurzeln in Khansar lagen – einer Stadt im Zentraliran, in der über Jahrhunderte eine bedeutende jüdische Gemeinde ansässig war. Diese Gemeinde, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa 270 Mitglieder zählte, spielte eine maßgebliche Rolle im lokalen Handel, Bankwesen, Goldschmiedehandwerk und insbesondere in der Medizin; so waren angesehene Personen wie die Mitglieder der Familie Pir Musā für ihre medizinische Expertise bekannt.
Der Ortswechsel der Familie Ḥaqnaẓͅar spiegelt die breitere jüdische Binnenmigration im Iran während der Qajarenzeit wider, bei der jüdische Gemeinschaften aufgrund anhaltender sozioökonomischer Einschränkungen – einschließlich rechtlicher Diskriminierung und gelegentlicher Verfolgungen, welche ihre Lebensgrundlagen in ländlichen Regionen einschränkten – auf der Suche nach besseren Zukunftsperspektiven waren. Ab dem frühen 19. Jahrhundert sahen sich die Juden im Iran mit anhaltenden Einschränkungen aus der Safavidenzeit konfrontiert – wie dem Verbot der öffentlichen Religionsausübung oder dem Wohnverbot in bestimmten Gebieten – was sie zur Abwanderung in städtische Zentren wie Teheran veranlasste, wo ein Klima relativer Toleranz und Zugang zu Handelsnetzwerken herrschte.
Das frühe Engagement der Familie im medizinischen Bereich antizipierte Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅars eigene Karriere als Hofarzt. Die jüdischen Einwohner von Khansar waren für ihr medizinisches Wissen bekannt und behandelten häufig sowohl jüdische als auch muslimische Patienten – eine Tradition, die auch die Ḥaqnaẓͅar-Linie nach ihrer Ansiedlung in Teheran prägte.
In Teheran entwickelte sich das jüdische Viertel "Sar-e Čāl" zu einem Zentrum für die Gelehrten; dies führte dazu, dass die Gemeinde trotz schwieriger Lebensbedingungen – geprägt von Überbelegung und mangelhafter Hygiene – bis 1904 auf über 5.000 Mitglieder anwuchs. "Sar-e Čāl" (pers. سرچال, auch Sarchal) war das historische jüdische Viertel im alten Stadtkern von Teheran und lag innerhalb der alten Stadtmauern im größeren Viertel Oudlajan, in unmittelbarer Nähe zum großen Basar. Der Name "Sar-e Čāl" bedeutet wörtlich „am Kopf/Rand der Grube“ und leitet sich von einer zentralen Müll- und Aschegrube ab, die sich im Viertel befand. Das Viertel galt historisch als eines der ärmsten und am dichtesten besiedelten Gebiete Teherans, in dem die jüdische Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg oft in Armut und unter dem Druck gesellschaftlicher Restriktionen lebte. Trotz dieser schwierigen Lebensverhältnisse fungierte "Sar-e Čāl" als kulturelles Zentrum und brachte viele bedeutende iranisch-jüdische Persönlichkeiten hervor.
Ein Beispiel ist der Philanthrop und Unternehmer Habib Elghanyan, der dort aufwuchs und 1959 eine Kunststofffabrik in Teheran gründete, und später zum größten und technologisch fortgeschrittensten Kunststoffhersteller im Iran wurde. Habib Elghanian (pers. حبیب (حبیباله) القانیان, geboren am 5. April 1912 in Teheran; gestorben am 9. Mai 1979 ebenda) war ein prominenter iranischer Unternehmer und Philanthrop, der als Präsident der Jüdischen Gesellschaft von Teheran diente und in den 1970er Jahren das symbolische Oberhaupt der iranischen jüdischen Gemeinde war. In den 1960er und 1970er Jahren spielte er eine entscheidende Rolle bei der Einführung westlicher Technologie im Iran. Als Selfmade-Multimillionär war Habib Elghanian für seine geschäftlichen Erfolge in Iran und Israel bekannt. Darüber hinaus war er in den 1960er und 1970er Jahren Leiter der Jüdischen Gesellschaft in Teheran. Kurz nach der Islamischen Revolution wurde er von einem islamischen Revolutionsgericht zum Tode verurteilt. Nach seiner Rückkehr in den Iran im Jahr 1979 wurde er am 16. März verhaftet und der Spionage beschuldigt, wobei die Anklage Korruption, Kontakte zu Israel und dem Zionismus, „Freundschaft mit den Feinden Gottes“ sowie „Wirtschaftsimperialismus“ lautete:. Das Urteil wurde durch ein Erschießungskommando vollstreckt – er war der erste Jude, der unter dem Islamischen Revolutionsrat hingerichtet wurde.
Die Lebensumstände in dem von Schlamm und Enge geprägten Viertel verbesserten sich erst im 20. Jahrhundert. Während der Herrschaft von Reza Schah in den 1920er und 1930er Jahren begann die jüdische Bevölkerung allmählich, aus diesen segregierten Vierteln in modernere Stadtteile (wie etwa um die Sirous Street) umzuziehen.
Diese Migration nach Teheran erhöhte nicht nur das Ansehen der Familie Ḥaqnaẓͅar, sondern integrierte sie auch in das lebendige, wenn auch marginalisierte jüdische städtische Netzwerk unter der Herrschaft der Qajaren. Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅar trat in den traditionellen Rahmen der Qajarenzeit im Iran ein, wo Ärzte eine Mischung aus persischer Humoralpathologie praktizierten, die in galenischen und islamischen Traditionen verwurzelt war. Die Ausbildung von Ärzten in dieser Zeit bestand vorwiegend aus praktischem Lernen unter bereits etablierten Fachleuten, da formale Bildungseinrichtungen erst mit der Dār al-Fonūn (lit., “polytechnic college”), einer in Tehran im Jahr 1851 von Mīrzā Ṭāqī Khan Amīr-e Kabīr gegründeten ersten modernen Hochschule im Iran entstanden.
Im jüdischen Viertel von Teheran, wo Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅar nach dem Umzug seiner Familie in die Hauptstadt seine Praxis eröffnete, waren jüdische Ärzte wie er eine Ausnahmeerscheinung, geprägt durch ihren Minderheitenstatus. Sie verbanden persisches medizinisches Wissen mit den in jüdischen Gemeinden bewahrten Gelehrtentraditionen und versorgten häufig die lokale Bevölkerung, bevor sie breitere Anerkennung erlangten. Dieses Modell betonte das Gleichgewicht der Körpersäfte, pflanzliche Heilmittel sowie diagnostische Fähigkeiten und erlaubte es Persönlichkeiten wie Ḥakīm Yazghel Ḥaqnaẓͅar, sich in einer Gesellschaft Glaubwürdigkeit zu erarbeiten, in der Ärzte trotz wachsenden westlichen Einflusses weiterhin eine bedeutende kulturelle Autorität darstellten. Seine frühen Aktivitäten in der jüdischen Gemeinde verdeutlichen die begrenzten, jedoch bedeutenden Möglichkeiten für nichtmuslimische Ärzte unter den Beschränkungen der Qajarenherrschaft und ebneten den Weg für seine spätere Ernennung zum Hofarzt.
Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar, Sohn des Ḥakīm Yaʿqūb aus der jüdischen Gemeinde von Khwansar, stieg unter der Herrschaft von Mohammad Schah Qajar (reg. 1834–1848) zu einem bedeutenden jüdischen Hofarzt auf. Diese Epoche war geprägt von innenpolitischer Instabilität, den anglo-russischen Rivalitäten um den Einfluss in Persien sowie zaghaften, von Europa inspirierten Reformen. Zwar begannen in begrenztem Maße westliche medizinische Einflüsse sich am Hof durchzusetzen – wobei das Französische als medizinische Sprache etabliert wurde –, jedoch blieben traditionelle persische Heilpraktiken unter einheimischen Ärzten wie Ḥaqnazar weiterhin vorherrschend. Sein Einstieg, der vermutlich in den 1830er oder frühen 1840er Jahren erfolgte, knüpfte an das langjährige medizinische Erbe seiner Familie an und kennzeichnete seine erste bedeutende Rolle im königlichen Dienst.
Ḥaqnazars Aufgaben konzentrierten sich auf die Behandlung der Leiden des Schahs unter Anwendung traditioneller Methoden; dabei agierte er in einem instabilen Umfeld, das von der chronischen Gicht des Schahs, Choleraepidemien sowie dem Ausbruch der Babi-Aufstände im Jahr 1844 geprägt war – letzteres stellte die Autorität der Geistlichkeit in Frage und schürte soziale Unruhen. Als einer der wenigen jüdischen Angehörigen der Elite, die Zugang zum Hof erhielten, verkörperte er die prekäre soziale Aufstiegsmöglichkeit, die jüdischen Ärzten in einer insgesamt diskriminierenden Gesellschaft offenstand – eine Diskriminierung, die unter anderem durch die "Dhimmi"-Bestimmungen und schiitische Vorstellungen ritueller Unreinheit, welche Nichtmuslime sozial und wirtschaftlich an den Rand drängten, bedingt war.
Im Jahr 1844 traf er zusammen mit seinem Kollegen Ḥakīm Moshe in Teheran mit Henry Aaron Stern (1820-1885), eiem anglikanischen Missionar und Priester jüdischer Herkunft zusammen und führte Gespräche über die christlichen Schriften; diese Begegnungen hatten Einfluss auf ihre Nachkommen, obwohl Ḥaqnazar selbst nicht zum Christentum konvertierte. Sein Dienst währte bis zum Tod Mohammed Schahs im Jahr 1848 – infolge von Komplikationen durch Gicht und Wundrose – und festigte seinen Ruf als zuverlässige Persönlichkeit in einer Ära, die von gescheiterten militärischen Unternehmungen, wie dem Herat-Feldzug von 1837/38, sowie administrativen Ineffizienzen unter Premierminister Haji Mirza Aqasi geprägt war.
Seine Stellung verschaffte ihm einzigartige Privilegien, einschließlich der seltenen Erlaubnis, in Teheran eigene Ställe zu unterhalten und Pferde zu reiten – Statussymbole, die Juden gewöhnlich verwehrt blieben. Diese frühe Rolle am Hof bildete die Grundlage für seinen anhaltenden Einfluss unter nachfolgenden Qajar-Herrschern. Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar – auch bekannt als Ḥakim Yehezqel oder Ḥaqq-Naẓar – behielt seine Position als Hofarzt auch nach der Thronbesteigung von Naser al-Din Schah Qajar im Jahr 1848 bei; dies markierte eine nahtlose Fortsetzung seines Dienstes aus der Regierungszeit von Mohammad Schah. Als Mitglied einer angesehenen jüdischen Ärztefamilie aus Khwansar, die dem Hof der Qajaren bereits lange diente, erfährt Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar unter dem neuen Schah eine Aufwertung seiner Rolle. Dies spiegelte das Vertrauen wider, das man in die jüdische medizinische Expertise setzte – trotz der gesellschaftlichen Einschränkungen, denen Nichtmuslime im Allgemeinen ausgesetzt waren. Auch sein Bruder Musā war als Hofarzt tätig. Seine Amtszeit erstreckte sich weit in die Regierungszeit Naser al-Dins hinein und dauerte bis zu seinem Tod im Jahr 1873; damit gehörte er zu den am längsten amtierenden Hofärzten dieser Zeit. Diese außergewöhnliche Dauer seiner Dienstzeit unterstreicht seinen unverzichtbaren beratenden Einfluss inmitten der ambitionierten Modernisierungsinitiativen des Schahs – zu denen auch die Gründung der polytechnischen Hochschule Dār al-Fonūn im Jahr 1851 zählte, an der europäische Ärzte begannen, westliche medizinische Lehrinhalte einzuführen.
In seinen verschiedenen Funktionen beriet Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar in Fragen der öffentlichen Gesundheit und behandelte Mitglieder des Hofes sowie der oberen Schichten; dabei gewährte er – im Einklang mit traditionellen jüdischen Heilpraktiken – häufig sowohl muslimischen als auch jüdischen Patienten medizinische Versorgung. Er bewegte sich im Spannungsfeld zwischen den etablierten persischen und indo-persischen Heiltraditionen – die auf galenischen Prinzipien basierten – und dem Einzug europäischer Methoden, wie sie etwa von Persönlichkeiten wie Jakob Eduard Polak propagiert wurden, der von 1855 bis 1860 als Leibarzt des Schahs fungierte. Sein gehobener Status verschaffte ihm seltene Privilegien, wie die Erlaubnis, in Teheran einen eigenen Pferdestall zu unterhalten und Pferde zu reiten. Das Vermögen und die Stellung Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazars ermöglichten es ihm zudem, im jüdischen Viertel Teherans eine Synagoge sowie eine Klinik zu errichten. Seine beratende Rolle erstreckte sich auch auf die Bewältigung schwerwiegender Krisen, wie etwa den Choleraepidemien, die den Iran in den 1850er und 1860er Jahren heimsuchten; in diesem Rahmen trugen Hofärzte wie er entscheidend zu den Eindämmungsbemühungen bei.
Sein Einfluss war ebenfalls in der medizinischen Beratung während Zeiten politischer Unruhen zu spüren, was die umfassenderen beratenden Pflichten der Hofärzte unterstreicht. Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar knüpfte wesentliche persönliche Beziehungen innerhalb der königlichen Familie der Qajaren, insbesondere zu einflussreichen Frauen, deren Einfluss seine Stellung als Hofarzt festigte. In seiner Funktion als Hofarzt genoss er privilegierten Zugang zu einer Umgebung, in der religiöse Minderheiten mit systemischen Herausforderungen konfrontiert waren. Diese Verbindungen boten Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar insgesamt Schutz vor Vorurteilen und eröffneten Aufstiegsmöglichkeiten an einem mehrheitlich muslimischen Hof; sie demonstrieren, wie persönliche Bündnisse für Angehörige von Minderheiten im 19. Jahrhundert Iran dazu beitragen konnten, weitreichende gesellschaftliche Barrieren zu überwinden. Sein geschicktes Navigieren durch die Haremspolitik mithilfe dieser Beziehungen verdeutlichte die strategische Rolle, die Hofärzte bei der Überbrückung religiöser Kluften spielten.
Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar stieg während der Qajaren-Zeit zur Schlüsselfigur der jüdischen Gemeinde Teherans auf. Er profitierte von seiner angesehenen Position als Hofarzt unter Mohammad Schah (Regierungszeit 1834–1848) und Naser al-Din Schah (Regierungszeit 1848–1896), gemeinsam mit seinem Bruder Musa. Als einer der wenigen Juden, die ein solches Prestige erlangten, verdeutlicht er die begrenzten, jedoch bedeutenden Möglichkeiten, die Juden unter dem schiitischen Imamitischen Recht zur Verfügung standen, um Einfluss auf die Gemeinde auszuüben. Dieses Recht schränkte Nichtmuslime unter anderem durch Segregation, Reinheitsgebote und wirtschaftliche Barrieren ein. Hofärzte wie Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar behandelten sowohl jüdische als auch muslimische Patienten, darunter Angehörige der Elite. Dies stärkte ihre Position, sich in Gemeindeangelegenheiten an die Behörden zu wenden und die Notlage der Juden zu lindern, die auf Berufe mit niedrigem Status wie Hausieren oder Färben beschränkt waren. Seine Bemühungen trugen zu schrittweisen Schutzmaßnahmen bei und stimmten mit umfassenderen Veränderungen überein, die durch ausländische Interessenvertretungen und gelegentliche Erlassungen der Schahs zur Gleichbehandlung angestoßen wurden, auch wenn soziale Vorurteile weiterhin anhielten. Sein Einfluss machte ihn zu einer Brücke zwischen dem Qajarenhof und der jüdischen Minderheit und spiegelte damit das historische Muster von Hofjuden in islamischen Reichen wider, die trotz systemischer Ungleichheiten den Dialog und die Unterstützung ihrer Gemeinschaften ermöglichen konnten.
Die historischen Aufzeichnungen enthalten nur spärliche Details zu Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar und seiner Familie. Es liegen keinerlei gesicherte Informationen über seine Herkunft, Geschwister, Ehepartner oder Kinder vor – ein Umstand, der die erheblichen Dokumentationslücken hinsichtlich iranisch-jüdischer Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die außerhalb des Hofes wirkten, verdeutlicht. Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar, in historischen Aufzeichnungen auch als Ḥaqq Naẓar bekannt, diente als jüdischer Hofarzt für Mohammad Schah Qajar (Regierungszeit 1834–1848) und setzte diese Funktion während der frühen Regierungszeit von Naser al-Din Schah Qajar (Regierungszeit 1848–1896) fort, wodurch er zu einem Pionier unter den Angehörigen der Minderheiten in einem überwiegend muslimischen königlichen Umfeld wurde. Als Hakim, der der traditionellen persischen Medizin anhing, war seine Ernennung ein Beispiel für interreligiöse medizinische Versorgung, bei der jüdische Ärzte muslimische Eliten betreuten, obwohl der Dhimmi-Status Juden in der schiitischen Gesellschaft im Allgemeinen auf marginalisierte Rollen beschränkte. Er pflegte enge Beziehungen zu Nāṣir al-Dīn Shāhs Mutter, Mahd-e ʿAliya, und zu Jayrān, einer der Ehefrauen des Schahs, was die pragmatische Toleranz innerhalb der Institutionen der Qajaren unterstrich. Diese Rolle war besonders während der Übergangsphase der Qajaren-Ära bemerkenswert, als der Iran mit dem Einfluss westlicher Medizin zu kämpfen hatte und gleichzeitig einheimische Heilpraktiken bewahrte.
Die medizinischen Aktivitäten von Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar am Hof sind in den verfügbaren Quellen weitgehend undokumentiert; es liegen keine Abhandlungen, Neuerungen oder detaillierten Beschreibungen seiner Therapiemethoden vor. Sein Großvater war Arzt und zog 1821 von Khunsār nach Teheran. Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar setzte die Familientradition fort, ebenso wie drei seiner Brüder, die ebenfalls als Hofärzte tätig waren, darunter Ḥakīm Mūsa (gest. 1881). Traditionelle Heiler wie er trugen zur höfischen Gesundheitsversorgung bei, indem sie Humoralpathologien und pflanzliche Heilmittel aus der griechisch-arabischen und persischen Tradition anwendeten und so oft Lücken in der Behandlung schlossen, die europäische Ärzte, die sich auf Chirurgie und Impfungen konzentrierten, vernachlässigten. Die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen spiegelt die allgemeinen Schwierigkeiten bei der Dokumentation der Beiträge von Minderheiten in dieser Zeit wider, in der mündliche Überlieferungen und vergängliche Hofdokumente schriftliche Zeugnisse überwogen. Dennoch unterstreicht sein langjähriger Dienst den praktischen Wert jüdischer Heiler für die Erhaltung des königlichen Wohlergehens inmitten von Epidemien sowie der persönlichen Erkrankungen des Schahs. Im breiteren Kontext der persischen Medizingeschichte nahmen jüdische Ärzte wie Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar eine besondere Nische ein; oft übernahmen sie Aufgaben, die von Muslimen aufgrund von Bedenken hinsichtlich der rituellen Reinheit gemieden wurden – wie etwa den Umgang mit unreinen Substanzen oder der Behandlung unterschiedlichster Patienten.
Im Vergleich zu Zeitgenossen wie Nehorāy Nur Maḥamud oder Ḥakim Yehezqel, die ebenfalls am Hof der Qajaren tätig waren, verdeutlicht Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazars Wirken die zwar begrenzte, aber dennoch beständige Präsenz von Juden in den medizinischen Elitekreisen – ein Muster, das bis in frühere Dynastien zurückreicht, in denen derartige Fachleute als Brückenbauer zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften fungierten. Diese interreligiöse Dynamik hob nicht nur zeitweise den Status der Juden, sondern veranschaulichte auch die pragmatische Toleranz innerhalb der Institutionen der Qajaren – sogar in einer Zeit, in der ab dem späten 19. Jahrhundert zunehmend westlich ausgebildete Ärzte das Feld dominierten. In der modernen Forschung wird Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar hauptsächlich anhand spärlicher Berichte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert bewertet, wobei Orly R. Rahimiyans Eintrag aus dem Jahr 2010 in der Encyclopedia of Jews in the Islamic World eine grundlegende Synthese der verfügbaren Daten darstellt. Rahimiyan stützt sich auf Habib Levys "Tarīkh-i Yahūd-i Irān" (1960) und Daniel Tsadiks Untersuchung über das iranische Judentum des 19. Jahrhunderts (2005) und hebt Haqnazars Bedeutung als Hofarzt und Philanthrop hervor. Er betont seine Förderung der jüdischen Gemeinde Teherans – einschließlich der Gründung der Ḥakīm-Synagoge, seiner herausragenden Leistungen beim Rezitieren der Haftara in der Synagoge seiner Familie, der Finanzierung eines Lehrers zur Ausbildung armer Kinder in Persisch, der Verteilung von Münzen an Bedürftige jeden Freitag, der Ausrichtung von Pessach-Mittagessen für die gesamte Gemeinde und der Spende der Einnahmen aus Krankenhausbesuchen am Sabbat an Bedürftige – sowie die Errichtung der Ḥakīm-Synagoge. Die historischen Aufzeichnungen über Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar sind bemerkenswert lückenhaft. Es fehlt ein bestätigtes Geburtsdatum – obgleich sein Tod in Teheran auf 1878 datiert ist – sowie Dokumentationen über von ihm behandelte Krankheitsfälle oder persönliche Schriften. Diese Lücken resultieren aus dem Mangel an primären persischen Archivmaterialien, weshalb sich Wissenschaftler auf indirekte Quellen wie Berichte europäischer Missionare stützen, beispielsweise Henry A. Sterns Bericht von 1854 über seine Begegnung mit Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar und seinen Brüdern im Jahr 1848. Weitere Forschungen in neu erschlossenen persischen Dokumenten aus der Qajarenzeit werden befürwortet, um diese Lücken zu schließen und seine beruflichen Leistungen umfassender zu beleuchten. Im breiteren Kontext der iranischen jüdischen Geschichte gilt Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar als Vorbild für die Integration und den sozialen Aufstieg religiöser Minderheiten unter der Herrschaft der Qajaren. Dabei werden die jüdischen Rollen in Medizin, Bildung und Gemeinwesen hervorgehoben. Seine Geschichte findet sich in Sammelbänden wie Houman Sarshars „Esther’s Children“ (2002), in dem seine Leistungen als beispielhaft für die Widerstandsfähigkeit von Minderheiten in vormodernen islamischen Gesellschaften dargestellt werden. Fälle von Eheschließungen zwischen prominenten Mitgliedern beider Gemeinschaften führten oftmals ebenfalls zu Konversionen. Erwähnenswert ist, dass Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar und seine Brüder die einzigen Juden waren, denen in Teheran (ca. 1870) der Besitz eines Pferdestalls und das Reiten von Pferden erlaubt war. Darüber hinaus ermöglichte ihm seine angesehene Stellung und der daraus resultierende Wohlstand, der innerhalb der jüdischen Gemeinschaft außergewöhnlich war, den Bau sowohl einer Synagoge als auch einer Klinik im jüdischen Viertel von Teheran.
Im Hinblick auf die Allgemeinbevölkerung führte die Stigmatisierung der „Unreinheit“ sowie die Notwendigkeit zur Einhaltung jüdischer religiöser und rechtlicher Vorschriften zu bedeutsamen Beweggründen für freiwillige Konversionen zum Islam. In dieser Phase der Instabilität erweisen sich finanzielle und soziale Schwierigkeiten als entscheidende Faktoren für den Übertritt zum Islam. Zu den primären Anreizen für diese freiwilligen Konversionen gehörten finanzielle Nöte, die Juden ihrer rechtlichen und geschäftlichen Transaktionen mit Muslimen entzogen.
So sah das Apostasiegesetz beispielsweise vor, dass muslimische Angehörige der Familie die einzigen Erben des Familienvermögens wurden. Weitere Antriebe zur Konversion waren die Risiken sozialer Ausgrenzung aus der muslimischen Gemeinschaft, die Pflicht, bestimmte Bekleidungen und Identifikationszeichen zu tragen, sowie der Mangel an staatlichem Schutz, selbst für angesehene Berufsgruppen, wie zum Beispiel private Ärzte, die für die königliche Familie tätig waren, im Falle von Behandlungsfehlern. Eine Reihe wohlhabender jüdischer Familien konvertierte zum Islam und nahm damit eine islamische Identität an, zumindest nach außen, was hauptsächlich auf die durch das Gesetz der Unreinheit auferlegten Einschränkungen zurückzuführen war. Sie konvertierten, um der Segregation als Juden zu entkommen und um soziale Beziehungen zu muslimischen Nachbarn und Geschäftspartnern zu fördern.
Abgesehen von den wenigen Fällen der Kapitulation – die auf vertraglichen oder gegenseitigen Verpflichtungen basierten, in denen eine Partei gewisse Verpflichtungen übernahm oder Zugeständnisse machte – wurden nominale Konversionen von Juden zum Islam als rechtliche Strategie angewandt, um die wirtschaftlichen Interessen privilegierter Familien zu sichern. Diese Praxis wurde sowohl von den schiitischen 'Ulama als auch von der jüdischen Gemeinschaft toleriert. Es war sogar möglich, die rechtliche Stellung zu stärken, ohne die üblichen Anforderungen an Konvertiten zu erfüllen, die die öffentliche Einhaltung islamischer Gebote, einschließlich der Teilnahme am Moscheegebet, beinhalteten. Trotz dieser vermeintlich nominalen oder versteckten Konversionen behielten Familien wie die zuvor erwähnten Juden Ḥakīm Yazghel Ḥaqnazar und Ḥakim Nur-Maḥṃud ihre Prominenz innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.
In anderen Fällen waren öffentlich bekannte Konversionen jedoch zwingend erforderlich. Ein solches Beispiel ereignete sich in der westlichen Stadt Kermanshah im späten neunzehnten Jahrhundert. Die Tochter eines muslimischen Geistlichen verliebte sich in Isma‘il, den Sohn eines angesehenen jüdischen Arztes namens Ḥakim Nassir. Um die Familienehre zu wahren, war der junge Mann gezwungen, die Tochter des Geistlichen zu heiraten. Darüber hinaus waren siebzig Mitglieder seiner Familie verpflichtet, öffentlich zum Islam zu konvertieren. Später, in der Zeit nach der Verfassung, wurde der neu konvertierte Bräutigam, der den Titel Mo‘azed al-Molk ("Stellvertretender Verwalter") erhielt, Vizepräsident des Nationalrats in Teheran und schließlich stellvertretender Finanzminister im nationalen Kabinett. Viele Nachkommen der Familie kehrten jedoch, den Wünschen von Ḥakim Nassir folgend, zum Judentum zurück, sobald sich die politischen Bedingungen änderten oder sie ins Ausland migrierten.
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Siyar - Islamisches Völkerrecht
Im Rahmen des islamischen Völkerrechts (Siyar) galten spezifische Regeln, die alle Beziehungen zwischen Muslimen und Dhimmis (nicht-muslimische Bürger eines islamischen Staates) regelten. Dhimmis war es untersagt, Muslime in Bezug auf Bekleidung, Reitstil und äußeres Erscheinungsbild zu imitieren. Außerdem durften Dhimmis in einer muslimischen Stadt keine neuen Synagogen oder Kirchen errichten; sie waren lediglich befugt, bestehende Gotteshäuser instand zu halten. Diese Diskriminierung hielt bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts an und beeinträchtigte die jüdischen Gemeinden sowohl physisch als auch wirtschaftlich. Der afghanische Herrscher, Emir Dost Mohammad Khan (Regierungszeit 1826–63; 1842–63), der 1834 das vereinte afghanische Königreich gründete und zu dieser Zeit Herat einnahm, erlaubte im letzten Jahr seiner Herrschaft im Jahr 1863 das Plündern jüdischer Gemeinden.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts litten die Juden Afghanistans weiterhin unter erheblichen Verlusten an Leben und Eigentum. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich das allgemeine Umfeld für Juden im Hinblick auf ihre physische und ökonomische Lebensqualität zu verbessern. Die jüdischen Gemeinden Afghanistans waren hauptsächlich in Herat konzentriert, während kleinere Gemeinschaften in Balkh und Kabul existierten, die sich von Ende des 19. Jahrhunderts bis um die Wende zum 20. Jahrhundert kaum veränderten.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Juden Afghanistans auf allen Ebenen des nationalen und internationalen Handels, unter anderem über Indien oder Mashhad, mit Städten wie London, Leipzig und New York verbunden. Tatsächlich kann das Jahrzehnt der 1930er Jahre als Wendepunkt in der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Herat betrachtet werden, insbesondere hinsichtlich der Stärkung ihrer Beziehungen zu Eretz Yisrael (dem „Land Israel“) und Europa. Unter der Herrschaft von Mohammad Nadir Shah, der von Oktober 1929 bis zu seiner Ermordung im November 1933 König von Afghanistan war, erlebten die Juden eine kurze Phase des Wohlstands und der Sicherheit. In dieser kurzen Regierungszeit von vier Jahren gewährte er den Juden gleichberechtigte Bürgerrechte, schloss kommerzielle Verbindungen mit ihnen und hob die meisten antisemitischen Dekrete von König Amanullah Khan (Regierungszeit 1919–29) auf.
Die nachfolgenden afghanischen Herrscher jedoch betrachteten die zentrale Rolle der Juden im internationalen Handel mit weit weniger Toleranz. Nach der Ermordung Mohammed Nadir Shahs im Jahr 1933 sah sich ein Mohmand-Paschtune namens Mohammad Gul Khan, der gewissermaßen als Gesandter Afghanischen Turkestans (den nördlichen Provinzen) fungierte, veranlasst, die Provinz Balkh von jüdischen und nicht-paschtunischen Einwohnern zu „reinigen“ – inspiriert von den Ereignissen, die sich in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg gegen Juden und andere nicht-arische Bevölkerungsgruppen abspielten. Folglich wurden die Juden nach 1933 aus den meisten afghanischen Städten vertrieben und durften lediglich in Herat, Balkh und Kabul leben.
Impressionen
Hier präsentieren wir Ihnen eine sorgfältige Auswahl von Impressionen, welche u.a. die Lebensrealitäten und Traditionen der jüdischen Gemeinde in Herat dokumentieren. Die gezeigten Bilder erfassen zentrale religiöse Feste, traditionelle Trachten sowie bedeutende historische Stätten, die für die Gemeinde von großer Relevanz sind. Diese visuelle Sammlung fungiert als wertvolles Instrument zur Aufklärung über die Kultur und Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Herat. Zudem trägt sie zur Förderung des Verständnisses und der Wertschätzung ihrer einzigartigen Traditionen bei. Jedes einzelne Bild erzählt eine Geschichte und ermöglicht tiefere Einblicke in die Bräuche, die sowohl das tägliche Leben als auch die festlichen Anlässe prägen.
Das kulturelle Gedächtnis
Die jüdische Gemeinde von Herat weist eine reiche und komplexe Geschichte auf, die sich in den persönlichen Berichten widerspiegelt. Durch die einzigartige Perspektive der Gemeindemitglieder erhalten wir wertvolle Einblicke in ihre Lebensumstände, in die Traditionen sowie den Glauben, den sie über Generationen hinweg bewahrt haben. Diese Berichte leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung und Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses.
Herausforderungen und Resilienz
Die vorliegenden Erinnerungen schildern nicht nur die Schönheit des Lebens in Herat, sondern beleuchten auch die damit verbundenen Herausforderungen. Diese Berichte thematisieren die sozialen Umbrüche, Diskriminierungen und die kontinuierliche Suche nach Identität und Zugehörigkeit in einer sich wandelnden Welt. Die Resilienz der jüdischen Gemeinde wird in jeder einzelnen Geschichte deutlich.
Alltagsleben und
Traditionen
Ein erheblicher Teil der Berichte analysiert das Alltagsleben innerhalb der Gemeinde, einschließlich der täglichen Rituale, Feierlichkeiten und der traditionellen Speisen, die das kulturelle Erbe bewahren. Diese persönlichen Perspektiven bieten uns nicht nur wertvolle Einblicke in den Alltag, sondern auch in die fundamentale Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammenhalt.
Kollektive
Erinnerung
Wir laden Sie ein, die Tiefe und Vielfalt dieser persönlichen Berichte eingehend zu erkunden. Jeder einzelne Text repräsentiert einen Aspekt der kollektiven Erinnerung und ermutigt uns dazu, die Perspektiven derjenigen zu verstehen, die häufig übersehen werden. Lassen Sie sich anregen und sensibilisieren für die Geschichten, die unsere Welt bereichern.















































































