
Epigraphik
Ein bedeutendes Erbe der
jüdischen Kultur
Dieser Abschnitt präsentiert das Projekt zu den persisch-hebräischen Grabschriften aus Djām, Afghanistan. Diese Inschriften sind von erheblichem archäologischen Wert und tragen zudem eine bedeutende historische und kulturelle Relevanz. Sie gewähren tiefgehende Einsichten in das Leben und die Traditionen der jüdischen Gemeinschaften in Persien sowie deren Interaktionen mit anderen Kulturen und Zivilisationen.
Die Entdeckung der persisch-hebräischen Grabinschriften in Afghanistan bietet eine Fülle von Informationen und wertvollen Einsichten über die jüdische Diaspora und deren Entwicklung über die Jahrhunderte. Jede Inschrift vermittelt eine eigene Geschichte und spiegelt die religiöse sowie gesellschaftliche Identität der jüdischen Gemeinschaft wider, die einst in diesen Regionen ansässig war. Durch akademische Forschung und öffentliche Präsentationen beabsichtigen wir, das Bewusstsein für dieses Erbe zu fördern und den kulturellen Wert dieser Inschriften zu unterstreichen.
In Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Institutionen und Fachleuten der Judaistik legen wir großen Wert auf den respektvollen Umgang mit diesen historischen Dokumenten. Unser Ziel besteht darin, die Ergebnisse unserer Forschung sowohl der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um ein fundiertes Verständnis der jüdischen Geschichte und Kultur zu fördern.
Die Entzifferung der Schrift am Beispiel der 'Cairo Geniza'
Ein tausendjähriges Archiv trifft auf Künstliche Intelligenz
Die Disziplinen der Archäologie und Geschichtswissenschaft haben durch den Einsatz von Algorithmen einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel erfahren. Die Anwendung von Künstlicher Intelligenz zur Entzifferung antiker römischer Inschriften, unterstützt von Google DeepMind und in Kooperation mit internationalen Forschungsexperten, hat die Restaurierung mehrfach beschädigter oder unvollständiger Steininschriften revolutioniert. Diese Thematik ist nicht länger ausschließlich Experten vorbehalten, sondern stellt nun eine flexiblere und präzisere Problematik dar.
Die KI-Technologie hat sich als wegweisender Ansatz zur Analyse und Interpretation historischer Inschriften etabliert. Die Entwicklungen rund um das System Aeneas sowie die automatisierte Texterkennung für Keilschrifttafeln belegen die weitreichenden Potenziale der Künstlichen Intelligenz in der Forschung. Aeneas ist ein multimodales generatives neuronales Netzwerk, das Historikerinnen und Historikern dabei hilft, beschädigte Texte besser zu interpretieren, einzuordnen und zu restaurieren. Diese Technologien eröffnen Archäologen und Historikern neue Perspektiven und Methoden zur Erfassung der verschiedenen Dimensionen und der Bedeutung des römischen Alltagslebens. Die Implementierung von KI-Tools zur Entzifferung von Inschriften hat das historische Forschungsfeld signifikant transformiert. Werkzeuge wie Aeneas und Transkribus bieten innovative Lösungen zur erheblichen Verbesserung der Lesbarkeit und Analyse historischer Inschriften. Diese Technologien ermöglichen es Forschenden, verloren geglaubte Texte zu rekonstruieren, Inschriften zeitlich und räumlich einzuordnen sowie historische Parallelen zu erkennen.
Die KI-Systeme arbeiten sowohl mit Texten als auch mit Bildmaterial, was deren Genauigkeit und Effizienz in der epigraphischen Analyse beträchtlich steigert. Historiker haben über Jahrhunderte hinweg auf manuelle Techniken und sorgfältige Vergleiche mit anderen lateinischen Texten zurückgegriffen, um fehlende Segmente römischer Grabsteine, Altäre oder Denkmäler zu rekonstruieren. Mit dem Aufkommen von Aeneas, dem neuen KI-System von Google DeepMind, eröffnen sich neuartige Ansätze, um das Leben und die Ausdrucksformen der antiken Bewohner des Römischen Reiches besser zu erfassen und Aufgaben zu vereinfachen, die zuvor Jahre beanspruchen konnten. Durch den Einsatz eines multimodalen neuronalen Netzwerks verarbeitet das System sowohl Bilddaten der Inschriften als auch deren Transkriptionen, wodurch es über den bloßen wörtlichen Textvergleich hinausgeht.
Wie Thea Sommerschield, Assistenzprofessorin für Griechische Geschichte und Digital Humanities an der Durham University und eine der führenden Forscherinnen des Aeneas-Projekts, erläutert, zielt Aeneas darauf ab, Fachleute nicht zu ersetzen, sondern ihnen ein Werkzeug anzubieten, das ihre Arbeit sowohl beschleunigt als auch bereichert und neue Möglichkeiten für die epigraphische Forschung eröffnet.
Quelle: "Die künstliche Intelligenz von Google DeepMind revolutioniert das Studium römischer Inschriften." Letzte Aktualisierung: 31/07/2025, auf nucleovisual.com, abgerufen am 17.03.2026.
Die Bedeutung der Inschriften am Beispiel der "Afghan Geniza'
Die Faszination persisch-hebräischer Inschriften
In der Disziplin der Archäologie und Kulturgeschichte haben Inschriften eine weitreichende Funktion und sind weit mehr als einfache Texte; sie stellen unverzichtbare Schlüssel zur Rekonstruktion historischer Gegebenheiten dar. Besonders die persisch-hebräischen Inschriften, Manuskripte und Briefe aus der vor-mongolischen Epoche sowie der Blütezeit der Ghuriden-Dynastie gewähren uns einen einzigartigen Einblick in die kulturellen und sozialen Strukturen dieser bedeutenden Ära. Sie spiegeln nicht nur das hohe Niveau des handwerklichen Könnens der zeitgenössischen Schriftsteller, Steinmetze und Gelehrten wider, sondern fungieren auch als essentielle Dokumente, die das Wissen und die Werte ihrer Zeit dokumentieren.
Interkultureller
und
Interreligiöser Dialog
Die persisch-hebräischen Inschriften repräsentieren nicht nur bedeutende religiöse und kulturelle Schnittstellen, sondern spiegeln auch die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Gelehrten, Schriftsteller und Künstler jener Epoche wider. Von kunstvoll gestalteten Buchstaben bis hin zu poetischen Texten tragen sie zur Förderung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs bei und dienen als Nachweis für die Toleranz sowie das multikulturelle Zusammenleben, das während der Herrschaft der Ghuriden vorherrschte.
Kommunikation
und
Interaktion
Um die Bedeutung sowie den kulturellen und künstlerischen Wert dieser Inschriften umfassend zu erfassen, planen wir die Präsentation einer Reihe detaillierter Analysen verschiedener repräsentativer Inschriften. Jede dieser Inschriften bietet eine einzigartige narrative Perspektive und trägt erheblich zum Verständnis der sozialen Strukturen und der Interaktionen zwischen den unterschiedlichen Gemeinschaften jener Zeit bei. Darüber hinaus verdeutlichen diese Analysen, in welchem Umfang Inschriften als essentielle Kommunikationsmittel in der damaligen Gesellschaft fungierten.


Das Vermächtnis
der
Ghuriden Dynastie
Die Ghuriden-Dynastie stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung von Kunst und Kultur dar. Die Herrscher der Ghuriden traten als bedeutende Mäzene der Kunst und Spender der persischen Literatur hervor. Analog zur Literatur setzten die Ghuriden die ghaznawidische Tradition auch in der Architektur fort und transformierten ihre Machtzentren in prachtvolle Metropolen. Die Inschriften aus dieser Zeit sind nicht nur materielle Relikte, sondern fungieren auch als kulturelle Symbole, die den weitreichenden Einfluss der Ghuriden auf Architektur, Literatur und das gesellschaftliche Leben eindrucksvoll verdeutlichen. Daher sind sie unerlässlich für ein vertieftes Verständnis dieser dynamischen vor-mongolischen Epoche und deren Einfluss auf die nachfolgenden Epochen.
Unser gemeinsames kulturelles Erbe
Seit mehreren Jahren widmen wir uns mit Nachdruck der Erforschung und dem Erhalt dieses bedeutenden kulturellen Erbes.
Unsere Initiativen umfassen die digitale Archivierung, Dokumentation sowie eine fachgerechte Präsentation dieser wertvollen Inschriften in unserem Online-Archiv, um deren nachhaltige Zugänglichkeit für Wissenschaftler und eine breitere Öffentlichkeit zu gewährleisten.
Die persisch-hebräischen Grabinschriften vom Kūh-i Kushkak
In Erinnerung an Werner Herberg (1944-2013)
Dieses Projekt widmet sich einer gründlichen Analyse eines Korpus von 91 persisch-hebräischen Grabinschriften, welche auf den Zeitraum von 1012 bis 1220 CE datiert sind und auf dem jüdischen Friedhof am Kūh-i Kushkak entdeckt wurden. Dieser historisch bedeutsame mittelalterliche jüdische Friedhof befindet sich am südlichen Rand von Djām, in der Nähe des UNESCO-Weltkulturerbes, dem Minarett von Djām, welches während der Ghūriden-Dynastie (1148–1215 CE) erbaut wurde.
Der jüdische Friedhof am Kūh-i Kushkak gilt als ein bedeutendes Zeugnis der vielschichtigen historischen und kulturellen Einflüsse, die entlang der Seidenstraße in Asien wirkten. Die Region, die sich am östlichen Rand des islamischen Einflussbereichs befindet, blickt auf eine lange Geschichte zurück, die bis ins 2. Jahrhundert BC reicht. Während der Han-Dynastie (ca. 206 BC – 220 CE) bis zur mongolischen Invasion (1194–1220 CE) war sie für China von Bedeutung. Die islamische Expansion und die Bekehrung der lokalen Bevölkerung in der Provinz Ghūr in Zentralafghanistan erstreckten sich über einen signifikanten Zeitraum, sodass dieses Gebiet bis zum Ende des 10. Jahrhunderts als die größte heidnische Enklave innerhalb des Islam galt. Eine weitere prägende Kraft im 13. Jahrhundert war die mongolische Invasion, die die gesamte Region Zentralasiens unter mongolische Herrschaft stellte.
Die Mehrheit der in diesem Projekt analysierten persisch-hebräischen Inschriften aus Zentralafghanistan kann auf die Zeit der iranisch-islamischen Ghūrid-Dynastie im 12. und 13. Jahrhundert datiert werden. Diese Dynastie umfasste in ihrer Blütezeit weite Teile des heutigen Iran, Afghanistans, Pakistans sowie die nordwestlichen Ausläufer Chinas. Das Ghūriden-Reich hatte seine Zentren in bedeutenden urbanen Gebieten wie Harāt, Ghazni und Lahore, wobei der jüdische Friedhof in der Nähe der ehemaligen Hauptstadt Fīrūzkūh entdeckt wurde. Die auf diesem Friedhof entdeckten und dokumentierten Grabinschriften liefern wertvolle Informationen und neue Perspektiven zu den historischen Gegebenheiten der jüdischen Gemeinschaften in dieser Region. Obwohl der Fokus nicht auf den linguistischen Aspekten der epigraphischen Studien liegt, stellen die persisch-hebräischen Inschriften aus dieser Zeit unverzichtbare Belege für die Entwicklung der frühen neupersischen Sprache dar. Sie bieten bedeutende Beispiele für die Sprache, die von den Juden sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen des historischen Persiens verwendet wurde.
ופאת עדן - wafat 'eden - das Hinscheiden nach Eden
ופאת עדן - wafat 'eden - "das Hinscheiden nach Eden" lauten die ersten beiden Worte dieser sechs Zeilen umfassenden persisch-hebräischen Inschrift aus dem Jahr 1187 CE im Andenken an "den greisen Vater, den Lehrer und Vorbeter Jakob ha-Levi, Sohn des Simha Duhuli " eingraviert auf einem Epitaph in Form eines Rollkiesels aus Afghanistan (s. Abb.). Diese Inschrift wurde 1962 auf einem abfallenden Höhenrücken des Berges Kūh-i Kushkak- in der Mitte der dem Lauf des Jam Rud folgenden, etwa 4,5 km langen Strecke zwischen dem Dorf Jam (auch Djām) und dem Minarett von Djām gelegen- von dem Architekten Andrea Bruno während der Italian Archaeological Mission in Afghanistan südlich der Grabungsstelle Djām entdeckt und erstmals von Gherardo Gnoli veröffentlicht.
Die Region Ghur wurde erst im 11. Jahrhundert islamisiert und unterstand seit 1010 CE den Ghaznawiden, einer muslimischen Dynastie, deren Herrschaft im östlichen Iran mit der Machtübernahme Sebüktegins, eines eng vertrauten, persönlichen Sklaven Alptegins, des Oberbefehlshabers der türkischen Generäle am Hof der Samaniden, im Jahre 977 CE begann und nach einer zweiunddreißig Jahre währenden Regentschaft seines Sohnes Mahmud (998-1030 CE) mit dem letzten Ghaznawidenherrscher Khusraw Malik (1160-1186 CE) zu Ende ging. Das Zentrum ihres sich im Westen bis Rayy und Gebal und im Osten bis zum Oxus und Nordwestindien erstreckenden Reiches war die Stadt Ghazna. Anfang des 11. Jh. wurden die Ghuriden, eine muslimische Dynastie aus dem Haus der Shansabani und ehemals samanidische Statthalter, ghaznawidische Statthalter in Ghazna. Nachdem sie die Ghaznawiden unter 'Ala' al-Din Husain (Gahan-Suz, "World Incendiary") 1150 CE besiegt hatten und ihren Machteinfluss erfolgreich gegen die türkische Fürstendynastie der Seldschuken verteidigen konnten, herrschten die Ghuriden unter Ghiyat al-Din Muhammad b. Sam und Muhzz al-Din Muhammad b. Sam zwischen 1149 und 1206 CE in der Region Ghur.
„Turkish and, to a much lesser extent, Mongol military expansion south of the Oxus river into what is now Afghanistan and northern India was also to have lasting political effects on these regions. The establishment of the line of Ghaznavid sultans, who were originally of Turkish slave origin, in eastern Afghanistan was the catalyst for several centuries of expansion of Turkish and Afghan power, lured by the riches of the northern Indian plains. [...]. The changes brought about by the movements of Turkish peoples were accelerated by the Mongol invasions of the thirteenth century, which had an immediate and cataclysmic effect on the economic and social organization of the lands which they overran [...]." (Zitat n. Asimov & Bosworth (ed.), History of Civilizations of Central Asia, Vol. IV/I, pp.177-1899)
Die Verbreitung des Islams und die Bekehrung der Bevölkerung Ghūrs vollzogen sich nur sehr langsam. Gegen Ende des 10. Jh. waren die Ghuriden zum überwiegenden Teil noch „heidnisch" geprägt. Der Geograph al-Istahri (Abu Ishaq Ibrahim ibn Muhammad al-Farsi al-Istakhri (آبو إسحاق إبراهيم بن محمد الفارسي الإصطخري) (auch Estakhri, persisch: استخری, d. h. aus der iranischen Stadt Istakhr, geb. – gest. 346 n. H./957 CE) schildert diese Region als die grösste pagane Enklave innerhalb der Grenzen des islamischen Reiches. al-Istakhri war ein Reiseschriftsteller und islamischer Geograf des 10. Jahrhunderts, der wertvolle Berichte in arabischer Sprache über die vielen muslimischen Gebiete verfasste, die er während der Abbasidenzeit des Goldenen Zeitalters des Islam bereiste.
Möglicherweise führten von Khorasan ausgehende missionarische Aktivitäten während des 10. und 11. Jh. auch in der Region Ghur zur Erstarkung der Karamiyya Bewegung, einer vorwiegend in Nishapur stark vertretenen, pietistisch-asketischen Form des sunnitischen Islams. Die Karramiyya war in dieser Region über Jahrzehnte äußerst einflussreich. Der streng asketisch-pietistische Zug in Ibn Karrams Lehre und Praxis war darauf gerichtet, Anhänger für sich zu gewinnen. Anfänglich wurden die Anhänger dieser Glaubensrichtung in Khorasan von Sebüktegin und seinem Sohn Mahmud von Ghazna gefördert. Die Beziehungen zu Ghazna, Herat und anderen Zentren muslimischer Kultur brachten einen Wandel im religiösen Charakter Ghurs und seiner angrenzenden Gebiete mit sich und im Verlauf des 12. Jh. wandten sich die Shansabanis zusehends vom Patronat der Karramiyya ab.
Es kam zu Auseinandersetzungen unter den Anführern der Sekte, die als Opposition zu Faḫr ad-Dīn aṭ-Ṭabaristānī ar-Rāzī (1149-1209), einem bedeutenden persischen sunnitischen Theologen und Philosoph, der auch über Medizin, Physik, Astronomie, Literatur, Geschichte und Gesetz schrieb, eine beträchtliche Anhängerschaft in Ghur gewannen. Ghiyath al-Din führte die safi 'itische Rechtsschule ein, während Mui 'zz al-Din sich der hanafitischen Rechtsschule zuwandte. Die sozio-kulturellen Verhältnisse in Ghur wurden zwar durch zahlreiche religiöse, geistige und philosophische Strömungen, darunter durch die islamischen Rechtsschulen von Nisapur und den Sufismus, sowie andere in Zentralasien verbreitete Glaubensrichtungen wie Manichäismus, Zoroastrismus oder christliche, und insbesondere nestorianische und jüdische Lehren geprägt; dennoch ist diese Region erst zu Beginn des 11. Jahrhundert islamisiert worden, und ihre Bevölkerung galt bis weit ins 10. Jh. hinein als roh, ungebärdig und ungebildet.
Obgleich die Wellen islamischer Eroberung die Randzonen von Ghur bereits zu Zeiten des Umayyaden-Kalifats (660-750 CE) mehrmals berührten, unterlagen sie dennoch nicht dem Einfluss der vom sunnitischen Islam geprägten Kultur, wie nicht zuletzt den zahlreichen erhaltenen persisch-hebräischen Inschriften dieser Zeit zu entnehmen ist, zu der auch die vorgestellte gehört.
Wir schreiben das Jahr 1187 CE, 35 Jahre vor der Zerstörung der Hauptstadt Firuzkh im Jahre 1222 CE durch Ögedei Khan (um 1185-1241 CE), den dritten Sohn Dschingis Khans (ca. 1162-1227 CE), der nach dem Tod seines Vaters als zweiter Khagan das Mongolenreich von 1229 bis 1241 CE regierte. Die Inschrift zum Gedenken an ein Gemeindemitglied namens "Jakob, Sohn des Simha Duhuli" ist überwiegend in hebräischer Sprache und Schrift gehalten und lässt erkennen, dass es bereits im 12. Jh.- ähnlich wie in den hebräischen Grabinschriften der Juden Mittel- und Osteuropas- Elemente eines feststehenden Formulars mit geprägtem hebräischen Standardtext gegeben hat.
Neben dem Hebräischen umfasst die Inschrift eine weitere Sprache, die ebenfalls in der „Heiligen Sprache" geschrieben und eingraviert wurde: das Persische. Der iranische Dialekt der Bevölkerung Ghurs unterschied sich erheblich von dem Khorasans. So musste sich Sultan Mas'ud b. Mahmud I. von Ghazna (1031-1041 CE) während seines Feldzuges nach Ghur im Jahre 1020 CE bei seinen Verhandlungen ortsansässiger Dolmetscher bedienen. Zudem sprachen die Ghuriden den Namen des Propheten Muhammad "Hamad" aus, weswegen man sie nach ihrem Übertritt zum Islam 'Hamadis' nannte. Die Lehnwörter der persischen Alltagssprache der jüdischen Gemeinschaft begegnen nicht nur in den Zitaten und Benediktionen aus Werken der Traditionsliteratur, sondern auch in den Herkunfts- und Rufnamen. Dennoch bleibt die entscheidende Sprache der Sepulkralkultur dieser mittelalterlichen jüdischen Gemeinde das Hebräische, durchsetzt freilich von Lehnworten ihrer persischen Alltagssprache. Der Text der Inschrift laute folgendermassen:


1 Das Hinscheiden nach Eden hat beglückt den greisen Vater,
den Lehrer und Vorbeter
2 Jakob ha-Levi, Sohn des Simha Duhuli, erbarmen möge sich seiner
der Fels. Am Tag
3 der Woche, am 22. Tammuz im Jahre 1499. Der Barmherzige möge
seine Rangstufen
4 erhöhen (und ihn versammeln am Tage der Auferstehung zusammen
mit) Gerechten und Frommen.
5 So sei es, und es erfü[lle] sich an [ihm] das Wort der Schrift: [Dann wird
hervorbrechen] wie die Morgenröte dein Licht und [deine] Heil[ung]
6 eil[ends\ sprie[ssen] und einherge[hen\ vor [dir deine Gerechtigkeit,
und die Herrlichkeit des] Herrn deinen Zug beschliessen.
Die Anordnung der einzelnen Elemente des Textes, wie Angaben zur Person, Sterbe- bzw. Begräbnisdatum, Euphemien, Einführungs- und / oder Schlussformeln und ihre Erweiterungen etc., folgen je nach Grösse eines Steins, beschrifteter Fläche und Zahl der Zeilen- von wenigen Ausnahmen abgesehen- so auch in diesem Falle einem festen Schema:
1. Einführungsformel
פאת עדן - "Das Hinscheiden nach Eden hat beglückt" (Z. 1) auch in der Form פאת עדן - "das Hinscheiden des Edenbewohners" gebräuchlich - so lauten zumeist die ersten persischen Lehnwörter: wafat (Tod) und 'eden (Eden) einer feststehenden, in hebräischer Schrift geschriebenen Einführungsformel. Darauf folgen
2. Standesbezeichnung
Angaben zur Person: "den greisen Vater" (Z. 1)
Auch hier begegnet uns ein persisches Lehnwort: waled (Vater) steht für das hebräische אב (Av).
(a) Standesbezeichnung
Die Standesbezeichnungen beziehen sich insbesondere auf Alter oder Geschlecht, aber auch auf die nach innergemeindlichem (religiösem) und bürgerlichem Beruf differenzierte Stellung des Verstorbenen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, z. B. "meines jungen Sohnes", "des greisen Vaters", "des Vaters".
Besondere Erwähnung findet der Tod eines Bräutigams vor der Hochzeit: "mein ehrwürdiger, verständiger, weiser und teurer Bruder, der (gottes)fürchtige Bräutigam" heisst es zum Beispiel. Bisweilen werden zur Ehrung und Preisung des Verstorbenen den Standesbezeichnungen als Epitheta verwendete Eigenschaftswörter beigefügt, wie z. B. "meines teuren, verständigen, frommen, gottesfürchtigen, ehrwürdigen Bruders", "mein ehrwürdiger, verständiger, weiser und teurer Bruder", den gerechten, greisen", "meines frommen Bruders", "den weisen", "den gerechten", "den frommen". Vereinzelt erfahren wir dazu auch von evtl. Beziehungen der Hinterbliebenen zu einem verstorbenen Angehörigen, wenn es z. B. heisst: "meines jungen Sohnes", "meines teuren, verständigen, frommen, (gottes)fürchtigen, ehrwürdigen Bruders", "meines frommen Bruders".
(b) Funktionen: den Lehrer und Vorbeter (Z. 1)
In der Einführungsformel wird in einigen Inschriften, wie im vorliegenden Fall, im Anschluss an die Standesbezeichnung die Funktion des Verstorbenen innerhalb der jüdischen Gemeinde genannt, ähnlich wie hier: "des Vorbeters und Lehrers", andernorts "des Gemeindevorstehers" oder "des Rechners" (Rechnungsführers, Hauptbuchhalters). Auf diese Weise erfahren wir auch etwas von weltlichen Berufen innerhalb der Gemeinde, so z. B. von einem "Krämer" oder "Händler" (Kaufmann), ein Hinweis darauf, dass den Juden in dieser Region Zentralasiens im 11. Jahrhundert der Zugang zu diesem bürgerlichen Beruf keineswegs verwehrt war. In der vorliegenden Inschrift werden zwei religiöse Funktionen des Verstorbenen in der Gemeinde genannt: die des "Lehrers / Kinderlehrers" und "des Vorbeters".
Ausnahmsweise wird eine als besonders wichtig erachtete Funktion innerhalb der Gemeinde noch vor der Standesbezeichnung erwähnt, so etwa im Fall "des greisen ehrwürdigen Beamte(n) des (Reichsdistrikts) Sacharja, Sohn des Simha Mose". Möglicherweise handelt es sich hier um einen Hofjuden oder Hoffaktor, der zur Zeit der Herrschaft der Ghuriden als besonders privilegierter Jude anzusehen ist.
Ein Hofjude war ein jüdischer Kaufmann, der an einem höfischen Herrschaftszentrum tätig war und (Luxus-)Waren, Heereslieferungen oder Kapital für den Herrscher beschaffte. Viele Hoffaktoren waren Juden, für die der Begriff "Hofjude" verwendet wurde. Sie genossen besondere Privilegien wie erweiterte Reisefreiheit und Steuerrechte sowie einen direkten Zugang zur Obrigkeit. Hoffaktoren spielten eine entscheidende Rolle in der Finanzierung von Kriegsgeräten und Luxusgütern für Herrscher und waren oft die maßgeblichen finanz- und wirtschaftspolitischen Berater der Fürsten.
(c) Name, Vor- und Vatername': "Jakob, den Leviten, Sohn des Simha Duhuli (Dahuli)" (Z. 2)
Der dem Titel folgende hebräische Name wird in der Regel mit einem oder mehreren Vornamen und dem Vaternamen zitiert: "Josef, Sohn des David Mose","Sadan, Sohn des Isaak Sadan" oder "Abraham Mose Jakob".
Im Fall der Abstammung von einem Priester oder Leviten tritt- wie in der vorliegenden Inschrift für "Jakob, den Leviten, Sohn des Simha Duhuli (Dahuli)"- die Bezeichnung der Zugehörigkeit zu einer der beiden Priesterklassen zum Namen hinzu, so auch in der Inschrift für den "jungen Isaak, den Priester", den "Sohn des Sadan Isaak".
(d) Herkunftsort: Duhuli (Dahuli) [aus Duhul (Dahul)'?]
Wenn auch Lesung und Bedeutung des Wortes Duhuli / Dahuli umstritten sind, scheint soviel aber sicher zu sein, dass es sich dabei um einen Hinweis auf den (möglichen) Herkunftsort des Verstorbenen handelt. Als Hinweis auf den (möglichen) Herkunftsort wurde der Zusatz "Duhuli (Dahuli)" in dieser Inschrift möglicherweise auch zur besonderen Kennzeichnung des Verstorbenen verwendet.
Es könnte sich um einen Juden aus Indien, genauer aus Dahuli handeln, daher die Betonung seiner Herkunft, der als im Rechnungs- und Finanzwesen begabter Händler am Hof der Ghuriden angestellt wurde. Dahuli ist ein Dorf in Indien, gelegen im heutigen Distrikt Pune im Bundesstaat Maharashtra mit der Hauptstadt Mumbai (bis 1995 offiziell Bombay; englisches Kolonialtoponym). Ab dem 8. Jahrhundert siedelten an der Westküste Indiens Juden aus Jemen und Anhänger der Religion des Zarathustra aus Persien, die vor dem Ansturm der islamischen Eroberer dorthin geflüchtet waren.
Bis Ende des 13. Jahrhunderts beherrschten verschiedene Dynastien diesen eher unbedeutenden und abgelegenen Landstrich. Die Ghuriden-Feldzüge in Indien umfaßten eine Reihe von Invasionen (1175–1206 CE) durch den Ghuriden-Herrscher Muhammad von Ghor (reg. 1173–1206 CE) im letzten Viertel des zwölften und den frühen Jahren des dreizehnten Jahrhunderts, die zur weitreichenden Expansion des Ghuriden-Reiches auf dem indischen Subkontinent führten. Im Jahr 1173 ernannte der Gründer der Ghuriden seinen Bruder Muizz-ud-Din Mohmmed (Mohammed Ghori, reg. 1173 – 1206 CE) zum Statthalter von Ghazna und ermutigte ihn den indischen Subkontinent zu erobern. Im 12. Jahrhundert begannen die Guriden, aktive Kriegskampagnen gegen die Ghaznaviden sowie gegen andere benachbarte Staaten zu führen. Im Jahr 1193 CE eroberten sie das Sultanat von Delhi, das zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der Khiljis stand. Dieses Ereignis markierte den Beginn einer neuen Ära in der Geschichte Indiens. Wie sein Vorgänger Mahmud von Ghazni nahm Mohammed Ghori zuerst im Jahr 1178 CE das ismailitische Multan Königreich im nördlichen Sindh ein, das Unabhängigkeit von der Herrschaft der Ghaznawiden erlangt hatte. In Allianz mit einem örtlichen Hindu-Herrscher stürzte der Führer der Ghuriden dann die Ghaznawiden-Dynastie, indem Lahore im Jahr 1186 CE erobert wurde. Den gesamten Punjab kontrollierend, drängte er weiter und nahm im Jahr 1194 CE Delhi ein. Die Ghuriden stürmten dann über die Gangesebene von Nordindien. Muhammad selbst kam im Jahr 1194 CE bis nach Benares. Er sandte einen seiner Feldherrn, Bakhtiyar Khalji, zusammen mit Iktiyar-ud-Din Muhammad, um weiter Richtung Osten anzugreifen.
(e) Euphemia: "erbarmen möge sich seiner der Fels (d. h. Gott)" (Z. 2)
Auf den Namen, zumeist nach dem Namen des Vaters, folgen bisweilen Wunsch- oder Segensformeln - ähnlich der in unserer Inschrift-, die nach Leopold Zunz Euphemien genannt werden: "Der Barmherzige tue an ihm Barmherzigkeit", "der Geist des Herrn lasse ihn ruhen im Garten Eden" oder "das Andenken des Gerechten gereiche zum Segen." Die Segensformel in Zeile 2 unserer Inschrift aus dem Jahr 1187 klingt an Jes 55,7b an: "und er [der Frevler] soll umkehren zum Ewigen, dass Er sich seiner erbarme, zu unserem Gott, denn Er ist gross im Vergeben", wobei "Fels" eines der üblichen Substitute für Gott ist.
3. Sterbe- und Begräbnisdatum: " am Tag 3 der Woche, am 22. Tammuz im Jahre 1499" (Z. 2-3)
In Zeile 2 dieser Inschrift steht das persische Lehnwort: rutz =Tag, baruzi = am Tage für das hebräische יוֹם jom =Tag. Die dritte Zeile enthält zwei weitere persische Lehnwörter: dar = in, hinein, andar = innen, drin und ǧihād = Jahr für das hebräische הַשָּׁנָה ha shana = Jahr.
Der 22. Tammuz im Jahre 1499 fällt nach dem jüdischen Kalender, gemäß Datierung mit der im Jahr 312 v. u.Z beginnenden Seleukidenära, auf Dienstag, den 22. Tammuz und 319. Tag des Jahres 4948; es handelt sich hierbei um ein sog. überzähliges Schaltjahr mit einer Länge von 385 Tagen. Dies entspricht Dienstag, dem 19. Juli 1188 u.Z. Nach dem islamischen Kalender fällt der Tag auf den 22. Gumada I 584, den 140. Tag im islamischen Jahr.
In den Inschriften vom Kuh-i Kushkak wird das Todes- bzw. Begräbnisdatum in der Regel wie in der vorliegenden Inschrift nach folgendem Schema verzeichnet:
a) Wochentag, hier: "am 3. [Tag] der Woche"
b) Monatstag, hier: "am 22."
c) Monat, hier: "des Tammuz"
d) Jahr, hier: "im Jahre 1499"
Die Wochentage werden dabei als erster (=Sonntag) zweiter (=Montag) etc. Tag durchgezählt. Gelegentlich kann auch einmal der Sabbat als der siebente Tag der Woche bezeichnet werden: "Das Hinscheiden des Edenbewohners, des jungen Isaak, des Priesters, Sohnes des Sadan Isaak, ereignete sich am 7. (Wochen)tag, am 9. des Monats Tevet 1496." Für das Sterbe- bzw. Begräbnisdatum werden, wie im Hebräischen üblich, keine Zahlzeichen, sondern Buchstabenverwendet, was bei höheren Zahlenkombinationen, wie etwa bei der oben aufgeführten Jahreszahl 1499 zu umfangreicheren Buchstabengruppen fuhren kann. Üblich ist dabei, die das Sterbejahr kennzeichnenden Buchstabenkombinationen mittels Markierung durch Punkte oder Hervorhebung durch einen durchgehenden Strich oberhalb der Buchstabengruppe auszuzeichnen.
4. Schlussformel (Grundformel und Erweiterungen):
3 Der Barmherzige möge seine Rangstufen
4 erhöhen (und ihn versammeln am Tage der Auferstehung) zusammen
mit Gerechten und Frommen.
5 So sei es, und es erfü[lle] sich an [ihm] das Wort der Schrift: [Dann wird
hervorbrechen] wie die Morgenröte dein Licht und [deine] Heil[ung]
6 eil[ends] sprie[ssen] und einherge[hen] vor [dir deine Gerechtigkeit,
und die Herrlichkeit des] Herrn deinen Zug beschliessen.
Den mittel- und osteuropäischen Grabinschriften des Mittelalters vergleichbar, findet sich auch in den zentralasiatischen Inschriften vom Kuh-i Kushkak jene klassische, aus dem Segensspruch der Abigail für David bekannte Formel (1. Sam 25,29: "eingebunden werde die Seele meines Herrn ins Bündel der Lebenden", die als Schlussformel auf drei Worte verkürzt bereits auf einem der bisher ältesten in Mitteleuropa gefundenen Epitaphien aus Mainz für "Zadok, Sohn des Rabbi Seni(or)", datiert auf Sonntag, den 27. Nisan (4)809, zu sehen ist: "Eingebunden sei seine Seele in das Bündel der Lebenden" (s.Abb.).

Die Umschrift dieser benannten Inschrift aus Mainz (s. Abb.; "Mainz 1"; Cf.SG Nr.1, LB Nr.3. FI), Mainzer Judensand, für "Zadok, der Sohn Seniors" datiert auf Sonntag, den 27. Nisan 809 = Sonntag, 2. April 1049, lautet:
'kz nisan bə-ttṭ lifəraṭ
2 (halak) lə'olamo ṣadoq b(en) r(ab) ṥeni‛(or)
šalom 'al miškabo yanuaḥ ubiṣəro(r)
4 haḥayyim nafšo bimənuḥa
Übersetzung:
1.(Wochentag), 27. Nisan im (Jahre) 400 – 400-9
der Zeitrechnung
2 (ging ein) zu seiner Ewigkeit Zadok, der S(ohn des)
H(errn) Senior.
Friede möge über seiner Lagerstätte ruhen und im
Bündel
4 des Lebens (weile) seine Seele in Ruhe.
(Quelle: Rapp, Eugen Ludwig & Otto Böcher. "Die mittelalterlichen Hebräischen Epitaphien des Rgeingebietes". In Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Kunst und Geschichte 56/57 (1961), pp. 155-181, ibid p. 158: Mainz 1)
In Zeile 3-4 dieser Inschrift aus Mainz finden wir jene von den zentralasiatischen Inschriften vom Kuh-i Kushkak bereits bekannte klassische, aus dem Segensspruch der Abigail für David bekannte Formel 1.Sam 25,29 mit dem Segenswunsch der Abigail für David: "eingebunden werde die Seele meines Herrn ins Bündel der Lebenden".
Der für das Epitaph aus Mainz ausgewählte Stein ist sehr hart und stammt nach einem Gutachten, das ein Sachverständiger abgegeben hat, aus dem Steinbruch bei Miltenberg a.M. (Quelle: Rapp-Böcher. Mittelalterliche hebräische Epitaphien, A. Die Inschriften des 11. Jahrhunderts I. MAINZ, p. 158).
In ihrer vollständig ausgeschriebenen Form ist diese Segensformel auf süddeutschen Grabsteinen bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisbar und war in ihrer Abkürzung gewiss schon längere Zeit in Gebrauch. Die Abbreviatur dieser Schlussformel war auch bei den Inschriften vom Kuh-i Kushkak bereits im 12. Jahrhundert gebräuchlich. Des weiteren existieren auch hier unterschiedliche Erweiterungen und vielfach wiederkehrende Euphemien, wie in der vorliegenden Inschrift "Afghanestan 19" deutlich zu erkennen ist.
Die Segensformeln der hier vorgestellten Inschrift vom Kuh-i Kushkak enthalten in den Zeilen 3, 4 und 5 wiederum einige persische Lehnwörter für die Begriffe " Rang ( i. S. von Rangstufe), erhöhen, vermehren" oder den Konjunktiv von "sein, bestehen" als Ausdruck einer Bekräftigung im Sinne von „Ja, so sei es!"
Erwähnenswert scheint, dass das in den Inschriften vom Kuh-i Kushkak immer wieder als Segensformel verwandte Zitat in Zeile 3 und 4 auch im vorliegenden Epitaph nahezu aus rein persischen Lehnwörtern besteht:
3 Der Barmherzige möge seine Rangstufen
4 erhöhen (und ihn versammeln am Tage der Auferstehung)
zusammen mit Gerechten und Frommen.
Diese Euphemie enthält- so jedenfalls Eugen Rapp- einen Auszug aus dem Midrasch DevR 1,12, wo es heisst: „In der Zukunft wird die Abteilung der Gerechten innerhalb der der Dienstengel sein", als Erweiterung der bekannten Schlussformel, eingebettet in den Wunsch, dem Verstorbenen möge für das ewige Leben bzw. die Auferstehung die Gemeinschaft mit den Gerechten und Urvätern zuteil werden: "seine Abteilung (in Eden) sei zusammen mit der Abteilung von Gerechten und Frommen."
Parallelen zu dieser eschatologischen Vorstellung über die Rangstufen im Jenseits finden sich nicht nur in Talmud (bHag 12b) und Midrasch (MTehil zu Ps 11,3), sondern auch im Koran, so z. B. in Sure 4, 96 und Sure 58,11, und in avestischen und mittelpersischen (Pahlavi) Schriften des Zoroastrismus. Auf diesen Zusammenhang hat 1867 bereits Alexander Kohut in seinem nach wie vor wichtigen Aufsatz 'Was hat die talmudische Eschatologie aus dem Parsismus aufgenommen?' aufmerksam gemacht und die Parallelen dieses eschatologischen Kerngedankens in Talmud, Midrasch und zoroastrischen (parsischen) Quellen aufgezeigt. Kohut erwähnt darin die in einem erhaltenen Fragment eines der ältesten Manuskripte des Avesta, dem 22. Yast („Verehrung durch Anpreisung"), ihrer Rangstufe nach aufgeführten vier Benennungen des Paradieses: Humata, Hûkhta, Hvarsta und Anaghra raocao (Sitz des Urlichtes). Das bei ihm genannte mittelpersische (Pahlavi) Manuskript des Ardâi-virâf-nâme beschreibt den siebenten und höchsten Himmel Anaghra raocao als Sitz der grössten Vollkommenheit, als Ort, an dem sich Zarathustra am goldenen Throne sitzend, befindet.
Wie im späteren Parsismus werden auch im Talmud (bHag 12b) sieben Himmel aufgelistet, denen biblische Namen entsprechen und die für die verschiedenen Rangstufen stehen. Ähnlich dem Ardâi-virâf-nâme heisst es auch im Midrasch (MTehil zu Ps 11,3), dass die sieben Himmel von sieben Klassen der Frommen nach ihrer aufwärts führenden Rangstufe bewohnt werden: „Von den 7 Classen der Frommen, die den Himmel bewohnen, werden welche leuchten wie die Sonne, manche wie der Mond, andere wie das Firmament, manche wie die Sterne, manche wie die Blitze, wie die Lilien- wie die Fackeln."
Auch nach dem Koran hat das Paradies sieben Rangstufen, von denen Firdaus, der höchste Ort im Paradies, in seinem Zentrum gelegen, seine vortrefflichste Stätte bezeichnet: Sure 4,96 (vgl. Sure 23,10/11; 18,107): "(Solche) Rangstufen samt Vergebung und Erbarmen (kommen nämlich) von ihm, denn Gott ist vergebend (= bereit zu vergeben) und barmherzig"
Zeile 5 und 6 als Anfügung an die Segensformel enthalten ein (abgekürztes) Zitat aus Jes 58,8, wobei die Abkürzungen durch Striche oberhalb der Buchstaben kenntlich gemacht sind:
5 Es sei so und es erfülle sich über ihm das Wort der Schrift: Dann
wird hervorbrechen wie die Morgenröte dein Licht und deine Heilung
6 eilends spriessen; vor dir einhergehen wird deine Gerechtigkeit,
und die Herrlichkeit des Ewigen wird deinen Zug beschliessen.
Im Anschluss an die Schlussformel lesen wir auch bei einigen Inschriften aus Ghur- ähnlich der mittelalterlichen Tradition Mittel- und Osteuropas- als Abschluss das Wort "Amen", so etwa in Zeile 8 einer Inschrift für den "Kaufmann Joseph, Sohn des Isaak, Sohn des Joseph Noah" aus dem Jahre 1202.
Das hier vorgestellte Epitaph für " Jakob, den Leviten, Sohn des Simha Duhuli " gehört zu einer Gruppe von insgesamt 91 datierten (1012-1220 CE) und undatierten Inschriften aus Afghanistan , die in der Zeit von 1946 bis 1999 erfasst, bisher jedoch nur zum Teil systematisch dokumentiert und veröffentlicht wurden. Der epigraphischen Forschung wurden allein 85 dieser Quellen durch die wissenschaftliche Dokumentation Eugen Ludwig Rapps in den Jahren 1965 bis 1973 zugänglich.
„The first batch of what later turned out to be a large find of Jewish tombstones, dated between the eleventh and the twelfth centuries, from Jam in Afghanistan, came to light in the 1960's by an Italian explorer, and the collection of these stones has steadily increased since then thanks to the efforts of Professor Eugen Rapp of Mainz. The latest of Professor Rapp's publication to date, published in 1973, enumerates 75 inscriptions, though not all of them are yet edited and published, and some are probably too badly preserved to yield any meaningful reading." (Shaked, Epigraphica Judaeo-Iranica, S. 71)
Ausser der von Shaul Shaked (1933-2021) emeritierter Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, und Pionier der zoroastrischen und jüdisch-persischen Studien, benannten, und anderen in meinen veröffentlichten Artikeln (in der JUDAICA 2008/200) aufgelisteten Publikationen aus den Jahren 1965, 1971 und 1973, folgte mit den Mainzer Afghanica III eine weitere, in der Rapp 10 Neufunde vom Kuh-i Kushkak aus dem Jahre 1973 veröffentlichte; dieser Sonderdruck aus dem Jahre 1974/75 blieb in der Forschung bislang weitgehend unbeachtet.
Im Jahre 2005 wurden während eines Folgeprojektes des Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP)unter der Leitung von Prof. Giovanni Verardi vom Istituto Italiano per L'Africa e l'Oriente (IsIAO) in Zusammenarbeit mit dem National Afghan Institute of Archaeology erneut persisch-hebräische Inschriften entdeckt, darunter Neufunde, die nach Angaben meines Kollegen, dem Archäologen David C. Thomas und Dr. Alison Gascoigne zuvor weder bei Gherardo Gnoli noch bei Eugen Ludwig Rapp publiziert wurden. Die Anzahl der benannten Neufunde bedarf noch einer Überprüfung.
Die persisch-hebräische Inschrift für Elisa ben Mose Joseph (1198 CE)
Mit der Erstveröffentlichung einer persisch-hebräischen Inschrift aus dem Jahre 1198 für "Elisa ben Mose Joseph" – אלישע בן משה יוס ף - eröffnete André Dupont-Sommer 1946 eine wissenschaftliche Diskussion, die für die Erforschung der Geschichte jener in der Provinz Ghūr ansässigen, durch multiple kulturelle und politische Einflüsse einer historischen Globalisierung entlang der Seidenstrasse geprägten, einst blühenden jüdischen Gemeinschaft bis heute nichts an Aktualität und Bedeutung eingebüsst hat. In jüdischen Chroniken finden sich nur wenige Belege für ihre Existenz in diesem Kulturraum, der – oft als Wegekreuz Asiens bezeichnet – China und Indien mit dem Vorderen Orient und der Mittelmeerwelt verband. In der History of civilization of Central Asia suchen wir ihre Geschichte vergeblich, und die Encyclopedia Judaica enthält dieses kurze Statement:
"A Jewish community in Firoz Koh, capital of the medieval rulers of Ghūr or Ghuristan, situated halfway between Herat and Kabul, is mentioned in Tabaqāt i-Nāṣirī, a chronicle written in Persian (completed around 1260) by al-Jūzjānī. This is the first literary reference to Jews in the capital of the Ghūrids. About 20 recently discovered stone tablets, with Persian and Hebrew inscriptions dating from 1115 to 1215, confirm the existence of a Jewish community there. The Mongol invasion in 1222 annihilated Firoz Koh and its Jewish community."
Von einem jüdischen Kaufmann aus Ghūr berichtet der Chronist al-Ğūzğānī:
"The chronicler relates, that, in that country [Ghūr] there was a merchant, a Yahūdī [Jew], [a follower] oft the religion of Mihtar Mūsā [Moses], on whom be peace ! This merchant entertained a friendship for Amīr Banjī. He had travelled a great deal, and had acquired great experience in the ways of the world, and had frequented the capitals of the rulers of the countries around, and had become acquainted with the usages and forms of etiquette of the Courts of Sultāns and Princes; and he set out in company with Amīr Banjī. He was acquainted with the objects and intentions of Amīr Banjī, and he said to him: - “If I should instruct thee in etiquette, and make thee acquainted with the usages of decorum and politeness, and give the proper knowledge of the forms and ceremonies observed at the Court of the Khilāfat, and in the presence of sovereigns, so that on that account the authority and government of the territory of Ghūr shall be conferred upon thee, do thou enter into a covenant with me, that, in every tract that I may desire, throughout the whole of thy territory, thou shalt assign a locality to, and cause to settle therein, a number of the Banī-Isrā’īl [children of Israel], followers of the faith of Mithar Mūsā, in order that under the shadow of thy protection, and beneath the guardianship of thy Maliks and thy offspring, they may dwell in peace and tranquillity."
Im Januar 1964 brachte Helmut Humbach, Ordinarius für Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Mainz, von seiner Reise nach Indien und Afghanistan Papierabklatsche von zehn Steininschriften in persisch hebräischer Sprache aus dem Kabuler Museum mit. Obgleich die Arbeit an den Abklatschen nach einer Reihe „überlanger“ Seminarsitzungen abgeschlossen war, sollte Gnoli und den Mitarbeitern der Forschungsgruppe von G. Tucci (Rom) keinesfalls vorgegriffen werden. Im November 1964 überreichte Humbach nochmals eine Anzahl hervorragender Fotografien und einen Abklatsch der rein hebräischen Inschrift aus dem Jahre 1365.
Mit der Veröffentlichung von Gnolis Werk Le Iscrizioni Giudeo-Persiane del Gūr (Afghanistan) ging das Manuskript des Seminars für Wissenschaft vom Judentum an der Universität Mainz schon nach wenigen Tagen mit außerordentlich erfreulichen Resultaten in Druck: die älteste Inschrift Gnolis – Iscrizione I – datierte aus dem Jahr 1149/50, der älteste Text der Humbachschen Abklatsche hingegen verwies auf das Jahr 1115. Die Datierung in Gnolis einleitendem Vorwort „[…]la seconda metà del XII secolo e i primi anni del XIII secolo d. Cr. […]“ wurde von den aktuellen Ereignissen eingeholt. Die zur Verfügung stehenden Papierabklatsche ergaben nun insgesamt 15 datierte und 5 undatierbare Inschriften aus Jām. Unter diesen 20 Inschriften befand sich auch die 1946 erstmals veröffentlichte Inschrift für "Elisha ben Mose Joseph" von 1198, die Rapp mit Hilfe dreier weiterer Fotografien aus dem Besitz Robert Göbls transkribierte und übersetzte.
Nach Rapps Lesung beginnt der erste Teil (Fläche A) des dreiteiligen Epitaphs mit den einleitenden Worten ופאת עדני – "das Hinscheiden des Edenbewohners", jener stets wiederkehrenden Einleitungsformel der Inschriften vom Kūh-i Kūshkak, die bisweilen auch in der Form ופאת עדן - "das Hinscheiden nach Eden" gebräuchlich war.
Die Übersetzung dieser Fläche A (s. Abb.) der dreiteiligen Inschrift lautet:
1 Das Hinscheiden des Edenbewohners, meines teuren, verständigen,
2 frommen, (gottes)fürchtigen, ehrwürdigen Bruders Elisa,

Die vorliegende erstmals 1946 veröffentlichte Inschrift aus dem Jahre 1198 CE, es handelt sich um die Fläche A (Digitalisat, Museo-on) eines dreiteiligen Epitaphs, verzeichnet als Inschrift "Afghanestan 29" (Masse: ca. L 48 cm, B 23 cm, T 20 cm; Quelle: Negativ von W. Herberg, Jām 1970) für den „teuren, verständigen, frommen, (gottes)fürchtigen, ehrwürdigen Bruder Elisa, des Sohnes des Mose Joseph“ gehört zu jenem Corpus von insgesamt 91 datierten (1012-1220 CE) und undatierbaren Inschriften aus Afghanistan, die in der Zeit von 1946 bis 1999 erfasst, bisher jedoch nur zum Teil systematisch dokumentiert und veröffentlicht wurden. Davon wurden 85 Inschriften allein durch den Theologen, Orientalisten und Afrikanisten Eugen Ludwig Rapp in den Jahren 1965 bis 1973 der epigraphischen Forschung zugänglich gemacht.

Die vollständige Übersetzung des dreiteigen Epitaphs (Fläche A,B,C) lautet:
A:
1 Das Hinscheiden des Edenbewohners, meines teuren, verständigen,
2 frommen, (gottes)fürchtigen, ehrwürdigen Bruders Elisa,
3 des Sohnes des Mose Joseph (war) am Datum
B:
4 des Sabbathtages, am 24. Tischri des Jahres
5 1510. „Es sei sein Lager unter
6 dem Baum des Lebens.“ Rezitiere, was geschrieben steht:
C:
7 „Er geht in Frieden; sie ruhen auf seiner Lagerstätte,
8 sie, die den rechten Weg gegangen sind.“ Amen.
Der Wortschatz der Segensformel in Zeile 5 und 6: מצעו – so Rapp – gehört Jes 28,20 an.
נוחו עד ן "Sein Ruhen ist Eden" –, wie Leopold Zunz, der Wegbereiter der theoretischen und praktischen Epigraphik überliefert:
Das Buch der Weisheit und Philo weisen den abgeschiedenen Seelen verschiedene Orte zum Aufenthalt an, während gegen Mitte des ersten Jahrhunderts, vielleicht zuerst durch Essäische Lehrer angeregt, Eden, der Garten und der Lebensbaum der Wohnort der Seligen werden. Im Volksglauben übertraf sogar Eden den Garten, während die Denker den Garten Eden nur als den vollkommenen Ausdruck der Belohnung betrachteten. Seit Saadia begegnen wir daher diesem Nachruf sehr oft, wie Autoren des zehnten, elften, zwölften, dreizehnten Jahrhunderts hinlänglich beweisen […].
Auch der Einführungsformel der persisch-hebräischen Inschriften vom Kūh-i Kūshkak liegt diese Vorstellung zugrunde, dass allein den Toten die Ruhe gebühre – נוחי נפשנ – "die Abgeschiedenen, die Ruhenden" – Worte, bereits im palästinischen Talmud ein ehrerbietiges Epitheton der Vorfahren – „Ändert nicht die Weise eurer Väter, der Dahingeschiedenen“, – bleiben es auch bei den Nachfahren, sobald der Voreltern, der alten Lehrer oder der Väter gedacht wird, bisweilen auch den Namen des Vaters begleitend.
Während seiner Reise nach Afghanistan konnte mein Kollege und Freund Werner Herberg im Sommer 1971 mit Erlaubnis A. A. Motamedis, des damaligen Generaldirektors des Museums in Kabul, weitere Fotos von den dort lagernden Steinen aus Jām anfertigen. Diese dienten als wertvolle Vorlage für die Neubearbeitung der Inschriften, die bisher allein mit Hilfe von Humbachs Abklatschen und Gnolis Vorlagen transkribiert wurden. 1971 veröffentliche Rapp im Jahrbuch der Vereinigung „Freunde der Universität Mainz“ einen ersten Zyklus von 54 Inschriften, von denen 37 datierbar und 17 undatierbar waren.
In den Jahren 1970, 1971 und 1973 begann die intensive Erforschung der Inschriften vom Berg Kūh-i Kūshkak. Werner Herberg (1944-2013) und sein wissenschaftliches Team – darunter auch sein wissenschaftlicher Begleiter, der Übersetzer und Sprachwissenschaftler Gholam Djelani Davary (1947-2025) – entdeckten in der näheren Umgebung des Minaretts neben zahlreichen persisch – hebräischen Inschriften weitere wissenschaftlich bedeutsame Monumente, Inschriften und Kleinfunde, die vermessen und in einen Lageplan eingetragen wurden. Diese Aufzeichnungen ihrer topographischen Feldarbeiten dienten auch dem Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP) in den Jahren 2003/ 2005 als Vorlage.
In den epigraphischen Zeugnissen dieser längst vergangenen Sepulkralkultur wird auf eindrucksvolle Art und Weise nicht allein die Geschichte einer religiös bestimmten Sozialordnung sondern auch die Entwicklung sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen einer mittelalterlichen Gemeinde und ihrer regionalen und überregionalen Verflechtungen im zentralasiatischen Kulturraum dokumentiert.
Die Chronologie aller bis dato dokumentierten Epitaphe vom Kūh-i Kūshkak – demographisch erfasst wurden bisher allein Inschriften des männlichen Anteils der dort ansässigen jüdischen Bevölkerung von 1012 bis 1220 CE – ermöglicht eine vorläufig exakte Datierung in das 11. bis 13. Jh. und vermittelt einen ersten Eindruck von einer jüdischen Gemeinde in der Gegend um Jām, die in ihrer Größe und Bedeutung – unter Einbeziehung der noch zu errechnenden Anzahl an Frauen und Kindern – ganz sicher mit den mittelalterlichen jüdischen Gemeinden der drei europäischen Rheinstädte des 11./ 12. Jh. Mainz, Speyer, und Worms vergleichbar ist. Dies bestätigt insbesondere die Anzahl der bisher dokumentierten 91 Funde, jener zum Teil mehrflächig und mit unterschiedlicher Zeilenzahl beschrifteten Rollkiesel aus Granit, die ganz sicher unvergleichlich schwieriger zu bearbeiten waren als die Sand- und Kalksteine unserer mitteleuropäischen Landschaft.
Die Ansiedlung dieser Gemeinde in der heute entlegen anmutenden vorwiegend muslimisch geprägten Gegend um Jām, oftmals mit der Ghuriden Hauptstadt Fīrūzkūh – einem zuvor blühenden Herrschafts- und Handelzentrum gleichgesetzt, dessen Herrschaftsanspruch sich von Nishāpur im Ost-Iran bis zum Golf von Bengalen und dem Vorgebirge des südlichen Teils des Himalayas bis nach Sind in Nord-Indien erstreckte, und dessen abrupter Untergang scheinbar mit der Ermordung Muʿizz al-Dīn Muḥammad ibn Sām (1206) sowie der anschließenden Eroberung durch den Khwārizm Shāh (1215/16 CE) begann, scheint auf den ersten Blick rätselhaft, könnte jedoch mit der Entwicklung größerer Handelsbeziehungen in der Region Ghūr zu begründen sein, jener vormals eher „heidnisch“ geprägten Umgebung, die aufgrund ihrer Rohstoffe, Eisen- und Metallverarbeitung und Pferdezucht weithin bekannt, zu Beginn des 10. Jahrhunderts zunächst mit dem Sklavenhandel auf den Märkten Herats und Sistans an Bedeutung gewann.
Zu Beginn des zehnten Jahrhunderts gab es in dieser Region dauerhafte multiethnische Siedlungen von Kaufleuten, ähnlich den Handelszentren in Kabul und Ghazna während der Ghaznawiden-Ära. Clifford Edmund Bosworth (1928-2015), der englische Historiker und Orientalist erwähnte, dass es bereits vor der Gründung der alten Ghūriden-Hauptstadt Firuzkuh stabile indische Handelskolonien gab.
Die mongolische Invasion unter Ögödei, Sohn des Čingiz-Khān setzte dem gesamten Reich um 1222/23 CE ein endgültiges Ende.
Es ist bekannt, dass die Migranten, oftmals Gemeinschaften von Kaufleuten und ihren Familien aus Choresmien und Transoxanien in ganz Asien als Handelsbanken fungierten, die über ein etabliertes System von Akkreditiven verfügten, welche in weiten Teilen der Region von China bis zur Wolga akzeptiert wurden. Die zentralasiatischen Städte entlang der Seidenstraße dienten als wichtige Handelsstützpunkte in der gesamten Region und verbanden den Westen und den Osten über Afghanistan, das am Mittelpunkt dieser ausgedehnten Handelsrouten lag.
In verschiedenen westlichen, arabischen und chinesischen Chroniken finden sich nur selten Hinweise auf die Existenz einer judeo-persisch sprachigen Bevölkerung in Zentralafghanistan, einer Region, die an diesem bedeutenden Handelsknotenpunkt lag, der den Weg in die Mittelmeerwelt, den Nahen Osten, nach China und Indien ebnete. Dennoch erwähnt der Historiker al-Juzjani (al-Ğūzğānī) aus dem 13. Jahrhundert in der Tabakāt-i Nāsirī, der Hauptquelle für die Ghūriden, einen jüdischen Kaufmann, einen Yahūd (Juden) aus Ghūr. Der bereits benannten Quelle zufolge hatte dieser jüdische Kaufmann große Erfahrung in den „Wegen der Welt“ gesammelt und unterhielt eine Freundschaft mit Amīr Banjī, einem der Gründer der Ghūriden-Dynastie. Die Freundschaft begann mit einem Vorfall, der sich ereignete, als Amīr Banjī auf dem Weg nach Bagdad war, um einen Streit mit seinem Feind beizulegen. Er traf den jüdischen Kaufmann und bat ihn um Rat, der sich letztendlich als sehr wertvoll erwies. Amīr Banjī war dem jüdischen Kaufmann dankbar und ließ eine Reihe der „Kinder Israels“ („Banī-Isrā’īl“) in seinem Gebiet ansiedeln.
Die Chronik gibt uns einige Einblicke in die Gründe für die Existenz der jüdischen Siedlung in der Region, obwohl es keine schlüssigen Beweise dafür gibt, dass diese jüdischen Kaufleute mit den Sprechern der judeo-persischen Dialekte verwandt waren. Es könnte mehrere jüdische Siedlungen in Afghanistan oder den umliegenden Regionen gegeben haben, die wir bisher noch nicht entdeckt haben.
2003 konnte das Minaret of Jam Archaeological Project (MJAP) unter der Leitung von Prof. Giovanni Verardi vom Istituto Italiano per l’Africa e l’Oriente (IsIAO) in Zusammenarbeit mit dem National Afghan Institute of Archaeology und Unterstützung der UNESCO die wissenschaftliche Forschung in der Region um das Minarett von Jām in der Provinz Ghōr (Ghur) wieder aufnehmen. Nach neueren archäologischen Forschungen wird Jām – etwa 215 km östlich von Herat in einer abgelegenen, ungefähr 1900 m über dem Meeresspiegel und bis zu 3500 m hohen Bergregion Zentral-Afghanistans gelegen – in Übereinstimmung mit der bereits bekannten Theorie erneut mit dem urbanen Zentrum von Fīrūzkūh, einer Sommerresidenz der Ghuriden, in Verbindung gebracht. Der Archäologe David Collin Thomas bemerkt:
"Despite the debatable evidence, modern Jām is now therefore generally accepted as the site of Fīrūzkūh. Uncorroborated reports of the looting of antiquities at Jām indicate the wealth of the site: the large caches of coins and jewellery reputed to have been discovered correlate with al-Jūzjānī’s account, while the discovery of Persian-Hebrew tombstones supports his mention of a Jewish trading community at Fīrūzkūh."
"As archaeologists, we are attempting to reconstruct a more balanced impression of the Ghurids, negotiating between Juzjani’s rather partisan and exaggerated account, and those of the Ghurids’ neighbours, who bitterly dismissed them as little more than mountain brigands. The emerging evidence points to a well-organised, sophisticated, flourishing 12-13th century community at Jam, whose opulent standard of living was based on a steady stream of supplies and booty from the corners of their empire. When the Mongols devastated Central Asia, the Ghurids were unable to sustain the lifestyle they had become accustomed to, and reverted to periodic raids from their mountain strongholds.“
Eine der historischen – allerdings nicht unparteiischen – Hauptquellen zur Geschichte der Ghuriden ist die bereits erwähnte Chronik Tabaqāt-i-Nāsirī. Al-Ğūzğānī lebte 607 H. (1210-1211 CE) in Fīrūzkūh, zu jener Zeit, als Ghiyāth al-Dīn Mahmūd, der geachtete Sohn des Ghūriden-Sultans Ghiyāth al-Dīn Muhammed b. Sām, von choresmischen Flüchtlingen ermordet wurde:
"until on the night of Tuesday, the 7th of the month of Ñafar, in the year 607 H., four individuals of the party referred to climbed up on the roof of the Sultān’s Kasr, and assassinated him, and got away again by the same road as they had got up. They then crossed the river of Fīrūz-koh, which flows in front of the Kasr, and also climbed to the top of that high hill [the Koh-i-Āzād], and cried out with a loud voice: „O foes of our Malik ! We have killed the Sultān: arise, and search for your Malik !“ When the day broke, the whole city became agitated; and they buried the Sultān in the Kasr itself, and subsequently the body was removed to Hirāt, and finally interred in the Gāzār-gāh [catacombs] of Hirāt."
Nach Angaben des Grabungsleiters David C. Thomas wurden 2003 vermutlich ältere muslimische Gräber entdeckt, die am Flussufer westlich des Minaretts – im Ziyārat-Areal gelegen – freigespült wurden. Die Achtung religiöser Gesetze und das Wissen um die Unsicherheiten und Gefahren sowie Raubgrabungen verboten jedoch eine eingehende Untersuchung. Während dieses Folge-Projektes kam es zu den bereits erwähnten Neufunden persisch-hebräischer Inschriften. Eine nochmalige Sichtung und Bestandsaufnahme der jüdischen und muslimischen Gräber in dieser Region scheiterte 2005 allerdings aus Zeitgründen.
Die Inschrift für den Edlen und Hofwürdenträger ... (1365)
Neben den bisher erfassten persisch-hebräischen Inschriften vom Kuh-i Kushkak ist eine weitere in reinem Hebräisch geschriebene Inschrift für "den Edlen und Hofwürdenträger, Seine Exzellenz Mose, Sohn des Ephraim Bezalel" aus dem Jahr 1365 CE (s. Abb.) zu erwähnen. Es handelt sich um eine sehr schön bearbeitete Marmortafel unbekannter Herkunft, die sich - so Werner Herbergs 1974 - im Museum zu Kabul befand und nach Aussage von Herrn Agha Djan Behbudy, dem "letzen" aus Balkh stammenden Juden, in der Nähe von Kandahar entdeckt wurde. Die sehr schöne Schrift - in Versform auf hellem Marmor erhaben geschrieben- ist reich an Vokabular, von bemerkenswerter dichterischer Gestaltung und mit einem Endreim versehen. In dieser Inschrift ist eine Frau erwähnt, ihr Name wird nicht genannt, doch zeugen die Zeilen 14-15 von ihrer Präsenz:
14 Als der Tag der Heimsuchung kam, verliess er seine Söhne und
15 sein Haus. Er ging dahin nach dem Willen Dessen, der ihn
geschaffen hat. und er verliess [...]

Nach der Definition der Mischna (mYoma 1,1) steht "sein Haus" für "seine Frau".'
„Sieben Tage vor dem Versöhnungstag sondert man den Hohen Priester ab, von seinem Haus zur Palhedrin-Kammer, und stellt ihm einen anderen Priester als Stellvertreter zur Seite, falls ihm ein Makel zustösst. Rabbi Jehuda sagt: Man stellt ihm auch eine andere Frau zur Seite, falls seine Frau stirbt, denn es heisst: Er soll für sich und sein Haus entsündigen. Sein Haus bedeutet seine Frau. Sprachen zu ihm die Gelehrten: So gibt es kein Ende in der Angelegenheit." (Traktat Joma (Versöhnungstag), Kap. 1, Mischna 1)
Obgleich diese Inschrift bis auf wenige Ausnahmen nur biblische Worte und Ausdrücke enthält, sind - so Rapp - „keine wirklichen Zitate" zu erkennen. Der Text liegt in einem Papierabklatsch und einer Anzahl sehr guter Fotografien vor, die Helmut Humbach im Januar 1964 gemeinsam mit Gerd Plodowski im Museum Kabul anfertigte. Eine Erstbearbeitung und-Veröffentlichung erfolgte durch Rapp. In den 17 Zeilen dieser Inschrift findet sich keine Spur arabisch-persischen Sprachgebrauchs.
Persisch-hebräischen Inschriften auf einer Felswand bei Tang-i Azao (1300)

Hinzu kommen drei weitere persisch-hebräische Inschriften auf einer Felswand bei Tang-i Azao (s. Abb. ), die im Frühsommer 1952 von Roman Ghirshman, einem bedeutenden Archäologen ukrainischer Herkunft, und damaligem Leiter der Mission Archéologique Française en Iran, und Richard N. Frye, einem US-amerikanischer Iranist und Zentralasienwissenschaftler, etwa 25 km südlich von Jam und 200 km östlich von Herat, in einer Schlucht zwischen Shahrak und Khwaja Chisht gelegen, entdeckt wurden. Die wahrnehmbaren Unterschiede im Duktus dieser Inschriften, liessen auf die Urheberschaft dreier aus Koban stammender Autoren "Japho, Sohn Ismaels aus Koban", "Samuel, Sohn Rameschs aus Koban" und "Daud, Sohn Abrahams aus Koban" schliessen:
"It is clear now, beyond a doubt, that the writing is in fact Hebrew. It emerges that we are dealing not with a single inscription, but rather wit three separate inscriptions, which were probably inscribed at one and the same time. One of these, Inscr. A (of three lines), which stands by itself on the left-hand side, is written with smallish, compact letters. The script of the other two, which form a slanting block to the right, is large and straggling: Inscr. B, above, comprises four lines, Inscr. C the remaining three. Inscriptions A and B have almost identical text, expect for the personal names; the wording in C differs a little."
Walter Bruno Henning (1908-1967), ein deutscher Iranist und Linguist, entzifferte diese Inschriften dank einer Serie vortrefflicher Fotografien, die er 1956 in Zusammenarbeit mit der Hertfort-Wadham Afghanistan Expedition erhalten hatte. Richard N. Fryes zeitliche Einordnung hielt Henning zwar für rein hypothetisch, aber durchaus möglich, wenngleich der nächstgelegen Fundort parthischer Inschriften, Kal-i Jangal, sich etwa 300 Meilen entfernt befand. Nach der Einfuhrungsformel- soviel stand fest- folgten rein persische Worte. Erhebliche Schwierigkeiten bereitete darin die Abbreviatur, die in ihrer Reihenfolge- von der bisher geläufigen Form abweichend- auf die Seleukidenära hinzudeuten schien, was eine Datierung in das Jahr 752/53 u. Z. ergab:
"[...] The beginning at any rate is plainly Persian (...)
[...] The line surrounting the letters indicates that they constitute an abbreviation or that they have the value of figures. No such abbreviation being known, it is reasonable to assume that they represent figures, presumably for the year in which the inscriptions were written. [...] A serious difficulty, however, lies in the sequence of the letters: they should appear in descending order, as (...) 1000- 60- 4. I cannot explain this deviation from the norm; the reading of the first letter as Daleth seems certain. For the present we have no choice but to assume that the figure intended by the scribes is 1064. Since the era is necessarily the Seleucid era (beg. autumn 312 B.C. the date of the inscriptions would be A.D. 752/3. Undoubtedly so early a date is somewhat unexpected; for the inscriptions would then be the oldest documents written in the Jewish dialect of Persian, indeed in any form of the Persian language [...]."
Rapp zeigte sich insbesondere erstaunt über Hennings zeitliche Einordnung dieser Inschriften, die mit seiner Berechnung verglichen, einen Anachronismus von nicht weniger als 547 Jahren aufwies, eine falsche Datierung, die unglücklicherweise von anderen Autoren übernommen wurde, so auch von A. D. H. Bivar in seinem Artikel über „Ghur" in der Encyclopédie de l'Islam (Bd. II, 1965, Sp. 1122): „Une tradition sur l'existence de colonies juives se trouve confirmée par la découverte d'une inscription judéo-persane de 752-3 de J.-C. à Tang-i Azao, près de Cisht."
Bei nochmaliger Überprüfung mittels einiger Vergrösserungen und Ausdrucke der in Hennings Artikel veröffentlichten Fotografie gelang Rapp die Datierung auf Sabbat, den 4. Elul 5060 nach der allgemein gebräuchlichen Abbreviatur "4- el[ul]- 60" für das Jahr 5060. Dies ergibt Samstag, den 20. August 1300 u. Z bzw. den 3. Dul -Higga 699 bzw. 328. Tag im entsprechenden islamischen Jahr: „This is the common abbreviation of 5060, in Hebrew generally called l'-elef hassissl "of the sixth thousand". It means that the number of the year is given according the prat qatan "the small time reckoning", i.e. omitting the thousands. Rapp kommentiert:
"The year 5060 after the creation of the world runs from Saturday 29th August 1299 to Thursday 14th September 1300. The month of Elul beginning in that year with Wednesday, 17th August 1300, gives us for the 4th Elul the date "(Saturday), 20th August 1300", probably the date of arrival of the three men at that spot. We need not wonder at the precise date of such an inscription, when we consider that the inscriptions of Jam in their majority add even the day of the week, and do it correctly."
Die benannte Falschdatierung, i.e. Hennings zeitliche Einordnung dieser Inschriften, die einen Anachronismus von nicht weniger als 547 Jahren aufwies, eine falsche Datierung, die in Folge unglücklicherweise von anderen Autoren übernommen wurde, gab immer wieder Anlass dazu, dass bis in die Gegenwart in unterschiedlichen Quellen wiederholt Hinweise auf Grabinschriften aus Afghanistan erscheinen, die fälschlicherweise eine sehr frühe Datierung in die Jahre 752/53 u. Z. ergeben und damit keinerlei Hinweis auf eine jüdische Präsenz in der benannten Zeit in Afghanistan bestätigen.
Diese drei Inschriften aus Tang-i Azao aus dem Jahr 1300 sind somit 80 Jahre älter als das jüngste datierbare Epitaph von Jam aus dem Jahre 1220- zwei Jahre vor der totalen Zerstörung der Stadt Flrüzküh durch Ögödei, den Sohn Cingiz-Khans im Jahre 1222/23- und 65 Jahre früher als die hebräische Inschrift der Mamortafel aus Kabul (1365).
In Anbetracht der massiven, auch systematisch und umfassend durchgeführten Vernichtung jüdischen Kulturgutes – nicht allein bedingt durch Verfolgung, Krieg und Plünderungen, sondern auch durch organisierten Handel und Raubgrabungen – fordert unser gewachsenes gedächtniskulturelles Bewusstsein weltweit eine systematische Dokumentation, auch bibliographische Erfassung, Archivierung sowie den Schutz und Erhalt von Begräbnisstätten, Grabinschriften, Synagogen und jeglichen Kulturgütern jüdischer Provenienz.
Aufgrund der anhaltenden Kriegshandlungen in Afghanistan und der Machtübernahme der Taliban konnten seit dem „Minaret of Jām Archaeological Project“ (MJAP) im Jahr 2005 keine weiteren Untersuchungen auf dem jüdischen Friedhof in Djam durchgeführt werden. Zukünftige Feldforschungen könnten Aufschluss über viele der aufgeworfenen wichtigen Fragen geben und möglicherweise den sozialen und ethnischen Hintergrund der Verstorbenen deutlicher beleuchten.
Wie kam es dazu, dass sich die jüdische Gemeinde in Djām niederließ? Das ist nach wie vor ein ungelöstes Rätsel, doch zukünftige archäologische Funde in der Region würden dazu beitragen, die Herkunft der Judeo-Persisch sprechenden Bevölkerung in Zentralafghanistan zu dokumentieren.
Quelle: Lintz, Ulrike-Christiane. “Survey of Judaeo-Persian Inscriptions from Djam, Central Afghanistan.“ In: Mariko N. Walter and James P. Ito-Adler, eds., The Silk Road: Interwoven History, Vol. 1: Long-distance Trade, Culture, and Society. Cambridge: Cambridge Institutes Press, 2015, 132-177 ; Lintz, Ulrike-Christiane. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil I).“ JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 4 (2008): 333-358 ; Dies. “Persisch-hebräische Inschriften aus Afghanistan (Teil II.“, JUDAICA. Beiträge zum Verstehen des Judentums 1 (2009): 43-74.
Eine Forschungsreise nach Afghanistan
Im Jahr 1973 führte mein geschätzter Kollege und Freund, der Architektur- und Bauhistoriker Werner Herberg (1944-2013), eine bedeutende Forschungsreise nach Afghanistan durch. Während dieser Expedition hinterließ er eine bemerkenswerte Sammlung von Fotografien, Diapositive und handschriftlichen Notizen, die sich mit den jüdischen Gemeinden in Afghanistan befassen. Seine umfangreichen Aufzeichnungen und Dokumentationen sind von unschätzbarem Wert. Jedes dieser Bilder erzählt eine eigene Geschichte und bietet einen tiefen Einblick in das kulturelle Erbe dieser zentralen Region Afghanistans.
Werner Herberg: Bericht über "die Forschungsreise 1973 nach Afghanistan"

1. "Der jüdische Friedhof auf dem Kush-Kak"
"Nichts schien sich am Kusk-Kak gegenüber den Jahren 1970 und 1971 verändert zu haben. Auf dem schmalen, nach Osten abfallenden Geländestreifen des Bergrückens, des bis zum Jam Rud vorspringenden Ausläufers des Kush-Kak, dem eigentlichen historischen Friedhofgelände, lagen die großen Kieselsteine mit persisch-hebräischen Inschriften an den gewohnten Stellen. Einige dieser Steine dürften, sofern sie auf waagerechtem Gelände liegen, noch die ursprünglichen Begräbnisstätten markieren.
Im unteren Teil des sehr steilen Südhangs fanden wir nur wenige schon bekannte Grabsteine. In der vom Regenwasser tiefeingeschnittenen Furche zwischen dem Südhang und der gegenüberliegenden Anhöhe war, im Gegensatz zu früher, überhaupt kein Material mehr zu finden. Ganz oben an der steilsten Stelle, direkt unter dem eigentlichen Begräbnisplatz, entdeckten wir vier neue beschriftete Steine, welche teilweise ausgegraben werden mussten. Ähnlich waren die Verhältnisse am Nordabhang. Im oberen Teil fanden wir weitere vier neue Grabsteine, dagegen wies der untere Teil weniger Material als früher auf."

"Am dritten Tag beschäftigten wir uns mit der Stirnseite des Kush-Kak-Bergrückens und dem Gelände oberhalb des Jam Rud. Trotz intensiver Suche fanden wir nur im oberen Bereich einige schon bekannte Inschriften. Das Trockenmauerwerk eines etwas abseits gelegenen neuen Schafpferches barg mehrere große, aber schon bekannte Grabsteine. Um diese Steine zu überprüfen , mussten wir das Mauerwerk teilweise einreißen und nachher wieder aufbauen.
Die wenigen Funde bekannter Inschriften im unteren und die unerwartet hohe Zahl von Neufunden und nicht neuen Inschriften im oberen Bereich des Kush-Kak-Bergrückens finden ihre Erklärung in den Wetterverhälnissen nach 1971. Hinzu kommt das Interesse der Einwohner Jams an den Grabsteinen als Baumaterial (die beschrifteten Steine sind meist besonders groß), oder als Souvenirs, die an Touristen, welche hin und wieder Jam besuchen, verkauft werden.
Im Jahr 1972 fand die lang anhaltende Trockenheit in Afghanistan ein Ende. Starke Niederschläge hatten am oberen Teil des Kusk-Kak Erdreich abgetragen, neue Grabsteine freigelegt und im unteren Bereich sicher viel bekanntes Material verschüttet. So erklärt sich unser neunter Neufund eines Grabsteins vom Kusk-Kak in Deutschland. Ein deutscher Reisender hatte 1972 einen bisher unbekannten kleinen Grabstein in Jam erworben und nach Deutschland mitgebracht.
Von den aus den Jahren 1970 und 1971 bekannten Grabsteinen waren 18 (!) nicht mehr auffindbar, 61 wurden wiedergefunden und 18 davon neu bearbeitet (s. gesonderte Aufstellung: Neubearbeitung Kush-Kak). Die Zahl der Neufunde vom Kush-Kak im Jahr 1973 beträgt acht, plus einen in Deutschland.
In meinem Bericht zur Forschungsreise 1971 hatte ich die Ansicht geäußert, dass man am Kush-Kak nicht mehr fündig werden könne. Diese Auffassung ist nach den Erfahrungen von 1973 zu revidieren. Vielleicht gibt der Kusk-Kak in den nächsten Jahren noch weitere seiner Geheimnisse preis."
Werner Herberg, Mainz, den 27. März 1974
Erforschen Sie die Geschichte der Afghanischen Juden
Wir präsentieren herausragende Dokumentationen, die die grundlegende Relevanz der jüdischen und persischen Kulturen umfassend verdeutlichen. Diese Werke gewähren tiefgreifende Einblicke in die kulturellen Wechselwirkungen sowie die historische Entwicklung dieser bedeutenden Zivilisationen.
Die Jüdische Kultur
und
ihr bedeutender Einfluss
Die jüdische Kultur hat über die Jahrhunderte hinweg einen bedeutenden Einfluss auf die Kunst, Literatur und Musik Zentralasiens ausgeübt. Ihre tief verwurzelten spirituellen und historischen Dimensionen finden vielfältige Ausdrucksformen in der Kultur dieser Region. Wir laden Sie ein, die Dokumentationen zu verfolgen, die eine umfassende und detaillierte Analyse dieses Themas bieten.
Persische Kultur:
Ein Erbe
der Vielseitigkeit und Tradition
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Kulturelle Überlagerungen verstehen
In der Region, in der jüdische und persische Kulturen aufeinandertreffen, entwickeln sich bedeutende Überschneidungen, die sowohl in historischer als auch in kultureller Hinsicht von erheblichem Interesse sind. Unsere Untersuchungen bieten eine fundierte Analyse der komplexen Verflechtungen und deren Auswirkungen auf die gegenwärtige Gesellschaft.
Die Bedeutung
von
Kunst und Musik
Kunst und Musik stellen fundamentale Elemente sowohl der jüdischen als auch der persischen Kultur dar. Mit unseren sorgfältig kuratierten Texten beabsichtigen wir, Ihnen aufzuzeigen, in welcher Weise diese künstlerischen Ausdrucksformen den kulturellen Austausch und das gegenseitige Verständnis fördern.















