
Matthias Perkams
Grundriss
Philosophie in der Antike
Von den Vorsokratikern bis zur Schule
von Nisibis
""Weißt Du, was das Philosophieren ist?" fragt der Sokratiker des Dialogs "Rivalen" (Ἐρασταί) seine Gesprächspartner. Er formuliert eine Frage, die schon von Platon selbst mit Isokrates diskutiert wurde und die auch die weitere Antike - auch in der Form, was "wahre Philosophie" sei - begleitet hat. Genauso wenig aber, wie die Frage in dem pseudo-platonischen Werk eine befriedigende Antwort findet, hat die spätere Antike sich darauf einigen können, was denn nun das Philosophieren bzw. was die Philosophie sei.
Stattdessen geht die Diskussion über diesen Punkt bis heute weiter und hat, nach den kontroversen Diskussionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, gerade auch im 19. und 20. Jahrhundert eine ganze Reihe höchst diverser, ja geradezu kontroverser Antworten gefunden.
"Was ist Philosophie der Antike?"
Matthias Perkams Werk präsentiert eine neuartige, umfassende Darstellung der antiken Philosophie. Ausgehend von der zentralen Fragestellung „Was versteht man unter Philosophie in der Antike?“ werden die Definitionen und Klassifikationen der Philosophie aus dieser Epoche sowohl in ihren theoretischen Kontext als auch in die historische Entwicklung des antiken Philosophierens eingeordnet.
Erstmals wird neben den bekannten antiken Philosophen auch die weitere Entwicklung der Diskussion innerhalb des Judentums, Christentums, der unterschiedlichen Fachwissenschaften sowie der orientalischen Sprachen als Bestandteil der Geschichte der antiken Philosophie erörtert. Hierdurch entsteht ein umfassendes Panorama des antiken Philosophierens, das sowohl dessen theoretische als auch soziale Dimensionen beleuchtet. Dabei wird die Rolle der Philosophie im Bildungssystem ebenso analysiert wie ihr Verhältnis zu Politik, Religion, Rhetorik und den verschiedenen Wissenschaften.
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Matthias Perkams
Grundriss: Philosophie in der Antike
Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis
Mit diesem Werk liegt eine neuartige umfassende Gesamtdarstellung zur antiken Philosophie vor. Ausgehend von der Frage »Was ist Philosophie in der Antike?« werden die Definitionen und Einteilungen der Philosophie aus dieser Epoche sowohl in ihren theoretischen Hintergrund als auch in die historische Entwicklung des antiken Philosophierens eingebettet.
Erstmals wird neben den bekannten antiken Philosophen auch die Fortführung der Diskussion in Judentum, Christentum, den verschiedenen Fachwissenschaften und den orientalischen Sprachen als Teil der antiken Philosophiegeschichte dargestellt. So entfaltet sich ein breites Panorama des antiken Philosophierens in seiner theoretischen wie seiner sozialen Dimension, in dem die Rolle der Philosophie im Bildungssystem ebenso berücksichtigt ist wie ihr Verhältnis zu Politik, Religion, Rhetorik und den verschiedenen Wissenschaften.
Die Darstellung gliedert sich nach sechs Hauptepochen antiken Philosophierens: 1) Vorsokratische Philosophie, 2) Klassische Epoche: u.a. Sokrates und Platon, Isokrates, Aristoteles, 3) Hellenismus, 4) Kaiserzeit, 5) Spätantike, 6) Schwelle zum Mittelalter, wobei erstmals ausführlich herausgearbeitet wird, dass die ausgehende Antike im 6. Jhdt. als eigene Epoche der Philosophie zu sehen ist.
Historisch-systematische Kurzdarstellungen behandeln die einzelnen Philosophen, philosophischen Richtungen und Schulen sowie weitere Autoren, welche sich zur Philosophie äußern oder für sich beanspruchen, ein(e) philosophos zu sein oder philosophia zu praktizieren. Diese Einträge berichten über Biographie und Werk im Kontext der Epoche und fassen die jeweiligen philosophischen Theorien der Autoren oder Gruppen zusammen. Ihre gleichmäßige Gliederung erleichtert die Nutzung als Nachschlagewerk.
Matthias Perkams vertritt die Professur für antike und Mittelalterliche Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er forscht u.a. zur Entwicklung des Philosophieverständnisses seit der Antike und zur aristotelischen Philosophietradition.
Quelle: www.meiner.de
Einführung (Redaktion Museo-on): Hesiod

Hesiod (altgriechisch Ἡσίοδος Hēsíodos) war ein bedeutender griechischer Dichter und Landwirt, dessen Werke eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der griechischen Mythologie und Mythographie sowie des Alltagslebens in seiner Epoche darstellen. Er wurde vor 700 v. Chr. vermutlich in Askra, Böotien, nahe Thespiai geboren. Gemeinsam mit Homers "Ilias" und "Odyssee" gehören Hesiods Schriften zu den primären Quellen unseres Wissens über diese Themen und das Alltagsleben seiner Zeit. Er wird als Wegbereiter des didaktischen Epos und des Lehrgedichts angesehen, das nach seiner Heimat Askra später von den Römern, insbesondere von dem römischen Dichter und Epiker Vergil (70 v. Chr. - 19 v. Chr.) als Ascraeum carmen bezeichnet wurde.
Einige Aspekte von Hesiods Leben könnten in seinen Epen dargelegt sein. In seinen gedichteten Werken, "Theogonie" und "Werke und Tage" (Verse 633–640), integriert er an drei Stellen mutmaßlich autobiografische Elemente. Jedoch vertreten manche Wissenschaftler die Auffassung, dass es sich hierbei ebenfalls um literarische Fiktionen handelt.
Hesiods bedeutendste Werke umfassen das didaktische Gedicht "Werke und Tage" sowie die "Theogonie". Zudem wird ihm das Werk "Eoien" zugeschrieben, das auch als "Katalog der Frauen" (γυναικῶν κατάλογος - " Gynaikōn katalogos") bekannt ist und nur in Fragmenten überliefert wurde. Des Weiteren wird ihm der "Schild des Herakles", ein Epyllion mit 460 Versen, zugeschrieben. Sein Epos "Theogonie" beschreibt in über tausend Hexametern die Entstehung der Welt und der Götter und bildet eine wesentliche Grundlage für unser gegenwärtiges Verständnis der griechischen Mythologie. In seinem didaktischen Gedicht "Werke und Tage" ("Erga kai hemerai"), das als Leitfaden für landwirtschaftliche Aktivitäten dient, hebt er die Arbeit als zentrales menschliches Betätigungsfeld hervor und etabliert somit eine frühe Arbeitsethik. Diese Darstellung steht im Gegensatz zur homerischen Adelsethik und betont das Selbsterworbene gegenüber dem Angeborenen.
"Werke und Tage" umfasst auch die Erzählung des Mythos von der Büchse der Pandora. Des Weiteren wird eine Abfolge von Weltzeitaltern dargestellt. Auf das Goldene Zeitalter folgt das Silberne und danach das Eiserne (Bronzene) Zeitalter, gefolgt vom sogenannten „Zeitalter der Heroen“, in dem prominente Figuren wie Odysseus und Achilleus lebten und der Trojanische Krieg stattfand. Am Ende dieser chronologischen Darstellung steht das Eiserne Zeitalter, das Hesiods eigene Epoche repräsentiert und sich durch eine allgemeine Verfinsterung sowie einer Verrohung der Sitten auszeichnet.
In Anbetracht von Willkür und tyrannischer Herrschaft ruft Hesiod zu einem redlichen und sittlichen Lebensstil auf. Aus den geografischen Angaben in der "Theogonie" lässt sich eine Vorstellung von der Welt gewinnen, wie sie den Griechen seiner Zeit erschien. Diese umfasst in erster Linie Regionen im östlichen Mittelmeerraum und Kleinasien. Das westliche Mittelmeer war Hesiod nur in sehr vagen Umrissen bekannt. Zudem werden das Schwarze Meer (Pontos), die Donau (Istros) sowie die Alpen, die als Rhyphaen-Gebirge bezeichnet werden, erwähnt. Der Teil Europas nördlich der Alpen war Hesiod nicht bekannt.
Literatur: Lomas, Kathryn. Der Aufstieg Roms. Stuttgart: Klett-Cotta, 2021, S. 96; Hesiod: Theogony / Works and Days / Testimonia (Loeb Classical Library, Band 57), hrsg. und übersetzt von Glenn W. Most, Cambridge, Mass.. Harvard UP, 2018; Schönberger, Otto (Hrsg.): Hesiod „Theogonie“, Griechisch / Deutsch. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2002.
Einführung (Redaktion Museo-on): Diogenes Laërtios
Diogenes Laërtios (griechisch Διογένης Λαέρτιος, lateinisiert Diogenes Laërtius) war ein bedeutender antiker Historiker der Philosophie sowie antiker Schriftsteller (Doxograph). Er lebte vermutlich im 3. Jahrhundert n. Chr. und verfasste eine umfassende Kompilation über das Leben und die Lehren der Philosophen der Antike, die in zehn Bücher gegliedert ist.
Der exakte Titel des zehnbändigen Werkes, verfasst in der Mitte des 2. Jahrhunderts, weist in den verschiedenen Handschriften und Ausgaben geringfügige Variationen auf. Die verbreitetsten Bezeichnungen wie "Über Leben und Lehren berühmter Philosophen" oder "Zusammenstellung über Leben und Lehren der Philosophen" (altgriechisch φιλοσόφων βίων καὶ δογμάτων συναγωγή) reflektieren bereits den kompendienhaften Charakter des Textes, welcher Biografie und Doxografie miteinander verknüpft. Diese Form der Doxobiografie ist besonders untypisch, da diese beiden literarischen Gattungen (Doxographie und Biographie) in der römischen Kaiserzeit weit verbreitet waren, jedoch in der Regel strikt voneinander getrennt wurden.
Diogenes lässt sich nur schwer einer bestimmten philosophischen Schule zuordnen, obgleich die häufige Annahme besteht, er sei dem Skeptizismus zuzuordnen. Es scheint, als hätte er seine Kompilation aus einer persönlichen Leidenschaft heraus zusammengestellt. Sein Werk zeichnet sich durch eine weitgehende Abwesenheit von Polemik aus – abgesehen von Übernahmen aus den Quellen – und hat in der spätantiken Literatur keinerlei Spuren in Form von Zitaten bei nachfolgenden Autoren hinterlassen.
Über die Lebensumstände von Diogenes Laërtios sind nur wenige Informationen bekannt. Die Datierung seiner Tätigkeit ins 3. Jahrhundert wird lediglich aufgrund seines literarischen Stils sowie der Lebensdaten der von ihm behandelten Philosophen abgeleitet. Der letzte von ihm genannte Philosoph (IX 116) war ein Schüler des Sextus Empiricus. Bemerkenswert ist seine Entscheidung, Philosophen der römischen Kaiserzeit nur selten zu erwähnen, und ebenfalls, dass er den zeitgenössischen Mittelplatonismus weitgehend ignoriert.
Der Beiname Laërtios hat zu Überlegungen bezüglich seiner Herkunft geführt. Er wird häufig mit der Region Laerte in Karien oder Kilikien, sowie mit dem römischen Familiennamen Laertii in Verbindung gebracht. Aktuell wird dieser Name jedoch meist auf Laertes, den Vater des Odysseus, zurückgeführt, der bereits von Homer als Diogenes Laertiades (Διογένης bedeutet 'gezeugt von Gott') erwähnt wird. Der Beiname Laertiades ist daher eher als literarisches Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Griechen namens „Diogenes“ zu verstehen, als dass er biografische Informationen liefert.
Der deutsche Philosoph und Philologe Friedrich Wilhelm Nietzsche ( 1844-1900) urteilte: „Er ist der Nachtwächter der griechischen Philosophiegeschichte, man kann nicht in sie hinein, ohne dass einem nicht von ihm der Schlüssel gegeben wird.“ (op. cit. Nietzsche, Bd.5, S. 126).
Literatur: Diogenes Laertios. Leben und Lehre der Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt und herausgegeben von Fritz Jürß. Stuttgart: Reclams Universal-Bibliothek 1998; Overwien, Oliver. "Diogenes, Laertios". In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin / New York: De Gruyter, 2005, S. 307; Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente, Herbst 1868 – Frühjahr 1869. In: Historisch-Kritische Gesamtausgabe. Band 5, S. 126.
Die Anfänge des philosophischen Denkens - eine griechische Konstruktion
Die Auseinandersetzung mit der vorsokratischen Philosophie offenbart die Entwicklung des philosophischen Diskurses als einen Prozess, der aus einem eher nebulösen Anfang hervorgeht. Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie ist nur schwer abschließend zu beantworten. Jede Antwort stellt in der Regel eine Rückprojektion des individuellen Verständnisses von Philosophie oder des persönlichen Selbstverständnisses als philosophisch Denkender dar. In diesem Sinne ist jede Angabe zum Ursprung der Philosophie unvermeidlich eine Konstruktion, die bestimmte Zeitpunkte und Autoren aus der eigenen Perspektive als "philosophisch" hervorhebt, während andere möglicherweise weniger Beachtung finden. Es ist festzuhalten, dass alle Antworten auf die Frage nach dem Beginn der Philosophie durch ein entwickeltes Verständnis davon, was Philosophie bedeutet, präformiert sind.
Dies lässt sich - so Matthias Perkams - bereits für die antiken Darstellungen des Anfangs der Philosophie darlegen:
"Für sie ist eine rationale bzw. philosophische Welterklärung bereits von der archaischen Zeit an ein integraler Bestandteil der eigenen, griechischen Kultur. Schon in dem ersten großen Werk, das nach den homerischen Epen einen kulturellen Neuansatz darstellt, der "Theogonie" Hesiods, findet Aristoteles Ansätze des philosphischen Denkens. Später wird der Anfang der "Philosophie über die Himmelskörper" mithilfe allegorischer Interpretation sogar im Mythos selbst, nämlich dem über Endymion, gefunden. Wenn Aristoteles und auch spätere Generationen eine Philosophie im eigentlichen Sinne bzw. eine "reine Philosophie" erst mit Thales und seinen Nachfolgern beginnen lassen, gerät die Vorsicht des Stagiriten, der in der Neugier des Philosophen eine Prallele zum Liebhaber von Mythen beobachtet und sich daher der Unmöglichkeit einer völlig klaren Scheidung von Philosophie und Nicht-Philosophie durchaus bewusst ist, nie vollständig aus dem Blick.
Weitere Dimensionen einer Darstellung des Anfangs der Philosophie lassen sich im größten erhaltenen philosophiegeschichtlichen Werk der Antike, in Diogenes Laertios' "Lebensbeschreibungen der Philosophen" beobachten: Diogenes zählt zu Beginn seiner Philosophiegeschichte eine Reihe "barbarischer" Vorläufer der Philosophie auf und wirft so die zusätzliche Frage nach dem spezifisch griechischen Charakter der Philosophie auf. Die Besonderheit der Griechen liegt ihm zufolge in der Begründung eines philosophischen "Geschlechts von Menschen", das er gleichzeitig in Ionien bei Anaximander und in Italien bei Pythagoras beginnen lässt. Eine Linie davon setzte sich ununterbrochen fort bis Kleitomachos, Chrysipp und Theophrast, eine zweite bis Epikur. Philosophie ist für Diogenes Laertios demnach nicht nur durch inhaltliche und methodische Besonderheiten, sondern auch, in terminologischer Anlehnung an Platon, als ein zeitlich ununterbrochener Lehr- und Lernzusammenhang gekennzeichnet. Damit benennt er ein Moment, das für die Herausbildung der Philosophie als eigenständiger Weise der Weltdeutung essentiell ist (selbst wenn die von ihm und anderen im Einzelnen angeführten, wohl auf Theophrast zurückgehenden Überlieferungsketten sämtlich eher artifiziell wirken). Denn nur dadurch, dass sich die Philosophie selbst als rationale Wirklichkeitsdeutung von anderen Zugängen wie Religion, Mythos und Dichtung (sowie später Rhetorik und Sophistik) abgrenzt, kann sie sich als soziale und geistige Größe etablieren und den von Platon erhobenen Anspruch lebendig erhalten, etwas zu sein, "im Vergleich zu dem ein größeres Gut dem sterblichen Geschlecht niemals als Geschenk der Götter gekommen ist oder kommen wird".
Matthias Perkams ist der Auffassung, dass die klassische griechische Dichtung gegenwärtig nicht als Philosophie klassifiziert werden kann. Dies führt er darauf zurück, dass es an einer rationalen Reflexion ihrer eigenen Auseinandersetzung mit mythischen Elementen mangelt.
Er verweist allerdings auf die Bedeutung der klassischen griechischen Dichtung im Kontext der Entwicklung vom Mythos zum Logos:
"Sie markiert aber durch ihre vor allem bei Hesiod strikte Auswahl und Anordnung der mythischen Überlieferungen einen wichtigen Schritt auf dem Weg vom Mythos zum Logos. Eine inhaltliche Bedeutung für die werdende Philosophie besitzt die klassische Dichtung als Quelle für die Frage nach dem Ursprung von allem sowie, bei Pherekydes und den Orphikern, für die Lehre von der Seelenwanderung, wobei spätestens bei Platon poetische und pythagoreische Traditionen unverbunden nebeneinander aufgegriffen werden."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 51-52, 82, op. cit., S.51-52.
Einführung (Redaktion Museo-on): Philosophen der klassischen Epoche
Sokrates:
Der Weg zur Selbsterkenntnis
Sokrates (altgriechisch Σωκράτης Sōkrátēs; 469 v. Chr. in Alopeke, Athen – 399 v. Chr. in Athen) war ein fundamentaler griechischer Philosoph, dessen Einfluss auf das abendländische Denken von erheblicher Bedeutung ist. Er lebte und wirkte in Athen zur Zeit der attischen Demokratie. Um ein vertieftes Verständnis von Menschlichkeit, ethischen Prinzipien und der Welt zu erlangen, entwickelte Sokrates die philosophische Methode des strukturierten Dialogs, bekannt als Maieutik („Hebammenkunst“). Selbst hinterließ er keine schriftlichen Aufzeichnungen; unser Wissen über sein Leben und Denken basiert daher auf den Schriften anderer, insbesondere seiner Schüler Platon und Xenophon. Diese verfassten sokratische Dialoge, die verschiedene Aspekte seiner Lehre hervorheben. Deshalb ist jede Darstellung des historischen Sokrates und seiner Philosophie unvollständig und mit Unsicherheiten behaftet. Sokrates gilt als einer der Hauptbegründer der westlichen Philosophie. Seine Methode der kritischen Reflexion, die als sokratische Methode bekannt ist, förderte das Denken und führte zu einem Prozess der Selbsterkenntnis. Besonders fokussierte er sich auf ethische Fragestellungen und stellte häufig die Gültigkeit allgemein anerkannten Normen und Überzeugungen in Frage.
Platon:
Die Welt der
Ideen
Platon (altgriechisch Πλάτων, lateinisiert Plato; 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina - 348/347 v. Chr. in Athen) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen der Antike und war ein Schüler des Sokrates. Sein umfassendes philosophisches Denken und seine methodischen Ansätze dokumentierte er in einer Vielzahl von Schriften, die bis heute von hoher Relevanz sind. Platons bemerkenswerte Vielseitigkeit und die Originalität seiner Beiträge etablieren ihn als eine der einflussreichsten Figuren in der Geschichte der Philosophie. Er setzte entscheidende Maßstäbe in Bereichen wie Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ethik, Anthropologie, Staatstheorie, Kosmologie, Kunsttheorie und Sprachphilosophie, die auch von seinen Nachfolgern – insbesondere Aristoteles, einem seiner berühmtesten Schüler – sowohl gewürdigt als auch kritisiert wurden. Platons Theorie der Ideen postuliert, dass die materielle Welt lediglich eine Abbildung der wahren, idealen Wirklichkeit darstellt. In seinen Dialogen behandelt er zentrale Themen wie Gerechtigkeit, Tugend und die gesellschaftliche Relevanz der Philosophie. Seine Werke wurden in zahlreiche orientalische Sprachen übersetzt und hinterließen einen nachhaltigen Einfluss auf verschiedene kulturelle Kontexte.
Aristoteles:
Der
Universalgelehrte
Aristoteles (griechisch Ἀριστοτέλης Aristotélēs; 384 v. Chr. in Stageira - 322 v. Chr. in Chalkis auf Euböa) gilt als ein herausragender Universalgelehrter der Antike. Er zählt zu den prominentesten und einflussreichsten Philosophen sowie Naturwissenschaftlern der Geschichte. Als Schüler Platons erweiterte Aristoteles die philosophischen Konzepte um wesentliche naturwissenschaftliche und logische Dimensionen. Er trug maßgeblich zur Entwicklung zahlreicher Disziplinen bei, darunter die Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Logik, Biologie, Medizin, Physik, Ethik, Staatstheorie und Dichtungstheorie, viele davon durch ihn begründet oder erheblich beeinflusst. Die von ihm formulierten Ideen führten zur Entstehung des Aristotelismus. Aristoteles' Werke wurden nicht nur in der Antike hoch geschätzt, sondern hatten auch einen nachhaltigen Einfluss auf die islamische Philosophie sowie auf die kulturelle Blüte der Renaissance.
Der Einfluss auf
spätere
Generationen
Die Lehren von Sokrates, Platon und Aristoteles haben das philosophische Denken bis in die Gegenwart nachhaltig beeinflusst. Ihre Konzepte in den Bereichen Ethik, Politik und Metaphysik bilden weiterhin essenzielle Grundlagen der akademischen Lehre und bieten signifikante Perspektiven auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen. Die Übersetzungen ihre Werke in orientalische Sprachen führten zu einem interkulturellen Austausch, der die Philosophie in unterschiedlichen Regionen maßgeblich prägte.
Sokrates als Modell eines Philosophen

Antike und moderne Perspektiven auf die Sokratesfigur
Im Dialog mit den Sophisten entfaltet sich eindrucksvoll die Persönlichkeit des Sokrates, der bis in die Gegenwart als Inbegriff des (nicht nur) antiken Philosophen angesehen wird. Die Ausgestaltung dieses Bildes ist im Detail vielschichtig, so Matthias Perkams, verdeutlicht jedoch über die Jahrhunderte hinweg insbesondere einen ethischen Fokus:
"Das antike Sokratesbild ist in den erhaltenen Quellen zunächst von den positiven, wenn auch divergierenden Berichten seiner Schüler Platon und Xenophon geprägt, während eine Sokratisch-kritische Linie nur in Aristophanes "Wolken" erhalten ist. Diese Werke bilden allerdings nur einen kleinen Rest einer umfangreichen literarischen Debatte. Indem diese in den Jahrzehnten nach Sokrates' Tod in Vergessenheit gerät, verblasst das Sokrates-Bild und verengt sich auf seine Bedeutung für die philosophische Ethik: Schon Aristoteles betont die Vorliebe des Sokrates für die "Ethik, die er behandelt, die Natur im Ganzen aber keineswegs", hebt aber immerhin noch hervor, Sokrates habe vermittels der Ethik "das Allgemeine gesucht und als erster die Aufmerksamkeit auf Definitionen gerichtet".
Für viele antike Philosophen v.a. platonischer, stoischer, kynischer und christlicher Couleur ist allerdings Sokrates in der Folgezeit nur noch ein Muster von Tugend sowie ein Vertreter der These , diese mache ein gutes, philosophisches Leben wesentlich aus. Eine andere Perspektive findet sich etwa bei den Epikureern, die Sokrates aufgrund seiner ironischen, d.h. täuschenden Haltung kritisch sehen.
Trotzdem verdichtet sich die Verbindung des Sokrates mit der Ethik zu der bei "Hippolyt" und Diogenes Laertios fassbaren lakonischen Behauptung, dass Sokrates die Wende der Philosophie zur Ethik einleite, was auch schon hinter Ciceros begeisterter Formulierung steht, Sokrates habe die Philosophie vom Himmel unter die Menschen gebracht. Allerdings macht Cicero Sokrates zugleich für die von ihm kritisierte Trennung von Philosophie und Rhetorik verantwortlich.
Die Sichtweise, in Sokrates einen Wendepunkt der philosophischen Entwicklung zu sehen, beeinflusst auch die moderne Forschung. Hier mögen zwei Beispiele genügen. So preist Gabriele Gianantonni zum Abschluss einer detaillierten Präsentation des Forschungsstandes, Sokrates' Technik des Erziehens durch Fragen als
" die erste und feierlichste Behauptung der Autonomie des moralischen Gewissens, seiner Rechte und seiner Freiheit sowie des autonomen und kritischen Gebrauchs der Vernunft".
Dies hat laut Giannantoni auch mit dem Philosophieberiff zu tun, denn das sokratische Bekenntnis zum Nichtwissen bilde "den Anfang dessen, was die Griechen mit dem Terminus "Philosoph" bezeichnen." Während diese Rückdatierung eines autonomen Gewissens auf Sokrates immerhin noch den Anspruch aufrechterhält, eine historische These zu sein, beschränkt sich John M. Cooper im Hinblick auf Sokrates von vornherein darauf, "Interpretationen der philosophischen Ansichten einer begrifflichen Person auszuarbeiten und dazulegen". Dieser begriffliche Sokrates habe "das griechische Wort "philosophia" im Sinne von "Philosophie" gebraucht,
"verstanden als bewusst einem strengen Vernunftgebrauch und rational disziplinierter Untersuchung verpflichtet, so wie wir sie, in der Nachfolge meines begrifflichen Sokrates, verstehen".
Hier verblasst Sokrates, weitgehend losgelöst von den Quellen, zur Chiffre eines Neubeginns einer (jedenfalls aus antiker Sicht) ziemlich eng definierten Philosophie. Für unsere Frage gilt es, sich in Anbetracht derartig pathetischer Projektionen eigener Werte auf Sokrates vor Augen zu halten, dass dessen Schlüsselstellung in der neueren Forschung auch als solche zur Debatte steht, wenn z.B. Foucault Platon und nicht Sokrates, für den großen Grenzzieher zwischen der Philosophie und ihren Nachbargebieten hält."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 171-173, op. cit., S. 171-173.
Ein philosophisches Leben? Biographisches zu Sokrates
Matthias Perkams widmet sich detailliert biographischen Einzelheiten zu Sokrates und stellt insbesondere die Frage nach dem philosophischen Leben des Sokrates:
"Sokrates wird vermutlich als Athener Bürger um 469 v. Chr, geboren und führt als solcher den Steinmetzbetrieb seines Vaters Sophroniskos weiter. Auf diese Weise verfügt er über genug Kapital, um sich - wie es von einem Athener Vollbürger verlangt wird - auf eigene Kosten als schwerbewaffneter Soldat (Hoplit) an mehreren Feldzügen zu beteiligen, bei denen er sich offenbar durch seine Tapferkeit auszeichnet. Überliefert werden Ehen mit zwei Frauen, nämlich Xanthippe; der Zänkischkeit nachgesagt wird, sowie einer Myrto. Von beiden, die möglicherweise Haupt- und Nebenfrau sind, hat er insgesamt drei Kinder.
Die Anfänge von Sokrates' Beschäftigung mit philosophishen Lehren sind unklar: Einerseits wird Aspasia als seine Lehrerin bezeichnet, andererseits suggerieren Aristophanes und Platons "Phaidon", dass Sokrates auch eine Zeitlang, wohl als Schüler des Archelaos, naturphilosopphischen Interessen nachgeht. Ende der 420er Jahre ist Sokrates offenbar in Athen wohlbekannt, da er, nach dem Zeugnis der platonischen Dialoge, der xenophontischen "Memorabilien" sowie der Dialoge seiner weiteren Schüler, in konstantem Austausch und kritischer Auseinandersetzung mit den Sophisten junge Menschen von ihren eigenen Defiziten sowie der Notwendigkeit, sich weiter zu entwickeln, überzeugt. Sokrates nimmt hierfür offenbar kein Geld und kleidet sich ärmlich; über seinen Vermögensstand sind wir freilich nicht informiert. Sein Umfeld umfasst ganz unterschiedliche Charaktere, von denen nicht alle, vor allem nicht der ambitionierte Alkibiades, eine politisch politische Rolle spielen.
Als Mitglied der Athener Volksversammlung lehnt Sokrates 406 v. Chr. als einziger die Hinrichtung einiger erfolgloser Feldherrn ab. Nach der Niederlage Athens im peleponnesischen Krieg versuchen die sogenannten 30 Tyrannen, Sokrates in ihre Verbrechen zu verstricken, was dieser entschieden zurückweist. Nach Wiederherstellung der Demokratie wird er jedoch vor einem Volksgericht angeklagt, nicht an die Götter zu glauben sowie die Jugend zu verderben. Sokrates verteidigt sich hiergegen selbst, ohne die ihm angebotene Hilfe des professionellen Redners Lysias in Anspruch zu nehmen, und stellt sein Wirken als eine Art göttlichen Auftrag dar. Zum Tode verurteilt, erhält er die Gelegenheit zu fliehen, die er aber nicht nützt, um sich der gesetzmäßigen Strafe nicht zu entziehen. Da das Todesurteil erst nach einiger Zeit vollstreckt wird - nämlich nach der Rückkehr des heiligen Schiffes von der Insel Delos -, hat Sokrates noch Gelegenheit, sich von seinen Freunden und Schülern zu verabschieden, bevor er - nach Platons Schilderung im "Phaidon" - mit vorbildlicher Gelassenheit bereitwillig aus dem Leben scheidet."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S.177-178, op. cit., S.177-178.

Einleitung : Was ist Philosophie in der Antike?
Der Sokrates-Dialog „Rivalen“ (griechisch Ἐρασταί)
Matthias Perkams erwähnt in seinem Werk "Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis" - erschienen im Felix Meiner Verlag (2023) - den Sokrates-Dialog „Rivalen“ (griechisch Ἐρασταί – Erastai oder Anterastai / „Die Nebenbuhler“), der oftmals Platon zugeschrieben wird. Er ist einer der kürzesten Texte. Sokrates diskutiert darin mit zwei jungen Liebhabern, ob Philosophie Zeitverschwendung ist oder den Geist schärft.
Matthias Perkams befasst sich in der Einleitung zur eigentlichen Zielsetzung seiner Darstellung detailliert mit der entscheidenden Frage "Was ist Philosophie in der Antike?":
""Weißt Du, was das Philosophieren ist?" fragt der Sokratiker des Dialogs "Rivalen" (Ἐρασταί) seine Gesprächspartner. Er formuliert eine Frage, die schon von Platon selbst mit Isokrates diskutiert wurde und die auch die weitere Antike - auch in der Form, was "wahre Philosophie" sei - begleitet hat. Genauso wenig aber, wie die Frage in dem pseudo-platonischen Werk eine befriedigende Antwort findet, hat die spätere Antike sich darauf einigen können, was denn nun das Philosophieren bzw. was die Philosophie sei. Stattdessen geht die Diskussion über diesen Punkt bis heute weiter und hat, nach den kontroversen Diskussionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, gerade auch im 19. und 20. Jahrhundert eine ganze Reihe höchst diverser, ja geradezu kontroverser Antworten gefunden.
Als Ergebnis solcher Debatten wird vielfach ganz bewusst darauf verzichtet, die Frage, was Philosophie ist, aufzuwerfen und zu diskutieren. Sondern die etablierte und bewährte Praxis, theoretische und praktische Fragen des menschichen Lebens und der Welt- und Sprachdeutung vor dem Hintergrund eines mehr oder weniger wandel- und erweiterbaren Corpus "klassischer" Texte in methodisch unterschiedlich abgesicherter, rational vorgehender Weise zu diskutieren, wird von Generation zu Generation weitergegeben, so dass eher ein faktischer Umriss denn ein klarer Begriff der Philosophie unter ihren Anhängern zu einer Art Konsens geworden ist.
Diese Praxis impliziert auch eine fortwährende Bedeutung der antiken Philosophie. Denn nicht nur nehmen die Werke eines Aristoteles und Platon einen zentralen Platz auf fast allen philosophischen Lektürelisten ein und werden so zum Vorbild heutigen Philosophierens. Vielmehr sind auch die archetypischen Erzählungen der Philosophie - wie die Erfindung des wissenschaftlichen Weltzugriffs durch die Vorsokratiker, die Diskussionen des Sokrates mit den Sophisten und sein gewaltsamer Tod oder auch die Übertragung der antiken Philosophie in die lateinische Sprache durch Cicero - zum nicht geringen Teil der Antike entnommen. Es ist also nur folgerichtig, dass der antiken Philosophie bis heute teils implizit, teils ausdrücklich eine Art normativer Charakter im Hinblick auf die Frage zugeschrieben wird, was Philosophie überhaupt sei. Nicht zufällig wird Whitehead's Diktum, die Philosophiegeschichte bestehe aus Fußnoten zu Platon, immer wieder angeführt. Seine Aussage stellt eine moderne Fassung der alten Praxis dar, bestimmte, klassische Formen antiker Philosophie zu immer wieder neu aktualisierbaren Vorbildern für gelingendes, ja manchmal für vollkommenes Philosophieren zu nehmen: Zeigt sich dies bereits in der Spätantike im Selbstverständnis der (Neu-)platoniker, das vom Schulgründer Gesagte unverfälscht der eigenen Gegenwart zu lehren, so äußert es sich im europäischen Mittelalter darin, Aristoteles den "Philosophen" schlechthin zu nennen, was er in der frühen islamischen Philosophie ebenfalls ist, bevor ihm im arabischen und im hebräischen Sprachraum autochthone Denker - Al-Fārābi, Ibn Sīnā (Avicenna), Ibn Rušd (Averroes) und Moses Maimonides - den Rang ablaufen, die sich freilich selbst als Fortsetzer der aristotelischen Tradition verstehen. In der Renaissance und Neuzeit ist die Lektüre der antiken Philosophie weit verbreitet, und gerade Stoiker, Atomisten und Epikureer befruchten viele Theorien bis hin zu Kant, bevor bei Hegel wieder das neuplatonische System des Proklos und der antike Skeptizismus zu entscheidenen Faktoren der Systembildung werden, die nun erstmals mit einer systematischen Deutung der Geschichte der Philosophie einhergeht. Auch die frühe analytische Philosophie empfängt von den Oxforder Lektürekursen zu Platon und Aristoteles bedeutende Anregungen, deren Konsequenzen auf begrifflicher Ebene sich bis heute erkennen lassen. Verweise auf und Anregungen durch antike Vorbilder und Lehren finden sich folglich bei der überwiegenden Mehrzahl ihrer bedeutenden philosophischen Autorinnen und Autoren, unter denen in der Gegenwart etwa eine Martha Nussbaum das aristotelische Erbe wirkmächtig fruchtbar macht. Auch in der philosophischen Lehrpraxis, an der Universität wie der Schule, liefern Platon und Aristoteles, aber auch die Stoiker und Epikur, bis in die Gegenwart Modelle dafür, was Philosophie sein kann, und wie Studentinnen und Studenten, Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Philosophieren gestalten können.
Ein besonderer Aspekt der Weiterentwicklung der griechischen Philosophie ist die Tatsache, dass sie der Disziplin ihren Namen gegeben hat. Das Wort "Philosophie" verweist, gerade in der Konnotation einer Liebe zur Weisheit, auf die Antike zurück. In der globalen Perspektive der Gegenwart wird diese Bindung an den Ursprung etwa dann sichtbar, wenn diskutiert wird, ob man von "chinesischer Philosophie" oder von "chinesischem Denken" sprechen sollte. Damit zeigt sich die Bedeutung des Ursprungskontexts: Was Philosophie in der Antike ist, wie sie entsteht, wie sie sich definiert, wie sie sich entwickelt - alle diese Fragen berühren nicht nur die Geschichte der Philosophie, sondern bleiben unverzichtbare Elemente ihrer Selbstfindung. In den Worten von Jürgen Mittelstraß können wir "nicht "außerhalb" (der Form) des griechischen Denkens denken [...] , in der Rolle des unbeteiligten Beobachters , sondern "dieses" nur" 'von innen', als Teil seines Wirkzusammenhangs" verstehen.
Erweist sich somit die Frage, was Philosophie in der Antike sei, schon von der Geschichte und dem Begriff der Philosophie her als ein durchaus anspruchsvolles Forschungsfeld, so scheint ihre Untersuchung besonders sinnvoll und aktuell, wenn man die bemerkenswert vielen und verschiedenen gesellschaftlichen Bedürfnisse bedenkt, die heutzutage, auch jenseits eines rein akademischen Interesses, an die Philosophie herangetragen werden (...)"
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 7-9, op. cit., S. 7-9.
Die Philosophie im kaiserzeitlichen Judentum
Unsere Redaktion würdigt an dieser Stelle insbesondere die tiefgreifenden Analysen von Matthias Perkams zur Philosophie in der Kaiserzeit, insbesondere im Hinblick auf das philosophische Denken innerhalb der jüdischen Tradition dieser Epoche. Die rabbinischen Texte, in denen die Philosophen Erwähnung finden, stellen einige der aufschlussreichsten und bemerkenswertesten Quellen dar, die sowohl die Vielfalt als auch die Wahrnehmung ihrer Lehren in der antiken Welt dokumentieren. Diese Texte bieten ein vielschichtiges Verständnis der Philosophie, das zunächst einen Dialog anregt, jedoch häufig in stereotype Auffassungen abgleitet. Die zugrunde liegende Rationalität weist erhebliche Unterschiede auf; während sich die Rabbiner beständig auf die Heilige Schrift stützen, suchen die Philosophen ihre Antworten vorwiegend in innerer Reflexion oder der Natur. Trotz des Potenzials für einen dialektischen Austausch, der einen produktiven Dialog ermöglichen könnte, bleibt dieser oft unerfüllt, da die Kriterien zur Wahrheitsfindung divergieren.
4. Rezeption von Philosophie im rabbinischen Judentum
Im Rahmen seiner umfassenden Analyse der Philosophie in der Kaiserzeit widmet sich Matthias Perkams in Kapitel V mit dem Titel „Richtiges Denken und Sterben“ der Philosophie im kaiserzeitlichen Judentum. Hierbei untersucht er unter anderem die Rezeption philosophischer Konzepte im rabbinischen Judentum:
"In diesem Umfeld, in dem die Philosophie in den halbwegs gebildeten Schichten omnipräsent zu sein scheint, erreicht auch die Selbstdefinition des Judentums als Philosophie im 1. nachchristlichen Jahrhundert einen neuen Höhepunkt, wie das Werk des hellenistischen Juden Philon von Alexandrien und das "4. Makkabäerbuch"zeigen. Die ursprünglich griechische Idee, das Judentum sei eine Philosophie, wird von Philon, im Anschluss an Aristobulus und den "Aristeasbrief", aufgegriffen und breit ausgearbeitet, gerade auch im Rahmen der Exegese. Auf diese Weise wird Philon nicht nur eine unserer wichtigsten Quellen für die in dieser Zeit bereits kursierenden mittelplatonischen Lehren, sondern seine philosophische Ausarbeitung des Judentums beeinflusst auch das frühe Christentum stark.
Die Zeit der gegenseitigen Beeinflussung von Juden und griechisch-römischer Welt erreicht jedoch in der Kaiserzeit mit den drei jüdischen Aufständen von 66-70/73, 115-117 (Aufstand der Diaspora-Juden) und 132-125 (Bar Kochba-Aufstand) ihr Ende; mit der Niederschlagung der Aufstände verändert sich nicht nur das Bild der Juden in ihrem (auch philosophische) Umfeld, sondern vor allem die innerjüdische kulturelle und auch philosophische Entwicklung als solche. Schon Flavius Josephus grenzt am Ende des 1. Jahrhunderts das Judentum von der Philosophie als einem griechisch-römischen Phänomen eher ab. In der sogenannten rabbinischen Literatur, welche die jüdische Schriftstellerei von nun an für Jahrhunderte dominiert, tritt die Auseinandersetzung mit der Philosophie jedenfalls vordergründig zurück. Allerdings lassen sich Philosophenfiguren und philosophische Inhalte auch hier in sorgfältigen Analysen auffinden."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 613, op. cit., S.613.
Einführung (Redaktion Museo-on): Philon von Alexandria
Philon von Alexandria (griechisch Φίλων, Phílōn; latinisiert als Philo Alexandrinus oder Philo Iudaeus; hebräisch ידידיה הכהן, Yedidia (Jedediah) HaCohen; etwa 15/10 v. Chr. – nach 40 n. Chr.) war ein prominenter jüdischer Philosoph und Theologe und gilt als der bedeutendste Denker des hellenistischen Judentums. Die biographischen Informationen über sein Leben sind begrenzt. Im Jahre 39/40 n. Chr. beteiligte er sich an einer Gesandtschaft der jüdischen Gemeinde von Alexandria gegenüber Kaiser Caligula. Die Rede, die er während dieser Delegation halten wollte, dokumentierte er in seinem Werk "Legatio ad Gaium", in dem er auch die vorherrschenden Umstände erläutert. Zu diesem Zeitpunkt gab Philon an, bereits ein älterer Mann zu sein, was seine Lebensdaten in den Zeitraum von etwa 20–10 v. Chr. bis 40–50 n. Chr. verankert. Philon hatte offensichtlich eine angesehene Position innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Alexandria, was durch seine Mitwirkung an der Gesandtschaft unterstrichen wird.
Der jüdisch-hellenistische Historiker Flavius Josephus (altgriechisch Φλαύιος Ἰώσηπος Flavios Iṓsēpos; geboren 37/38 n. Chr. in Jerusalem; gestorben um 100 vermutlich in Rom), erwähnt, dass Philon von der jüdischen Gemeinde „in höchsten Ehren gehalten“ wurde und über „nicht unbedeutende Kenntnisse in der Philosophie“ verfügte. Er entstammte einer der vornehmsten und wohlhabendsten jüdisch-hellenistischen Familien seiner Zeit. Sein Bruder, Tiberius Iulius Alexander, war römischer Bürger und wirkte als Alabarch, verantwortlich für das Eintreiben von Steuern, während er auch enge Beziehungen zu Agrippa I. und anderen römischen Machthabern pflegte. Es wird berichtet, dass er aus seinem Vermögen die goldenen und silbernen Türbeschläge des Jerusalemer Tempels finanziert hat. Sein gleichnamiger Neffe wandte sich offenbar von der jüdischen Religion ab, um eine Laufbahn in der römischen Verwaltung einzuschlagen. Als Präfekt von Ägypten war er verantwortlich für die gewaltsame Unterdrückung des jüdischen Aufstandes im Jahr 66 n. Chr. und soll 70 n. Chr. an der römischen Eroberung Jerusalems beteiligt gewesen sein.
Philon stellt ein herausragendes Beispiel für die Synthese von Judentum und Hellenismus im Diasporajudentum des ersten Jahrhunderts dar. Einerseits ist er fest in der jüdischen Tradition verwurzelt. Seine Schriften, die primär als Auslegungen der Tora zu verstehen sind, sind zugleich von stark philosophischen Überlegungen durchzogen. Philon verfügte über tiefgehende Kenntnisse des jüdischen Lebens im Tempel, in Synagogen und in den Haushalten. Während er mit dem palästinensischen Judentum in Verbindung stand, ist eine Rekonstruktion dieser Beziehungen aufgrund fehlender direkter Belege nur eingeschränkt möglich. Andererseits war Philon stark von der hellenistischen Bildung geprägt. In Übereinstimmung mit seinem sozialen Status durchlief er den hellenistischen Bildungsweg, wie seine Analysen der "enkyklios paideia" belegen. Er sprach Griechisch fehlerfrei und seine Werke enthalten zahlreiche Zitate sowie Anspielungen auf die griechische Literatur. Möglicherweise hatte er Kontakte zu den philosophischen Schulen in Alexandria. Offenkundig nahm Philon intensiv am kulturellen und sozialen Leben Alexandrias teil: Er besuchte Gastmähler (Leg all III 155 f.), das Theater und Konzerte (Ebr 177, Prob 141) und nahm an Veranstaltungen wie dem Pankration (Prob 26) und Pferderennen teil (Apol Jud bei Eusebius, Praep Ev VII 14.58).
Im ersten Jahrhundert n. Chr. verfasste Philon eine bedeutende Biografie über Abraham. Sein Werk "De Abrahamo" ("Über Abraham") gilt als eine der ersten Biografien überhaupt. In diesem Kontext verbindet Philon die griechische Philosophie mit den narrativen Elementen der Tora. Abraham wird von ihm nicht nur als Stammvater der Juden, sondern auch als "idealer Weiser" interpretiert, der durch Wissen zu Gott findet. Philon deutet Abrahams Leben nicht nur als historische Erzählung, sondern auch als philosophisches Lehrstück. Abraham repräsentiert die menschliche Vernunft, die durch Glauben und Tugend zur Vollkommenheit gelangt. Er verkörpert das "ungeschriebene Gesetz", das sich in seinem tugendhaften und gerechten Verhalten manifestiert, lange bevor Mose die schriftlichen Gesetze (die Zehn Gebote) niederschrieb. Abrahams Handlungen gründen sich auf ein inneres Verständnis des Guten.
Zudem fungiert Philons Biografie über Abraham als eine Einladung zum Judentum und ist im Rahmen eines politischen Kontextes verfasst, in dem die jüdische Gemeinschaft um ihre Rechte kämpfen musste.
Literatur: Runia, David T. "Philon von Alexandria". In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 27, Hiersemann, Stuttgart: Hiersemann 2016, Sp. 605–627; Winston, David und Dietmar Wyrwa. "Philon von Alexandrien". In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/1). Basel: Schwabe, 2018, S. 724–753, 759–765; Williamson, Ronald. Philo and the epistle of the Hebrews (= Arbeiten zur Literatur und Geschichte des Hellenistischen Judentums. Bd. 4). Leiden: Brill, 1970; Morris, Jenny. "The Jewish Philosopher Philo". In: Emil Schürer: The History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ (175 B.C. – A.D. 135). Bd. 3, 2, hrsg. von Geza Vermes, Fergus Millar, Martin Goodman. Clark, Edinburgh: Clark, 1987, S. 809–870; Borgen, Peder. Philo of Alexandria. An Exegete for His Time (= Supplements to Novum Testamentum. Bd. 86). Leiden u. a.: Brill, 1997; Niehoff, Maren R. Philo on Jewish Identity and Culture (= Texts and Studies in Ancient Judaism. Bd. 86). Tübingen: Mohr Siebeck 2001; Bloch, René. "Moses im Spiegel Philons: Autobiographisches in Philons Moses-Biographie". In: Jüdische Drehbühnen. Tübingen: Mohr Siebeck 2013, S. 29–52; Niehoff, Maren R. Philon von Alexandria. Eine intellektuelle Biographie. Tübingen: Mohr Siebeck, 2019; Runia, David T. Philo of Alexandria: collected studies 1997–2021. (Texts and studies in ancient Judaism, 187). Tübingen: Mohr Siebeck, 2023.
Die jüdische Bibel als philosophisches Werk: Philon von Alexandrien
Matthias Perkams widmet Philon von Alexandrien besondere Aufmerksamkeit. Er weist darauf hin, dass Philons philosophische Leistung grundsätzlich darin besteht, dass er die monotheistische Lehre der Juden auf philosophische Weise ausarbeitet:
"Aus dem einzig exakt fassbaren Datum aus Philons Biographie - seiner Beteiligung in vorgerücktem Alter an einer jüdiischen Gesandtschaft zu Kaiser Gaius nach Rom im Jahr 39/40 n. Chr. - können wir erschliessen, dass er wohl vor der Zeitenwende geboren wird und seine Hauptaktivität in die erste Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts fällt. Er gehört einer führenden jüdischen Familie an, deren jüngere Mitglieder teils das Judentum verlassen und in das Umfeld von Kaisern gelangen. Philon selbst scheint, wie einige Jahrhunderte später Johannes Philopono s, in den philosophischen Kreisen Alexandriens eine gründliche Ausbildung in der Philosophie aller zeitgenössischen Richtungen zu erhalten und auch sonst diese Stadt nie länger zu verlassen.
Diese Ausbildung spiegelt sich in einem komplexen, ursprünglich durchweg auf Griechisch verfassten literarischen Werk wieder, das überwiegend aus Bibelkommentaren und zu einem geringeren Teil aus philosophischen sowie historisch-apologetischen Schriften besteht. Auch die Kommentare haben allerdings philosophischen Gehalt, da sie 1. die jüdischen Schriften unter Benutzung einer philosophischen Herangehensweise und vieler philosophischer Lehren erklären und 2. eine allegorische Exegese anwenden, die selbst als Beispiel einer philosophischen Textauslegung aufschlussreich ist. Im Einzelnen gilt es dabei zu unterscheiden zwischen a) Quaestionenkommentaren, b) allegorischen Kommentaren und c) der systematischen Auslegung des Gesetzes, zu der unter anderem die Schrift "Über die Herstellung der Welt" ("De opificio mundi") mit einer von philosophishen Darstellungen angeregten Schöpferlehre gehört. In der Forschung eher vernachlässigt, sind Philons im eigentlichen Sinn philosophische Schriften bedeutende Zeugnisse für die literarischen Formen und die Debatten seiner Zeit: "Über die Ewigkeit der Welt" und "Dass jeder Tugendhafte frei ist" ("Quod omnis probus liber sit") sind Traktate, "Über die Vorsehung 1-2" ("De providentia") sowie "Ob Tiere denken können" ("De animalibus") sind Dialoge. Durch ihre Darstellung der verschiedenen Positionen in langen Reden sowie das Auftreten von Philons eigener Person stellen sie interessante formale Parallelen zu den ciceronischen Dialogen dar, die in der Forschung bisher kaum gewürdigt werden. Recht gut erforscht ist hingehen Philons großer Wert für die Kenntnis der Lehren der philosophischen Richtungen, der freilich durch seine häufige Schweigsamkeit über seine Quellen eingeschränkt wird.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Philons Stellung zur Philosophie, auch vor dem Hintergrund seiner Stellung zur griechischen und zur jüdischen Kultur, zu den traditionellen Hauptproblemen der Philon-Forschung gehört."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 614-615; op. cit., S.614-615.
Philons philosophische Leistung
Unweigerlich stellt sich die Frage: Worin liegt die philosophische Leistung Philons im Einzelnen?
Matthias Perkams hebt hervor, dass Philons herausragende Leistung grundsätzlich darin besteht, die monotheistische Lehre des Judentums mithilfe der philosophischen Konzepte seiner Zeit zu entfalten. Dabei sind jedoch methodisch signifikante Unterschiede zu beachten:
"In Philons exegetischen Traktaten, deren Aussagen das Bild der meisten modernen Deutungen bestimmen, werden philosophische Theoreme recht breit ausgeführt, aber aufgrund des Charakters dieser Texte nicht zu einer einheitlichen Theorie vereint. Stattdessen weist Philon teils allegorisch, teils in Form philosophischer Darlegungen oder Lösungen von Problemen darauf hin, welche philosophische Einsicht sich seiner Ansicht nach hinter dem gerade zu diskutierenden Text verbirgt. Seine Vorgehensweise steht dabei grundsätzlich der für die Stoiker typischen Allegorese nahe, die bestimmte Worte und Namen des Textes auf Elemente der Wirklichkeit bezieht. Philon verwendet diese Methode jedoch auf eine sehr dynamische, mehrschichtige Weise, die im Bibeltext - freilich nicht ohne einige inhärente Spannungen - viele Feinheiten auf mehreren Ebenen aufdeckt.
Deutlich sind durchweg terminologisch und inhaltlich breite Anleihen bei verschiedenen Schulen der griechischen Philosophie, die nur begrenzt im jüdischen Sinne umgestaltet werden. Das tritt besonders in seinen passageweise auffallend rational-systematisierenden Bibelerklärungen hervor, wo der biblische Wortlaut geradezu als verschlüsselte Darstellung einer philosophischen Wahrheit präsisiert wird, die - bei Aufnahme vieler stoischer Elemente - im Großen und Ganzen recht nah bei Platons "Timaios" bzw. dessen mittelplatonischen Deutungen ist. Am deutlichsten ist dies in seinem Weltschöpfungsbericht in "Über die Herstellung der Welt": Hier wird eine monotheistische Platon-Deutung - die Ideen sind im Geiste Gottes - mit einer Weltentstehungslehre verbunden, in der Gott die Welt neu erschafft, indem er die Ordnung in eine ungeordnete, bereits vorliegende Materie bringt. Auch die griechische Variante von "Exodus" 3,14 (Ἐγώ εἰμι ὁ ὤν; "Ich bin der Seiende") wird so gedeutet, als hätte Gott sich selbst als Sein schlechthin verstanden, ohne dass ihm eine andere Benennung zukäme. Aus einer anderen göttlichen Selbstaussage entwickelt Philon eine Unterscheidung des einen Gottes (ὁ θεός) vom mit der alttestamentlichen Weisheit zu identifizierenden göttlichen Logos, der im übertragenen Sinne "göttlich" (θεός) genannt werde (...)"
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 615-616, op. cit., S.615-616.
Die "Philosophie des Mose" nach Philon
Für Philons Nachweis, "dass diese Philosophie am vollkommensten im Judentum gelebt wurde" ist - so Matthias Perkams - die Darstellung des Mose als Philosophen ein zentraler Aspekt. Mose wird als Individuum dargestellt, das nicht nur umfassende Kenntnisse in verschiedenen Wissenschaften, einschließlich der symbolischen Philosophie der Ägypter sowie der griechischen Bildung, erlangt hat, sondern sich auch durch Klugheit und Tugendhaftigkeit weiterbildete, wodurch er seinen Mitmenschen als "göttlicher Geist" (ѵοῦϛ) erscheint.
Folglich, so Matthias Perkams, erscheint Mose gleichsam als Idealbild wahrer Philosophie:
"Im Ergebnis erscheint er als ein Vorbild wahrer Philosophie, die er auf theoretische und praktische Weise in seinem Leben realisiert. Moses' Rang als Philosoph zeigt sich aber auch an seinen philosophischen Erkenntnissen und der Art von deren Darstellung, namentlich in Bezug auf die Weltschöpfung, bei der er u.a. eine mythologische Darstellung vermieden haben soll."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 619, op. cit., S. 619.
Einführung (Redaktion Museo-on): Septuaginta - IV Maccabaeorum Museo-on
Das 4. Makkabäerbuch ist eine philosophische Auslegung des 2. Makkabäerbuchs. Es wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. in die Septuaginta aufgenommen, könnte jedoch irgendwann zwischen 140 v. Chr. und 100 n. Chr. verfasst worden sein. Dieser Text enthält weitere Einzelheiten zur Folter der israelitischen Jugendlichen aus dem 2. Makkabäerbuch, die möglicherweise aus der ursprünglichen fünfbändigen Fassung des Makkabäerbuchs von Jason von Kyrene stammen. Jason von Kyrene (altgriechisch Ἰάσων Κυρήναιος Iásōn Kyrḗnaios) war ein – wahrscheinlich jüdischer – Historiograph hellenistischer Zeit, der um 100 v. Chr. lebte. Er schrieb eine Geschichte der Makkabäer und über deren Kriege gegen Antiochos IV., Antiochos V. und Demetrios I. bis zu ihrem Sieg über Nikanor im Jahr 161 v. Chr.
Jasons fünf Bücher umfassendes Werk ist verloren, diente aber dem 2. Buch der Makkabäer als Grundlage, das sich somit als Epitome zu erkennen gibt (2 Makk 2,23 EU). Jason selbst und sein Werk werden nur dort im Vorwort genannt, sind ansonsten aber unbekannt, was zu Diskussionen über die Historizität Jasons führte. Der Bibelkundler Jonathan A. Goldstein argumentiert, dass Jason mit dem Buch Daniel vertraut war, da er seine Erzählung im Wesentlichen an der Chronologie der Ereignisse in der zweiten Hälfte des Buches Daniel orientierte (Goldstein, 1983, S. 63–70).
Der Verfasser des 4. Makkabäerbuchs betrachtet die fliegenden Reiter aus dem 2. Makkabäerbuch als himmlische Boten, was darauf hindeutet, dass die phrygische Symbolik von den Juden jener Zeit weithin akzeptiert wurde, und die griechischen und römischen Überlieferungen stützt, wonach die Phrygier und die Hebräer denselben Gott verehrten. Im Gegensatz zum 2. und 3. Buch der Makkabäer erwähnt das 4. Makkabäerbuch den Gott Dionysos bzw. Sabaoth (ein faszinierendes Beispiel für religiösen Synkretismus in der Antike, der auf historischen Missverständnissen, sprachlichen Ähnlichkeiten und der Tendenz der Griechen und Römer, fremde Gottheiten mit ihren eigenen gleichzusetzen beruht) nicht, was darauf hindeutet, dass das Buch während der Hasmonäer-Dynastie oder später verfasst wurde. Das 4. Makkabäerbuch enthält zudem keine aramäischen Lehnwörter, was darauf hindeutet, dass es mit ziemlicher Sicherheit auf Griechisch verfasst wurde.
Schließlich wurden der Septuaginta vier Makkabäerbücher hinzugefügt, drei davon im 1. Jahrhundert v. Chr. und das vierte als Anhang im 1. Jahrhundert n. Chr. Die Septuaginta (lateinisch für siebzig, altgriechisch ἡ μετάφρασις τῶν ἑβδομήκοντα hē metaphrasis tōn hebdomēkonta ‚Die Übersetzung der Siebzig‘, Abkürzung LXX), auch "griechisches Altes Testament" genannt, ist die älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache, die Koine. Die Übersetzung entstand ab etwa 250 v. Chr. im hellenistischen Judentum, vorwiegend in Alexandria. Die meisten Bücher waren bis etwa 100 v. Chr. übersetzt, die restlichen Bücher folgten bis ca. 100 n. Chr.
In den Schriftrollen vom Toten Meer wurden keine Spuren dieser Bücher gefunden, und man geht allgemein davon aus, dass sie auf Griechisch verfasst wurden. Das 1. und 2. Makkabäerbuch enthalten jedoch mehrere aramäische Lehnwörter, die für einen aramäischen Quelltext sprechen. Die syrischen Bibeln enthalten zudem ein 5. Makkabäerbuch, bei dem es sich um eine Übersetzung von Buch 6 aus Josephus’ „Der Jüdische Krieg“ handelt. Der „Jüdische Krieg“ gilt in den äthiopischen Bibeln als erweiterter Kanon; allerdings enthalten die äthiopischen Bibeln auch drei Makkabäerbücher, die weder auf den griechischen Büchern noch auf Josephus basieren.
Es existiert auch ein arabisches Makkabäerbuch, das in der englischsprachigen Literatur oft fälschlicherweise als 5. Makkabäerbeuch bezeichnet wird, da es ursprünglich fälschlicherweise als dasselbe Buch wie das syrische 5. Makkabäerbuch identifiziert wurde. Das arabische Buch ist eine Übersetzung eines palästinensisch-aramäischen Buches aus der Zeit um 525 n. Chr., das seinerseits offenbar auf dem hebräischen Makkabäerbuch basiert, das erst viel später auftauchte.
Die hebräische Fassung der Makkabäer wurde zusammen mit anderen hebräischen Handschriften aus verschiedenen Epochen in einer jiddischen Sammlung im 14. Jahrhundert zusammengestellt. Die hebräische Übersetzung der Makkabäer wurde wahrscheinlich vor dem Jahr 500 n. Chr. auf der Iberischen Halbinsel verfasst und basierte vermutlich auf einem aramäischen Text sowie einer iberischen Erzählung über Hannibal. Der verwendete aramäische Text steht in engem Zusammenhang mit dem Text aus dem „Josippon“, von dem angenommen wird, dass er im Süden Italiens verfasst wurde.
Das „Josippon“ gibt vor, eine Abschrift des Buches von Joseph ben Gurion zu sein , einem der Anführer des Judäischen Aufstands von 66 n. Chr. Der historische Joseph ben Gurion war ein gemäßigter Militärkommandeur und demokratischer Anführer während des ersten jüdisch-römischen Krieges, der 68 n. Chr. von radikalen Zeloten getötet wurde. Nach ihm benannte sich später der israelische Staatsgründer David Ben-Gurion. Flavius Josephus, der den Krieg überlebte, berichtete nicht, dass Joseph ben Gurion ein Schriftsteller gewesen sei; es liegt jedoch nahe, dass seine Fraktion über irgendeine Form von Propaganda verfügt haben muss, die wahrscheinlich auf dem Makkabäeraufstand basierte. Diese mit dem „Josippon“ verbundenen Versionen der Makkabäerbücher haben nur sehr geringen historischen Wert, da sie voller historischer Fehler sind. Ihre ursprüngliche Funktion scheint eher darin bestanden zu haben, als Inspiration zu dienen, als zur Aufklärung beizutragen.
Literatur: s. www.die-bibel.de/bibel/LXX/4MA.1, abgerufen am 10.07.2026; Goldstein, Jonathan A. II Maccabees. A New Translation with Introduction and Commentary (= The Anchor Bible. Band 41 A). Garden City, NY: Doubleday 1983, S. 63–70; Dines, Jennifer M. The Septuagint, hrsg. von Michael A. Knibb. London: T&T Clark, 2004; Septuagint: 4th Maccabees, 21th Century English Translation. Scriptural Research Institute, 2024, Digizal Edition (September 27, 2024).
Das rechte Sterben auf jüdische Weise: Philosophie im "4. Makkabäerbuch"
Matthias Perkams verweist auf das "4. Makkabäerbuch", welches seiner Aufassung nach, jene Form bezeugt, die die kaiserzeitliche Philosophie in jüdischen Kreisen annimmt:
"Die Form, die die kaiserzeitliche Philosophie in jüdischen Kreisen annimmt, bezeugt das "4.Makkabäerbuch", das teilweise innerhalb der Septuaginta überliefert ist, aber wohl erst aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. stammt und das Martyrium einiger Rebellen aus der Familie der Makkabäer, nämlich des Eleazar, einer Mutter und ihrer sieben Söhne vor dem König Antiochos, als Exemplum darstellt. Damit zeigt das Werk sowohl den Mut jüdischer Philosph(inn)en vor dem Herrscher als auch ihr vorbildliches Sterben als gelebte Philosophie. Das Beweisziel der Schrift, dass die jüdische Lebensweise Philosophie ist, könnte auf nicht-jüdische Adressaten hindeuten.
Die Wortwahl der Schrift schließt an griechische Traditionen an, z.B. wenn die Philosophie als Herrschaft der "herrschenden Überlegung" (αὐτοκράτωρ λογισμός) über die anderen Seelenteile verstanden wird. Deutlich ist aber, dass diese "göttliche Philosophie" (θεία φιλοσοφία), wie bei Philon, als unlösbar verbunden mit Frömmigkeit (θεοσέβεια) oder Gesetzesgehorsam verstanden wird, den die Herrschaft des Logismos ermöglicht. Theoretische Arbeit spielt demnach für das Philosophieverständnis im Sinne des "4. Makkabäerbuchs" keine Rolle. Parallelen zu Philon zeigen sich in der Definition der Weisheit als "Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge sowie von deren Ursachen" sowie in der Zuschreibung von Priestertum (ἱερωσύνη) und Gesetzgebung (νομοθεσία) an die jüdischen Märtyrer, ebenso wie Philon es für Mose behauptet."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 623, op. cit., S. 623.

Einführung (Redaktion Museo-on): Flavius Josephus
Flavius Josephus (altgriechisch Φλαύιος Ἰώσηπος Flavios Iṓsēpos; geboren 37/38 n. Chr. in Jerusalem; gestorben um 100 n. Chr. vermutlich in Rom) war ein bedeutender jüdisch-hellenistischer Historiker. Josephus zählt zu den wenigen Überlebenden des großen jüdischen Aufstands gegen Rom (66-70 n. Chr.), dies obgleich er aktiv an den Kämpfen gegen die römischen Truppen teilnahm. Seine Fähigkeit, nicht als Gladiator zu enden oder in die Sklaverei verkauft zu werden, ist bemerkenswert, wobei die genauen Umstände seines Überlebens hier nicht weiter erörtert werden. Er schaffte es, das Vertrauen und die Gunst Vespasians und dessen Sohn Titus zu erlangen. Letztlich wurde er nicht nur aus der Kriegsgefangenschaft—oder, um präziser zu sein, aus der Sklaverei—entlassen, sondern erhielt zudem das römische Bürgerrecht (Eck, 2000, S. 283).
Als junger Priester aus der Oberschicht Jerusalems nahm Josephus eine bedeutende Rolle im Jüdischen Krieg ein. Im Frühjahr 67 n. Chr. verteidigte er Galiläa gegen die römischen Truppen unter dem Kommando von Vespasian. In Jotapata fiel er in römische Gefangenschaft, wo er dem Feldherrn Vespasian dessen zukünftige Thronbesteigung prophezeite. Nach seiner Entlassung begleitete er Vespasians Sohn Titus in die entscheidenden Phasen des Konflikts und wurde Zeuge der Eroberung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. Anschließend reiste er mit Titus nach Rom, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Dort erlangte er das römische Bürgerrecht und lebte von einer kaiserlichen Pension sowie den Erträgen seiner Ländereien in Judäa. Diese Zeit der Muße nutzte er zur Verfassung mehrerer bedeutender Werke in griechischer Sprache. Dazu zählen eine umfassende "Geschichte des Jüdischen Krieges" ("De bello Judaico"), eine chronologische Darstellung des jüdischen Volkes von der Schöpfung bis zur Vorphase des Krieges ("Jüdische Altertümer" – "Antiquitates Iudaicae"), eine kurze Autobiografie als Anhang ("Aus meinem Leben" – "Vita") sowie als abschließendes Werk eine Verteidigung des Judentums gegen die zeitgenössische Kritik ("Über die Ursprünglichkeit des Judentums" – "Contra Apionem").
Römische Historiker erwähnten Josephus lediglich als jüdischen Gefangenen, der einen Orakelspruch über das Kaisertum Vespasians abgab. Daher sind die Werke "De bello Judaico"" und "Vita" die primären Quellen für biografische Informationen über ihn. Die Schriften Josephus' überdauerten die Jahrhunderte, da sie bereits in der Spätantike von christlichen Autoren als wertvolles Nachschlagewerk anerkannt wurden. Für Leser des Neuen Testaments bieten sie nützliche Hintergrundinformationen, da Josephus der einzige zeitgenössische Historiker ist, der Galiläa detailliert und mit eigener Ortskenntnis beschreibt. Auch die Stadt Jerusalem und der dortige Tempel werden umfassend behandelt. Josephus erwähnt sowohl Johannes den Täufer als auch Jesus von Nazareth; jedoch ist das bekannte "Testimonium Flavianum" durch christliche Überarbeitung verändert und der originale Wortlaut bleibt unsicher. Für die Geschichte Judäas im Zeitraum von ca. 200 v. Chr. bis 75 n. Chr. stellen die Werke Josephus' die bedeutendste antike Quelle dar. Ein besonderes Merkmal seiner Schriften ist, dass er als antiker Jude sowohl über seine Kindheit und Jugend als auch über seine Rolle im Krieg gegen Rom berichtet. Der Leser begegnet jedoch nie direkt dem jungen galiläischen Militärführer, sondern erhält vielmehr ein facettenreiches Bild aus der Sicht eines älteren römischen Bürgers, der seine Erinnerungen reflektiert.
Literatur: Eck, Werner. "Flavius Iosephus, nicht Iosephus Flavius". In: Studia Classica Israelica. Band 19, 2000, S. 281–283, hier S. 283, auf scriptaclassica.org, abgerufen am 10.07.2026.
Das hohe Alter als Vorzug des Judentums: Philosophie im Werk des Flavius Josephus
Matthias Perkams erwähnt Flavius Josephus' Geschichtswerke, und verweist hier insbesondere auf dessen kleinere Schrift "Contra Apionem" ("Gegen Apion"), die er als "philosophiehistorisch am bedeutendsten" erachtet, dies im Hinblick auf das Hauptziel der Rechtfertigung des Judentums als "alte und wahre Philosophie":
"Vom Werk des Flavius Josephus (ca. 37/38-100 n.Chr.), der im römischen Exil, nach einer erfolglosen und wechselvollen Teilnahme am jüdischen Unabhängigkeitskrieg, die beiden Geschichtswerke "Der jüdische Krieg" ("Bellum Iudaicum") und "Jüdische Altertümer" ("Antiquitates Iudaicae") verfasst, ist die kleinere Schrift "Gegen Apion" ("Contra Apionem") philosophiehistorisch am bedeutendsten. Hauptziel dieser Rechtfertigung des Judentums als alte und wahre Philosophie ist es nämlich, das höhere Alter der jüdischen im Vergleich zu anderen Traditionen zu erweisen, womit er eine Tradition aufgreift, die, wohl nach stoischen Anfängen, auch im Mittelplatonismus seiner Zeit genutzt wird. Zu diesem Zeck zitiert Josephus ausführlich aus Peripatetikern und anderen griechischen Denkern, die das Judentum positiv erwähnen, um, im Anschluss an die hellinistische Lehre von der Barbarenphilosophie, das Alter der jüdischen Tradition im Vergleich zur griechischen Philosophie hervorzuheben: Platon und andere hellenische Phikosophen hätten in Wirklichkeit den Gesetzgeber Moses nachgeahmt. Josephus lobt weiterhin auadrücklich die richtige, monotheistische Gotteserkenntnis von Pythagoras, Anaxagoras, Platon und den Stoikern, kritisiert diese aber dafür, "die Wahrheit der Lehre vor den Massen, die von Meinungen vorab ergriffen waren", geheim gehalten zu haben, während Mose sie, wie es sich für eine gute Lebensführung gehört, allen verkündigt habe; Platon habe sich durch sein Schweigen geradezu lächerlich gemacht.
Das Wort "Philosophie" nutzt Josephus in seinen Werken zur Chrakterisierung der jüdischen Gruppen der Pharisäer, Sadduzäer, Essener und der sogenannten "vierten Philosophie", d.h. derjenigen der Zeloten, welche die Anregung zum jüdischen Aufstand von 66 n. Chr. geben. Hierbei dürfte gerade die Verbindung einer bestimmten Lebensweise mit gewissen theoretischen Ansichten die Bezeichnung Philosophie rechtfertigen.
Insgesamt tendiert Josephus allerdings - trotz einiger Anklänge an Philon z.B. im Hinblick auf die kosmische Dimension des Gesetzes und die Übereinstimmung von Worten und Werken - dazu, das Judentum nicht selbst als Philosophie zu bezeichnen, sondern eher mit dem griechischen Phänomen dieses Namens zu vergleichen. Seine Bedeutung liegt vor allem in der Zusammenstellung von Elementen einer philosophiekritischen jüdischen Polemik mit einer starken Betonung des Arguments des höheren Alters der eigenen Tradition, die sich im Christentum fortsetzen wird."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 624-625, op. cit., S. 624-625.
Rezeption von Philosophie im rabbinischen Judentum
Die gescheiterten Aufstände im antiken Judentum - so argumentiert Matthias Perkams - führten zu einer grundlegenden Veränderung in der jüdischen Führung. Autoren, die nicht Griechisch schrieben, insbesondere die Rabbinen, übernahmen die zentrale Rolle im Judentum. Ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. begannen diese Rabbinen mit der Erstellung bedeutender Sammlungen von Lehren und Gesetzestexten. Diese Sammlungen sind heute als "Mischna" und "Talmud" bekannt und bilden die Grundlage für die orthodoxe Interpretation des jüdischen Rechts bis in die Gegenwart.
"Die Erschütterungen des antiken Judentums infolge der gescheiterten Aufstände führten dazu, dass nicht-griechisch schreibende Autoren die Meinungsführerschaft im Judentum erlangen, nämlich die sogenannten Rabbinen. Wohl ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. stellen sie die großen Sammelwerke zusammen, die bis heute als "Mischna"und"Talmud" die Grundlage der orthodoxen Deutung des jüdischen Gesetzes bilden. Hellenistische jüdische Texte werden fortan kaum mehr abgeschrieben, so dass eine eventuelle Weiterentwicklung der Philosophie im Judentum anhand der rabbinischen Schriften geprüft werden muss. Von diesen sind die Sammlungen "Mischna" und "Tosefta" (Hinzufügung zur "Mischna") in der Kaiserzeit redigiert worden, aber auch einige exegetische Einzelschriften wie "Genesis Rabbah" berichten aus Diskussionen in dieser Epoche. Die jüngeren Fortschreitungen der Talmude (bzw. die "Gemara") sollen dann im Spätantike-Kapitel kurz angesprochen werden.
Die auf Hebräisch und Aramäisch abgefassten Werke der Rabbinen geben deren Diskussionen über die rechte Auslegung des Gesetzes in einer ziemlich formalisierten und häufig pointiert gekürzten Weise wieder. Sie gelten im Allgemeinen von ihrer Methode und ihrem Anspruch her als unphilosophisch, doch hat Jacob Neusner in mehreren Publikationen das Gegenteil behauptet: Für ihn zeigen die rabbinischen Texte ein philosophisches Vorgehen, indem, ausgehend vom Alltagsleben und seinen Problemen, Lösungen durch offene und rational geführte Diskussionen gesucht werden. Diese klassifizieren die Phänomene anhand der Methoden von Polarität und Analogie, mit dem Ziel, für ähnliche Fälle eine möglichst allgemeine Regel zu formulieren. Dies geschehe in der "Mischna" auf analytische Weise dadurch, dass man prüfe, welche Bibelstelle zur Grundlage der Entscheidung welcher Fälle dienen müsse."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S.625-626, op. cit., S. 625-626.
Philosophen in rabbinischen Texten
Ungeachtet dieser allgemeinen Überlegungen zeigen rabbinische Traktate, trotz ihrer eigenwilligen Textstruktur und linguistischen Eigenheiten, signifikante Berührungspunkte mit ihrer hellenistischen Umgebung. Die in diesem Zusammenhang beschriebenen Interaktionen zwischen Rabbinen und Philosophen verdeutlichen sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zwischen den philosophischen und rabbinischen Diskursen und können somit Neusners Thesen anschaulich illustrieren. Matthias Perkam verdeutlich diesim Detail:
"Es handelt sich stets um Gespräche zwischen anonymen Philosophen (sg. filosofos, pl. filosofin) und Rabbinen, die sich zwar in relativ spät (5./6. Jhdt.) redigierten Schriften palästinensischer Herkunft finden, sich aber dank der sehr einheitlich überlieferten Rabbinennamen in die Kaiserzeit datieren lassen: Neben der Genesis-Auslegung des "Midrasch Genesis Rabbah" (bzw. "Berešit Rabbah") sind hier einzelne Stellen im Jerusalemer Talmud sowie vor allem der autonom überlieferte Traktat "Derekh eretz Rabbah" zu nennen. Einige Gespräche könnten die Anwesenheit von Philosophen in Palästina bezeugen, andere finden bei einem Besuch der Rabbinergruppe in Rom statt. Da der dortige Philosoph als "Gefährte" bezeichnet wird, könnte es sich bei allen hier genannten Philosophen um hellenistische Juden handeln, doch enthalten die Gespräche auch Gesichtspunkte, die über jüdische Fragen hinausgehend Charakteristika des Philosophieverständnisses ansprechen.
Dies gilt vor allem für die Überlieferungen über eine Gruppe um den berühmten Rabbi Gamaliel II. und seinen Gefährten Jehoschua ben Chananja (um 100 n. Chr.), die philosophische Themen und Herangehensweisendeutlich erkennen lassen. Ein recht rationaler Austausch zeigt sich in Bezug auf das klassische Thema der Ewigkeit der Welt: Gamaliel antwortet einem Philosophen, der nach den Materialien der göttlichen Schöpfung fragt, es seien Öde, Leer, Finsternis und Wasser", und sie seien nach der Schrift alle geschaffen. Eine andere Überlieferung betrifft die naturphilosophische Frage, wie lange eine Schlange trächtig sei. Während der Philosoph versucht, sie durch gezielte Beobachtung zu lösen, kann Gamaliel nur mithilfe seines Kollegen Jehoschua überhaupt eine Antwort finden, und diese beruht auf Deduktionen aus biblischen Unreinheitsfristen. Schon der Text selbst lässt ein Bewusstsein für das Ungenügen einer solchen Antwort durch die Formulierung erkennen, sie sei "mit dem Rohrstock" (bi-qene) erfolgt, d.h. eine unzureichende Antwort. Kenntnisse des philosophischen Swlbstverständnisses zeigen sich daran, dass von dem Philosophen in Rom berichtet wird, er suche die Frage des rechtlichen Willkommens "im Gespräch mit sich selbst".
Während diese Erzählungen ein gegenseitiges Interesse von Rabbinen und Philosophen erkennen lassen, zeigen Anfragen von Philosophen an das jüdische Gesetz, die wohl um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert gehören, eine kritische Einstellung. Sie scheinen den "Syllogismen" zu nahe zu stehen, mit denen der Christ Apelles die Bibel infrage stellt. Die Rabbinen versuchen mit wechselndem Erfolg, die Anfragen ad absurdum zu führen, ohne sich wirklich auf die rationale Erklärungsebene einzulassen. Rabbi Hoschaja stellt die Frage, warum denn nicht schon Adam die (offensichtlich nützliche) Beschneidung erhalten habe, als sinnlos dar und beantwortet sie nicht wirklich, verweist aber immerhin universal auf die Notwendigkeit menschlicher Bereitung des Geschaffenen. Dagegen ist die Antwort seines Lehrers Bar Qappara auf die Frage auf Unterschiede in der jüdischen Würdigung warmen Wassers schon fast von sokratischer Ironie geprägt; auch hier wird aber letztlich ein Schriftzeugnis bemüht.
Ein negatives BIld, das aber nicht auf die Philosophie als Ganze bezogen ist, zeigt sich dort, wo der Name Epikur (apiqōrōs) erscheint. Dieser gilt nicht nur, ähnlich wie in griechisch-römischen Quellen, als typischer Vertreter einer atheistischen Geisteshaltung, sondern sein Name ist geradezu zum Symptom für einen "Freigeist" geworden:
"Das sind diejenigen, die keinen Anteil an der kommenden Welt haben: Wer sagt, die Auferstehung der Toten stamme nicht aus der Torah und die Torah nicht vom Himmel, sowie ein Epikureer".
Die Rabbinen sollen gewappnet sein, ihm zu antworten. Detaillierte Textstudien haben gezeigt, dass auch bestimmte Rabbinen mit einem epikureisch-philosophischen Habitus charakterisiert werden."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 626-628; op. cit., S. 626-628.
Zusammenfassende Würdigung
Matthis Perkams abschließende Würdigung bewertet die von den Philosophen angeführten rabbinischen Texte als äußerst faszinierende Zeugnisse von deren Auftreten (Rabbinen)und der Wahrnehmung ihrer Lehre aus der antiken Welt. Diese Würdigung verweist auf ein heterogenes Bild der Philosophie, das mit einem Dialog beginnt und scheinbar in stereotypen Vorstellungen kulminiert.
"Die zugunde gelegte Rationalität ist durchaus unterschiedlich, da die Rabbinen sich stets auf die Schrift berufen, während die Philosophen in sich selbst oder der Natur nach Antworten suchen. Das dialektische Gespräch ermöglicht zwar einen Austausch, aber dieser kommt nicht recht vom Fleck, da die zugrunde gelegten Whrheitskriterien zu unterschiedlich sind. (...)
Die philosophische Darstellung der jüdischen Überlieferung, welche die hellenistische Darstellung des Judentums als lobenswertes Beispiel einer Barbarenphilosophie positiv aufgreift, stellt eine faszinierende Gegenentwicklung zum Ausgreifen der Philosophie auf die Religion dar. Gerade Philons Werk ist ein faszinierendes Beispiel für das Bemühen, die interpretatio philosophica religiöser Texte, die deren inhärente Rationalität offenzulegen sucht, aus einer dezidiert religiösen Perspektive durchzuführen. Es kann als Tragik Philons gelten, dass aufgrund der Zeitumstände sein Werk nicht die innerjüdische Rezeption erhält, die es verdient. Denn als das Zepter geistiger Meinungsführerschaft an die Rabbinen übergeht, setzt sich zwar wiederum eine ganz eigene Rationalitätsauffassung durch, doch wird die Distanz zur hellenistisch-römischen Philosophie so groß, dass eine gegenseitige Verständigung und Bereicherung kaum mehr gelingt."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 628-629, op. cit., S. 628-629.
VII. Die Anfänge philosophischer Schriftstellerei in orientalischen Sprachen
Die Bedeutung der Philosophie in der Kaiserzeit zeigt sich gemäß Perkams Darstelung auch darin, dass die Beschäftigung mit ihr stärker in den Orient übergreift,
"wobei mit dem (Alt-)Syrischen eine dritte antike Sprache nach dem Griechischen und Lateinischen zum Medium der Philosophie wird. So wird die bis heute anhaltende philosophische Schriftstellerei im Orient begründet, die noch in der Antike weitere Sprachen (Armenisch, Mittelpersisch) erfasst und schließlich zur Blüte der Philosophie im arabischen Raum führt, von wo sie in der Neuzeit bis nach Indien reicht.
Dabei ist nicht die Beschäftigung von Orientalen mit der griechischen Philosophie als solcher neu: Denn in der klassischen und hellenistischen Periode finden sich nicht nur zahlreiche Bezugnahmen griechischer Philosophen auf orientalische Quellen und Parallelen, sondern auch die Herkunft wichtiger Philosophen (z.B. Poseidonius) aus dem semitischen Sprachraum ist gut belegt. Es fehlen aber Belege dafür, dass die Kulturtechnik des Philosophierens selbst, wie sie in Griechenland geübt wird, in orientalische Sprachen transferiert würde und dort zu eigenen schriftlichen Werken führte. Wenn man z.B. die vermuteten Bezüge zur Philosophie in den Spätschriften des Alten Testaments akzeptiert, ist doch zu konstatieren, dass diese nicht explizit gemacht werden, dass die alttestamentlichen Schriften also nicht auf die griechische Philosophie als solche Bezug nehmen, geschweige denn, dass sich deren Autoren als Anhänger oder Bewunderer der Philosophie zu erkennen gäben.
Diese Situation ändert sich spätestens im 3., wahrscheinlich im 2. Jahrhundert, zunächst in Obermesopotamien, vor allem im Gebiet um die Stadt Edessa, syrisch Urhā, im oberen Euphrat. Hier ist insbesondere das um 200 zu datierende Werk des Bardaiṣān (griechisch Bardesanes) entstanden, dessen erhaltene Reste bzw. Spuren inhaltlich wie formal eine originelle Rezeption griechischer Philosophie zeigen. Vermutlich sind diese Belege Zeugnis eines gezielten Bemühens, die syrische Sprache zu einem geeigneten Vehikel des philosophischen Diskurses zu machen. Daneben gibt es zwei weitere vermutlich kaiserzeitliche Texte, die Bzüge zur Philosophie, namentlich zum Platonismus, aufweisen und auch die Wörter "Philosophie" und "Philosoph" als griechische Fremdwörter übernehmen. Alle diese Texte sind vermutlich christlichen Ursprungs, was möglicherweise überlieferungstechnische Gründe, aber vielleicht auch damit zu tun hat, dass die Übersetzungen der Bibel in orientalische Sprachen die Entstehung einheimischer Schriftsprachen entscheidend fördern und damit auch die Entstehung orientalischer philosophischer Texte ermöglichen. Die deutlichsten Zeugnisse für eine nicht-christliche Philosophierezeption in der Spätantike scheinen das Mittelpersische zu betreffen, doch ist auch hier die Überlieferungssituation schwierig."
Quelle: Perkams, Matthias. Grundriss. Philosophie in der Antike. Von den Vorsokratikern bis zur Schule von Nisibis. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2023, S. 886-687, op. cit., S. 686-687.
Philosophische Schulen und ihre Werke
Unsere Präsentationen behandeln insbesondere die zentralen philosophischen Schulen der Antike, beginnend mit der sokratischen Methode bis hin zur platonischen Ideenlehre. Wir demonstrieren, inwiefern diese Denksysteme grundlegende Fragestellungen zu Ethik, Metaphysik und Erkenntnistheorie aufwerfen und eine fundamentale Basis für spätere philosophische Entwicklungen darstellen.
Die Relevanz orientalischer Schriften
Ein zentraler Fokus unserer Dokumentation liegt - wie in Matthias Perkams Werk dargelegt - in der bedeutsamen Entwicklung philosophischer Schriftstellerei in orientalischen Sprachen, die in der Forschung häufig vernachlässigt wird, jedoch für das Verständnis antiker Philosophie von erheblicher Bedeutung ist. Diese Texte bieten wertvolle Einsichten und erweitern unser Wissen über Ethik und Metaphysik.

Ethik, Metaphysik und Erkenntnistheorie im Fokus
Ethische Fragestellungen werden in den philosophischen Werken ebenso ausführlich behandelt wie metaphysische Konzepte und Erkenntnistheorien. Wir demonstrieren, wie diese Themen miteinander verbunden sind und welche Herausforderungen sie für die antiken Philosoph:innen darstellten. Durch den Verweis aif weiterführende Literatur un/oder interaktive Angebote bieten wir die Möglichkeit, sich aktiv mit diesen komplexen Themen auseinanderzusetzen.
Ein interaktives Erlebnis bei Museo-on
Besucher unseres online Archivs Museo-on haben die Möglichkeit, sich mit den Schriften und Theorien der antiken Philosophie intensiv auseinanderzusetzen. Unser Ziel ist es, das Erbe dieser Texte lebendig zu halten und ihr Wissen für eine neue Generation zugänglich zu machen.




