
Die Geschichte des Jüdischen Volkes
Die Geschichte des jüdischen Volkes ist von bemerkenswerter Tiefe und Vielschichtigkeit. In diesem Abschnitt erhalten Sie einen detaillierten Überblick über die bedeutenden Ereignisse, die das jüdische Volk im Verlauf der Jahrhunderte geprägt haben. Von den Ursprüngen des Exodus bis zu den Herausforderungen der modernen Ära analysieren wir die entscheidenden Wendepunkte, die das Leben und die Kultur der jüdischen Gemeinschaft maßgeblich beeinflussten.
Wir werden die kulturelle Identität und das Wesen des jüdischen Volkes umfassend analysieren sowie verschiedene Facetten der jüdischen Geschichte miteinander verknüpfen. Besonderes Augenmerk wird auf die bedeutenden historischen Herausforderungen und Errungenschaften gerichtet, die die jüdische Identität geprägt haben und gleichzeitig zeitgenössische Fragestellungen widerspiegeln.


Wir bieten einen umfassenden Einblick in die komplexe Geschichte des jüdischen Volkes sowie in die bemerkenswerte Resilienz der jüdischen Gemeinschaft. Dieser Beitrag ist sowohl informativ als auch emotional tiefgründig gestaltet.
“Terror fails and will always fail
because it arouses in us a profound instinct for life."
Rabbi Lord Jonathan Sacks (1948-2020)
Judentum und der "Staat Israel"
Judentum
Das Judentum stellt eine der ältesten monotheistischen Religionen dar und entwickelte sich aus den Traditionen der antiken Hebräer. Diese Religion ist geprägt durch den Glauben an einen transzendenten Gott, der sich den Figuren Abraham, Mose sowie den hebräischen Propheten offenbart hat. Das religiöse Leben innerhalb des Judentums basiert auf den heiligen Schriften und den rabbinischen Traditionen. In seiner Gesamtheit repräsentiert das Judentum einen komplexen Lebensansatz für das jüdische Volk, der Theologie, Gesetz und eine Vielzahl kultureller Traditionen umfasst. Kern des Judentums ist der Glaube an einen einzigen Gott und die Torah, die als das zentrale heilige Schriftwerk gilt, einschließlich der Befolgung religiöser Vorschriften, bekannt als Halacha. Diese Religion integriert sowohl religiöse Praktiken und philosophische Ansätze als auch die vielfältigen kulturellen Ausdrucksformen der jüdischen Gemeinschaft. Der Begriff "Judentum" umfasst die Gesamtheit aller Juden als ethnische Gruppe, einschließlich der historischen Israeliten und der Angehörigen der zwölf Stämme Israels sowie aller Juden, die gemäß der Torah von Abraham, Isaak und Jakob abstammen. Hiermit definiert sich das Judentum als eine ethnisch-religiöse Gemeinschaft. Es ist bemerkenswert, dass "Jüdischsein" sowohl eine religiöse als auch eine ethnisch-völkische Dimension umfasst, die untrennbar miteinander verknüpft sind. Die Zugehörigkeit zu dieser Religion erfolgt durch Geburt (matrilinear) oder durch Übertritt zum Judentum. Damit ist die Identität stets an eine Herkunftslinie gebunden, unabhängig von der Intensität der religiösen Praktiken. Im Gegensatz zu Universalreligionen wie dem Christentum oder dem Islam erfolgt im Judentum keine aktive Mitgliederwerbung; eine Missionierung findet nicht statt. Ein Übertritt zum Judentum (Gijur) wird vielmehr als Aufnahme in das jüdische Volk betrachtet, vergleichbar mit dem Eintritt in eine Familie oder einen Stamm, jedoch nicht als Akzeptanz eines neuen Glaubens. Juden definieren sich zudem über eine gemeinsame Geschichte, Sprache (Hebräisch), Kultur und Traditionen, die weit über rein theologische Fragestellungen hinausgehen. Auch als "ethnischer Jude" können Individuen Atheisten oder Krypto-Juden sein, bleiben jedoch Teil der Gemeinschaft. Diese Doppelnatur verleiht dem Judentum den Charakter einer Ethnoreligion, in der Juden ein Volk mit einer eigenen Religion bilden, welches aufgrund unterschiedlicher zeitlicher und geografischer Umstände vielfältige kulturelle Ausprägungen hervorgebracht hat.
Jüdisches Volk oder Religionsgemeinschaft ?
Die Untersuchung der Frage „Sind die Juden ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft?“ erfordert eine umfassende und differenzierte Analyse. Die jüdische Gemeinschaft stellt keine einheitliche Entität dar, sondern ist geprägt von einem komplexen Zusammenspiel kultureller, ethnischer und religiöser Elemente. Innerhalb dieser Gemeinschaft finden sich vielfältige Identitäten, die von säkularen Juden, die den religiösen Geboten der Tora nicht folgen, bis zu ultraorthodoxen Juden reichen, die streng an den Glaubensrichtlinien festhalten. Das Judentum vereint demnach sowohl religiöse als auch ethnische Identitäten, was bedeutet, dass jüdische Identität auch dann aufrechterhalten werden kann, wenn der Glaube an Gott oder die Tora nicht vorliegt. Des Weiteren ist eine religiöse Konversion zum Judentum möglich, die den Zugang zu sowohl religiösen als auch gemeinschaftlichen Aspekten eröffnet. Viele Juden verstehen ihre Identität als eine Synthese aus ethnischen, religiösen und kulturellen Dimensionen. Sie sehen sich sowohl als Teile einer ethnischen Gruppe mit gemeinsamer Geschichte und Kultur als auch als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft, deren Praktiken einen signifikanten Einfluss auf ihr Leben ausüben. Zudem ist zu beachten, dass Juden im staatlichen oder soziologischen Sinne nicht als Volk klassifiziert werden können, da dieser Begriff für Gruppen verwendet wird, die eine gemeinsame Sprache sprechen, eine gemeinsame Geschichte und Kultur teilen und in einem bestimmten geografischen Raum leben. Im Gegensatz dazu leben Juden seit über 2000 Jahren im Exil und nicht alle Juden sprechen Hebräisch oder wohnen in Eretz Yisrael (Israel). Ein Jude kann somit beispielsweise Israeli, Deutscher, Amerikaner usw. sein.
Religion, Kultur oder Abstammung ?
Was versteht man unter der Definition eines Juden und welche Kriterien bestimmen die Anerkennung als Jude?
Tzvi Freeman, ein angesehener kanadischer Rabbiner, Autor und Redakteur bei Chabad.org, erläutert die Fragestellung "Wer ist Jude?" folgendermaßen:
Die Definition eines Juden beruht auf zwei fundamentalen Aspekten: Erstens gilt jede Person, die von einer jüdischen Mutter abstammt oder gemäß der Halacha (dem jüdischen Gesetz) konvertiert ist, als Jude. Diese Auffassung ist seit biblischen Zeiten in der jüdischen Tradition verankert und im betreffenden Kodex jüdischen Rechts dokumentiert.
Ein bemerkenswertes Merkmal der jüdischen Identität ist, dass ein jüdischer Atheist oder eine Person jüdischen Glaubens, die sich zu einer anderen Religion bekennt, trotz ihrer Überzeugungen als Jude anerkannt wird. Demgegenüber ist dies in vergleichbaren Konstellationen, wie etwa bei einem atheistischen Protestanten oder einem katholischen Muslim, nicht gegeben. Auch Individuen, die als Juden zu einer anderen Glaubensrichtung konvertieren, behalten demnach ihre ethnische Identität als Juden. In extremen Fällen, wie der Rückkehr einer vormals konvertierten Frau zu ihrem ursprünglichen jüdischen Glauben, bleibt die ethnische Zugehörigkeit ihrer Nachkommen jüdisch, da sie die jüdische Identität in sich trägt. Dennoch ist der Glaube von entscheidender Bedeutung: Eine Person wird nur durch die Annahme der grundlegenden Überzeugungen, Praktiken und Ideologien des Judentums als Jude anerkannt. Wer nicht als Jude geboren ist und nicht den halachischen Konversionsprozess durchlaufen hat, mag zwar jüdische Gesetze und Praktiken befolgen, wird jedoch nicht als Jude anerkannt. Dies verdeutlicht die ethnokulturelle Dimension der jüdischen Identität im Gegensatz zu einer ausschließlichen religiösen Zugehörigkeit.
Die Frage "Wer ist Jude?" führt trotz etablierter Regelungen zu unterschiedlichen Auffassungen. Die Traditionen, die auf halachischen Grundlagen basieren, erweitern das Verständnis jüdischer Identität in zwei zentralen Aspekten: (1) Ethnische Zugehörigkeitsmerkmale, die auf Blutsverwandtschaft basieren, definieren die Mitgliedschaft im jüdischen Volk, und (2) es erfolgt eine Eingliederung durch das Bekenntnis zum Judentum. Innerhalb der religiösen Autorität in Israel werden diese beiden Ansätze hinsichtlich ihrer Gleichwertigkeit unterschiedlich interpretiert: Das orthodoxe Rabbinat betont die ethnische Identität des jüdischen Volkes, während liberale Strömungen häufig eine Definition bevorzugen, die Religion, Kultur oder Erziehung in den Vordergrund stellt und auch den Vater einbezieht. Das orthodoxe Rabbinat betrachtet die Zugehörigkeit als einen ethnisch-religiösen Kontinuitätsbegriff und legt besonderen Wert auf die halachische Auffassung, dass Juden von einer jüdischen Mutter (Matrilinearität) abstammen oder halachisch konvertiert sein müssen. Nach orthodoxem Verständnis ist das Judentum eine Synthese aus Religion, Volk (Am Yisrael; 'Die Menschen von Israel') und Kultur. Ein konvertierter Jude wird als vollwertiges Mitglied des Volkes anerkannt, wobei die grundlegende Definition ethnisch bleibt. Diese Sichtweise hat weitreichende Konsequenzen für die Identitätsdebatte, insbesondere im Kontext des Staates Israel, in dem das orthodoxe Rabbinat für Eheschließungen und Konversionen zuständig ist. Nach traditionellem Verständnis behält eine Person, die als Jude geboren wurde, auch ohne aktives religiöses Engagement ihren Status als Jude, kann jedoch den Status eines praktizierenden Juden verlieren. Im Reformjudentum wird häufig auch die patrilineare Herkunft anerkannt, sofern das Kind jüdisch erzogen wird. Die Reformbewegung setzt sich für einen breiteren Begriff der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk ein, der auch Konversionen umfasst, ohne die Staatsbürgerschaft unabhängig von der Nationalität zu negieren. In Israel hat das orthodoxe Rabbinat eine prägende Rolle, da die Knesset 1953 das orthodoxe Oberrabbinat als maßgebliche religiöse Autorität für Juden in Israel bestätigte. Dieses Rabbinat ist für Eheschließungen, Scheidungen und Fragen der Erbschaft zuständig. Das Millet-System, eine religiös definierte Rechtsordnung im Osmanischen Reich, gewährte den nicht-muslimischen Minderheiten (insbesondere Christen und Juden) umfassende Autonomie in internen Angelegenheiten, was religiösen Gerichten die Befugnis erteilte, alle Fragen des Familienstands zu regeln. In Israel existiert kein zivilrechtliches Standesamt, was für säkulare, konservative und reformorientierte Juden als Einschränkung wahrgenommen wird.
In ihrem 2013 veröffentlichten Buch "Juden und Worte" argumentieren der israelische Schriftsteller, Journalist und Autor Amos Oz (1939-2018) und seine Tochter Fania Oz-Salzberger, eine Historikerin und Professorin für Geschichte an der Universität Haifa, dafür, dass die Definitionshoheit über das jüdische Selbstverständnis reformiert und die Macht des orthodoxen Rabbinats kritisch hinterfragt werden sollte. Sie heben hervor, dass auch säkulare, Hebräisch sprachige Israelis nicht weniger jüdisch sind als strenge Orthodoxe. Die Entscheidung, sich als Jude zu definieren, wird als bedeutsame Wahl erachtet, wobei das Wesen der jüdischen Familie durch die Verbindung zu Texten und Traditionen und nicht nur durch biologische Verwandtschaft definiert wird. Die Posen Library of Jewish Culture and Civilization widmet sich der Zusammenstellung von Quellen zur jüdischen Geschichte und der Entwicklung einer säkularen jüdischen Identität. Amos Oz und seine Tochter Oz-Salzberger setzen sich für die Bestätigung dieser grundlegenden Konzepte ein und gehen aktiv gegen extreme linke Positionen vor, die das jüdische Volk negieren und das Judentum auf eine bloße Religion reduzieren. Sie befürworten die Annahme einer nationalen Identität des Volkes Israel sowie die gleichwertige Anerkennung der Palästinenser. Darüber hinaus fordern sie eine politische Positionierung Israels als liberalen, modernen und friedensorientierten Staat. Oz-Salzberger hebt hervor, dass das Judentum weit über eine bloße Religion hinausgeht und als Zivilisation betrachtet werden muss, die der antiken griechischen und römischen Kultur vorausgegangen ist und diese überdauert hat. Diese Zivilisation umfasst neben religiösen Dimensionen auch Recht, Literatur, gesellschaftliche Vorstellungen und Philosophie und stellt somit eine kontinuierliche Quelle für Überleben und kulturellen Einfluss dar.
Literatur: Tzvi Freeman, "What is a Jew? Solving the Mystery of Jewish Identity," auf chabad.org, abgerufen am 03.03.2026; Sigrid Brinkmann und Ruth Kinet, Judentum: Religion, Kultur oder Abstammung?, Deutschlandfunk Kultur, (08.02.2014), auf deutschlandfunk.de, aberufen am 03.03.2026; Amos Oz, Fania Oz-Salzberger, Juden und Worte, Suhrkamp 2013.
Orthodoxes Judentum, liberale und konservative Strömungen
Die Frage „Wer ist Jude?“ führt, trotz bestehender Regelungen, zu unterschiedlichen Interpretationen. Das Judentum in Israel zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt aus, die ein breites Spektrum von ultraorthodoxen bis hin zu säkularen Angehörigen umfasst. Auch das jüdische Leben in Deutschland präsentiert sich in seiner Pluralität, Heterogenität und Dynamik. Eine Kategorisierung in die Strömungen liberal, konservativ, orthodox oder ultraorthodox gestaltet sich als komplex: Während einige Mitglieder der jüdischen Bevölkerungsgruppe einer der zahlreichen ultraorthodoxen Untergruppen angehören, identifizieren sich andere als säkular und betonen dennoch ihre Verbundenheit mit Israel. Darüber hinaus gibt es Individuen, die sich als Teil einer „Schicksalsgemeinschaft“ wahrnehmen oder orthodoxe Trauungsrituale zelebrieren, während sie in ihrem Alltag liberal leben. Die drei Hauptströmungen innerhalb des Judentums – das orthodoxe Judentum, das liberale (progressive) Reform-Judentum und das konservative (masorati) Judentum – unterscheiden sich nicht im Glauben, sondern in der Auslegung des jüdischen Religionsgesetzes (Halacha) sowie in ihren Haltungen zu rituellen Geboten und religiösen Praktiken. Das orthodoxe Judentum zeichnet sich durch eine strikte Einhaltung der Halacha aus, einschließlich der kosen Speisevorschriften und des Gebots, den Schabbat zu observieren. In diesem Kontext tragen Männer schwarze Anzüge, Hüte oder Kaftane, während Frauen ihre Haare bedecken und lange Röcke tragen. Das liberale (progressive) Reform-Judentum legt besonderen Wert auf gesellschaftliches Engagement und Menschenrechte, wobei Gleichheit der Geschlechter auch in der Synagoge praktiziert wird. Das konservative Judentum strebt eine Synthese von Tradition und Moderne an und integriert wissenschaftliche Erkenntnisse in die Ausbildung von Rabbinerinnen und Rabbinern. In dieser Strömung werden die Gebote als grundsätzlich bindend betrachtet, während die Einhaltung den individuellen Mitgliedern überlassen bleibt. Diese Strömungen bieten unterschiedliche Perspektiven auf das jüdische Leben und die jüdische Identität in Deutschland. Zu den primären Strömungen zählen das orthodoxe Judentum, einschließlich der schnell wachsenden ultraorthodoxen (charedischen) Gemeinschaft, sowie die liberalen (progressiven) und konservativen Masorti-Strömungen, die eine vermittelnde Position zwischen Orthodoxie und Reform einnehmen. Die Masorti-Bewegung legt besonders großen Wert auf Tradition, eine historisch-kritische Auslegung der Schriften und Pluralismus. Das orthodoxe Judentum unterteilt sich weiter in zwei Hauptgruppen: die Charedim (Ultraorthodoxen), die etwa 17 % der jüdischen Bevölkerung in Israel ausmachen, sowie die nationalreligiösen Juden, auch bekannt als religiöse Zionisten (Dati Leumi). Letztere vertreten eine bedeutende Strömung im Judentum, die eine Synthese aus strenger Halachagebundenheit und modernem Zionismus anstrebt. Im Unterschied zu vielen Ultraorthodoxen betrachten die nationalreligiösen Juden die Gründung des Staates Israel als den „Beginn des Aufblühens unserer Erlösung“ ("Reshit Tsemihat Ge’ullatenu") und messen dem Staat Israel einen eigenständigen religiösen Wert zu. Juden, die Teil der säkularen jüdischen Gemeinschaft sind, bekennen sich in der Regel nicht zu einer spezifischen religiösen Denomination, engagieren sich jedoch in kulturellen Ausdrucksformen jüdischer Identität. Der Chassidismus, eine religiös-mystische Erneuerungsbewegung, entwickelte sich im 18. Jahrhundert in Osteuropa (heutige Ukraine und Polen) und spielt eine zentrale Rolle innerhalb des ultraorthodoxen Judentums. In Israel sind orthodoxe Rabbiner institutionell dominant, da sie vom Religionsministerium des Staates finanziert werden. Dennoch nimmt die Bedeutung des konservativen Masorti-Judentums zunehmend zu, und auch nicht-orthodoxe Rabbiner erhalten unter bestimmten Umständen staatliche Unterstützung. Die Mizrachim („die Östlichen“) stellen eine der größten Bevölkerungsgruppen innerhalb der sephardischen Gemeinschaft dar und neigen häufig zu konservativen oder orthodoxen Praktiken. Sie beziehen sich auf die jahrtausendealte Geschichte ihrer Herkunftsländer im Mittleren Osten und Nordafrika (z. B. Irak, Iran, Jemen, Marokko, Ägypten und Syrien). Viele Mizrachim flohen nach der Gründung Israels 1948 aufgrund von Verfolgung und den Konflikten in der arabisch-israelischen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Heimatländern. Die echten Sephardim, häufig unter dem Begriff „Sephardim“ zusammengefasst, stammen ursprünglich von der Iberischen Halbinsel (Spanien und Portugal) und folgen ebenfalls häufig konservativen oder orthodoxen Traditionen. Die Ashkenazim bilden in Israel keine homogene religiöse Strömung, sondern sind über das gesamte religiöse Spektrum verteilt. Während der Begriff ihre herkunftsmäßige Identität (Osteuropa, Deutschland und Frankreich) beschreibt, wählen Individuen unterschiedliche Auslegungen des Judentums. Die auf halachischen Grundlagen basierenden Traditionen erweitern das Verständnis jüdischer Identität in zwei wesentlichen Dimensionen: Einerseits definieren ethnische Zugehörigkeitsmerkmale, die auf Blut verweisen, die Mitgliedschaft im jüdischen Volk; andererseits erfolgt die Eingliederung durch das Bekenntnis zum Judentum.
Literatur: Tzvi Freeman, "Was ist Chassidut? Die Lehre, die der Sache auf den Grund geht," auf chabad.org, abgerufen am 03.03.2026;Lena Sonnenburg, Strömungen des Judentums, auf rpi-loccum.de, abgerufen am 03.03.2026; Ursula Rudnick: Strömungen des Judentums (Vortrag am 18.9.2018 im RPI Loccum) sowie Gilbert S. Rosenthal: Das Judentum hat viele Gesichter; die religiösen Strömungen der Gegenwart, Gütersloh 2000, 181-185.
Jüdische Emanzipation - "Judenfrage"
Der Begriff „Judenfrage“ bezieht sich ab dem 18. Jahrhundert auf die Herausforderungen, die aus der jüdischen Emanzipation in Europa resultierten. Er dokumentiert den Übergang der jüdischen Gemeinschaft von einer marginalisierten Stellung hin zur Integration in die Gesellschaft. In einem von Christentum dominierten Umfeld sahen sich Juden rechtlicher, religiöser und sozialer Diskriminierung ausgesetzt.
Der Integrationsprozess wurde durch die Haskala, eine Bewegung, die in den 1770er und 1780er Jahren in Berlin und Königsberg entstand, eingeleitet und führte, im Kontext der Aufklärung, zur Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger. Erstmals fand der Begriff „Juden-Emanzipation“ 1817 Eingang in die Literatur; davor wurde häufig von „bürgerlicher Verbesserung“, „Naturalisation“ oder „Gleichstellung“ der Juden gesprochen. Diese Debatte setzte um 1750 in Großbritannien ein und fand um 1790, während der Französischen Revolution (1789-1799), auch in Frankreich Beachtung. Der Diskurs wurde sowohl als „Jüdische Frage“ als auch auf Englisch als „Jewish Question“ und auf Französisch als „la question juive“ bezeichnet.
Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 wurde von verschiedenen Feierlichkeiten begleitet, doch für die jüdische Bevölkerung des neu geschaffenen Reiches stellte dieses Ereignis einen besonderen Anlass zur Freude dar. Mit der Einführung des „Gesetzes betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“ wurden in allen Regionen des Reiches formell die gleichen Rechte und Freiheiten gewährt, die zuvor ausschließlich der christlichen Mehrheitsgesellschaft vorbehalten waren. Die Emanzipation der Juden war ein langwieriger und von Rückschlägen geprägter Prozess. Obwohl der Begriff „Juden-Emanzipation“ erst ab 1817 verwendet wurde, hatten die Bestrebungen zur Gleichstellung bereits viel früher begonnen und forderten dieBeendigung rechtlicher, sozialer und religiöser Diskriminierungen. Frühere Bemühungen zur Stärkung der jüdischen Gemeinschaft waren jedoch nicht nur durch edle Absichten motiviert, sondern oft von utilitaristischen Überlegungen geprägt. Nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zeigten die Fürsten und Verwalter ein erhebliches Interesse am raschen Wiederaufbau ihrer Wirtschaft, was dazu führte, dass selbst in Regionen, in denen jüdische Gemeinden zuvor vertrieben wurden, eine eingeschränkte Wiederansiedlung von Juden gestattet wurde. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) erlaubte 1671 die Ansiedlung von 50 aus Wien vertriebenen jüdischen Familien in seinem Herrschaftsgebiet, jedoch unter der Bedingung, dass diese Schutzgeld zahlten und keinen Gebetshaus errichteten. Trotz dieser Restriktionen entwickelte sich Brandenburg-Preußen ab dem 17. Jahrhundert immer mehr zu einem Zufluchtsort für Juden, in dem Städte wie Halberstadt als Zentren jüdischer Gelehrsamkeit dienten. 1750 legte Friedrich II. (1712-1786) mit dem „Revidierten General-Privileg“ eine Kategorisierung der jüdischen Gemeinschaft in Preußen dar, die auf deren Wohlstand basierte. Der vermögendste Teil, die „ordentlichen Schutzjuden“, erhielt gegen Zahlung einer hohen Summe persönliche Privilegien, die sie von zahlreichen Einschränkungen befreiten und ihre Ansiedlung in Städten ermöglichten. Dennoch hatte die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung keinen Zugang zu diesen Privilegien; sie waren hohen Abgaben und Sondersteuern unterworfen und konnten ihre Rechte nicht vererben. Ein Kabinettsbefehl Friedrichs II. aus dem Jahr 1769 verdeutlicht das wirtschaftliche Motiv hinter diesen Regelungen: Juden wurden verpflichtet, beim Erwerb eines Generalprivilegs oder Schutzbriefs sowie beim Immobilienkauf hochwertiges Porzellan der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) zu erwerben, was bis 1788 andauerte. In diese Phase der utilitaristisch motivierten Gesetzgebung fällt das Werk des preußischen Juristen und Staatsrats Christian Wilhelm von Dohm (1751-1820) mit dem Titel „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. Angetrieben von seiner Freundschaft zu Moses Mendelssohn (1729-1786), einem herausragenden Vertreter der jüdischen Aufklärung, setzte er sich für die schrittweise Integration der jüdischen Bevölkerung in die christliche Mehrheitsgesellschaft ein. In seiner zwischen 1781 und 1783 veröffentlichten Schrift hob von Dohm den Vorteil für den Staat durch die Eingliederung der Juden hervor und argumentierte im Sinne seiner Zeitgenossen.
Erst die Französische Revolution markierte einen entscheidenden Wendepunkt, als die Französische Nationalversammlung 1791 die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger proklamierte. Nach der Besetzung der linksrheinischen Gebiete des Heiligen Römischen Reichs durch Napoleon wurde die rechtliche Gleichstellung auch auf die dort ansässigen Juden ausgeweitet. In den folgenden Jahrzehnten unternahmen mehrere deutsche Staaten ähnliche Schritte. Im „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden im Preußischen Staate“ gewährte Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) den preußischen Juden im März 1812 zahlreiche Rechte, darunter das Staats- und Gemeindebürgerrecht sowie das Wahlrecht. Allerdings blieb der Zutritt zum gehobenen Staatsdienst weiterhin verwehrt, und die Teilnahme am christlichen Religionsunterricht war Voraussetzung für den Zugang zu Universitäten. Diese Phase der Öffnung war jedoch nur von kurzer Dauer. Nur wenige Jahre, nachdem die Staaten des Deutschen Bundes den Juden staatsbürgerliche Rechte zuerkannt hatten, wurden diese wieder zurückgenommen. Bei den gewalttätigen „Hep-Hep-Unruhen“ in Würzburg 1819 kam es zu Übergriffen auf jüdische Menschen und Gemeinden. Die Ausschreitungen breiteten sich rasch auf andere Städte aus, einschließlich Metropolen wie Hamburg und Frankfurt am Main, während an anderen Orten die Rechte der Juden erneut beschnitten wurden. 1822 wurden alle Juden aus dem preußischen Staatsdienst entlassen, und ihnen wurde die Ausübung von Lehrberufen untersagt. Diese Regelungen blieben bis 1850 bestehen und zwangen assimilierte Juden, zwischen Arbeitslosigkeit und Berufen zu wählen, die nach wie vor gesellschaftlich geächtet waren, darunter Hausieren, Pfandleihe und Viehhandel. Um wirtschaftliche Sicherheit zu erlangen, sahen sich einige gezwungen, sich taufen zu lassen; zwischen 1797 und 1918 geschah dies bei etwa 30.000 Personen, die dadurch Zugang zur europäischen Kultur suchten, jedoch oft nur mit unterschiedlichem Erfolg.
Erst die Revolution von 1848 führte zu einem Umdenken. Obwohl die angestrebte Verfassungsreform scheiterte, ermöglichte die bürgerliche Revolution vielen Juden erstmals die aktive Teilnahme an der Politik und fand große Unterstützung in liberalen Kreisen. Der Jurist Gabriel Riesser (1806-1863) wurde in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, übernahm das Amt des zweiten Vizepräsidenten und nutzte diese Position, um die jüdische Emanzipation voranzubringen. Die Bestrebungen von Riesser und anderen jüdischen Mitstreitern zeigten Früchte: In der als Paulskirchenverfassung bekannten Verfassung des Deutschen Reiches von 1849 wurde in Abschnitt „VI: Die Grundrechte des deutschen Volkes“ im Artikel V § 144 festgelegt: „Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit.“ Noch deutlicher wird dies in Artikel V § 146: „Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuss der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt.“ Nach der Verkündung der Paulskirchenverfassung beschlossen zahlreiche Staaten des Deutschen Bundes, Gleichstellungsgesetze zu erlassen.
Doch die Euphorie war von kurzer Dauer: Bereits 1850 kam es mit der Wiederbelebung des Deutschen Bundestages unter österreichischer Leitung zur Aufhebung dieser Gesetze. 1852 wurde die auf Bundesbeschluss basierende Verfassungsurkunde für das Kurfürstentum Hessen verabschiedet, die im §20 erneut das Bekenntnis zum christlichen Glauben als Grundvoraussetzung für die Gleichberechtigung festschrieb und zuvor getroffene Gesetzesänderungen zurücknahm. Lediglich einige Regionen, wie Lübeck, Braunschweig, Nassau, Oldenburg und Hessen-Homburg, entschieden sich, die Emanzipationsgesetze unverändert beizubehalten. Das Großherzogtum Sachsen-Weimar und das Königreich Sachsen wendeten diese zumindest auf ansässige Juden an. Für die Mehrheit der Juden im Deutschen Bund bedeuteten diese neuen Regelungen jedoch einen Rückschritt, da sie die vor kurzem erworbene Gleichstellung verloren. Zugleich wurde offensichtlich, dass die seit Jahrhunderten praktizierte rechtliche Benachteiligung nicht länger durchsetzbar war. Nach und nach wurden diskriminierende Elemente, wie der „Judeneid“, abgeschafft, und Artikel, die die jüdische Emanzipation einschränkten, aufgehoben, etwa in Hamburg (1859) oder Frankfurt am Main (1864). 1869 stimmte Otto Graf von Bismarck (1815-1898) als preußischer Ministerpräsident nach intensiven Verhandlungen dem „Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“ zu, welches für den Norddeutschen Bund festhielt: „Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben. Insbesondere soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung sowie zur Bekleidung öffentlicher Ämter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein.“
Mit der Einführung der Gesetze des Norddeutschen Bundes in Bayern am 22. April 1871 wurde die Gleichberechtigung der Juden im gesamten Deutschen Reich gesetzlich verankert. Die Realität unterschied sich jedoch erheblich von dieser gesetzlichen Gleichstellung. Juden waren weiterhin Diskriminierungen sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld ausgesetzt, was zahlreiche Karrierechancen im Staatsdienst verwehrte. Selbst nach der Zulassung zum Militärdienst wurde bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs nur ein jüdischer Soldat, Meno Burg, zum Stabsoffizier ernannt. Der Zugang zur akademischen Laufbahn blieb der Mehrheit der Juden verwehrt; lediglich in Ausnahmefällen wurden sie bei gleicher Qualifikation an deutschen Universitäten auf ordentliche Professuren berufen. Im Jahr 1917 lag der Anteil jüdischer Universitätsprofessoren bei nur einem Prozent. Diese Tendenz manifestierte den Anspruch der Juden auf eine politische Lösung ihrer Herausforderungen im Verhältnis zu Nichtjuden. Ab 1860 begannen Gegner der Juden, die Begriffe "Jude" und "Judentum" innerhalb nationalistischer Strömungen zu instrumentalisieren, um die jüdische Minderheit und das Judentum aus verschiedenen Blickwinkeln als Hemmnis für gesellschaftliche Entwicklungen darzustellen. Nach dem Börsenkrach von 1873, der an den Finanzmärkten zu einem dramatischen Rückgang führte, wurde der Begriff im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) zunehmend als fester Ausdruck des damaligen Antisemitismus etabliert. In diesem Diskurs wurde den Juden die Fähigkeit zur Integration und Assimilation abgesprochen, während ihnen ein angebliches Streben nach Weltherrschaft unterstellt wurde, das sowohl die gesamte Menschheit als auch das Wissen um die vormoderne Geschichte umfasste. In Verbindung mit der Vorstellung eines „Weltjudentums“ entstand eine antisemitische Verschwörungstheorie, die ein fiktives Kollektiv von „den Juden“ oder „dem Judentum“ als Akteure in ihrem Streben nach Weltherrschaft darstellte. Legenden über ein geheimes Weltherrschaftsstreben „der Juden“ haben ihren Ursprung im mittelalterlichen Antijudaismus und fanden im modernen Antisemitismus eine rassistische Verstärkung. Für den Nationalsozialismus wurde das „Weltjudentum“ als der „Weltfeind“ personifiziert, den die „arische Herrenrasse“ im Sinne ihres eigenen Überlebens zu vernichten hatte. Diese Ideologie diente den Nationalsozialisten ab 1941 als Rechtfertigung für ihren Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sowie für die Durchführung des Holocaust.
Literatur: Pierre Birnbaum (Hrsg.): Paths of emancipation. Jews, states, and citizenship. Princeton University Press, Princeton NJ 1995; Arno Herzig, 1815-1933: Emanzipation und Akkulturation (05.08.2010), auf bpb.de, abgerufen am 03.03.2026; Michael Brenner, Vicki Caron, Uri R. Kaufmann (Hrsg.): Jewish emancipation reconsidered. The French and German models (= Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts. Bd. 66). Mohr Siebeck, Tübingen 2003; Elena Romero Castelló, Uriel Macías Kapón: Die Juden in Europa. Geschichte und Vermächtnis aus zwei Jahrtausenden. Bechtermünz, Augsburg 1996; Jacob Katz: Aus dem Ghetto in die bürgerliche Gesellschaft. Athenäum, Frankfurt am Main 1988; Jacob Katz: Zur Assimilation und Emanzipation der Juden. Ausgewählte Schriften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982; Christoph Schulte: Die jüdische Aufklärung. Philosophie, Religion, Geschichte. Beck, München 2002; Kurt Schubert: Jüdische Geschichte, C.H. Beck, 7. Aufl., 2012, S. 98; Christian Wilhelm Dohm: Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden. Teil I. Friedrich Nicolai, Berlin und Stettin, 1781, S.34; Michael A. Meyer, Michael Brenner (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Band 2: Michael Brenner, Stefi Jersch-Wenzel, Michael A. Meyer: Emanzipation und Akkulturation. 1780–1871. Beck, München 2000, S. 19; Kurt Schubert: Jüdische Geschichte, C.H. Beck, 7. Aufl., 2012, S. 98.
Das Konzept einer "kulturell-religiösen Renaissance des Judentums"
"Mehr als Israel den Sabbat bewahrt hat, hat er Israel bewahrt."
Dieses Zitat stammt von dem jüdischen Denker Achad Ha'am, ursprünglich bekannt als Ascher Hirsch Ginsberg (1856-1927). Der Sabbat hat auch ohne Gottesdienst seinen eigenen Wert, indem er den »ewigen Bund« zwischen Gott und Israel sichtbar macht. Er dient nicht nur »zur Ehre des Herrn« (Ex 35,2), sondern auch zur Unterscheidung des erwählten Gottesvolks von anderen Völkern. Das Bundeszeichen des Sabbats ist nicht nur ein Zeichen für andere Völker, sondern auch für Mitglieder des jüdischen Volkes selbst eine notwendige Erinnerung: »Haltet nur ja meine Sabbate! Denn das ist ein Zeichen zwischen mir und euch für alle eure [künftigen] Geschlechter, damit ihr erkennt, dass ich der Herr bin, der euch heiligt.« (Ex 31,17) Geboren am 18. August 1865 in Skwyra, in der Nähe von Kiew, Ukraine, wird Ginsberg als ein einflussreicher jüdischer Intellektueller angesehen. Unter dem Pseudonym Achad Ha'am, was auf Deutsch „einer des Volkes“ bedeutet, verfasste er im Jahr 1913 ein bedeutendes Dokument, in dem er die grundlegende Frage des Judentums erörterte: „Was ist Judentum?“ In diesen Ausführungen stellt er fest:
„Ich betrachte Religion als eine der Ausprägungen von Kultur. Judentum ist jedoch nicht nur das eine oder das andere, sondern spiegelt die nationale Schaffenskraft wider, die sich in der Vergangenheit vorwiegend in religiös-kulturellen Formen zeigte. In dieser Form wird sich das Judentum auch in Zukunft manifestieren.“
Achad Ha'am war eine zentrale Persönlichkeit des Zionismus, und seine Überlegungen zur hebräischen Kultur hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Ziele der frühen jüdischen Ansiedlung in Palästina. In Russland, wo er in eine tief religiöse Familie hineingeboren wurde, erlangte er umfassende Kenntnisse der rabbinischen Literatur. Später wandte er sich der rationalistischen Strömung der mittelalterlichen jüdischen Philosophie sowie den Schriften der Haskala, einer liberalen jüdischen Bewegung, zu, die eine Integration des Judentums in die moderne westliche Denkweise anstrebte. Trotz seines Einflusses als einer der bedeutendsten Denker und Schriftsteller der jüdischen Moderne hinterließ er nur eine selbstredigierte Sammlung von Essays mit dem Titel "Al Parashat Derakhim" ("Am Scheidwege", 1895) und einer ähnlichen Auswahl seiner Briefe. "Al Parashat Derakhim" von Achad Ha'am ist eine bedeutende Sammlung von Essays, die die Anschauungen und Gedanken des Autors über die jüdische Philosophie, Theologie und Ethik darstellen. Die Essays, die zwischen 1895 und 1913 veröffentlicht wurden, sind einzigartig in ihrer Kombination von Positivismus und Ethik und bieten einen tiefen Einblick in die Gedankenreichtum und Einfachheit des Stils von Achad Ha'am. Die Sammlung umfasst bedeutende Essays wie „Lo so ha-Derech!“, „Emet me-Erez Jisrael“, „Medinat ha-Jehudim we-Zarat ha-Jehudim“, „Judenstaat und Judennot“ und „Techijat ha-Ruach“, die alle zu den wichtigsten Aufsätzen des Autors gehören. Nach ihrer Veröffentlichung wurden viele dieser Aufsätze ins Deutsche übersetzt. Ihre deutsche Gesamtausgabe war ein ambitioniertes Projekt des von Martin Buber gegründeten Jüdischen Verlags in Berlin, wurde jedoch nie vollendet.
Im Jahr 1884 trat Ahad Ha'am der Bewegung der Hovevei Zion bei und gründete zwei Jahre später die hebräische Monatszeitschrift "Hashiloah", deren Chefredakteur er wurde. Er gilt als der Begründer des kulturellen Zionismus und hatte maßgeblichen Einfluss auf die Formulierung der säkularen nationalen jüdischen Identität. 1889 veröffentlichte er seinen Artikel "Das ist nicht der Weg" in der Zeitschrift "Ha'melits", den er erstmals mit dem Pseudonym "Ahad Ha'am" unterzeichnete, was "einer vom Volk" bedeutet. Dieser Artikel wird als sein bedeutendstes Werk angesehen und gilt als das Gründungsdokument der kulturellen zionistischen Bewegung.
Zvi Rudy: Achad Haʿam. In: Wilhelm Bernsdorf, Horst Knospe (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon. Band 1: Beiträge über bis Ende 1969 verstorbene Soziologen. 2. neubearbeitete Auflage. Enke, Stuttgart 1980, ISBN 3-432-82652-4, S. 1 f; Artikel in: John F. Oppenheimer, Emanuel Bin Gorin et al. (Hrsg.): Lexikon des Judentums. Bertelsmann Lexikon-Verlag, 2. Auflage, Gütersloh 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp. 24; Artikel in: Julius H. Schoeps / Redaktion des Moses-Mendelssohn-Zentrums (Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums. Bertelsmann-Lexikon-Verlag, Gütersloh / München. Überarbeitete Neuausgabe 1998; Steven J. Zipperstein: Elusive Prophet. Ahad Haʿam and the Origins of Zionism. University of California Press, Berkeley 1993; Paul Mendes-Flohr: Kulturzionismus. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 3: He–Lu. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, S. 454–458; Steven J. Zipperstein, "Ahad Ha-Am;" auf encyclopedia.yivo.org, abgerufen am 03.03.2026; Yosi Goldshtain, Aḥad ha-‘Am: Biografyah (Jerusalem, 1992); Yosef Gorni, Zionism and the Arabs, 1882–1948, trans. Chaya Galai (Oxford and New York, 1987); Arthur Hertzberg, ed., The Zionist Idea (Philadelphia, 1997); Dan Miron, Bodedim be-mo‘adam (Tel Aviv, 1987); Shalom Ratsabi, Between Zionism and Judaism: The Radical Circle in Brith Shalom, 1925–1933 (Leiden, 2002); Yosef Salmon, Religion and Zionism: First Encounters (Jerusalem, 2002); Mel Scult, ed., Communings of the Spirit, vol. 1, The Journals of Mordecai M. Kaplan, 1913–1934 (Detroit, 2001); Leon Simon, Ahad Ha-am, Asher Ginzberg: A Biography (Philadelphia, 1960); Steven J. Zipperstein, Elusive Prophet: Ahad Ha’am and the Origins of Zionism (Berkeley, 1993).
„Lo Ze ha-Derekh“ - „Das ist nicht der Weg“
Im Alter von 22 Jahren ließ sich Ahad Ha'am in Odessa nieder, das als bedeutendes Zentrum der jüdischen nationalistischen Bewegung, Hibbat Zion („Liebe zu Zion“) oder Hovevei Zion („Liebhaber von Zion“), galt. Dort wurden seine Ansichten maßgeblich durch die Prinzipien des jüdischen Nationalismus sowie die materialistischen Theorien des russischen Literaturkritikers und Nihilisten Dmitry Ivanovich Pisarev (1840-1868) und die Ideen der englischen und französischen Positivisten beeinflusst. Dmitry Ivanovich Pisarev wird als zentrale Figur des russischen Nihilismus angesehen, einer philosophischen, kulturellen und revolutionären Bewegung im Russischen Kaiserreich des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Diese Bewegung, eng verknüpft mit der umfassenderen Nihilismus-Philosophie, leitet sich vom lateinischen Begriff „nihil“ (nichts) ab. Zudem wird Pisarev als Vorläufer der Nietzscheanischen Philosophie betrachtet. Sein Engagement für Befreiungsbewegungen und Naturwissenschaften hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Geschichte Russlands hinterlassen.
Der russische Anarchist und Geograph Peter Kropotkin (1842-1921) beschrieb den Nihilismus als Ausdruck des Widerstands gegen alle Formen der Tyrannei, Heuchelei und Künstlichkeit sowie als Fürsprecher der individuellen Freiheit (Encyclopaedia Britannica, 13. Februar 2024). Er gilt als Verfechter des anarchistischen Kommunismus. Nach seinem Beitritt zum Zentralen Ausschuss von Hibbat Zion, einer im späten 19. Jahrhundert in Osteuropa gegründeten zionistischen Gruppierung, veröffentlichte Ahad Ha'am 1889 seinen ersten Aufsatz mit dem Titel „Lo Ze ha-Derekh“ („Das ist nicht der Weg“), in dem er sich intensiv mit den spirituellen Grundlagen des Zionismus auseinandersetzte. Die zionistischen Gruppierungen setzten sich für praktischen Zionismus ein, insbesondere in Bezug auf jüdische Einwanderung und Ansiedlung im Land Israel. Die Bewegung stellte ein Konglomerat unterschiedlichster jüdischer Intellektueller, Arbeiter, Rabbiner und weiterer Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft dar, die den in Europa vorherrschenden Antisemitismus, insbesondere nach den Pogromen von 1881-1884 im Russischen Kaiserreich, als unerträglich empfanden. In den frühen 1880er Jahren wurde die Hovevei-Zion-Bewegung offiziell als Gruppierung anerkannt, die während einer von dem jüdischen Arzt und Pionier des Zionismus, Leon Pinsker (1821-1891), einberufenen Konferenz im Jahr 1884 (6. bis 11. November) in Kattowitz ins Leben gerufen wurde. Leon Pinsker distanzierte sich von der Assimilation und betonte die Relevanz einer jüdischen Nationalität sowie die Notwendigkeit jüdischer Selbstständigkeit und Emanzipation. Seine Äußerungen in dem frühzionistischen Essay „Autoemancipation! Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“ (1881) thematisierten erstmals deutlich die von Persönlichkeiten wie dem sephardisch-jüdischen Philanthropen und Vordenker des Zionismus, Moses Montefiore (1784-1885), sowie dem deutsch-jüdischen Philosophen und Schriftsteller Moses Hess (1812-1875) erhobene Forderung nach einem eigenen jüdischen Nationalstaat, welche 1897 im Rahmen der von Theodor Herzl, einem österreichisch-ungarischen Schriftsteller, Publizisten und Journalisten (1860-1904), formulierten Basler Erklärung zur zentralen Forderung des politischen Zionismus wurde. Angesichts der Pogrome in Russland 1881 reiste Pinsker durch ganz Europa und erkannte im zunehmenden Antisemitismus, auch in den vermeintlich „aufgeklärten“ Ländern, eine als „Judäophobie“ verstandene kollektive Geisteskrankheit. Er sah den dringenden Bedarf an einem eigenen jüdischen Staat und wurde somit zu einem der Pioniere des Zionismus. Die Konferenz umfasste insgesamt 32 Teilnehmer, von denen 22 aus Russland stammten. Sie stellte die erste öffentliche Versammlung von Zionisten dar und legte den Grundstein für den ersten Zionistischen Kongress, der 13 Jahre später stattfand.
Literatur: Anon. [L. Pinsker]: „Autoemancipation!“ Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden. Berlin: Issleib, 1882; Scott Ury: Autoemancipation. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 1: A–Cl. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, S. 209–213; Noam Zadoff: Geschichte Israels: Von der Staatsgründung bis zur Gegenwart. C.H.Beck, München 2023.
Was versteht man unter dem Zionismus?
Der Zionismus (hebräisch צִיּוֹנוּת zionut) ist sowohl eine Nationalbewegung als auch eine ethnonationalistische Ideologie, welche die Errichtung eines jüdischen Nationalstaats in Palästina anstrebte und diesen nach der Gründung des Staates Israel 1948 bewahren und verteidigen will. Der Ausdruck „Zionismus“ bezieht sich auf Zion, den Tempelberg in Jerusalem, der sinnbildlich für das Heiligtum, die Stadt und das sie umgebende Land steht. Nach der Zerstörung des ersten israelitischen Tempels in Jerusalem durch die Neubabylonier (586 v. Chr.) und der Exilierung eines Großteils der Bevölkerung Judas nach Babylonien wurde Zion im Babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) zum Synonym für die Tempelstadt und die mit ihrem Wiederaufbau verknüpften Hoffnungen. Die Erneuerung des eigenen Gemeinwesens im Land der Vorväter wurde von Propheten geweckt, die die Heimkehr der nach Babylon Deportierten und den Neubeginn des Tempelkults ankündigten. Sie bezogen die verheißene Sammlung aller zerstreuten Juden in Zion auch auf die Land-, Volk- und Segensverheißung Gottes an Abraham (Gen 12,1-3; 17,8 EU), mit der in der hebräischen Bibel die Geschichte des Volkes Israel beginnt. Damit verknüpften sie die Erwartung, dass eines Tages alle Völker den Gott Israels anerkennen und sein Abrüstungsgebot befolgen würden. Dies werde den Völkerfrieden herbeiführen (Jes 2,3f EU; Mi 4,2f EU; siehe Schwerter zu Pflugscharen). Nach der Eroberung Babylons durch die Perser konnten Juden ab 538 v. Chr. nach Juda zurückkehren.
Als eigentlicher Beginn der zionistischen Bewegung gilt die ab 1880 entstandene osteuropäische Sammlungsbewegung Chibbat Zion („Zionsliebe“).Deren Ortsvereine waren in vielen russischen und rumänischen Städten vertreten und nannten sich Chovevei Zion („Zionsfreunde“). Sie sammelten etwa 3000 Auswanderungswillige für gemeinsame Siedlungsprojekte in Palästina. Im Sommer 1882 erreichte die Studentengruppe Bilu als erste dieses Ziel und baute die Siedlung Rischon LeZion („Erstes in Zion“) auf. Diese Pionierarbeit mit dem Pflug wurde zum Vorbild für weitere Siedlergruppen. So entstanden Gedera im ehemaligen Judäa, Rosch Pinnah und Jessod Hamaʿalah in Galiläa, Sichron Jaʿaqov am Südende des Karmelgebirges. Die 1878 von Jerusalemer Juden gegründete Siedlung Petach Tiqwa nördlich von Jaffa wurde erneuert.
Die Konzeption eines jüdischen Staates hat ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert, doch die Herkunft sowie die evolutionären Schritte der zionistischen Bewegung sind von erheblicher Komplexität geprägt. Der Zionismus trat erst im späten Verlauf des 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht nationaler Bewegungen, dennoch bleibt die Vorstellung von einer Rückkehr der Juden zu ihrem historischen Heimatland durch die Jahrhunderte unverändert bestehen. Bereits vor der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. waren die Juden über die Diaspora verteilt, die sich von Ägypten bis Kleinasien erstreckte. Der Verlust ihrer religiösen und nationalen Heiligtümer sowie das Ende politischer Souveränität führten dazu, dass die Juden zu einem Diasporavolk par excellence wurden. Eine der bedeutendsten Schriften nach der Hebräischen Bibel, der Talmud, wurde in Babylonien auf Aramäisch verfasst. Die herausragendsten philosophischen Werke des Mittelalters stammen von Jehuda Halevi und Maimonides, welche ihre Gedanken auf Arabisch in Spanien und Nordafrika niederlegten. Im 18. Jahrhundert beeinflusste der deutsch-jüdische Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786) als führender Denker der deutschen Sprache das jüdische intellektuelle Leben maßgeblich. Trotz dieser tiefen Verankerung in ihrer Umgebung blieb die emotionale Bindung der Juden an das Land, das sie Israel nennen und das von den Römern als Palästina bezeichnet wurde, über die Jahrhunderte hinweg konstant. Ein emblematisches Beispiel für diese Verbundenheit findet sich im biblischen Psalm 137, dessen Text verdeutlicht: „Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren.“ Der Psalmist schildert die Trauer der vertriebenen Juden, die an den Ufern Babylons weinten, während sie Jerusalem gedachten. Obwohl die historische Validität solcher Traditionen schwer nachweisbar ist, haben sie dennoch die identitätsstiftende Erzählung der Juden über die Jahrhunderte geprägt. In verschiedenen Epochen beteten Juden weltweit – stets nach Jerusalem gewandt – dreimal täglich für ihre Rückkehr, symbolisch dargestellt durch den Berg Zion. Literarische Aufzeichnungen aus dem Mittelalter belegen den unaufhörlichen Rückkehrwillen, den zahlreiche Juden in ihrer Sehnsucht nach der Heimat hegten. Selbst wenn nicht alle physisch nach Palästina reisten, begaben sich einige dorthin, um dort zu sterben; beredte Beispiele finden sich unter den spanisch-jüdischen Denkern des Mittelalters, und auch Moses Mendelssohn benannte seine essentielle religionsphilosophische Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ (1783), welche als eine der zentralen Schriften der jüdischen Aufklärung (Haskala) gilt und einen grundlegenden Beitrag zur Philosophie von Religionsfreiheit und der Trennung von Staat und Religion leistet. Seine Schrift entstand im Kontext der Debatte über die jüdische Emanzipation in Preußen und Europa. Interessanterweise wurde sie im gleichen Jahr veröffentlicht, in dem der preußische Jurist, Historiker und politische Schriftsteller Christian Wilhelm von Dohm (1751-1820) den zweiten Teil seiner Denkschrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (1781) publizierte. Dieser setzte sich im Geiste der Aufklärung für die jüdische Emanzipation ein und förderte diese europaweit. Mendelssohn reagierte in seiner Publikation auf zeitgenössische Angriffe, insbesondere auf die anonyme Veröffentlichung eines offenen Briefs an ihn, betitelt „Das Forschen nach Licht und Recht in einem Schreiben an Herrn Moses Mendelssohn auf Veranlassung seiner merkwürdigen Vorrede zu Manasseh Ben Israel“ (1782) von Daniel Ernst Mörschel (1751-1798), einem Feldprediger, der Mendelssohn aufforderte, entweder das Christentum zu widerlegen oder zum Christentum überzutreten. Mit der fortschreitenden Integration der Juden in die Gesellschaften, in denen sie lebten, änderte sich allmählich deren Wahrnehmung hinsichtlich ihrer historischen Heimat. Nach den Ereignissen der amerikanischen Unabhängigkeit und der Französischen Revolution wurden die Juden erstmals als vollwertige Bürger anerkannt.
Im 19. Jahrhundert folgte in West- und Mitteleuropa die Emanzipation der Juden, das Resultat eines langwierigen Prozesses. Sie begannen, sich als deutsche oder französische Staatsbürger jüdischen Glaubens zu identifizieren. Der Grundsatz der Französischen Revolution, formuliert durch den Revolutionär Graf Stanislas Clermont-Tonnerre (1757-1792), der 1789 im Rahmen der ersten französischen Nationalversammlung seine berühmte Erklärung abgab: „Den Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen aber ist alles zu gewähren“, fasst die ambivalente Haltung jener Epoche zusammen. Dieser beförderte die Vorstellung, dass eine Selbstdefinition als eigene Untergruppe innerhalb der Republik zur Vertreibung führen könnte – eine Haltung, die die Sicht der Rationalisten und der französischen Revolutionäre auf das Judentum konkretisiert. Folglich gaben viele Juden ihren Rückkehrwillen in das Land ihrer biblischen Ursprünge auf und ordneten sich dem Wohl der Gesellschaft, in der sie lebten, unter. Graf Stanislas de Clermont-Tonnerre forderte während dieser Revolution die Emanzipation der Juden als Individuen (Bürger), forderte jedoch auch die Aufhebung ihrer korporativen Autonomie als „Nation“ – ein zentrales, zwiespältiges Angebot: volle Gleichheit im Staat, jedoch unter Aufgabe der kollektiven Identität. Die erhoffte gesellschaftliche Integration der Juden war jedoch im Verlauf des 19. Jahrhunderts mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Anhaltende gesetzliche Einschränkungen behinderten lange Zeit den Weg zur Gleichstellung. Als diese Barrieren schließlich fielen, trat ein neuartiger, rassistisch motivierter Judenhass in Erscheinung, der als „Antisemitismus“ bezeichnet wurde. Der erste Nachweis dieser irreführenden Terminologie fand sich bei dem Journalisten Friedrich Wilhelm Adolph Marr (1819-1904), der 1879 die erste antisemitische politische Vereinigung namens „Antisemitenliga“ im deutschen Kaiserreich gründete. Er prägte den Begriff Antisemitismus, um eine rassistische Argumentation gegen Juden zu formulieren, die sich von religiösen Begründungen abgrenzte. Im gleichen Jahr legitimierte der konservative Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) den Judenhass, indem er in den von ihm herausgegebenen „Preußischen Jahrbüchern“ in seinem Aufsatz „Unsere Aussichten“ vor der Überfremdung Deutschlands durch „eine Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge“ warnte, deren „Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen“. In diesem Kontext fiel die bedenkliche Äußerung: „Die Juden sind unser Unglück.“ Die gesellschaftliche Stimmung jener Zeit fasste er in einer Aussage zusammen: „Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unser Unglück!“ Gleichzeitig gründete der evangelische Berliner Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909) unter dem Kaiser Wilhelm I. eine „Christlich-Soziale Arbeiterpartei“ (CSA), um die Arbeiterschaft vom wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie abzubringen. Da dies nicht gelang, wandte sich der Prälat verstärkt den kleinbürgerlichen Schichten zu und propagierte die Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft. Diese Entwicklungen müssen im Kontext eines breiteren Trends betrachtet werden. Bereits 1850 hatte der Komponist Richard Wagner (1813-1883) in seinem antisemitischen Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ in der Neuen Zeitschrift für Musik, zunächst anonym veröffentlicht, gegen das Judentum polemisiert. Er behauptete, jüdische Komponisten, besonders Mendelssohn und Meyerbeer, seien nicht fähig zu wahrer, tiefgehender Kunst und diffamierte sie als bloße Nachahmer. Mit seiner Hetzschrift trug Wagner zur Förderung des modernen Antisemitismus bei. Ähnliche Äußerungen sind bei französischen Frühsozialisten zu finden, die Juden als Kapitalisten brandmarkten. Der deutsche Philosoph und Ökonom Karl Marx (1818-1883), der selbst als Sohn jüdischer Eltern geboren und christlich getauft war, folgte bereitwillig dieser Argumentation. Jedoch äußerte der deutsche Philosoph und Schriftsteller Moses Heß, ein Frühsozialist und Vordenker des Zionismus sowie enge Vertrauter von Marx, eine differenzierte Sichtweise. Er war überzeugt, dass die unglückliche Lage der Juden in Europa dem Mangel an einem eigenen Staat zuzuschreiben war. Beeinflusst von den Ereignissen des italienischen Risorgimento verfasste Heß 1862 seine Schrift „Rom und Jerusalem“, welche den Beginn der zionistischen Bewegung markiert. Darin argumentierte er, dass die Juden, ähnlich wie es den Italienern gelang, um Rom herum einen neuen Staat zu gründen, in der Lage seien, ihr neues Reich rund um Jerusalem zu etablieren.
Literatur: Allan Arkush (Hrsg.): Moses Mendelssohn: Jerusalem, or on Religious Power and Judaism. Brandeis University Press, 1983; „Moses Mendelssohn. Herald of the Jewish Enlightenment,“ auf myjewishlearning.com, abgerufen am 28.02.2026; „Die Komplexität der Menschenrechte,“ Orthodoxe Rabbinerkonferenz - Das Rabbinat Deutschland, auf ordonline.de, abgerufen am 28.02.2026; Hermann Greive, „Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland,“ Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, S.64; Heinrich von Treitschke: „Unsere Aussichten,“ in: Preußische Jahrbücher, Band 44 (1879), S.559-576, dort S.575; Walter Boehlich (Hrsg.): Der Berliner Antisemitismusstreit, 1965, S. 5-12; Michael Wolffsohn, Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern, 16. A., 2021, S. 41 ff; Michael Brenner: Geschichte des Zionismus. München 2002, S. 8; Maryanne A. Rhett: The Global History of the Balfour Declaration. Routledge, 2016, S. 198; Barbara Schäfer: Zionismus. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 36. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2004; Wolfgang Treue: „Jüdisches Weltbürgertum oder nationales Judentum? Die Alliance Israélite Universelle und der Zionismus in Deutschland.“ In: Kalonymos 13/3, 2010, S. 9–12; Tobias Grill: Antizionistische jüdische Bewegungen. In: Institut für Europäische Geschichte (Hrsg.), auf Europäische Geschichte Online (EGO), abgerufen am 03.03.2026; Michael Brenner: Die Entwicklung des politischen Zionismus nach Herzl. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 28. März 2008, abgerufen am 03.03.2026; Andreas Morgenstern: Die Sozialistischen Monatshefte im Kaiserreich – Sprachrohr eines Arbeiterzionismus? In: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2012; Anita Shapira: Anti-Semitism and Zionism. In: Modern Judaism. 15. Jahrgang, Nr. 3, 1995, S. 218; Francis R. Nicosia: Zionismus und Antisemitismus im Dritten Reich. Hrsg.: Andreas Brämer, Miriam Rürup (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden. Band 40). Wallstein Verlag, Göttingen 2012, S. 11,17, 20; Arno Herzig: 1815-1933: Emanzipation und Akkulturation. Bundeszentrale für politische Bildung (5. August 2010), auf bpb.de, abgerufen am 03.03.2026; Fabian Weber: Projektionen auf den Zionismus. Nichtjüdische Wahrnehmungen des Zionismus im Deutschen Reich 1897-1933. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2020, S. 115; Julia Bernstein: Isralbezogener Antisemitismus. Erkennen – Handeln – Vorbeugen. Beltz Juventa, Weinheim 2021, S. 29; Isabel Herkommer: Zionismus. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag –
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Leon Pinsker - Wegbereiter des Zionismus
In Osteuropa stellte sich die Lage für die jüdische Bevölkerung als deutlich differenziert dar. Die Emanzipation blieb hier aus, und Juden wurden nicht als Staatsbürger des Zarenreichs anerkannt, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die ihre eigene Sprache (Jiddisch) pflegte und sich durch spezifische Kleidungsstile sowie kulturelle Traditionen von der umgebenden polnischen, ukrainischen und rumänischen Gesellschaft abgrenzte. Während die wirtschaftliche Situation der Juden im Westen erheblich verbesserte, lebte die zahlenmäßig bedeutendere jüdische Gemeinschaft in Osteuropa in erheblichen materiellen Entbehrungen.
Insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Pogromen, gewalttätigen Ausschreitungen gegen die jüdische Minderheit, die häufig von den Behörden des Zarenreichs toleriert wurden. In den gebildeten jüdischen Kreisen formierte sich eine Aufklärungsbewegung, die als Haskala bekannt ist und die hebräische Sprache als moderne literarische Sprache wiederbelebte. Hebräisch war nie erloschen, sondern fand sowohl im Gebet als auch im täglichen Studium Verwendung. Autoren begannen jedoch, ihre Romane und Gedichte in einem modernisierten Hebräisch zu verfassen, das auch als Alltagssprache verwendet werden sollte. Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahr 1881, für die die jüdische Bevölkerung als Sündenbock ausgewählt wurde, und infolgedessen einer Welle von Pogromen, gewann die Idee eines jüdischen Staates zunehmend an politischem Auftrieb. Ähnlich wie bei dem deutsch-jüdischen Philosoph und Schriftsteller Moses Heß (1812-1875) erhob sich auch hier die Stimme eines gut integrierten Juden, der durch den neuartigen Antisemitismus in seinem sozialen Status bedroht war. Leon Pinsker ( 1821-1891), ein angesehener jüdischer Arzt und Journalist aus Odessa, reagierte mit seinem anonym veröffentlichten frühzionistischen Essay "Auto-Emancipation" (1882) direkt auf die Pogrome. Pinsker sah den Emanzipationsweg als gescheitert an und forderte stattdessen die Selbstemanzipation der Juden als Nation. Wo genau sie ihre Heimat finden sollten, ließ Pinsker zunächst offen und zog sowohl Argentinien als auch Palästina in Betracht.
Die gescheiterte Emanzipation im Westen, die neue Bedrohung durch einen rassistisch geprägten Antisemitismus sowie der Erhalt nationaler Merkmale der Juden in Osteuropa im Kontext einer wirtschaftlichen und politischen Krise trugen zur Entstehung des politischen Zionismus am Ende des 19. Jahrhunderts bei. Das zentrale Ziel war die Schaffung einer nationalen Heimat für die in Europa bedrohten Juden.
Literatur: Michael Brenner, "Was ist Zionismus", auf bpb.de, abgerufen am 28.02.2026; Scott Ury: Autoemancipation. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 1: A–Cl. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, S. 209–213; Caspar Battegay, Naomi Lubrich: Jüdische Schweiz: 50 Objekte erzählen Geschichte. Hrsg.: Jüdisches Museum der Schweiz. Christoph Merian, Basel 2018, S. 126–129; Marlies Bilz: Hovevei Zion in der Ära Leo Pinsker. Lit, Hamburg 2007,(Osteuropa 42), (Zugleich: Hamburg, Univ., Diss., 2006); Noam Zadoff: Geschichte Israels: Von der Staatsgründung bis zur Gegenwart. C.H.Beck, München 2023; Harald Seewann: Zirkel und Zionstern. Band 1. Graz 1990, S. 124.
Chibbat Zion (" Zionsliebe ") die erste zionistische Organisation in Europa
Die jüdische Bewegung Chibbat Zion, als „Zionsliebe“ bekannt, wurde 1881 als erste zionistische Organisation in Europa gegründet und erlangte schnell internationale Ausstrahlung in allen jüdischen Gemeinschaften. Chibbat Zion war eine jüdische Bewegung in Europa, die 1881 gegründet wurde und als erste zionistische Organisation gilt. Ihre Mitglieder, die sich als Chovevei Zion bezeichneten, strebten eine Auswanderung nach Erez Israel an und bildeten die ideologische Basis für den späteren Zionismus. Die Bewegung entstand nach den Judenpogromen von 1881/1882 und fand erste Zirkel in Russland. Zu den bedeutenden Akteuren gehörten Mose Löb Lilienblum (1843-1910), russisch-jüdischer Gelehrter, hebräischer Schriftsteller, jüdischer Reformer und Pionier des frühen Zionismus in Odessa und der polnische Rabbiner Samuel Mohilever ( 1824-1898) in Białystok, Gründer von Rechowot, einer der Gründer der Choveve Zion und der eigentliche Begründer des religiösen Zionismus. Leon Pinsker ( 1821-1891), ein Arzt, Journalist sowie Wegbereiter des Zionismus in Odessa schrieb 1882 sein Buch „Autoemanzipation“, das die Selbstbefreiung und die Etablierung eines territorialen Zentrums für das jüdische Volk aufrief. 1884 fand in Kattowitz ein erster multinationaler Kongress statt, der die Gruppen der verschiedenen Länder zu einer gemeinsamen Organisation zusammenführte.
In Westeuropa war der Widerstand gegen die Assimilation – eine der schwerwiegendsten Bedrohungen für das jüdische Volk – ein zentraler Schwerpunkt der Bewegung. Wenige Jahre später entwickelte Benjamin Ze'ev Theodor Herzl (1860-1904), ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller, Publizist und Journalist jüdischer Abstammung, eine visionäre Vorstellung des praktischen Zionismus, die über die damaligen Gedanken zum Zionismus hinausging. Als Spross einer säkularen jüdischen Familie in Budapest, studierte Herzl Rechtswissenschaften an der Universität Wien und arbeitete als Journalist für mehrere europäische Zeitungen. Nach der Veröffentlichung seines einflussreichen Werkes „Der Judenstaat“ im Jahr 1896 – in der Zeit der Dreyfus-Affäre verfasst – sowie der Etablierung der zionistischen Weltorganisation schlossen sich zahlreiche Hovevei-Zion-Verbände dieser neu formierten Bewegung an. Herzl war überzeugt von der Notwendigkeit für die Juden, eine eigene Nation zu gründen und forderte die Schaffung eines jüdischen Staates zur Lösung der anhaltenden Probleme des Antisemitismus, der rechtlichen Diskriminierung und der gescheiterten Integrationsversuche der jüdischen Bevölkerung. Er etablierte sich als geistiger Führer der Bewegung und mobilisierte eine breite Massenbasis, was entscheidend zur späteren Gründung des Staates Israel beitrug. Herzl gilt als Hauptbegründer des politischen Zionismus. Zu den prominenten Persönlichkeiten der Bewegung gehörten unter anderem Leon Pinsker ( 1821-1891), Arzt und Journalist sowie Wegbereiter des Zionismus, der bis 1910 als Gründer und Sekretär der Bewegung wirkte, der russisch-jüdische Gelehrte und Journalist Moshe Lev Lilienblum (1843-1910) sowie Isaac Leib Goldberg (1860-1935), Philanthrop und Gründer der ältesten israelischen Zeitung „Haaretz“. Auch Ahad Ha’am (Asher Ginsberg), ein zentraler Vertreter des kulturellen Zionismus, spielte eine entscheidende Rolle in dieser Bewegung. Chaim Weizmann (1874-1952), war Präsident der Zionistischen Weltorganisation, und von 1949 bis zu seinem Tod der erste Präsident des Staates Israel. Bereits während seiner Studienzeit zeigte Chaim Weizmann Interesse an Herzls zionistischen Ideen und engagierte sich zunehmend für die Schaffung eines jüdischen Staates. Im September 1907 unternahm Weizmann zusammen mit Jehoschua Hankin (1864-1945), einem zionistischen Pionier, eine dreiwöchige Reise durch Palästina, um jüdische Siedlungen zu besuchen und sich für Palästina als das angestrebte Territorium eines jüdischen Staates einzusetzen. Die Synthese von politischem und praktischem Zionismus, welche die Ansiedlung in Palästina betonte, vereinte die Bewegung auf bisher unerreichte Weise und stellt einen der größten Erfolge von Chaim Weizmann dar. Hinzu kam der außenpolitische Erfolg der Balfour-Deklaration von 1917, an der ben Josef Samuel Sokolow (1859-1936), Präsident der Zionistischen Weltorganisation, maßgeblich beteiligt war. Chaim Weizmann setzte sich nachhaltig für die Förderung jüdischer Siedlungen in Palästina ein.
Literatur: Alter Drujanow: Ketawim le-toledot Hibbat Zion we Jischuw Erez Israel. 3 Bände. Band 1 Odessa 1919, Band 2 und 3, Tel Aviv 1925–1932; Heinrich Loewe (Hrsg.): Chibbat Zion. Gedenkschrift zur fünfzigjährigen Gedenkfeier der Kattowitzer Konferenz der Chowewe Zion. Kattowitz 1934; Nahum Sokolow: Hibbath Zion. Jerusalem 1934;Ivonne Meybohm: David Wolffsohn - Aufsteiger, Grenzgänger, Mediator. Eine biographische Annäherung an die Geschichte der frühen Zionistischen Organisation (1897-1914). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2013, S. 43.
Theodor Herzl
In seiner Schrift "Der Judenstaat: Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" (1896) artikuliert der dem Judentum zugehörige österreichisch-ungarischer Schriftsteller, Publizist, Journalist und Hauptbegründer des politischen Zionismus, Theodor Herzl (1860-1904)seine Enttäuschung über die gescheiterten Emanzipationsbestrebungen der Juden: "Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren", notiert er in seinem Werk. "Doch man lässt es nicht zu. Vergeblich sind unsere patriotischen Bemühungen, vergeblich bringen wir dieselben Opfer wie unsere Mitbürger, und vergeblich versuchen wir, den Ruhm unserer Vaterländer in Kunst und Wissenschaft sowie ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu vergrößern. In unseren Vaterländern, in denen wir seit Jahrhunderten leben, werden wir als Fremdlinge verunglimpft... Wenn man uns in Ruhe ließe... Aber ich fürchte, man wird uns keine Ruhe gönnen." Zunächst betrachtete Herzl eine Massentaufe aller Juden Wiens als mögliche Lösung gegen den Antisemitismus, doch als er erkannte, dass eine Konversion gegen den rassistisch motivierten Hass wirkungslos blieb, wandte er sich radikaleren Maßnahmen zu.
Theodor Herzls "Judenstaat" stellt im Gegensatz zu den Werken seiner Vorgänger eine pragmatische Abhandlung dar, die weniger auf ideologischen Grundlagen als vielmehr auf der praktischen Umsetzung seines konzipierten "Society of Jews" abzielt. Die Kapitelüberschriften wie "Immobiliengeschäft", "Landkauf", "Arbeiterwohnungen", "Arbeitshilfe" und "Industrielle Ansiedlungen" sprechen eine deutliche Sprache. Ob der zukünftige Judenstaat in Palästina oder Argentinien errichtet werden soll, ließ er zu diesem Zeitpunkt offen: "Die Society wird nehmen, was man ihr gibt und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes erklärt."
In einem weiteren Schritt initiierte Theodor Herzl den ersten Zionistischen Kongress, um seine Ziele einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Der erste Zionistenkongress fand am 29. August 1897 in Basel statt und war ein entscheidender Schritt in der Geschichte des Zionismus. Theodor Herzl, der Begründer des modernen Zionismus, organisierte den Kongress und formulierte das Basler Programm, das den Grundstein für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina legte. Der Kongress wurde von etwa 200 Delegierten aus jüdischen Gemeinden aus aller Welt besucht und führte zur Gründung der Zionistischen Weltorganisation (WZO). Herzl wurde zum ersten Präsidenten der WZO gewählt und legte den Fokus auf diplomatische Verträge zur Schaffung des Staates Israels.
Jedoch sah sich Theodor Herzl erneut Ablehnung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ausgesetzt, wie bereits in der Zeit vor der Veröffentlichung seines Werks. Er hatte gehofft, Unterstützung von jüdischen Philanthropen wie Baron Maurice de Hirsch (1831-1899), einem deutschen Unternehmer der für verfolgte osteuropäische Juden landwirtschaftliche Ansiedlungen in Südamerika erwarb, oder Baron Edmond James de Rothschild (1845-1934), einem französischen Philanthrop, Zionist, Mäzen und Sammler, der ähnliche Projekte in Palästina finanzierte, zu erhalten. Diese distanzierten sich jedoch von seinen politischen Bestrebungen. Die Herausgeber seiner Zeitung, der Neuen Freien Presse, weigerten sich, über seine Pläne zu berichten, und der Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann veröffentlichte eine Abhandlung gegen Herzls Zionismus. In Vorbereitung auf die Veröffentlichung seiner Schrift "Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" (1896) versuchte Herzl, den Oberrabbiner des Wiener Judentums, Moritz Güdemann (1835-1918), auf die zionistische Seite zu bewegen und legte ihm seinen Aufsatz vor der Veröffentlichung vor. Güdemanns anfangs positive Verbindung zu Herzls Projekt wandelte sich nach der Kenntnis dessen Manuskripts "Der Judenstaat", dem er aus theologischen Gründen widersprach. Herzls Zionismus war beeinflusst von den Staatstheorien Machiavellis und Hegels, dem nationalstaatlichen Denken des 19. Jahrhunderts, weit mehr als von den religiösen Überlieferungen des Judentums. Moritz Güdemann bekämpfte Herzls Projekt mit seiner antizionistischen Gegenschrift "Nationaljudenthum" (1897), in der er die Auffassung der Zionisten kritisierte, das Judentum sei eine Nation und keine Religion. Güdemann publizierte seine Gegenschrift vor dem ersten Zionistenkongress in Basel von 1897, im gleichen Verlag, in dem Herzls Schrift erschienen war. Güdemann legte dar, dass ein Nationaljudentum seit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem nicht mehr existiere, dass das Judentum eine Weltreligion sei, und ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen Judentum und jüdischer Nationalität bestehe. Das Nationaljudentum sei „ein Produkt zu
weit gehender Assimilation, insofern es den nationalen Chauvinismus der Gegenwart auf das Judenthum überträgt“. Ein Judentum „mit Kanonen und Bajonetten würde die Rolle David’s mit der Goliath’s vertauschen und eine Travestie seiner selbst sein“. Der Widerstand der Rabbiner wurde besonders evident, als Herzl seinen ersten Zionistenkongress im Sommer 1897 in München plante. Sowohl die Rabbiner als auch die Israelitische Kultusgemeinde München lehnten ein solches Treffen ab, da sie es als Untergrabung messianischer Pläne betrachteten, wonach der Messias den Judenstaat wiederherstellen sollte, und fürchteten, ihren Status als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens zu gefährden. Sie befürchteten, den Antisemiten unnötiges Material für den Vorwurf einer doppelten Loyalität zu liefern. Der österreichische Schriftsteller, Publizist und Satiriker Karl Kraus (1874-1936) drückte dies satirisch aus, indem er den Zionisten vorwarf, den antisemitischen Ruf "Hinaus mit Euch, Juden!" mit der Antwort "Jawohl, hinaus mit uns Juden!" zu kontern. Darüber hinaus, so Karl Kraus, wolle Herzl die europäischen Juden aus ihrer Verwurzelung in ihren jeweiligen Heimatländern herauslösen. Er widersprach vehement der von Herzl propagierten Theorie, wonach "die Juden nur zur Hebung des Fremdenverkehrs sich zeitweise in Europa aufhalten", und stellte die Theorie eines einheitlichen jüdischen Volkes infrage: "Welches gemeinsame Band soll jedoch die Interessen der deutschen, englischen, französischen, slawischen und türkischen Juden zu einem Staatsganzen zusammenhalten?"
Dennoch teilten nicht alle Juden diese Ansichten. In Osteuropa hatte sich die Lage der Juden infolge mehrerer Pogromwellen und der fortschreitenden wirtschaftlichen Not weiter verschlechtert. Insbesondere die jüngere Generation sah keine Perspektive mehr in Russland oder Rumänien. Zwischen 1881 und 1914 verließen über zwei Millionen Juden Osteuropa, wobei die meisten in die Vereinigten Staaten gingen, die zu dieser Zeit als das begehrteste Einwandererland für Europäer galten. Andere suchten ihr Glück in südamerikanischen Staaten, die aktiv um Zuwanderung bemüht waren. In Palästina waren die Bedingungen für eine Masseneinwanderung weder politisch noch wirtschaftlich optimal. Das Osmanische Reich stand dieser kritisch gegenüber, während die arabische Bevölkerung den europäischen Zuwanderern skeptisch gegenüberstand. Die Voraussetzungen für landwirtschaftliche Tätigkeiten wichen grundlegend von den in Europa bekannten Gegebenheiten ab. Es gab kaum städtische Zentren, und die wenigen vorhandenen Städte wirkten auf die Einwanderer, die überwiegend aus weniger entwickelten Regionen Osteuropas stammten, provinziell und rückständig.
Literatur: Theodor Herzl, Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Leipzig und Wien 1896; Michael Brenner: Geschichte des Zionismus, Beck, München 2002, S. 47; Ernst Pawel: The Labyrinth of Exile – A Life of Theodor Herzl, Farrar, Straus & Giroux, New York 1989, S. 5,11; Ernst Pawel: The Labyrinth of Exile – A Life of Theodor Herzl, Farrar, Straus & Giroux, New York 1989, S. 9; Julius Hans Schoeps: Theodor Herzl, 1860-1904 – Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen, C. Brandstätter, 1995, S. 13; Jacques Kornberg: Theodor Herzl – From Assimilation to Zionism. In: Jewish Literature and Culture, Indiana University Press, 1. Auflage, 1993, S. 13 f.; Michael Brenner, "Theodor Herzl und seine Schrift der 'Judenstaat'", auf bpb.de, abgerufen am 28.02.2026.
«In Basel gründete ich den jüdischen Staat»
Welche Visionen verfolgte Theodor Herzl und welche Zielsetzungen lagen der Organisation des ersten Zionistenkongresses zugrunde?
Sein zentrales Anliegen war die Schaffung eines kompetenten und autorisierten Gremiums, das in der Lage wäre, die Interessen des jüdischen Volkes in der internationalen Gemeinschaft wirksam zu vertreten.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts gründeten Juden zahlreiche politische Organisationen, die jedoch häufig durch einen sozialen statt nationalen Fokus geprägt waren. Ein markantes Beispiel ist die Damaskusaffäre von 1840, als wohlhabende englische Juden ihren in Not geratenen Glaubensgenossen in Syrien beistanden. Die Damaskusaffäre stellt einen der ersten Vorfälle dar, bei dem Anschuldigungen des Ritualmordes gegen die dortige jüdische Gemeinschaft erhoben wurden. Am 5. Februar 1840 verschwanden der Guardian eines örtlichen Kapuzinerklosters, Pater Tomaso, und sein Muslimischer Diener. Die Mönche meldeten ihre Vermisstenanzeige und vermuteten einen Mord, was zu einer Hetzkampagne gegen die jüdische Gemeinde führte. Es verbreiteten sich Gerüchte, dass die beiden Männer von Juden aus ritualistischen Motiven ermordet worden seien. Dies führte zur Verhaftung Unschuldiger und zur Erpressung falscher Geständnisse unter Folter. Die Affäre bildete den Ausgangspunkt für zahlreiche weitere Ritualmordanschuldigungen in der islamischen Welt und rief internationale Aufmerksamkeit auf die Rechte und die Sicherheit der Juden hervor. Das Ereignis verdeutlicht die komplexen und oft angespannten Beziehungen zwischen Muslimen, Christen und Juden in Syrien. Die Damaskusaffäre beschäftigte die internationale Öffentlichkeit über Monate und führte zu erheblichen diplomatischen Konflikten zwischen europäischen Großmächten, dem Osmanischen Reich und deren Vertretern im Nahen Osten. Diese Situation hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Lage, das Selbstverständnis und die organisatorische Struktur jüdischer Gemeinschaften in der Region sowie in Europa. In diesem Kontext begannen einige Juden in Europa bereits in den 1880er Jahren, die zionistische Idee zu propagieren; ein Beispiel ist die Chibbat Zion-Bewegung, die 1882 in Focşani tagte.
Zudem hatten verschiedene Siedlerinitiativen in Palästina schon begonnen, unterstützt durch den französischen Philanthropen und Zionisten Baron Edmond James de Rothschild (1845-1934). Die Jewish Colonisation Association (JCA), gegründet am 11. September 1891 von Baron Maurice de Hirsch (1831-1896), spielte eine entscheidende Rolle in der Unterstützung neuer jüdischer Bauerngemeinden in Palästina und erleichterte die Massenauswanderung von Juden aus Russland und anderen osteuropäischen Ländern. Ab 1900 reorganisierte die JCA ihre administrativen und finanziellen Strukturen zur Steigerung der Rentabilität und Unabhängigkeit ihrer Kolonien und gründete vier neue Siedlungen bis 1903. Baron de Rothschild strukturierte das Palästina-Geschäft 1924 in die Palestine Jewish Colonization Association (PICA) um. Theodor Herzl wiederum verfolgte weitreichendere politische Ziele und erachtete die Notwendigkeit einer offiziellen, transparenten politischen Vertretung des Judentums als essentiell, um auf der internationalen Bühne kohärent aufzutreten. Er betrachtete den Ersten Zionistenkongress als eine „majestätische Demonstration“, die den wahren Charakter des Zionismus enthüllen sollte. Herzl betonte die Notwendigkeit eines Forums, das im Namen des gesamten jüdischen Volkes gegen jene auftreten kann, die den Juden Schaden zufügen oder ihnen nicht hilfreich zur Seite stehen.
In diesem Kontext stellte der Kongress in Basel einen entscheidenden Schritt in Richtung des als politischen Zionismus bezeichneten Bewegungsstrangs dar. Der Auftritt israelischer Premierminister auf internationalen Plattformen, wie beispielsweise bei der UN-Generalversammlung, verkörpert die konkrete Umsetzung von Herzls Vision, die seinerzeit als utopisch galt. Der Gipfel dieser Vision fand in der Gründung eines jüdischen Staates Ausdruck, der als gleichberechtigter Akteur in der internationalen Politik agiert. Die Ereignisse des Sommers 1897 in Basel katapultierten Herzl zu einer prophetischen Figur seiner Zeit. In seinem Tagebuch vermerkte er nach dem Kongress: „In Basel legte ich das Fundament des jüdischen Staates. Würde ich dies heute öffentlich aussprechen, würde man über mich lachen. Doch in fünfundzwanzig Jahren werden alle dies erkennen.“ Fünfzig Jahre später, im Herbst 1947, beschloss die UNO-Generalversammlung mit 33 gegen 13 Stimmen die Gründung des Staates Israel.
Literatur: Asael Avelman (Segula), "Vor 125 Jahren legte der 1. Zionistenkongress den Grundstein für die Staatsgründung Israels," auf juedischerundschau.de, abgerufen am 04.03.2026; Anne Ussishkin: The Jewish Colonisation Association and a Rothschild in Palestine. In: Middle Eastern Studies. 9. Jahrgang, Nr. 3, 1973, S. 347–357; Richard Kauffmann: Planning of Jewish Settlements in Palestine, reprinted from The Town Planning Review, University Press of Liverpool, Vol. XII. November 1926, No. 2. Via "Richard Kauffmann – Architect and Town Planner: A daughter's perspective on his life and work", auf richardkauffmann.com/wordpress, abgerufen am 03.03.2026; The Sixty-Third Annual Report of the Anglo-Jewish Association: in Connection with the Alliance Isralite Universelle, 1934, S. 6; Anglo-Jewish Association, London, 1935, auf www.anglojewish.org.uk, abgerufen am 04.03.2026; Amnon Cohen, préface de Michel Abitbol et Abdou Filali-Ansary: Juifs et musulmans en Palestine et en Israël – Des origines à nos jours. In: Jean-Claude Zylberstein (Hrsg.): Collection texto. 2. Auflage. Éditions Tallandier, Paris 2021,S. 96 f.; Jewish Charitable Association, auf www.jdc.org, abgerufen am 04.03.2026; Ben-Porat, Amir. (1991). Immigration, proletarianization, and deproletarianization - A case study of the Jewish working class in Palestine, 1882-1914. Theory and Society, 20(2), 233-258, auf cris.bgu.ac.il, abgerufen am 04.03.2026; Richard Gottheil, E. Schwarzfeld; JEWISH COLONIZATION ASSOCIATION (known colloquially as the ICA or IKA), auf jewishencyclopedia.com, abgerufen am 04.03.2026; Markus Kirchhoff: Damaskus. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 2: Co–Ha. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, S. 52–60;Jonathan Frankel: The Damascus Affair. „Ritual Murder“, Politics, and the Jews in 1840. Cambridge University Press, Cambridge 1997; Ronald Florence: Blood Libel. The Damascus Affair of 1840. University of Wisconsin Press, Madison 2004; Paul Gensler: Die Damaskusaffäre. Judeophobie in einer anonymen Damaszener Chronik. Grin Verlag, München 2011; Heinrich Heine (Autor), Ernst Elster (Hrsg.): Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben. Band 1. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band 6: Vermischte Schriften (= Meyers Klassiker-Ausgaben). Bibliographisches Institut, Leipzig 1925, S. 129–300;Allgemeine Zeitung des Judenthums. IV. Jg., No. 18, Leipzig, 2. Mai 1840, S. 253 (Digitalisat der UB Frankfurt); Peter Haber: Zwischen jüdischer Tradition und Wissenschaft. Dissertation. Universität Basel 2005. Böhlau-Verlag, Köln 2006, S. 280.
Erster Zionistenkongresses 1897
Unter den Teilnehmern des Ersten Zionistenkongresses, der im Spätsommer 1897 in Basel stattfand, waren nur wenige bedeutende jüdische Persönlichkeiten vertreten. Die weitreichenden Bemühungen von Theodor Herzl, diesem Ereignis ein hohes Maß an Prestige zu verleihen, führten jedoch zu einem durchschlagenden Erfolg. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich der Zionismus zu einer politischen Bewegung von solchem Format, dass er nicht mehr ignoriert werden konnte. Herzls Werk "Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage", veröffentlicht im Februar 1896, erlangte eine bemerkenswerte Resonanz in einer Vielzahl jüdischer Zeitungen in ganz Europa. Bereits wenige Monate nach der Veröffentlichung wurde das Buch in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Englisch, Französisch, Russisch, Jiddisch, Iwrit, Rumänisch und Bulgarisch. Diese beeindruckende Verbreitung veränderte unmittelbar den Status des Autors sowie den Umfang seiner Aktivitäten. Herzl befasste sich bereits lange vor der Publikation intensiv mit der Problematik des europäischen Judentums. Zuvor agierte er jedoch weitgehend isoliert und tauschte sich nur wenig mit potenziellen Unterstützern aus, die zur Verbreitung zionistischer Ideen hätten beitragen können. Mit der Bekanntheit seines Buches konnte Herzl jedoch schnell die Aufmerksamkeit jüdischer Gemeinschaften in Europa erlangen – von Russland, Galizien und Bulgarien im Osten bis hin zu Frankreich und Großbritannien im Westen.
Bereits im Sommer 1896 reiste er in die Türkei in der Hoffnung, dort seine Vision und Pläne zu verwirklichen. Von wesentlicher Bedeutung in diesem Kontext ist die Tatsache, dass Herzl diesen schnellen Aufstieg zur Berühmtheit ohne finanzielle oder offizielle Unterstützung bewältigte. Um möglichst viele Gleichgesinnte zu mobilisieren, pflegte er einen regen Briefverkehr und reiste ausgiebig durch Europa. Schrittweise reifte die Idee, Unterstützer des Zionismus aus allen Ecken des Kontinents zu versammeln. Herzl suchte intensiv nach einem geeigneten Ort für einen solchen Kongress und rief schließlich jüdische Organisationen sowie Einzelpersonen dazu auf, sich vom 29. bis 31. August 1897 in Basel zu treffen. Die Einladung, die er verfasste, stellt klar: „Der Kongress wird die Bedürfnisse unserer an verschiedenen Orten leidenden Brüder entgegennehmen und Lösungen erörtern…“. Von Anfang an war Herzl überzeugt, dass die neutrale Rolle der Schweiz für die Organisation des Kongresses vorteilhaft sein würde. Allerdings gewährte die Schweiz einigen russischen Nihilisten Zuflucht, was bei manchen russischen Zionisten die Sorge weckte, ihre Bewegung könnte in den Augen der Behörden mit dem revolutionären Untergrund assoziiert werden. München wurde als Alternativstandort vorgeschlagen; dort jedoch waren die Reformisten gegen eine solche Versammlung, da sie befürchteten, dass die zionistischen Bestrebungen der mühsam errungenen Emanzipation – sprich der Integration – entgegenstehen würden. Für sie war die Identität als Deutsche in erster Linie von Bedeutung, und die Diskussion über eine Umsiedlung nach Palästina schien nicht opportun. Schlussendlich entschied sich Herzl erneut für Basel, und der Erste Zionistenkongress fand 1897 im Konzerthaus des Stadtcasinos statt.
Herzl arbeitete mit Hochdruck daran, den Kongress pünktlich zu eröffnen, da er fest an die Notwendigkeit glaubte, die Veranstaltung auf höchstem professionellem Niveau durchzuführen, um jeglicher Kritik an der Kompetenz der Organisatoren und der Bedeutung des Kongresses die Grundlage zu entziehen. Das Personal war mehrsprachig, und ein detailliertes Programm war im Vorfeld gedruckt worden, was sich als sowohl komplex als auch kostspielig herausstellte. Besonders Augenmerk wurde auf die Papierkarten gelegt, die an die Teilnehmer verteilt wurden. Diese waren mit einem blauen, rot umrandeten Davidstern versehen und trugen die Botschaft, dass nur die Gründung eines jüdischen Staates als Lösung der Judenfrage in Betracht käme. Darüber hinaus verlangte Herzl einen bestimmten Dresscode; alle Teilnehmer sollten in feierlicher Kleidung erscheinen, vergleichbar mit dem Besuch einer Theater- oder Opernaufführung. Eine Werbekampagne wurde ebenfalls initiiert: eine Sonderbriefmarke wurde herausgegeben, einige Pressemitteilungen vorbereitet, und Herzl besuchte persönlich die Kanzlei des Primus inter Pares (erster unter seinesgleichen) des Kantons, Gottlieb Ringier (Schweizer Bundeskanzler von 1882 bis 1909 ) um ihn zur Teilnahme an einer der Sitzungen einzuladen. Dieser Einladung folgte der Politiker, wodurch die Veranstaltung zusätzlich an Bedeutung gewann und die Berichterstattung in der Presse anregte.
Letztendlich versammelten sich etwa 200 Delegierte aus 24 europäischen Staaten und sogar den USA. Dabei repräsentierten nur 69 von ihnen zionistische Organisationen, während hunderte andere die Veranstaltung als Beobachter vom Balkon verfolgten. Der Großteil der Teilnehmer setzte sich aus emanzipierten Juden der Mittelklasse zusammen, jedoch waren auch einige Studenten, ein Kantor, ein Bauer und ein Bildhauer anwesend. Aus nationaler Perspektive war dies ein bemerkenswertes Ereignis. In den Augen der internationalen Gemeinschaft konnte Herzl jedoch nur wenig bedeutende Persönlichkeiten aus der europäischen intellektuellen Elite einbinden. Nur sein Freund Max Nordau (1849-1923), Arzt und einflussreicher Schriftsteller, sowie der britische Autor Israel Zangwill (1864-1926), ein politischer Aktivist, waren als prominente Teilnehmer zu verzeichnen.
Herzls Beziehung zur jüdischen Tradition ist bis heute ein kontroverses Thema. Einige betrachten ihn als vollständig assimiliert, verweisen auf einen frühen Tagebucheintrag, in dem Herzl eine Massentaufe der europäischen Juden als mögliche Rettungsmaßnahme in Erwägung zog. Andere hingegen heben seine enge Verbindung zum Judentum und zu jüdischen Werten hervor. Dennoch war die Mehrheit der Anwesenden tatsächlich säkular. Der religiöse Aspekt war kaum vertreten; die elf anwesenden Rabbiner hatten keinen besonderen Einfluss in der jüdischen religiösen Welt. Nichtsdestotrotz setzte sich Herzl dafür ein, die Bedürfnisse und Wünsche aller zu berücksichtigen. Bevor er den endgültigen Standort für den Kongress auswählte, stellte er sicher, dass es in Basel ein koscheres Restaurant gab, das er während des Kongresses häufig aufsuchte, obwohl er im Allgemeinen keine Kaschrut-Regeln befolgte und koscheres Essen nicht bevorzugte. Am Samstag vor der Kongresseröffnung besuchte er die Synagoge und wurde zum Lesen der Tora aufgerufen. In seinem Tagebuch notierte er, dass ihn bei seinem Aufstieg zur Bima - dem erhöhten Pult in der Synagoge, an dem während des Gottesdienstes die Tora verlesen wird - eine intensive Aufregung überkam, die seine Emotionen überwältigte und ihm die wenigen Worte, die er auf Hebräisch zu sprechen hatte, weitaus schwerer fielen als seine Eröffnungs- und Abschlussrede während des Kongresses. Herzls emotionale Erfahrungen beschränkten sich nicht nur auf das Synagogen-Erlebnis. Im Verlauf der Veranstaltung zerstreuten sich seine anfänglichen Ängste bezüglich seiner organisatorischen Fähigkeiten. "Das war großartig!" notierte er in seinem Tagebuch. Als ehemaliger Parlamentsjournalist und Autor von Theaterstücken verfügte Herzl über ein feines Gespür für die Ästhetik öffentlicher Versammlungen. Er schilderte, dass der lange Tisch auf der Bühne, der mit grünem Stoff gedeckt war, sowie die Tische für die Stenografen und Journalisten einen so starken Eindruck auf ihn machten, dass er eilte, den Saal zu verlassen, um seine Selbstbeherrschung zu bewahren. Die Eröffnung des Kongresses war beeindruckend. Mordechaj Ben-Ami (1854-1932), ein Journalist aus Odessa, schrieb: „Ich war unheimlich aufgeregt, und je näher ich dem Casino kam, desto mehr spürte ich, dass meine Beine immer schwächer wurden. Die Delegierten begrüßten sich herzlich und diskutierten leise… Herzl trat ans Podium… Er war ein völlig anderer Mensch geworden, als den ich am vorhergehenden Tag gesehen hatte… Vor uns stand eine edle Gestalt, die eher einem Engel glich, dessen tiefer, durchdringender Blick von ruhiger Größe und unaussprechlicher Trauer erfüllt war. Es war nicht mehr der sensible Doktor Herzl aus Wien, sondern ein Nachfahre Davids, der plötzlich aus der Asche auferstand und all seinen legendären Ruhm offenbarte.“
Der Erste Zionistenkongress dauerte drei Tage, wobei der Großteil der Zeit den Reden und Vorträgen der Delegierten gewidmet war, die über den Zustand der jüdischen Gemeinden in verschiedenen Ländern berichteten. Es wurden praktische Vorschläge und Lösungen diskutiert. Der Jüdische Nationalfonds sowie ein Literaturkomitee zur Förderung der jüdischen Literatur wurden gegründet. Maßnahmen zur Erfassung der statistischen Daten über die jüdische Bevölkerung wurden beschlossen. Unter tosendem Beifall und dem Schwenken von Taschentüchern zog Herzl in der abschließenden Sitzung eine Bilanz und erklärte, dass die zionistische Bewegung stolz auf ihren ersten Kongress sein könne. Die Augen vieler Anwesenden waren in diesem Moment von Tränen gefüllt.
Literatur: Asael Avelman (Segula), "Vor 125 Jahren legte der 1. Zionistenkongress den Grundstein für die Staatsgründung Israels," (nach einer Übersetzung aus dem Englischen ins Russische von Alexander Njepomnjaschij und Übersetzung aus dem Russischen von David Serebryanik) auf juedischerundschau.de, abgerufen am 04.03.2026;Hans Kilchmann: Ringier, Karl Albrecht Gottlieb. In: Biographisches Lexikon des Aargaus 1803–1957. Hrsg. von der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau. Sauerländer, Aarau 1958 (zugleich: Argovia 68/69), S. 623–624.
Ideologische Richtungskämpfe
Mit dem Tod Herzls 1904 verlor die zionistische Bewegung ihren Führer. Die Bewegung spaltete sich in verschiedene Lager, ideologische Richtungskämpfe traten offen zu Tage. Die Politisierung der jüdischen Gesellschaft Osteuropas um die Jahrhundertwende brachte nicht nur die zionistische Bewegung an die Oberfläche. Im selben Jahr wie Herzl in Basel den ersten Zionistenkongress einberief, gründeten in Wilna jüdische Sozialisten den "Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland", kurz "Bund" genannt. Sie setzten sich für eine sozialistische Gesellschaft ein, in der die Juden Osteuropas ihre jiddische Sprache und säkularisierte Kultur einbringen konnten. Der russische Historiker und Theoretiker des Judentums Simon Dubnow (1860-1941) gründete eine Jüdische Volkspartei, die sich für die Rechte der Juden als nationaler Minderheit in Osteuropa einsetzte. Wie die Zionisten argumentierte er, dass die Juden weiterhin eine Nation darstellten, jedoch hätten sie die Phase überwunden, in der sie ein eigenes Territorium benötigten. Sie könnten auf der Grundlage der Autonomierechte inmitten anderer Nationen existieren. Selbst die streng orthodoxen Juden gründeten mit der "Agudas Jissroel" vor dem Ersten Weltkrieg ihre eigene politische Organisation, die - wie Zionisten und Bundisten - später ihre eigenen Abgeordneten in nationale Parlamente schicken sollten.
Die Zionisten waren aber auch untereinander in verschiedene Lager gespalten. Der Konflikt zwischen politischen Zionisten und Kulturzionisten deutete bereits zu Lebzeiten Herzls unterschiedliche Visionen an. Im Laufe der Zeit differenzierte sich der Zionismus weiter in unterschiedliche politische Richtungen, die nur die Tatsache vereinte, dass sie alle im Land Israel eine Heimstätte für die Juden erblickten. Wie diese aussehen sollte, ob sie nach religiösen, säkular-bürgerlichen oder sozialistischen Werten organisiert sein sollte, wie die Wirtschaftsordnung und wie ihr Verhältnis zur arabischen Bevölkerung sein sollte - darüber wurde heftig argumentiert.
Die vier großen politischen Lager – Religiöse Zionisten (Misrachi), Sozialisten, Revisionisten und Allgemeine Zionisten – decken mit vielen kleinen Absplitterungen bis heute das Spektrum der politischen Landschaft des Staates Israel ab. Im Gegensatz zu der politischen Idylle, die Theodor Herzl in seinem utopischen Roman "Altneuland" über eine jüdische Gesellschaftsordnung in Palästina - erstmals 1902 in Leipzig erschienen - entwirft, bekämpften diese unterschiedlichen Gruppierungen sich oftmals auf das heftigste.
Die 1902 gegründete religiös-zionistische Partei "Misrachi" musste auf zwei Fronten kämpfen. Sie wandte sich einerseits gegen Bedenken innerhalb des orthodoxen Lagers, die in der zionistische Bewegung eine Gotteslästerung sah, da erst im messianischen Zeitalter die Juden wieder ins Land Israel geführt werden sollten - und dies gewiss nicht von einem solch säkularen Propheten wie Theodor Herzl. Andererseits bekämpfte sie innerhalb der zionistischen Bewegung die dominante säkulare Position, die die Religion innerhalb eines zukünftigen Judenstaats marginalisierte. Die Misrachi (was wörtlich "nach Osten" heißt, gleichzeitig aber auch eine Abkürzung für "geistiges Zentrum" ist) wollte keinen theokratischen Staat einrichten, aber der Religion einen respektablen Platz einräumen.
Ein großer Teil der Zionisten identifizierte sich mit sozialistischen Idealen wie der Abschaffung des Kapitalismus und dem Ideal kollektiver landwirtschaftlicher Siedlungen, die dann in Form des Kibbutz konkrete Gestalt annahmen. Sozialrevolutionäre Ideen aus dem russischen Kontext vermengten sich hier mit zionistischen Idealen. Wie im linken Lager durchaus nicht ungewöhnlich, bildeten sich nicht eine, sondern gleich mehrere konkurrierende Parteien. Für die marxistisch geprägte "Poalei Zion" ("Arbeiter Zions") lag der Grund allen antisemitischen Übels in der abnormalen wirtschaftlichen Situation der Juden. In einem eigenen Staat würden sie wirtschaftlich regenerieren und im Zuge der
sozialistischen Weltrevolution schließlich eine normale sozialistische Nation unter anderen bilden. Während die "Poalei Zion" sich als jüdisch-nationalen Ableger der Weltrevolution verstanden, war der "Hapoel Hatzair" ("Der junge Arbeiter") weniger ideologisch geprägt. Seine Vertreter dachten zwar auch in sozialistischen Kategorien, ordneten diese aber dem jüdischen Nationalismus nach. Sie betonten die Besonderheit der jüdischen Nation, die sich erst ihr eigenes Territorium erobern musste und gaben der pragmatischen Aufgabe der "Produktivierung" der Juden im Land Israel (der "Eroberung der Arbeit") Vorrang vor allen anderen Parteizielen.
Als letzte große ideologische Richtung innerhalb des Zionismus trat der Revisionismus auf den Plan. Er vertrat die bürgerlichen, antisozialistischen und stark nationalistischen Elemente innerhalb der Bewegung. Dominierende Figur des Revisionismus war bis zu seinem Tod der russische Zionist und Schriftsteller Vladimir (Ze´ev) Jabotinsky (1880-1940), eine der schillerndsten Figuren jüdischer Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Journalist, Schriftsteller und Übersetzer hatte er sich in der literarischen Welt Russlands einen Namen gemacht und als brillanter
Massenredner gelang es ihm bald, sich eine große Anhängerschaft zu sichern, deren Hauptbasis die breite Mittelklasse des polnischen Judentums der Zwischenkriegszeit bildete. Vladimir Jabotinsky sah sich als der wahre Nachfolger des von ihm bewunderten Herzl und versuchte, zunächst von innen die zionistische Bewegung zu beeinflussen. Wie jener gab er dem politischen und diplomatischen Kampf Vorrang vor den kulturellen Zielen. Zudem betonte er die Notwendigkeit des militärischen Kampfs und konnte während des 1. Weltkriegs die Gründung einer Jüdischen Legion in der
britischen Armee erreichen. Auch die Jugendorganisation "Betar", eine 1923 in Riga von Ze'ev Jabotinsky gegründete zionistische Jugendorganisation, hatte den Charakter einer paramilitärischen Gruppe. Die Organisation "Betar" (deren Name ein Akronym für "Brit Yosef Trumpeldor" darstellt), gilt als Vorläufer der israelischen Parteien Cherut und Likud ; sie betrieb einen Personenkult um Jabotinsky. Erst 1925 schuf Vladimir Jabotinsky seine eigene revisionistische Partei. Zehn Jahre später verließ er mit dieser Partei die Zionistische Organisation aufgrund ihrer angeblich zu konzilianten Linie und gründete seine eigene "Neue Zionistische Organisation".
Schließlich formierte sich auch ein vielleicht am besten als liberal zu charakterisierendes politisches Lager, das sich als "Allgemeine Zionisten" zu verstehen gab und über den Parteienkämpfen stehen wollte. Der während des Ersten Weltkriegs zur entscheidenden Figur innerhalb der Bewegung aufsteigende Chemiker Chaim Weizmann (1874-1952) - Präsident der Zionistischen Weltorganisation sowie von 1949 bis zu seinem Tod erster israelischer Staatspräsident - war die treibende Kraft in dieser gemäßigten mittleren Richtung. Vor allem seinen Verbindungen zu britischen Politikern, ausgelöst durch ein von ihm entdecktes kriegswichtiges chemisches Mittel, war es zu verdanken, dass der Zionismus im November 1917 erstmals die lang ersehnte politische Anerkennung erfuhr. In der Balfour-Deklaration, benannt nach dem damaligen britischen Außenminister Arthur James Balfour (1848-1930), versprachen die neuen Herren des Landes den Juden "eine nationale Heimstätte in Palästina". So vage diese Formulierung anmutete, so war sie doch die erste offizielle Anerkennung der zionistischen Ziele von Seiten einer relevanten Großmacht.
Literatur: Michael Brenner, "Die Entwicklung des politischen Zionismus nach Herzl," auf ww.bpb.de, abgerufen 01.03.2026; Michael Wolffsohn, Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern, 16. A., 2021, S. 41 ff.; Michael Brenner: Geschichte des Zionismus. München 2002, S. 8; Michael Brenner: Die Entwicklung des politischen Zionismus nach Herzl (28. März 2008), auf bpb.de, abgerufen am 02.03.2026; Arno Herzig: 1815-1933: Emanzipation und Akkulturation ( 5. August 2010), auf bpb.de, abgerufen am 02.03.2026; Isabel Herkommer: Zionismus. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Bd. 3, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 716;Theodor Herzl, Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Leipzig und Wien 1896; Martin Kloke: Die Entwicklung des Zionismus bis zur Staatsgründung Israels. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2010; Michael Wolffsohn, Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern, 16. A., 2021, S. 41 ff.; Michael Brenner: Geschichte des Zionismus. München 2002;Barbara Schäfer: Zionismus. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 36. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2004.
Die spirituellen und kulturellen Herausforderungen der jüdischen Identität
Im Jahr 1889 veröffentlichte Asher Zvi Hirsch Ginsberg (1856-1927), ein herausragender Denker und einflussreicher Schriftsteller des Zionismus, der unter dem Pseudonym Ahad Ha'am bekannt ist, seinen bedeutenden Artikel „Lo Ze ha-Derekh“ („Das ist nicht der Weg“) in der Zeitung "Ha'melits". Diese hebräische Publikation, die von 1860 bis 1904 im Russischen Reich erschien, zählt zu den ersten ihrer Art, die in hebräischer Sprache veröffentlicht wurde, zunächst wöchentlich und ab 1886 täglich. Während ihrer Anfangsjahre präsentierte die Zeitung ihre Inhalte ausschließlich in reinem Hebräisch, erweiterte jedoch später ihr Angebot um einen Mix aus Deutsch und Hebräisch.
In diesem Artikel signierte Ginsberg erstmals mit dem Pseudonym „Ahad Ha'am“ (Hebräisch: אַחַד הָעָם, was „einer des Volkes“ bedeutet), entlehnt aus Genesis 26:10, was seine Verbindung zum jüdischen Volk unterstreicht. Ahad Ha'ams Artikel bildet die essenzielle Grundlage für die kulturelle Zionismusbewegung und wird allgemein als von großer Bedeutung erachtet. Ginsberg übte Kritik an der Siedlungspolitik der Hovevei Zion-Bewegung in Israel und forderte tiefgreifende Veränderungen. Er kritisierte den überstürzten Verlauf des Besiedlungsprozesses, den er als fehlerhaft erachtete, da dieser zu extremen Lebensbedingungen in vielen Kolonien führte. Ginzberg argumentierte, die Bewegung habe in ihrem Eifer, das Konzept der Besiedlung zu implementieren, einen natürlichen Entwicklungsprozess unterbunden, was zu Armut und ungünstigen Bedingungen in den bestehenden Siedlungen führte. In „Das ist nicht der Weg“ äußerte Ahad Ha'am seine Bedenken hinsichtlich der massenhaften Einwanderung und Kolonisierung in Israel. Er betonte, dass das Land Israel nicht in der Lage sei, die großen Wellen der Einwanderung aus dem Exil zu bewältigen, und daher nicht als Lösung für die existenziellen Herausforderungen der jüdischen Gemeinschaft fungieren könne. Stattdessen müsse der Fokus auf der kulturellen und spirituellen Identität des jüdischen Volkes liegen. Ginzberg hob hervor, dass der jüdische Staat über die Funktion eines nationalen Zufluchtsorts hinaus eine intellektuelle und kulturelle Identität entwickeln müsse, um seine Legitimität zu rechtfertigen. Darüber hinaus schlug Ginzberg vor, dass sich die zionistische Bewegung auf die „Harcharat Halevavot“ („Die Schulung der Herzen“) konzentrieren sollte, was eine spirituell-edukative Tätigkeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft implizierte. Dies sollte schrittweise durch eine qualifizierte Minderheit erfolgen, bevor die Initiative zur Siedlung konkretisiert werden könne.
In seinem Artikel definierte Ginzberg die jüdisch-nationale Identität als säkular, jedoch mit einer starken Affinität zur Tradition. Er entblätterte das Bild von Israel als einem geistigen und kulturellen Zentrum des Judentums. Indem er den Artikel unter dem Pseudonym „Ahad Ha'am“ („einer des Volkes“) unterzeichnete; vermittelte den Eindruck, dass er ein einfacher Jude war, der sich um das Schicksal seines Volkes kümmerte. Aufgrund der Tragweite seines Werkes wird Ginzberg als Hauptvertreter des später als Kulturzionismus bezeichneten Ansatzes anerkannt, der die Errichtung eines „geistigen Zentrums“ (hebr. merkas ruhani) in Palästina propagierte. Um das Jahr 1900 engagierte sich Ginsberg im Rahmen der zionistischen Bewegung für den Kulturzionismus, welcher eine grundlegende Erneuerung der jüdischen Kultur anstrebte – eine essentielle Voraussetzung für ein starkes jüdisches Nationalbewusstsein.
Literatur: Steven J. Zipperstein, "Ahad Ha-Am," auf encyclopedia.yivo.org, abgerufen am 02.03.2026; Goldstein, Yossi (Dezember 2010). "Eastern Jews vs. Western Jews: the Ahad Ha'am–Herzl dispute and its cultural and social implications". Jewish History 24 (3–4): 355–377; Goldstein, Yossi (2010). "Eastern Jews vs. Western Jews: the Ahad Ha'am-Herzl dispute and its cultural and social implications". Jewish History 24 (3/4): 355–377; Frankell, J; Zipperstein, J (1992). Assimilation and Community. Cambridge University Press.
Kulturzionistische Bewegung
Die Vision von Theodor Herzl in Bezug auf einen "Judenstaat" war innerhalb der zionistischen Bewegung nicht unumstritten. Eine der prominentesten Kritiker war Ascher Ginsberg, bekannt unter dem Pseudonym Achad Ha'am, der in Odessa tätig war. Achad Ha'am war ein Zionist, der lange vor Herzls Formulierung des Konzepts eines jüdischen Staates aktiv war. Seine Auffassung des Zionismus unterschied sich jedoch grundlegend von derjenigen Herzls. Die zentralen Differenzen zwischen den beiden Akteuren sind folgendermaßen zusammenzufassen: Während Herzl die Errichtung eines Judenstaates anstrebte, setzte sich Achad Ha'am für die Idee eines jüdischen Staates ein. Beide waren sich einig, dass dieser nicht ausschließlich aus religiöser Perspektive betrachtet werden sollte. Herzls Ansatz legte den Fokus auf die physische Sicherheit der Juden, während Achad Ha'am die kulturelle Erneuerung des Judentums in den Vordergrund stellte. Während Herzl die Bedrohung der physischen Sicherheit abwenden wollte, war Achad Ha'am bestrebt, die kulturelle Essenz des Judentums zu bewahren. Für ihn stellte Herzls Plan eine Form der kollektiven Assimilation dar. Herzl hingegen bezeichnete das Scheitern der Assimilation als eine seiner größten Enttäuschungen, während Achad Ha'am darauf hinwies, dass der mögliche Erfolg der Assimilation und die damit verbundenen Risiken der jüdischen Identität die eigentliche Gefahrenquelle darstellten. Die Juden würden einen Staat gründen, ähnlich wie andere Nationen. In seiner kritischen Analyse von Herzls Werk "Altneuland" bemerkte Achad Ha'am: "Hier... findet man nur mechanisches Nachäffen ohne jegliche nationale Eigenheit." Im Gegensatz dazu propagierte er die Gründung eines geistigen Zentrums in Palästina, das als Keimzelle für die kulturelle Erneuerung der jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora fungieren sollte. Diese Sichtweise wird oft als "Kulturzionismus" bezeichnet. Herzls konzeptioneller Entwurf eines Judenstaates wies tatsächlich nur marginale jüdische Eigenschaften auf, abgesehen von der Herkunft seiner Bevölkerung. Er plante einen modernen Sozialstaat, in dem Gleichheit der Geschlechter herrschen sollte, einschließlich des zu diesem Zeitpunkt in Europa für Frauen noch unbekannten aktiven und passiven Wahlrechts. Auf der von Herzl gestalteten Fahne waren sieben Sterne abgebildet, die den siebenstündigen Arbeitstag symbolisieren sollten. An den Palmen hingen "elektrische Straßenlampen... wie große gläserne Früchte", eine bahnbrechende Neuerung für die damalige Zeit. Herzl war überzeugt, dass die ansässige arabische Bevölkerung von diesem theoretisch sozialen und politischen utopischen System nicht abgeneigt sein würde. Hierbei erwies sich Achad Ha'am als kritischer Denker, der potenzielle Konflikte zwischen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Siedlern voraussah und vor einem allzu naiven Glauben an Fortschritt warnte, der die beiden Gruppen zusammenbringen könnte. Daher stellt der Kulturzionismus einen wesentlichen Teil des Zionismus dar, der sich auf die kulturelle und spirituelle Wiederbelebung des jüdischen Volkes konzentriert, anstatt sich lediglich auf die politische Schaffung eines jüdischen Staates zu fokussieren. Bedeutende Vertreter, wie Achad Ha'am, betonen die fundamentale Bedeutung kultureller Identität und jüdischer Traditionen. Im Gegensatz zum politischen Zionismus, der die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina vorrangig betrachtet, stellt der Kulturzionismus die Förderung der jüdischen Kultur und des geistigen Lebens in den Vordergrund, um die jüdische Identität zu stärken und zu bewahren. Kulturzionisten sind überzeugt, dass die Beständigkeit eines jüdischen Staates nur sichergestellt werden kann, wenn das jüdische Volk über eine tragfähige kulturelle und spirituelle Grundlage verfügt. Sie engagieren sich für die Hebräische Sprache, Literatur und Traditionen, was das Konzept der kulturellen Wiederbelebung einschließt. Der Journalist Achad Ha'am, der Hauptvertreter des Kulturzionismus, berichtete bereits 1891, also sieben Jahre vor Theodor Herzl, von einer "zweifachen Zerstörung" nach seinem Besuch in Palästina. Damit wies er direkt auf potenzielle Konflikte mit der arabischen Bevölkerung hin und lenkte somit die Aufmerksamkeit auf die Herausforderungen des politischen Zionismus.
Kulturzionisten streben eine ausgewogene Balance zwischen kulturellen und politischen Zielsetzungen an und betrachten die kulturelle Identität als fundamentale Grundlage ihrer politischen Bewegung. Der Kulturzionismus hat erheblichen Einfluss auf die jüdische Identität und das gesellschaftliche Leben in Palästina ausgeübt und zur Sensibilisierung für die kulturellen Bedürfnisse sowie die spirituelle Dimension des jüdischen Lebens beigetragen, was für die Entwicklung des modernen Israels von zentraler Bedeutung ist. Diese Strömung innerhalb des Zionismus bleibt ein zentraler Aspekt der zionistischen Bewegung und prägt maßgeblich die Diskurse über die Beziehungen zwischen Juden und Arabern in der Region. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Kulturzionismus eine zentrale Rolle innerhalb des Zionismus spielt, indem er die kulturellen und spirituellen Elemente des jüdischen Lebens betont und einen integrativen Ansatz zur Schaffung eines jüdischen Staates verfolgt.
Literatur: Michael Brenner, Politischer Zionismus und Kulturzionismus (28.03.2008), auf www.bpb.de, abgerufen am 02.03.2026; Joseph Croitoru: Al-Aqsa oder Tempelberg. Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten. C.H. Beck, München 2021, S. 60.
Politischer Zionismus und Kulturzionismus
Um den politischen Zionismus präzise zu erfassen, ist die Veröffentlichung von Theodor Herzls Werk "Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" im Jahr 1896 von wesentlicher Bedeutung. Eine detaillierte Analyse zeigt, dass Herzls Argumentationen sich nur marginal von denen seiner Vorgänger, Moses Heß und Leon Pinsker, unterscheiden. In der Vorrede seiner Schrift führt Theodor Herzl aus:
"Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates. Die Welt widerhallt von Geschrei gegen die Juden, und das weckt den eingeschlummerten Gedanken auf. Ich erfinde nichts, das wolle man sich vor allem und auf jedem Punkt meiner Ausführungen deutlich vor Augen halten. Ich erfinde weder die geschichtlich gewordenen Zustände der Juden noch die Mittel zur Abhilfe. Die materiellen Bestandteile des Baues, den ich entwerfe, sind in der Wirklichkeit vorhanden, sind mit Händen zu greifen; jeder kann sich davon überzeugen. Will man also diesen Versuch einer Lösung der Judenfrage mit einem Worte kennzeichnen, so darf man ihn nicht »Phantasie«, sondern höchstens »Kombination« nennen(...)"
Die Auswirkungen seines Werkes jedoch weisen signifikante Differenzen auf. Herzl war in der Gesellschaft stärker integriert als seine Vorgänger. Als angesehener Journalist für die "Neue Freie Presse" in Wien verfasste er zudem Theaterstücke, von denen mehrere bescheidene Erfolge auf Wiens Bühnen feierten. Geboren 1860 in Budapest und mit 18 Jahren nach Wien gezogen, erlebte Herzl die vorherrschende antisemitische Stimmung sowohl als Schüler in Budapest als auch intensiver als Student in Wien. Trotz seiner Mitgliedschaft in der Burschenschaft "Albia" wurde bald ein Verbot gegen die Aufnahme jüdischer Mitglieder ausgesprochen. Im Jahr 1895 wurde Karl Lueger, ein offener Antisemit, von der Wiener Bevölkerung zum Bürgermeister gewählt und zwei Jahre später von Kaiser Franz Joseph in diesem Amt bestätigt. Lueger, der Kandidat der rechtspopulistischen christlich-sozialen Partei, gewann am 29. Oktober 1895 die Bürgermeisterwahl und hinterließ einen bleibenden Eindruck, nicht zuletzt beim jungen Adolf Hitler. Die Amtszeit Luegers in Wien ist bis heute ein umstrittenes Thema in der Erinnerungskultur.
Ein entscheidender Wendepunkt in Herzls Leben war seine Rolle als Korrespondent in Paris, wo er die Dreyfus-Affäre verfolgte. Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier, wurde 1894 aufgrund einer antisemitischen Intrige fälschlich des Landesverrats beschuldigt, was zu einem politischen Skandal führte, der Frankreich in den Bann zog.
Im September 1894 erhielt der französische Nachrichtendienst Deuxième Bureau, vermeintlich durch eine in die deutsche Botschaft eingeschleuste Spionin, ein Dokument, in dem ein anonymer Insider geheime militärische Informationen versprach. Der Verdacht fiel auf Dreyfus, dessen jüdische Herkunft ihn als "Verräter" brandmarkte. Nach seiner willkürlichen Verhaftung und einer denkwürdigen Gerichtsverhandlung, die von falschen Beweisen geprägt war, wurde Dreyfus am 22. Dezember 1894 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die ihm in Aussicht gestellten Hafterleichterungen, contingent upon a confession of guilt, wies er zurück. Am 31. Januar 1895 entschied die französische Abgeordnetenkammer über seine Verbannung auf die Teufelsinsel in Französisch-Guayana. Dreyfus wurde fälschlicherweise des Hochverrats beschuldigt und erlebte eine öffentliche Degradierung, während er dem Zorn der Bevölkerung ausgesetzt war.
Herzl stellte in seinen Berichten fest, dass die Angriffe des Mobs nicht auf persönliche Beleidigungen beschränkt blieben, sondern auch antisemitische Parolen wie "Mort aux juifs" beinhalteten. Letztlich stellte sich heraus, dass Dreyfus als Sündenbock für die Vergehen anderer instrumentalisierte wurde. Nach jahrelangen Konflikten, die die französische Gesellschaft in Dreyfusianer und Anti-Dreyfusianer spalteten, wurde schließlich Dreyfus' Unschuld bewiesen und er rehabilitiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Herzl jedoch bereits realisiert, dass Antisemitismus selbst in einem vermeintlich emanzipierten Frankreich tief verwurzelt war.
Literatur: Michael Brenner, "Politischer Zionismus und Kulturzionismus;" auf www.bpb.de, abgerufen am 28.02.2026; Beatrix Novy; "Lueger. Als die Wiener Hitlers Lehrmeister wählten," (29.10.2020), auf www.deutschlandfunk.de, abgerufen am 05.03.2026; Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. 7. Auflage. Piper, München/Zürich 2000, darin Kapitel I, Abschnitt 4: Die Dreyfus-Affäre, S. 212–272; erste deutsche Ausgabe: 1986, englische Originalausgabe: The Origins of Totalitarism. Harcourt Brace Jovanovich, New York 1951; Louis Begley: Der Fall Dreyfus Teufelsinsel, Guantanamo, Alptraum der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009;Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): J’accuse…! – … ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Begleitkatalog zur Wanderausstellung in Deutschland Mai bis November 2005. Eine Dokumentation. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2005;George R. Whyte: Die Dreyfus-Affäre. Die Macht des Vorurteils. Lang, Frankfurt am Main 2010.
Das Sykes-Picot-Abkommen - eine Analyse seiner Rolle als Konfliktauslöser
Das Sykes-Picot-Abkommen, datiert auf den 16. Mai 1916, stellte eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen von Großbritannien und Frankreich dar. Dieses Abkommen definierte die kolonialen Einflusszonen im Nahen Osten, basierend auf der voraussichtlichen Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg. In diesem Kontext wurden die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches in vier dauerhafte Einflussgebiete unterteilt. Nach der Niederlage der osmanischen Streitkräfte übernahmen Frankreich und Großbritannien die im Sykes-Picot-Abkommen festgelegten Gebiete. In der Folge kam es in der Region zu Aufständen, die jedoch von britischen und französischen Truppen niedergeschlagen wurden. Die Konferenz von San Remo im Jahr 1920 beschloss die zukünftige Verwaltung des Gebiets. Durch den Völkerbund erhielten Frankreich und Großbritannien Mandate für die von ihnen gewünschten Regionen. Mesopotamien und Palästina wurden britische Mandatsgebiete, während Frankreich Mandate über Syrien und den Libanon erhielt. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen wurden Grenzen gezogen, die ethnischen und religiösen Gruppierungen völlig unzureichend Rechnung trugen. In Folge von Sykes-Picot entstanden unter anderem die Staaten Libanon, Syrien, Jordanien und Irak, deren Grenzen bis heute bestehen. Aktuelle Konflikte in Syrien und im Irak verdeutlichen, dass die damalige Neuordnung des Nahen Ostens nach wie vor zu Spannungen führt.
Die Vorarbeiten für das Abkommen begannen bereits im November 1915, wobei die Diplomaten Sir Mark Sykes (1879-1919), ein britischer Abgeordneter und diplomatischer Berater, sowie François Georges-Picot (1870-1951), ein französischer Diplomat, eine entscheidende Rolle spielten. Zusammen schufen sie die Grundlage für die geopolitische Architektur, die heute als Naher Osten bekannt ist. Die durch gerade Grenzen festgelegten Territorien beachteten jedoch weder ethnische Zugehörigkeiten noch geografische Gegebenheiten, was zu anhaltenden komplexen Konflikten in der Region führte. Die kolonialen Mächte versäumten es, eine tragfähige Ordnung für die dortigen Völker zu schaffen. Nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches gab es geheime Absprachen zwischen den britischen und französischen Regierungen, die der betroffenen Bevölkerung unbekannt blieben und zur Destabilisierung der Region beitrugen. Bereits 1913 hatte das Osmanische Reich erhebliche Teile seines Territoriums verloren; es blieb jedoch eine anerkannte, wenn auch regional begrenzte Macht im Nahen Osten. Dieses Machtverhältnis weckte das Interesse der kriegführenden Parteien, insbesondere der Briten, die ihre Einflussmöglichkeiten aufgrund der strategischen Bedeutung der Region für den Zugang nach Indien erweitern wollten. Frankreich hingegen hatte spezifische Interessen in Syrien und dem Libanon, während das Deutsche Kaiserreich eine Eisenbahnverbindung von Berlin über Bagdad bis zum Persischen Golf anstrebte, die sowohl wirtschaftlichen als auch militärischen Wert hatte.
Angesichts dieser geopolitischen Ambitionen trat das Osmanische Reich zunächst als neutral auf, entschied sich jedoch letztlich, Deutschland beizutreten, was die Interessen der Alliierten an der Region abermals minderte, als der militärische Druck auf Deutschland zunahm. Der britisch-amerikanische Historiker Bernard Lewis, der als Berater des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush agierte, unterstrich, dass innerhalb der britischen Regierung während des Krieges umfassende Beratungen zur Nachkriegsordnung stattfanden. Ein Komitee empfahl eindringlich, das Osmanische Reich nach dessen Niederlage zu erhalten, da alternative Szenarien katastrophale Auswirkungen auf den Nahen Osten haben könnten; dieser Vorschlag fand jedoch nicht die erforderliche Beachtung.
Die Abmachungen zwischen Großbritannien und Frankreich, resultierend aus den Verhandlungen zwischen Sykes und Picot, führten zu einer Teilung, die weder der historischen Realität noch den Bedürfnissen der regionalen Bevölkerung gerecht wurde. Durch feste und oftmals willkürliche Grenzziehungen wurden politische Landkarten neu gestaltet, ohne bestehende ethnische, kulturelle und historische Gegebenheiten zu berücksichtigen, was insbesondere den Kurden erheblichen Schaden zufügte, die später in internationalen Diskussionen um staatliche Anerkennung kämpfen mussten. Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, das parallel mit der Hussein-McMahon-Korrespondenz (15. Juli - August 1916) entstand, die den Arabern britische Unterstützung im Falle eines Aufstands zusicherte, stellte eine erhebliche Diskrepanz dar, die tiefgreifende Konsequenzen für die Region hatte.
Literatur: Elie Kedourie: In the Anglo-Arab Labyrinth: The McMahon-Husayn Correspondence and its Interpretations, 1914–1939. Cambridge University Press, 1976; Tariq Tell: Husayn-McMahon Correspondence, in: 1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War, herausgegeben von Ute Daniel et al., Freie Universität Berlin, Berlin 2017; Hans-Jürgen Kornrumpf: Die osmanische Herrschaft auf der arabischen Halbinsel im 19. Jahrhundert, in: Hans-Jürgen Kornrumpf: Beiträge zur osmanischen Geschichte und Territorialverwaltung. Isis, Istanbul 2001, S. 40–50.
Die Hussein-McMahon-Korrespondenz (15. Juli - August 1916)
Die Hussein-McMahon-Korrespondenz (15. Juli – August 1916) bezieht sich auf einen Austausch von Briefen zwischen Hussein ibn Ali, dem Führer des Hedschas, und Sir Henry McMahon, dem britischen Hochkommissar in Ägypten, der in den Jahren 1915–1916 stattfand. Der Inhalt dieser Korrespondenz war von entscheidender Bedeutung für die politische Zukunft der arabischen Länder im Nahen Osten und reflektierte das Bestreben Großbritanniens, einen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft zu initiieren. Die Äußerungen McMahons wurden von den arabischen Mitwirkenden als Zusage zur arabischen Unabhängigkeit interpretiert; diese Interpretation wurde jedoch durch die nachfolgende Teilung der Region gemäß dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen von Mai 1916 infrage gestellt, wobei Großbritannien und Frankreich die Kontrolle über die Gebiete übernahmen. Eine zentrale Kontroversität ergab sich hinsichtlich Palästinas, das britische Behörden und auch McMahon im Nachgang der Korrespondenz als von dem Versprechen nicht umfasst ansahen. Im November 1917 bekräftigte Großbritannien mittels der Balfour-Deklaration sein Engagement für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte. Die Diskussion um die Hussein-McMahon-Korrespondenz wurde erneut anlässlich dieser Erklärung aufgegriffen. Wachsende Kritik führte im Jahr 1922 zu einer offiziellen Stellungnahme des Kolonialministers Winston Churchill, dem sogenannten Churchill White Paper, in dem sowohl die Balfour-Deklaration als auch McMahons Sichtweise zur Palästinafrage systematisch dargelegt wurden. In der Folge wurden sowohl die völkerrechtliche Relevanz der Korrespondenz als auch die darin verwendeten Formulierungen eingehend erörtert, insbesondere im Hinblick auf von der Zusage ausgenommene Distrikte und deren geografische Definition.
Die Debatte über spezifische Formulierungen gestaltete sich jedoch komplex, da die Briefe übersetzt wurden und der britische Untersuchungsausschuss, der erst Jahrzehnte später (1939) einberufen wurde, lediglich über Rückübersetzungen der arabischen Fassungen der McMahon-Briefe verfügte. Der Ausschuss erreichte schließlich eine generelle, wenig prägnante Schlussfolgerung, die besagte, dass eine abschließende Beurteilung der Hussein-McMahon-Korrespondenz und ähnlicher Korrespondenzen, einschließlich der sogenannten Hogarth-Botschaft, in Bezug auf spezifische Versprechungen nicht möglich sei. Grundsätzlich wurde jedoch festgestellt, dass Großbritannien sich verpflichtet hatte, die Zukunft Palästinas unter Berücksichtigung der Interessen der dort lebenden Bevölkerung zu gestalten.
Literatur: "Pre-State Israel: The Hussein-McMahon Correspondence (July 15 - August 1916)," auf jewishvirtuallibrary.org, abgerufen am 05.03.2026; Elie Kedourie: In the Anglo-Arab Labyrinth: The McMahon-Husayn Correspondence and its Interpretations, 1914–1939. Cambridge University Press, 1976; Tariq Tell: Husayn-McMahon Correspondence, in: 1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War, herausgegeben von Ute Daniel et al., Freie Universität Berlin, Berlin 2017; Hans-Jürgen Kornrumpf: Die osmanische Herrschaft auf der arabischen Halbinsel im 19. Jahrhundert, in: Hans-Jürgen Kornrumpf: Beiträge zur osmanischen Geschichte und Territorialverwaltung. Isis, Istanbul 2001, S. 40–50.
McMahon-Brief 1915
In einem längeren Briefwechsel - McMahon-Brief vom 20.10.1915 (Auszug) - zwischen dem britischen Hohen Kommissar in Ägypten, McMahon, und dem Scherif Hussein von Mekka (1915/16) erklärten die Engländer:
„Was also jene Gebiete angeht, die innerhalb der Grenzen liegen, in denen Großbritannien Handlungsfreiheit hat, ohne den Interessen seines Verbündeten Frankreich zu schaden, bin ich im Namen der Regierung von Großbritannien ermächtigt, Ihnen folgende Zusicherung zu geben und damit folgende Antwort auf Ihren Brief:
1. Unter Beachtung der oben angeführten Änderungen ist Großbritannien bereit, die Unabhängigkeit der Araber in allen Gebieten innerhalb der durch den Scherif von Mekka geforderten Grenzen anzuerkennen und zu unterstützen.
2. Großbritannien wird die Heiligen Stätten gegen jede Aggression von außen schützen und ihre Unverletzlichkeit anerkennen.
3. Wenn es die Situation erlaubt, wird Großbritannien die Araber mit Rat unterstützen und ihnen helfen, die jeweils beste Regierungsform in den verschiedenen Territorien zu errichten.
4. Auf der anderen Seite gilt es als vereinbart, dass die Araber Ratschlag und Führung einzig und allein bei Großbritannien suchen werden und dass Berater und Beamte, soweit sie zum Aufbau einer geregelten Verwaltung nötig sind, Briten sein werden.“
McMahon-Brief vom 20.10.1915
Quelle: Böhme, Jörn/ Sterzing, Christian: Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. 7. aktualisierte und erweiterte Auflage. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag 2014, S. 15 f.
Die Balfour-Deklaration
Die Balfour-Deklaration, datiert auf den 2. November 1917, stellt eine formelle Erklärung der britischen Regierung dar, in der das Vereinigte Königreich seine Unterstützung für das Ziel des Zionismus, das erstmals 1897 formuliert wurde, bekundet. Diese Zielsetzung sah die Schaffung einer „nationalen Heimstätte“ für das jüdische Volk in Palästina vor. Diese Deklaration war ein wesentlicher Schritt in Richtung der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina und hatte nachhaltige Auswirkungen auf die jüdische Geschichte sowie auf die internationalen Beziehungen.
Der Inhalt dieser wichtigen Erklärung wurde in einem Schreiben des britischen Außenministers Arthur James Balfour (1848-1930) an Lionel Walter Rothschild, 2nd Baron Rothschild (1868-1937), einem britischen Bankier, Politiker und Mitglied der Rothschild-Familie, dargelegt. In diesem Schreiben versprach die britische Regierung, die zionistischen Bestrebungen nach besten Kräften zu unterstützen. Die damalige britische Regierung unter Premierminister David Lloyd George (1863-1945) erhoffte sich durch diese Zusicherung eine Mobilisierung zusätzlicher Ressourcen im Verlauf des Ersten Weltkriegs sowie langfristige strategische Vorteile. Die Zusage wurde jedoch unter der Bedingung der Wahrung der Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina sowie des Status der Juden in anderen Ländern erteilt. Zu jener Zeit war Palästina noch Teil des Osmanischen Reiches, befand sich jedoch während des Ersten Weltkriegs unter britischem militärischen Druck.
Die Entscheidung der britischen Regierung war sowohl durch strategische Überlegungen, einschließlich Kriegstaktik und Geopolitik, als auch durch ideologische Motive wie den Zionismus beeinflusst. Die Zielsetzung bestand darin, die jüdische Gemeinschaft in den USA und Russland durch die Unterstützung des Zionismus zu mobilisieren, um Druck auf ihre Regierungen auszuüben, damit der Krieg fortgeführt werden konnte. Ein britisches Protektorat in Palästina sollte zudem den strategisch wichtigen Suezkanal in Ägypten absichern. Namhafte Persönlichkeiten wie Arthur Balfour und Premierminister David Lloyd George waren von der christlich-zionistischen Ideologie sowie dem moralischen Recht der Juden auf eine eigene nationale Heimat überzeugt. Am 31. Oktober 1917 eroberten britische Truppen, einschließlich einer australischen und neuseeländischen Kontingent, unter dem Kommando von General Edmund Allenby die Stadt Be’er Scheva (Schlacht von Beerscheba). Gaza fiel am 7. November, Jaffa am 16. November, und am 9. Dezember 1917 wurde Jerusalem eingenommen.
Die Balfour-Deklaration, adressiert an die Verantwortlichen der zionistischen Weltorganisation, gilt als einer der prägendsten Texte der modernen Geschichte des Nahen Ostens. Sie stellt eine entscheidende Verpflichtung zur Gründung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina dar und fand 1922 Eingang in das Völkerbundsmandat für Palästina, wodurch sie völkerrechtlich bindend wurde. Das Völkerbundsmandat umfasste ein vormals osmanisches Territorium in der südlichen Levante, das sich vom Mittelmeer bis zu beiden Seiten des Jordans erstreckte und von den Briten während des Ersten Weltkriegs erobert worden war. Bei der Konferenz von Sanremo am 19. April 1920 wurde das Gebiet Großbritannien zugesprochen.
Diese Erklärung war jedoch äußerst problematisch, da sie im Widerspruch zu anderen britischen Zusagen, wie der McMahon-Hussein-Korrespondenz, stand, in der den Arabern Unabhängigkeit zugesichert wurde. Darüber hinaus legte sie die Grundlage für die massive jüdische Einwanderung und die spätere Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Während die Balfour-Deklaration in Israel als historischer Wendepunkt gefeiert wird, wird sie von den Palästinensern als Ursprung von Enteignung und Vertreibung („Nakba“ - 'Katastrophe‘ oder ‚Unglück‘) angesehen. Der Entwurf der Erklärung wurde unter anderem von dem zionistischen Aktivisten Chaim Weizmann(1874-1952) Präsident der Zionistischen Weltorganisation, israelischer Politiker und von 1949 bis zu seinem Tod erster israelischer Staatspräsident, dessen enger Berater Aḥad Haʿam war, sowie dem britischen Abgeordneten Sir Mark Sykes vorbereitet. Leon Simon (1881-1965), ein britischer Zionistenführer war Mitautor der Balfour-Deklaration von 1917, deren Entwurf er am 17. Juli 1917 verfasste.
In Form eines Schreibens übermittelte der damalige britische Außenminister Arthur James Balfour, der Palästina erstmals Ende März 1925 besuchte, die Antwort der britischen Regierung im November 1917 an Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild, einem prominenten britischen Zionisten. Darin wurde der zionistischen Bewegung die Unterstützung der britischen Regierung zugesichert:
„Lieber Lord Rothschild, ich freue mich, Ihnen im Namen der Regierung Seiner Majestät die folgende Erklärung zur Sympathie mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen mitzuteilen, die dem Kabinett vorgelegt und von diesem genehmigt wurde. 'Die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk wird von der Regierung Seiner Majestät mit Wohlwollen begrüßt. Sie wird ihr Bestes tun, um das Erreichen dieses Ziels zu erleichtern, wobei unmissverständlich klarzustellen ist, dass nichts unternommen werden darf, was die Bürger- und Religionsrechte der nicht-jüdischen Bevölkerung in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern beeinträchtigt.' Ich bitte Sie, diese Erklärung der Zionistischen Föderation zur Kenntnis zu nehmen.“
Diese Erklärung wurde 1922 als Teil der Präambel des Völkerbundmandats für Palästina in das Mandat integriert (Vertrag von Sèvre 1920).
Die britische Regierung, die das Gebiet seit dem Ersten Weltkrieg besetzt hatte, entzog sich jedoch ihrer Verantwortung, geschwächt durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs und anhaltende Sabotageakte seitens jüdischer und arabischer Extremisten, im Jahr 1947. Sie übertrugen die Verantwortung an die Vereinten Nationen. Mit der Resolution der UN-Vollversammlung vom 29. November 1947, die eine Teilung Palästinas in einen arabischen und einen israelischen Staat vorsah, eskalierten die Unruhen zwischen Arabern und Juden erheblich.
Seit Verabschiedung des UN-Teilungsplans und der Gründung des Staates Israel kam es im ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina wiederholt zu bewaffneten Konflikten zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Der UN-Teilungsplan für Palästina wurde am 29. November 1947 von der UN-Generalversammlung als Resolution 181 (II) angenommen. Die Resolution sollte den Konflikt zwischen arabischen und jüdischen Bewohnern des britischen Mandatsgebiets Palästina lösen. Die Resolution beinhaltete die Beendigung des britischen Mandats und sah vor, Palästina in einen Staat für Juden und einen für Araber aufzuteilen, wobei Jerusalem (einschließlich Bethlehem) als Corpus separatum unter internationale Kontrolle gestellt werden sollte. Die beiden neuen Staaten sollte eine Wirtschaftsunion verbinden, und sie sollten demokratische Verfassungen erhalten. Mehrere Faktoren verhinderten, dass dieser Teilungsplan zu einer friedlichen und demokratischen Lösung für Palästina führen konnte. Dazu gehören einerseits die Interessen der Großmächte, andererseits die Weigerung der arabischen Staaten, eine Teilung Palästinas zu akzeptieren, weil sie diese als illegal ansahen und stattdessen die volle Unabhängigkeit unter arabischer Herrschaft forderten.
Die britische Regierung erhoffte sich durch diese Erklärung die Unterstützung zionistischer Organisationen weltweit in ihren Kriegsanstrengungen gegen die Mittelmächte, insbesondere in den USA und Russland. Diese Überlegungen wurden durch den Sturz des Zaren in Russland während der Februarrevolution begünstigt, da die Juden in Russland und in den USA den Zaren als Hauptfeind betrachteten. Somit fiel ein bedeutendes Hindernis für die Mobilisierung zionistischer Kreise auf Seiten der Entente weg. Zudem erforderten Informationen über deutsche Verhandlungen mit Zionisten und Osmanen, die im Juni 1917 in London bekannt wurden, eine dringliche Unterstützungserklärung zugunsten einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Angesichts der Tatsache, dass sich die bedeutendsten jüdischen Bevölkerungsgruppen in den USA und Russland befanden und dass die Handlungen der US-amerikanischen und russischen Regierungen kriegsentscheidend schienen, ergriffen prominente Mitglieder der britischen Regierung, darunter Arthur James Balfour und Lloyd George, zunehmend die Überlegungen, die Chaim Weizmann und Lucien Wolf während des Krieges vorgeschlagen hatten, um britische Unterstützung zu gewinnen. Lucien Wolf (1857-1930) war ein englisch jüdischer Journalist, Diplomat, Historiker , und Verfechter der Rechte für Juden und andere Minderheiten. Wolf war den Minderheitenrechten verpflichtet, und lehnte den jüdischen Nationalismus ab, wie er im Zionismus zum Ausdruck kommt; er betrachtete den jüdischen Nationalismus als Anreiz für Antisemitismus. Wolf war Mitbegründer der anti-zionistische Liga der britischen Juden (1917).
Literatur:Lorenzo Kamel: Terra contesa – Israele, Palestina e il peso della storia. In: Collana Frecce. Nr. 345. Carocci editore, Roma 2022, S. 185; „Hintergrund-Infos. Nahostkonflikt Israel - Palästina,“ auf www.aref.de, abgerufen am 02.03.2026; Jonathan Schneer (Hrsg.): The Balfour Declaration. The origins of the Arab-Israeli conflict. Bloomsbury, London 2010, S. 436; Jonathan Schneer (Hrsg.): The Balfour Declaration. The origins of the Arab-Israeli conflict. Bloomsbury, London 2010, S. 132, 135, 157, 344, 345; James Renton: The Balfour Declaration: its origins and consequences. (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) In: Jewish Quarterly, Frühjahr 2008, Nummer 209; Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes von den Anfängen bis zur Gegenwart. 4. Auflage. C. H. Beck Verlag, München 1995, S. 1221, 1227; Robert John, Sami Hadawi: The Palestine Diary. Vol. I. New World Press, New York 1970, S. 115; Markus Kirchhoff: Balfour-Deklaration. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 1: A–Cl. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, S. 243–250; Josef Fraenkel: Lucien Wolf and Theodor Herzl. London: Jewish Historical Society of England, 1960; Max Beloff: Lucien Wolf and the Anglo-Russian Entente, 1907–1914. London: Jewish Historical Society of England, 1951; Leon Simon (1881-1965) war ein britischer Zionistenführer und Mitautor der Balfour-Deklaration von 1917; Mark Levene: Conjoint Foreign Committee. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 2: Co–Ha. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, S. 28–31.
Die Konferenz von Sanremo 1920
Die Konferenz von Sanremo fand vom 19. bis 26. April 1920 in Sanremo, Italien, statt und stellte einen entscheidenden Schritt in der Neuordnung der Einflusszonen im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg dar. Im Rahmen dieser Konferenz einigten sich Frankreich und Großbritannien auf eine Neuverteilung ihrer Einflussbereiche in der Region. Diese Vereinbarungen bauten auf dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 sowie verschiedenen Erklärungen der kriegführenden Mächte zur Nachkriegsordnung auf. Die Konferenz wurde von dem aufkommenden arabischen Nationalismus geprägt, der eine Beendigung des de facto bestehenden Besatzungszustands im Nahen Osten anstrebte. Dagegen suchten die Besatzungsmächte nach einer Legitimierung ihrer dominierenden Rolle, die durch die Zuweisung von Völkerbundmandaten gestützt werden sollte.
Frankreich erhielt das Mandat für Syrien und den Libanon, während Großbritannien die Mandate für Palästina (beiderseits des Jordan) sowie für Mesopotamien (heute Irak) inklusive des kurdischen Nordiraks erhielt. Aufgrund des Sykes-Picot-Abkommens war ursprünglich eine internationale Verwaltung für Palästina vorgesehen, was jedoch nicht realisiert wurde. Die Konferenz bereitete auch den Weg für den Frieden von Sèvres im August 1920 mit der Türkei, der jedoch im Vertrag von Lausanne 1923 erheblich revidiert wurde. Die Mandatsvergabe erfolgte zunächst durch das Alliierte Oberkommando und wurde am 24. Juli 1922 durch den Völkerbund ratifiziert.
Die Folgen dieser Konferenz hatten weitreichende Auswirkungen auf die Grenzverläufe und zukünftige Staatlichkeit im Nahen Osten und bildeten den Ausgangspunkt für zahlreiche Konflikte, deren Langzeitwirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind.
Nach dem Ersten Weltkrieg zählte die rechtliche Definition der Einflusszonen zu den vorrangigen Interessen der europäischen Siegermächte. Diese strebten durch ein neu eingeführtes Mandatssystem die Verwirklichung ihrer geostrategischen, politischen und wirtschaftlichen Ambitionen an. Der 1919 gegründete Völkerbund sah sich gemäß Artikel 22 des Vertrages von Versailles legitimiert, den fortgeschrittenen Nationen die Vormundschaft über Völker zu übertragen, die in der Lage waren, sich in der komplexen modernen Welt nicht selbst zu verwalten. Die arabische Halbinsel sowie die heutigen Staaten Syrien, Jordanien und Irak sollten in einen souveränen arabischen Staat zusammenwachsen. Die Araber vertrauen der Zusage und erhoben sich gegen ihre türkischen Besatzer. Unbekannt war ihnen jedoch, dass nur wenige Wochen nach Beginn ihres Aufstands Frankreich und Großbritannien in einem geheimen Abkommen die Aufteilung ihrer Einflusszonen im Nahen Osten nach dem Krieg festlegten. In Sanremo wurde dieses Abkommen zur Grundlage der Verhandlungen.
Während die Balfour-Deklaration, die die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina vorsah, in Sanremo völkerrechtlich sanktioniert wurde, erlebten die Araber einen Bruch der Vereinbarungen: Von einem unabhängigen arabischen Staat war nicht mehr die Rede. Die Konferenz führte dazu, dass Großbritannien die Mandate für Palästina, Transjordanien und den Irak erhielt, während Frankreich Syrien und den Libanon zugewiesen wurde. Diese willkürlichen territorialen Zuweisungen und Grenzziehungen in Sanremo legten den Grundstein für ein instabiles geopolitisches Umfeld im Nahen Osten, dessen Auswirkungen bis heute relevant sind.
Literatur: Helmuth K. G. Rönnefarth / Heinrich Euler: Konferenzen und Verträge. Vertrags-Ploetz. Teil II, 4. Band: Neueste Zeit 1914-1959. 2. erw. Auflage Würzburg: A. G. Ploetz Verlag, 1959, S. 50f.; Monika Köpcke, Beginn der „Konferenz von Sanremo“, 19.04.2020 (Archiv), auf deutschlandfunk.de, abgerufen am 02.03.2026.
Vertrag von Sèvres 1920
Der Vertrag von Sèvres war ein 1920 unterzeichneter, aber nicht ratifizierter Friedensvertrag, der die Aufteilung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg regelte. Der Vertrag von Sèvres wurde am 10. August 1920 in der französischen Stadt Sèvres zwischen den Alliierten des Ersten Weltkriegs – darunter Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Griechenland, Armenien, Polen, Portugal, Rumänien und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen – und dem Osmanischen Reich abgeschlossen. Der Vertrag von Sèvres, abgeschlossen am 10. August 1920, stellt einen maßgeblichen Friedensvertrag dar, der das Osmanische Reich nach dem Ersten Weltkrieg offiziell auflöste und signifikante territoriale Umgestaltungen im Nahen Osten einleitete. Obwohl dieser 1920 in Sèvres, nahe Paris, mit der Türkei unterzeichnete Vertrag nie in Kraft trat, gilt er als einer der bedeutendsten völkerrechtlichen Verträge des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ziel einer umfassenden Neugestaltung des Nahen Ostens legte er die Grundlagen für die Expansion des britischen Weltreiches und eine neue Ordnung im Völkerrecht. Der Vertrag wurde zwischen den alliierten Mächten, darunter Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan, sowie dem Osmanischen Reich abgeschlossen und war Teil der Pariser Vorortverträge, die den Ersten Weltkrieg formal beendeten. Angesichts der Umstände wurde der Vertrag als Diktatfrieden angesehen, da er unter dem Druck der Siegermächte erlassen wurde, ohne dass die osmanische Regierung in der Lage war, die Bedingungen zu verhandeln. Zu den zentralen Inhalten des Vertrages gehörten: (a) territoriale Verluste, wobei das Osmanische Reich große Teile seines Gebiets, einschließlich Regionen in Syrien, Mesopotamien und Armenien, einbüßte, die unter Mandate des Völkerbundes gestellt werden sollten; (b) die Gründung eines jüdischen Nationalheims, das in Palästina etabliert werden sollte, was auf die Balfour-Deklaration zurückgeht; und (c) die Aufteilung der arabischen Provinzen unter den Siegermächten, was eine Umstrukturierung der politischen Gegebenheiten im Nahen Osten zur Folge hatte.
Der Vertrag von Sèvres trat nie in Kraft, da er auf erheblichen Widerstand der türkischen Nationalbewegung stieß, die im Türkischen Befreiungskrieg gegen die Alliierten kämpfte. Er wurde schließlich 1923 durch den Vertrag von Lausanne ersetzt, welcher die Grenzen der modernen Türkei festlegte und deren Souveränität anerkannte. Der Vertrag zielte darauf ab, das Osmanische Reich territorial zu zerschlagen und die Kontrolle über strategische Regionen den Siegermächten zu sichern. Der Vertrag von Sèvres wurde nicht ratifiziert, da der Türkische Befreiungskrieg unter Mustafa Kemal Atatürk unvermindert weiterging. Der Widerstand der türkischen Nationalbewegung führte schließlich zur Aufhebung des Vertrags und zur Unterzeichnung des Vertrags von Lausanne 1923, der die Gründung der Republik Türkei und die Abschaffung des Sultanats und des Kalifats regelte. Die geplante Aufteilung des Osmanischen Reiches führte zu Instabilität und Konflikten in der Region und prägte die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens nachhaltig.
Obwohl der Vertrag von Sèvres nie in Kraft trat, gilt er als Symbol für die territorialen Ambitionen der Alliierten und die Schwäche des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg. Er beeinflusste die türkische Politik nachhaltig und führte zu einem starken nationalistischen Widerstand, der die moderne Türkei formte. Der Vertrag wird in der Geschichtsforschung oft im Zusammenhang mit dem sogenannten Sèvres-Syndrom diskutiert, das die türkische Wahrnehmung von ausländischer Einmischung und territorialen Ansprüchen beschreibt.
In der geopolitischen Betrachtung des 20. Jahrhunderts nimmt der Vertrag von Sèvres eine herausragende Stellung ein, indem er grundlegende Änderungen in der politischen Landschaft des Nahen Ostens herbeiführte und zur Expansion des British Empire beitrug. Ferner spielte er eine wesentliche Rolle bei der Entstehung des sogenannten „Sèvres-Syndroms“ in der modernen Türkei, einer weit verbreiteten Wahrnehmung, dass ausländische Mächte bestrebt sind, die Türkei zu schwächen. Insgesamt war der Vertrag von Sèvres ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte, der nachhaltige Auswirkungen auf die politischen und territorialen Strukturen im Nahen Osten hatte.
Literatur: Miriam Gassner, Der Vertrag von Sèvres. Vertragstext und Analyse des Friedensschlusses mit der Türkei vom 10. August 1920 im Kontext der Pariser Vorortverträge, Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2023; Gerd Brendel, 100 Jahre Vertrag von Sèvres. Das unverdaute Ende des Osmanischen Reichs, 29.07.2020 (Archiv), auf deutschlandfunkkultur.de, abgerufen am 02.03.2026.
Churchill-Weißbuch von 1922
Der offizielle Titel des Weißbuchs vom 3. Juni 1922, das häufig als „Churchill-Weißbuch“ und gelegentlich als „Britische Politik in Palästina“ bezeichnet wird, lautet „Palästina – Korrespondenz mit der palästinensischen arabischen Delegation und der zionistischen Organisation“. Dieses Dokument umfasst neun separate Schriftstücke sowie das als Anhang zu Dokument # 5 beigefügte „Memorandum von Churchill“. Es wurde auf Initiative von Sir Winston Leonard Spencer-Churchill (1874-1965) erstellt, der zu diesem Zeitpunkt das Amt des Staatssekretärs für die Kolonien innehatte, und geschah teilweise in Reaktion auf die Unruhen in Jaffa im Jahr 1921. Während das Dokument das britische Engagement für die Balfour-Erklärung und das Versprechen eines „jüdischen Nationalheims in Palästina“ bekräftigt, definiert es gleichzeitig die britische Politik in der Region. Es betont, dass die Schaffung einer jüdischen Heimat in Palästina erfolgen soll, ohne dabei die nationale Identität der arabischen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Zudem wird die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes berücksichtigt, um die jüdische Einwanderung zu regulieren. Um Spannungen zwischen Arabern und Juden in Palästina zu verringern, fordert das Weißbuch eine Regulierung der jüdischen Einwanderung in Abhängigkeit von den wirtschaftlichen Kapazitäten des Landes. Diese Maßnahme wurde von vielen innerhalb der zionistischen Bewegung als bedeutsamer Rückschritt interpretiert. Das Dokument bestätigt das Rückkehrrecht des jüdischen Volkes in sein angestammtes Land, führt jedoch die finanzielle Situation der Einwanderungsbewerber als Bedingung für die Einreise an.
Das Weißbuch, eine Initiative von Winston Churchill in seiner Funktion als britischer Kolonialminister, stellt eine Reaktion auf den Widerstand der palästinensischen Araber sowie auf die Unruhen in Jaffa von 1921 dar. Die Veröffentlichung fand nach der Balfour-Erklärung von 1917 statt, die eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina versprach, und der Bestätigung des britischen Mandats über Palästina während der San-Remo-Konferenz im Jahr 1920. Das Churchill-Weißbuch behandelt mehrere zentrale Aspekte: (a) Begrenzung der jüdischen Heimstätte: Palästina sollte nicht vollständig zu einer jüdischen nationalen Heimstätte werden; dieser Status sollte innerhalb Palästinas geschaffen werden, während das Gebiet östlich des Jordan an Emir Abdallah übertragen wurde; (b) Regulierung der Einwanderung: Die Anzahl der jüdischen Einwanderer sollte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes nicht überschreiten, um Spannungen zwischen Arabern und Juden zu vermeiden; (c) Schutz der arabischen Bevölkerung: Das Weißbuch betont die Notwendigkeit, die bestehenden Rechte der arabischen Bevölkerung zu wahren und die Entwicklung eines jüdischen Staates in Palästina zu verhindern; (d) Doppelte Verpflichtung: Großbritannien strebte an, seinen Verpflichtungen gegenüber Juden und Arabern ausgewogen nachzukommen, was häufig zu Interpretationskonflikten führte.
Das Weißbuch fand teilweise Unterstützung innerhalb der zionistischen Bewegung, da es das Recht auf Einwanderung bestätigte, jedoch nur in begrenztem Umfang. Die palästinensischen Vertreter wiesen es hingegen entschieden zurück. Das Dokument wurde im Rahmen der Palestine-Order in Council rechtsverbindlich umgesetzt und bildete die Grundlage für später veröffentlichte Weißbücher, die die britische Mandatspolitik in Palästina weiter regulierten, einschließlich des Zweiten Weißbuchs von 1930, das als „Weißbuch“ von Lord Passfield, dem britischen Kolonialminister, bekannt ist, und nach den blutigen Unruhen von 1929 veröffentlicht wurde. Es stellte die Fortsetzung des jüdischen Establishments in Palästina in Frage und befürwortete die vorrangige Beschäftigung der arabischen Bevölkerung, sogar innerhalb jüdischer Unternehmen. Das Dritte Weißbuch wurde am 17. Mai 1939 nach der Großen Arabischen Revolte in Palästina veröffentlicht und ist als „Weißbuch“ des Kolonialministers Malcolm MacDonald bekannt. Es wurde im Anschluss an eine anglo-judäo-arabische Konferenz in London im Februar 1939 verfasst. In den 1930er Jahren verfolgte die britische Politik jedoch das Ziel, die jüdische Einwanderung zu dämpfen. Die von der Jewish Agency ausgestellten Einwanderungsbescheinigungen waren den Anträgen untergeordnet, was zu einer weitreichenden illegalen jüdischen Einwanderung führte. Die Verfassung des Mandatsgebiets Palästina, offiziell bekannt als die Palestine-Order in Council (erlassen im Rat am 10. August 1922), stellte die kodifizierte Verfassung des Mandatsgebiets dar. Sie wurde erstmals am 1. September 1922 in einer Sonderausgabe der Palestine Gazette veröffentlicht und galt als Verfassung für Palästina, die vom König im Buckingham Palace unterzeichnet wurde. Am 1. September 1922 bestätigte der Hohe Kommissar für Palästina, Herbert Samuel, mit einer Proklamation das Inkrafttreten der Palestine-Order in Council. Der Text dieser Erklärung wurde in das britische Mandat für Palästina integriert, ein Rechtsdokument, das mit dem klaren Ziel der Umsetzung der Erklärung geschaffen wurde und letztendlich im September 1923 formalisiert wurde. Im Gegensatz zur Erklärung selbst war das Mandat für die britische Regierung rechtlich bindend. Im Juni 1924 berichtete Großbritannien an die Ständige Mandatskommission über den Zeitraum von Juli 1920 bis Ende 1923 und unterließ die Erwähnung der in den internen Dokumenten enthaltenen Offenheit; die Dokumente zur Neubewertung von 1923 blieben bis Anfang der 1970er Jahre geheim.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Churchill-Weißbuch von 1922 eine zentrale Rolle in der britischen Mandatspolitik in Palästina spielt, da es den Versuch darstellt, die Schaffung einer jüdischen Heimstätte mit dem Schutz der arabischen Bevölkerung in Einklang zu bringen, während gleichzeitig Regelungen zur jüdischen Einwanderung unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Kapazitäten festgelegt wurden.
Literatur: „British White Paper of June 1922,“ auf avalon.law.yale.edu, abgerufen am 05.03.2026; „Weißbuch Churchill,“ auf de.knowledgr.com, abgerufen am 05.03.2026.
Historische Analyse und Kontextualisierung
- Palästina 1917-1922
Ende des 1. Weltkriegs besetzten die Briten vom Osmanischen Reich ein Gebiet im Nahen Osten und nannten es "Palästina". Am 2. November 1917 schrieb der britische Außenminister Balfour in einem Brief, der sogenannten Belfour-Erklärung an die zionistische Bewegung (Baron Lionel W. Rothschild), die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina zu fördern. Am 10.08.1920 unterzeichneten im Pariser Vorort Sèvre die Siegermächte des 1.Weltkriegs und der osmanische Sultan Muhammad VI. einen Friedensvertrag. Darin verzichtet das Osmanische Reich auf alle Gebiete außerhalb Kleinasiens: Palästina und Mesopotamien (Irak) gehen an Großbritannien, Syrien und der Libanon an Frankreich, Armeniern und Kurden wird das Recht auf Unabhängigkeit zugebilligt.
Da die Balfour-Erklärung nur allgemein von der Schaffung einer „Nationalen Heimstätte für die Juden“ sprach, und weder die Frage der Einwanderung noch die der politischen Organisation und die Grenzen des künftigen Palästina behandelte, mussten diese Fragen noch geklärt werden. Jüdische Organisationen (z. B. der American Jewish Congress) forderten nach internen Beratungen im Dezember 1918 zunächst die Schaffung von Bedingungen, welche die „Entwicklung Palästinas zu einem Commonwealth“ sichern würden. Chaim Weizmann warnte vor den enthusiastischen Bestrebungen, den „jüdischen Staat“ sofort schaffen zu wollen. Er vertrat die Ansicht, einen jüdischen Staat in Palästina könne es erst geben, wenn es dort eine jüdische Bevölkerungsmehrheit gebe. Diese Auffassung wurde auch von Winston Churchill, Arthur Neville Chamberlain und Jan Christiaan Smuts geteilt.
Am 27. Februar 1919 trugen Chaim Weizmann, Nachum Sokolow und Menachem Ussishkin vor dem Obersten Alliierten Rat ihre Vorstellungen vor: Förderung der Zuwanderung und Ansiedlung, Anerkennung einer offiziellen Vertretung der Juden in Palästina und eine Bevorzugung von Juden bei der Vergabe von Konzessionen für unerschlossenes Land. Eine autonome Regierung wurde vonseiten Weizmanns, der gegen Widerstand aus den eigenen Reihen seine sehr gemäßigte Linie durchsetzen konnte, nicht angestrebt. Zunächst erbat man sich die Zuwanderung von jährlich 80.000 Juden und den Aufbau eines hebräischen Bildungssystems. Wenn die Juden die große Mehrheit bildeten, so Weizmann, wären sie reif dafür, ein Regierungssystem zu errichten, das ihrer Entwicklung entspräche. Während Weizmann aus den eigenen Reihen Kritik für seine Zurückhaltung erntete, stieß er bei den Alliierten auf Zustimmung.
Von arabischer Seite gab es zunächst keinen Protest gegenüber der Balfour-Deklaration. Erst als verschiedene Auffassungen der Deklaration bekannt wurden, legte man Wert auf eine eigenständige Stellungnahme, damit arabische Interessen berücksichtigt würden. Deshalb strebten die jüdischen Vertreter auch eine Übereinkunft mit arabischen Repräsentanten an. Zu diesem Zweck traf Weizmann Ende 1918 in London Faisal I., Sohn des Königs Hussein, und schloss mit ihm am 3. Januar 1919 das Faisal-Weizmann-Abkommen, in dem die von Faisal geleitete Delegation den jüdischen nationalen Bestrebungen und der jüdischen Einwanderung nach Palästina zustimmte. Als Bedingung wurde die Verwirklichung der arabischen Unabhängigkeit vereinbart, die jedoch nicht realisiert wurde, sodass das Faisal-Weizmann-Abkommen hinfällig wurde. Die Times veröffentlichte am 12. Dezember 1919 einige Statements, die den vermeintlichen Erfolg der Verhandlungen verdeutlichen sollten. Darin heißt es, dass sich die beiden Hauptzweige der semitischen Familie mit Verständnis gegenüber ständen. Die Araber empfänden keinen Neid gegenüber den Juden und strebten eine faire Zusammenarbeit an, wie es ihnen auch von jüdischer Seite zugesichert worden sei. In einer Denkschrift
erklärte Faisal:
„Die Juden stehen den Arabern blutsmäßig sehr nahe und zwischen den beiden Völkern gibt es keinen Konflikt der Charaktere. Grundsätzlich besteht zwischen uns absolutes Einvernehmen.“
Der Jewish Chronicle vom 3. Januar 1919 zitiert Faisal wie folgt:
„Mir wurde von Leuten, die sich selbst als zivilisiert bezeichnen, gesagt, die Juden wollten unsere Moschee in Jerusalem als ihren Tempel und sie wollten die Bauernschaft von Palästina unterdrücken und ausrotten. Ich für meinen Teil weiß, dass kein wirklicher Jude solche Absichten hegt. Diese Erfindungen beeindrucken uns nicht. Wir fordern Freiheit für die Araber, und wir würden uns ihrer unwürdig erweisen, wenn wir nicht, wie ich es jetzt tue, die Juden zu Hause willkommen heißen und mit ihnen im Rahmen der Möglichkeiten des arabischen Staates zusammenarbeiten würden.“ (John 1970, S. 115)
Nachdem in weiteren Gesprächen Vorbehalte Faisals ausgeräumt worden waren, wandte er sich in einem Brief an Felix Frankfurter, einen bedeutenden US-amerikanischen Zionisten. Darin schätzte er die jüdischen Absichten als maßvoll ein und schrieb weiter:
„Wir werden den Juden ein herzliches Willkommen in der Heimat entbieten […]. Die jüdische Bewegung ist national und nicht imperialistisch und es gibt in Syrien für jeden von uns Platz. Ja ich bin der Ansicht, dass keinem ohne den anderen ein echter Erfolg beschieden sein kann.“ (Ben-Sasson 1995, S. 1221).
Faisal hatte seine Zustimmung zur Balfour-Deklaration an die Erfüllung der Zusage der Unabhängigkeit geknüpft, welche die Briten während des Krieges gemacht hatten. Diese Zusagen wurden jedoch nicht eingehalten. Kritiker schenken dem Faisal-Weizmann-Abkommen keine Aufmerksamkeit, weil es nie in Kraft trat. Dennoch ist es eine Tatsache, dass ein führender Kopf einer arabischen Nationalbewegung und die zionistische Seite
eine Einigung erzielten. Dies kann als Anzeichen interpretiert werden, dass jüdische und arabische Bestrebungen nicht zwangsläufig hätten gegensätzlich sein müssen. Dass Faisal partikulare Interessen vertrat und nicht Sprecher der arabischen Welt und möglicherweise nicht einmal der Araber Palästinas war, zeigt die am 2. Juli 1919 verabschiedete Resolution eines Syrischen Kongresses arabischer Nationalisten, der sich darin explizit gegen die Ansprüche, „im südlichen Teil Syriens, Palästina genannt, ein jüdisches Gemeinwesen zu schaffen“, aussprach. Arabische Delegationen
protestierten vor einer vom US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson entsandten Kommission. Nach Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und Großbritannien darüber, wer das Völkerbundsmandat für bzw. über Palästina erhalten solle, wurde im April 1920 eine Einigung erzielt und das Mandat den Briten übertragen. Der Dankbarkeit der jüdischen Seite stand die Frustration der arabischen Seite gegenüber. David Lloyd George teilte das Amt des Britischen Hochkommissars in Palästina Sir Herbert Samuel zu, der Jude war. Das Mandat sollte die Balfour-Deklaration in die Praxis umsetzen. Doch schon zu Beginn der Amtszeit Samuels zeigte sich, dass er nicht konsequent auf die Verwirklichung der Zusagen zusteuerte. Er beließ Angehörige der Militärverwaltung im Dienst, die nicht bereit waren, die Deklaration umzusetzen, und versuchte das Vertrauen der Araber durch Zugeständnisse an ihre Forderungen zu gewinnen. Die Mandatsregierung gestattete zwar die Einwanderung, tat aber sonst nichts für die Förderung eines jüdischen Staates. Am 10.08.1920 unterzeichneten im Pariser Vorort Sèvre die Siegermächte des 1.Weltkriegs und der osmanische Sultan Muhammad VI. einen Friedensvertrag. Darin verzichtet das Osmanische Reich auf alle Gebiete außerhalb Kleinasiens: Palästina und Mesopotamien (Irak) gehen an Großbritannien, Syrien und der Libanon an Frankreich, Armeniern und Kurden wird das Recht auf Unabhängigkeit zugebilligt. Die Balfour-Deklaration fand 1920 Aufnahme im Friedensvertrag der Alliierten mit der Türkei. Am 24. Juli 1922 wurde die Deklaration auch in das Völkerbundsmandat für Palästina aufgenommen, das die Bedingungen für die vorübergehende Übernahme der Verwaltung des Landes durch Großbritannien mit Rücksicht auf seine jüdische und arabische Bevölkerung festlegte. Die israelische Unabhängigkeitserklärung im Mai 1948 war somit mindestens mittelbar eine Folge der Balfour-Deklaration.
"Hintergrund-Infos. Nahostkonflikt Israel - Palästina," auf www.aref.de, abgerufen 02.03.2026; Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes von den Anfängen bis zur Gegenwart. 4. Auflage. C. H. Beck Verlag, München 1995,1121,1227; Robert John, Sami Hadawi: The Palestine Diary. Vol. I. New World Press, New York 1970, S. 115,158, 171, 29
Die Balfour-Deklaration von 1917 sowie ihre weitreichenden Implikationen
Eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ versprach die Erklärung des britischen Außenministers Arthur Balfour vom 2. November 1917. Sie ist nur 67 Worte lang – und hat doch den Lauf der Geschichte im Nahen Osten verändert. Der Israel-Palästina-Konflikt scheint heute mehr denn je unlösbar zu sein. Vor mehr als hundert Jahren, am 2. November 1917, wurde jenes Dokument veröffentlicht, das ihn provoziert hat: die Balfour-Erklärung. Sie versprach den Juden eine nationale Heimstätte und den Arabern, dass ihre Rechte nicht beschnitten würden. In dieser Erklärung versichert der damalige britische Außenminister Lord Arthur Balfour dem prominentesten Vertreter der zionistischen Bewegung in England, dem Zweiten Lord Rothschild, die Unterstützung der Regierung und der britischen Krone beim Aufbau einer nationalen Heimstätte in Palästina. Die Balfour-Erklärung legte den Grundstein zu dem bis heute andauernden Konflikt zwischen Juden und Arabern. Diese Erklärung adressierte der britische Außenminister Lord Arthur Balfour am 2. November 1917 an den Zweiten Lord Rothschild, Lionel Walter Rothschild:
„Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie diese Erklärung der Zionistischen Vereinigung zur Kenntnis bringen würden. Ihr Arthur Balfour“
Vier Entwürfe hatte es gegeben, bevor diese endgültige Fassung veröffentlicht wurde, "einer der außergewöhnlichsten Momente in der Geschichte des jüdischen Volkes. Wenn man bedenkt, dass es 3.000 Jahre dauerte, bis es soweit war.“, so der Vierte Lord Rotschild, Jacob Rothschild, Großneffe des Zweiten Lord Rothschild, Lionel Walter Rothschild.
Am 31. Oktober 1917 stimmte das britische Kriegskabinett schlussendlich einer fünften Textfassung zu. Zwei Tage später brachte ein Bote Lord Lionel Walter Rothschild den Brief zu seiner Londoner Residenz: Piccadilly Nummer 148: „Adressing the declaration to Lord Rothschild served a number of purposes.“
James Renton, Professor of History, Geography & Social Sciences, Edge Hill University im Nordwesten Englands mit Spezialisierung auf die britisch-zionistischen Beziehungen während des Ersten Weltkriegs, erläutert bereits im Jahr 2017, warum die Erklärung an Lord Rothschild adressiert wurde:
„Erstens war Rothschild der Mittelpunkt des britisch-jüdischen Establishments. Zweitens hatte der Name Rothschild zu dieser Zeit nicht nur in der jüdischen, sondern in der ganzen Welt einen magischen Klang. Rothschild war die Verkörperung der vielbeschworenen jüdischen Macht. Lord Rothschild zum Adressaten zu machen, bediente das Bild vom britisch-jüdischen Establishment und demonstrierte zugleich die engen Beziehungen zwischen britischer Regierung und zionistischer Bewegung."
Lionel Walter Rothschild war das Aushängeschild des Zionismus in Großbritannien und der Welt. Die wahren Unterhändler auf dem Weg zur Balfour-Erklärung waren aber der Generalsekretär des Zionistischen Welt-Kongresses, Nachum Sokolov, Nahum ben Joseph Samuel Sokolow (1859-1936) a Jewish-Polish writer, ,journalist, the fifth President of the World Zionist Organization, and statesman, und der in Weißrussland geborene, in Darmstadt und Berlin ausgebildete Chemiker Chaim Weizmann (1874-1952), Präsident der Zionistischen Weltorganisation, israelischer Politiker und von 1949 bis zu seinem Tod erster israelischer Staatspräsident Chaim Weizmann lehrte seit 1904 an der Universität Manchester.
Im Jahr 1906 trafen Chaim Weizmann und Lord Arthur Balfour in Manchester erstmals aufeinander. In einem persönlichen Gespräch hatte Weizmann die Gelegenheit, Balfour über seine zionistischen Visionen zu informieren und zu erläutern, warum er es für wenig sinnvoll hielt, Juden in Uganda oder an einem anderen Ort als in Palästina anzusiedeln. In seinen Erinnerungen schildert der israelische Wissenschaftler und Politiker Chaim Weizmann (1874-1952) einen prägnanten Austausch mit Balfour: „Plötzlich fragte ich ihn: 'Mr. Balfour, würden Sie Paris annehmen, falls man Ihnen London anbieten würde?' Er erhob sich, blickte mich an und erwiderte: 'Aber, Dr. Weizmann, London haben wir.' 'Zweifellos', entgegnete ich, 'doch Jerusalem war bereits vorhanden, als London noch ein Sumpfgebiet war.' Daraufhin lehnte er sich zurück, betrachtete mich und formulierte zwei Sätze, die mir unvergesslich blieben: 'Gibt es viele Juden, die so denken wie Sie?' Ich antwortete: 'Ja, Millionen, von denen Sie nichts wissen und die sich nicht selbst zu Wort melden können... Sie könnten die Straßen meines Landes damit pflastern.' Daraufhin entgegnete er: 'Wenn das so ist, dann werden Sie eines Tages Ihr Ziel erreichen.'"
Der Veröffentlichung der Balfour-Erklärung waren monatelange Verhandlungen zwischen Vertretern der zionistischen Bewegung und der britischen Regierung vorangegangen. In der Londoner „Times“ wurden zahlreiche Artikel veröffentlicht, die die Vor- und Nachteile einer jüdischen Heimstätte in Palästina diskutierten. Einige Mitglieder der britischen sozialen- und politischen Elite äußerten besorgt, ihr Patriotismus könnte in Frage gestellt werden, sollten sie sich für einen jüdischen Nationalstaat einsetzen. Die Juden wurden als religiöse Gemeinschaft betrachtet und es wurde argumentiert, dass sie keine eigene nationale Heimat beanspruchen könnten. Dieser Argumentation widerspricht jedoch die Balfour-Erklärung, die vom jüdischen Volk spricht. Dennoch wurde auch die Besorgnis assimilierter Juden hinsichtlich eines möglichen Verlusts ihres Status und ihrer Rechte in der Balfour-Erklärung berücksichtigt: „... wobei nichts geschehen soll, was (...) die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte", wie Jacob Rothschild im Jahr 2017 über seinen Großonkel, Lionel Walter Rothschild, den Zweiten Lord Rothschild, anmerkte.
Weltweit spürten Juden, dass die Balfour-Erklärung den Beginn einer neuen Ära markierte, und feierten sie begeistert. Zum ersten Mal erkannte eine Weltmacht die Verbindung der Juden zu ihrem angestammten Land an und kündigte die Wiedergeburt des jüdischen Volkes als nationale Einheit an. Das in London erscheinende „Jewish Chronicle“ kommentierte: „Mit einem Schritt hat die jüdische Sache einen bedeutenden Fortschritt erzielt. Für uns bricht eine neue Epoche an. Inmitten all der Dunkelheit, Tragik und Bedrückung auf der Welt erstrahlt ein großes Licht für das jüdische Volk. Eine jahrhundertealte Wolke lichtet sich, das greifbare Zeichen, dass der Jude, der seit 2000 Jahren zu immens ungerechter Verfolgung verurteilt wurde, nun endlich zu seinem Recht kommt.“ Auch in den USA fanden diese Entwicklungen überwiegend Zustimmung unter den Juden – rund zwei Jahrzehnte, nachdem Theodor Herzl sein Werk „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ veröffentlicht hatte.
Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Balfour-Erklärung kam es zu Kontroversen, die bis heute Führungskräfte und Wissenschaftler beschäftigen, die die Entstehungsgeschichte und die Auswirkungen der Balfour-Erklärung analysieren. Dabei entstehen vielfältige Interpretationen: Rashid Ismail Khalidi, ein US-amerikanischer Historiker, bezeichnet die Erklärung als eine Kriegserklärung an die Palästinenser. James Renton, Professor für Geschichte, Geographie und Sozialwissenschaften an der Edge Hill University, fordert eine uneingeschränkte Entschuldigung der britischen Regierung für die Balfour-Erklärung. Rabbi Lord Jonathan Sacks (1948-2020), ehemaliger Oberrabbiner des Vereinigten Königreichs, beschreibt die Balfour-Erklärung als einen grundlegenden Bruch im Rahmen des Imperialismus. Die Balfour-Erklärung umfasste lediglich 67 Worte, die jedoch Raum für weitreichende Interpretationen boten. James Renton hat den Interpretationsspielraum dieser Worte über Jahre hinweg sorgfältig untersucht. In seinem 2007 veröffentlichten Buch „The Zionist Masquerade: The Birth of the Anglo-Zionist Alliance 1914-1918“ beschreibt er die Beziehungen zwischen der britischen Regierung und der zionistischen Bewegung während des Ersten Weltkrieges: „Die Debatte darüber, was die britische Regierung der zionistischen Bewegung konkret versprochen hat, wird seit der Veröffentlichung der Balfour-Erklärung intensiv geführt. Die britische Regierung interessierte sich nicht für eine Präzisierung oder die Auswirkungen der Erklärung auf das Heilige Land. Ihr einziges Interesse galt der Nutzung des vermeintlichen Einflusses der jüdischen Gemeinschaft für ihre eigenen Zwecke. Sie war fehlgeleitet der Auffassung, dass Unterstützung des Zionismus ihnen den von ihnen angenommenen Einfluss sichern würde. Folglich eröffnete die britische Regierung unmittelbar nach Veröffentlichung der Balfour-Erklärung ein Propagandabüro, um so viel politisches Kapital wie möglich aus der Erklärung zu schlagen.“
Die britische Regierung war nicht präzise, als sie von einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ sprach. Es war unklar, ob damit ein kulturelles Zentrum oder ein Staat gemeint war. Der Historiker James Renton berichtete, keine Hinweise in den Archiven gefunden zu haben, die darauf hindeuten, dass die britische Regierung mit der Balfour-Erklärung die Gründung eines jüdischen Staates anstrebte. "Um die Balfour-Erklärung angemessen zu verstehen, muss zunächst das geistige Klima der Briten zu dieser Zeit berücksichtigt werden", so die Politikwissenschaftlerin Rosemary Hollis (1952-2020), Professorin für Nahost-Politik an der City University London bis zu ihrem Ruhestand 2018. Sie erklärte 2017: „Das Empire befand sich damals in voller Blüte. Der Einsatz britischer Truppen war Teil einer imperialen Expansionsstrategie. Am Ende des Ersten Weltkriegs eroberten die Briten nicht nur Palästina, sondern auch den Irak und das spätere Jordanien. Ihre militärische Position am Persischen Golf wurde verstärkt, sowie im Gebiet des heutigen Jemens, und sie waren die mächtigste Kraft hinter dem Thron in Ägypten. Die Geisteshaltung der Briten war imperialistisch, elitär und rassistisch. Alle Völker, die sie kontrollierten, wurden nach ethnischer und religiöser Zugehörigkeit kategorisiert. Heutzutage wird dies als extrem rassistisch erachtet, doch damals galt es als wissenschaftlich.“ Es blieb unklar, wie die wohlwollende Betrachtung der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit den Rechten der dort lebenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Einklang gebracht werden könne. Dennoch brachte die Erklärung einen Subtext mit sich, so Rosemary Hollis: „Die Vorstellung der Briten war, dass die europäischen Juden, die die zionistische Bewegung leiteten, in der Lage wären, Palästina zu kolonisieren, was wiederum positiv für die arabische Bevölkerung sein sollte, die von den Briten als rückständig und zivilisatorisch minderwertig als die europäischen Juden angesehen wurde.“
Im Herbst 1917 führte General Edmund Henry Hynman Allenby (1861-1936), Kommandant der britischen Truppen in Ägypten, einen Feldzug gegen die osmanische Armee sowie deren deutschen und österreichisch-ungarischen Verbündeten. Zwei Tage vor der Veröffentlichung der Balfour-Erklärung eroberte Allenby Beersheva, darauf folgten am 7. November Gaza und am 16. Jaffa. Am 9. Dezember fiel Jerusalem. In seiner Biografie über Jerusalem beschreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore ("Jerusalem. A biography") die Kontroversen, die zu jener Zeit zwischen Arabern und Juden in den Cafés geführt wurden: „Das Meinungsspektrum war auf beiden Seiten bemerkenswert vielfältig. Bei den Juden reichte es von ultraorthodoxen, die den Zionismus als gotteslästerlich betrachteten, über jene, die sich ein vollständig integriertes jüdisches Konzept in einem von Arabern dominierten Nahen Osten vorstellen konnten, bis hin zu nationalistischen Extremisten, die von einem bewaffneten jüdischen Staat mit einer relativ rechtlosen arabischen Minderheit ausgingen. Bei den Arabern existierten nationale Fundamentalisten, die am liebsten alle jüdischen Einwanderer vertreiben würden, sowie liberale Demokraten, die, unterstützt durch Juden, einen arabischen Staat aufbauen wollten. In arabischen Intellektuellenkreisen wurde auch darüber debattiert, ob Palästina zu Syrien oder Ägypten gehören sollte.“
Rashid Ismail Khalidi, ein renommierter US-Historiker und Nahostwissenschaftler, lehrt moderne arabische Studien an der Columbia University in New York und ist Direktor des dortigen Nahost-Instituts. Er hat Dutzende Artikel arabischer Zeitungen dieser Ära ausgewertet und stellt fest: „Die überwiegende Mehrheit der Artikel stand der zionistischen Bewegung äußerst skeptisch und kritisch gegenüber. Die Menschen waren dieser Thematik nicht ignorant, sie verfolgten die zionistischen Kongresse und öffentlichen Äußerungen ihrer Führer und wussten im Großen und Ganzen, was die Zionisten beabsichtigten: Palästina von arabisch zu jüdisch umzuformen.“
Chaim Weizmann war der Überzeugung, dass die in Palästina lebenden Araber vor den neu angesiedelten Juden nichts zu befürchten hätten. Vielmehr betrachtete er das Gedeihen einer nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes als eng verbunden mit einer Verständigung zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Weizmann äußerte sich in einer Rede vor arabischen Delegierten im Gouverneursgebäude von Jerusalem: „Wir beabsichtigen, hier die Bedingungen für die ideelle und materielle Entwicklung der Menschen unseres Volkes zu schaffen, die sich aus freiem Willen entschlossen haben, hierher zu kommen. Und wir sind überzeugt, dass dies möglich sein wird. Es muss möglich sein, dies nicht zum Nachteil der großen Gemeinschaften zu tun, die bereits im Land Bürgerrechte genießen, sondern im Gegenteil zu ihrem Nutzen. In Palästina gibt es genug Land und Raum. Jegliche Befürchtungen, die offen oder im Stillen von den Arabern geäußert wurden, dass sie von dem Boden, auf dem sie sitzen, vertrieben werden sollen, beruhen auf einem großen Missverständnis oder auf Täuschungen seitens unserer Gegner.“
Im Jahr 1918 endete der Erste Weltkrieg, und in Paris begannen die Friedensverhandlungen. Chaim Weizmann strebte eine Annäherung an den haschemitischen Emir Faisal I. an, der seinerseits einen arabischen Aufstand zur Unabhängigkeit Syriens und Palästinas von der osmanischen Herrschaft führte. Faisal I. (Faiṣal b. aš-Šarīf Ḥusain b. aš-Šarīf ʿAlī al-Hāšimī; 1885-1933 in Bern) war aus der Haschimiten-Dynastie hervorgegangen und während des Ersten Weltkriegs militärischer Führer der Arabischen Revolte. Nach dem Ende des Osmanischen Reiches regierte Faisal 1920 kurzzeitig das Königreich Syrien, bevor er von 1921 bis 1933 als König des Irak fungierte. Gegenüber Weizmann bemerkten sie viele Übereinstimmungen, sodass sie sich im Januar 1919 in einem Abkommen zur „engst möglichen Zusammenarbeit“ verpflichteten. Zwei Wochen vor der Unterzeichnung des Abkommens wurde Faisal in einem Artikel der „Times“ zitiert: „Die beiden Hauptzweige der semitischen Familie, Araber und Juden, verstehen einander, und ich hoffe, dass die Resultate unserer Diskussionen bei der Friedenskonferenz (...) beiden Nationen Fortschritte bei der Verwirklichung ihrer Ziele ermöglichen werden. Die Araber sind nicht auf die zionistischen Juden eifersüchtig und beabsichtigen, ihnen fair zu begegnen, ebenso wie die zionistischen Juden den national gesinnten Arabern gegenüber ebenso fair sein werden.“
Für den US-Historiker Rashid Khalidi ist das Faisal-Weizmann-Abkommen jedoch kein Beweis für eine tragfähige Annäherung zwischen Arabern und Zionisten. Er verweist auf eine von Faisal ergänzte Klausel, die besagt, dass alle Absprachen des Abkommens an die Bedingung geknüpft sind, dass die Briten ihre Zusagen zur staatlichen Unabhängigkeit der Araber einhalten: „Die Briten hielten ihre Zusagen nie ein. Meiner Meinung nach spiegelt das Abkommen nicht wirklich die Geisteshaltung der beiden Unterzeichner Faisal und Weizmann wider, sondern wurde aus einem Zwang heraus geschlossen. Weizmann unterstützte die Briten voll und ganz dabei, Druck auf Faisal auszuüben, der sich in einer ausweglosen Lage befand. Die Syrer hatten ihn zum König von Syrien ernannt, doch die Briten erkannten ihn nicht an. Er war zwischen den Briten und der öffentlichen Meinung in Syrien gefangen.“
Unweigerlich stell sich die Frage: Stellten Zionisten und Araber nur Figuren auf dem imperialen Schachbrett der Briten dar? Rashid Khalidi kann diese Auffassung mit seinen Forschungsergebnissen untermauern: „Der entscheidende Faktor für die Balfour-Erklärung war die Überzeugung der Briten, dass sie Palästina als strategischen Puffer im Osten Ägyptens benötigten. Diese Erkenntnis hatte sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg gefestigt, zwischen 1906 und 1914. Als die osmanische Armee 1915 den Suezkanal erreichte, verstärkte sich die strategische Dringlichkeit zur Sicherung Ägyptens im Osten. Die britische Regierung war fest entschlossen: 'Wir müssen Palästina kontrollieren.' Das war der eigentliche Antrieb hinter der Balfour-Erklärung. Ihr Zustandekommen hing nicht primär mit den Zionisten zusammen. Der britische Weg zum Erreichen dieses Ziels führte über die Unterstützung des Zionismus, da sie die USA zum Eintritt in den Krieg bewegen wollten, und einige von ihnen fanden das Entstehen einer nationalen Heimstätte für juden in Palästina aus philosemitischen oder antisemitischen Motiven sinnvoll. Letztendlich bleibt abzuwarten, ob diese Überlegungen von Bedeutung waren oder nicht.“
Bis heute bleibt die Balfour-Erklärung ein zentraler Punkt, an dem viele Stränge des israelisch-palästinensischen Konflikts zusammenlaufen. Die Debatten über ihre Interpretation hatten sich in den Monaten rund um den hundertsten Jahrestag bereits intensiviert. So betonte Präsident Mahmoud Abbas im September 2016 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen den offiziellen Standpunkt der Palästinenser zur Balfour-Erklärung: „Wir fordern Großbritannien auf, nun, 100 Jahre nach Inkrafttreten dieser Deklaration, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um seine historische, rechtliche, politische und moralische Verantwortung zu übernehmen, einschließlich einer Entschuldigung an die Palästinenser für diese Katastrophe, diese Ungerechtigkeit und all das Elend, sowie Schadensbegrenzung und die Anerkennung des palästinensischen Staates. Das wäre das Mindeste, das Großbritannien tun könnte.“ Abbas’ Forderung ignoriert allerdings, dass die Balfour-Erklärung rechtlich nicht bindend war. Sie stellte vielmehr lediglich eine Erklärung der Sympathie dar. Erst als Großbritannien 1920 das Völkerbundmandat für Palästina erhielt, trat die in der Balfour-Erklärung formulierte Zusage zur Unterstützung beim Aufbau einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina de jure in Kraft. Dennoch ist Mahmoud Abbas nicht allein mit seiner Forderung nach einer Entschuldigung. Auch der britische Historiker James Renton erachtet eine solche Entschuldigung als dringend notwendig. Seine Begründung ist differenzierter: „Ich bin überzeugt, die britische Regierung sollte sich für die Balfour-Erklärung entschuldigen, insbesondere weil sie die Realität des Zionismus und der arabischen Bevölkerung Palästinas zu jener Zeit nicht verstand. Sie hat Chaos verursacht, indem sie sowohl unter den Juden Palästinas als auch weltweit verbreitete, dass dies der Beginn des jüdischen Nationalismus sei, während sie gleichzeitig in Palästina verbreiteten, dass dies der Beginn des arabischen Nationalismus sei. Die britische Regierung war überzeugt, dass sie all dies managen und kontrollieren könnte, aber das war ihr nicht möglich. Die Erwartungen, die die Briten während des Ersten Weltkriegs weckten, trugen erheblich zur Explosion nationalistischer Bewegungen und der Konflikte zwischen ihnen bei.“
Im Jahr 1947, 30 Jahre nach der Balfour-Erklärung, entschloss sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Am 14. Mai 1948 verkündete David Ben-Gurion die Unabhängigkeit des Staates Israel. Daraufhin reagierten die Araber nicht mit der Gründung eines palästinensischen Staates, sondern mit militärischen Angriffen, um das israelische Staatsgebiet zurückzugewinnen – jedoch ohne Erfolg. Die staatliche Souveränität Israels ist eine gegebene Tatsache, während der Konflikt zwischen Israelis und Arabern ungelöst bleibt. Dieser Konflikt ist nicht zuletzt eine Folge des europäischen Kolonialismus. Der koloniale Blick der Briten auf Palästina hat Konflikte provoziert, unter denen die Bewohner der Region bis heute leiden.
Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist lösbar: Beide Seiten könnten miteinander ins Gespräch kommen. Sie könnten lernen, die Geschichte des anderen nicht länger zu verleugnen und das Erbe des anderen zu respektieren. Um dies zu ermöglichen, ist es zwingend notwendig, dass alle Akteure außerhalb der Region ihre eigenen Interessen zurückstellen und ernsthaft für Frieden eintreten. Sie müssen sich von dem Geist der Balfour-Erklärung distanzieren, der auf dem spekulativen Gewinn auf Kosten anderer basiert.
Quelle: Ruth Kinet, "Die Balfour-Deklaration von 1917. Wer hat wem was versprochen?" (01.11.2017), auf deutschlandfunkkultur.de, abgerufen am 06.03.2026;
Literatur: Daniel Zylbersztajn, "Der Historiker James Renton forscht derzeit in Florenz – sein Schwerpunkt ist die Erklärung von 1917" (07.08.2017), auf juedische-allgemeine.de, abgerufen am 06.03.2026.
"The Centenary of the Balfour Declaration"
Am 5. Juli 2017 nahm Rabbi Lord Sacks an einer Debatte im House of Lords anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Balfour-Erklärung teil. Wir laden Sie ein, seine Rede anzusehen oder das Protokoll seiner Ansprache einzusehen. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, die gesamte Debatte im House of Lords ("Hansard") nachzulesen.
Transcript
"My Lords, the Balfour Declaration in 1917 was a significant moment in history for three reasons
First it was a momentous reversal of imperialism. It gave back to the Jewish people the home that had been seized by empire after empire, the Assyrians, Babylonians, Persians, Greeks, Romans, and the Christian and Muslim empires that fought one another for centuries for control of the Jewish land.
Second, what eventually became the state of Israel was the only non-artificial creation among a host of artificial states, among them Jordan, Lebanon, Syria, Iraq and Libya that had never been states before and thus still exist in a state of ethnic, religious and tribal strife. Only Israel had previously existed as a nation state, which it had done 3000 and 2000 years ago.
Third, it was a brave, if failed, attempt to prevent what later became clear at the Evian Conference in 1938, when the Jewish people, facing what Hitler called vernichtung, extermination, had not one square inch it could call “home” in the sense defined by the poet Robert Frost as the place where, when you have to go there, they have to let you in. No people should lack a home, not Palestinians, and not Jews. Which is why it is tragic that a century after the Balfour declaration, significant groups still seek to deny the Jewish people a home, among them Iran, and Hezbollah and Hamas, two groups that the leader of Her Majesty’s Opposition has in the past called “friends.” Friends of violence and terror, yes. Friends of humanity, no.
My Lords, it is shameful that the Jewish people still has to fight for the right to exist in the land that for 33 centuries it has called home. Yet constantly threatened though it is by missiles, terror and delegitimation, it has achieved so much in science, medicine, technology and humanitarian aid, that I urge Her Majesty’s Government to acknowledge the State of Israel as living testimony to the power of hope to triumph over hate."
Quelle: "The Centenary of the Balfour Declaration," auf rabbisacks.org, abgerufen am 06.03.2026
- Palästina 1922 - 1947
Als Sir Winston Churchill (1874-1965) Palästina besuchte, führte er Gespräche mit Emir Abdallah ibn Husain I. (1882-1951), der von 1921 bis zu seinem Tod 1946 als Emir und anschließend als König von Transjordanien, dem späteren Jordanien, regierte. In den Ausführungen, die im Weißbuch von Churchill von 1922 festgehalten sind, wurde einerseits die Kontinuität der britischen Unterstützung für die Balfour-Deklaration betont, während andererseits den Arabern die Aussicht auf Selbstverwaltung in Aussicht gestellt wurde. Den zionistischen Institutionen wurde kein erweiterter Einfluss gewährt, und es wurde klargestellt, dass die britische Regierung nicht beabsichtige, Palästina „so jüdisch werden zu lassen, wie England englisch ist“. Obwohl die Zionistische Organisation anfänglich gezwungen war, diese Politik zu akzeptieren, wurde sie von arabischer Seite als zu nachgiebig gegenüber jüdischen Interessen wahrgenommen und folglich abgelehnt und boykottiert. In Churchills Zugeständnissen ist ein deutlicher Versuch erkennbar, die arabische Position durch Kompromisse zu beschwichtigen; die Balfour-Deklaration blieb zwar unverändert, jedoch wurden keine Maßnahmen zu ihrer Umsetzung getroffen.
Im Jahr 1922 trennten die Briten 77 % des palästinensischen Gebiets ab und bezeichneten es als Transjordanien. Dieses Gebiet wurde unter die Kontrolle des Emir Abdallah gestellt, wodurch eine autonome Region für palästinensische Araber geschaffen wurde (die Namensänderung auf Jordanien fand 1950 statt). Juden war es untersagt, in diesem Gebiet zu siedeln. Aus Rücksicht auf die arabische Bevölkerung unterwarfen die Briten die jüdische Einwanderung in den verbleibenden 23 % Palästinas erheblichen Einschränkungen. Während des Zweiten Weltkriegs, als Millionen von Juden versuchten, dem nationalsozialistischen Regime zu entkommen, wurde ihnen von Großbritannien der Zugang zu Palästina verwehrt.
Nach dem gescheiterten Versuch der britischen Mandatsverwaltung, eine nachhaltige Lösung zu finden, die für beide Bevölkerungsgruppen akzeptabel gewesen wäre, übernahmen die neu gegründeten Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg die Verantwortung für die politische Zukunft des britischen Mandatsgebiets. Am 25. Mai 1946 zogen die Briten aus Transjordanien ab und gewährten Jordanien seine volle Unabhängigkeit.
Die Balfour-Deklaration, das britische Mandat über Palästina sowie die jüdische Vertretung, die durch die Gründung der Jewish Agency im Jahr 1929 gestärkt wurde, schufen einen bedeutenden Rahmen für die zukünftige Entwicklung. Die Jewish Agency wurde am 11. August 1929 während des 16. Zionistenkongresses als Jewish Agency for Palestine (JAP) gegründet. Sie vertrat die jüdische Bevölkerung im Rahmen des Völkerbundmandats für Palästina und fungierte als Ansprechpartner der britischen Mandatsverwaltung. Ausschließlich die Jewish Agency war befugt, mit der Mandatsverwaltung zu verhandeln. Darüber hinaus trug sie die Verantwortung für die internen Angelegenheiten der in Palästina ansässigen jüdischen Gemeinschaft Jischuv. Der Begriff "Jischuv" bezeichnet die jüdische Population und Gemeinschaft in Palästina vor der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Ab 1932 gab die Jewish Agency die „Jerusalem Post“ heraus. In diesem Kontext konnten zionistische Organisationen ihre Bestrebungen zur Schaffung eines eigenen jüdischen Staates intensivieren und ausdehnen.
„Allen Hindernissen und Schwierigkeiten zum Trotz wurde in den zwanziger Jahren das Fundament der Nationalen Heimstätte gelegt", bemerkte der israelische Historiker und Politiker Menachem Ben-Sasson, der von 2006 bis 2009 Abgeordneter in der Knesset war und von 2009 bis 2017 Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem war (Geschichte des jüdischen Volkes, 1995, S. 1228).
Literatur: Robert John, Sami Hadawi: The Palestine Diary. Vol. I. New World Press, New York 1970, S. 115, 158, 171, 291; British White Paper of June 1922. In: The Avalon Project, auf avalon.law.yale.edu, Yale Law School: Lillian Goldman Library, abgerufen am 02.03.2026; Anita Shapira: Israel: A History. Brandeis University Press, Lebanon (New Hampshire) 2012, S. 119; Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes von den Anfängen bis zur Gegenwart. 4. Auflage. C. H. Beck Verlag, München 1995, S. 1221, 1227; Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas – Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (= Beck’sche Reihe. Nr. 1461), Verlag C. H. Beck, München 2002, S. 282; Ben-Sasson, Haim Hillel [Hrsg.]: Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Unter Mitwirkung von Haim-Hillel Ben-Sasson, Shmuel Ettinger, Abraham Malamat, Hayim Tadmor, Menahem Stern, Shmuel Safrai. Herausgegeben von Haim Hillel Ben-Sasson. München, C.H. Beck, 1995.
- UN-Teilungsplan 1947
Das Gebiet Palästinas war damals Teil des Osmanischen Reiches – die zeitnahe Gründung eines jüdischen Staates war zu diesem Zeitpunkt unrealistisch, weil Sultan Abdulhamid II. den Zionismus als Bewegung ablehnte. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Palästina fast eine halbe Million Menschen, größtenteils Araber. Zu dieser Zeit begannen die ersten Auswanderungsbewegungen von Juden nach Palästina. Im Jahr 1918 lebten dort bereits 66.000 Juden. Der Erste Weltkrieg veränderte die politische Situation im Nahen Osten grundlegend. Das Osmanische Reich kämpfte auf Seiten des Deutschen Kaiserreichs und Österreich-Ungarns; nach dem Ende des Krieges zerfiel das Großreich. Großbritannien besetzte schon im Jahr 1917 Jerusalem, im folgenden Jahr erlangte es die vollständige Kontrolle über Palästina. Palästina wurde für die britische Kolonialpolitik im Nahen Osten zu einem der wichtigsten Interessensgebiete.
Bereits 1916 hatten Großbritannien und Frankreich die Region unter sich aufgeteilt. Auf der Konferenz von San Remo am 25. April 1920 wurde Großbritannien mit der Verwaltung Palästinas beauftragt. Im Juli 1922 bestätigte der Völkerbund das britische Mandat. Schon 1917 hatte der britische Außenminister Arthur Balfour der zionistischen Bewegung in Großbritannien das Versprechen gegeben, in Palästina eine "nationale Heimstätte für das jüdische Volk" zu schaffen. In Punkt 4 des Mandatstextes für Palästina von 1922 wurde die Schaffung einer solchen "Heimstätte" als mögliche Zukunftsperspektive in Aussicht gestellt. Gleichzeitig hatte der britische High Commissioner in Ägypten, Henry MacMahon, dem Scherif von Mekka ein großarabisches Reich versprochen.
In den 1920er- und 1930er-Jahren setzte sich die jüdische Zuwanderungsbewegung nach Palästina fort. Im Jahr 1936 lebten in der Region 1,32 Millionen Menschen, von denen etwa 370.000 jüdischen Glaubens waren. Während die meisten Palästinenserinnen und Palästinenser von der Landwirtschaft lebten, zog es viele Jüdinnen und Juden in die Städte. Drei Viertel der jüdischen Einwanderer lebte damals in urbanen Gebieten. In dieser Zeit kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Arabern einerseits sowie den jüdischen Siedlern und den britischen Verwaltungsbehörden andererseits, die sich in zahlreichen Aufständen entluden. Der wohl folgenreichste war der Arabische Aufstand von 1936 bis 1939, bei dem Tausende Menschen ums Leben kamen. Auslöser war der wachsende Zuzug von verfolgten Juden aus Mitteleuropa – sie waren nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 immer stärkeren antisemitischen Übergriffen ausgesetzt und wurden durch die NS-Politik gezielt diskriminiert. Um weitere Konflikte zu minimieren, schränkte Großbritannien den Zuzug von Jüdinnen und Juden nach Palästina stark ein – und das, obwohl der Regierung in London bewusst war, dass die Verfolgung von Juden in Deutschland weiter zunahm.
Der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen die europäischen Juden veränderte die Haltung der führenden Weltmächte gegenüber der Idee eines jüdischen Staates. Gleichzeitig forderten sowohl die jüdischen als auch die arabischen Bewohner Palästinas ein Ende des Völkerbundmandats. Dabei vertraten sie jedoch entgegengesetzte Interessen. Es kam beiderseits zu Ausschreitungen und auch zu Gewalt gegenüber den britischen Mandatsbehörden.
Im Februar 1947 bat Großbritannien die neu gegründeten Vereinten Nationen um Vermittlung. Die UNO setzte einen Sonderausschuss ein, der im Mai 1947 erstmals zusammentrat. Im gleichen Jahr verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit der Resolution 181 einen Teilungsplan für Palästina, trotz der ablehnenden Stimmen arabischer und muslimischer Staaten sowie der Stimmenthaltung Großbritanniens. Von den 56 anwesenden Staaten stimmten 33 für den Plan, 13 dagegen, während sich 10 enthielten.
Der UN-Teilungsplan wurde am 29. November 1947 durch die Generalversammlung in Resolution 181 (II) gebilligt und hatte zum Ziel, die Spannungen zwischen den arabischen und jüdischen Gemeinschaften im britischen Mandatsgebiet Palästina zu verringern. Der Plan sah die Beendigung des britischen Mandats vor und teilte Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat, wobei Jerusalem, einschließlich Bethlehem, unter die Verwaltung der Vereinten Nationen gestellt werden sollte. Des Weiteren wurde eine Wirtschaftsunion zwischen den beiden neuen Staaten angestrebt, die jeweils eine demokratische Verfassung annehmen sollten. Der Plan sah vor, dass 43 % des Landes den etwa 1,3 Millionen arabischen Einwohnern und 56 % den 600.000 jüdischen Einwohnern reserviert wurden. Die arabischen Staaten wiesen diesen Teilungsplan umgehend zurück, was zu erheblichen Konflikten zwischen jüdischen und arabischen Milizen im Mandatsgebiet führte. Zudem wurde festgelegt, dass das britische Mandat für Palästina spätestens am 1. August 1948 enden sollte.
Verschiedene Faktoren erschwerten die Umsetzung des Plans hin zu einer friedlichen und demokratischen Lösung für Palästina, darunter die geopolitischen Interessen der Großmächte und die ablehnende Haltung der arabischen Staaten, die den Plan als illegal erachteten und stattdessen vollständige Unabhängigkeit unter arabischer Kontrolle forderten. Während die jüdische Seite den Plan unterstützte, war die arabische Welt vehement dagegen, was zu zahlreichen Übergriffen und Angriffen durch sowohl jüdische als auch arabische Gruppen im Mandatsgebiet führte. Am 14. Mai 1948 legte Großbritannien das Mandat nieder, ein historisches Datum, an dem David Ben Gurion am Nachmittag in Tel Aviv die Gründung des Staates Israel verkündete.
Literatur: "14. Mai 1948: Staatsgründung Israels;" (Redaktion) auf www.bpb.de, abgerufen am 07.03.2026;
Die Gründung des Staates Israel (1948)
Am 14. Mai 1948, mit dem offiziellen Ende des britischen Mandats, proklamierte David Ben Gurion in Jerusalem den souveränen Staat Israel, entsprechend dem im UN-Teilungsplan festgelegten Gebiet. Dieser neue Staat entstand aus einem Teil des britischen Mandatsgebiets Palästina und stellte die Verwirklichung eines jüdischen Traums dar. Für die arabische Bevölkerung hingegen wurde dieser Tag als „Nakba“, was Katastrophe bedeutet, historisch verankert. Die Aussichten auf eine friedliche Entwicklung waren als gering einzuschätzen. Die arabischen Staaten sowie das Hohe Arabische Komitee, die führende Vertretung der palästinensischen Nationalbewegung, werteten den Teilungsplan als Vorwand für einen Konflikt. Auch die britische Regierung, die sich 1947 bei der Abstimmung über die Zukunft Palästinas in der UNO der Stimme enthalten hatte, zeigte ein geringes Interesse an der Umsetzung der Resolution 181 (II). Zudem schloss sie zwei Monate vor dem Ende des Mandats einen Bündnisvertrag mit König Abdallah von Transjordanien, was indirekt arabische Interventionen in Palästina unterstützte. Die angrenzenden arabischen Staaten erkannten sowohl den Teilungsplan als auch den neuen Staat Israel nicht an. Im Anschluss an die Proklamation erklärte die Arabische Liga Israel den Krieg.
In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1948 rückten die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, des Libanons, des Iraks und Syriens in das Gebiet Israels ein, um die Errichtung des jüdischen Staates zu vereiteln. Jordanien marschierte in das Westjordanland ein, auch als Samaria und Judäa bekannt, und annektierte diese Region sowie Teile Ostjerusalems. Ägypten besetzte hingegen den Gazastreifen, was den Palästinakrieg einleitete. Dank umfangreicher Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei sowie finanzieller Unterstützung aus den USA und anderen Ländern endete der erste Nahostkrieg im Januar 1949 mit einem militärischen Sieg Israels.
Die Arabische Liga erlitt in diesem Konflikt eine Niederlage, während Israel sein Staatsgebiet um ein Drittel im Vergleich zum UN-Teilungsplan erweitern konnte. Am 24. Februar 1949 wurde unter Vermittlung der Vereinten Nationen ein Waffenstillstandsvertrag mit Ägypten unterzeichnet. Bis Juli 1949 schloss Israel mit weiteren arabischen Kriegsgegnern Waffenstillstandsabkommen ab. Infolge dieser Vereinbarungen besaß Israel anstelle der im UN-Teilungsplan vorgesehenen 56,4 % nun 77,4 % des Territoriums, einschließlich Neu-Jerusalem im westlichen Teil der Stadt.
Bis heute wird die Existenz Israels von verschiedenen Staaten und Organisationen infrage gestellt. Der Krieg forderte schätzungsweise über 6.000 israelische und zwischen 4.000 und 10.000 arabische Todesopfer. Israelische Einheiten hatten etwa 40 Prozent des Territoriums erobert, welches laut Teilungsplan der UN für die arabische Bevölkerung bestimmt war. Ein erheblicher Teil der dort ansässigen palästinensischen Bevölkerung wurde entweder von den arabischen Armeen zum Verlassen ihrer Heimat gedrängt oder von der israelischen Armee vertrieben. Der westliche Teil Jerusalems wurde von Israel besetzt. Die Chancen auf die durch den UN-Beschluss vom November 1947 legitimierte Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates wurden durch die israelische Besetzung entsprechender Gebiete, die Eingliederung des Westjordanlandes sowie Ost-Jerusalems in das von König Abdallah 1950 proklamierte Haschemitische Königreich Jordanien und die ägyptische Verwaltung des Gazastreifens über viele Jahre erheblich geschmälert.
Die Ereignisse von 1948/49 sind in das kollektive Gedächtnis der Palästinenser als "Nakba" ("Katastrophe") eingegangen. Ein gravierendes Problem, das den Frieden belastete, war die Frage der arabischen Palästina-Flüchtlinge. Bis Oktober 1948 registrierte das UNO-Hilfswerk für Palästina bereits über 650.000 Flüchtlinge, wobei nur wenigen die Rückkehr in ihre Heimat nach dem Waffenstillstand gestattet wurde.
Die Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 stellte das Resultat jahrzehntelanger, zionistischer Bestrebungen dar und führte unmittelbar zu einem Konflikt mit den arabischen Nachbarstaaten. Die Ursprünge der Gründung Israels reichen bis ins späte 19. Jahrhundert zurück, als die zionistische Bewegung ins Leben gerufen wurde, um die Schaffung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina anzustreben. Diese Bewegung wurde durch den zunehmenden Antisemitismus in Europa sowie die erschütternden Erfahrungen des Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden ermordet wurden, zusätzlich befeuert. Zahlreiche Überlebende erblickten in Israel eine sichere Zuflucht. Angesichts der eskalierenden Flüchtlingskrise übergab die britische Regierung die Angelegenheit an die Vereinten Nationen. In einer Sondersitzung stimmte die UN-Generalversammlung am 29. November 1947 für die Teilung des Mandatsgebiets Palästina in zwei neue Staaten: einen jüdischen und einen arabischen. Diese Empfehlung wurde von den jüdischen Vertretern akzeptiert, während die arabischen sie zurückwiesen.
Im April 1948 begannen die britischen Truppen mit ihrem Rückzug. Daraufhin bereiteten die zionistischen Führer die formelle Gründung eines modernen jüdischen Staates vor. Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben-Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, die Unabhängigkeit des Staates Israel im Stadtmuseum von Tel Aviv und damit das Ende des britischen Mandats über Palästina. In seiner Erklärung betonte er:
„Der [H]olocaust der Nazis, der über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies abermals, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates gelöst werden muss, eines Staates, dessen Pforten jedem Juden offenstehen und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert.”
Am selben Tag erkannte Präsident Harry S. Truman, 33. Präsident der Vereinigten Staaten (1945–1953) den neuen Staat Israel an, wodurch sämtliche Einwanderungsbeschränkungen für Juden aufgehoben wurden. Unmittelbar danach trafen die ersten Überlebenden des Holocaust in Israel ein und viele von ihnen leisteten während des Israelischen Unabhängigkeitskriegs (1948–1949) einen entscheidenden Beitrag, wobei einige auch ihr Leben verloren. Obwohl sie lediglich eine Minderheit der israelischen Bevölkerung ausmachten, trugen die Überlebenden des Holocaust erheblich zur Nation bei. Der Staat Israel bleibt für viele Überlebende und deren Familien weltweit ein Symbol der Sicherheit und des Stolzes. Nach dem Holocaust hegten zahlreiche Überlebende die Überzeugung, dass es für Juden in Europa keine Zukunft mehr gäbe. Sie strebten nach einem Heimatland, in dem Juden nicht länger eine unterdrückte Minderheit darstellten. Diese Hoffnungen wurden mit der Gründung des modernen Staates Israel am 14. Mai 1948 Realität.
Juden hatten über Jahrtausende hinweg eine historische und religiöse Verbindung zu dem Land Israel. Die zionistische Bewegung entwickelte sich teilweise als Reaktion auf diese jüdischen Verfolgungen im 19. Jahrhundert, mehrere Jahrzehnte vor dem Holocaust. Während des Holocaust versuchten viele Juden verzweifelt, Europa zu verlassen. Die Einwanderung in Länder wie die USA oder das britisch kontrollierte Mandatsgebiet Palästina stieß jedoch auf gravierende Einschränkungen. Ab Mai 1948 begannen zehntausende Überlebende des Holocaust, im neu gegründeten Staat Israel ein neues Leben aufzubauen. Bereits vor dem Holocaust waren die europäischen Juden über Jahrhunderte hinweg Antisemitismus ausgesetzt. Regierungen und Kirchen in Europa erließen zahlreiche Vorschriften, die das Leben der Juden erheblich einschränkten, einschließlich Verboten, Land zu besitzen, und der Freiheit, Wohnort und Beruf zu wählen. In bestimmten Phasen waren Juden verpflichtet, Abzeichen zu tragen, die sie als soziale Außenseiter kennzeichneten. Die lange Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung führte zu der Überzeugung unter vielen Juden, dass ein gemeinschaftliches jüdisches Leben nur durch die Schaffung eines Heimatstaates in Israel eine Zukunft haben könne. Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine neue politische Bewegung – der Zionismus – die für dieses Ziel eintreten wollte. Nach dem Ersten Weltkrieg gewann die zionistische Bewegung an Unterstützung, da neue judenfeindliche Bewegungen und politische Maßnahmen ihre Verfolgung verstärkten. Während des Holocaust kam es zur Ermordung von sechs Millionen jüdischen Männern, Frauen und Kindern durch die Nazis, ihre Verbündeten und Kollaborateure, die dadurch jahrhundertealtes jüdisches Leben in Europa und tausende jüdischer Gemeinden zerstörten. Die Erfahrung dieses Völkermords bewog viele Überlebende des Holocaust, die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Staates zu erkennen, in dem sie sicher und unabhängig leben könnten. Die Unterstützung des Zionismus nahm unter den Überlebenden und internationalen Befürwortern zu. Bei der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 sahen viele Überlebende eine Heimat, in der sie keine schwache Minderheit mehr wären.
Im 19. und 20. Jahrhundert traten in Europa neue antisemitische Strömungen auf, die sich aus langfristig etablierten Vorurteilen mischten mit neuen, rassistisch motivierten Formen von Hass. Antisemiten propagierten durch die Medien Verschwörungstheorien über Juden und schürten den Hass, indem sie die Ängste und Vorurteile der Menschen ausnutzten. Neue politische Bewegungen führten ihre Kampagnen mit offen antisemitischen Positionen. Die meisten nationalistischen Bewegungen in Europa zeichneten Juden als Randgruppe, die nicht zur Gesellschaft gehörte. Im Russischen Kaiserreich kam es zu gewalttätigen Pogromen gegen jüdische Gemeinden. In ganz Europa wurden Juden mit der Herausforderung konfrontiert, wie sie mit dem Antisemitismus umgehen und gleichzeitig aktives jüdisches Gemeindeleben pflegen konnten. Es fanden intensive Debatten über die Vereinbarkeit religiöser Traditionen mit modernem Leben statt. Die Frage der Assimilation oder Modernisierung und die Sprache als identitätsstiftendes Element waren zentral. Eng verbunden mit weit verbreiteter Armut und gewaltsamer Bedrohung in Europa betrachteten manche die Migration in die Vereinigten Staaten oder andere Länder als die beste Option.
Aus diesem Zusammenspiel entstand der moderne Zionismus – eine politische Bewegung, die einen autonomen jüdischen Staat in Israel anstrebte. Der Begriff „Zion“ hat seinen Ursprung in der Hebräischen Bibel und verweist auf Israel.Zion (hebräisch צִיּוֹן ṣijjôn) ist ein Ortsname in der Hebräischen Bibel. Das Wort ist sprachlich mit hebräisch צִיָּה ṣijjāh „trocken“ verwandt und kann daher als „trockener Ort“ im Sinne von „Bergrücken“ verstanden werden. Die „Bergfeste Zion“ (2 Sam 5,7 EU) war eine vorisraelitische Akropolis auf dem heutigen Südosthügel Jerusalems, identisch mit der Davidsstadt. Die in der Bibel König Salomo zugeschriebene Stadterweiterung Richtung Norden, wo Salomos Tempel und sein Königspalast lokalisiert wurden, hatte zur Folge, dass der Name Zion im weiteren Sinn auf die gesamte auf dem Südosthügel gelegene Stadt, im engeren Sinn auf den Tempelberg überging, den Wohnsitz des Gottes der Israeliten JHWH (etwa in Jes 8,18 EU). Damit rückte der Zion ins Zentrum der Hoffnungen des Judentums, die sich auf weltweite Anerkennung JHWHs und seiner Rechtsordnung richten. Diese Zionstheologie durchzieht die Prophetie im Tanach seit Jesaja und bestimmte auch die Endzeiterwartung des Urchristentums mit.
Der moderne Zionismus stützte sich auf Jahrhunderte jüdischer Geschichte im Land Israel, in dem Juden über 4.000 Jahre ununterbrochen gelebt hatten. Israel hatte stets eine zentrale Bedeutung im Judentum und in der Hebräischen Bibel. Demzufolge war der Zionismus sowohl alt als auch neu, entsprang er doch alten religiösen und geschichtlichen Verbindungen zwischen Juden und dem Land Israel sowie modernen politischen Ansätzen, die auf den zunehmenden Antisemitismus reagierten. Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben-Gurion die Unabhängigkeit Israels, womit das britische Mandat über Palästina endete. Der neu gegründete Staat wurde umgehend von mehreren arabischen Ländern, darunter Ägypten, Jordanien und Syrien, militärisch angegriffen, was den Beginn des Israelischen Unabhängigkeitskriegs markierte. Die Gründung Israels führte zu einem unverzüglichen militärischen Konflikt mit den arabischen Nachbarn, die die Existenz des neuen Staates nicht anerkannten. Der Krieg dauerte bis 1949 und endete mit einem Waffenstillstand, welcher die Grenzen des neuen Staates festlegte. Trotz anfänglicher Überzahl der arabischen Streitkräfte konnte Israel seine Position behaupten und weitere Gebiete gewinnen. Für die Palästinenser stellt die Gründung Israels eine "Katastrophe"(Nabka") dar, da viele während des Konflikts vertrieben wurden und bis heute in Flüchtlingslagern leben.
Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sowie den umliegenden arabischen Staaten bleibt ein zentrales Thema im Nahen Osten. Die Geschichte Israels begann nicht erst mit seiner Gründung 1948. Den vorangegangen waren mehr als 100 Jahre zionistischer Bemühungen von Vordenkern, die die Rückkehr der Juden in das „gelobte Land“ sowie die Schaffung eines souveränen Nationalstaates anstrebten. Seit der Begründung der zionistischen Bewegung durch Theodor Herzl im ersten Zionistenkongress 1897 in Basel wurden Maßnahmen ergriffen, um internationale Unterstützung für einen jüdischen Nationalstaat in Palästina zu gewinnen, das damals Teil des Osmanischen Reiches war.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die jüdische Einwanderung durch die Kibbuzbewegung geprägt. Die Kibbuzbewegung ist eine der bedeutendsten Bewegungen der jüdischen Bevölkerung in Israel und hat eine tiefgreifende Auswirkung auf die israelische Gesellschaft und Politik. Sie ist eine Dachorganisation für säkulare Kibbuzim und umfasst 273 Kibbuzim mit insgesamt 120.000 Einwohnern. Die Bewegung hat ihren Ursprung in der sozialistischen Utopie und ist eine Genossenschaft auf freiwilliger Basis, die nach sozialistischen Prinzipien ausgerichtet ist. Die Kibbuzbewegung hat auch eine bedeutende Rolle in der israelischen Gesellschaft gespielt, indem sie die Ideale gemeinschaftlichen Lebens, von Gleichheit und Demokratie, umsetzt. Der bitterste Tag in der Geschichte der Kibbuzbewegung war der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der 18 Kibbuzim in der Nähe des Gazastreifens betraf. Bei der Trauerfeier der Kibbuzbewegung am 16. November 2023 hielt der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist David Grossman die Gedenkrede für die von der Hamas Ermordeten, Gefolterten und Verschleppten.
Viele Einwanderer aus Osteuropa trugen zum Aufbau der Kibbuzim bei. Der 11. April 1909 gilt als Gründungsdatum von Tel Aviv, der ersten modernen jüdischen Stadt in Palästina. Mit der Balfour-Deklaration von 1917 sicherte die britische Regierung ihre Unterstützung für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, eine Position, die von einer Reihe anderer Staaten unterstützt wurde. Im Jahr 1922 übertrug der Völkerbund das Mandat über Palästina, einschließlich des heutigen Jordanien, an das Vereinigte Königreich. In den 1920er Jahren kam es zu blutigen Ausschreitungen, die die jüdische Gemeinde in Jerusalem und Jaffa trafen; dies führte dazu, dass Amin al-Husseini eine führende Rolle bei den palästinensischen Arabern übernahm. Al-Husseini wurde 1921 vom britischen Hochkommissar Herbert Samuel zum Großmufti von Jerusalem ernannt und führte von 1936 bis 1939 den Arabischen Aufstand an. Mohammed Amin al-Husseini (1895/97-1974) war ein islamischer arabischer Nationalist aus einer einflussreichen Familie Jerusalems. Als von Großbritannien eingesetzter Mufti von Jerusalem wurde er ab 1921 zum Führer der Palästinenser, die einen eigenen Nationalstaat anstrebten. Er vertrat einen verschwörungsideologischen islamistischen Antisemitismus und verbreitete diesen nachhaltig unter Arabern. Von 1936 bis 1939 führte er den Arabischen Aufstand gegen jüdische Einwanderer und Briten in Palästina an. Ab 1933 unterstützte er das NS-Regime und arbeitete ab 1937 mit ihm zusammen. Von Oktober 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lebte er in Deutschland und verbreitete die nationalsozialistische Propaganda im arabischen Raum. Er mobilisierte Muslime für die Waffen-SS auf dem Balkan und setzte sich für die Blockade von Fluchtwegen für Juden aus Osteuropa ein, die vor dem Holocaust fliehen wollten. Nach dem Krieg wurde er als Kriegsverbrecher festgenommen, erhielt 1946 aber in Ägypten Asyl und förderte von dort aus den
Palästinakrieg von 1948 gegen Israel. Nach der Niederlage der arabischen Angreifer und der Massenflucht und -vertreibung von Palästinensern verlor er seine politische Führungsstellung. Er war Lehrer und Förderer von Jassir Arafat, dem späteren Führer der PLO, die ihn als Vorbild verehrt. Al-Husseinis antisemitische Ideologie beeinflusste zudem indirekt auch die Hamas-Charta.
Im Jahr 1937 wurde im Peel-Report erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorgeschlagen. Die Peel-Kommission, offiziell Palestine Royal Commission, war eine Kommission, welche die Briten während ihrer Mandatsherrschaft in Palästina einrichteten. Ihr 404-seitigerBericht schlug am 7. Juli 1937 erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vor. Die Peel-Kommission schlug zunächst Anpassungen an die Bestimmungen des Mandats vor, empfahl dann jedoch zur allgemeinen Überraschung einen Teilungsplan: „Ein nicht beizulegender Konflikt ist zwischen zwei nationalen Gemeinschaften innerhalb der engen Grenzen eines kleinen Landes entstanden“, berichtete die Kommission. Ihre Vorschläge wurden am 22. Juni 1937 von der Kommission unterzeichnet und als Cmd. 5479 im Juli 1937 im britischen Unterhaus diskutiert. David Lloyd George, Herbert Samuel und Winston Churchill lehnten den Vorschlag einer Teilung ab, da sie darin einen Verstoß gegen die Balfour-Deklaration sahen, während die Regierung den Plan unterstützte.
Als Zugeständnisse an die arabische Bevölkerung sollten Landverkäufe an die zionistischen Organisationen bis zur Ausführung der Teilung eingeschränkt werden. Die jüdische Einwanderung, die bereits zuvor von der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit („economic absorptive capacity“) Palästinas abhängig gemacht worden war, sollte von ihrer politischen Verträglichkeit („political high level“) abhängig werden. Dies entsprach 12.000 Einwanderern pro Jahr.
Der Plan sah somit erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen Teil und einen arabischen Teil vor. Ersterer sollte die Küstenebene, die Jesreʿel-Ebene und einen großen Teil Galiläas umfassen, während letzterer die übrigen Gebiete (Judäa, Samaria und den Negev) umfasste. Zudem war ein britisch kontrolliertes Corpus separatum[14] von Jerusalem bis Jaffa vorgesehen, in dem sich der Großteil der religiösen Stätten befand. Die Briten behielten sich zudem das Recht vor, zunächst weiter die Kontrolle in den Häfen von Haifa Jaffa, Akkon und im transjordanischen Akaba auszuüben. In ihrem Korridor lag auch der Flughafen Lydda (heute Lod) und die britische Militärbasis Sarafand im heutigen Ort Tzrifin, heute ein Teil der Gemeinden Rischon LeZion und Beʾer Jaʿaqov.
Infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und der darauf einsetzenden Verfolgung der Juden ab 1933 stieg die Immigration jüdischer Flüchtlinge erheblich an, wurde jedoch 1939 durch die britische Mandatsverwaltung teilweise gewaltsam gedrängt. Das Weißbuch forderte einen fünfjährigen Zeitraum, in dem die Einwanderung von 75.000 Juden genehmigt werden sollte. Es bestimmte die britische Politik in Palästina bis 1947 und führte zu Maßnahmen wie der Alija Bet und der Fluchthilfe aus dem kriegsverwüsteten Europa. Zu Beginn des britischen Mandats wurde die Hagana als jüdische paramilitärische Organisation gegründet, die anfänglich eine moderate Haltung vertrat.
Die Repressionen während des Arabischen Aufstands und die Behinderungen bei der Flucht vor dem Nationalsozialismus führten seit den 1930er Jahren zur Entstehung radikalerer Untergrundorganisationen wie Irgun und Lechi, die terroristische Maßnahmen ergriffen, einschließlich des Anschlags auf das King David Hotel.Der Anschlag auf das King David Hotel in Jerusalem am 22. Juli 1946 war ein zentrales Ereignis in der Geschichte des Zionismus und der israelischen Geschichte. Der Anschlag wurde von der zionistischen Untergrundorganisation Irgun verübt und war Teil eines Plans,
um die britische Mandatsmacht in Palästina zu destabilisieren und den Aufbau eines jüdischen Staates zu fördern. Der Anschlag forderte 91 Menschenleben und war ein entscheidender Schritt, der den Weg für die Gründung Israels ebnen sollte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der sechs Millionen jüdische Opfer forderte, wuchs die internationale Unterstützung für die zionistische Bewegung. Großbritannien kündigte an, sich aus dem Mandatsgebiet zurückzuziehen. Am 29. November 1947 beschloss die UN-Generalversammlung die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat, wobei Jerusalem unter internationale Verwaltung stehen sollte. Der Beschluss wurde von der Mehrheit der Juden in Palästina akzeptiert, während die meisten Araber ihn ablehnten. Am 14. Mai 1948 zogen sich die letzten britischen Streitkräfte aus Palästina zurück, und David Ben-Gurion verkündete die israelische Unabhängigkeitserklärung. In der Nacht der Gründung erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem neuen Staat den Krieg. Israel konnte im Israelischen Unabhängigkeitskrieg die Angriffe der benachbarten Armeen erfolgreich abwehren und eroberte einige der gemäß Teilungsplan den Arabern oder Jerusalem zugewiesenen Gebiete. Der Krieg dauerte 15 Monate und führte zu einer 50-prozentigen Ausweitung des israelischen Territoriums, einschließlich Westjerusalems. Im Juni 1948 kam es zu schweren Kämpfen zwischen der israelischen Regierung unter Ben-Gurion und Vertretern der Irgun, ausgelöst durch Auseinandersetzungen um die Entwaffnung des Schiffes Altalena. Im Laufe des Krieges flüchteten viele palästinensische Araber, was für sie die Geburt des neuen Staates als Katastrophe definiert.
Umgekehrt erfolgte eine massenhafte Vertreibung von Juden aus arabischen und islamischen Ländern, die in Israel Aufnahme fanden. Viele arabische Flüchtlinge und deren Nachkommen leben bis heute in von der UNRWA betriebenen Flüchtlingslagern. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen wurden 1949 auf Rhodos vier Waffenstillstandserklärungen zwischen Israel und den Staaten Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien unterzeichnet, wobei die Grüne Linie als Grenze zwischen den Staaten festgelegt wurde. Das Westjordanland, einschließlich des Ostteils von Jerusalem mit der Altstadt, wurde von Transjordanien annektiert, was Juden, entgegen dem Waffenstillstandsabkommen mit Jordanien, den Zugang zur Klagemauer und zum Tempelberg verwehrte. Der Gazastreifen fiel unter ägyptische Herrschaft. Friedensabkommen konnten bisher nur mit Ägypten (1979) und Jordanien (1994) erreicht werden. Am 23. Januar 1950 erklärte die israelische Regierung Westjerusalem zur Hauptstadt.
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Der Sechstagekrieg vom 5. bis zum 10. Juni 1967
Im Juni 1967 verhinderte Israel einen drohenden Angriff Ägyptens und Syriens und erlangte im Zuge des sogenannten Sechstagekriegs Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel (die später rückgegeben wurde) sowie die Golanhöhen. Die Golanhöhen wurden über Jahre hinweg von syrischen Streitkräften zur Beschießung jüdischer Städte und Siedlungen genutzt. Der Sechstagekrieg, auch bekannt als Junikrieg, fand zwischen dem 5. und 10. Juni 1967 zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien statt. Er war der dritte arabisch-israelische Krieg, auf den der Israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948 und die Suezkrise von 1956 folgten, und ist eng mit dem Nahostkonflikt verbunden.
Als unmittelbare Auslöser des Krieges gelten die Blockade der Straße von Tiran für die israelische Schifffahrt durch Ägypten am 22. Mai, der von Präsident Gamal Abdel Nasser erzwungene Abzug der UNEF-Truppen vom Sinai sowie der massive ägyptische Militäraufmarsch an den Grenzen Israels mit 1.000 Panzern und nahezu 100.000 Soldaten.
Die Sperrung der Straße von Tiran, die den Zugang zwischen dem Golf von Akaba und dem Roten Meer herstellt und somit für den Hafen des israelischen Eilat von strategischer Bedeutung war, wird allgemein als wesentlicher Kriegsgrund angesehen und gilt als entscheidender Point of no Return auf dem Weg zum Sechstagekrieg. Diese Eskalation mündete letztlich in Israels Präventivkrieg am 5. Juni 1967. Die militärischen Auseinandersetzungen begannen am 5. Juni 1967 mit einem präventiven Luftangriff der israelischen Streitkräfte auf ägyptische Luftwaffenbasen, um einem erwarteten Übergriff der arabischen Staaten zuvorzukommen. Nach dem Abschluss eines Verteidigungspaktes zwischen Jordanien und Ägypten am 30. Mai 1967 kam es zu Angriffen auf Westjerusalem, Ramat Rachel und Netanja. Im Verlauf des Konflikts erlangte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem. Die langfristigen geopolitischen Auswirkungen dieses Konflikts sind bis in die Gegenwart spürbar.
Dokumente aus amerikanischen und sowjetischen Quellen belegen die dramatischen Ereignisse des Sechstagekriegs von 1967. Während die Sowjetunion mit militärischem Eingreifen drohte, entsandten die USA ihre 6. Flotte ins östliche Mittelmeer. Der Krieg, der mit einem Überraschungsangriff Israels auf Ägypten begann, endete am 10. Juni 1967 mit einer verheerenden Niederlage für Ägypten sowie die Vereinigte Arabische Republik, Syrien und Jordanien. Trotz der Vielzahl an Dokumentationen über Israels überwältigenden Sieg blieben einige entscheidende Fragen aufgrund unzureichender Quellen zunächst unbeantwortet.
Diese Situation änderte sich jedoch mit dem Fokus auf die Rolle der USA und teilweise auch auf die der Sowjetunion. Im Jahr 2004 veröffentlichte das US-Außenministerium einen lange erwarteten Dokumentenband zum Sechstagekrieg, der 542 Dokumente umfasste. Eine geheim gehaltene Rede von Leonid Breschnew, dem Generalsekretär der KPdSU, die er am 20. Juni 1967 vor dem Zentralkomitee seiner Partei hielt, liefert Einblicke in die sowjetische Position. Die deutsche Übersetzung dieser Rede wurde im Parteiarchiv der SED archiviert und umfasst 65 Seiten.
Zudem sind die vertraulichen Berichte der österreichischen Botschafter in Israel und Ägypten von erheblichem Interesse, da sie Informationen über die Stimmungslage und Entscheidungsprozesse in diesen Ländern bieten. Diese inzwischen zugänglichen Dokumente belegen, dass die Ereignisse von 1967 weit dramatischer waren, als bisher angenommen.
Der Sechstagekrieg kann als Fortführung des israelischen Unabhängigkeitskriegs von 1948/49 sowie des Suezkriegs von 1956 betrachtet werden, wobei die arabischen Nachbarstaaten darauf abzielten, die Existenz des jüdischen Staates zu beenden. Die Jahre nach dem Suezkrieg waren von zahlreichen Grenzzwischenfällen geprägt, wobei die schwerste Auseinandersetzung am 7. April 1967 stattfand, als Israel sechs syrische MIG-Jagdflugzeuge abschoss. Am 13. Mai 1967 warnte der Kreml die Regierungen in Damaskus und Kairo, dass Israel für den 17. Mai einen Angriff auf Syrien plane.
Es bleibt unklar, welche Ziele die Sowjetunion mit dieser nachweislich falschen Information verfolgte. War es ihr Zweck, den ägyptischen Präsidenten Nasser zu veranlassen, einen Beistandspakt mit Syrien zu aktivieren? Oder wollte sie ihren Einfluss im Nahen Osten ausweiten – möglicherweise auf Kosten der USA, die mit dem Vietnamkrieg beschäftigt waren? Möglicherweise verfügte der amerikanische Geheimdienst CIA über weitergehende Informationen. Am 9. Juni 1967 erklärte die CIA: „Wir glauben nicht, dass die Sowjets die Krise im Nahen Osten geplant oder ausgelöst haben. Der Krieg zwischen Israelis und Arabern, insbesondere die Niederlage Ägyptens, war eine Entwicklung, die die Sowjetunion nicht beabsichtigt hatte, zunächst nicht voraussah und später nicht verhindern konnte.“
Gleichwohl war offensichtlich, dass die Sowjets seit Mitte Mai aktiv in die Krise involviert waren, jedoch eine direkte militärische Konfrontation mit den USA vermeiden wollten.
Quelle: Rolf Steininger, "Der Sechstagekrieg," auf bpb.de, abgerufen am 07.06.2026.
Literatur: Moshe Dajan, "Die Geschichte meines Lebens," München 1976; Abba Eban, "Personal Witness. Israel Through My Eyes," New York 1992; ders., "An Autobiography," New York 1977; Yitzhak Rabin, "The Rabin Memoirs," London 1979; Chaim Herzog, "The Arab-Israel Wars," New York 1982; Frank Brenchley, "Britain, the Six-Day War and its Aftermath," London 2005; "Cold War International History Project," auf wilsoncenter.org, abgerufen am 07.06.2026; Michael B. Oren, "Six Days of War. June 1967 and the Making of the Modern Middle East," Oxford 2002; Kritisch zu Oren: Roland Popp, "Stumbling Decidedly into the Six-Day War," in: Middle East Journal, 60 (2006), S. 281 - 309; Stefan Meinung, "Breschnews Geheimrede zum Juni-Krieg 1967," in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat, 13 (2004), S. 110-118.
Das Gaza-Jericho-Abkommen (1994)
Das Abkommen über die palästinensische Teilautonomie im Gazastreifen und im Gebiet von Jericho, im Folgenden als Gaza-Jericho-Abkommen bezeichnet, wurde am 4. Mai 1994 in Kairo von Jitzchak Rabin (1922-1995), israelischer Militär, Diplomat, und Ministerpräsident (1974 bis 1977; 1992 bis zu seiner Ermordung im Jahre 1995) für Israel und Jassir Arafat für die PLO unterzeichnet. Jassir Arafat (1929-2004), palästinensischer Politiker und Friedensnobelpreisträger war ab dem 4. Februar 1969 dritter Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) sowie vom 12. Februar 1996 bis zu seinem Tod am 11. November 2004 erster Präsident der palästinensischen Autonomiegebiete.
Dieses Abkommen entstand aus den Folgeverhandlungen zur im Jahr 1993 getroffenen Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung und führte zu einer Klarstellung der Autonomierechte in den palästinensischen Gebieten. Im Rahmen dieses Abkommens wurde die Palästinensische Autonomiebehörde (Artikel III, „Transfer of Authority“) ins Leben gerufen, und Jassir Arafat wurde am 5. Juli 1994 zu ihrem ersten Präsidenten ernannt. Der Palästinensischen Autonomiebehörde wurden Gebiete für die Selbstverwaltung zugewiesen. Durch das Abkommen erhielten die Stadt Jericho und der Gaza-Streifen palästinensische Kontrolle, mit Ausnahme der israelischen Gebiete. Weitere Bestimmungen im Abkommen regelten die wirtschaftliche Verwaltung der Palästinensischen Gebiete sowie deren Integration in die israelische Wirtschaft und sahen die Einrichtung einer Palästinensischen Zivilpolizei (PCP) vor. Das Abkommen fand eine modifizierte Fortführung im Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen vom 24. und 28. September 1995 (Oslo II).
Mit dem Gaza-Jericho-Abkommen von 1994 gelangten das Westjordanland und der Gazastreifen unter die Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Der Abschluss der „Declaration of Principles“ (DOP) oder des Gaza-Jericho-Abkommens, das am 13. September 1993 in Washington unterzeichnet wurde, war das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Obwohl der genaue Zeitpunkt, zu dem ein solches Dokument hätte unterzeichnet werden müssen, nicht vorhersehbar war, ist zu erkennen, dass das Ereignis in einer logischen Reihe von Entwicklungen verankert war, die dessen Einordnung erleichtern. Daher kann man den Optimismus, welchen dieser Fortschritt im Rahmen der friedlichen Beilegung des arabisch-israelischen Konflikts hervorrief, als berechtigt betrachten.
Die wesentliche Botschaft des Abkommens ist die ausdrückliche und unmissverständliche Anerkennung der Teilung Palästinas zwischen Juden und Palästinensern. Es stellt einen bedeutsamen Schritt auf dem Weg zu einem palästinensischen Staat neben Israel dar, als Ausdruck der legitimen nationalen Rechte der Palästinenser, obwohl der Wortlaut des Abkommens selbst diese weitreichenden Perspektiven nicht umfassend widerspiegelt. Sowohl Israelis als auch Palästinenser haben überwiegend die Einsicht gewonnen, dass es für eine gleichberechtigte Koexistenz keine echte Alternative gibt.
Dass diese Einsicht auf beiden Seiten nach wie vor auf Widerstand stößt, belegt die Eskalation der Gewalt, die nach dem Abkommen einsetzte. Diese war das Ergebnis einer ablehnenden Minderheit auf beiden Seiten, die glaubte, durch Gewalt und Gegengewalt den kooperativen Ansatz infrage stellen zu können.
Es sind jedoch die ägyptisch-israelischen Rahmenvereinbarungen von Camp David hervorzuheben, die einen wichtigen Meilenstein darstellen. Mit dem Zustandekommen des „Rahmens für den Abschluss eines Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel“, also mit der Anerkennung der Existenz Israels durch Ägypten im Austausch für die Rückgabe der 1967 besetzten Sinai-Halbinsel, wurde die grundlegende Perspektive einer arabisch-israelischen Koexistenz eröffnet, die seit dem UNO-Teilungsbeschluss von November 1947 als Alternative zur Ablehnung Israels durch die arabischen Staaten galt. Für die Westbank und den Gazastreifen sah das „Rahmenabkommen für den Frieden im Nahen Osten“ eine vollständige Autonomie vor, über die zwischen Israel und der arabischen Seite verhandelt werden sollte, wobei die PLO erst später einbezogen werden sollte. Die Inhalte und Verfahren dieses Abkommens weisen eine hohe Übereinstimmung mit den Regelungen des Gaza-Jericho-Abkommens auf. Da das Abkommen jedoch von allen arabischen Parteien abgelehnt wurde, führte Ägypten die Verhandlungen stellvertretend für alle anderen bis zu deren Abbruch im Zuge des Libanonkrieges 1982. Selbst die Likud-Regierung unter Menachem Begin (1913-1992), israelischer Politiker, Untergrundkämpfer und Jurist und von 1977 bis 1983 Ministerpräsident, sowie Außen- (1979–1980) und Verteidigungsminister (1980–1981) Israels, erkannte im Camp David die „legitimen Rechte des palästinensischen Volkes und seine rechtmäßigen Bedürfnisse“ an.
Eine der zentralen Herausforderungen war seitdem, wie die PLO, die seit 1974 als einzige Vertretung des palästinensischen Volkes fungiert, zur Anerkennung Israels und dessen Existenzrechts bewegt werden kann und wie sie in den Verhandlungsprozess einbezogen wird. Im Jahr 2003 präsentierte US-Präsident George W. Bush, US-amerikanischer Politiker der Republikanischen Partei und von 2001 bis 2009 der 43. Präsident der Vereinigten Staaten, die sogenannte Roadmap zum Frieden. Diese umfasst, dass die palästinensische Seite auf Angriffe gegen Israel verzichtet, während Israel sich aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland zurückzieht und Palästina als autonomen Staat anerkennt.
2005 vollzog der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon (1928-2014) israelischer Politiker und General, gegen den Widerstand seiner eigenen Partei und mit Stimmen der Opposition den Abbau aller israelischen Siedlungen im Gazastreifen, wobei alle Israelis von den eigenen Streitkräften zwangsweise umgesiedelt wurden. Bis zum Jom-Kippur-Krieg 1973 war Ariel Scharon als aktiver Offizier, vielfach in entscheidenden Positionen, an allen militärischen Konflikten Israels beteiligt. Damals und in der darauf folgenden Zeit, als er mehrfach Ministerämter bekleidete, galt er als Hardliner und Protagonist der Siedlerbewegung. Als Ministerpräsident von2001 bis 2006 setzte er jedoch den Abzug des israelischen Militärs aus dem Gazastreifen durch.
Am 12. September 2005 verließ der letzte israelische Militärkonvoi den Gazastreifen. Bei den Parlamentswahlen 2006 erzielte die radikal-islamische Hamas die absolute Stimmenmehrheit und regierte seither im Gazastreifen. Das Westjordanland, international als "Westbank" bezeichnet, wird von der PLO, die von der linksnationalistischen Fatah dominiert wird, verwaltet. In den Siedlungen des Westjordanlands lebt die jüdische Bevölkerung isoliert von den restlichen Bewohnern. Aus sicherheitspolitischen Gründen existieren zwischen den israelischen Siedlungen und den palästinensischen Städten und Dörfern zwei separierte Straßennetze.
Quelle: Udo Steinbach, "Das Gaza-Jericho-Abkommen Wegmarke im Friedensprozeß,"auf bpb.de, abgerufen am 08.03.2026.
Literatur: "Israel und Palästinensische Gebiete," (Memento vom 8. Dezember 2015 im Internet Archive), auf bnd.bund.de; Helga Baumgarten, "Das „Gaza-Jericho-Abkommen". Eine Zwischenbilanz des Friedensprozesses im Nahen Osten," auf bpb.de, abgerufen am 08.03.2026
Der Beginn des Iran Krieges - 28. Februar 2026
Die Position Israels im Nahen Osten ist durch seine Rolle als einzige Demokratie der Region sowie als zentraler Akteur im fortdauernden Nahost-Konflikt geprägt. Historisch gesehen hat das Land wiederholt militärische Konfrontationen mit seinen Nachbarn ausgetragen. Innerhalb seiner Grenzen leben sowohl jüdische als auch arabische Israelis, die mit einer Vielzahl gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen konfrontiert sind. Israel sieht sich zahlreichen regionalen Bedrohungen ausgesetzt, insbesondere im Nordosten, wo die Auswirkungen des syrischen Konflikts, einschließlich terroristischer Angriffe, befürchtet werden. Die libanesische Organisation Hisbollah hat wiederholt Gewaltandrohungen gegen Israel ausgesprochen. Im Juli 2014 kam es zu einer erheblichen Eskalation der Auseinandersetzungen zwischen Israel und der palästinensischen Hamas. Zudem wird das iranische Nuklearprogramm, insbesondere in Bezug auf seine angebliche militärische Nutzung, als signifikante Existenzbedrohung wahrgenommen. Die politische Situation in den Palästinensischen Gebieten ist gegenwärtig äußerst komplex. Im Westjordanland kommt es regelmäßig zu Protesten und Ausschreitungen, während die Bevölkerung im Gazastreifen nach der letzten militärischen Eskalation weiterhin leidet.
Am 28. Februar 2026 begann eine militärische Offensive der USA und Israels gegen den Iran, die von Teheran mit Gegenangriffen, einschließlich Attacken in der Golfregion, beantwortet wurde. Im Rahmen dieser Aggression berichtete Israel von Angriffen auf die Hisbollah, die als Terrororganisation gilt. Die Militäraktionen der USA und Israels führten zu einer Kettenreaktion im Nahen Osten, wodurch sich der Konflikt mittlerweile auf die gesamte Region ausgedehnt hat. Laut Informationen der israelischen Streitkräfte wurden bislang über 2.500 Luftangriffe durchgeführt, die primär militärische Infrastrukturen wie Raketenabschussrampen und militärische Hauptquartiere ins Visier nahmen. Israel sieht sich durch das iranische Raketen- und Atomprogramm existenziell bedroht, was auch von den USA unterstützt wird. Diese Angriffe werden von Experten als Verletzung des Völkerrechts gewertet.
Der Tod des iranischen Obersten Führers Ali Chamenei wurde am 1. März 2026 von iranischen Staatsmedien offiziell bestätigt. Sein Ableben stand im zeitlichen Zusammenhang mit israelisch-US-amerikanischen Luftangriffen auf Ziele im Iran, die am 28. Februar 2026 begannen. Die Hisbollah, die vom Iran unterstützt wird, hat wiederholt Raketen auf israelisches Territorium abgefeuert und dies als Reaktion auf den Tod von Irans oberstem Führer, Ajatollah Ali Chamenei, gerechtfertigt. Chamenei war mehr als drei Jahrzehnte lang der oberste Führer des Iran. Er verfolgte das Ziel, das Land als führende Macht in der islamischen Welt zu etablieren, und ging mit brutaler Härte gegen die eigene Bevölkerung vor. 1989 wurde er zum einflussreichsten Mann der Islamischen Republik Iran und folgte dem verstorbenen Staatsgründer Ayatollah Khomeni (1902-1989 ) nach. Ayatollah (Ruhollah) Chomeini war ein iranischer islamischer Rechtsgelehrter, Ajatollah, politischer und religiöser Führer der Islamischen Revolution von 1979 und danach bis zu seinem Tod iranisches Staatsoberhaupt. Mit der Revolution stürzte er aus dem französischen Exil heraus die Regierung von Mohammad Reza Pahlavi, dem damaligen iranischen Schah. Chomeini, der am 1. Februar 1979 aus Frankreich zurückgekehrt war, gilt als der Gründer der Islamischen Republik Iran.
Ali Chamenei nutzte seinen Einfluss als geistlicher Führer, um die Richtlinien der Außenpolitik zu bestimmen, Gesetze zu ratifizieren und Religion sowie Medien zu kontrollieren. Chamenei wurde 1939 in Maschhad geboren und begann seine religiösen Studien im Irak und in Qom, bevor er sich in den 1960er-Jahren dem Widerstand gegen den Schah anschloss, was mehrfache Inhaftierungen nach sich zog. Nach der Islamischen Revolution 1979 wurde er zum Leiter des Freitagsgebets ernannt und trug wesentlich zur Radikalisierung des neuen Regimes bei. 1981 wurde er zum Staatspräsidenten gewählt und übte dieses Amt bis 1989 aus, als er zum Revolutionsführer ernannt wurde. In den folgenden Jahren hielt er das Feindbild Westen, insbesondere die USA, aufrecht und forderte öffentlich die totale Zerstörung Israels. Der Mord an dem iranischen General Kassem Soleimani durch die USA führte dazu, dass Chamenei Verhandlungspartner mit Terroristen gleichsetzte.
Nach dem gewaltsamen Tod der Studentin Mahsa Amini im Jahr 2022 kam es erneut zu massiven Protesten im Iran, die Chamenei brutal niederschlagen ließ. Es wurde deutlich, dass das Regime zunehmend an Rückhalt in der Bevölkerung verliert. Das Massaker der Hamas im Jahr 2023 in Israel wurde von Chamenei bejubelt, jedoch wurde die vom Iran finanzierte Terrororganisation im darauf folgenden Konflikt durch israelische Angriffe stark geschwächt. Die gezielten Tötungen von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah im Libanon und Hamas-Anführer Ismail Hanija in Teheran führten dazu, dass Chamenei bedeutende Verbündete verlor. Sein angestrebtes Ziel, Iran als politische Führungsmacht in der islamischen Welt zu etablieren, bleibt somit unerfüllt.
Die von der Hisbollah, unterstützt durch den Iran, veranlassten Raketenangriffe auf israelisches Gebiet als Reaktion auf den Tod Chameneis stellen den ersten militärischen Vorfall seit der Waffenruhe im November 2024 dar. In der Folge führte Israel Angriffe auf die libanesische Hauptstadt Beirut sowie andere Regionen des Landes durch, was zu erheblichen Unruhen und der Zwangsflucht Hunderttausender führte. Die Besorgnis über eine mögliche erneute Eskalation des Konflikts ist merklich, insbesondere nach dem offenen Krieg im Herbst 2024, der Tausende von Opfern forderte. Die libanesische Regierung hat sich in dieser Krise eindeutig von der Hisbollah distanziert, was die militärischen Aktivitäten Israels unterstützt.
Die Ziele der jüngsten israelischen Angriffe umfassen militärische Anlagen und die Infrastruktur der Hisbollah sowie die Eliminierung hochrangiger Mitglieder dieser Miliz, einschließlich des Anführers Naim Kassim. Naim Kassim war seit 1991 stellvertretender Generalsekretär und ist seit Oktober 2024 Generalsekretär der radikal islamischen libanesischen Terrororganisation Hisbollah. Kassim ist der Nachfolger von Hassan Nasrallah, den Israel im September 2024 bei einem Angriff im Libanon tötete.
Der als Irankrieg oder Nahostkrieg bezeichnete militärische Konflikt in Vorderasien nahm am 28. Februar 2026 seinen Anfang mit Angriffen seitens Israels und der Vereinigten Staaten auf den Iran. Diese Angriffe richteten sich zunächst gegen bedeutende iranische Amtsträger und strategische Einrichtungen, einschließlich der Tötung des obersten Führers Ali Chamenei. Bei diesen Angriffen verloren auch hochrangige Militärbeamte wie der Verteidigungsminister Asis Nassirsadeh und der Anführer der Revolutionsgarde Mohammad Pakpour ihr Leben.
US-Präsident Donald Trump erklärte, dass das Ziel dieser Angriffe darin bestehe, die iranischen Raketen- und Militärkapazitäten zu eliminieren, den Bau von Atomwaffen zu verhindern und letztlich das iranische Regime zu stürzen. Iran reagierte noch am selben Tag mit Angriffen auf Israel sowie US-Militärstützpunkte in mehreren Ländern der Region, darunter Katar und Bahrain. Zivile Infrastrukturen im Oman wurden ebenfalls angegriffen, was die Neutralität des Landes untergrub. Kurz nach Kriegsbeginn wurde ein britischer Militärstützpunkt in Zypern von einer iranischen Drohne angegriffen, was mehrere europäische Staaten, darunter Frankreich und Griechenland, militärisch involvierte. Im Verlauf des Konflikts wurden auch die Türkei und Aserbaidschan Ziel iranischer Raketen.
Die mit dem Iran verbündete Hisbollah, die Teile des Libanon kontrolliert, reagierte auf den Tod Chameneis mit Angriffen auf Israel, was zu einer Wiederbelebung eines seit Ende 2024 ruhenden Konflikts führte. Die Beziehungen zwischen Iran und Israel waren während der Pahlavi-Dynastie freundschaftlich, jedoch führte die Islamische Revolution 1979 zur Beendigung dieser Beziehungen. Der Iran begann, islamistische Milizen militärisch zu unterstützen, während das Atomprogramm weiterhin verfolgt wurde, was internationale Sanktionen nach sich zog und die wirtschaftliche Entwicklung des Iran beeinträchtigte. Seit dieser Zeit hat Iran Israel nicht mehr anerkannt und strebt dessen Zerstörung an, wobei er islamistische Milizen wie Hisbollah und Hamas in deren Konflikt mit Israel unterstützt. Der Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 hatte signifikante Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Israel und Iran, da Iran einer der wichtigsten Unterstützer der Hamas ist. Vor der militärischen Auseinandersetzung im Jahr 2026 wurde die Spannung zwischen Iran, den USA und Israel durch einen militärischen Aufmarsch der USA in der Golfregion, bedingt durch Proteste im Iran im Jahr 2025, verstärkt. Die Operation begann am 28. Februar nach Verhandlungen über das iranische Nuklearprogramm in Oman.
Diese Problematik wurde in verschiedenen Berichterstattungen behandelt, unter anderem in den Sendungen "heute journal update" am 7. März 2026 um 00:20 Uhr, "heute journal" am 6. März 2026 um 22:00 Uhr sowie im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF am 6. März 2026 ab 05:30 Uhr; Tilmann Seiler, BR, "Wer war Ajatollah Ali Chamenei? 01.03.2026, auf tagesschau.de, abgerufen am 08.032026
Die Vielschichtigkeit der jüdischen Identität
In der gegenwärtigen Debatte begegnet uns oftmals die grundlegende Frage, inwieweit die Juden als Volk im modernen Sinne klassifiziert werden können. Dieses Thema erfordert eine umfassende Analyse sowie eine fundierte Berücksichtigung verschiedener kultureller, historischer und religiöser Perspektiven. Die Vielzahl der Positionen, die von angesehenen Wissenschaftlern und Historikern vertreten werden, gewährt wertvolle Einblicke in die komplexe Beschaffenheit der jüdischen Identität. Die Diskussion darüber, ob die Juden als ein Volk im modernen Verständnis gelten, ist weit verbreitet.
Dabei bezeichnet sich das jüdische Volk, welches seinen Ursprung im Exodus, der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei unter der Führung Moses (2. Buch Mose), hat, als das "Volk Israels". Diese Bezeichnung ist historisch deutlich älter als die gegenwärtige Definition des Volksbegriffs. Der historische Kern dieser Erzählung, Teil des Pentateuchs, ist in der Wissenschaft umstritten, da gesicherte Zeitangaben fehlen. Die Ereignisse werden häufig im Kontext des 13. Jahrhunderts v. Chr. behandelt, während die biblischen Texte zum Teil Jahrhunderte später verfasst wurden. Im Judentum wird das Pessach-Fest als Gedenken an die Befreiung gefeiert. Der Überlieferung zufolge dauerte der Aufenthalt in Ägypten 430 Jahre, gefolgt von 40 Jahren in der Wüste bis zur Ankunft in Kanaan.
Das "Volk Israels" - 2. Buch Mose
Nach der Eroberung Kanaans (Josua, Kap. 1-12) im 13. Jahrhundert vor Chr., als biblische Fortsetzung des Exodus, oft auch als Landnahme bezeichnet, errichteten die Hebräer ein eigenes Königreich. So wird es in der Tora erzählt, die aus den fünf Büchern Mose besteht. Archäologen und Historiker gehen bei der Landnahme eher von einem langsamen Infiltrationsprozess nomadischer Gruppen oder einer innerkanaanäischen sozialen Umschichtung aus. Mittlerweile besteht die Ansicht, dass das Volk Israel sich in Kanaan aus vielen kleinen Völkern entwickelt hat. Archäologisch lässt sich eine fließende Entwicklung von der kanaanäischen Stadtkultur zur israelitischen Dorfkultur im Bergland beobachten.
Die Hauptquelle, das Alte Testament (Buch Exodus, 2. Moses; Buch Josua und Buch der Richter) liefert die detaillierten Erzählungen, wird jedoch von der modernen Geschichtswissenschaft eher als theologische Deutung denn als protokollarischer Bericht gewertet. Es existieren nur sehr wenige zeitgenössische außerbiblische Textquellen, die einen direkten Bezug zu den Israeliten oder Kanaan aufweisen.
Zu diesen wichtigsten außerbiblischen Quellen gehören die Merneptah-Stele, auch "Israel-Stele" genannt (ca. 1209 v. Chr. ; Ende der Spätbronzezeit), eine etwa drei Meter hohe schwarze Granitstele, die eine der frühesten Erwähnungen Israels als Volk in Kanaan, das vom Pharao Merneptah besiegt wurde, dokumentiert. Sie gilt als das wichtigste Dokument für die Frühgeschichte Israels und wurde 1896 von dem britischen Ägyptologen Sir William Flinders Petrie (1853-1942) im Totentempel des Pharaos Merneptah in Theben (Luxor) entdeckt. Sie befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo. In Zeile 27 steht geschrieben: "Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr." Es handelt sich um die älteste unbestrittene Erwähnung des Namens "Israel" außerhalb der Bibel. Als äußerst bedeutsam erweist sich hier, dass das Wort "Israel", das mit einem Determinativ (Deutungshilfe für Hieroglyphen) für eine Menschengruppe versehen ist, nicht hingegen für ein fest umrissenes Territorium oder eine Stadt wie bei Askalon oder Gezer. Dies deutet darauf hin, dass Israel zu dieser Zeit ein Volk ohne festen Staatsapparat in Kanaan war.
Während Städte wie z.B. Jericho archäologisch nur schwer mit der Zeit Josuas in Einklang gebracht werden können, liefert die Grabungsstätte in Hazor interessante Befunde. In Josua 11,10-13 wird Hazor als einzige Stadt genannt, die Josua komplett niederbrannte, da diese das "Haupt all dieser Königreiche"war. Archäologische Grabungen - so etwa durch den israelischen Archäologen, Politiker und Generalstabschef der Streitkräfte Prof.Yigael Yadin (1917-1984) und der israelische Biblische Archäologe, Prof. emer. Amnon Ben-Tor (1935-2023), Hebräische Universität Jerusalem - bestätigen tatsächlich eine massive Zerstörungsschicht durch Feuer in der Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. Auch wurden in den Palastruinen verstümmelte Statuen ägyptischer Götter gefunden, was auf die bewusste Zerstörung dieser religiösen Symbole durch Eindringlinge hindeutet. Es besteht jedoch eine wissenschaftliche Kontroverse darüber, ob die Zerstörung tatsächlich durch Israeliten oder aber durch interne soziale Aufstände oder gar durch "Seevölker" (wie etwa die Philister) verursacht wurde. Die Religion der Kanaanäer war polytheistisch (Götter: El, Baal, Aschera und Astarte, Mot) und eng mit der Fruchtbarkeit des Landes verknüpft. Die Funde in Hazor zeigen, dass den im Tempel entdeckten Statuen oftmals die Hände oder Köpfe abgeschlagen wurden, was auf eine symbolische Enthauptung der alten Götter hinweist, um deren macht zu brechen.
Zu erwähnen ist auch die Tel-Dan-Stele, obgleich diese in eine spätere Zeit datiert (9. JH. v. Chr). Diese Stele stellt die wichtigste Quelle für die Existenz der israelitischen Dynastie dar. Sie erwähnt den Sieg eines aramäischen Königs über den König von Israel und den König vom "Haus David".
Eine weitere außerbibliche Quelle stellen die Amarna-Briefe (14. Jh. v. Chr.) dar, eine Korrespondenz kanaanäischer Stadtfürsten mit Ägypten, in denen die "Hapiru", eine soziale Randgruppe erwähnt wird. Diese werden in der Wissenschaft teilweise mit den "Hebräern" in Verbindung gebracht.
Archäologische Quellen liefern oftmals Erkenntnisse, die der biblischen Darstellung widersprechen oder gar in einen neuen Kontext stellen. So bestätigen Grabungen, dass um 1200 v.Chr. im zentralen Bergland viele kleine, einfache Dörfer entstanden sind, was eher auf eine friedliche Besiedlung oder soziale Umschichtung hindeutet als auf eine plötzliche kriegerische Auseinandersetzung. Während die Bibel die Zerstörung vieler Städte beschreibt, fehlen für Orte wie Jericho oder Ai bislang archäologische Belege für eine Zerstörung im relevanten Zeitraum, i.e. der späten Bronzezeit. Eine der wenigen Städte, die tatsächlich Brandspuren aus dieser Zeit aufweisen, was teilweise mit den biblischen Berichten korrespondiert, ist Hazor.
Während die Kanaanäer in befestigten Stadtstaaten in den Tälern lebten, siedelten die frühen Israelien ab ca. 1.200 v. Chr. insbesondere im unwegsamen zentralen Bergland. Das Vierraumhaus, ein typisches Israelitenhaus liefert eindeutig den archäologischen "Fingerabdruck" der frühen israelitischen Kultur. Es war funktional und auf Selbstversorgung ausgelegt.
Außerbiblische Quellen
Die Hauptquelle, das Alte Testament (Buch Exodus, 2. Moses; Buch Josua und Buch der Richter) liefert die detaillierten Erzählungen, wird jedoch von der modernen Geschichtswissenschaft eher als theologische Deutung denn als protokollarischer Bericht gewertet. Es existieren nur sehr wenige zeitgenössische außerbiblische Textquellen, die einen direkten Bezug zu den Israeliten oder Kanaan aufweisen.
- Merneptah Stele
Zu diesen wichtigsten außerbiblischen Quellen gehören die Merneptah-Stele, auch "Israel-Stele" genannt (ca. 1209 v. Chr. ; Ende der Spätbronzezeit), eine etwa drei Meter hohe schwarze Granitstele, die eine der frühesten Erwähnungen Israels als Volk in Kanaan, das vom Pharao Merneptah besiegt wurde, dokumentiert. Sie gilt als das wichtigste Dokument für die Frühgeschichte Israels und wurde 1896 von dem britischen Ägyptologen Sir William Flinders Petrie (1853-1942) im Totentempel des Pharaos Merneptah in Theben (Luxor) entdeckt. Sie befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo. In Zeile 27 steht geschrieben: "Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr." Es handelt sich um die älteste unbestrittene Erwähnung des Namens "Israel" außerhalb der Bibel. Als äußerst bedeutsam erweist sich hier, dass das Wort "Israel", das mit einem Determinativ (Deutungshilfe für Hieroglyphen) für eine Menschengruppe versehen ist, nicht hingegen für ein fest umrissenes Territorium oder eine Stadt wie bei Askalon oder Gezer. Dies deutet darauf hin, dass Israel zu dieser Zeit ein Volk ohne festen Staatsapparat in Kanaan war.
- Grabungsstätte in Hazor
Während Städte wie z.B. Jericho archäologisch nur schwer mit der Zeit Josuas in Einklang gebracht werden können, liefert die Grabungsstätte in Hazor interessante Befunde. In Josua 11,10-13 wird Hazor als einzige Stadt genannt, die Josua komplett niederbrannte, da diese das "Haupt all dieser Königreiche"war. Archäologische Grabungen - so etwa durch den israelischen Archäologen, Politiker und Generalstabschef der Streitkräfte Prof.Yigael Yadin (1917-1984) und der israelische Biblische Archäologe, Prof. emer. Amnon Ben-Tor (1935-2023), Hebräische Universität Jerusalem - bestätigen tatsächlich eine massive Zerstörungsschicht durch Feuer in der Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. Auch wurden in den Palastruinen verstümmelte Statuen ägyptischer Götter gefunden, was auf die bewusste Zerstörung dieser religiösen Symbole durch Eindringlinge hindeutet. Es besteht jedoch eine wissenschaftliche Kontroverse darüber, ob die Zerstörung tatsächlich durch Israeliten oder aber durch interne soziale Aufstände oder gar durch "Seevölker" (wie etwa die Philister) verursacht wurde. Die Religion der Kanaanäer war polytheistisch (Götter: El, Baal, Aschera und Astarte, Mot) und eng mit der Fruchtbarkeit des Landes verknüpft. Die Funde in Hazor zeigen, dass den im Tempel entdeckten Statuen oftmals die Hände oder Köpfe abgeschlagen wurden, was auf eine symbolische Enthauptung der alten Götter hinweist, um deren macht zu brechen.
- Tel-Dan-Stele (9. Jh. v. Chr)
Zu erwähnen ist auch die Tel-Dan-Stele, obgleich diese in eine spätere Zeit datiert (9. JH. v. Chr). Diese Stele stellt die wichtigste Quelle für die Existenz der israelitischen Dynastie dar. Sie erwähnt den Sieg eines aramäischen Königs über den König von Israel und den König vom "Haus David".
- Amarna-Briefe (14. Jh. v. Chr.)
Eine weitere außerbibliche Quelle stellen die Amarna-Briefe (14. Jh. v. Chr.) dar, eine Korrespondenz kanaanäischer Stadtfürsten mit Ägypten, in denen die "Hapiru", eine soziale Randgruppe erwähnt wird. Diese werden in der Wissenschaft teilweise mit den "Hebräern" in Verbindung gebracht.
Zentrale Aspekte der jüdischen Identität
Das jüdische Volk repräsentiert eine ethnisch-religiöse Gemeinschaft mit Ursprüngen, die bis zu dreitausend Jahre zurückreichen und sich auf die Israeliten beziehen. Die Ausbildung des Judentums kann als religiöse Revolution betrachtet werden, in deren Rahmen die Menschen zum ersten Mal an einen einzigen Schöpfer anstatt an eine Vielzahl von Gottheiten glaubten. Damit wurde die Ära der Schriftreligionen eingeleitet. Trotz seiner geringen Größe hat das Volk Israel eine Weltreligion hervorgebracht, die sowohl den Ursprung als auch einen Bezugspunkt für das Christentum und den Islam bildet.
Im Koran wird in Sure 21 eine prägnante Geschichte erzählt, die weder in der Tora noch in der Bibel zu finden ist. Diese Erzählung symbolisiert den Beginn einer neuen Ära, verbunden mit dem Volk Israel. Sie handelt von Abraham, einem der jüdischen Erzväter, der ebenso für den Islam und das Christentum von Bedeutung ist: Gott offenbart sich dem Nomaden Abraham und verlangt von ihm Treue und Loyalität. Zu dieser Zeit verehren die Menschen jedoch nicht einen Gott (Monotheismus), sondern viele Götter (Polytheismus). Abrahams Vater ist Anhänger des Polytheismus und verkauft Götzen und Statuen. Abraham zerstört die Waren seines Vaters, behält jedoch eine Statue, die er als die größte identifiziert. Er lässt diese Statue einen Stock (Prügel) halten und tut so, als sei die Zerstörung der anderen Göttern ihm zuzuschreiben. Hierbei möchte Abraham seinen Mitmenschen verdeutlichen, dass der Glaube an falsche Götter sinnlos ist, und erkennt, dass der Gott Abrahams keine anderen Gottheiten duldet. Diese Erzählung verkörpert die bedeutende kulturelle Leistung des jüdischen Volkes: der Gott der Juden wird alle anderen Götter verdrängen, und das Judentum wird erheblichen Einfluss auf die Weltreligionen ausüben. Abraham und seine Nachkommen, die vor etwa 4000 Jahren lebten und die Stämme Israels begründeten, waren ein kleines Volk mit großer Wirkung. Die einst mächtigen Hochkulturen der Ägypter, Mesopotamier, Sumerer, Babylonier, Griechen und Römer sind inzwischen Vergangenheit. Ihre religiösen Überzeugungen und Götter gehören der Geschichte an. Im Gegensatz dazu hat das jüdische Volk, welches historisch nie als Supermacht auftrat und schwerer Unterdrückung durch Ägypter und Römer ausgesetzt war, seine religiösen Vorstellungen bis heute bewahrt. Zudem ist das Judentum eine Verbindung zwischen dem Christentum und dem Islam. Mit Abraham begann eine neue Zeit.
Der gegenwärtige Stand der Weltbevölkerung übersteigt acht Milliarden Menschen (Stand 2022), darunter mehr als zwei Milliarden Christen und über 1,5 Milliarden Muslime, während die jüdische Gemeinschaft lediglich etwa 0,015 Milliarden (15 Millionen) umfasst. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass das Judentum keine Missionsreligion ist und somit keine neuen Anhänger anwirbt. Ferner hinterließ der Holocaust, bei dem etwa sechs Millionen Juden ums Leben kamen, tiefgreifende Wunden. Derzeit leben ungefähr sechs Millionen Juden in den USA und mehr als fünf Millionen in Israel; in Deutschland beträgt die Zahl etwa 100.000.
Die Frage, wer letztlich als Jude gilt, ist nicht eindeutig zu beantworten, da sie innerhalb des Judentums selbst umstritten ist. Unter bestimmten Bedingungen ist es möglich, als Nicht-Jude zum jüdischen Glauben überzutreten, genauso wie das Bekenntnis zu anderen Religionen angenommen werden kann. Dennoch wird man in der Regel als Jude geboren, was bedeutet, dass die Mutter jüdisch sein muss. Juden bilden nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern auch ein Volk. Erst seit 1948 existiert wieder ein jüdischer Staat, Israel. Jahrhunderte lang hatten die Juden kein nationalstaatliches Territorium und gehören daher bis heute vielen verschiedenen Nationen an. Das Judentum umfasst Begriffe wie Religion, Volk, Kultur, Glauben sowie Glaubens-, Schicksals- oder Traditionsgemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist wesentlich durch die Tora sowie durch gemeinsame Kultur, Traditionen und historische Erfahrungen in der Diaspora geprägt. Weltweit zählt die jüdische Gemeinschaft mehr als 14 Millionen Mitglieder und beinhaltet verschiedene Strömungen, einschließlich orthodoxer und liberaler Richtungen sowie Gruppen wie Aschkenasim, Sephardim und Mizrachim.
Als eine der ältesten monotheistischen Religionen entwickelte sich das Judentum aus den Traditionen der antiken Hebräer, gekennzeichnet durch den Glauben an einen transzendenten Gott, der sich Abraham, Mose und den hebräischen Propheten offenbarte. Das religiöse Leben orientiert sich an den heiligen Schriften und rabbinischen Traditionen und stellt einen komplexen Lebensansatz dar, der Theologie, Gesetze und vielfältige kulturelle Traditionen umfasst. Das Judentum basiert auf dem Glauben an einen einzigen Gott und betrachtet die Tora als das zentrale heilige Schriftwerk, ergänzt durch die Beachtung religiöser Gesetze, die als Halacha bekannt sind. Es integriert sowohl religiöse Praktiken und Philosophien als auch die verschiedenen kulturellen Facetten der jüdischen Gemeinschaft. Der Begriff bezieht sich auf die gesamte ethnische Gruppe der Juden, einschließlich der historischen Israeliten und der Mitglieder der zwölf Stämme Israels, sowie aller Juden, die gemäß der Tora von Abraham, Isaak und Jakob abstammen. Somit definiert sich das Judentum als ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die sowohl eine religiöse als auch eine ethnisch-völkische Dimension vereint, die untrennbar miteinander verbunden sind. Die Zugehörigkeit zu dieser Religion erfolgt entweder durch Geburt (mutterseitig) oder durch den Übertritt zum jüdischen Glauben, wodurch die Identität eng an eine Herkunftslinie gebunden wird, unabhängig von der Intensität der praktizierten Glaubensüberzeugungen. Die jüdische Identität stellt ein Zusammenspiel von Volk (Ethnie), Religion (Glaube) und Kultur dar, dessen Gewichtung für jede Einzelperson variieren kann.
- Religionsgemeinschaft und ethnische Identität
Das Judentum ist eine komplexe Identität, die nicht allein über den Glauben definiert wird. Das Judentum wird oft als ethnisch-religiöse Gemeinschaft oder Ethno-Religion beschrieben, was bedeutet, dass Zugehörigkeit nicht primär durch Bekenntnis, sondern durch Geburt in die Gemeinschaft erfolgt, auch wenn die Religion ein zentraler Bestandteil ist, da es Religion, Kultur, Geschichte und Abstammung miteinander verbindet.
Viele Juden definieren sich vor allem durch kulturelle oder ethnische Merkmale, weniger durch ihre religiöse Praxis. Sie empfinden eine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, selbst wenn sie die religiösen Vorschriften nicht befolgen. Es ist durchaus möglich, Jude zu sein, ohne aktiv die Religion auszuüben, und zudem besteht die Möglichkeit der Konversion, um Teil des jüdischen Volkes zu werden. Der Übertritt zum Judentum ist damit eine realisierbare Option, die es Nicht-Ethnischen Mitgliedern gestattet, Teil des "Volkes" sowie der Glaubensgemeinschaft zu werden. Gemäß der Halacha, dem religiösen Gesetz, erfolgt die Zugehörigkeit überwiegend nach der matrilinearen Linie, was bedeutet, dass sie in der Regel von der mütterlichen Seite vererbt wird.
- Das Judentum als ethnische Identität und Volk
Die Juden betrachten sich als direkte Nachfahren der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Diese Identität wird überwiegend durch Abstammung weitergegeben, wobei das traditionelle jüdische Recht eine matrilineare Linie bevorzugt. Das Judentum wird als Teilhabe an einem kollektiven Erbe verstanden, das unabhängig von individuellen religiösen Praktiken existiert. Selbst säkulare Juden, die möglicherweise keinen Glauben an Gott haben oder religiöse Gebote nicht befolgen, sind Teil des jüdischen Volkes. Trotz ihrer gemeinsamen Abstammung als Israeliten zeigt das jüdische Volk eine bemerkenswerte Diversität, zu der verschiedene Gruppen gehören, einschließlich der Aschkenasim, die aus Ost- und Mitteleuropa stammen, sowie der Sephardim, die ihren Ursprung in spanisch-nordafrikanischen Regionen haben, und darüber hinaus.
- Das Judentum als Religionsgemeinschaft
Das Judentum stellt eine der ältesten monotheistischen Weltreligionen dar, deren wesentliche Grundlagen in der Torah, den fünf Büchern Mose, sowie in der mündlichen Überlieferung, dem Talmud, verankert sind. Der zentralste Aspekt des Judentums ist der Glaube an einen einzigen Gott, der den Monotheismus repräsentiert, sowie der Bund, der in der Torah dokumentiert ist. Religiös betrachtet wird das Judentum häufig als eine „Religion der Tat“ betrachtet, welche das tägliche Leben durch ein ausgedehntes System von Gesetzen, bekannt als Halacha, strukturiert. Dies umfasst unter anderem Speisevorschriften (Kashrut), Feiertage und den Schabbat. Innerhalb dieser Tradition existieren verschiedene Strömungen, darunter ultraorthodoxe, konservative, modern-orthodoxe und liberale Ausrichtungen. Im Mittelpunkt des Glaubens und der Praxis stehen das Bekenntnis zu einem Gott sowie die Beachtung der Gebote, auch bekannt als Mitzwot. Eine Mitzwa (hebräisch מִצְוָה, Singular und Plural; Plural: Mitzwot) ist ein Gebot im Judentum, das von der talmudischen Literatur in der Tora benannt wird oder aber auch von Rabbinern festgelegt worden sein könnte. Im Gegensatz zur Halacha, die das gesamte „religionsgesetzliche“ System des Judentums bezeichnet, zielt eine Mitzwa auf eine „einzelne Pflicht“ ab. Im Unterschied zu universalistischen Religionen, wie dem Christentum, ist die Gottesinteraktion im Judentum primär auf das "Volk Israel" als Kollektiv ausgerichtet, anstatt sich lediglich auf das Individuum zu konzentrieren.
- Judentum - eine Schriftreligion
Das Judentum stellt eine Schriftreligion dar, die sich durch das Fehlen eines Klerus, wie ihn die christlichen Kirchen aufweisen, auszeichnet. Auch ein geistliches Oberhaupt, vergleichbar mit dem Papst, existiert im Judentum nicht. Die Rolle der Priester, die als Vermittler zwischen Gott und den Menschen fungieren, ist im Judentum nicht vorgesehen. Stattdessen sind Rabbiner, die als besonders gelehrte, fromme und weise Angehörige des jüdischen Volkes betrachtet werden, von zentraler Bedeutung. Sie übernehmen als Gemeindevorsteher die Verantwortung für die Belange ihrer Mitglieder und bieten Beratung in religiösen, persönlichen sowie alltäglichen Fragen an.
Die jüdische Heilige Schrift, bekannt als Tanach, setzt sich aus drei Hauptteilen zusammen: der Tora (hebräisch für „Weisung“), den Nebi'im („Propheten“) und den Ketubim („Schriften“). Zudem existiert der Talmud, welcher die rabbinische Auslegung der Tora und ihrer Gesetze darstellt. Die Tora, die über die fünf Bücher Mose verfügt, bildet das Zentrum und die Quelle des jüdischen Lebens. Diese Bücher sind auch Teil des Alten Testaments im Christentum. Orthodoxe Juden sind überzeugt, dass die Worte der Tora die Worte Gottes sind, die er vor etwa 3000 Jahren an Mose auf dem Berg Sinai offenbarte. Die Tora enthält die frühe Geschichte des jüdischen Glaubens und des Volkes Israel und regelt zahlreiche Aspekte des jüdischen Alltags. Sie wird mit höchster Ehrfurcht behandelt. Fachgerecht ausgebildete Schreiber übertragen ihren Text auf Pergament, welches zu Rollen zusammengeschnürt und im Rahmen des Wortgottesdienstes in der Synagoge präsentiert wird.
- Das Judentum als Grundlage der kulturellen Identität
Für zahlreiche Juden wird die Identität wesentlich durch eine gemeinsame Geschichte geprägt, die Erinnerungen an den Holocaust, Wurzeln in Israel, kulturelle Dimensionen sowie Sprachen wie Hebräisch, Jiddisch und Ladino beinhaltet. Die Verbindung zum Land Israel ist ein fundamentaler Bestandteil dieser Identität.
Das Judentum stellt keine geschlossene ethnische Gruppe dar. Es besteht die Möglichkeit, zum Judentum zu konvertieren, wobei anerkannte Konvertiten als vollwertige Mitglieder des jüdischen Volkes und der ethnisch-religiösen Gemeinschaft eingegliedert werden. In modernen Gesellschaften, insbesondere in den Vereinigten Staaten und Israel, wandelt sich die Identität vieler Menschen von einer rein religiösen hin zu einer kulturellen und ethnischen Identität. Diese Kombination aus Religion und ethnischer Zugehörigkeit verleiht dem Judentum eine besondere Stellung, da sie sowohl Glaubensüberzeugungen als auch eine kollektive Identität umfasst.
Aktuell existiert eine Vielzahl von Strömungen und Auffassungen innerhalb des Judentums. Während des Aufklärungszeitalters im 18. Jahrhundert begann die Reformbewegung, die moderne Ansätze zur jüdischen Religionsausübung suchte, an Bedeutung zu gewinnen. Nach dem Verständnis der Reformer sollte diese Reform im Einklang mit den Bedürfnissen und Bedingungen der damaligen Zeit stehen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem reichen Traditionsgut der jüdischen Kultur und dessen Integration in die moderne Gesellschaft führte zur Entwicklung diverser Strömungen, die sich in eine konservative, eine liberale und eine orthodoxe Richtung unterteilen lassen. Orthodoxe Juden betrachten die Tora als göttlich offenbart. Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, wird im täglichen Leben strikt eingehalten. Orthodoxe Juden halten sich stets an die koscheren Speisegesetze und befolgen eine Vielzahl ritueller und liturgischer Vorschriften, darunter die Einhaltung des Schabbats. Im Gegensatz dazu interpretiert das progressive, liberale Judentum die Tora zeitgemäß und betrachtet die religiösen Gebote nicht wie in der Orthodoxie als göttlich gegeben, sondern als von Menschen geschaffen. Daher sind Schrift und Gebote Gegenstand menschlicher Auslegung und Anpassung. Gemäß dieser progressiven Perspektive werden die jüdischen Gesetze (Mizwot) flexibel oder sogar nur sporadisch angewendet.
Das konservative Judentum, insbesondere in den USA von Bedeutung, sieht sich als Mittler zwischen orthodoxem und progressivem Judentum. Es strebt an, einerseits jüdische Traditionen zu bewahren und andererseits sinnvolle Modernisierungen im Einklang mit dem jüdischen Religionsgesetz zu integrieren. Die verschiedenen jüdischen Frömmigkeitsbewegungen wurden in Deutschland organisatorisch unter dem Dach der "Einheitsgemeinde" zusammengefasst. Vor dem Holocaust hatten die progressiven Gemeinden in anderen europäischen Ländern erheblichen Einfluss. So wurde der liberale Rabbiner Leo Baeck von den verfolgten Juden im Dritten Reich als Repräsentant des gesamten deutschen Judentums anerkannt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird das jüdische Leben in Deutschland überwiegend durch orthodoxe Strömungen geprägt.
- Verfolgung und Antisemitismus
Die Geschichte des Judentums ist durch wiederholte Diskriminierung und Verfolgung geprägt. Die systematische Verfolgung und Vertreibung von Juden erstreckt sich über viele Jahrhunderte. Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. manifestierte sich die erste signifikante Diaspora der Juden aus dem Gebiet um Jerusalem. Eine weitere markante Diaspora ereignete sich im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr., als römische Herrscher die jüdische Bevölkerung aus ihrer Region verdrängten. Mitglieder dieser Gemeinschaft suchten Zuflucht in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika. Nachfolgende Verfolgungen, wie die Spanischen Inquisitionen und pogromartige Ausschreitungen in Osteuropa, führten zu zusätzlich erlittenen Vertreibungen und Fluchtbewegungen. Antisemitismus bezeichnet die Feindseligkeit gegenüber Juden. Ein erläuterndes Video beleuchtet die historische Entwicklung des Antisemitismus, der über Jahrhunderte gewachsen ist und bis in die Gegenwart anhält. Der Holocaust, auch als Schoa bekannt, stellt den Völkermord dar, den das nationalsozialistische Regime Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs an etwa zwei Dritteln der damals in Europa lebenden Juden, insgesamt zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Menschen, beging. Antisemitismus wird als Judenfeindlichkeit definiert. Im besagten Video wird erörtert, warum diese Form der Feindseligkeit seit Jahrhunderten besteht. Der Begriff selbst hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, einer Ära, in der die Klassifizierung von Menschen nach Rassen verbreitet war. Viele Europäer betrachteten die „weiße Rasse“ als überlegen gegenüber anderen.
Gehören Juden einer spezifischen „Rasse“ an? Und ist Antisemitismus ebenso eine Form des Rassismus? Der Rassismus basiert auf der Annahme, dass es unterschiedliche Menschenrassen gibt, wie die „weiße Rasse“, die „schwarze Rasse“, die „gelbe Rasse“ und die „rote Rasse“. Menschen, die als Angehörige derselben Rasse betrachtet werden, wird oft eine Vielzahl gemeinsamer Merkmale zugeschrieben. Diese rassistischen Ansichten wurden auch von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten vertreten, die eine solche Einteilung der Menschheit propagierten und einen vermeintlichen Kampf zwischen den Rassen postulierten. Aus ihrer Sicht waren Juden eine schwache, gefährliche und minderwertige „Rasse“, die nicht in Deutschland ihren Platz hatte. Die von Hitler und den Nationalsozialisten vertretenen Ideologien sind eindeutig rassistisch. Die Wissenschaft hat nach dem Zweiten Weltkrieg eindeutig nachgewiesen, dass die Klassifizierung von Menschen in verschiedene Rassen eine falsche Annahme ist, und stellte fest, dass es nur eine Rasse gibt: die menschliche Rasse.
Darüber hinaus existieren Formen des Antisemitismus, die nicht ausschließlich rassistisch motiviert sind. Historisch wurde der Hass auf jüdische Menschen oft von christlichen Kirchen befeuert. In der Geschichte, sowohl in christlichen als auch in islamischen Kontexten, gab es Perioden der Verfolgung von Juden, die nicht aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer anderen „Rasse“ stattfand, sondern weil sie nicht an den als „wahren“ angesehenen Gott glaubten. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Juden gehören keiner „Rasse“ an, und das Denken in Rassen ist sowohl falsch als auch gefährlich. Dennoch gibt es weiterhin Individuen, die an diese Annahmen festhalten. Wenn aus diesem Weltbild heraus Judenfeindlichkeit geäußert wird, ist dies unbestreitbar als rassistisch zu klassifizieren.
Literatur: Artikel „Ist Antisemitismus eine Form von Rassismus?“, Anne Frank Haus, (28. August 2025)
- Kritik an Israel - Antisemitische Mythen und Symbole
Kritik an der Politik israelischer Regierungen ist nicht per definitionem antisemitisch. Jeder darf zum Beispiel politische
Entscheidungen der verschiedenen israelischen Regierungen im Hinblick auf die palästinensischen Gebiete ablehnen oder kritisieren. Das geschieht auch in Israel selbst. Antisemitisch ist es jedoch, Israel das Existenzrecht abzusprechen.
Oft geht Kritik an Israel mit antisemitischen Mythen und Symbolen einher. So stößt man auf verletzende, hasserfüllte Karikaturen, die reiche Juden darstellen sollen oder die illustrieren sollen, dass Israel überall auf der Welt hinter den Kulissen die Fäden zieht. Die Verwendung solcher Bilder und Symbole gehört zur langen Geschichte des Antisemitismus. Gegen die Politik der israelischen Regierung zu protestieren oder sich für die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser einzusetzen, ist keine Form von Antisemitismus.
Doch ein Gespräch oder eine kritische Debatte über Israel wird zunehmend schwieriger. Die Positionen haben sich verhärtet und die Emotionen kochen schnell hoch, besonders in Zeiten, in denen der Konflikt aufflammt. Sobald das Existenzrecht Israels bestritten oder Israel mit Nazi-Deutschland verglichen wird, ist eine Grenze überschritten. Äußerungen wie „Was Israel heute mit den Palästinensern macht, ist dasselbe wie die systematische Auslöschung der Juden durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg“ sind nicht nur unangemessen und falsch, sondern auch antisemitisch. Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sind auf beiden Seiten viele Opfer zu beklagen, aber es gibt keine Auslöschung. Eine Form von Antisemitismus ist es auch, Jüdinnen und Juden individuell oder kollektiv für die Politik und die Handlungen Israels verantwortlich zu machen. Niemand ist persönlich für die Politik einer Regierung und für Handlungen von Landsleuten oder Menschen seiner Glaubensgemeinschaft verantwortlich.
Literatur: Artikel "Ist Kritik an Israel antisemitisch?," Anne Frank House, (28. August 2025)
- Geschichte und Religion
Das Judentum hat seine Wurzeln vor mehr als 3000 Jahren in der historischen Region, die sich zwischen Ägypten, Syrien und der Arabischen Halbinsel erstreckt. Laut jüdischer Tradition trat der Stammvater Abraham in einen Bund mit Gott, der ihm und seinen Nachkommen ein verheißenes Land zusicherte. Daraus formierte sich das "jüdische Volk", das eine tiefgreifende religiöse Verbindung zu Kanaan, später bekannt als Israel, entwickelte. Die grundlegenden Prinzipien der israelitischen Religion sind im Bund Gottes mit Abraham, Isaak und Jakob verankert.
Die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. führte zu einem entscheidenden Wandel in der israelitischen Religionsauffassung. Die Geschichte und das Glaubenssystem des Judentums sind untrennbar miteinander verknüpft und gekennzeichnet von Kriegen, politischer Instabilität, Vertreibungen, Verfolgungen und der Diaspora. Der Begriff "Diaspora" (griechisch für "Zerstreuung") ist seit der Zerstörung des zweiten Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. eng mit der jüdischen Identität verknüpft. Die Sehnsucht nach "Zion" und der innere Wunsch, in das von Gott verheißene Land zurückzukehren, sind seit Jahrhunderten zentrale Themen im jüdischen Denken. Jerusalem, oft als "Stadt des Friedens" bezeichnet, wird als Symbol für Vollkommenheit und Frieden betrachtet. Der Begriff "gelobtes Land" wird sowohl als konkrete geografische Einheit, als auch im Sinne eines universellen Friedens verstanden.
Nach nahezu zwei Jahrtausenden im Exil und in der Diaspora erlebte das 19. Jahrhundert, während der postemanzipatorischen Ära, eine bedeutende Wende: Es entstand das Streben nach der Gründung eines jüdischen Staates, Israel, insbesondere als Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus in den europäischen Nationalstaaten. Die Idee einer Rückkehr der Juden nach Eretz Israel ist eng mit dem Exil nach der Tempelzerstörung verknüpft und manifestierte sich im Zionismus, der am Ende des 19. Jahrhunderts aufkam und von den nationalen Bewegungen in Europa beeinflusst wurde. Während dieser Phase nahm die Idee einer Rückkehr zur historischen Heimat einen zentralen Stellenwert ein, obwohl Juden bereits vor der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. in der Diaspora lebten, die sich von Ägypten bis nach Kleinasien ausdehnte. Mit dem Verlust ihrer religiösen und nationalen Identität und der Abkehr von politischer Souveränität entwickelten die Juden sich zu einem Diasporavolk par excellence. Ihre bedeutendste Schrift nach der Hebräischen Bibel, der Talmud, wurde in Aramäisch in Babylonien verfasst. Wichtige philosophische Werke im Mittelalter, verfasst von Denkern wie Jehuda ben Samuel ha-Levi (1074- 1141, einem sephardischen Philosoph und dem bedeutendsten hebräischen Dichter des Mittelalters sowie Moses Maimonides (1135/ 1138-1204) einem andalusischen jüdischen Philosoph, Rechtsgelehrten, Theologen und Arzt, entstanden in arabischer Sprache in Spanien und Nordafrika. Im 18. Jahrhundert war Moses Mendelssohn (1729-1786) eine Schlüsselfigur unter den deutschsprachigen Intellektuellen.
Trotz ihrer tiefen Verwurzelung in der Umgebung verloren die Juden über die Jahrhunderte hinweg nicht ihre emotionale Verbindung zu dem Land, das sie als Israel bezeichnen, und das von den Römern als "Palästina" benannt wurde, als Strafe für den jüdischen Aufstand. In biblischer Zeit erinnert Psalm 137: "Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand vertrocknen." Der Psalmist schildert, wie die Vertriebenen an den Ufern Babylons saßen und weinten, während sie an Jerusalem dachten. Auch wenn der historische Nachweis dieser Erzählungen nicht eindeutig ist, beeinflussten sie das jüdische Leben in den nachfolgenden Jahrhunderten erheblich. Aus allen Richtungen der Zerstreuung beteten die Menschen, in Richtung Jerusalem gewandt, dreimal täglich für eine Rückkehr, symbolisiert durch den Berg Zion. Bewegende Dichtungen aus dem Mittelalter belegen den Rückkehrwunsch, den viele Juden, in unterschiedlichem Maße, erfüllten. Falls sie nicht physisch nach Palästina reisten, geschah es oft mit dem Bestreben, dort zu sterben. Dies gilt für zahlreiche spanisch-jüdische Denken des Mittelalters sowie für Moses Mendelssohn, der eines seiner bedeutendsten religionsphilosophischen Werke "Jerusalem" betitelte.
Nach der Shoah wurde im Jahr 1948, mit der Zustimmung der UN-Vollversammlung, der jüdische Staat Israel gegründet, der als sicherer Hafen für Jüdinnen und Juden weltweit fungieren sollte. Er ist der einzige Staat, in dem Jüdinnen und Juden eine Bevölkerungsmehrheit bilden.
Literatur: Michael Brenner, "Was ist Zionismus? Eine Einführung,"auf bp.de, abgerufen am 09.03.2026.
- Exil
Der Begriff „Exil“ entstammt dem Lateinischen „exilium“, was so viel wie Verbannung oder Aufenthalt im Ausland bedeutet, sowie dem Wort „exul“, welches sich auf die verbannten oder ausgewanderten Personen bezieht. Im Althochdeutschen erschien die Form „īhsilī“ im 9. Jahrhundert, während der Terminus „Exil“ seit dem 16. Jahrhundert im Neuhochdeutschen gebräuchlich ist. Das zweite Element „-al“ findet sich auch im griechischen „ālā́sthai“, was auf das Verbanntsein oder Umherziehen hinweist.
Exil beschreibt den Aufenthalt einer Einzelperson oder Gruppe außerhalb ihres Herkunftslandes, der oftmals langanhaltender Natur ist und typischerweise infolge von Repressionen erfolgt. Eine Person im Exil wird als Exilant bezeichnet. Der Aufenthalt im Exil kann sowohl erzwungen sein, wie durch staatliche Verbannung oder Ausbürgerung, als auch freiwillig, wenn Exilanten die Umstände in ihrem Heimatland als untragbar empfinden. In der Regel besteht der Wunsch, zurückzukehren, sobald sich die Situation geändert hat. Die Ursachen für Exil sind vielfältig und umfassen religiöse oder politische Verfolgung, Verbannung, Vertreibung, Ausbürgerung oder erzwungene Umsiedlung. Häufig begaben sich auch Herrscher ins Exil, vor allem nach dem Verlust ihrer Macht.
Die Fragen, die sich aus dem Zwang, ins Exil zu gehen, ergeben, sind zahlreich: Welche Erfahrungen macht man im Exil? Gibt es ein Ende dieses Zustands? Was bleibt von dieser Erfahrung?
Zwischen 1933 und 1945 wurden schätzungsweise 500.000 Menschen aus dem nationalsozialistischen Machtbereich ins Exil gezwungen. Diese Menschen teilten die Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung, wobei die konkreten Umstände, Zeitpunkte, Fluchtwege, Reiseziele und individuellen Erlebnisse im Exil stark variierten. Die Exilerfahrungen aus dieser Zeit sind vielschichtig und persönlich geprägt; sie umfassen sowohl Brüche und Verluste als auch Neuanfänge und Zugewinne.
In biblischen und von biblischen Texten geprägten Kontexten bezieht sich der Begriff „Exil“ auf die physische Trennung von dem von Jahwe verheißenen Land (vgl. Schmid, 1982, S. 707). Der Verlust dieses Landes stellt die Gemeinschaft mit Gott infrage (vgl. Ez 11,15), was die exilische Theologie vor die Herausforderung stellt, die Kontinuität des Glaubens an Gott aufrechtzuerhalten. Der hebräische Terminus „Gola“ (auch als Golah bekannt) leitet sich von dem Verb גלה (glh) ab, was „ausziehen“ oder „fortgehen“ bedeutet, sowie vom Nomen גּוֹלָה (gôlāh), das sowohl „Verbannung“ als auch „Gruppe von Exilierten“ bezeichnet. In diesem Kontext wird „Gola“ im Deutschen als spezifischer Terminus verwendet.
In der alttestamentlichen Forschung wird der Begriff „Exil“ häufig in Verbindung mit dem babylonischen Exil gebracht. Eine differenzierte Analyse der Geschichte Israels erfordert jedoch eine Unterscheidung zwischen zwei Exilzeiten und -regionen:
- Erstens: nach der Eroberung Samarias im Jahr 722 v. Chr. und der Eingliederung des Königreichs Israel in das assyrische Provinzialsystem, sowie der Besetzung Judas zwischen 703 und 701 v. Chr., deportierte das assyrische Heer große Teile der Bevölkerung, die als erstes assyrisches Exil betrachtet werden kann. Die Rekonstruktion dieses Exils erweist sich als sehr komplex, da nur wenige Spuren der betroffenen Gruppen verblieben sind. Im Alten Testament wird dieses Exil nur sporadisch thematisiert, während das Nordreich Israel zunehmend als integraler Bestandteil des Großreichs Davids angesehen wird, was dazu führt, dass die Traditionen des Nordreichs in der nachexilischen Literatur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Zerstörung Samarias und die Überführung des ehemaligen Vasallenstaates Israel in eine assyrische Provinz sind sowohl in biblischen (2Kön 17,3-6; 2Kön 18,9-11) als auch in mesopotamischen Quellen dokumentiert (Inschriften aus Chorsabad; die Zylinderinschrift Sargons II. sowie die babylonische Chronik).
- Zweitens: das zweite Exil wird in einem anderen Licht betrachtet. Die Deportation der judäischen Bevölkerung ab 597 v. Chr. stellt einen bedeutenden Einschnitt in der Geschichte Israels dar, da sie das Ende der politischen Selbstständigkeit des Königreichs Juda und des davidischen Königshauses markiert. Die zentrale Rolle des babylonischen Exils in biblischen Texten lässt sich zum großen Teil darauf zurückführen, dass ein erheblicher Teil der alttestamentlichen Bücher in und nach der Exilzeit verfasst wurde oder sich mit den damit verbundenen Erfahrungen auseinandersetzt.
Literatur: Thomas Wagner, „Exil/Exilzeit“, Deutsche Bibelgesellschaft (Mai 2000); Artikel „Zionisten?“, Anne Frank House (28. August 2025); Gregor Delvaux de Fenffe, „Judentum“, Planet Wissen (09.11.2020); Mouhanad Khorchide, „Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle“, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau (2025); Joachim Bahlcke, „Glaubensflüchtlinge. Ursachen, Formen und Auswirkungen frühneuzeitlicher Konfessionsmigration in Europa“ (Berlin-Münster 2008); Cilly Kugelmann, Jürgen Reiche (Hg.): „Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933“ (Frankfurt/M. 2006); Claus-Dieter Krohn: „Emigration 1933–1945/1950“, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz (31. Mai 2011); Wolfgang Benz, „Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945“, C.H. Beck (2025); Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 in Frankfurt am Main, „Exil. Erfahrung und Zeugnis | Exile. Experience and Testimony. Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek“, hrsg. von Sylvia Asmus im Auftrag der Deutschen Nationalbibliothek, Göttingen (Wallstein Verlag, 2019).
Diaspora
Der Begriff „Diaspora“ bezeichnet spezifische ethnische und/oder religiöse Minderheiten, die in der Regel anhaltende Verbindungen zu ihrem Ursprungsgelände unterhalten. Diese Gruppen haben häufig Migrationserfahrungen, die von traumatischen Ereignissen geprägt sind. Ihre multilateralen Loyalitäten und Beziehungen differenzieren sie von anderen ethnischen und religiösen Minderheiten. Der Terminus stammt aus dem Griechischen (vom alten griechischen διασπορά, was „Verstreuung“ bedeutet) und steht für „Zerstreuung“ oder „Verbreitung“.
Im vierten Buch Mose (Dt. 28,64) wird dem Volk Israel angedroht: „Und der Herr wird dich über alle Länder zerstreuen.“ In der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. (der sogenannten „Septuaginta“) wird dieser Passus als „Du sollst eine Diaspora sein in allen Reichen auf Erden“ wiedergegeben. Die „Septuaginta“ diente dazu, der damals vorherrschenden hellenisierten jüdischen Minderheit in Ägypten Zugang zu jüdischen Schriften zu ermöglichen. In diesem Kontext bezeichnete „Diaspora“ demnach nicht lediglich einen negativen Zerstreuungsprozess, sondern auch die spezifische Lebenssituation jüdischer Gemeinschaften außerhalb Palästinas.
Die beiden Dimensionen der „Zerstreuung“ manifestieren sich in den differenzierten Begriffen „Exil“ und „Diaspora“. Während „Exil“ die unfreiwillige, erzwungene Vertreibung in die Fremde bezeichnet und temporären Charakter sowie den Wunsch nach Rückkehr impliziert, beschreibt „Diaspora“ die Existenz von Gemeinschaften, die sich über ihre gemeinsame, historisch oder mythologisch verstandene Heimat hinaus definieren.
Kriege, erzwungene Wanderungen, wirtschaftliche Krisen und die Globalisierung führten im 19. und 20. Jahrhundert zu erheblichen Flüchtlingsströmen und Migrationen, die zahlreiche diasporische Konstellationen hervorbrachten. Während der Bürgerrechtsbewegung in den USA in den 1960er Jahren wurde erstmals der Begriff „Schwarze Diaspora“ geprägt, wobei hier nicht Abstammungsmuster oder das Konzept einer gemeinsamen Heimat im Vordergrund standen, sondern die kollektiven Erfahrungen von Sklaverei und Unterdrückung. Gleichzeitig begannen Mitglieder der „Asian American Movement“, sich selbst als Teil der chinesischen Diaspora zu betrachten.
Im Rahmen der Religionsgeschichte hat der Begriff Diaspora, orientiert an der jüdischen Diaspora, oft eine negative Konnotation. Hingegen hat er in der zeitgenössischen Kulturwissenschaft eine positive Umdeutung erfahren. Die diasporische Situation eröffnet theoretisch die Möglichkeit für Identitäten, die nicht an nationale Grenzen gebunden sind und die Integration vielfältiger kultureller, religiöser und ethnischer Dimensionen begünstigen. Gleichwohl kann die Verbindung und Loyalität zum Herkunftsland in einer diasporischen Lebenssituation verstärkt werden, was zu einer Abgrenzung von anderen Gruppen führen kann.
Diasporische Identitäten entwickeln sich im Spannungsfeld zwischen (a) der Orientierung an einer realen oder mythologischen Herkunftsregion, (b) einer spezifischen Migrationsgeschichte, (c) interner Solidarität in der Diasporagruppe und (d) den Lebensrealitäten in den Zuwanderungsgebieten. Angehörige einer Diaspora empfinden häufig eine tiefe Verbundenheit durch gemeinsames Erbe, Geschichte, Religion und/oder Kultur. Diese Zugehörigkeit wird im Regel als generationenübergreifend und familiär definiert. Die Inhalte, die Bedeutung und die Reichweite dieses Zugehörigkeitsgefühls sowie die zugrunde liegenden Merkmale unterliegen einem situativen und historischen Wandel.
Der Begriff „Diaspora“ konzentrierte sich über lange Zeit überwiegend auf die Erfahrungen von Vertreibung und Versklavung der jüdischen Bevölkerung nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im 6. vorchristlichen Jahrhundert, was einen zentralen Bezugspunkt für die Identität jüdischer Gemeinschaften darstellt. Das moderne Verständnis von Diaspora reflektiert diese historische Bedeutung, erweitert jedoch den semantischen Rahmen, indem es Elemente der jüdischen Diasporanarrative mit den historischen Erfahrungen anderer ethnischer und religiöser Gruppen verknüpft.
In den 1960er und 1970er Jahren wurde insbesondere das Motiv der traumatischen Flucht- und Vertreibungsgeschichte hervorgehoben, was unter anderem die gewaltsamen Zwangsumsiedlungen afrikanischer Bevölkerungsgruppen, die massenhafte Emigration irischer Menschen infolge der großen Hungersnot von 1845 bis 1852 sowie die Vertreibung von Palästinensern nach der Gründung Israels im Jahr 1948 betrifft.
Literatur: „Diaspora”, auf www.gra.ch, abgerufen am 08.03.2026; Dr. Boris Nieswand; „Was ist eine Diaspora?“ auf bpb, abgerufen am 08.03.2026.
I. Erstes Exil - Das assyrische Exil
Die Eroberung Samarias 722 v. Chr.
Die Zerschlagung Samarias und die Transformation des ehemaligen Vasallenstaates Israel in eine Provinz des Assyrischen Reiches sind sowohl in biblischen als auch in mesopotamischen Quellen umfassend dokumentiert. Hierzu zählen unter anderem die Schriftstellen in 2. Könige 17,3-6 und 2. Könige 18,9-11 sowie Inschriften aus Chorsabad. Des Weiteren sind die Zylinderinschrift, der Assur-Freibrief Sargons II. und die babylonische Chronik CT 34,43-50 I,27-30 von maßgeblicher Relevanz.
1. Mesopotamische Quellen:
Die Quellen bieten ein weitgehend kohärentes Bild über die Eroberung und Plünderung von Samaria, die Deportation der ansässigen Bevölkerung sowie die Neuansiedlung von Personen aus anderen eroberten Gebieten.
Die Eroberung Samarias erfolgte im Rahmen eines Feldzugs von Sargon II. gegen verschiedene Stadtstaaten in Syrien und Palästina, die verpflichtet waren, an das assyrische Reich Tribute zu entrichten. Angesichts mehrfacher Berichte über Konfrontationen zwischen den neuassyrischen Streitkräften und einem ägyptischen Heer erscheint es plausibel, dass einer oder mehrere dieser Stadtstaaten Ägypten um militärische Unterstützung gebeten haben.
Die vorliegenden Texte dokumentieren jedoch keine Bestrebungen Sargons II. zur Expansion nach Ägypten. Während die Darstellungen der Kampfhandlungen in den Inschriften, trotz variabler Schwerpunkte, weitgehend übereinstimmend sind, zeigen sich geringfügige Abweichungen in den von Sargon II. angegebenen Zahlen bezüglich der in Samaria erbeuteten Güter und der deportierten Personen.
In drei Inschriften wird die Zahl der Deportierten genannt: Die Kalach-Inschrift vermerkt 27.280 Deportierte (eine Zahl, die im ersten Annalentext aus Chorsabad rekonstruiert wird), während die große Prunkinschrift mit 27.290 Exilierten nur unwesentlich davon abweicht. Konsens herrscht auch darüber, dass ein General von Sargon II. als Statthalter für Samaria eingesetzt wurde. Größere Diskrepanzen zeigen sich jedoch hinsichtlich der erbeuteten Streitwagen. Der erste Annalentext aus Chorsabad und die große Prunkinschrift berichten von 50 Streitwagen, während die Kalach-Inschrift 200 anführt. Diese Differenz kann möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass Sargon II. in der Kalach-Inschrift, die neben der üblichen Aufzählung von Eroberung, Zerstörung und Plünderung auch die Ermittlung der Anzahl der deportierten Personen und der konfiszierten Kriegsbeute umfasst, den Eindruck eines besonders erfolgreichen Feldzugs erwecken wollte. Da im Text nicht nur die Zerstörung, sondern auch der Wiederaufbau thematisiert wird, dürfte die erhöhte Zahl der erbeuteten Gegenstände als Propaganda für die eigene Herrschaft sowie als Abschreckung gegen mögliche anti-sargonidische Aufstände gedacht sein. Der Erfolg von Sargon II. wird als Resultat des Schreckensglanzes Assurs gedeutet, und die Nennung seines königlichen Namens könnte die Gegner vorzeitig verängstigen.
Die in der Kalach-Inschrift erwähnte Wiederherstellung Samarias und die Ansiedlung neuer Bevölkerungsgruppen wird durch die Zylinderinschrift Sargons II. veranschaulicht. Dort wird dargelegt, dass die Bevölkerung Samarias durch die bereits geschwächte Einwohnerschaft der Regionen Tamudi, Ibadidi, Marsimani und Chajappa ergänzt wurde. Ein weiteres Problem ergibt sich durch den Inhalt des babylonischen Chroniktexts: Während die Inschriften Sargons II. die Eroberung Samarias diesem zuschreiben, verweist der babylonische Chroniktext auf Salmanassar V. und bringt Sargon II. nicht mit der Eroberung Samarias in Verbindung. Da diese Quelle jedoch die größte zeitliche Distanz zu den Ereignissen aufweist, sollte den anderen Quellen und deren Darstellungen der Vorzug gegeben werden. Dagegen spricht jedoch, dass auch die später verfassten biblischen Texte (2 Kön 17,3-6; 2 Kön 18,9-11) Salmanassar als Eroberer Samarias identifizieren.
- Die Inschriften aus Chorsabad - Eroberung Samarias durch Sargon II
In den Inschriften Sargons II., die in Chorsabad (Dūr-Scharrukkin, 20 km nordöstlich von Ninive) entdeckt wurden, wird die Eroberung Samarias durch Sargon II. insgesamt fünfmal erwähnt. Sargon II. (Šarru-ukīn, auch biblisch als Sargon bekannt, häufig fälschlicherweise auch als Šarru-kīn II. oder Sargon II. bezeichnet) regierte von 721 bis 705 v. Chr. als König des neuassyrischen Reiches und gilt als Namensgeber der Sargoniden-Dynastie. Er folgte Salmanassar V. nach und war mutmaßlich ein Sohn von Tiglat-Pileser III.
Der erste Textausschnitt, entnommen aus den umfangreichsten Annalentexten, thematisiert nicht nur die Eroberung Samarias, sondern auch die darauffolgenden assyrischen Umsiedlungs- und Reorganisationsmaßnahmen:
"Am Anfang [meiner Regierung …] die Samarier […] der mich meinen Wunsch erreichen lässt […] [27280 Einwohner] schleppte ich fort. 50 Streitwagen für mein stehendes Heer [hob ich] unter ihnen [aus …] [… Samaria] wandelte ich um und machte es größer als zuvor. Leute aus Ländern, [die ich mit meiner Hand] erobert hatte, [ließ ich darin einziehen]. [Einen General stellte ich als Statthalter über sie ein, und Tribut] und Abgabe wie bei den Assyrern legte ich ihnen auf. […] [… Die Einwohner von Assyrien und von Ägypten] vermischte ich miteinander und ließ sie Handel treiben […]." (TUAT I/4, 378)
Neben diesem umfassenden Annalentext, der über diverse Kampagnen Sargons II. berichtet, wurde in Chorsabad eine Türinschrift entdeckt, die ebenfalls die Eroberung Samarias behandelt. Der Text der Inschrift reiht die Eroberung Samarias summarisch unter weitere Eroberungen während Sargons II. Syrienfeldzug ein:
"(Sargon) … der Samaria und das ganze ‚Haus-Omri‘ eroberte; der Asdod und Schinuchtu plünderte; der das Land der Jonier, das inmitten des Meeres liegt, gleich einem Fisch fing; der Kasku, ganz Tabal und Kilikien deportierte; der Midas, den König von Musku, vertrieb; der bei Raphia Ägypten eine Niederlage beibrachte und Chanunu, den König von Gaza, als Beute zählte." (TUAT I/4, 386)
Ein weiterer Bericht über die Eroberung und Zerstörung Samarias findet sich in der sogenannten „Großen Prunkinschrift“ Sargons II.:
"Samaria belagerte und eroberte ich. 27290 seiner Einwohner schleppte ich fort, 50 Streitwagen hob ich unter ihnen aus, und die Übriggebliebenen ließ ich ihrer Berufsarbeit nachgehen. Einen General setzte ich als Statthalter über sie ein, und ich legte ihnen den von einem früheren König (auferlegten) Tribut (erneut) auf. Chanunu, der König von Gaza, nebst Re’e, dem Tartan von Ägypten, zogen bei Raphia, um Kampf und Schlacht zu liefern, mir entgegen. Ich brachte ihnen eine Niederlage bei. Re’e fürchtete den Lärm meiner Waffen, er floh, und sein Aufenthaltsort wurde nicht gefunden. Chanunu, den König von Gaza, nahm ich mit der Hand gefangen. Von Pharao, dem König von Ägypten, Samsi, der Königin der Araber und It’amra, Sabäer, erhielt ich als Abgabe Gold, Staub seines Gebirges, Pferde und Kamele …" (TUAT I/4, 383)
Auf diese Darstellung folgen Berichte über weitere Kampf- und Eroberungsmaßnahmen in Syrien, Palästina und Ägypten, wobei Samaria und Israel nicht weiter erwähnt werden.
Auch in der sogenannten „Kleinen Prunkinschrift“ wird die Eroberung Samarias verzeichnet. Hierbei wird Samaria nicht als Schwerpunkt dargestellt, sondern unter weiteren eroberten Städten zusammengefasst:
"Jamani von Asdod fürchtete meine Waffen, er verließ seine Gattin, seine Söhne und seine Töchter, floh zur Grenze von Ägypten, das im Bereiche von Meluchcha liegt, und ließ sich dort wie ein Dieb nieder. Über sein ausgedehntes Land und seine wohlhabenden Untertanen setzte ich einen General als Statthalter ein, und ich erweiterte den Machtbereich Assurs, des Königs der Götter. Den König von Meluchcha warf Furcht vor dem Schreckensglanz Assurs, meines Herren, nieder. Man schlug ihn an Händen und Füßen in eiserne Fesseln, und er ließ ihn nach Assyrien bis in meine Gegenwart bringen. [Ich eroberte und] plünderte Schinuchtu, Samaria und das ganze ‚Haus Omri‘. Die Joniter mitten im Meer des Sonnenuntergangs fing ich gleich einem Fisch. Ich deportierte Kasku, Tabal und Kilikien. Ich vertrieb Midas, den König von Musku. Bei Raphia brachte ich Ägypten eine Niederlage bei. Chanunu, [den König] von Gaza, zählte ich als Beute." (TUAT I/4, 385)
Die letzte Erwähnung der Eroberung Samarias findet sich in der Zylinderinschrift Sargons II., die von der Eroberung unterschiedlicher Gebiete und den anschließenden Umsiedlungsmaßnahmen berichtet:
"(Sargon) … der das weite ‚Haus-Omri‘ zum Wanken brachte; der bei Raphia Ägypten eine Niederlage beibrachte und Chanunu, den König von Gaza, gefangen nach der Stadt Assur führte; der die Tamudi, Ibadidi, Marsimani und Chajappäer eroberte, deren Rest umgesiedelt wurde und die ich in ‚Haus-Omri‘ wohnen ließ." (TUAT I/4, 386)
- Die Kalach-Inschrift
Die Inschrift, die in Kalach (auch bekannt als Kalchu) entdeckt wurde, thematisiert die Ereignisse, die zur Belagerung und Zerstörung sowie zur Deportation der dort ansässigen Bevölkerung führten. Darüber hinaus enthält der abschließende Absatz des nachfolgenden Textes Aussagen zur Bevölkerungspolitik, die Sargon II. mit dem Ziel verfolgte, besiegte Völker zu integrieren:
"Die Samarier, die gegen meinen königlichen Vorgänger Groll hegten und, um keine Untertänigkeit zu bezeugen und keinen Tribut zu leisten, […] Krieg führten – in der Macht der großen Götter, meiner Herren, führte ich mit ihnen einen Kampf. 27.280 Einwohner sowie Streitwagen und die Götter, auf die sie Vertrauenskonten hatten, betrachtete ich als Beute. 200 Streitwagen für mein königliches Heer rekrutierte ich unter ihnen, und die übrig gebliebenen Ansiedler integrierte ich in Assyrien. Samaria transformierte ich und vergrößerte es über seine vorherigen Grenzen hinaus. Entvölkerte Gebiete, die ich durch meine Hand eroberte, ließ ich dort einziehen. Einen General ernannte ich zu meinem Statthalter über sie, und ich zählte sie zu den Bürgern Assyriens. Der Schrecken der Macht Assurs, meines Herren, ließ die Einwohner von Ägypten und Arabien erzittern. Bei der Nennung meines Namens zitterten ihre Herzen, und ihre Arme erschlafften. Die versiegelte Grenze Ägyptens öffnete ich, vermischte die Einwohner Assyriens mit jenen Ägyptens und ließ sie Handel miteinander treiben." (TUAT I/4, 382)
- Der "Assur-Freibrief" Sargons II.
Der sogenannte „Assur-Freibrief“ Sargons II. gehört zu den Funden in Ninive, wobei die genaue Herkunft dieses Dokuments nicht bekannt ist. In diesem Schreiben wird die Eroberung und Zerstörung Samarias im Kontext der Unterdrückung von Aufständen gegen die assyrische Oberherrschaft auf der syro-palästinensischen Landbrücke thematisiert:
„Im zweiten Jahr meiner Regierungszeit, nachdem ich den Königsthron bestiegen und mit der Krone der Herrschaft geschmückt worden war, besiegte ich die Streitmacht der Chumbanigasch, des Königs von Elam, und fügte ihm eine Niederlage zu. Ilubi’di von Hamat, dem kein Thron zustand und der über keinen Palast verfügte, sondern der durch die Hirtenschaft über die Menschen das Schicksal […] plante, organisierte einen Angriff gegen Assur, sein Land und sein Volk, und zeigte Missachtung […]. Er versammelte die Städte Arpad und Samaria und brachte sie auf seine Seite […]. Er tötete, ließ kein Lebewesen übrig […] und erhob meine Hand zur Eroberung von Hamat […]. Für das ausgedehnte Land Amurru bat ich um Unterstützung, und Assur […] erhörte meine Gebete […]. Ich schlug den Weg nach Amurru ein. In Hamat […] lagen Leichname weit ausgestreut. Das Lob […] von Amurru stieß ich unter meine Füße […] und brachte [es] in meine Stadt Assur.“ (TUAT I/4, 387)
- Der Babylonische Chroniktext CT 34,43-50 I,27-30
Die babylonische Chronik, deren älteste bekannte Version aus dem 22. Jahr des persischen Königs Darius I. datiert, bezieht sich auf eine ältere historiografische Tradition, die auch die Herrschaftszeiten der Assyrer durch babylonische Historiker dokumentiert. Zur Herkunft dieser Quelle wird auf Becking, 1992, S. 22 verwiesen. Der Text berichtet:
"Am 25. Tag des Monats Tebet bestieg Salmanassar in Assur und Akkad den Thron. Er zerstörte Samaria. Im fünften Jahr starb Salmanassar im Monat Tebet. Salmanassar regierte fünf Jahre lang über Assur und Akkad. Im Monat Tebet bestieg Sargon den Thron in Assur. Am Neujahrstag trat Marduk-apla-iddina die Herrschaft in Babylon an." (Text, englische Übersetzung und Kommentar in Grayson, 1975, Chronicles, S. 69-87)
2. Der alttestamentliche Bericht 2 Kön 17,3-6; 18,9-11
Die Zerstörung Samarias wird im Alten Testament lediglich in einer kompakten historischen Darstellung erwähnt. Laut 2 Könige 17,4 war der Anlass für die Zerstörung die Einstellung der Tributzahlungen durch König Hoschea von Israel sowie dessen Allianz mit dem ägyptischen Pharao So. In der Folge belagerte Salmanassar V. ab dem siebten Regierungsjahr Hoscheas (2 Kön 18,9), das heißt ab 725 v. Chr., Samaria über einen Zeitraum von etwa drei Jahren. Schließlich gelang es ihm im Jahre 722 v. Chr., die Stadt einzunehmen und zu vernichten (2 Kön 17,5).
In den alttestamentlichen Berichten wird folglich, im Gegensatz zu den neuassyrischen Quellen, nicht Sargon II., sondern Salmanassar V. als Eroberer Samarias ausgewiesen. Diese Diskrepanz wird in der wissenschaftlichen Diskussion häufig damit erklärt, dass Salmanassar die Belagerung gegen Ende seiner Amtszeit initiiert und möglicherweise auch die Stadt erobert hat, während Sargon zu Beginn seiner Regierungszeit die weiteren Maßnahmen gegen Samaria ergriff.
Die Deportation aus Israel
Das Phänomen der Massendeportation weist im altorientalischen Kulturraum umfassende Evidenz auf und findet bereits in frühen Quellen, nicht nur im Kontext der neuassyrischen Imperialpolitik, Beachtung. Eine Inschrift des Königs Rimusch aus der altakkadischen Epoche (3. Jahrtausend v. Chr.) dokumentiert Deportationen, die im Zusammenhang mit militärischen Unternehmungen standen.
Neuartig ist jedoch, dass in der neuassyrischen Zeit Deportationen als fester Bestandteil der imperialen Politik etabliert wurden. Zehnder (2005, S. 121-123) identifiziert verschiedene Gründe und Ziele der assyrischen Deportationspraxis: 1. Bestrafung rebellischen Verhaltens; 2. Eliminierung konkurrierender Mächte und Schwächung potenzieller Widerstandszentren; 3. Schaffung einer loyalen Untertanschaft; 4. Etablierung eines homogenen „assyrischen“ Gebietes; 5. Rekrutierung von Arbeitskräften; 6. Ausweitung der bewirtschafteten Territorien. All diese Gründe lassen sich letztlich einem übergeordneten Ziel zuordnen: der Sicherung und Stabilisierung des imperialen assyrischen Reiches. Die spezifischen politischen Motivationen wurden allerdings erst unter Tiglatpileser III. von entscheidender Bedeutung; zuvor dominierten wirtschaftliche Interessen (vgl. Zehnder, 2005, S. 123; Oded, 1979; ders., 1995).
Die Berichterstattung über die Exilierung der israelitischen Bevölkerung im Alten Testament ist überraschend knapp. Im Deuteronomistischen Geschichtswerk, konkret in 2Kön 17,6; 2Kön 18,11, wird von einer vollständigen Exilierung der Bevölkerung und der Ansiedlung einer fremden Bevölkerung (2Kön 17,24) berichtet. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass es sich hierbei um eine stilisierte Darstellung handelt. In den assyrischen Quellen sind Deportationen ganzer Bevölkerungsgruppen nicht verzeichnet. Vielmehr ist anzunehmen, dass vor allem urbane Populationen von diesen Deportationen betroffen waren.
Deportationen aus Juda
Neben der Deportationswelle nach der Eroberung Samarias kam es auch im Zuge der Besetzung Judas zwischen 703 und 701 v. Chr. zu Maßnahmen der Bevölkerungsdeportation. Die alttestamentliche Überlieferung bietet hierzu jedoch keinerlei Informationen. In den Büchern 2Kön 18,13; Jes 36,1 und 2Chr 32,1 wird lediglich von der Belagerung und Einnahme judäischer Städte durch den assyrischen König Sanherib berichtet, wobei der Fokus der Darstellung ausschließlich auf Jerusalem und der wundersamen Rettung von der neuassyrischen Bedrohung liegt.
Ein in Ninive entdecktes Steinrelief belegt jedoch, dass es während der Eroberung judäischer Städte tatsächlich zu Deportationen kommen konnte. Dieses Relief, das die Belagerung Lachischs darstellt, trägt die Beischrift: „Sanherib, König der Welt, König von Aššur, auf dem Thron sitzt er und die Beute aus Lachisch zieht vor ihm vorbei.“ Das Relief, von dem hier nur ein Ausschnitt abgebildet ist, zeigt die Kampfhandlungen, die zur Eroberung der Stadt führten, sowie die Deportation eines Teils der besiegten Bevölkerung. Diese Darstellung entspricht den in Abschnitt 2.2 erläuterten Praktiken der neuassyrischen Eroberungspolitik.
Obwohl Hinweise auf Deportationen aus anderen judäischen Städten fehlen, ist anzunehmen, dass diese ebenfalls stattgefunden haben. Informationen über den Verbleib der judäischen Bevölkerung liegen nicht vor, sodass keine fundierten Aussagen über eine mögliche Wiederansiedlung oder ihre anschließende Geschichte getroffen werden können. Daher bezieht sich die folgende Darstellung ausschließlich auf die aus dem Nordreich Israel stammenden Exilierten.
Das Leben der Deportierten im Exil
Die Eroberung Samarias, die anschließende Plünderung der Stadt sowie die Deportation der Bevölkerung sind in den historischen Quellen weitgehend dokumentiert. Im Gegensatz dazu gibt es über die Lage der Diaspora nur begrenzte Informationen.
In der neuassyrischen Epoche erfolgten die Ansiedlungen deportierter Personen meist im und in der Nähe des assyrischen Kernlandes. Erst mit Tiglatpileser III. wurden Deportierte auch in Außenprovinzen angesiedelt, aus denen zuvor Teile der Bevölkerung entfernt worden waren. Im Gegensatz zu den Deportationen der mesopotamischen Frühzeit gruppierten die Assyrer die Deportierten in größeren Einheiten entsprechend ihren Herkunftsregionen, wodurch die jenen zugrunde liegenden Hausgemeinschaften und Familienstrukturen weitgehend erhalten blieben (vgl. Zehnder, 2005, 135). An ihren neuen Ansiedlungsorten erhielten die Deportierten Ländereien zur Bewirtschaftung sowie Viehbestände und Hausinventare, die sich nach ihrem sozialen Status am Herkunftsort richteten (vgl. den Verwaltungstext VAT 18087+). Es ist anzunehmen, dass die Assyrer mit dieser Praxis die Absicht verfolgten, eine ihnen vertraute soziale Ordnung wiederherzustellen (vgl. Pola, 2005, 137.148ff.).
Diese Vorgehensweise scheint auch für die Exiliertengruppe aus Samaria zutreffend zu sein, die in der Region Chabur, einem nördlichen Nebenfluss des Euphrats, angesiedelt wurde. Das Alte Testament erwähnt neben dem medischen Gebiet insbesondere Gosan (Tell Ḥalāf) als Teil der Chabur-Region (2. Kön 17,6; 2. Kön 18,11). Während in den neuassyrischen Berichten keine spezifischen Aussagen über die Ansiedlung gemacht werden, deuten einige Hinweise auf die Chabur-Region als neuen Lebensraum der aus Israel vertriebenen Bevölkerung hin. In einem Brief aus der unteren Chabur-Region zur Zeit Sargons II. wird beispielsweise von einer Getreidesteuer berichtet, die auf den Samariern lastete (vgl. Parpola, 1987, 170).
Auch vier Texte aus Šech-Hamat, die zwar erst aus der neubabylonischen Zeit stammen, spiegeln frühere Namenstraditionen wider und weisen auf eine Ansiedlung israelitischer Bevölkerung in dieser Region hin (Fales, 1993, 139-150). Diese Texte enthalten mehrere westsemitische Namen, die teilweise hebräischen Ursprungs sind (Achzi-Jau < אחזיהו; Chazaqi-Jau < חזקיהו; Menasê < מנשה; Same-Jau < שמעיהו). Die Analyse der Familienzugehörigkeiten zeigt, dass es keine rein hebräischen Verwandtschaftsverhältnisse mehr gab, sondern eine Vermischung der ehemaligen Deportierten mit der ansässigen aramäischen und assyrischen Bevölkerung stattfand. Eine Rückkehr aus dem Exil, wie sie später unter persischer Herrschaft für die judäische Bevölkerung stattfand, wird in den alttestamentlichen Texten nicht dokumentiert, sodass eine solche Möglichkeit für die aus Samaria deportierten Personen nicht bestand, obwohl möglicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg Hoffnungen auf eine Rückkehr existierten (und eventuell am Ende der neuassyrischen Zeit erneut auflebten, vgl. Jer 2-6; Jer 30).
Diese Umstände warfen für die in Assyrien ansässige Gruppe die Frage auf, inwieweit eigene Traditionen und eine eigene Identität aufrechterhalten werden konnten. Um übermäßige nationale Bestrebungen zu vermeiden, achteten die Assyrer darauf, die Exilierten in verschiedenen Gruppen anzusiedeln und diese mit deportierten Personen anderer Herkunftsgebiete auf dorf- und bezirksübergreifender Ebene zu vermischen, ohne jedoch die ursprünglichen Haus- und Familienstrukturen zu beeinträchtigen. Zehnder (2005, 138) beschreibt die innere Spannung unter den Deportierten: "Einerseits gab es den Druck zur Assimilation an die dominante Gesellschaftsgruppe, andererseits bestand das Bedürfnis, in einer fremden Umgebung Identität und Sicherheit durch die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu bewahren."
Eine besondere Rolle spielten hierbei die deportierten Herrscherfamilien, darunter mögliche Thronfolger. Dies belegt ein Ausschnitt aus einer kleinen Prunkinschrift Sargons II.: "Völker aus den vier Himmelsrichtungen, die fremde Sprache sprechen, (die Berge) und Ebenen bewohnend, so viele (von denen der Licht der Götter, der Herr der Gesamtheit, hütet, die ich auf Geheiß Aššurs, meines Herren, im Zorn meines Szepters erbeutet hatte), machte ich ein und ließ sie dort wohnen. (Einwohner) des Landes Assyrien, die über alle Kenntnisse verfügen, die habe ich zu ihrer Ausbildung in (bestimmten) Tätigkeiten und in der (rechten) Furcht vor Gott und König als Aufseher (und) Ausbilder eingesetzt" (Text aus Spieckermann, 1982, 317f.).
Da über das Leben der Deportierten keine gesicherten biblischen Berichte vorliegen, können Aussagen über das Leben in der assyrischen Gola lediglich aus Rückschlüssen über den üblichen Umgang mit Deportierten abgeleitet werden, die sich aus assyrischen Quellen ergeben. Zwar wird in Hosea 9,4 eine allgemeine Aussage über die Exilsituation in Ägypten und Assyrien getroffen, jedoch bleibt unklar, ob dies eine spezifische historische Situation darstellt oder eine stilisierte Beschreibung des Lebens außerhalb des von Jahwe verheißenen Landes ist.
Rechtlich waren die Deportierten als Kriegsbeute Eigentum des Königs, wodurch ihm die Entscheidung über ihre Verwendung oblag. In der Regel wurden sie zu Arbeitsleistungen für staatliche Projekte in den Bereichen Bau, Landwirtschaft, Militär und Verwaltung eingesetzt (vgl. Galter, 1988, 280). Besonders gefragt waren spezialisierte Handwerker, Künstler, Ärzte und andere Fachkräfte. Besonders ausgeprägt ist der Einsatz aramäischer Schreiber in der assyrischen Verwaltung, die maßgeblich zur Verbreitung der aramäischen Sprache und Kultur im assyrischen Reich beitrugen. Neben der Verwendung der Deportierten für staatliche Zwecke sind auch Einsätze für private Auftraggeber dokumentiert, wobei Einzelne bis in hohe Ämter aufsteigen konnten, was wiederum für eine Integration in die assyrische Gesellschaft spricht. Der soziale Aufstieg von Angehörigen fremdländischer Bevölkerungsgruppen führte unter den einheimischen Bürgern oft zu Missmut, insbesondere wenn der Aufstieg mit dem sozialen Abstieg assyrischer Mitbürger einherging. Ein Beispiel für diesen aufkeimenden Unmut findet sich in der Klage eines assyrischen Gelehrten: "Ein Fremder wird geehrt, während ich, ein Diener des Königs und des Kronprinzen, im Dunkeln gelassen wurde" (Transliteration und englische Übersetzung in Parpola, 1993, 145). Berichte über eine strenge staatliche Kontrolle der Deportierten existieren bereits seit der mittelassyrischen Zeit (ca. 1500 v. Chr.). Diese Kontrolle wurde in der Regel durch lokal eingesetzte Aufseher ausgeübt. Trotz dieser Maßnahmen kam es wiederholt zu sozialen Unruhen, an denen auch Fremdstämmige beteiligt waren (vgl. Dietrich, 2003, 127 und 146).
II. Zweites Exil -
Das 'babylonische Exil' - Die Zerstörung des Tempels
Die Deportationen, die in den Kontext des babylonischen Exils eingeordnet werden, erfolgten in drei jeweils getrennten Phasen: Die erste Deportation fand im Jahr 597 v. Chr. statt, gefolgt von einer zweiten Deportation in den Jahren 587/586 v. Chr. und einer dritten im Jahr 582 v. Chr. Die präzisen Datierungen dieser Ereignisse sind jedoch innerhalb der alttestamentlichen Forschung umstritten.
1. Die erste Eroberung Jerusalems
Laut der babylonischen Chronik BM 21946 (TUAT I/4, 403f.) ereignete sich die erste Einnahme Jerusalems im Monat Adar des siebten Regierungsjahres Nebukadnezars II., was zeitlich auf das Jahr 597 v. Chr. verweist. Diese Information stimmt mit der Angabe in Jeremia 52,28 überein, wo ebenfalls das siebte Jahr der Herrschaft Nebukadnezars II. erwähnt wird.
Im Gegensatz dazu führt 2 Könige 24,12 das achte Regierungsjahr Nebukadnezars für die Deportation Jojachins an. Diese Differenz in den Jahresangaben lässt sich dadurch erklären, dass die Einnahme Jerusalems im Monat Adar, dem letzten Monat des siebten Jahres, stattfand, während die Deportation zu Beginn des achten Jahres erfolgte. Die Darstellung in der babylonischen Chronik weist in diesem Abschnitt eine Lücke auf und wird erst im Monat Tebet des achten Jahres fortgeführt, was eine Unterbrechung von neun Monaten bedeutet. Es ist daher nicht erforderlich, dass diese unterschiedlichen Jahresangaben sich gegenseitig ausschließen.
Festzuhalten ist, dass die Deportation in unserem Zeitrechnungssystem im Jahr 597 v. Chr. stattfand und die Einnahme Jerusalems auf den 16. März datiert werden kann.
2. Die Zerstörung Jerusalems
Die chronologischen Abweichungen der Quellen sind zunächst um drei Tage divergierend. Während Jeremia 52,12 den 10. Av des 19. Regierungsjahres Nebukadnezars II. vermerkt, wird im parallel geführten Text 2Könige 25,8 der 7. Av desselben Jahres angegeben. Da dieses Ereignis nicht durch außerbiblische Quellen belegt ist und eine textkritische Analyse zur Erklärung der Abweichung nicht möglich ist, bleibt diese Diskrepanz ungelöst.
Die Differenz bei den Jahresangaben ist gravierender (Zerstörung Jerusalems mit Tabelle), zumal es auch hier an außerbiblischen Nachweisen mangelt, da die babylonische Chronik mit dem Jahr 593 v. Chr. endet. Sowohl 2Könige 25,8 als auch Jeremia 52,12 verweisen auf das 19. Regierungsjahr Nebukadnezars II. für die Zerstörung Jerusalems, wohingegen Jeremia 52,29 die zweite Deportation bereits in das 18. Regierungsjahr datiert. Jeremia 32,1 setzt dieses Jahr mit dem 10. Regierungsjahr Zedekias gleich, wobei jedoch die resultierende Datierung der Deportation in dieses 10. Jahr zusätzliche Probleme aufwirft. Sofern das Jahr der Schlacht von Karkemisch als Akzessionsjahr Nebukadnezars gezählt wird, wäre sein Amtsantritt auf 604/03 v. Chr. zu datieren, was sein 19. Regierungsjahr auf 586/85 v. Chr. festlegen würde. Dies wirft jedoch Fragen bezüglich der Amtszeiten der beiden letzten Könige Judas auf. Jeremia 46,2 bezeichnet das Jahr der Schlacht von Karkemisch als das vierte Jahr Jojakims. Nach 2Könige 23,36 umfasste seine Herrschaft - einschließlich der drei Monate, während der sein Sohn Jojachin regierte - 11 Jahre und endete demnach 598/97 v. Chr.
Angenommen, dass die Zerstörung Jerusalems im 19. Jahr Nebukadnezars 586/85 v. Chr. stattfand, würde Zedekias' Regierungszeit erst 596/95 begonnen haben; dies würde zur Konsequenz führen, dass Jerusalem ein Jahr ohne König blieb. Da biblische Hinweise auf diese Vakanz fehlen, erscheint eine alternative Lösung bevorzugt:
Die Deportation Jojachins wird in 2Könige 24,12 im achten Regierungsjahr Nebukadnezars datiert, was zugleich dessen Akzessionsjahr zu sein scheint. Zedekias' erstes Regierungsjahr wäre somit auf 597/596 v. Chr. festgelegt. Des Weiteren lässt sich die Spannung zwischen Jeremia 52,12 und Jeremia 52,29 möglicherweise dahingehend erklären, dass Jeremia 52,12 literarisch von 2Könige 25,8 abhängt. Die ältere Tradition könnte in Jeremia 52,29 zu finden sein; in diesem Falle würde die zweite Deportation ins 18. Regierungsjahr Nebukadnezars II. und somit nach unserer Zeitrechnung ins Jahr 587/586 v. Chr. datiert werden.
Daraus ergeben sich folgende zeitliche Abläufe (nach Albertz, 2001, 73):
● Die erste Eroberung Jerusalems erfolgte am 2. Adar des 7. Regierungsjahres Nebukadnezars II. (16. März 597 v. Chr.).
● Die zweite Eroberung Jerusalems fand mit der Bresche am 9. Tammuz (29. Juli 587 v. Chr.) statt; die Zerstörung selbst geschah am 7. bzw. 10. Av des 18. Regierungsjahres Nebukadnezars II. (ca. 25. August 587 v. Chr.).
● Die dritte Deportation trat im 23. Regierungsjahr Nebukadnezars II. ein (582 v. Chr.).
Die Eroberungen Jerusalems
Die erste Deportation, die im Jahr 597 v. Chr. stattfand, ist eng verknüpft mit der Belagerung Jerusalems, die im Jahr 598 v. Chr. begann. Jojakim, zunächst als vasallägyptischer Herrscher eingesetzt (608-598 v. Chr.), erkannte nach der Schlacht von Karkemisch (605 v. Chr.) die babylonische Oberherrschaft über Juda an (vgl. 2Kön 24,1). Nach drei Jahren stellte er jedoch die Zahlungen ein und riskierte, in der Hoffnung auf Unterstützung aus Ägypten, eine Konfrontation mit dem babylonischen Militär.
Die Reaktion Babylons ließ bis ins Jahr 598 v. Chr. auf sich warten (siehe 2Kön 24,10-17). Die Gründe für diese ungewöhnliche Verzögerung sind in den historischen Quellen nicht zu ermitteln. Nebukadnezar II. scheint in den Jahren nach der verlustreichen Schlacht gegen Ägypten im Jahr 601 v. Chr. (vgl. Albertz, 2001, S. 52) nicht in der Lage gewesen zu sein, eine schlagkräftige Streitmacht in die syrisch-palästinensische Region zu entsenden.
Während der Belagerung Jerusalems, die 598 v. Chr. begann, verstarb Jojakim, und sein Sohn Jojachin trat die Herrschaft über Juda an. Nach drei Monaten seines Regierens öffnete er die Tore Jerusalems (vgl. 2Kön 24,8) und gestattete dem babylonischen Heer den Eintritt in die Stadt. Dies verhinderte zwar die Zerstörung der Stadt, nicht jedoch die Plünderung des Tempels, des Palastes und der Stadt durch die neuassyrischen Truppen. Darüber hinaus wurden der König, sein Hof, die Beamten und große Teile der in Jerusalem ansässigen Handwerker ins Exil deportiert (vgl. 2Kön 24; Jer 29,1f.). Die Angaben zur Anzahl der Deportierten im Jahr 597 v. Chr. variieren in den Quellen. In 2Kön 24,14 wird eine Gesamtzahl von 10.000 Judäern genannt; gemäß 2Kön 24,16 werden die Mitglieder der Königsfamilie, die Hofbeamten, der Adel, 7.000 Soldaten und 1.000 Handwerker aufgeführt. Im Gegensatz dazu verzeichnet Jer 52,28 eine wesentlich niedrigere Zahl von 3.023 Judäern.
Die historische Genauigkeit dieser Angaben ist Gegenstand von Diskussionen. Die Auswahl der Deportierten entspricht der assyrischen Praxis, bei der in der Regel ganze Familien verschleppt wurden. Obwohl keine zusätzlichen Berichte über babylonische Deportationen vorliegen, ist es wahrscheinlich, dass die Babylonier diese Methode von den Assyrern übernommen und in ähnlicher Weise angewandt haben. Obwohl aufgrund der unterschiedlichen Quellenangaben keine exakte Zahl festgelegt werden kann, lässt sich feststellen, dass die Gruppe der Deportierten in etwa der in den alttestamentlichen Texten genannten Größenordnung entsprach.
3. Die Exilzeit
Die Situation in Juda
Die Quellenlage zur Rekonstruktion der Exilszeit in Juda ist für die Anfangsperioden als durchweg solide anzusehen, obwohl die verschiedenen Quellen unterschiedliche Bewertungen der Situation bieten.
Die Passagen Jeremia 40,7-43,3, Klagelieder 1 und 2 sowie die Klagelieder 4 bis 5 und 2 Könige 25,1-26 sind für die Rekonstruktion von Bedeutung. Das Kapitel 2. Chronik 36, das ebenfalls über diesen Zeitraum berichtet, ist jedoch aufgrund seiner zeitlichen Distanz zu den Ereignissen und der theologischen Prägung nur begrenzt für die Rekonstruktion historischer Geschehnisse geeignet.
- Statthalter Gedalja ben Achikam
Die Strafmaßnahmen der Babylonier richteten sich primär gegen die Gruppen in Jerusalem, die für die anti-babylonischen Aufstände verantwortlich waren. Nach der Verurteilung dieser Personen waren die Babylonier bestrebt, die Situation in Juda zügig zu stabilisieren. Als Statthalter setzten sie Gedalja ben Achikam aus der Schafaniden-Dynastie ein, dessen Familie sich – bis zum gegenwärtigen Wissensstand – beharrlich pro-babylonisch positioniert hatte. Gedalja wählte Mizpa, eine Stadt, die von den Konflikten weitestgehend verschont geblieben war, als seinen Regierungssitz (Jer 40,6.8), um von dort aus die Umstrukturierung des Landes voranzutreiben. Diese Initiative umfasste insbesondere den Wiederaufbau der Landwirtschaft sowie die Wiederherstellung der äußeren Sicherheit.
Nach Jer 39,10 gewährte die babylonische Besatzungsmacht den verbliebenen Einwohnern Zugang zu den zuvor von der Ober- und Mittelschicht bewirtschafteten Gütern. Zudem erlaubte Gedalja zurückkehrenden Flüchtlingen, verlassene Ortschaften in Besitz zu nehmen (Jer 40,10).
Albertz (2001, 82) thematisiert in diesem Kontext die prophetische Kritik an den im Land verbliebenen Bewohnern, wie sie in Ezechiel 11,14-21 und 33,23-29 dokumentiert ist. Er identifiziert in den Gruppen, die hinter diesen prophetischen Aussagen stehen, diejenigen, die die verlassenen Ländereien der Deportierten in Besitz genommen haben, und die mit den Rückkehrern aus dem Exil in Konflikt geraten, die das Recht auf ihre ursprünglichen Ländereien beanspruchen. Diese Konflikte scheinen die Wurzel der Konkurrenz zwischen den Rückkehrern aus dem babylonischen Exil und den einheimischen Bewohnern zu bilden, die sich auch in den Diskussionen um den heiligen Samen widerspiegeln (Jes 6,13; Esr 9,2; vgl. Wagner, 2006, 261-263).
Im Kontrast zu den tendenziell pro-babylonischen Darstellungen in Jer 39f. präsentiert Klgl 5 die Situation im Land als bedrückend. In Anlehnung an den Stil der Klagelieder wird hier insbesondere der prekäre Zustand des Landes hervorgehoben, da vornehmlich Ausländer die Ländereien übernommen haben (Klgl 5,2), die Landbevölkerung zur Fronarbeit gezwungen wird (Klgl 5,5.8.13), und hohe Abgaben selbst auf minderwertige Güter erhoben werden (Klgl 5,4).
Die soziale Lage erweist sich ebenfalls als angespannt, da Frauen vergewaltigt werden (Klgl 5,4) und Repräsentanten der judäischen Bevölkerung ermordet werden (Klgl 5,12; vgl. Klagelieder Jeremias). Die unterschiedlichen Perspektiven zeugen von einer offensichtlichen Tendenz in den Darstellungen, was darauf hindeutet, dass die historische Realität zwischen den Extremen angesiedelt sein könnte.
Das Verhalten der babylonischen Truppen, Teile des Landes in ihren Besitz zu bringen und diese von der einheimischen Bevölkerung bewirtschaften zu lassen, entspricht dem gängigen Muster babylonischer Besatzungsstrategien. Nebukadnezar II. rühmt sich in der Wadi-Brisa-Inschrift der Kultivierung eroberter Gebiete (TUAT I/4, 405; Z. 32-41), doch ist zu beachten, dass die Umsetzung dieser Praktiken durch die lokale Bevölkerung erfolgt sein wird.
Die in Jer 39f. beschriebenen Stabilisierungsversuche Gedaljas, die durch Tributleistungen und wirtschaftliche Ausbeutung seitens der babylonischen Besatzung erheblich erschwert wurden, scheiterten letztlich. Die Quellen offenbaren jedoch nicht, wie lange Gedalja als Statthalter amtierte. Nach Jer 41,1f. wurde er durch den Heerführer Jismael ermordet. Die Ermordung Gedaljas, dessen Andenken in der nachexilischen Zeit durch einen jährlichen Fastengottesdienst gewürdigt wurde (Sach 7,5; Sach 8,19), stellt in jedem Fall einen signifikanten Einschnitt in der exilischen Zeit dar. Nach seinem Tod scheint sich die Lage deutlich zugespitzt zu haben.
In Verbindung mit der dritten Deportation im Jahr 582 v. Chr. wird nachvollziehbar, warum die babylonische Besatzungsmacht in Bezug auf Juda weitaus restriktiver agierte als zuvor. Anti-babylonische Bestrebungen sollten bereits im Ansatz unterdrückt werden. Nach Jer 41,16f. floh eine große Gruppe von Unterstützern Gedaljas nach dessen Ermordung nach Ägypten. Mit den einhergehenden Deportationen und der Flucht verlor Juda weitere gebildete und einflussreiche Bevölkerungskreise, was zudem negative wirtschaftliche Auswirkungen zur Folge hatte.
- Israels Nachbarn
Die hauptsächliche Bedrohung für Juda ging nicht von den Besatzungsmächten, sondern von den benachbarten Staaten aus. Diese Länder nutzten die geringe Bevölkerungsdichte und die schwache militärische Präsenz der Babylonier aus, um ihre eigenen ökonomischen und politischen Interessen in Juda durchzusetzen.
Die Edomiter erwarben sich den Negev (Amos 1,11f.; Obadja 19; Hesekiel 35,10; 36,5; Psalm 137) sowie südliche Teile des judäischen Gebirges (Jeremia 23,44). Die Phönizier und Philister beanspruchten Gebiete in der Schefela (Obadja 1,19; Hesekiel 25,15; 26,2), während die Ammoniter Gilead (Jeremia 49,1) einnahmen.
Die weitgehend schutzlosen Ortschaften, infolge der Schleifung der Mauern, waren kaum in der Lage, sich gegen die angrenzenden Nachbarn zu behaupten. Die Auswirkungen auf die Bevölkerung waren erheblich: „Obwohl sie noch im eigenen Land lebten, hatten die Verbliebenen einen großen Teil ihrer territorialen und gesellschaftlichen Integrität verloren“ (Albertz, 2001, 85).
Dennoch setzten die Judäer die Verehrung Jahwes in Jerusalem fort. Gemäß Jeremia 41,5 versammelten sich weiterhin Menschen aus dem Süd- und ehemaligen Nordreich in Jerusalem, um Opfer für Jahwe darzubringen. Der Ort, an dem dies geschah, wird als Haus Gottes (בית יהוה) bezeichnet; jedoch existierte dieses zu der Zeit nicht mehr. Daraus kann lediglich geschlossen werden, dass der Tempelplatz weiterhin als Opferstätte genutzt wurde.
Basierend auf aktuellen archäologischen Forschungsergebnissen vertritt Oded Lipschits, Israelischer Professor, Department of Archaeology and Ancient Near East Studies , Tel Aviv University, die Auffassung, dass die militärische Aktion der Babylonier im Jahr 587 v. Chr. primär gegen anti-babylonische Gruppierungen in Jerusalem gerichtet war. Obwohl auch in En-Gedi und Jericho Zerstörungen verzeichnet wurden, fehlen in Bethel, Gibeon, Mizpa und Bethlehem jegliche Hinweise auf eine militärische Intervention. In den nordwestlich von Jerusalem gelegenen Orten vermutet Lipschits das Rückzugsgebiet babylonienfreundlicher judäischer Gruppierungen. Zu diesen gehörte auch Gedalja, der ähnlich wie die von den Babyloniern akzeptierten lokalen Verwaltungen agierte und in der Lage war, die in Benjamin lebende Bevölkerung zu unterstützen.
Die in babylonischer Zeit festgestellte Bautätigkeit lässt auf einen signifikanten Bevölkerungszuwachs schließen, was wiederum auf eine günstige wirtschaftliche Lage dieser Region hindeutet (vgl. insbesondere Lipschits, 1999, 159-185). Diese Beobachtungen führen Lipschits zu der Annahme einer Siedlungskontinuität in babylonischer Zeit, die im Widerspruch zu dem überwiegend auf Jerusalem fokussierten alttestamentlichen Bild steht. Darüber hinaus interpretiert er die Kampfhandlungen im Jahr 582 v. Chr. und die darauffolgende Deportation als Reaktion der Babylonier auf eine Aufstandsbewegung gegen ihre Herrschaft, zu deren Opfern auch Gedalja zählt.
Die Situation exilierter Judäer in Babylonien
Die Gruppe der nach Babylon Exilierten erlebte infolge ihrer Verschleppung eine signifikante kulturelle Entwurzelung und den Verlust ihrer gesellschaftlichen Stellung. Zunächst umfasste die erste Gruppe der Deportierten hauptsächlich staatsgeführte Persönlichkeiten sowie deren Familien, die in Babylon als Untergebene unter der Herrschaft der Babylonier lebten. Dabei scheint der Königsfamilie eine herausgehobene Stellung zugekommen zu sein, da dem König und seinen Söhnen wesentlich höhere Anteile an Gütern zugeteilt wurden als dem restlichen Volk.
Für das Jahr 592 v. Chr. ist eine Ausstattung mit Öl in zwanzig- bzw. fünffacher Menge dokumentiert (vgl. Weidner, 1939, Tafel C rev. II Z.17f.; ANET 308; TGI 2-3 Aufl., 78f. Nr.46; kurze Erwähnung des Textes in TUAT I/4, 412f.).
Die insgesamt verschlechterte soziale Lage, die Einflussnahme durch religiöse Führer sowie die Bemühungen der älteren Generation, die Erinnerung an Jerusalem zu bewahren, erklären, weshalb die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Juda über zwei Generationen hinweg aufrechterhalten wurde. Dennoch vollzog sich infolge des Untergangs eine graduelle soziale Integration der judäischen Familien. Die erste Deportierten-Gruppe war über die Geschehnisse in Jerusalem informiert und bewahrte eine anti-babylonische Haltung. Dies wird deutlich durch ihr Bestreben, eine anti-babylonische Koalition in Jerusalem im Jahr 594 v. Chr. zu bilden. Der Prophet Hananja bezeugt in Jer 28,2-4 die Hoffnung, die mit dieser Koalition verbunden war.
Die Aufforderung Jeremias, sich auf eine längere Exilszeit vorzubereiten (Jer 29,1-7), wurde von vielen abgelehnt. Die Hoffnung auf eine rapide Rückkehr schwand jedoch nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. (vgl. Ez 24,15-24), sodass sie von dem späteren Propheten Deuterojesaja neu angeregt werden musste.
Die soziale Integration, die gleichfalls die nationale Identität wahrt, wurde in erster Linie durch die Siedlungspolitik der Babylonier gefördert. Die Deportierten wurden weitgehend geschlossen angesiedelt. Gemäß Ez 1,2 und Ez 3,15 lebte die Exilierten-Gruppe von 597 v. Chr. in Tel-Aviv in der Region Nippur. Zusätzlich ist eine Siedlung im Gebiet Sippar verzeichnet, die in einem Keilschrifttext aus dem Jahr 498 v. Chr. als „Stadt Judas“ (URU Ia-a-chu-du [= arab. al Jachudu]; vgl. Joannès / Lemaire, 1999, 17-27) bezeichnet wird (in der Babylonischen Chronik wird Jerusalem so genannt; TUAT I/4, 403f.). Zu einem späteren Zeitpunkt kamen weitere Siedlungsorte wie Tel-Melach, Tel-Harscha, Kerub-Addon, Immer und Kasiphja (Esr 2,51; Neh 7,61) hinzu. Es handelte sich dabei um Gebiete, die teilweise rekultiviert werden mussten.
Den Deportierten wurde das Land zur eigenen Bewirtschaftung übertragen (2Kön 18,32; Jer 29,4-7), wofür sie Dienstleistungen und Zahlungen an den Staat zu leisten hatten. Judäische Handwerker wurden in den Bauprojekten Nebukadnezars II. und Nabonids eingesetzt (vgl. Weidner, 1939, A rev. Z.31). Die Judäer lebten in Familienverbänden (vgl. Esr 2,59) oder nach Berufsgruppen geordnet (vgl. Esr 2,36f.; Esr 8,17). Die lokale Führungsposition übernahm ein Ältestenrat (זקני הגולה), wobei der im Alter von 18 Jahren deportierte König Jojachin als Repräsentant der Gola fungierte.
Der judäische König Jojachin im Exil
Die von Weidner (1939) veröffentlichten Tafeln belegen, dass Jojachin am Königshof lebte, von Nebukadnezar versorgt und respektiert wurde. Mit seiner zahlreichen Nachkommenschaft—so hatte er im Alter von 23 Jahren bereits fünf Söhne (vgl. Weidner, 1939, B obv. II, Z.39; C rev. II, 18)—bestärkte er die Hoffnung, dass die davidische Dynastie die Exilierung überstehen und nach einer möglichen Rückkehr nach Juda erneut an die Macht gelangen könnte (vgl. Jer 28,4).
Den ehrenvollen Status, den Jojachin innehatte, scheint er jedoch zwischen 592 und 562 v. Chr. zeitweise verloren zu haben. Gemäß 2Kön 25,27 wurde er 562 v. Chr. von Amel-Marduk (auch Ewil-Merodach genannt) aus dem „Hausarrest“ (בית כלא, akk. bīt kili; beide Begriffe beziehen sich auf das Gefängnis, wobei die beschriebenen Haftbedingungen gegen eine solche Art der Inhaftierung sprechen) entlassen und in seinen früheren Status zurückversetzt. Gründe für die Inhaftierung Jojachins sind nicht dokumentiert; sie müssen jedoch die Hoffnungen der Exilierten auf eine baldige Rückkehr geschmälert haben, da Jojachin der Repräsentant des von Jahwe auserwählten Königshauses war.
Mit dem Beginn der Herrschaft von Amel-Marduk im Jahr 562 v. Chr. und der Freilassung Jojachins sowie dem Bestreben des neuen Herrschers, die von den Kriegsfolgen weiterhin gebeutelten Provinzen zu stärken, könnte die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Juda erneut erstarkt sein. Für die Deuteronomisten war die Freilassung Jojachins von derart großer Bedeutung, dass sie ihr Geschichtswerk mit seiner Erwähnung abschlossen.
Diese Hoffnung, sofern sie existierte, erlosch jedoch mit dem baldigen Ende der nur eineinhalbjährigen Herrschaft Amel-Marduks und wurde erst durch die Botschaft Deuterojesaias über die mögliche Befreiung durch den persischen Herrscher Kyros, der ab 553 v. Chr. gegen seine medischen Oberherren aufbegehrte und damit begann, das babylonische Reich zu erobern, neu belebt (vgl. Jes 41,2; Jes 44,28a; Jes 45,1-7 und Jes 46,11).
Dank der Struktur innerhalb der Gola konnte die nationale Identität bis zu einem gewissen Grad bewahrt werden. Eine Assimilation, wie sie die assyrischen Deportierten erlebten, blieb den Babyloniern erspart. Die anfänglich schwierige Situation der judäischen Exilierten besserte sich im Laufe der Zeit, sodass gegen Ende des Exils von einer gelungenen Integration der neuen Bevölkerung in das bestehende babylonische Staatssystem ausgegangen werden kann. „Sowohl die Nachricht, dass die babylonische Gola am Ende des Exils zu erheblichen Spenden für Jerusalem in der Lage war (Sach 6,10f.; vgl. Esr 2,69; Esr 8,30), als auch die Tatsache, dass nur eine begrenzte Zahl zur Rückkehr bereit war, belegen, dass die Mehrheit der babylonischen Gola im Laufe der Exilszeit in der Fremde ein wirtschaftlich stabiles Auskommen fand (vgl. Josephus, Ant. XI,9)“ (Albertz, 2001, 89).
- Außerbiblische Quellen:
Keilschriftliche Belege für Judäer in Mesopotamien (Haus Muraschu)
Mehrere außerbiblische Quellen dokumentieren die erfolgreiche Integration der judäischen Bevölkerung in die babylonische Gesellschaft. Die Rechtsurkunde Cyr 307, datiert auf etwa 531 v. Chr., belegt die rechtliche Gleichstellung einer judäischen Familie mit einer babylonischen Familie aus Sippar. In einem ähnlichen zeitlichen Kontext wird ein Jude namens Abdajachu erwähnt, der als Steuereinnehmer ein höheres staatliches Amt innehatte (vgl. Joannès / Lemaire, 1999, S. 27-30).
Weiterführende Beweise stammen aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. und beziehen sich auf die Dokumente des Hauses Muraschu, die 1893 in Nippur entdeckt wurden, einem Ort, an dem die Deportierten von 597 v. Chr. lebten. Diese Dokumente, die als Handelsunterlagen klassifiziert sind, enthalten neben aramäischen Einfügungen eine Vielzahl aramäischer und judäischer Namen, die auf eine westsemitische Herkunft der Bevölkerung hinweisen. Eine präzise Identifizierung der westsemitischen Namen erfolgt häufig über das theophore Element. Als theophor (von altgriechisch θεός theós „Gott“ und φέρειν phérein „tragen“) werden Begriffe bezeichnet, die einen Gottesnamen
enthalten. Dazu gehören vor allem Personennamen (z.B. Elija (Elias) „Mein Gott ist JHWH“ oder Israel „Gott kämpft“)
und Ortsnamen. Solche Namen begegnen uns in vielen Kulturen. Mehrere heute gebräuchliche Namen aus der Bibel sind theophor.
In den Muraschu-Dokumenten treten häufig Namen auf, die mit Ia-ú, Ia-a-ú, Ia-a-ch-ú, dIa-chu-ú oder dIa-chu-ú-ú beginnen. Diese Namen spiegeln die Übertragung des hebräischen יהו wider, das als theophores Element für Jahwe fungiert. Zudem finden sich am Ende der Namen auch theophore Elemente wie ia-wa, ia-a-wa oder ia-á-wa (vgl. Tropper 2001, S. 81f.).
Die Träger dieser Namen sind wahrscheinlich Nachfahren der Judäer, die während der babylonischen Zeit deportiert wurden. Besonders bemerkenswert ist, dass die Namen, die auf Jahwe verweisen, nicht konstant verwendet wurden, sondern mit anderen Namen variierten. Beispielhaft zeigt Text Nr. 94 (Transliteration und englische Übersetzung in Clay, 1904, S. 33f.) Folgendes:
„Eine Mine Silber ist im Besitz von Jâdach-lâma, dem Sohn von Šhameš-ladin, der gegen Ša-Marduk-ul-íni, dem Sohn Bêl-nâdin, und die Pächter seines verpachteten Landes sowie deren Felder in Streit steht. Ihr bebautes und unbebautes bît-qašti, das in der Stadt Bît-rab-urâtu, am Ufer des Kanals Charripiqud liegt, wird als Pfand gehalten. Das Silber […] eine Mine von Jâdach-Iâma, dem Sohn von Šhameš-ladin, wurde von Rîmût-Ninib, dem Sohn Murašû, erhalten, zu Lasten von Ša-Marduk-ul-íni und den Pächtern seines verpachteten Landes. Er hat gezahlt. Daher sollten von Jâdach-Iâma keine rechtlichen Klagen jeglicher Art gegen Rîmût-Ninib bezüglich des Feldes von Ša-Marduk-ul-íni erhoben werden. Wenn Jâdach-Iâma rechtliche Schritte gegen das Feld unternimmt, ist er verpflichtet, zehn Manna Silber ohne Rechtsprozess zu zahlen. Der Schuldschein, der gegen Ša-Marduk-ul-íni und sein Feld ausgestellt wurde, fungiert als Garantie für Rîmût-Ninib.“
Der im Text erwähnte Jâdach-Iâma wird als Sohn von Šameš-ladin genannt, dessen Name auf die mesopotamische Sonnengottheit hinweist. Solche genealogischen Verbindungen deuten auf die Integration der ehemals deportierten Bevölkerung hin, die nach mehreren Generationen ihren Ursprung problemlos im Namen anzeigen konnte. Die rechtliche Stellung und der hohe Privatbesitz der Familie von Jâdach-Iâma, die in der Lage war, Silber gegen einen Schuldschein zu verleihen, belegen die erfolgreiche Integration.
Zusätzlich gibt es aus der Regierungszeit von Artaxerxes II. (404-359 v. Chr.) zwei weitere Erwähnungen, die auf ehemals israelitische Bevölkerung hinweisen. In Text 8 (Clay, 1898, S. 37f.) wird das Haus Galiläa (Ga-li-ià) erwähnt, was darauf hindeutet, dass das Gedächtnis an die ursprüngliche Abstammung im kollektiven Bewusstsein erhalten blieb.
In Text 11 (Clay, 1898, S. 42f.) tritt Ardiia, ein Sklave des Eribâ, auf. Der Jahwe-haltige Name des Sklaven im Vergleich zu dem zuvor genannten Grundbesitzer verweist auf die soziale Stellung der Deportierten: Sie waren so in die babylonische Gesellschaft integriert, dass sie gültige rechtliche Ansprüche geltend machen konnten.
Neben den erwähnten westsemitischen Namen in den Dokumenten des Hauses Muraschu gibt es zusätzliche Nennungen von Personen mit westsemitischen Namen. Eine Zusammenstellung dieser Namen findet sich in TUAT I/4, S. 414-418.
Die theologische Krise und Ansätze zu ihrer Bewältigung
Obwohl die soziale Integration der Exilierten in die babylonische Gesellschaft relativ gut verlief, sahen sich diese Personen mit ernsthaften Herausforderungen in Bezug auf ihre religiösen Überzeugungen konfrontiert. Der Verlust ihrer Heimat, die Zerstörung des Tempels und die Gefangenschaft der verbliebenen Davididen führten zu einer grundlegenden Infragestellung der göttlichen Verheißungen.
Jesaja 40,27 illustriert, dass die Exilierten das Vertrauen in diese Verheißungen verloren hatten, da sie beklagten, dass Jahwe das Lebensrecht seines Volkes ignoriert hatte (Jesaja 50,1) und Jerusalem aus dem Gedächtnis verloren hatte (Jesaja 49,14).
Die Erwartung einer Rückkehr verlor im Zuge einer zunehmenden Assimilation an Bedeutung. Allein die Bemühungen der Priester und Propheten konnten die Exilierten vor einer vollständigen Assimilation in das babylonische Völkergemisch bewahren. Sie organisierten das Volk in Verwandtschaftsgruppen (בית אבות), deren Integrität unbedingt aufrechterhalten werden musste. Diese hohe verwandtschaftliche Kontinuität beeinflusste auch die beiden führenden Familien des Volkes: Serubbabel, ein Nachfahre Davids, und Jeschua, ein Priester, die eine Schlüsselrolle in der Rückkehr nach Jerusalem und dem anschließenden Wiederaufbau des Tempels spielten.
Zusätzlich zu den familiären Strukturen etablierte sich die rituelle Beschneidung männlicher Neugeborener als Ausdruck der Volkszugehörigkeit. Während die Beschneidung auch unter Ägyptern und anderen westsemitischen Völkern verbreitet war, fand sie in Mesopotamien keine Anwendung. Mit dieser Praxis bekannte sich jede Familie zum Glauben an Jahwe, wodurch die Identität der Gruppe bewahrt wurde. Auch die Speisevorschriften, die mit Reinheits- und Sabbatgedanken verbunden waren, erlangten an Bedeutung. Diese verstärkt praktizierten Riten trugen zur Wahrung der Integrität der Exilgruppe bei und unterstrichen die Notwendigkeit der Rückkehr nach Jerusalem. Mit der Botschaft des Deuterojesajas und der Machtübernahme des Perserkönigs Kyros im Jahr 539 v. Chr. erhielten die Exilierten schließlich die Möglichkeit, nach Juda zurückzukehren.
Die Situation judäischer Flüchtlingsgruppen in Ägypten
Die Quellenlage für die Exilzeit der nach Ägypten geflohenen jüdischen Gemeinschaft ist unzureichend. Lediglich Jeremia 43,7-44,30 bietet Informationen über diese Gruppe; jedoch ist der Text stark deuteronomistisch geprägt (Deuteronomismus) und lässt sich aufgrund seines theologischen Schwerpunkts nur schwer historisch einordnen.
Die Migration von Judäern nach Ägypten steht in Verbindung mit der Unterstützung von Einwanderungen durch die 26. Dynastie (672-525 v. Chr.), die ausländischen Söldnern den Zugang zu ägyptischem Siedlungsgebiet ermöglichte. Flüchtlinge, die nach Ägypten gelangten, konnten möglicherweise auf bereits bestehende Kontakte zurückgreifen.
Die Gruppe, die 582 v. Chr. nach Ägypten floh, ließ sich gemäß Jeremia 43,7f. in Tachpanhes, Unterägypten, nieder. Gemäß Jeremia 44,1 existierten jedoch bereits zuvor judäische Gemeinschaften in Migdol, Noph und im Land Pathros.
Der aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammende Aristeasbrief (§ 13) berichtet von judäischen Söldnern, die im Jahr 591 v. Chr. den Pharao Psammetich II. während seines Äthiopienfeldzugs unterstützten. Obwohl nicht vermerkt ist, dass sie dauerhaft in Ägypten verblieben, lässt sich aufgrund der vorteilhaften Lebensbedingungen vermuten, dass sie dies taten. Die Tradition, in den Dienst Ägyptens zu treten, scheint bereits vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. verankert gewesen zu sein. Das Königsgesetz in Deuteronomium 17,16 verbietet dem König, Menschen (beispielsweise als Söldner) nach Ägypten abzugeben.
Des Weiteren belegen die Elephantine-Textstücke EP 30,13f. und 31,12, dass der JHWH-Tempel auf der Nilinsel Elephantine bereits zur Zeit der ägyptischen Eroberung durch Kambyses 525 v. Chr. existierte, was die Hypothese nahelegt, dass er bereits in der neubabylonischen Zeit gegründet wurde. Angesichts der Tatsache, dass die in Ägypten ansässigen Personen Auswanderer und keine Deportierten waren, ist im Gegensatz zur babylonischen Gola kaum ein Rückkehrwunsch erkennbar. Sie wurden in die bestehende Gesellschaft integriert und orientierten sich nur in geringem Maße an den Geschehnissen in Juda.
4. Wiederaufbau Judas bis zum Tempelbau
Die Rückkehr der jüdischen Bevölkerung aus dem babylonischen Exil ist eng verbunden mit Kyros’ Ziel, die Randgebiete seines eroberten Reiches zu stärken. Anstatt die neu gewonnenen Gebiete einer restriktiven Besatzungspolitik zu unterwerfen, entschied er sich, die lokalen Machthaber zu unterstützen und die persische Herrschaft auf deren Wohlwollen zu stützen. Diese Form der Toleranz wurde jedoch lediglich so lange praktiziert, wie die lokalen Machthaber die persische Oberherrschaft anerkannten.
Im Falle von Aufständen scheuten Kyros und seine Nachfolger nicht davor zurück, erhebliche Eingriffe in das staatliche und religiöse System der betroffenen Regionen vorzunehmen. Der südwestliche Teil des ehemaligen babylonischen Reiches befand sich zunächst außerhalb von Kyros’ Interessenbereich (vergleiche Kyroszylinder Z. 30-32). Die umfassende Unterstützung der lokalen Herrschaften durch die persische Oberhoheit wurde schließlich erst nach der Verwaltungs- und Steuerreform Darius' im Jahr 519 v. Chr. vollständig verwirklicht.
Die Rückkehr der Judäer
Quellen:
Im Alten Testament wird die Rückkehr der judäischen Bevölkerung bis zum Jahr 520 v. Chr. in den Kapiteln 1-6 des Buches Esra thematisiert (Esra- und Nehemiabuch). Diese Berichte stehen sowohl in Verbindung mit Scheschbazar als auch mit Serubbabel und Jeschua, wobei einige innertextliche Widersprüche erkennbar sind (vgl. Albertz, 2001, 102f.).
Laut den Analysen von Galling (1964, 127ff.) und Grabbe (1992, 75-79) basieren die biblischen Darstellungen über die Rückkehr aus dem Exil auf zwei widersprüchlichen Traditionen. Die eine Tradition ist mit Scheschbazar (akk. Šamaš-aba-uṣur; Esr 1,7-11; Esr 5,14-16), datiert auf etwa 538 v. Chr., verknüpft, während die zweite Tradition Serubbabel (akk. Zēr-bābili) und Jeschua um 520 v. Chr. erwähnt. Ergänzend zum Buch Esra bieten auch die prophetischen Werke Haggai und Sacharja Informationen über diesen Zeitraum; jedoch beginnen diese erst um 520 v. Chr. (vgl. Tritojesaja), weshalb sie für die hier dargelegte Fragestellung von geringerer Relevanz sind.
- Scheschbazar
Die Tradition von Scheschbazar stellt ein fundamentales Element der biblischen Erzählung dar, insbesondere im Buch Esra. Dieses Werk, das oft in Verbindung mit Nehemia betrachtet wird, beginnt mit der Genehmigung zur Rückkehr und zum Tempelbau und knüpft an die "Wiederholung" des Kyrosedikts aus 2Chr 36,22-23 an. Esr 2 dokumentiert die Rückkehr jüdischer Exilanten, einschließlich ihrer Priester und Leviten, während die Kapitel 3 bis 6 den Wiederaufbau des Tempels sowie die damit verbundenen Herausforderungen, insbesondere die Konflikte mit den JHWH-Anhängern aus Samaria, beschreiben. Historisch gesehen handelt es sich hierbei um die Überreste der Bevölkerung des Nordreiches, die nach den assyrischen Deportationen im Jahr 722 v. Chr. im Land verblieben sind.
Aus der biblischen Perspektive, insbesondere der Sicht des Südreiches Juda, werden diese Menschen als Heiden oder abtrünnige Israeliten betrachtet. Um die Identität der kleinen JHWH-Gemeinde in Jerusalem aufrechtzuerhalten, wurden strenge Maßnahmen zur Abgrenzung ergriffen. Nicht aus Juda und Jerusalem stammenden Personen, die nicht aus dem Exil zurückgekehrt waren, wurde die Teilnahme am Tempelbau verwehrt, was zu Intrigen und Konflikten führte. Dennoch wurde der wieder aufgebaute Tempel schließlich vollendet und eingeweiht (Esr 6,13-22). Ab Esr 7 tritt der Schriftgelehrte Esra in Erscheinung und wird zu einer zentralen Identifikationsfigur. Seine Genealogie reicht bis zum Hohenpriester Aaron, dem Bruder Moses, zurück (Esr 7,1-10). Esra wird somit gleichgestellt mit Moses und Josua, da er „mit ganzem Herzen darauf aus war, das Gesetz des Herrn (die Tora JHWHs) zu erforschen, danach zu handeln und es als Satzung und Recht in Israel zu lehren“ (vgl. Jos 1,7-8). So wie einst Moses und Josua das Volk aus Ägypten führten, führt Esra es nun aus dem Babylonischen Exil nach Jerusalem, gestützt durch göttliche Anordnung und den amtlichen Erlass des Perserkönigs Artaxerxes (Esr 7-8).
Scheschbazar wird als Anführer der ersten Gruppe jüdischer Exilanten nach der babylonischen Gefangenschaft erwähnt und spielt eine wesentliche Rolle im Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Sein Name könnte auf babylonische Ursprünge hindeuten, was auf eine Form der kulturellen Assimilation schließen lässt. Oft wird er als Führer der ersten Juden betrachtet, die nach Jerusalem zurückkehrten; einige Forscher vermuten, dass er möglicherweise ein anderer Name für Serubbabel ist.
Die Scheschbazar-Tradition thematisiert die erste Rückwanderung sowie die Rückgabe der Tempelgeräte nach Jerusalem und deutet an, dass bereits zur Zeit Kyros' eine Einigung zwischen den in Babylon lebenden Deportierten und der neuen Herrschaft stattfand. Diese Tradition ist allerdings nur fragmentarisch überliefert, was eine präzise historische Einordnung erschwert. Albertz (2001, S. 104) verweist auf die Konzeptualisierung der Rückgabe der Tempelgeräte im Kontext von Scheschbazar. Diese Rückgabe wird in Esra 1,7f. dem persischen Schatzmeister Mitredat zugeordnet; jedoch wird dieser in der aramäischen Version des Kyrosedikts (Esra 6,3-5) nicht erwähnt. Da das Kyrosedikt in Esra 6,3-5 aufgrund seiner Nähe zu weiteren persischen Erlassungen als älter angesehen wird als die Version in Esra 1,2-4, könnte postuliert werden, dass die zugehörige Verwaltungs- und Finanzinfrastruktur erst zur Zeit Darius' entwickelt wurde. Daher nimmt Albertz an, dass das Edikt in Esra 1,2-4 eine sekundäre Komposition darstellt, die bewusst die Rückgabe der Tempelgeräte ausschließt, da dies im nachfolgenden Text behandelt wird. Folglich könnte der Gnadenakt Kyros' bescheidener gewesen sein, als es der Text des Buches Esra nahelegt. Vermutlich beschränkte er sich auf die Rückkehr der Tempelgeräte, die 597 und 587 v. Chr. durch Nebukadnezar erbeutet wurden. Dies steht im Einklang mit der allgemeinen Rückgabe von Tempelgeräten, die im Zylinder Kyros' (TUAT I/4, 410) verzeichnet ist. Es deutet darauf hin, dass Scheschbazar von der persischen Regierung mit der Rückführung dieser Geräte beauftragt wurde, wie in Esra 1,7f. und Esra 5,14 dokumentiert.
Innerhalb des Buches Esra finden wir in Esra 7,12-26 einen weiteren Erlass zur Rückgabe der Tempelgeräte (Esra 7,19). In einem formellen Schreiben instruierte der persische König Artaxerxes (im biblischen Text אַרְתַּחְשַׁסְתְּא) Esra, Edelmetalle sowie andere Gaben für den Tempel in Jerusalem aus Babylon mitzubringen, um den Kult in Jerusalem umfassend wiederherzustellen. Unter diesen Gaben befinden sich auch die Tempelgeräte, die gemäß Esra 1,7f.; Esra 5,14 bereits in Jerusalem sein müssten. Diese Diskrepanz wird von Grätz in seiner Analyse des Artaxerxes-Edikts behandelt. Er stellt fest, dass die Kapitel Esra 1-6 der sogenannten Esra-Geschichte, die sich in Esra 7-10; Nehemia 7,72b; und Nehemia 8,1-12 wiederfindet, zugrunde lagen (Grätz, 2004, S. 61f.). Somit könnte die ursprüngliche Notiz zur Rückgabe der Tempelgeräte in der älteren Erzählung Esra 1-6 verankert sein, während Esra 7-10 eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Material darstellt (Relecture oder hypoleptischer Prozess; Grätz, 2004, S. 285f.).
In diesem Sinne ist das Artaxerxes-Edikt als eine Relecture des Kyros-Edikts (Esra 1,3-5) sowie des Darius-Edikts (Esra 6,8-12) zu betrachten, im Zusammenhang mit der in Esra 1,7f.; Esra 5,14 beschriebenen Rückgabe der Tempelgeräte. Grätz datiert diese Relecture auf die hellenistische, konkret die frühptolemäische Epoche. Es lassen sich vier Argumente für diese Einschätzung anführen: 1. Esra 7,12-26 weist alle formalen Merkmale einer hellenistischen königlichen Schenkung auf; 2. Motivgeschichtlich bestehen Verknüpfungen zu deuteronomisch-deuteronomistischen, priesterschriftlichen und chronistischen Texten, sowie zum Heiligkeitsgesetz; 3. Die Darstellung als ‚authentische’ Geschichte entspricht der greco-hellenistischen Geschichtsschreibung; 4. Epigraphische Nachweise achämenidischer Politik weichen inhaltlich von den Edikten in Esra 6,8-12; Esra 7,12-26 ab und zeigen vielmehr Parallelen zu den Dekreten der hellenistischen, insbesondere der ptolemäischen Königtümer (vgl. Grätz, 2004, S. 289-291).
- Serubbabel und Jeschua
Der genaue Zeitpunkt der Rückkehr unter Serubbabel und Jeschua bleibt unbestimmt.
Serubbabel (hebräisch זְרֻבָּבֶל, möglicherweise aus dem Akkadischen zēr-bābili, „Spross Babels“, abgeleitet, da er im Exil geboren wurde; in der Septuaginta und Vulgata als Zorobabel bekannt) diente als Statthalter der Provinz Jehud zur Zeit des persischen Königs Darius I. im 6. Jahrhundert v. Chr. Aus einer konservativen Perspektive wird er häufig mit Scheschbassar gleichgesetzt, was jedoch umstritten ist.
Josua, auch Jeschua genannt, der Sohn Jozadaks (vgl. Esr 2,2; Neh 7,7 u.ä.), stammte aus einer prominenten Priesterfamilie und bildete zusammen mit Serubbabel die Führungsriege der Heimkehrer in der frühen nach-exilischen Zeit. Die Propheten Haggai (Hag 1,1 u.ä.) und Sacharja (Sach 3,1 u.ä.) bezeichnen ihn jeweils als „Hohenpriester“ (hakkohen haggādôl, was „der große Priester“ bedeutet). Unter der persischen Herrschaft war es offensichtlich möglich, an die Institution des vorexilischen Priestertums anzuknüpfen, da die dort herrschende Priesterfamilie auch in der nach-exilischen Zeit ihre Stellung behaupten konnte. Einige Wissenschaftler bestreiten, dass Jeschua im babylonischen Exil war: Der Bericht in 2Kön 25,18-21 erwähnt zwar die Hinrichtung seines Großvaters Seraja im Jahr 587 v. Chr. in Ribla, jedoch wird keine Deportation seines Vaters Jozadak erwähnt, was darauf hindeutet, dass dieser im Land verblieb (vgl. Miller / Hayes, S. 519). Die Erwähnung Jeschuas in Esr 2,2 und Neh 7,7, wobei er auffällig ohne Angabe des Vaters eingeführt wird, könnte daher als Fiktion oder als zufällige Namensgleichheit interpretiert werden.
Im Zusammenhang mit dem Ägyptenfeldzug des Kambyses (525 v. Chr.) rückte der südwestliche Teil des ehemaligen babylonischen Reiches in den Fokus der persischen Politik. Ziel war es, die lokalen Herrschaften in den an Ägypten angrenzenden Gebieten zu stärken, um deren Loyalität gegenüber der persischen Herrschaft zu festigen. Diese Politik war auch mit Rückwanderungen der während der babylonischen Zeit Exilierten verbunden. Es ist jedoch den Quellen nicht eindeutig zu entnehmen, zu welchem Zeitpunkt die persische Herrschaft es den Exilierten ermöglichte, in ihre Heimat zurückzukehren. Aus Esr 5,1f.; Esr 6,14 und Hag 1f. ergibt sich lediglich, dass die Rückkehrergruppe vor dem Frühjahr 520 v. Chr. in Jerusalem eintraf.
Neben der im Alten Testament dokumentierten Rückkehr der babylonischen Exilierten verweist ein Text eines in Aleppo gefundenen Archivs auf eine vergleichbare Rückkehr. Die Familie Nusku-gabbê, die von Syrien in das südliche Mesopotamien verschleppt worden war, kehrte nach der Niederschlagung der babylonischen Aufstände durch Darius in den Jahren 522/21 v. Chr. in ihre syrische Heimat zurück (vgl. Timm, 1995, S. 282ff.). Die Anzahl der Rückkehrer ist anhand der Angaben in Esr 2 und Neh 7 so hoch (42.360 Männer zuzüglich ihrer Familien und 7.337 Sklaven), dass erhebliche Zweifel an der Genauigkeit dieser Angaben bestehen, insbesondere da in Esr 8,1-30 von weiteren 1.600 Rückkehrern berichtet wird. Berücksichtigt man, dass etwa 10.000 Judäer vier Generationen zuvor exiliert wurden und ein erheblicher Teil der Diaspora-Bewohner nicht nach Juda zurückkehrte, erscheinen die in Esr 2 und Neh 7 angegebenen Zahlen als überhöht. Unabhängig von der tatsächlichen Anzahl der Rückkehrer wurde diese Gruppe von den in Jerusalem verbliebenen Personen jedoch als sehr groß wahrgenommen. Dies führte in der Stadt zu Engpässen in der Versorgung und zu einem Mangel an Wohnraum (vgl. Hag 1,1ff.; ca. 520 v. Chr.), was wiederum zur Ablehnung der Rückkehrer durch die im Land ansässigen Personen führte (vgl. Esr 3-6).
Nachfolgende staatliche Organisationen und deren Governance
Die Organisation nach dem Exil orientierte sich an den in der Gola etablierten Strukturen, die insbesondere durch das Priesteramt geprägt waren.
Das hebräische Wort für Exil (gola) weist denselben Buchstaben auf wie das Wort für Erlösung (geula), mit einer Ausnahme: Geula enthält den Buchstaben Alef. Dieses Alef symbolisiert G-tt, "alufo schel olam" („der H-rr der Welt“). Die Unterscheidung zwischen Exil und Erlösung manifestiert sich ausschließlich im Alef, welches unser Wissen um die Präsenz G-ttes verkörpert. Das hebräische Wort Gola steht für „Exil“ und beschreibt die Zeiträume, in denen das jüdische Volk von seinem Heimatland entfremdet war. Spirituell wird Gola häufig als Zustand der Trennung von G-tt interpretiert, während Geula („Erlösung“) die Rückkehr zur Nähe und Einheit mit G-tt symbolisiert. Der einzige buchstabiere Unterschied zwischen den beiden Begriffen liegt im Alef, das G-tt repräsentiert und die göttliche Präsenz in der Erlösung unterstreicht. Eines der bekanntesten historischen Exile ist das babylonische Exil (597–539 v. Chr.), bei dem ein erheblicher Teil der Bevölkerung Judäas nach Babylon deportiert wurde. Dieses Exil begann mit der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. und endete mit der Eroberung Babylons durch Kyros II. Während dieser Zeit lebten die Juden in der Diaspora und waren gezwungen, ihre religiösen und kulturellen Traditionen aufrechtzuerhalten, während sie Strategien entwickelten, um ihre Identität zu bewahren. Die Gola stellt nicht nur ein historisches Phänomen dar, sondern verkörpert auch ein spirituelles Konzept, das die Kontinuität des jüdischen Volkes erklärt. Trotz der Herausforderungen des Exils blieben die Juden der Thora treu, was durch die Geschichte von Efraim und Menasche verdeutlicht wird, die in der Gola geboren wurden und dennoch die jüdischen Normen bewahrten. Die Gola lehrt Bescheidenheit, Demut und die Notwendigkeit, G-ttes Wegen zu folgen, um die Zukunft des Volkes zu sichern. In der Diaspora entwickelte sich die jüdische Identität weiter, wobei die Gola als Prüfstein für kulturelle und religiöse Beständigkeit diente. Historische und textbasierte Studien zeigen, dass die jüdische Gemeinschaft, trotz geografischer Zerstreuung, ihre Traditionen, Sprache und religiösen Praktiken bewahrte. Gola ist ein zentrales Konzept im Judentum, das sowohl historische Exile als auch die spirituelle Trennung von G-tt umfasst. Es hebt die Bedeutung von Treue, Bescheidenheit und kultureller Kontinuität hervor und steht im direkten Zusammenhang mit der Hoffnung auf Geula, der endgültigen Erlösung und Rückkehr zur Nähe G-ttes.
Im Hohenpriesteramt (הכהן הגדול) integrierten sich Königtum und das vorexilische Oberpriesteramt (כהן הראשׁ), was zur Einflusssphäre der königlichen, insbesondere der davidischen Tradition im priesterlichen Bereich führte. Es ist jedoch notwendig zu prüfen, ob diese Organisationsstruktur von Anfang an als beabsichtigt galt. Albertz (2001, 102-112) postuliert, dass die Rückkehrgruppe zunächst die Wiederherstellung der vorexilischen Bedingungen anstrebte, was die Fortführung der davidischen Monarchie implizierte (vgl. Hag 2,20-23; Sach 6,9-14). Dies beinhaltete auch die Wiedererrichtung des Tempels sowie die Wiederaufnahme des in Jerusalem praktizierten königlich-davidischen Kultes.
Gemäß Hag 1,1.14; Hag 2,2.21; Esr 6,7 und 1Chr 3,19 übernahm Serubbabel, ein Angehöriger des Hauses David, sowohl die Verantwortung für die Rückkehrorganisation als auch die Stellung des Statthalters (hebr. פחה). Zudem gewährte Darius finanzielle Unterstützung für den Tempelbau sowie die Wiederaufnahme des blutigen Opferkultes, der im persischen Kontext umstritten war (vgl. die Formulierung „Stätte, an der Schlachtopfer geopfert werden sollen“ in Esr 1,3 sowie die vorherrschenden unblutigen Opfer im persischen Staatskult).
Die Reorganisation gestaltete sich als äußerst komplex. Die Rückkehrer traten mit dem Anspruch auf, die alte Staatsorganisation wiederherzustellen, während die von den Babyloniern und Gedalja vorgenommene Umverteilung von Grundbesitz zu neuen Eigentumsverhältnissen in Juda führte.
Gedalja (hebr. גְּדַלְיָהוּ Gədaljāhû und גְּדַלְיָה Gədaljāh) bedeutet „Jahwe ist groß / hat sich als groß erwiesen“ (ähnlich יִגְדַּלְיָהוּ Jigdaljāhû). In Reaktion auf eine Rebellion des judäischen Königs Zedekia gegen die babylonische Herrschaft über Juda ergriff ein babylonisches Heer in seinem „9. Regierungsjahr, am zehnten Tag des 10. Monats“ (2Kön 25,1; nach Albertz 2001, 53: 15. Januar 588 v. Chr.) die Belagerung Jerusalems. Anderthalb Jahre später, im „11. Jahr des Königs Zedekia … am 9. Tag des 4. Monats“ (2Kön 25,2-3; nach Albertz 2001, 73: am 29. Juli 587 v. Chr.) fiel die Stadt. Einen Monat später fand die systematische Zerstörung Jerusalems statt, datiert auf den „7. Tag des 5. Monats“ (2Kön 25,8) bzw. den „10. Tag des 5. Monats“ (Jer 52,12; nach Albertz 2001, 73: etwa 25. August 587 v. Chr.). In dieser Zeit beriefen die Babylonier Gedalja ben Ahikam ben Schafan zum (judäischen) Oberhaupt der Verwaltung Judas mit Sitz in Mizpa, etwa 12 km nordwestlich von Jerusalem (Jer 40,5.7.11-13 u.ö.). Doch bereits rund zwei Monate nach der Zerstörung Jerusalems, im „7. Monat“, wurde Gedalja von Jismael ben Netanja ben Elischama, einem Mitglied der davidischen Königsfamilie, ermordet (Jer 41,1-7; vgl. auch das Exzerpt aus Jer 40-43 in 2Kön 25,22-26). Die Ernennung Gedaljas zum Verwaltungschef durch die Babylonier erklärt sich aus der Vorgeschichte. Als Enkel Schafans gehörte Gedalja zur Sippe der Schafaniden, die in den Jahrzehnten vor der Zeit des Exils eine bedeutende Rolle in der judäischen Politik einnahm.
Die Reorganisation erforderte demnach einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Gruppen, wobei sich der Nachweis bestehender Ansprüche zunächst als schwierig erwies (vgl. Sach 5,1-4). Der Versuch zur Initiierung einer staatsorganisatorischen Reform scheiterte infolge der Intervention der persischen Herrschaft. In Esr 5,3-17 wird berichtet, dass Darius, um die angespannte Lage in Jerusalem zu beruhigen, die durch die Sorgen um den Zerfall des persischen Reiches bedingt waren, den Satrapen Tattenai nach Jerusalem entsandte. Um alle Hoffnungen auf einen Umsturz zu eliminieren, zog Darius Serubbabel von Jerusalem ab und unterstützte stattdessen den bereits in Aussicht gestellten Bau des Tempels (Esr 6,6-12).
Infolgedessen scheiterte das Ziel der Rückkehrer, eine unabhängige davidische Monarchie zu etablieren. Stattdessen scheint das aus Babylon zurückgekehrte Priestertum unter der Leitung von Jeschua die politische Führungsposition übernommen zu haben. Neben dem Priestertum spielte auch die Gruppe, die nach der Deportation im Land verblieben war, eine entscheidende Rolle für den Staat. Sie verwirklichten ihr Konzept einer judäischen Gemeinschaft ohne Monarchie.
In den Schriften von Haggai und Sacharja werden die beschriebenen Prozesse unterschiedlich interpretiert. Reventlow (1993, 35) vertritt die Ansicht, dass die in Sach 4 erwähnten „Ölsöhne“ (בני היצהר) keine Verbindung zu Serubbabel und Jeschua (= Josua) aufweisen. In Sacharja 4,14 wird erwähnt, dass es „zwei Söhne des Öls“ gibt, die bei dem Herrn der ganzen Erde stehen. Diese beiden Söhne sind die Gesalbten, die mit Öl gesalbt wurden und als Zeugen und Lichtträger dienen. Der Leuchter, der in Sacharja 4 beschrieben wird, symbolisiert die Macht des Heiligen Geistes, der nicht auf fremde Kräfte, sondern auf den Geist Gottes ankommt. Diese Verse sind Teil des Kontexts, in dem Gott die Bedeutung des Öls als Quelle des Lichts und der Gnade betont, und die Söhne des Öls stehen für diejenigen, die als Zeugen und Lichtträger in dieser Welt fungieren.
Während Serubbabel später die Aufgabe des Tempelbauers zugewiesen wird (Sach 4,6aβ-10a wurde nachträglich ergänzt; vgl. Reventlow 1993, 56f.), scheint er gemäß Sach 6,9-15 lediglich einen Teil der Herrschaft ausüben zu können; ein weiterer Teil obliegt dem (Hohen-)Priester.
Hinsichtlich der Verheißung an Jeschua, in der unmittelbaren Gegenwart Jahwes zu dienen (Sach 3,7), wird eine Verbindung zwischen den Ölsöhnen und Jeschua sichtbar, da auch die Ölsöhne die unmittelbare Nähe G-ttes erfahren. Erst die Ergänzung in Sach 4,6aβ-10a ermöglicht eine Identifikation mit Serubbabel. Diese Ergänzung, die die Vollendung des Tempels auf ihn zurückführt, erklärt ihn sogar zum einzigen legitimen Tempelbauer, was ihm aufgrund seiner davidischen Abstammung zusteht (Reventlow 1993, 62).
Ungeachtet der Ansichten Reventlows gelangt Pola zu einem ähnlichen Ergebnis und erweitert die Betrachtung der Rolle Serubbabels. Die beiden Ölsöhne (בני היצהר) interpretiert er als die beiden aus der Gola zurückkehrenden Führungsfiguren Serubbabel und Jeschua. In Sach 4 handelt es sich nicht um einen Salbungsakt. Vielmehr bedeuten Serubbabel und Jeschua im kultischen Kontext des Leuchters, der die erfahrbare Gegenwart des כבוד יהוה, also Jahwe, repräsentiert, dass sie durch ihren Beitrag zum Tempelbau sowie durch die Initiierung einer neuen Priesterschaft und eines neuen Kultes das kontinuierliche Erstrahlen dieses Lichtes für die Tempelgemeinde und die Welt gewährleisten (Pola, Priestertum, 81).Die mit dem Leuchtermotiv verbundene Herrschaftsstruktur beschreibt Pola als eine egalitäre Konstellation von König und Priester, die im Alten Orient einzigartig ist. Die Herrschaft des Königs ist somit an den Wiederaufbau des Tempels gebunden. In den aus vorexilischer Zeit stammenden Beamtenlisten in 2Sam 8,15f.; 2Sam 20,23f. und 1Kön 4,2-6 gehörte der Oberpriester zu den vom König angestellten Verwaltungsbeamten, was den König gleichzeitig als Tempelherrn charakterisiert. Diese Tatsache wird durch die Initiative des regierenden Königs zur Kultreform unterstrichen, während die Umsetzung dem Oberpriester obliegt.
Neben der Funktion des Tempelherrn übernimmt der Davidide auch eine entscheidende Rolle in der nachexilischen Geschichte: Er fungiert als Bauherr des Tempels (Pola, 2003, 146-148). Der König, als Träger göttlicher Energie, ist mit dem Tempelbau beauftragt (Sach 4,6). Da Serubbabels Rückkehr primär für den Tempelbau erforderlich war (vgl. auch die exilischen Texte Ez 37,24f. und Am 9,11f.), übernahm der Priester Jeschua von dem Zeitpunkt seiner Rückkehr die Verantwortung für die Führung Juda. In ihm manifestiert sich historisch zum ersten Mal die Vereinigung von Königs- und Oberpriesteramt im Hohenpriesteramt, wobei ihm aufgrund des fehlenden Königs die Verantwortung für die Leitung und Reorganisation der Priesterschaft oblag.
Die Rückkehr der deportierten zadokidischen Priesterschaft und ihrer Nachkommen führte zu Spannungen mit den in Jerusalem während der Exilszeit aktiven nichtzadokidischen, d.h. land-levitischen, aaronidischen und abjataridischen Priestern. Scharper untersucht in seiner Betrachtung der Priester und Leviten im achaimenidischen Juda diese Spannungen (Scharper, 2000, 162-225). Das vererbbare Hohenpriesteramt lag in der Verwaltung des Tempels (vgl. Sach 3,7) und stellte einen Dienst für den erwarteten neuen Herrscher dar (Sach 3,8). Die Gruppe der Rückkehrer wurde von der persischen Satrapenverwaltung unterstützt: „Je schneller der Tempel wieder eingeweiht werden konnte, desto rascher erhielten die persischen Behörden ihre Steuereinnahmen, während die Priester und Leviten sowie deren Abhängige gesicherte Einkünfte erhielten. Für alle Mitglieder der Tempelhierarchie und die persischen Beamten war es von Interesse, dass Priester und Leviten gemeinsam arbeiten“ (Scharper, 2004, 191). In diesem politischen Gefüge übernahm der Hohepriester die Leitung des Priesterkollegiums, das aus den Oberhäuptern der zadokidischen Familien bestand (bis zur Zeit Nehemias; danach schlossen sich auch Leviten und weitere, mit dem Tempelkult Beauftragte, dem Gremium an).
Das Priesterkollegium war wie der Ältestenrat der Gouverneursebene untergeordnet. Die in spätvorexilischer Zeit bestehende hierarchische Trennung zwischen Priestern und Leviten wurde gemäß Esr 6,18 am Tag der Tempelweihe weiter verstärkt, da sie nach dem Buch des Mose (ככתב ספר משׁה) ordnungsgemäß eingeteilt wurden. Diese Aufteilung führte zu einer Einschränkung der priesterlichen Kompetenzen der Leviten, die nur zu den geringeren „Diensten“ zugelassen wurden, was zur Bildung eigener Gruppen führte (vgl. Num 1,53; Num 3,25.28.31f.; Num 4,28; Num 8,26). Die Gliederung der Priestergruppen nahm im Verlauf der nachexilischen Zeit zu: Während in Esr 2 und Neh 7 noch vier Priestergeschlechter genannt werden, so identifiziert Neh 10 bereits einundzwanzig und in 1Chr 24 sogar vierundzwanzig. Diese Entwicklung führte gleichzeitig zu einer zunehmend feiner werdenden Differenzierung der priesterlichen Tätigkeiten: Die vierundzwanzig priesterlichen Ordnungen aus 1Chr 24 (die späteren משׁמרת der Mischna) sind traditionell nach den priesterlichen Geschlechtern unterteilt. Es wäre unerwartet, wenn diese Dienstordnungen nicht bereits seit der Wiederaufnahme des Tempelkultes existiert hätten (Scharper, 2000, 224).
Die aus diesen weniger klaren Ereignissen resultierende Staatsorganisation ist hingegen eindeutig: Juda wurde vom persischen Statthalter und seiner Provinzverwaltung geleitet, unterstützt durch drei judäische Gremien: den Ältestenrat (ראשׁי בית אבות), das Priesterkollegium und die Volksversammlung (vgl. Esr 10,1f.; Neh 8,1ff.; interessanterweise fand die Volksversammlung jeweils ohne die Mitwirkung des Hohenpriesters statt).
Die in der Diaspora entworfene Aufteilung des Volkes in Vaterhäuser (בית אבות) blieb bestehen, wobei die damit verbundenen Abgrenzungstendenzen auf das Stammland Juda übertragen wurden (Esr 6,21; Esr 10,1f.; Neh 12,23-28). Diese Väterhäuser hatten Oberhäupter (ראשׁי בית אבות), die die Verwaltung führten (vgl. dazu und zur Größe der Vaterhäuser Stiegler, 1994, 159-163). Ein בית אבות stellt, wie Esr 8,1f. veranschaulicht, nicht etwa Blutsverwandtschaft im strengen Sinne dar, auch wenn dies so vermittelt wurde, sondern vielmehr sekundär konstruierte Familienverbände. Gemäß Neh 10,35f. war jeder Familienverband verpflichtet, gegenüber dem Tempel zu handeln. Zudem scheint das בית אבות gleichzeitig die kleinste rechtliche Einheit gewesen zu sein, da nach Esr 10,16 Vergehen zunächst dort zur Verantwortung gezogen wurden. Die rechtliche Relevanz des בית אבות wird zudem durch die Abgrenzung der Familienverbände von Priestern (Neh 12,7.12) und Leviten (Neh 12,22.24) im Verhältnis zu anderen Familien belegt.
Die Zusammenarbeit mit der persischen Besatzungsmacht führte dazu, dass die belastende Steuerpolitik Darius auch in Juda realisiert wurde, was vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten hart traf (vgl. Neh 5,1-13). „Der Preis für die verhinderte Restauration [aus der Perspektive der anti-monarchischen, priesterlichen Schichten] war die chronische Verarmung der ärmeren Bevölkerungsschichten, die spätestens ab der Mitte des 5. Jahrhunderts die judäische Gesellschaft tiefgreifend spaltete“ (Albertz, 2001, 112).
5. Das Exil als literarische Epoche
Die Zeit des babylonischen Exils wird allgemein als eine Phase betrachtet, in der erhebliche Teile des alttestamentlichen Schrifttums entstanden. Die vorherrschenden Motive für diese ausgeprägte schriftstellerische Tätigkeit sind vor allem die Integration in eine Kultur, in der Schrift als primäres und weit verbreitetes Medium der Informationsübermittlung diente, sowie das Bestreben, die eigenen Traditionen zu bewahren und die erlittene Katastrophe theologisch zu verarbeiten.
Unter diesen Bedingungen wurden Werke unterschiedlicher literarischer Gattungen verfasst, während bestehende Schriften von Redaktoren überarbeitet und oftmals erweitert wurden. Der genaue Umfang des exilischen Schrifttums bleibt innerhalb der alttestamentlichen Forschung umstritten. Während frühere Forschungsansätze die Entstehung der Pentateuchquelle (Priesterschrift), der prophetischen Schriften → Ezechiel und → Deuterojesaja sowie das → Deuteronomistische Geschichtswerk auf die Exilzeit datierten, widmet die zeitgenössische Forschung auch weiteren Texten aus der exilischen und nach-exilischen Zeit Aufmerksamkeit. In diesem Kontext wird die Exilszeit zunehmend als die Ära angesehen, in der die Grundschriften zentraler Werke verfasst wurden, die anschließend in der nach-exilischen Periode überarbeitet und abgeschlossen wurden. Ein wesentlicher Aspekt der Diskussion ist die Frage, inwieweit es in Juda bereits eine schriftliche Dokumentation der Überlieferung gegeben hat.
Die Verarbeitung der Katastrophe
Die literarische Auseinandersetzung mit der Zerstörung Jerusalems und der Deportation bestimmter Bevölkerungsgruppen nach Babylon fand vorrangig in Überarbeitungen der prophetischen Literatur, in Ergänzungen zum Deuteronomium sowie in der Entstehung und Erweiterung des deuteronomistischen Geschichtswerks statt. Das Deuteronomium (Dtn) stellt das fünfte Buch des Pentateuch dar, also der Einheit der fünf Bücher Mose, die in der jüdischen Tradition als Tora, verstanden als göttliche Weisung für das Volk Israel, bezeichnet wird. In jüdisch-hebräischen Bibelausgaben ist der Name des Deuteronomiums Dewarim oder Devarim (hebräisch דְּבָרִים, „Worte“). In den meisten evangelischen Bibelübersetzungen wird es als das Fünfte Buch Mose ausgewiesen.
Der Inhalt des Deuteronomiums behandelt den letzten Tag im Leben seiner zentralen Figur, Mose. An diesem Tag richtet Mose seine Reden an das versammelte Volk Israel, das sich auf die bevorstehende Überquerung des Jordan und die Eroberung des von Gott JHWH verheißenen Landes vorbereitet. Mose wird nicht mehr unmittelbar daran beteiligt sein; seine abschließenden Reden werden ihn fortan symbolisch vertreten. Diese Ansprachen thematisieren Aspekte, die bereits in der Pentateuch-Literatur, insbesondere im Exodus (insbesondere Kapitel 20–23: Bundesbuch) und Levitikus (insbesondere Kapitel 17–26: Heiligkeitsgesetz), behandelt wurden. Am Ende des Deuteronomiums erfolgt der Tod von Mose.
In prägnanter Weise liefert der Erzähler Informationen zu Ort, Zeit und Anlass der Reden des Mose. Er positioniert sich im Land Israel, da sich Mose und seine Zuhörer „jenseits des Jordan“ (Dtn 1,1 EU) im Land Moab (Dtn 1,5 EU) befinden. Somit wird die Erzählung des Deuteronomiums im heutigen Jordanien angesiedelt. Trotz mehrerer Ortsnamen in Dtn 1,1 EU bleibt unklar, wo genau Mose und seine Zuhörer „in der Wüste“ verweilen. Laut Dtn 3,29 EU lagern die Israeliten „im Tal gegenüber von Bet-Peor“, und an einem unbekannten Ort wird Mose gemäß Dtn 34,6 EU von Gott begraben. Eine geografische Angabe von signifikanter Bedeutung im Deuteronomium ist klar lokalisierbar: das tiefe Tal des Arnon (Wadi Mudschib). Seine Überquerung markiert den Übergang vom friedlichen Wandern des Volkes Israel zur militärischen Eroberung des verheißenen Landes. Die Handlung des Deuteronomiums spielt demnach irgendwo östlich des Toten Meeres. Das Deuteronomium nimmt als abschließender Teil eine herausragende Rolle innerhalb des Pentateuch ein.
Das Schlusskapitel Dtn 34,1–12 EU beendet zwei Spannungsbogen: Hier stirbt nicht nur Mose, eine zentrale Figur, die seit ihrer Geburt im Buch Exodus (Ex 2,2 EU) präsent ist, sondern Dtn 34,4 EU erinnert zudem an die Landverheißung an die Väter und verbindet somit ein Motiv aus dem Buch Genesis (Gen 12,7 EU). Gezielt werden mit der Jordansenke und dem Ort Zoar Schauplätze der Erzählungen Abrahams genannt. Es wird überwiegend angenommen, dass die Überlieferung vom Tod des Mose von den Verfassern der Priesterschrift oder nahestehenden Kreisen stammt, jedoch von der Pentateuchredaktion entschieden bearbeitet wurde. Diese setzte Mose in Dtn 34,4–12 EU ein literarisches Denkmal („Epitaph“): Alle späteren Propheten, die in den historischen Büchern auftreten, erreichen nicht sein Niveau. Mose, der mit 120 Jahren verstirbt (Dtn 34,7 EU), wird durch diese Angabe als vollkommener Mensch dargestellt, da sie dem maximalen menschlichen Lebensmaß gemäß Gen 6,3 EU entspricht. Während in Dtn 31,2 EU von einem schwindsüchtigen Tod des Mose die Rede ist, wird dies im „Epitaph“ revidiert: Trotz seines hohen Alters bleibt Mose vital (Dtn 34,7 EU). Am Ende des Deuteronomiums stellt sich Mose auf die Seite Gottes, zu dem er eine herausragende Nähe besitzt. Der zeitliche Rahmen – der letzte Lebenstag des Mose – ist „der 1.4.40 nach dem Auszug aus Ägypten“, wie Dtn 1,3 EU präzise festhält.
Das Deuteronomium bezeichnet sich als einziges Buch des Pentateuch ausdrücklich als Niederschrift der Weisungen Moses. In diesem Kontext bedeutet das hebräische Wort תּוֹרָה Torah die autoritative und göttlich bestätigte Unterweisung. „Kurzum, die Tora fungiert faktisch als Ersatzt für Mose selbst in seiner Eigenschaft als der höchste Vermittler des göttlichen Wortes an Israel.“
Im Alten Orient waren Rechtsbücher nicht die Grundlage der Rechtsprechung. Es sind Prozessakten aus den benachbarten Kulturen Israels erhalten, in denen Richter sich nicht auf ein gesetzliches Regelwerk stützten, sondern aufgrund von Gewohnheitsrecht und Präzedenzfällen entschieden. Wahrscheinlich dienten altorientalische Rechtsbücher als Lehrmaterialien, mit denen angehende Richter ihr Rechtsverständnis schulten. Auch für das Deuteronomium gilt: es war „kein Gesetzbuch, sondern ein Lehrbuch“. Dies wird durch die Strukturierung des Inhalts verdeutlicht. Zwar werden die Gesetze nach Sachgebieten sortiert, Grenzfälle markieren den Übergang zu nächsten Themen. Dennoch kann sich durch Stichwortassoziationen verwandtes Material anlagern, das exkursartig behandelt wird, bevor das Hauptthema erneut aufgegriffen wird. Diese für den modernen Leser teilweise verwirrende Anordnung erleichterte das Auswendiglernen.
Literatur: Karin Finsterbusch: Deuteronomium, Göttingen 2012, S. 51 f., 107, 197;Eckart Otto: Deuteronomium 1-3 als Schlüssel der Pentateuchkritik in diachroner und synchroner Lektüre. In: Die Tora: Studien zum Pentateuch. Harrassowitz, Wiesbaden 2009, S. 284–420, hier S. 368; Georg Braulik: Das Buch Deuteronomium, Stuttgart 2016, S. 155, 168; S. Dean McBride Jr.: Art. Deuteronomium. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 8, 1981, S. 157-158, 531; Eckart Otto: Deuteronomium 23,16–34,12 (= HThKAT), Freiburg / Basel / Wien 2017, S. 2277; Lothar Perlitt: Priesterschrift im Deuteronomium? (1988) In: Deuteronomium-Studien. Mohr, Tübingen 1994, S. 109–112; Thomas Römer: Der Pentateuch. In: Walter Dietrich et al. (Hrsg.): Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe. Kohlhammer, Stuttgart 2014, S. 53–166, hier S. 86.
- Der Untergang als Bestätigung prophetischer Unheilsansagen
Mit dem Beginn des Exils erhielten prophetische Warnungen aus vergangenen Jahrhunderten eine Bestätigung und wurden in einer Weise weiterentwickelt, die die Gegenwart reflektierte. Aussagen, die von den Propheten ursprünglich eher vage formuliert wurden, wurden von den bearbeitenden Redaktoren auf spezifische historische Ereignisse bezogen.
Dieser Mechanismus ist besonders anschaulich in Jesaja 6 erkennbar. Während die aus der assyrischen Zeit stammende Unheilsankündigung in Jesaja 6,9-11 auf die Verwüstung des Landes abzielt, die Juda infolge der Belagerung durch die Assyrer in den Jahren 703-701 v. Chr. erlebte, erweitert die exilische Redaktion diese Unheilsprophezeiung um die Deportation der Bevölkerung in Jesaja 6,12-13a.
Im Kontext des gesamten Buches ist diese fortgeführte Interpretation von zentraler Bedeutung, da die Ereignisse von 703-701 v. Chr. in Jesaja 36-39 nicht mehr als göttliche Strafe, sondern als Rettung aus einer bedrohlichen Situation gedeutet wurden. Jahwe wandte sich, trotz seiner Berufung des assyrischen Königs als Instrument der Strafe, gegen ihn, angesichts seines Hochmuts und seiner Missachtung des ihm von Jahwe zugewiesenen Auftrags (vgl. Jesaja 10,5-34).
Durch die Erweiterung des Textes wurde dieser von den Lesern nicht mehr mit der Situation von 701 v. Chr. assoziiert, sondern auf den Untergang Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. bezogen. Somit wurde die Botschaft des Propheten Jesaja verifiziert (vgl. zum Redaktionsprozess Wagner, 2006, S. 247-259).
- Die Ergänzungen zum Deuteronomium während der Exilsphase
Das Buch Deuteronomium wurde während der Exilszeit einer umfassenden deuteronomistischen Revision unterzogen. Diese Überarbeitung reagierte auf aufkommende Fragestellungen und brachte neue Akzente in den Text ein. Der Umfang des vorexilischen Deuteronomiums ist in der wissenschaftlichen Diskussion umstritten, was eine präzise Zuordnung exilischer Texte zum Deuteronomium erschwert. Braulik (2004, Deuteronomium, S. 141) hebt zwei wesentliche Erweiterungsschichten aus der Exilszeit hervor:
- Zur ersten exilischen Schicht gehören Ergänzungen in Dtn 28f. sowie das kritische System der Ämtergesetze, wie es in Dtn 16,18-18,22 vorliegt.
- Eine zweite, vermutlich der spät-exilischen Periode zuzuordnende Ergänzung umfasst Dtn 4,1-40 sowie Zusätze in Dtn 7f.; Dtn 9,1-8, 22-24 und Dtn 30,1-10.
In der vorexilischen Phase konzentrierte sich der Schwerpunkt des Deuteronomiums auf die Zentralisierung des Kultes und die damit verbundenen Konsequenzen, einschließlich der Profanschlachtung in Dtn 12 und der zentralen Passahfeier in Dtn 16, sowie der Landnahme, die bereits im Buch Josua behandelt wurde. Während das ursprüngliche Deuteronomium als Gottesrede konzipiert war, begann mit der Tradition zur Landnahme der Wandel zur Moserede. In der Exilszeit wurde in dieses Werk, das auf die Gestaltung des Landes Juda fokussiert war, die Diskussion über die Ursachen des Untergangs Judas und Jerusalems integriert. Der Deuteronomismus, der in dieser Phase eine umfassende Überarbeitung des Deuteronomiums vornahm, interpretiert diesen Untergang als Konsequenz des Fehlverhaltens der Judäer gegenüber Jahwe. Das Volk hatte den Ausschließlichkeitsanspruch seiner Gottheit vernachlässigt und die mit dem göttlichen Bund verbundene Sozialordnung missachtet (vgl. Dtn 29,21-27). In diesem Sinne wird das Exil als Strafe für begangenes Unrecht verstanden.
In der zweiten, spät-exilischen Redaktion wird neben der Straftheologie auch eine Gnadentheologie eingeführt, wie sie in Dtn 4,1-40, Teilen von Dtn 7-9 und Dtn 29-30 zum Ausdruck kommt. In diesem Kontext wird die Bundestheologie so modifiziert, dass der Bund als Gnadenbund zwischen Jahwe und Israel interpretiert wird. Die Zusicherung des Bundes wird nicht länger vom Gehorsam des Volkes abhängig gemacht (vgl. Dtn 4,32; Dtn 7,9; Dtn 9,5; Dtn 30,6). Jahwes Gnadenerweis während der Wüstenzeit dient somit als Paradigma für das zukünftige Leben im verheißenen Land (Dtn 8; Dtn 29,4-6a). Die Perspektive auf das Fortbestehen des Lebens im Land wird im neuen Verfassungsentwurf Dtn 16,18-18,22 reflektiert, der eine Machtteilung beschreibt, die die Kompetenzen der einzelnen Ämter begrenzt. Das Deuteronomium spiegelt somit die beiden zentralen Phasen der Exilszeit wider: (1) das Verständnis der Ursachen für die katastrophalen Ereignisse in Juda und (2) die Fragestellung des Fortlebens im Land unter veränderten Bedingungen.
- Das Deuteronomistische Geschichtswerk als Begründung des Exils
Spiegelt sich in den Redaktionsstufen des Deuteronomiums die deuteronomistische Theologie wider, so findet sich mit dem Deuteronomistischen Geschichtswerk die historische Darstellung des Weges in die geschehene Katastrophe.
Das Deuteronomistische Geschichtswerk gibt mit seiner Kritik an der Existenz und an der Verfassung des Königtums in Israel und Juda sowie an dem zum Teil JHWH-unwürdigen Kult (Sünde → Jerobeams in 1 kön 12 ) Gründe für den Untergang Jerusalems an. Diese Kritik ist im Vergleich zur Kritik der Propheten sehr stark auf das Königtum konzentriert. Während die Propheten König und Volk kritisierten, sieht das Deuteronomistische Geschichtswerk die Hauptschuld für den Untergang im Fehlverhalten der Könige. Dieses Fehlverhalten wird an ihrer Kult- und Jerusalempolitik gemessen. Entspricht diese dem Alleinverehrungsanspruch Jahwes (auch hinsichtlich des Kultortes), wird die Herrschaft des Königs positiv gewertet, widerspricht sie diesem aber, wird dies als Abfall von Jahwe bezeichnet. Die immer stärker werdenden Einflüsse assyrischer und babylonischer Traditionen, denen sich die judäischen Könige annähern mussten, führten schließlich zum Untergang Jerusalems und Judas. Dabei wird von 1Sam 12 an die Verworfenheit des Königtums, die letztlich zum Untergang führen musste, betont. Das Buch endet jedoch nicht mit dem Blick auf den Untergang, sondern schließt mit der hoffnungsvollen Botschaft von der Haftentlassung Jojachins von Juda, so dass die Fortsetzung der Königsgeschichte durchaus möglich ist. Damit bleibt die in 2Sam 7 gegebene Verheißung der ewigen Herrschaft des Davidhauses weiterhin gültig.
Von besonderer Bedeutung für das deuteronomistische Urteil sind sowohl die an den epochalen Übergängen eingefügten reflektierenden Reden (z.B. 1Sam 12; 2Kön 17) als auch die der Darstellung eines jeden Königs vorangehenden bewertenden Aussagen über sein Königtum. Durch beide Elemente wird deutlich, dass der Untergang Judas und Jerusalems nicht als die Schuld eines einzelnen Königs gedeutet wird, sondern als kumulierte Schuld, die den Zorn Jahwes (אף יהוה) hervorrief und steigerte, so dass Gott schließlich zum vernichtenden Schlag ausholte. Traditionsgeschichtlich geht dem Deuteronomistischen Geschichtswerk die Deutung Jesajas, Jahwes Herrschaft erstrecke sich auch über fremde Herrscher und damit auf den gesamten Geschichtsverlauf, voraus (vgl. Wagner, 2006, 175ff.202ff.). Das Deuteronomistische Geschichtswerk nimmt diese prophetische Tradition auf und interpretiert den Untergang als Strafakt Jahwes gegen sein bundesbrüchiges Volk.
Rezeption und Revision von Traditionen
In der Zeit des Exils treten besonders zwei Traditionen hervor:
- Die Exodustradition gewann durch das Wirken von Deuterojesaja an neuer Bedeutung. Seine Verkündigung stilisiert die Rückkehr nach Zion stilistisch als einen zweiten Exodus.
Als „Deuterojesaja“ („Zweiter Jesaja“; abgekürzt: Dtjes; für „deuterojesajanisch“: dtjes) bezeichnet man die Kapitel 40-55 des Jesajabuchs im Unterschied zu Jes 1-39 ( Protojesaja) und Jes 56-66 (Tritojesaja). Die Abgrenzung beruht auf der heute fast allgemeinen Einsicht, dass die Texte von Jes 40 an durchweg nicht mehr vom Propheten Jesaja im 8. Jh. v. Chr. hergeleitet werden können, sondern seit der Mitte des 6. Jh.s entstanden sind. Die ältesten Texte Dtjes’s gehören also in die Zeit des babylonischen Exils, genauer in das Jahrzehnt zwischen 550 und 540 v. Chr. mit dem Auftreten des Perserkönigs Kyros, der 539 v. Chr. Babylon erobert und die Herrschaft auch über das babylonische Großreich angetreten hat. Kyros wird im Deuterojesajabuch an zwei Stellen namentlich genannt (Jes 44,28; Jes 45,1), in anderen Texten deutlich vorausgesetzt, und zwar nicht als zukünftige, sondern als gegenwärtige Gestalt. In diesen Texten werden ihm z.T. bevorstehende Eroberungen zugesagt, z.T. aber ist auch von seinem vergangenen oder noch andauernden Siegeszug die Rede, zu dem Jahwe, der Gott Israels, ihn berufen und ermächtigt hat. Da das als ein Beweis für Jahwe als den einzigen Gott angeführt wird, macht es keinen Sinn, die Texte als Voraussage Jesajas im 8. Jh. auszugeben (wie das gelegentlich noch heute verteidigt wird). Dazu kommt, dass nicht mehr Israeliten des 8. Jh.s angesprochen werden, sondern Israel im Exil, und dass Stil und Inhalt der dtjes Texte sich erheblich von der ursprünglichen jesajanischen Verkündigung unterscheiden.
Dass der zweite Teil des Jesajabuchs nicht von Jesaja, sondern aus der Exilszeit stammt, hat nach unserer Kenntnis als erster der mittelalterliche jüdische Kommentator → Ibn Esra (ca. 1093-1168 / 1089-1164) erkannt und an verschiedenen Stellen seines Kommentars angedeutet. Danach wird diese These von → J.G. Eichhorn (Einleitung in das Alte Testament, 1783) und → J.C. Döderlein (Esaias, 3. Aufl. 1789) geltend gemacht.
- Neben der Exodus-Tradition erhebt auch die Vätertradition einen besonderen Anspruch. Die Erzählung, wonach Abraham aus Ur in Chaldäa aufgebrochen ist (cf. Gen 11,27-31), legt nahe, dass diese Narration die Ereignisse rund um die Rückkehr aus Babylon reflektiert.
Zusätzlich verweist die in der exilischen Zeit entstandene Grundschicht der Priesterschrift auf die Anfänge Israels. In dieser werden die Sinaiereignisse erneut in Bezug auf das Priestertum geschildert. Neben der Rezeption überlieferter Traditionen manifestieren sich in der Exilszeit neue Glaubensinhalte, insbesondere zu den Themen Schöpfung und Sabbat, die für die Theologie des nachexilischen Judentums von erheblichem Wert sind:
- Die Schöpfungstradition hat für Deuterojesaja sowie für die Priesterschrift eine zentrale Rolle. In beiden Texten wird die Schöpfung als Grundlage des Herrschaftsanspruchs Jahwes über die gesamte Schöpfung dargestellt. Mit der Darstellung der Schöpfung geht die Negation der Existenz anderer Götter einher, was den Monotheismus unterstreicht. Während der priesterschriftliche Schöpfungsbericht (cf. Gen 1,1-2,4a) die Schöpfungstradition aufgreift und modifiziert, um die babylonischen Götter zu bloßen Schöpfungselementen herabzuwürdigen, begründet Deuterojesaja durch die Schöpfung sowohl Jahwes Herrschaftsanspruch als auch dessen Einzigartigkeit. Mit dem Denken über Schöpfung und Einzigartigkeit relativiert Deuterojesaja die überlieferten Begründungszusammenhänge und bewirkt, dass der Glaubensinhalt Israels von veränderlichen historischen Kontexten unabhängig bleibt.
- Durch die Ausgestaltung der Sabbattradition im priesterschriftlichen Schöpfungsbericht differenzierte sich die judäische Bevölkerung im Exil von ihrer babylonischen Umgebung. Die Einhaltung des Sabbats (und die konsequente Durchführung der Beschneidung) war entscheidend für die Bewahrung der Identität der Exilierten, da sie das ethnische und religiöse Bewusstsein stärkten.
Quelle:
Thomas Wagner, "Exil / Exilszeit,"(Mai 2007) Deutsche Bibel Gesellschaft, online
Weiterführende Literatur:
Ackroyd, P.R., 1968, Exile and Restoration. A Study of Hebrew Thought of the Sixth Century BC, London.
Ackroyd, P.R., 1968, Exile and Restoration. A Study of Hebrew Thought of the Sixth Century BC, London.
Ibid, 1988, Problems in the Handling of Biblical and Related Sources in the Achaemenid Period, in: A. Kurth / H. Sancisi-Weerdenburg (Hgg.), Achaemenid History III. Method and Theory, Leiden, 33-54.
Ahn, G., 1992, Religiöse Herrscherlegitimation im Achämenidischen Reich. Die Voraussetzungen und die Struktur ihrer Argumentation (Acta Iranica 17), Leiden.
Albertz, R. ,1978, Persönliche Frömmigkeit und offizielle Religion. Religionsinterner Pluralismus in Israel und Babylon (CTM A 9), Stuttgart.
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Vielfältige Perspektiven jüdischer Identität
Die Debatte über die jüdische Identität manifestiert sich in unterschiedlichen Theorien und Ansichten, die sowohl die ethnischen als auch die kulturellen Aspekte des Judentums beleuchten. Einige Experten argumentieren, dass die gemeinsamen historischen Erfahrungen und die religiöse Überlieferung das jüdische Volk zu einer kohärenten Einheit formen, während andere die Diversität und individuelle Identitäten hervorheben, die innerhalb dieser Gruppe existieren.
Wissenschaftliche Analysen und deren Implikationen
Wissenschaftliche Studien tragen zu einem tieferen Verständnis der jüdischen Identität bei und zeigen, dass die verschiedenen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht nur akzeptiert, sondern auch als Teil eines größeren Ganzen gesehen werden sollten. Die Erkenntnisse aus der Anthropologie, Geschichte und Soziologie spielen eine entscheidende Rolle in dieser Diskussion.

Die Bedeutung von Kultur und Gedächtnis
Kultur und Erinnerung sind wesentliche Komponenten, die das jüdische Volk formen. Der Reichtum an traditionellen Praktiken, Literatur, Musik und Kunst trägt erheblich dazu bei, ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu fördern. Die Fragestellung, ob die jüdische Kultur als alleiniger Indikator für das Volk angesehen werden kann, stellt einen zentralen Aspekt dieser Diskussion dar.
Ein pluralistischer Ansatz zur fundierten Analyse jüdischer Identität
Die Thematik der jüdischen Identität ist sowohl komplex als auch vielschichtig. Ein pluralistischer Ansatz, der historische und gegenwärtige Perspektiven umfassend berücksichtigt, ist unerlässlich für das Verständnis der jüdischen Kultur. Museo-on lädt Sie ein, sich intensiv mit dieser vielschichtigen Debatte auseinanderzusetzen und die reiche Geschichte sowie Kultur des jüdischen Volkes zu erkunden.
Historische Aufnahmen des jüdischen Lebens
Unser Fotoarchiv bietet eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien und Artefakte, die von wesentlicher Bedeutung für das jüdische Volk sind. Diese Exponate veranschaulichen die kulturellen Werte, religiösen Praktiken und bedeutenden Ereignisse, die die Geschichte des jüdischen Volkes über die Jahrhunderte hinweg prägend beeinflusst haben. Es stellt einen visuellen Überblick über die Entwicklung der jüdischen Geschichte dar.
Entdecken Sie die Vielfalt der jüdischen Geschichte
Wir präsentieren eine umfangreiche Kollektion an Dokumentationen, die sich eingehend mit der Geschichte, Kultur und Identität des jüdischen Volkes beschäftigen. Diese Materialien bieten vielfältige Perspektiven und tiefgreifende Einsichten, um ein differenziertes und umfassendes Verständnis der jüdischen Geschichte zu ermöglichen.
Die Wurzeln des jüdischen Volkes
Erforschen Sie die historischen Ursprünge des jüdischen Volkes und deren Entwicklung über Jahrhunderte hinweg, geprägt von tief verwurzelten Traditionen und Glaubensüberzeugungen. Diese Texte bieten eine eingehende Analyse der kulturellen Errungenschaften, die das jüdische Leben maßgeblich beeinflusst haben.
Jüdisches Leben im Mittelalter
Wir legen eine umfassende Analyse des jüdischen Lebens im Mittelalter vor, die tiefgreifende Einblicke in die kulturelle Entwicklung sowie die Herausforderungen und Verfolgungen bietet, mit denen die jüdische Gemeinschaft konfrontiert war. Dabei wird die komplexe Geschichte dieser prägnanten Epoche eindrucksvoll verdeutlicht.
Der Holocaust: Erinnerung und Wissensvermittlung
In diesem Abschnitt befassen wir uns mit dem Holocaust und dessen weitreichenden Konsequenzen für das jüdische Volk sowie für die internationale Gemeinschaft. Die vorliegenden Texte setzen sich aus historischen Dokumentationen und persönlichen Berichten zusammen, die die essentielle Bedeutung des Gedenkens und das Lernen aus der Geschichte hervorheben.
Aktuelle Aspekte der jüdischen Kultur und Identität
Wir beschäftigen uns umfassend mit der zeitgenössischen jüdischen Kultur und Identität, die sich fortlaufend innerhalb heterogener Gemeinschaften und Kontexte entfaltet. Die in diesem Abschnitt präsentierten Texte veranschaulichen die Vitalität und Vielfalt des jüdischen Lebens in der heutigen Gesellschaft.


































