Amir Tibon: Die Tore von Gaza

Über den Autor Amir Tibon - Einblicke in sein Wirken und Werk

Amir Tibon, geboren 1989, ist ein angesehener Journalist aus Israel, der für Haaretz, die führende Tageszeitung des Landes, tätig ist. In seiner Karriere hat er zahlreiche bedeutende Positionen bekleidet, darunter die des diplomatischen Korrespondenten und Washington-Korrespondenten sowie die des leitenden Redakteurs der englischen Ausgabe von Haaretz. Gemeinsam mit Grant Rumley ist er Mitautor des Buches „The Last Palestinian: The Rise and Reign of Mahmoud Abbas“, welches als erste umfassende Biografie des Präsidenten der Palästinensischen Autorität gilt. In den frühen 2000er Jahren lebte Amir Tibon in Tel Aviv. Ende 2014 zog er mit seiner damaligen Verlobten Miri in den Kibbutz Nahal Oz, nachdem sie zuvor im August 2014 eine journalistische Reise dorthin unternommen hatten. 

Am 7. Oktober 2023 wurde Nahal Oz von Mitgliedern der Hamas angegriffen, während Tibon und seine Familie in ihrem Zuhause verweilten. Sie verbrachten zehn Stunden im sicheren Raum ihres Hauses, bis Tibon's Vater, Noam Tibon, ein pensionierter General, aus Tel Aviv eintraf, begleitet von einem Israeli, den er unterwegs getroffen hatte. Nach dem Terroranschlag am 7. Oktober wurde Tibon zusammen mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern aus ihrem Wohnort im Kibbutz Nahal Oz evakuiert und in eine temporäre Unterkunft in Nord-Zentral-Israel gebracht. In einem Artikel über seine Erfahrungen äußerte Tibon nach der Rettung: „Der israelische Staat hat uns im Stich gelassen.“ 

Amit Tibon wird regelmäßig eingeladen, in den Vereinigten Staaten, Israel und an anderen Orten zu sprechen. In seinen Vorträgen behandelt er zentrale Themen wie den israelisch-palästinensischen Konflikt, die Ereignisse des 7. Oktobers sowie den Gaza-Konflikt, die politische Landschaft Israels und die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Israel. 

In seinen Arbeiten präsentiert der Autor nicht nur Fakten; er beleuchtet zudem die menschlichen Erfahrungen, die den jeweiligen Ereignissen zugrunde liegen. Diese Herangehensweise verleiht seinen Berichten nicht nur eine informative Dimension, sondern macht sie auch emotional nachvollziehbar. Die Leser werden eingeladen, die komplexen Zusammenhänge sowie die facettenreichen Auswirkungen der Ereignisse aus der Perspektive des Autors zu erfassen.

 

Ein Tag der Erinnerungen: Der 7. Oktober 2023

Am 7. Oktober 2023 ereignete sich eine Reihe von dramatischen Ereignissen, die tiefgreifende Auswirkungen auf die Menschen im Kibbuz Nahal Oz und insbesondere auf die Familie von Amir Tibon hatten. Tibon lebte bis zum Hamas-Angriff an diesem Tag gemeinsam mit seiner Frau und Kindern im Kibbuz Nahal Oz, einer israelischen Siedlung an der Grenze zum Gazastreifen. Sein Buch  "Die Tore von Gaza. Eine Geschichte von Terror, Tod, Überleben und Hoffnung", erschienen im Jüdischen Verlag, Berlin 2024, ist ein Protokoll der brutalen Ereignisse am 7. Oktober und erzählt auf einer zweiten Ebene zugleich die konflikthafte Geschichte Israels und seiner Nachbarstaaten. So nähert er sich dem Tag des Massakers auch aus historischer Sicht und benennt, welche Verantwortung die Regierung Benjamin Netanyahus für die Zuspitzung des Konflikts bis zum Angriff der Hamas trägt. In diesem Artikel wird die Geschichte erzählt, die diesen Tag für viele unvergesslich macht.

 

Das Schicksal
der Betroffenen

Die unmittelbaren Konsequenzen der Ereignisse begleiten nicht nur Amir Tibon, sondern auch zahlreiche weitere Familien in der Region. Wir analysieren die individuellen Geschichten und Schicksale, die aus der Nacht des 7. Oktober hervorgegangen sind, und veranschaulichen, wie Gemeinschaften Solidarität zeigen und sich gegenseitig unterstützen.

Zitate

»Zuerst war da nur ein Pfeifen. Ein kurzes, lautes Pfeifen … Dann war das Geräusch deutlich näher, nun kam es von der Straße. Und dann war es mitten in unserer Nachbarschaft, ganz nah am Fenster unseres Hauses. Wir hörten auch Schreie auf Arabisch und verstanden sofort, was vor sich ging: Unser schlimmster Albtraum wurde wahr

Jüdischer Verlag

Zerstörung nach dem Angriff: Die Bilder dokumentieren das Ausmaß der Gewalt in den Kibbuzim Be’eri, Re’im und Nir Oz.

Foto: Deutsch Israeli

Historische Kontexte und ihre Relevanz

Um die Tragweite dieser Ereignisse zu begreifen, ist es entscheidend, den historischen Kontext dieses Buches  zu betrachten: es handelt sich um ein Protokoll der brutalen Ereignisse am 7. Oktober, das  zugleich die konflikthafte Geschichte Israels und seiner Nachbarstaaten dokumentiert. Der Tag des Massakers wird auch aus historischer Sicht beleuchtet. Auf welche Weise Trägt die Regierung Benjamin Netanyahus für die Zuspitzung des Konflikts bis zum Angriff der Hamas Verantwortung?

Das Erbe 
Amir Tibons

Der Autor Amir Tibon stellt nicht nur eine zentrale Persönlichkeit in dieser prägenden Phase dar, sondern verkörpert zugleich das Symbol für den Hoffnungsträger sowie den Widerstand der Bevölkerung in herausfordernden Zeiten. Sein persönliches Erbe wird in den kommenden Jahren von grundlegender Bedeutung sein, sowohl innerhalb der Gemeinschaft als auch darüber hinaus.

"Das ist 
das Wichtigste"

"Das ist das Wichtigste" -7. Oktober 2023 und die Zeit danach.

"(...)

Ereignisse von bleibendem Erinnerungswert

"Tagesanbruch in Nahal Oz, einem Kibbuz ..."

"Tagesanbruch in Nahal Oz, einem Kibbuz, einer kollektiven Farm auf der israelischen Seite der Grenze zu Gaza [...]Dieser Kibbuz ist mit jungen Menschen bemannt, die frisch aus der Armee kommen, weil er so nah am Gazastreifen liegt und damit potenziell Teil der Front ist. Nur wenige Kilometer entfernt patrouillieren israelische Truppen an der Grenze, aber für das Gelände von Nahal Oz sind die verantwortlich, die das  Land bewirtschaften. Die Männer auf den Traktoren tragen häufig Gewehre bei sich.

Gegen vier Uhr nachmittags ist die Arbeit auf den Feldern beendet, und die Traktoren und Pferde kehren in die Scheunen zurück. Männer und Frauen gehen in ihre Unterkünfte. Es gibt eine Baracke mit Duschen für die Männer und eine für die Frauen. Bei Sonnenaufgang singen sie in der Scheune, bei Sonnenuntergang singen sie unter der Dusche. Nach dem Abendessen wird die Beleuchtung an der Umzäunung eingeschaltet, und für ungefähr ein Drittel der Männer beginnt der Wachdienst."

Edward R. Murrow, CBS News, 13.März 1956

Zerstörung nach dem Angriff: das Ausmaß der Gewalt in den Kibbuzim Be’eri, Re’im und Nir Oz.
Foto: Deutsch Israelische Gesellschaft

Erster Einblick: 
Die Anfänge der Geschichte

Ein Bild sagt mehr als 
tausend Worte

"Sie sind hier" 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr

Zuerst war da nur ein Pfeifen. Ein kurzes, lautes Kreischen, das durch unser Schlafzimmerfenster drang und uns anzeigte, dass über unserem Haus eine Mörsergranate aus dem Himmel fiel. Ich wachte  nicht sofort auf. Das Geräusch war unheimlich aber vertraut, und es mischte sich irgendwie in meine Träume. Miri, meine Frau, erkannte die Gefahr schneller: "Amir, wach auf, eine Granate!", sagte sie und stieß mich mit dem Ellenbogen an. Schlagartig war ich hellwach, Adrenalin durchflutete mich. Wir sprangen beide aus dem Bett, nur in Unterwäsche, und rannten den Flur hinunter zur geöffnete Tür unseres Schutzraums. Eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden. Wir erreichten das Zimmer und schlossen die schwere Eisentür hinter uns. Kaum waren wir in die Dunkelheit gehüllt, erschütterte eine schwere Explosion das Haus. Wir hatten es gerade rechtzeitig geschafft. Der ersten Explosion folgte eine zweite, eine dritte - und dann immer mehr. Es war ein Sperrfeuer - ein schwerer, tödlicher Regen, der ringsum auf uns niederprasselte (...) Wir kamen gerade wieder etwas zu Atem, als wir die Erschütterung einer weiteren Detonation spürten, dann noch einer. Ich schaute auf meine Armbanduhr und sah, dass fünf Minuten vergangen waren, seit wir in den Raum gerannt waren, und die Bombardierungen hatten nicht nachgelassen. " (ebd., S.13-14)

Zweiter Einblick: Schlüsselereignisse im Fokus

Wichtige Wendepunkte 
festgehalten

"Zum ersten Mal, seit wir aus dem Bett gesprungen waren, blickte ich auf mein Handy, das ich aus dem Schafzimmer mitgenoommen hatte. Ich wollte wissen, was vor sich ging - in unserer Gemeinde, in unserer Region, in unserem Land. Ganz offensichtlich war etwas Außergewöhnliches im Gange. Wir waren überrascht, desorientiert, aber nicht ängstlich, ganz sicher nicht in Panik-noch nicht. (...)

In jedem Haus in Nahal Oz, ebenso wie in allen anderen Gemeinden entlang der Grenze zu Gaza, gibt es ein besonderes Zimmer: einen oberirdischen Bunker aus massivem Beton, der einen direkten Einschlag einer Mörsergranate und auch bestimmten Typen von stärkeren Raketen standhalten soll. (...) Dieser standardisierte Schutzraum hat eine klare Sicherheitsfunktion, doch die meisten Familien an der Grenze nutzen diesen Raum zu einem anderen Zweck: Hier gehen unsere Kinder abends schlafen. Nahal Oz liegt so nahe an Gaza, dass man im Falle eines Mörserbeschusses auf die Gemeinde nur sieben Sekunden Zeit hat, um sich in Sicherheit zu bringen (...) Es war nicht das erste mal, dass sie eine solche Situation erlebten: Eltern, die in ihr Zimmer gerannt kamen, während im Hintergrund Explosionen einsetzten. Wir machten nie ein großes Aufheben darum, also taten sie es auch nicht. Es war Teil unseres und ihres Lebens - eine hektische, aber vertraute Routine in Israels Grenzgebieten. (ebd., S.14-15)

 

Days of quiet? Nahal Oz youth working the fields in the kibbutz. Photo: Nahal Oz Archive, IL-NAOZ-001-p01-03-08-09-049

Dritter Einblick: 
Emotionen der Charaktere

Die Seele der Protagonisten visualisieren

Rückblick: August 2014

"Neun Jahre zuvor, im August 2014, hatte  ich Nahal Oz zum ersten Mal besucht. In jenem Sommer tobte ein langer, blutiger Krieg zwischen Israel und der Hamas, die sieben Jahre zuvor die Kontrolle über Gaza übernommen hatte, und ich war aus Tel Aviv, wo ich damals wohnte, in das Grenzgebiet nahe gefahren, um vor Ort über die Kampfhandlungen zu berichten. Als Journalist hatte ich bereits über Kriege in Syrien, in der Ukraine und im kurdischen Autonomiegebiet in Irak geschrieben; doch es war ein mulmiges Gefühl, an einem Ort, der nur eine Autostunde von meinem Zuhause in Zentralisrael entfernt lag, Zeuge dieser dramatischen Verwüstungen zu werden.  Vor meiner Ankunft in Nahal Oz hatte mir ein Freund  aus der Medienbranche die Telefonnummer eines Mannes namens Itay Maoz gegeben. Maoz war Landwirt Anfang fünfzig, der in diesem Sommer trotz der schweren Bombardierungen in Nahal Oz geblieben war, er erklärte sich bereit, mich durch den Ort zu führen. Die meisten Bewohner waren in andere Teile des Landes evakuiert worden, und so fand ich mich in einer Geisterstadt wieder. (...) Die Agrarflächen von Nahal Oz berührten buchstäblich den Grenzzaun von Gaza (...). Diese Felder sind normalerweise wunderschön anzusehen, aber an diesem Tag bot sich mir ein anderer Anblick: sie waren vollständig zerstört, nachdem das israelische ;Militär sie zu einem Panzerparkplatz umfunktioniert hatte.(ebd., S.16-17)

Members of the first settlement group. Photo: Nahal Oz Archive, IL-NAOZ-001-p01-03-10-19-007

Vierter Einblick: 
Geschichtliche Wurzeln

 Verbindung zwischen 
Vergangenheit und Gegenwart

Rückblick:  am Abend des August  2014

"Ich wusste, dass Nahal Oz, wie viele Gemeinden an der Grenze zu Gaza, politisch eine deutliche linksliberale Ausrichtung hatte und dass die Bewohnerinnen und Bewohner in der Grenzregion zu den entschiedensten Verfechtern eines israelisch-palästinensischen Friedens zählten. (...) Als ich an diesem Abend nach Tel Aviv zurückkehrte, konnte ich nicht aufhören, über meinen Besuch in Nahal Oz zu sprechen, über die Schönheit des Ortes und die Stärke seiner Bewohner, die mich staunen ließ. (...)   Aber dann führte mich meine journalistische Arbeit auf andere Wege. Ich vergaß Nahal Oz. Bis eine furchtbare Tragödie mir diesen Abschnitt an der Grenze zwischen Israel und Gaza wieder ins Gedächtnis  rief. Am Freitag, den 22. August 2014, kehrten die ersten Familie aus den grenznahen Gemeinden, wie Nahal Oz, wieder in ihre Häuser zurück. Aufgrund öffentlicher Meldungen des Militärs gingen sie fälschlicherweise davon aus, dass der Krieg bald zu Ende sein würde. Zwar flogen noch Raketen durch die Luft, aber es schien, als trügen die diplomatischen Bemühungen unter der Führung Ägyptens Früchte (...) Doch in den frühen Nachmittagsstunden schlug eine Granate in Nahal Oz ein.  (...) Israel  verlor dutzende Soldaten in diesem Krieg, auch einige Zivilisten, aber Daniel war das jüngste Opfer des Krieges. Dieser hübsche kleine Junge, dessen Bild nun auf auf den Titelseiten aller großer israelischen Zeitungen abgedruckt wurde, war eines der letzten Kriegsopfer: Vier Tage nach seinem Tod wurde ein Waffenstillstand erklärt, und der Krieg war tatsächlich vorbei(...)"

Amir Tibon – Journalist und Überlebender des Hamas-geführten Angriffs vom 7. Oktober 

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