Die Schätze der Seidenstraße
Die Seidenstraße - eine bedeutende Handelsroute
Die Seidenstraße, eine bedeutende Handelsroute zwischen Eurasien und dem Mittelmeerraum, erfüllte nicht nur eine ökonomische Funktion, sondern stellte zudem einen wichtigen Begegnungsort der hochentwickelten Zivilisationen Ost- und Westasiens dar. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. wurde über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren Seide, Luxuswaren und eine Vielzahl von Gütern entlang dieser Route transportiert, um in urbanen Zentren und Oasen gehandelt zu werden. Darüber hinaus diente die Seidenstraße als Plattform für den Austausch von Ideen, Glaubenssystemen, künstlerischen Ausdrucksformen und Technologien. In diesem Zusammenhang trafen chinesische, indische, iranische und klassische westliche Kulturen aufeinander, was zur Entstehung einer neuen, synkretistischen Kultur führte.
Die alten eurasischen Handelsrouten
Der Begriff „Seidenstraße(n)“ ist auf den deutschen Geographen und Kolonialisten Ferdinand von Richthofen (1833-1905) zurückzuführen und bezeichnet ein komplexes System von Handelsrouten, die in der Antike und im Hochmittelalter den Raum des heutigen China über Zentralasien mit Südostasien, dem Nahen Osten, dem Mittelmeer und Europa verbanden. Der von Richthofen eingeführte Terminus erlangte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts größere Bekanntheit durch bemerkenswerte archäologische Entdeckungen, die von Forschungsreisenden wie Sven Hedin (1865-1952), Aurel Stein (1862-1943), Paul Pelliot (1878-1945) sowie durch wissenschaftliche Missionen als Teil der russischen Zentralasien- und der deutschen Turfan-Expeditionen gemacht wurden.
Die geographischen Gegebenheiten der kontinentalen Alte Seidenstraße sind stark durch Wüsten, Oasen, Hochgebirge und Steppen geprägt. Auch in der Neuzeit haben die Wechselwirkungen zwischen sesshaften, urbanen und mobil-nomadischen Kulturen die sozioökonomischen Verhältnisse nachhaltig beeinflusst. Entlang dieser eurasischen Handelsverbindungen finden sich einige der ältesten Belege für Fernhandelsbeziehungen und weitreichende Kulturkontakte der Menschheit. Das Gebiet der Alten Seidenstraße war aufgrund seiner strategischen Lage, seiner Ressourcen und seines sozioökonomischen Netzwerkcharakters stets geopolitisch von großer Bedeutung und stellte ein strategisches Interesse sowohl für regionale als auch für globale Mächte dar. Infolgedessen prägte es nachhaltig die Geschichte der daran beteiligten Regionen und hatte Auswirkungen auf die gesamte Welt.
Der Austausch und Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen könnte so alt sein wie die Menschheit selbst. Archäologische Funde belegen weitreichende Kultur- und Handelsbeziehungen im eurasischen Raum bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. u. Z. Die Indus-Kultur (3300-1300 v. u. Z.), die sich über das heutige nordöstliche Afghanistan, Pakistan und das nordwestliche Indien erstreckte, zählt neben den Stadtstaaten und Reichen des Nahen Ostens (wie dem Alten Ägypten und den Städten Mari und Ebla im heutigen Syrien sowie Sumer im Irak und Elam im Iran) zu den frühesten Hochkulturen der Welt. In der Frühphase der Indus-Kultur (bis 2600 v. u. Z.) finden sich ihre Artefakte, wie Töpferwaren, Figurinen und Siegel, auch in den frühen proto-urbanen Oasenkulturen Zentralasiens im südlichen Turkmenistan (wie beispielsweise Namazga-, Altyn- und Geoksyur-Tepe).
In der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. u. Z. intensivierten sich die Handelsbeziehungen zwischen den alten Hochkulturen. Die Kontakte zwischen dem Nahen Osten und der Indus-Kultur belegen nicht nur materielle Funde, sondern auch schriftliche Zeugnisse aus der sumerischen und akkadischen Zeit. Um die Mitte des 1. Jahrtausends v. u. Z. wurde durch das Altpersische Reich der Achämeniden (550-330 v. u. Z.) ein wesentlicher Grundstein für den Verlauf der Seidenstraße gelegt. Die Perser waren ursprünglich Teil der mobilen kulturellen Steppenvölker Zentralasiens, die in den Jahrhunderten nach dem Niedergang der bronzezeitlichen Reiche des Nahen Ostens Ende des 2. Jahrtausends v. u. Z. als Neuankömmlinge in die Gebiete ihrer Nachfolgestaaten gelangten. Eine Allianz aus Babyloniern, Persern, Medern sowie anderen iranischen Stämmen, einschließlich der Skythen, stürzte am Ende des 7. Jahrhunderts v. u. Z. das Neu-Assyrische Reich. Nur wenige Jahrzehnte später erwarben die Perser unter Kyros II. , auch dem Großen genannt, die Kontrolle über weite Gebiete des Nahen Ostens und begründeten schließlich das erste Weltreich, das sich von den Steppengebieten des heutigen Russlands im Norden bis zum Arabischen Meer im Süden sowie von Anatolien im Westen bis an die Grenzen des heutigen China im Osten erstreckte.
Zu den Prinzipien der Herrschaft über dieses immense Gebiet, das viele ethnische Gruppen und Sprachen umfasste, gehörte neben relativer kultureller und religiöser Toleranz auch der Ausbau der Infrastruktur, um eine umfassende Kommunikation und einen florierenden Handel zu gewährleisten, von dem der Staat profitierte. Ein Beispiel hierfür ist die Persische Königsstraße, ein postdienstliches Netzwerk, das die wichtigsten Städte des Reiches miteinander verband und zunehmend als Handelsweg diente, der schließlich zu einer der Hauptschlagadern des Seidenstraßensystems wurde. Die Nachfolge des Perserreiches nahm das Imperium Alexanders des Großen (356-323 v. u. Z.) ein, welches dessen Territorium weiter vergrößerte. Dadurch wurde erstmals in der Geschichte das antike Europa über den Nahen Osten und Zentralasien direkt mit Nordindien sowie den angrenzenden Steppen-, Wüsten- und Hochgebirgen des heutigen Westrands Chinas verbunden.
Das im Vergleich zum Achämenidenreich zentralisiertere griechische Finanzsystem hatte positive Effekte auf den Handel, unter anderem durch die Vereinheitlichung von Maß- und Geldwerten. Die neu gegründeten oder eroberten Städte wurden zudem als wirtschaftliche Zentren weiterentwickelt. In den ersten Jahrhunderten führten die Hauptrouten der Seidenstraße von Ost nach West über Knotenpunkte, die mit bedeutenden Städten und deren Umland verbunden sind: Luoyang (Hauptstadt in der späten Han-Zeit; Provinz Henan), Chang’an (heutiges Xi’an; die frühere Haupt-stadt der Han-, Sui- und Tang-Dynastie; Provinz Shaanxi), Lanzhou (Provinz Gansu), Dunhuang (Provinz Gansu).
Die Nordroute des Tarimbeckens (Autonomes Gebiet Xinjiang) verknüpft Kumul/Hami (antik: Yiwu/Yizhou), Turfan (Turpan/Tulufan), Kutscha (Kuche/Kuqar; antik: Qiuci), Korla/Ku’erle (antik: Weili), Aksu/Akesu (antik: Gumo).
Die Südroute des Tarimbeckens (Autonomes Gebiet Xinjiang) umfasst folgende Städte: Krorän (antik: Loulan, Shanshan), Yanqi (antik: Karashahr), Miran (Milan; antik: Yuni, (Qi)tuncheng), Niya (Minfeng; antik: Jingjue), Khotan (Hetian/Hotan; antik: Yutian) – hier zweigten Wege nach Indien ab, Yarkant (Shache; antik: Shaju) – ebenfalls mit Verbindungen nach Indien, sowie Kaschgar (Kashi; antik: Shule, Jiashi) im Autonomen Gebiet Xinjiang.
Die zentrale asiatische Nordroute umfasst: Taschkent (Toshkent; antik: chin. Yuni/Zheshi, pers. Chach(kand); Usbekistan), Samarkand (Samarqand; antik: gr. Maracanda; Usbekistan), Buchara (Boxoro; chin. Buhe; Usbekistan).
Die zentrale asiatische Südroute ist über Kokand (Qo’qon; Usbekistan) und Kundus (Kunduz; antik: gr. Drapsaka; Afghanistan) sowie darüber hinaus Balch (Balkh; antik: gr. Baktra; Afghanistan), Merw (antik: gr. Margiane; Turkmenistan), Susa (Schuschu; Iran), Qumis (antik: gr. Hekatompylos, pers. Saddarvazeh; Iran), Hamadan (antik: gr. Ekbatana, pers. Hagmatana; Iran), Seleukia-Ktesiphon (Irak), Dura-Europos (Syrien), Palmyra (Tadmur; Syrien), Antiochia (Antakya; Türkei) sowie Tyros (Sur; Libanon) verknüpft; von hier führten Wege weiter nach Europa.
Der Überlandtransport über die Gebirgs-, Wüsten- und Steppenlandschaften Zentralasiens erfolgte über weite Strecken mittels Karawanen, die zum Schutz vor Überfällen beträchtliche Dimensionen annehmen konnten. Die Handelsgemeinschaften bewegten sich zwischen größeren Siedlungen entlang eines Netzes von Karawansereien, die die bedeutendsten Routen markierten. Als Transporttiere dienten insbesondere das zweihöckrige Baktrische Kamel, das ideal für den Langstreckentransport sowie die extremen topologischen und klimatischen Bedingungen Zentralasiens geeignet ist, sowie Pferde, Esel und Rinder. Der Fernhandel entlang der Seidenstraße war logistisch herausfordernd, risikobehaftet und mit erheblichen Kosten verbunden, wodurch insbesondere Waren mit einer hohen Wert-zu-Gewicht-Ratio sowie Luxusartikel gehandelt wurden, was diesen Handel äußerst rentabel machte.
Zu den bedeutenden Handelswaren gehörten unter anderem auf folgende Regionen konzentriert:
- China: Export von Seide, Satin, Jadeschmuck, Lacken, Gewürzen, Papier, Keramik, Eisen und Stahl; Import von Gold und anderen Edelmetallen, Glas, Elfenbein, Schmuck, Pferden sowie spezifischer militärischer Nomadentechnologie, wie Reiterbögen;
- Indien: Export von Elfenbein, Indigo, Gewürzen, Myrrhe, Weihrauch, Saphir, Korallen und Perlen; Import von Seide, Pfirsichen, Wassermelonen, Pferden und Reiterbögen;
- Zentralasien: Export von Pfirsichen, Jade, Datteln, Teppichen, Bronze, Pferden und Reiterbögen; Import von Seide, Lacken, Gold und anderen Edelmetallen sowie Gewürze;
- Mittelmeer- und europäischer Raum: Export von Gold und anderen Edelmetallen, Bernstein, Töpferwaren und Glas; Import von Seide, Satin, Elfenbein, Gewürzen, Papier, Jade, Lacken, Schmuck, Perlen, Pferden und Sklaven.
Literatur: Fellner, Hannes A. "Zur Geschichte der Alten Seidenstraße". In Bernhard Müller und Peter Buchas (eds). Die Neue Seidenstraße. Vision – Strategie – Wirklichkeit. Mit einem Österreich-Schwerpunkt, Wiener Neustadt: Urban Forum – Egon Matzner-Institut für Stadtforschung, 2017, pp.17-36; Richthofen, Ferdinand von. China. Ergebnisse eigener Reisen und darauf gegründeter Studien. Band 1: Einleitender Theil. Berlin: Reimer Beckwith, 1877; Beckwith, Christopher, I. Empires of the Silk Road: a history of Central Eurasia from the Bronze Age to the Present. Princeton: Princeton University Press, 2009; Baumer, Christoph. The History of Central Asia I. The Age of the Steppe Warriors. London: Tauris, 2012, pp. 60-77.
Die Seidenstraße: ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen
Abb.: Sprachen und Schriften des vorislamischen Zentralasiens – Berliner Turfan-Kollektion
Quelle: "Sprachen und Schriften. Documentation of the languages and scripts attested in pre-islamic Central Asia mainly using images from the Berlin Turfan Collection compiled by Turfanforschung", Berlin and Göttingen, auf turfan.bbaw.de, abgerufen am 25.03.2026.
Unter der Herrschaft der Kuschan, eines der größten Herrschaftsgebiete der Spätantike, wurde in den einst von der Han- Dynastie (chinesisch 漢朝 / 汉朝, Pinyin hàncháo), dem Kaiserreich China von 206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) kontrollierten westlichen Gebieten im und um das Tarim-Becken im äußersten Westen der Volksrepublik China, der Grundstein für die Entstehung einer fortgeschrittenen Urbanisationskultur gelegt; dies insbesondere an den Knotenpunkten der südlichen und nördlichen Route der Seidenstraße. Das Reich der Kuschan erstreckte sich vom Aralsee bis zum Golf von Bengalen. Weil es nur rund 200 Jahre existierte, ist es heute weitgehend unbekannt. Seine größte Ausdehnung erreichte der Machtblock um 128 n.Chr., zur Zeit des römischen Kaisers Hadrian. Die Reichsgründer waren Nomaden, die Vorläufer der Hunnen aus Nordwestchina nach Zentralasien verdrängt hatten.
Auf der Basis des Handels entlang der Seidenstraße entwickelten sich bedeutende Stadtstaaten und kleinere Fürstentümer, die während der wechselvollen Geschichte der Region verschiedenen Herrschaften unterlagen. Zwischen dem 3. und dem 11. Jahrhundert bildeten diese Zentren eine vielsprachige und multikulturelle Seidenstraßenkultur, in der verschiedene kulturelle Elemente miteinander verwoben waren. So wurden etwa iranische Sakischriften in Verbindung mit der indischen Brahmi-Schrift auf chinesischem Papier verfasst, indische Medizin angewandt, iranische Modetrends adaptiert, chinesische Kalender konsultiert und griechische Motive in der Kunst verwendet. In den Bibliotheken dieser Region, wie beispielsweise in Dunhuang, fanden sich Werke in über 20 unterschiedlichen Sprachen sowie ebenso vielen Schriften, die sowohl private Korrespondenz als auch Inventar- und Einkaufslisten, wissenschaftliche Treatises, Dramen und religiöse Texte des Ostchristentums, Manichäismus und Buddhismus umfassten. Letzterer übernahm in dieser Zeit eine prägende Rolle und hatte folglich auch bedeutenden Einfluss auf China. Kumārajīva (343-413 n. Chr. ) ein Mönch, Gelehrter und maßgeblicher bis heute beachteter Übersetzer buddhistischer Texte ins Chinesische, wurde im zentralasiatischen Königreich Kucha geboren. Seine Übersetzung des Diamant Sutra gilt als der älteste datierte Blockdruck (Holztafeldruck) der Welt. Die gedruckte Schriftrolle trägt das Datum des 11. Mai 868 n.Chr. Es wurde 1907 von Aurel Stein am Rande des Tarim Beckens in den berühmten Mogao-Grotten bei Dunhuang entdeckt.
Im heutigen Iran und Mesopotamien setzten sich die Sassaniden (224-651 n. Chr. ) als Herrscher des zweiten persischen Großreichs des Altertums zwischen dem Ende des Partherreichs und der arabischen Eroberung Persiens, an die Stelle der Parther (240 v. Chr. bis 224/226 n. Chr.), eines iranisches Volkes, das ab etwa 240 v. Chr. im heutigen Iran ein Reich aufbaute, und unterwarfen die Kuschan ihrer Oberhoheit. Während die Sassaniden diplomatische Beziehungen zu China aufrechterhielten und beide Seiten bemüht waren, die Handelsrouten der Seidenstraße gegen gemeinsame Bedrohungen, wie die nomadischen Konföderationen der Hunnen und Türken zu schützen, hatte das Römische Reich kontinuierliche Konflikte mit den Sassaniden und, nach seiner Teilung, mit Byzanz (285-1453 n. Chr.), was in erster Linie auf die Rivalität um die Kontrolle über wichtige Handelswege im westlichen Abschnitt der Seidenstraße zurückzuführen war.
Der sassanidische Staat förderte die Schaffung eigener Produktionen für den Export (wie etwa für Waffen und Teppiche) durch zentrale Organisation und verstärkte den Handel zwischen Ost und West (darunter chinesische Seide, Papier und indische Gewürze) durch den Ausbau der Infrastruktur, insbesondere von Straßen und Karawanserai. Dies führte zu einer Blüte der urbanen Kultur, die sowohl geographisch als auch zeitlich über das sassanidische Reich hinausstrahlte.
In die sassanidische Ära fällt auch der Aufstieg der iranisch-sprachigen Sogdier, die zur dominierenden Kaufmannsschicht an der westlichen Grenze sowie in China selbst aufstiegen. Die Sogdier stammten aus der Region um das heutige Samarkand und traten historisch erstmals als Soldaten Xerxes I. während seines gescheiterten Kampfs gegen Griechenland (480 v. Chr.) in Erscheinung sowie später als vom Alexander dem Großen unterworfene Widerstandskämpfer, aus deren Welt Roxane, die Frau Alexanders, stammte. Um die Zeitenwende dürften die Sogdier bereits Handelsbeziehungen zu China unterhalten und als Mittler zwischen China und dem Partherreich fungiert haben. Im 3. Jahrhundert n. Chr. existierten sogdische Handelsniederlassungen in Gansu, die Verbindungen ins innere China pflegten. Auch wenn diese Kontakte in der politisch instabilen und unruhigen Phase Nordchinas im 4. Jahrhundert n. Chr. abbrachen, bleibt ein sogdisches Handelsnetzwerk zwischen Gansu und Samarkand dokumentiert.
Zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert n. Chr. avancierten die Sogdier zu den Hauptakteuren des Fernhandels mit China, errichteten mehrere Stützpunkte und Gemeinden, und ihre Sprache wurde eine lingua franca entlang der östlichen Seidenstraße. Die von den Sogdiern vermittelte iranische Kultur hatte in dieser Zeit erheblichen Einfluss auf die chinesische Gesellschaft, wo sie – trotz der damit verbundenen Sinisierung – an Ansehen gewann. Während der sassanidischen Zeit nach dem Ende der Han-Dynastie war China aufgrund interner sozio-ökonomischer Probleme und in Konflikten mit nomadischen Staaten an seinen westlichen und nördlichen Grenzen in verschiedene Einheiten zerfallen, die miteinander konkurrierten. Es demonstrierte eine Spaltung entlang der Nord-Süd- sowie West-Ost-Achse. Migrationsbewegungen aus Nord und West führten zur Gründung kleiner Staaten, was das Geschehen entlang der Seidenstraße maßgeblich beeinflusste und den Handel innerhalb Chinas erheblich beeinträchtigte.
Erst unter der Sui-Dynastie (581-618 n. Chr.) gelang es China, durch Landreformen, Zentralisierung der Verwaltung, Standardisierung von Mess- und Geldsystemen sowie den Ausbau von Infrastruktur und Handelsstraßen eine Einigung zu erzielen. Diese Einigung ermöglichte die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen und des Fernhandels, wodurch China allmählich wieder in organisierten Kontakt zur Seidenstraße trat, unter anderem durch die ihm bekannten Sogdier.
Auf die Sui-Dynastie folgte die Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.), die in der Geschichtswissenschaft als Höhepunkt der chinesischen Geschichte und in China selbst als Goldenes Zeitalter gilt. Unter Ausnutzung der Errungenschaften der Sui-Dynastie wurden innenpolitische Reformen und Zentralisierungsmaßnahmen vorangetrieben, während in den Außenbeziehungen kommerzielle, politische sowie kulturelle Kontakte intensiviert wurden. Im Inneren wurden umfassende Boden-, Agrar-, Steuer- und Verwaltungsreformen auf der Grundlage präziser Volkszählung durchgeführt, was zur Beendigung der Leibeigenschaft und einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität führte. Der Inlandshandel profitierte vom Ausbau der Infrastruktur, insbesondere der Binnenschifffahrt. Staatliche Monopole, beispielsweise für Salz, Alkohol oder den mittlerweile landesweit beliebten Tee, wurden etabliert. Im Finanzbereich wurden erstmalig in der Geschichte Wechselverträge eingeführt. In den Außenbeziehungen verstärkte der Tang-Staat die Beziehungen zu Nachbarregionen durch diplomatische und wirtschaftliche Missionen.
Obwohl die westlichen Gebiete wie eh und je ein Brennpunkt regionaler Konflikte zwischen China und seinen Nachbarn blieben – in der Tang-Zeit vor allem mit Turk-Khanaten und dem tibetischen Reich – erlaubte ihre fortschreitende politische und militärische Stabilisierung sowie wirtschaftliche Anbindung China die Bildung von Einflusszonen und systematischen, staatlich geförderten Fernhandelsbeziehungen. Dies führte dazu, dass chinesische Waren, darunter neben Seide auch vermehrt Keramik, Porzellan und bereits Teewaren über Zwischenstationen, die häufig von Sogdiern organisiert wurden, auf internationale Handelsrouten gelangten, während Luxusprodukte wie Gold, Edelsteine, Elfenbein und Glas nach China importiert wurden. Infolgedessen erlebte auch die Seidenstraße eine erneute Blüte, die für die daran beteiligten Gesellschaften, insbesondere China, weitreichende Auswirkungen jenseits der ökonomischen Dimension hatte.
Insbesondere die Stadt Chang’an, das heutige Xi’an, entwickelte sich in der Hochphase der Tang-Dynastie (chinesisch 唐朝, Pinyin Tángcháo) eine chinesische Kaiserdynastie, die von 617/18 n.Chr. bis 907 n.Chr. an der Macht war - , zu einer kosmopolitischen Weltstadt, in der Menschen aus ganz Eurasien lebten und zum Träger des interkulturellen Austausches avancierten. Die Verbreitung des östlichen Christentums, des Manichäismus, des Islams, des Judentums und des Buddhismus erreichte einen Höhepunkt, wobei all diese Religionen in China durch ihre Gemeinden repräsentiert waren.
Buddhistische Pilger aus China, wie der bekannte Xuanzang (ca. 600-664 n.Chr.), reisten über die Routen der Seidenstraße in die zentralasiatischen Kerngebiete des Buddhismus und Nordindien und übermittelten bedeutende chinesische Schriften. Zudem fanden im kulturellen Bereich unter anderem das ursprünglich aus Indien stammende Schach und das aus Zentralasien stammende Polo, das bei der Oberschicht Bevölkerung der Tang-Dynastie neben der heimischen Vorstufe des Fußballs (蹴鞠 cuju) große Beliebtheit erlangte, Verbreitung. Zentralasiatische Musik und Kunst, zusammen mit ihren Instrumenten, Stilen und Produktionstechniken erfreuten sich ebenfalls großer Popularität entlang der Seidenstraße. Historische Belege zeigen, dass Künstlergruppen aus dem Tarim-Becken in China auftraten. Im wissenschaftlich-technischen Bereich wurden während der Tang-Zeit bedeutende Erfindungen getätigt, die zusammen mit anderen herausragenden Errungenschaften der chinesischen Zivilisation über die transkontinentalen Handelswege in die Welt gelangten, darunter Hartporzellan, Papier, Blockdruck, Schießpulver und die Zahnbürste. Während der Tang-Zeit kam es auch im westlichen Abschnitt der Seidenstraße zu nachhaltigen geopolitischen Veränderungen, die zunächst den Handel begünstigten.
Der zwischen 602 und 628 n. Chr. zwischen Byzanz – einem der bedeutendsten Endpunkte der Seidenstraße – und dem sassanidischen Reich geführte Krieg, dem wichtigsten zentralasiatischen Staat an der Seidenstraße, schwächte beide Kontrahenten sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich. Dies kam dem erst nach dem Tod Mohammeds (ca. 570-632 n. Chr.) entstandenen ersten arabisch-islamischen Kalifat (632-661 n. Chr.) zugute, das Teile von Byzanz und des sassanidischen Reiches eroberte.
Unter dem zweiten Kalifat der Umayyaden (661-750 n.Chr.) kontrollierten die arabischen Herrscher schließlich ein riesiges Gebiet, das von der Iberischen Halbinsel im Westen bis zum Hindukusch im Osten reichte. Zentralisierte Verwaltung sowie Steuer-, Finanz- und Rechtsstandards wirkten sich vorteilhaft auf die Wirtschaft und den Handel des Kalifats aus. Dies führte zu einer immer bedeutenderen Rolle arabischer und jüdischer Händler auf den Handelsrouten der Seidenstraße.
Literatur: Fellner, Hannes A. "Zur Geschichte der Alten Seidenstraße". In Bernhard Müller und Peter Buchas (eds). Die Neue Seidenstraße. Vision – Strategie – Wirklichkeit. Mit einem Österreich-Schwerpunkt, Wiener Neustadt: Urban Forum – Egon Matzner-Institut für Stadtforschung, 2017, pp.17-36; Richthofen, Ferdinand von. China. Ergebnisse eigener Reisen und darauf gegründeter Studien. Band 1: Einleitender Theil. Berlin: Reimer Beckwith, 1877; Beckwith, Christopher, I. Empires of the Silk Road: a history of Central Eurasia from the Bronze Age to the Present. Princeton: Princeton University Press, 2009; Baumer, Christoph.The History of Central Asia I. The Age of the Steppe Warriors. London: Tauris, 2012, pp. 60-77; Parpola, Asko. Deciphering the Indus Script. Cambridge: Cambridge University Press, 1994, pp. 12-15; Shelach-Lavi, Gideon. The Archaeology of Early China: From Prehistory to the Han Dynasty. Cambridge: Cambridge University Press, 2015,pp. 191-193; Bagley, Robert. "Shang Archeology". In Michael Lowe und Edward L. Shaughnessy (eds.), The Cambridge History of Ancient China: From the Origins of Civilization to 221 BC. Cambridge: Cambridge University Press, 1999, pp.180-207; Shelach-Lavi, Gideon. The Archaeology of Early China: From Prehistory to the Han Dynasty. Cambridge: Cambridge University Press, 2015, pp. 264-305; Cline, Eric H. 1177 B.C.: The Year Civilization Collapsed. Princeton: Princeton University Press, 2014; Curtis, John und St. John Simpson. The World of Achaemenid Persia: The Diversity of Ancient Iran. Tauris: London, 2010; Mairs, Rachel. The Hellenistic Far East. Archaelogy, Language, and Identity in Greek Central Asia. University of California Press: Oakland, 2014; Di Cosmo, Nicola. Ancient China and its Enemies. The Rise of Nomadic Power in East Asian History. Cambridge: Cambridge University Press, 2002; Hulsewé, Anthony F. P. China in Central Asia: The Early Stage 125 BC – AD 23: an annotated translation of chapters 61 and 96 of the History of the Former Han Dynasty. Leiden: Brill, 1979; Lewis, Mark E.The Early Chinese Empires: Qin and Han. Cambridge, MA: The Belknap Press of Harvard University Press, 2007, pp. 128-154; Bulliet, Richard W. The Camel and the Wheel. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1975; Barisitz, Stephan. Central Asia and the Silk Road. Economic Rise and Decline over Several Millennia. Cham: Springer, 2017; p. 39; Puri, B. N. "The Sakas and Indo-Parthians". In János Harmatta (Hg.), History of civiliza- tions of Central Asia, Volume II. The development of sedentary and nomadic civilizations: 700 B.C. to A.D. 250. Paris: UNESCO Publishing, 1994, pp. 191-207; Neelis, Jason. Early Buddhist Transmission and Trade Networks: Mobility and Exchange within and beyond the Northwestern Borderlands of South Asia. Leiden: Bril, 2011; Zürcher, Erik. Buddhism in China. Collected Papers of Erik Zürcher. Leiden: Brill, 2013; Hansen, Valerie. The Silk Road: A New History. Oxford: Oxford University Press, 2012; Nattier, Jan. A Guide to the Earliest Chinese Buddhist Translations: Texts from the Eastern Han and Three Kingdoms Periods. Tokyo: International Research Institute for Advanced Buddhology, Soka University, 2008; Daryaee, Touraj. Sasanian Persia: The Rise and Fall of an Empire. London: Tauris, 2008; Neelis, Jason. Early Buddhist Transmission and Trade Networks: Mobility and Exchange within and beyond the Northwestern Borderlands of South Asia. Leiden: Brill, 2011; Nattier, Jan. A Guide to the Earliest Chinese Buddhist Translations: Texts from the Eastern Han and Three Kingdoms Periods. Tokyo: International Research Institute for Advanced Buddhology, Soka University, 2008; Twitchett, Denis (ed.). The Cambridge History of China: Sui and T’ang China 589-906. Cambridge: Cambridge University Press, 1979; Vaissière, Étienne de la. Sogdian Traders: A History. Leiden: Brill, 2005; Zürcher, Erik. Buddhim in China. Collected Papers of Erik Zürcher. Leiden: Brill, 2013; Rong, Xinjiang. Eighteen Lectures on Dunhuang. Leiden: Brill, 2013; Daryaee, Touraj. Sasanian Persia: The Rise and Fall of an Empire. London: Tauris, 2008; "Kuschan – die vergessene Großmacht", auf wissenschaft.de, abgerufen am 16.06.2026.
Mehrsprachige Korrespondenzen entlang der Seitenstraße
Seit der Entdeckung der Kairoer Geniza in den 1890er Jahren und der frühesten bekannten judaeo-persischen Briefe von Dandan Uiliq, nahe Khotan in Xinjiang, China, im Jahr 1901, wurden zahlreiche Korrespondenzen in Judaeo-persischer Sprache aufgefunden. Der Fundort Dandan Uiliq liegt etwa 80 Kilometer nordwestlich von Domoko, einer Stadt am südlichen Abschnitt der Seidenstraße. Diese Dokumente gewähren wertvolle Einblicke in das sozioökonomische Leben der mittelalterlichen jüdischen Gemeinschaften im östlichen Mittelmeerraum, im Iran, in Indien und darüber hinaus.
Die Korrespondenzen wurden in unterschiedlichen Sprachen verfasst: Persisch-Hebräisch, Sogdisch, Alttürkisch (Uigurisch), Tibetisch, Arabisch, Chinesisch und Baktrisch. Die Überlieferung erfolgte vorwiegend auf Papier – einem Material, das sich von China aus nach Westen verbreitete – sowie auf Holztäfelchen, Leder oder Seide. Die Themen der Briefe befassten sich selten mit tiefgründiger Philosophie, sondern konzentrieren sich vielmehr auf das Überleben, Handelsangelegenheiten und Machtverhältnisse. Diese Inhalte lassen sich in drei Hauptkategorien einteilen: (1) Diplomatie und Krieg; (2) Handel und Finanzen und (3) Alltag und religiöse Praxis.
Zahlreiche neu gegründete Handelskolonien sogdischer Kaufleute entlang der Seidenstraße führten dazu, dass das Sogdische die allgemeine Verkehrssprache Ostturkestans wurde. Trotz der weiten Verbreitung sogdischer Texte vom Mutterland zwischen Oxus (Amudarja) und Jaxartes (Syrdarja) bis nach Turfan und Dunhuang waren kaum Dialektunterschiede, sondern höchstens chronologische, orthographische oder soziolektische Divergenzen auszumachen.
In den sogdischen Briefen herrscht häufig ein angespannter Ton. Diese Briefe behandeln zumeist Diplomatie und Krieg sowie Bündnisanfragen; der Fürst versuchte Verbündete gegen die vorrückenden arabischen Heere zu gewinnen. Ferner enthalten einzelne Briefe Spionageberichte über die Bewegungen der arabischen Truppen oder dokumentieren Kapitulationsverhandlungen, wie etwa den verzweifelten Versuch, durch Tributzahlungen Städte vor der Zerstörung zu bewahren. Die sogdische Sprache war eine weit verbreitete ost-mitteliranische Sprache. Im Zuge der türkischen Eroberung Zentralasiens wurde das Sogdische, zusammen mit anderen Sprachen der ostiranischen Sprachfamilie, durch Turksprachen ersetzt. Die sogdisch Sprache ist die bekannteste und am reichsten bezeugte ostiranische Sprache der mitteliranischen Periode. Gesprochen wurde sie in Sogdien (altpersisch Sugda, sogdisch Suγd) mit Samarkand als Mittelpunkt.
Zentralasien, an der Seidenstraße gelegen, stellte das wirtschaftliche Zentrum von Handel und Finanzen der damaligen Welt dar. Die Korrespondenz der Händler zeichnet sich durch einen beeindruckend modernen Stil aus. So finden sich im Mahnwesen Parolen wie: „Warum hast du das Geld für den Moschus noch nicht geschickt?“ Typische Handelsbriefe beinhalteten detaillierte Warenlisten, einschließlich Seide, Edelsteinen, Gewürzen und Sklaven, die von Karawane zu Karawane weitergegeben wurden. Kreditbriefe dokumentieren Bestätigungen über Schulden, die an einem anderen Ort der Seidenstraße zu begleichen sind.
Insbesondere die Funde aus den Oasenstädten (Turfan und Dunhuang) geben Einblicke in den Alltag und die religiöse Praxis dieser zentralasiatischen Kulturen. Manichäische Lehrer schrieben an ihre Gemeinden, um Verhaltensrichtlinien zu erläutern oder um Spenden für den Klosterbau zu bitten. Es existieren auch Briefe mit familiären Inhalten, darunter Beschwerden von Ehefrauen über die zu lange Abwesenheiten ihrer Männer auf Handelsreisen („Du hast mich hier mit nichts zurückgelassen!“). Zudem dokumentieren tibetische Beamte akribisch den Verlust von Pferden oder forderten neue Getreiderationen für ihre Garnisonen an.
Die Inhalte der Briefe bilden heute eine Grundlage für die Forschung zur Frühgeschichte Zentralasiens, der Seidenstraße und der Entwicklung der schriftlichen Überlieferung in dieser Region. Insgesamt stellen die entdeckten Dokumente ein Fenster in das Leben, die Verwaltung und den Handel in der vormongolischen Zeit im östlichen Mittelmeerraum, im Iran, in Indien und darüber hinaus dar und sind unverzichtbar für Historiker, Linguisten und Archäologen, die sich mit Zentralasien beschäftigen.
Eine herausragende Eigenschaft dieser Korrespondenzen ist die Höflichkeit, die in diesen Briefen eine zentrale Rolle spielte. Die Schreiben begannen oft mit äußerst ausführlichen Grußformeln, in denen dem Empfänger ein langes Leben oder göttlicher Schutz gewünscht wurde, bevor zum eigentlichen (oft banalen) Kern des Schreibens übergegangen wurde.
Literatur: Morelli, Federico."Das Archiv des Senuthios: Verwaltungsdokumente aus den ersten Jahren der arabischen Herrschaft". In B. Palme (ed.), Halbmond über dem Nil. Wie aus dem byzantinischen das arabische Ägypten wurde, Wien 2022; Vaissière, Étienne de la. Sogdian Traders. A History. Leiden 2005; Hansen, Valerie. The Silk Road. A History with Documents. Oxford 2016, S. 193 ff; Henning, Walter B. "The Date of the Sogdian Ancient Letters". In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, vol. 12 ( 1948) pp. 601–615; "Sprachen und Schriften. Documentation of the languages and scripts attested in pre-islamic Central Asia mainly using images from the Berlin Turfan Collection compiled by Turfanforschung, Berlin and Göttingen", auf turfan.bbaw.de, abgerufen am 24.03.2026; Fellner, Hannes A. "Zur Geschichte der Alten Seidenstraße".In Bernhard Müller und Peter Buchas (eds.) Die Neue Seidenstraße. Vision – Strategie – Wirklichkeit. Mit einem Österreich-Schwerpunkt. Wiener Neustadt: Urban Forum – Egon Matzner-Institut für Stadtforschung, 2017, pp.17-36.
Die "Antiken Briefe" aus Sogdien
Die Seidenstraße, eine bedeutende Handelsroute zwischen Eurasien und dem Mittelmeerraum, erfüllte nicht nur eine ökonomische Rolle, sondern diente auch als Begegnungsstätte hoch entwickelter Zivilisationen aus Osten und Westen. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. wurde diese Route über mehr als tausend Jahre hinweg für den Transport von Seide, Luxusgütern sowie diversen Waren genutzt, die in städtischen Zentren und Oasen gehandelt wurden. Darüber hinaus fungierte sie als Plattform für den Austausch von Ideen, Glaubensrichtungen, Kunstformen und Technologien. In diesem Kontext kreuzten sich chinesische, indische, iranische und westliche Kulturen, was zur Entstehung einer neuen, synkretistischen Kultur führte.
Der ungarisch-britische Archäologe und Forscher Marc Aurel Stein (Pest, 1862 – Kabul, 1943) zeigte besonderes Interesse an dieser geschichtlich reichen Region. Zwischen 1900 und 1916 leitete er drei umfassende Expeditionen zur Erforschung der im Sand verborgenen Ruinen des Tarimbeckens. Dabei entdeckte er bislang unbekannte Sprachen und Schriften, wodurch er maßgeblich zur historischen und kulturellen Aufarbeitung der dort einst lebenden Zivilisationen beitrug. Sein bleibender Ruhm beruht jedoch in erster Linie auf der Entdeckung des wertvollen Schatzes, der in den "Höhlentempeln der Tausend Buddhas" in Dunhuang aufbewahrt war. Die Höhlen der Tausend Buddhas befinden sich in der chinesischen Provinz Gansu, etwa 15 Kilometer südöstlich von Dunhuang. Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts blühte dort eine buddhistische Gemeinschaft auf, deren Mitglieder über einen Zeitraum von tausend Jahren die Höhlentempel erbauten und ausgestatteten. Heute umfasst dieser bemerkenswerte Kunstkomplex 492 Höhlen mit 45.000 Quadratmetern Fresken und über 2.000 Stuckstatuen und gilt als eine der herausragendsten buddhistischen Kunstgalerien weltweit.
Dieser Ort erlangte zudem Berühmtheit durch einen weiteren bedeutenden Fund. Im Jahr 1900 entdeckte ein daoistischer Mönch in einer Höhle eine Geheimkammer, deren Eingang bereits im 11. Jahrhundert verschlossen worden war. Dank der extremen Trockenheit bewahrte dieses Versteck eine außergewöhnliche Sammlung von Tausenden von Manuskripten und Seidenmalereien in hervorragendem Zustand. Aurel Stein war 1907 der erste Europäer, der die Schätze der Bibliothekshöhle entdeckte.
Sein Besuch in Dunhuang während seiner zweiten Zentralasien-Expedition (1906–1908) war jedoch kein Zufall. Eine frühere ungarische Expedition unter der Leitung von Graf Béla Széchenyi hatte bereits 1879 diesen Ort besucht. Graf Béla Széchenyi von Sárvár-Felsővidék (1837-1918) war ein ungarischer Forschungsreisender. Er besuchte 1865 Algier und zwischen 1877 und 1880 in Begleitung mehrerer Gelehrter China und Südostasien. Es war der Bericht über die Höhlen von einem der Mitglieder jener Expedition, Lajos Lóczy (1849 -1920), einem ungarischen Geologen, Paläontologen und Forscher, der das Interesse von Aurel Stein weckte: „Ich war von seiner begeisterten Beschreibung der feinen Fresken und Stuckskulpturen sehr beeindruckt … Tatsächlich war es ein wesentlicher Grund, der mich dazu brachte, die Pläne meiner Expedition so weit östlich bis nach China zu erweitern.“
Im Jahr 1907 machte der britische Archäologe Sir Aurel Stein eine bedeutende Entdeckung in einem chinesischen Wachturm westlich des Jadetors. Dort fand er fünf nahezu vollständige Briefe aus einer Gesamtheit von acht auf Papier verfassten Dokumenten, die als die sogdischen "Ancient Letters" bekannt sind.
Der Fundort, ein strategisch gelegener Außenposten, bewachte die westlichen Zugänge zum Verwaltungs- und Kulturzentrum Dunhuang, das an der westlichen Grenze der heutigen Provinz Gansu liegt. Er befindet sich etwa 90 Kilometer westlich von Dunhuang und circa 550 Kilometer östlich von Lou-lan, eines weiteren wichtigen Außenpostens an der südlichen Route der Seidenstraße, die entlang der Taklamakan-Wüste führte. Sir Aurel Stein stieß auf diese in einem Postbeutel befindlichen Briefe. Dieses Behältmnis wurde möglicherweise auf dem Rückweg von der östlichen Seidenstraße nach Sogdiana beschlagnahmt. Es ist bemerkenswert, dass keiner der Briefe je seinen Bestimmungsort erreichte.
Die Sogdier, ein iranisch-stämmiges Volk, spielten zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert n. Chr. eine Schlüsselrolle im Handelsnetzwerk entlang der Seidenstraße. Aus ihrer Heimat, der Region des heutigen Samarkand in Zentralasien, unternahmen sogdische Händler Reisen durch Eurasien. Sir Aurel Steins Entdeckung belegt, dass Papier bereits vor der Ausbreitung des Islam von den Händlern der Seidenstraße in den Oasenstädten Zentralasiens verwendet wurde.
Zwei der von Sir Aurel Stein entdeckten Briefe wurden von einer in Not geratenen Frau verfasst, die in Dunhuang zurückgelassen worden war (Briefe Nr. 1 und Nr. 3), während die beiden anderen (Briefe Nr. 2 und Nr. 5) geschäftliche Angelegenheiten der Absender behandeln.
Der dritte Brief bietet bemerkenswerte Einblicke in das tägliche Leben zu einer Zeit und an einem Ort, über die nur begrenzte historische Quellen vorliegen. Die mit ihrer Tochter Shayn zurückgelasse Frau namens Miwnay richtet sich direkt an ihren Ehemann Nanai-dhat, der seit längerer Zeit vermisst wird und seiner Frau keine Nachricht hinterlassen hat. Miwnays Schreiben beschreibt ihre Bemühungen, unter den Sogdiern in Dunhuang Unterstützung zu finden, und bietet Einblicke in das Netzwerk der gegenseitigen Hilfe, welches die im Ausland lebenden sogdischen Gemeinschaften aufrechterhielten (Whitfield 2001, S. 249). Bedauerlicherweise findet Miwnay keine Unterstützung, und es wird offenbar, dass sowohl sie als auch ihre Tochter als Dienstmädchen in einem chinesischen Haushalt ihren Lebensunterhalt sichern müssen. Der Brief beginnt mit einer höflichen, formellen Anrede:
"An (meinen) edlen Herrn (und) Ehemann Nanai-dhat, Segen (und) Ehrerbietung auf gebeugten Knien, wie sie den Göttern dargebracht wird."(Sims-Williams 2004).
Anschließend beschreibt sie die Herausforderungen, mit denen sie als alleinstehende Frau in einer fremden Stadt konfrontiert ist. Ihre Situation veranlasst sie, zahlreiche Verwandte und Bekannte um Hilfe zu bitten, von denen jedoch niemand Unterstützung gewährt. Ihre missliche Lage verdeutlicht die Schwierigkeiten, denen sich eine alleinstehende Frau gegenübersah, um für sich und ihre Tochter zu sorgen. Der Brief endet mit verzweifelten Worten, in denen sie die anfänglichen Höflichkeitskonventionen bricht:
„Sicherlich … waren die Götter an dem Tag zornig auf mich, als ich deinen Befehl befolgte! Lieber wäre ich die Frau eines Hundes oder eines Schweins als deine!“ (Sims-Williams 2004).
Es ist von wesentlicher Bedeutung, den historischen Kontext zu erfassen, in dem Miwnays Brief sowie alle anderen antiken Briefe verfasst wurden. Das frühe 4. Jahrhundert n. Chr. war von erheblichen Umwälzungen in der zentralchinesischen Verwaltung geprägt, was im antiken sogdischen Brief Nr. 2, der im selben Briefbündel entdeckt wurde, angesprochen wird. Während Miwnay ihren Unmut über die Situation zum Ausdruck bringt, in der sie von ihrem Ehemann verlassen wurde, ist es durchaus denkbar, dass auch Nanai-dhat ein schlimmeres Schicksal ereilte, bedingt durch die Plünderungen in Luoyang und Ye sowie die darauffolgende Hungersnot und die Auseinandersetzungen zwischen den Xiongnu und den Chinesen in dieser Region (Whitfield 2001, S. 249).
Die Xiongnu wurden erstmals in chinesischen Quellen im Jahr 215 v. Chr. erwähnt, als der erste Kaiser Qin Shihuangdi eine Offensive gegen sie führen ließ. In diesem Kontext ist zu beachten, dass sich der Begriff "Xiongnu" in den chinesischen Quellen offenbar nicht auf eine fest umrissene, homogene Gruppe bezog, sondern vielmehr als Sammelbegriff für heterogen zusammengesetzte Gruppen im Steppenbereich der heutigen Mongolei diente.
In Europa wurde für die Xiongnu teilweise der Begriff "Hunnen" verwendet, da die ältere Forschung von einer Verbindung zwischen diesen beiden Gruppen ausging. Die Ethnizität der Xiongnu ist in der Forschung umstritten. In der neueren historischen und archäologischen Forschung werden Hunnen und Xiongnu in der Regel nicht mehr gleichgesetzt: Nach heutiger Erkenntnis spricht vieles für eine Herkunft der Xiongnu aus der heutigen Mongolei sowie den angrenzenden Altai- und Sajangebirgen.
Die unterschiedlichen Begriffe Xiongnu und Hunnen werden häufig zur Illustration verschiedener Sachverhalte verwendet:
1.) Die chinesische Bezeichnung "Xiongnu" bezieht sich in der Regel lediglich auf die Gruppen im Reich Mao-tuns und seiner Nachfolger, das im späten 1. Jahrhundert n. Chr. unterging. Nur die Teile der südlichen Xiongnu, die seit etwa 50 n. Chr. in Nordchina ansässig wurden, werden auch nach Mitte des 2. Jahrhunderts in chinesischen Quellen erwähnt.
2.) Die Bezeichnung "Hunnen" hingegen kennzeichnet die Gruppe von (sehr wahrscheinlich zentralasiatischen) Stämmen, die um die Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. nördlich des Kaukasus lebten und schließlich 375/376 nach Westen vorstießen, was die sogenannte Völkerwanderung auslöste.
Während im frühen 4. Jahrhundert die südlichen Xiongnu unter Liu Cong in China agierten, verschwinden die nördlichen Xiongnu bereits Mitte des 2. Jahrhunderts aus den Quellen. Auf ebendiese nördliche Gruppe beziehen sich sämtliche Spekulationen hinsichtlich der Herkunft der "europäischen Hunnen". Die neuere Forschung hebt hervor, dass es keine Beweise für eine Verbindung zwischen den Xiongnu und den in spätantiken Quellen als "Hunnen" bezeichneten heterogenen Gruppen im Westen gibt, insbesondere da in Zentralasien zu diesem Zeitpunkt noch andere Gruppen auftraten, darunter die iranischen Hunnen.
Dieses historische Dokument erweist sich nicht nur als aufschlussreich hinsichtlich der Informationen über die Situation der verlassenen Ehefrau Miwnay in Dunhuang, sondern beleuchtet auch die Gefahren des Reisens entlang der Seidenstraße sowie die mangelnde zuverlässige Kommunikation zwischen den Daheimgebliebenen und den Auswanderern.
Die fünf nahezu vollständigen Briefe, die Sir Aurel Stein fand, besitzen einen unschätzbaren historischen Wert. Sie gewähren uns tiefgehende Einblicke in das alltägliche Leben und die sozialen Netzwerke des antiken Sogdien. Jedes dieser Dokumente fungiert als ein Fenster in die Vergangenheit und ermöglicht es uns, die sozialen Interaktionen und Beziehungen jener Zeit nachzuvollziehen.
Eine wichtige Rolle in Zentralasien, einem Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Schriftsysteme, spielten sogdische Händler, deren Kontakte bis nach China reichten. Erhaltene Briefe sogdischer Händler stellen zudem eine bedeutende Quelle zur Geschichte der Seidenstraße dar. Briefe wurden in dieser Zeit hauptsächlich von Händlern, Beamten, religiösen Würdenträgern sowie lokalen Herrschern verfasst. Die bedeutendsten Gruppen der Verfasser dieser Dokumentenfunde sind oftmals sogdische Händler und Fürsten.
Die Sogdier, aus dem Gebiet des heutigen Usbekistan und Tadschikistan, kontrollierten weite Teile der Seidenstraße. Eine wichtige Quelle stellen die von Sir Aurel Stein 1907 westlich von Dunhuang und östlich von Loulan an der Chinesischen Mauer gefundenen sogdischen Briefe dar. Diese antiken Briefe wurden von Henning in das 4. Jahrhundert n. Chr. datiert. In diesen spätantiken, von Privatpersonen verfassten Texten finden sich wichtige Hinweise zur Wirtschaft entlang der Seidenstraße, in der die Sogdier eine wichtige Rolle spielten, sowie zu politischen Ereignissen (so der Einnahme der chinesischen Hauptstadt Luoyang im Jahr 311 n. Chr. durch Liu Cong).
Die Sogdier, ein Volk iranischer Herkunft, spielten zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert n. Chr. eine wichtige Rolle im Handel entlang der Seidenstraße. Von ihrer Heimat in der Region um das heutige Samarkand in Zentralasien (ihr Kerngebiet erstreckte sich über das heutige südliche Usbekistan und westliche Tadschikistan) aus reisten sogdische Kaufleute durch ganz Eurasien.
Chinesische Chroniken vermerkten ihren Geschäftssinn; Mitglieder der in China gegründeten sogdischen Kolonien übernahmen Verwaltungsaufgaben. Die sogdische Sprache war entlang der Handelsrouten weit verbreitet, und Sogdier gehörten zu den Übersetzern buddhistischer Schriften in China. Die Anwesenheit der Sogdier im heutigen Nordpakistan wird durch Inschriften belegt, die in Felsen in den abgelegenen Bergtälern eingemeißelt sind, durch die die Handelswege führten. Archäologen haben in den sogdischen Stadtstaaten Zentralasiens beeindruckende Architektur und Malerei freigelegt, die dazu beitragen, eine blühende kosmopolitische Stadtkultur eines Volkes zu dokumentieren, das selbst nie ein großes Reich geschaffen hat.
Zu den wichtigsten Dokumenten der sogdischen Geschichte zählen diese fünf nahezu vollständige Briefe, die 1907 vom berühmten britischen Archäologen, Indologen und Forschungsreisenden in Südd- und Zentralasien, Sir Marc Aurel Stein (1862-1943) in dem benannten chinesischen Wachturm westlich des Jadetors entdeckt wurden, einem befestigten Außenposten, der die westlichen Zugänge zum Verwaltungs- und Kulturzentrum Dunhuang (am westlichen Ende der heutigen Provinz Gansu) bewachte.
Es scheint wahrscheinlich, dass diese Briefe von einer chinesischen Garnison beschlagnahmt wurden. Zwar gab es erhebliche Kontroversen über die Datierung der Briefe, doch deuten die überzeugendsten Argumente (unterstützt von Prof. Sims-Williams und seinen Kollegen) auf das Jahr 313 /314 n. Chr. hin.
Zwei der Briefe wurden von der bereits benannten in Not geratenen Ehefrau verschickt, die in Dunhuang zurückgelassen worden war (Nr. 1 und 3); die beiden anderen Briefe (Nr. 2 und 5) betreffen die geschäftlichen Aktivitäten der Verfasser. Zwar wurde in Zentralasien später ein ganzes Archiv sogdischer Dokumente aus mehreren Jahrhunderten entdeckt, doch sind diese antiken sogdischen Briefe die frühesten substanziellen Beispiele für die sogdische Schrift und liefern somit äußerst wichtige Informationen über die Frühgeschichte der sogdischen Diaspora entlang des östlichen Endes der Seidenstraße.
Der Verfasser von Brief 2 lebte vermutlich in Jincheng (heute Lanzhou), einer Stadt in Gansu am Eingang zum Hexi-Korridor, dem Durchgang zwischen den südlichen Bergen und den nördlichen Wüsten, der nach Dunhuang führt. Er schrieb an die „Zentrale“ in Samarkand. Der erste Teil des Briefes befasst sich mit der sogdischen Diaspora in China und enthält Informationen über die Zerstörung zweier wichtiger chinesischer Städte durch die Hunnen, nämlich Yeh und die damalige Hauptstadt Luoyang (letzteres geschah im Jahr 311 n. Chr.). Der zweite Teil des Briefes betrifft die Verteilung von Geldern, die der Verfasser offenbar zu Hause hinterlegt hatte.
Der Verfasser von Brief 5 schrieb aus Guzang, dem heutigen Wuwei (das antike Liangzhou (涼州)) nordwestlich von Luoyang im Hexi-Korridor gelegen. Der Adressat des Briefes könnte in Khotan ansässig gewesen sein, einer wichtigen Stadt an der südlichen Seidenstraße, kurz bevor diese das Pamir-Gebirge überquert, um die Oasen von Transoxanien zu erreichen, jener Region zwischen den Flüssen Amu Darya und Syr Darya. Auch dieser Brief bezieht sich auf das Chaos und die schwierigen Bedingungen in China; die Lage des Verfassers hatte sich offenbar noch weiter verschlechtert, als sein Geschäftspartner Ghawtus ihn im Stich ließ. So war der Verfasser gezwungen, von Dunhuang nach Guzang zurückzukehren.
Die Briefe enthalten die Namen verschiedener Produkte: Silber, Leinen und eine Art von Rohgewebe, Moschus (dessen Herkunft aus Tibet stammt), Pfeffer und „Weiß“ (wahrscheinlich Bleiweißpulver, ein wertvolles Gut, das in Kosmetika und Arzneimitteln verwendet wurde). Leider ist die Bedeutung einiger Begriffe für andere Produkte nicht bekannt. Aus den genannten Mengen geht hervor, dass der Handel relativ kleinräumig war und sich, wie zu erwarten, auf Waren mit hohem Wert pro Gewichtseinheit konzentrierte.
Literatur: "The Sogdian Ancient Letters", translated by Prof. Nicholas Sims-Williams, School of Oriental and African Studies, University of London. Introduction by Prof. Daniel C. Waugh, University of Washington, auf depts.washington.edu, abgerufen am 24.03.2026; "Aurel Stein Discovers the Sogdian "Ancient Letters" 313 CE to 314 CE", auf historyofinformation.com, abgerufen am 26.03.2026; "Hidden Treasures of the Silk Road. An exhibition of the Oriental Collection of the Library of the Hungarian Academy of Sciences", auf dunhuang.mtak.hu, abgerufen am 26.03.2026.
Wer waren die Sogdier?
Das "Archiv des Senuthios"
Die Papyrologie beschäftigt sich häufig mit einzelnen Texten, da Papyri aus vielen europäischen Sammlungen in der Regel durch Ankäufe am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts oder durch wenig dokumentierte Ausgrabungen erlangt wurden. Allerdings besteht in bestimmten Fällen die Möglichkeit, Gruppen von Dokumenten, die sich an dieselbe Person oder Personengruppe wenden oder von jemandem verfasst, gesammelt und aufbewahrt wurden, zu rekonstruieren. Solche Gruppen werden von Papyrologen konventionell als Archive bezeichnet. Diese Archive sind nicht mit modernen, vollständigen Konvoluten vergleichbar; sie bestehen vielmehr aus Dokumentengruppen, die zufällig an archäologischen Stätten erhalten geblieben sind, da die Mehrheit der ursprünglich existierenden Texte verloren gegangen ist.
Die Arbeit mit einem Archiv stellt für Papyrologen und Historiker eine vorteilhafte Situation dar. Archive bieten einen Kontext, der bei einzelnen, isolierten Dokumenten oft verloren geht; sie ermöglichen die Rekonstruktion der Beziehungen zwischen den in den Texten genannten Personen und die Klärung unklarer Passagen eines Textes durch Informationen aus den korrespondierenden Dokumenten. Zudem tragen sie zum Verständnis der Verwaltungsprozesse in ihren unterschiedlichen Phasen bei. Es ist mithin möglich, eine Vielzahl an Informationen, die andernfalls isoliert, episodisch, sowie oft unklar oder ungewiss bleiben würden, in einem kohärenten und umfassenden Rahmen zu verbinden.
Aus der Zeit unmittelbar nach der Ankunft der Araber in Ägypten sind drei Archive erhalten geblieben, die die Verwaltung von drei unterschiedlichen Gauen betreffen: Arsinoites, Herakleopolites und Hermopolites. Unter diesen drei Konvoluten ist das Senuthios-Archiv das umfangreichste. Diese Dokumentengruppe stammt wie die beiden anderen zeitgenössischen Archive aus Ankäufen, die Ende des 19. Jahrhunderts auf dem ägyptischen Antiquitätenmarkt getätigt wurden, und ist auf mehrere Sammlungen verteilt: Der größte Teil befindet sich in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, während einige Dutzend Texte in der British Library aufbewahrt werden sowie einzelne Dokumente in anderen europäischen und amerikanischen Sammlungen.
Mit der islamischen Expansion im 8. Jahrhundert gelangten arabische Beamte, Administratoren und Militärs in die Region Transoxanien. Diese verfassten Berichte und Korrespondenzen an die Kalifen in Bagdad oder Damaskus. Ein bedeutender Fundkomplex umfasst arabische Papyri und Pergamente, die sowohl administrative Anweisungen als auch private Schriftwechsel aus dieser Region beinhalten (vgl. Morelli, "Das Archiv des Senuthios", 2022).
Das Senuthios-Archiv stellt das einzige umfassende Konvolut an Originaldokumenten aus den Jahren unmittelbar nach der arabischen Eroberung Ägyptens (639-641 n. Chr.) dar. Diese Texte, welche erst in jüngster Zeit identifiziert wurden, befinden sich überwiegend in der Papyrussammlung zu Wien; kleinere Bestände sind in anderen Sammlungen, unter anderem in der British Library, zu finden.
Obwohl diese Papyri schon vor 1900 in die Sammlungen gelangten, wurden im Laufe von über einem Jahrhundert nur wenige Texte veröffentlicht. Dass sie zu einer einheitlichen Gruppe gehören, wurde nicht erkannt. Erst in den frühen 2000er Jahren wurde das "Senuthios-Archiv" identifiziert und konnte im Rahmen einiger vom Wissenschaftsfond (FWF) geförderten Forschungsprojekte systematisch untersucht werden. Tatsächlich ist das Archiv von grundlegender Bedeutung für das Verständnis des Übergangs vom byzantinischen zum arabischen Ägypten. An diesem historischen Scheidepunkt bricht die alte Einheit der Mittelmeerwelt zusammen und es entsteht jene kulturelle, aber auch politische Teilung zwischen christlicher und islamischer Welt, nördlichem und südlichem Teil des Mittelmeerraumes, die unsere Welt nachhaltig bis heute prägt.
Der besondere Wert des Senuthios-Archives liegt darin, dass es, im Unterschied zu den Erzählungen der mittelalterlichen christlichen und arabischen Geschichtsschreiber eine unparteiische, unverfälschte Quelle zu zeitgenössischen Ereignissen darstellt, die formationen aus erster Hand liefert.
Das Archiv setzt sich hauptsächlich aus der Korrespondenz höherer Beamter des Gaues Hermopolites (in Mittelägypten, etwa 200-300 km südlich des heutigen Kairo) in den 40er Jahren des 7. Jahrhunderts n. Chr. zusammen, insbesondere um das Jahr 643/644 n. Chr. Es beinhaltet Befehle, Anweisungen sowie Bitten und Beschwerden von Privatpersonen, überwiegend von Großgrundbesitzern oder Geistlichen, die an Senuthios, einen Vertreter des Vorsteher des Bezirkes (Pagarchen) für den nördlichen Teil des Gaues Hermopolites oder an andere Behörden gerichtet sind, die mit ihm in Verbindung standen.
Die Themen der Briefe sind eng mit den durch den politischen Umbruch veranlassten Maßnahmen und Neuigkeiten verknüpft: neue Steuern, Requisitionen, Unruhen und Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Eine erste Gruppe von Texten, die sich mit Requisitionen für den Bau der neuen ägyptischen Hauptstadt al-Fustat befasst, wurde im Rahmen eines FWF-finanzierten Vorprojekts im ersten Band zu den Senuthios-Texten veröffentlicht (F. Morelli, Corpus Papyrorum Raineri XXX. L'archivio di Senouthios anystes e testi connessi (I). Lettere e documenti per la costruzione di una capitale, Berlin-New York 2010).
Im Gegensatz zu späteren historiographischen Darstellungen bieten die Texte des Archivs ein nicht ideologisiertes und zuverlässigeres Bild dieses historischen Wendepunktes. Sie ermöglichen eine detaillierte Analyse der Anpassung der spätantiken Verwaltung an die neuen Herrscher sowie der Interaktionen zwischen ägyptischen Christen und arabischen Muslimen. Die Araber erscheinen als eine zurückhaltende, disziplinierte Gruppe, die den direkten Kontakt mit der Bevölkerung vermeidet und primär mit den höheren Ebenen der ehemaligen byzantinischen Administration kommuniziert. Anstelle von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Besatzungsarmee und der einheimischen Bevölkerung fallen eher die Willkür und Überlegenheit der unteren lokalen Beamten auf. Viele Beschwerden, Anfragen und Befehle zeugen von Schwierigkeiten, die jedoch meist zwischen Einheimischen entstanden und aus den noch nicht ausreichend geregelten Neuerungen resultierten.
Das Archiv besteht neben Verwaltungs- und Steuerrechnungen im Wesentlichen aus dem Briefwechsel zwischen hohen Beamten und anderen Persönlichkeiten aus dem Bezirk Hermopolites, etwa 300 km südlich der ägyptischen Hauptstadt al-Fustāt, der Vorläuferin des heutigen Kairo. Was diese Texten als Besonderheit auszeichnet, ist ihre Datierung: Sie wurden unmittelbar nach Abschluss der Eroberung (642 n. Chr.) geschrieben. Nur wenige der Archivtexte enthalten chronologische Hinweise. Diese wenigen Dokumente führen allerdings übereinstimmend zu einem sehr kurzen Zeitraum und scheinen nur wenige Monate ein und desselben Jahres abzudecken.
In zahlreichen Texten wird Senuthios angewiesen, zugunsten von Personen einzugreifen, die ihre Bitten an den Pagarchen gerichtet hatten. Senuthios soll sich darum kümmern und die Dinge erledigen. Andere Bittsteller wenden sich direkt an ihn. Wiederholt geht es um Angelegenheiten sehr ähnlicher Art. Von einem werden Requisitionen (das Ersuchen um Amts- oder Rechtshilfe) verlangt, von denen er meint – aus welchem Grund ist nicht ersichtlich –, eine Befreiung beanspruchen zu können (Kat.-Nr. 49). Dem anderen war der Bruder festgenommen worden, um als Arbeiter nach Babylon geschickt zu werden (Kat.-Nr. 52). In vielen Fällen sind es Großgrundbesitzer, die sich an den Pagarchen wenden, um die Freilassung von Personen in ihren Diensten zu erbitten (Kat.-Nr. 51; CPR XXX 18; CPR XXX 24; CPR XXX 26; Kat.-Nr. 50).
Es sei darauf hingewiesen, dass sich diese Beschwerden nicht gegen die Araber an sich richten, sondern gegen die lokalen Verwalter, die beim Eintreiben der arabischen Forderungen oft willkürlich oder nach eigenem Gutdünken vorgingen und vielfach in benachbarte Verwaltungsbezirke eingriffen, die nicht in ihre Zuständigkeit fielen.
Das Projekt „Das Senuthios Archiv, Ägypten und die Araber: Neue Texte“ beabsichtigt, als Fortsetzung des vorhergehenden Senuthios-Projektes, die Publikation (Transkription, Übersetzung, Einleitung und Kommentar) sowie die historische Auswertung dieser bedeutenden Dokumentation weiterzuführen.
Literatur: Morelli, Federico. "Das Archiv des Senuthios: Verwaltungsdokumente aus den ersten Jahren der arabischen Herrschaft". In Bernhard Palme (ed.) Halbmond über dem Nil. Wie aus dem byzantinischen das arabische Ägypten wurde. Wien: Phoibos Verlag, 2022, pp. 47-54, 123-174.
Der Freilassungsbefehl aus dem "Senuthios Archiv" - Kat.-Nr. 50
Kat.-Nr. 50: Freilassungsbefehl (s.Abb.)
P. Vindob. G 30056– Griechisch– Hermopolites, ca. 643/4 n. Chr.– Papyrus, 12,2×17,5 cm. Literatur: SB XVI 12944– P.Sijp. 24b– CPR XXX 27.
"Die Araber benötigten regelmäßig Arbeitskräfte für verschiedene Bauarbeiten, in den ersten Jahren nach der Eroberung insbesondere für den Bau der neuen ägyptischen Hauptstadt al-Fustāt. Diejenigen, die konnten, versuchten, diesen Zwangsarbeitsleistungen zu entkommen, indem sie auf die Intervention einflussreicher Personen innerhalb oder außerhalb der Verwaltung zurückgriffen. Im vorliegenden Fall muss ein Rechtsanwalt namens Kolluthos bei der Zentralverwaltung des Hermopolites für die Freilassung eines bei ihm beschäftigten Winzers eingeschritten sein. Das hier vorgestellte Dokument ist eine Anordnung, in der Taurinos, ein hochrangiger Amtsträger des Pagarchen-Büros in Hermupolis, den Senuthios beauftragt, die Freilassung des Winzers zu veranlassen." (Federico Morelli)
Anmerkung der Redaktion Museo-on: Die wesentliche Aufgabe des Pagarchen bestand in der Organisation der Steuererhebung. Später übernahm der Pagarch auch militärische Funktionen.
Literatur: Morelli, Federico. "Das Archiv des Senuthios: Verwaltungsdokumente aus den ersten Jahren der arabischen Herrschaft". In Bernhard Palme (ed.) Halbmond über dem Nil. Wie aus dem byzantinischen das arabische Ägypten wurde. Wien: Phoibos Verlag, 2022, pp. 47-54, 123-174.

Der Standort, an dem das heutige Kairo erbaut ist, war stets ein essenzieller Knotenpunkt von strategischer Relevanz. An dieser Stelle teilt sich der Nil in mehrere Arme, während sich das Niltal zum ägyptischen Delta hin öffnet. Historisch gesehen begann hier ein schiffbarer Kanal in Richtung Rotem Meer, der über die Jahrhunderte hinweg mehrmals versandete und mehrfach reaktiviert wurde.
Im Zuge der arabischen Eroberung Ägyptens befand sich an dieser Grenze zwischen Ober- und Unterägypten die bedeutsame Festungsstadt Babylon, die nicht nur eine bedeutende Militärgarnison beherbergte, sondern auch von koptischen und jüdischen Gemeinschaften bewohnt war. In Babylon stießen die arabischen Streitkräfte auf erheblichen Widerstand, was sie zwang, nördlich der Festung ein großes Militärlager einzurichten und die Stadt über einen längeren Zeitraum zu belagern.
Nach der Übergabe der Stadt und dem Abschluss der Eroberung im Jahr 642 n. Chr. wurde dieses Militärlager in eine Stadt umgewandelt, die zur neuen Hauptstadt Ägyptens, al-Fustāt, wurde.
Erst im 10. Jahrhundert, nach der Zerstörung al-Fustāts durch einen Brand, erfolgte die Gründung der heutigen Hauptstadt Kairo, nördlich davon.
Die Papyri des Senuthios-Archivs aus den Jahren unmittelbar nach der Eroberung dokumentieren wiederholt Requirierungen von Arbeitskräften und Baumaterialien, die, wie einige Dokumente belegen, insbesondere nach Babylon für den Bau der neuen Hauptstadt geleitet werden sollten. Unter diesen Texten weist Kat.-Nr. 58: Baumaterialien für die neue arabische Hauptstadt Ägyptens, al-Fustāt. (Kat.-Nr. 58: Baumaterialien für die neue arabische Hauptstadt Ägyptens, al-Fust.a¯ t. (o. Abb.) P.Vindob. G 19992 – Griechisch – Hermopolites, ca. 643/4 n. Chr. – Papyrus, 35 × 124 cm. Literatur: CPR XXX 1.) die größte Ausführlichkeit auf:
eine umfassende Liste von Baustoffen – Ziegel, Kalk und Pferdemist –, die systematisch aus den Dörfern und Weilern des Hermopolites geliefert wurden. In der letzten Spalte des Papyrus enthält ein Schreiben des Pagarchen Athanasios Anweisungen zum Verladen der erforderlichen Materialien auf die Schiffe, die sie auf dem Nil transportieren sollten.
Bemerkenswert ist in diesem Dokument auch der Einsatz zweier unterschiedlicher Schriften: eine kleinere, sachlich und ruhig wirkende Schrift für den buchhalterischen Teil und eine schnellere, kursive Schrift für den Briefteil. Trotz des auffälligen grafischen Unterschieds ist es durchaus vorstellbar, dass beide Teile von derselben Person verfasst wurden. Die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten basierend auf dem Charakter des Inhalts ist in Dokumenten dieser Epoche nicht unüblich.
Literatur: Morelli, Federico. "Das Archiv des Senuthios: Verwaltungsdokumente aus den ersten Jahren der arabischen Herrschaft". In Bernhard Palme (ed.) Halbmond über dem Nil. Wie aus dem byzantinischen das arabische Ägypten wurde. Wien: Phoibos Verlag, 2022, pp. 47-54, 123-174.
Die Turfan Funde
Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. florierte das Reich der Uiguren (heutiges Xinjiang, China), ein muslimisches Turkvolk, das vorwiegend im Nordwesten Chinas in der autonomen Region Xinjiang (Ostturkestan) beheimatet ist.
Das Uigurische Kaganat (745–840 n. Chr.) war ein mächtiges Steppenreich im nordöstlichen Zentralasien. Es fungierte als zentralasiatisches Großreich der Reiternomaden und prägte die Geschichte der Region maßgeblich, bevor es durch innere Konflikte und Angriffe der Kirgisen zerfiel. Das Reich entstand 745 n. Chr. als Nachfolgestaat des zweiten Türk-Kaganats. Es wurde von einer Föderation aus neun türkischen Stämmen gegründet und entwickelte sich zum größten Staatsgebilde Zentralasiens. Das Zentrum bildete die befestigte Stadt Kara-Balgasun (auch Ordo-balyk) im Orchon-Tal in der heutigen Mongolei. Kulturell bedeutend war unter anderem der Übertritt weiter Teile der uigurischen Bevölkerung zum Manichäismus. Das Reich der Uiguren spielte vom 8. bis ins 15. Jahrhundert eine herausragende Rolle in Innerasien. Nach dem Untergang ihres Steppenreiches im Jahr 840 n. Chr. wanderten viele Uiguren in Richtung des Tarimbeckens (im heutigen Nordwesten Chinas) ab, wo sie neue Staaten gründeten und sich dauerhaft niederließen.
In den Oasenstädten der Seidenstraße, wie beispielsweise Turfan, wurden zahlreiche uigurische Briefe aus dem 9. Jahrhundert entdeckt (sog. "Turfan Funde"). Die Verfasser waren manichäische oder buddhistische Mönche sowie uigurische Adelige, Aristokraten und Manichäer, die sich über religiöse Stiftungen oder familiäre Angelegenheiten austauschten.
1877 führte der deutsche Geograf und Expeditionsreisende Baron Ferdinand von Richthofen (1833-1905) den Begriff "Seidenstraßen" ein, um die historischen Handelsrouten und Kommunikationsnetze zu beschreiben, die China über Zentral- und Westasien mit dem Mittelmeerraum verknüpfen.
Diese Routen beginnen in Ch’ang-an (heute Xi'an) und verlaufen durch die Wüste Gobi nach Dunhuang, wo sie sich in eine nördliche und eine südliche Route durch die Taklamakan-Wüste aufteilen. Beide Wege treffen in Kashgar wieder zusammen und führen über den Großen Pamir durch das ehemalige sowjetische Zentralasien, Persien und Iran bis zum Mittelmeer.
Ostturkistan ist gekennzeichnet durch die Taklamakan- und Gobi-Wüsten sowie die imposanten Gebirgsketten des Pamir, Tianshan, Kunlun und Karakoram, die den Zugang zu der Region erheblich erschweren. Dennoch stellen diese Gebirgen eine essenzielle Lebensader für die Wüstenlandschaften und Handelsrouten dar; das Schmelzwasser aus den Bergen fließt durch unterirdische Kanäle in die angrenzenden Oasenstädte und ermöglicht unter anderem den Anbau von Wein und Melonen.
Bereits zwei Monate nach dem 13. Orientalistenkongress bricht die erste deutsche Expedition unter der Leitung des deutschen Indologen, Tibetologen und Archäologen Albert Grünwedel (1856-1935), der zwei der vier deutschen Turfunexpeditionen organisierte und von 1904 bis 1921 Direktor der Indischen Abteilung des Museums für Völkerkunde in Berlin war, nach Turkestan auf. Ihr Ziel ist die Oasenstadt Turfan an der nördlichen Seidenstraße sowie weitere westlich gelegene Stätten, was zur Etablierung des Begriffs "Turfanexpeditionen" für diese und die darauffolgenden drei Forschungsreisen führt.
Die Region Turfan war zuvor bereits grob von dem russischen Wissenschaftler Dmitri Alexandrowitsch Klementz (1847 - 1914) erkundet worden, der die ersten archäologischen Ausgrabungen an der nördlichen Seidenstraße durchführte.
Dmitri Alexandrowitsch Klementz war ein russischer Zentralasienforscher, Anthropologe, Archäologe und Direktor der Ethnographischen Sektion am Russischen Museum des Zaren Alexander III., dem heutigen Museum für Anthropologie und Ethnographie (Kunstkamera) in St. Petersburg. Aufgrund seiner Berichte und des Informationsaustauschs vermuten die deutschen Forscher über 130 buddhistische Höhlentempel und bedeutende Funde. Grünwedel äußert bereits 1899 erste Überlegungen hierzu, wie aus seinen Aktennotizen hervorgeht.
Das wechselnd zusammengesetzte Team besteht aus Grünwedel, August Albert von Le Coq (auch: Albrecht von Le Coq, 1860-1930), einem deutschen Archäologen, Orientalisten und Zentralasien-Forscher, sowie dem Allroundtalent Theodor Bartus (1858-1941), ein deutscher Seemann, Museumstechniker und Konservator, der als einziger Teilnehmer alle vier Turfanexpeditionen des Berliner Museums für Völkerkunde begleitete. August Albert von Le Coq leitete zwei der deutschen Turfanexpeditionen (1904–05 und 1913–14). Von 1923 bis 1925 war er Direktor der Indischen Abteilung des Museums für Völkerkunde in Berlin. Georg Huth (1867 -1906). Der deutsche Mongolist, Sinologe, Indologe und Tibetologe Georg Huth (1867 -1906) verstarb nach der ersten Expedition während eines angegliederten Forschungsaufenthalts im Pamir, vermutlich aufgrund der entbehrungsreichen Bedingungen in Berlin.
Nach einer dreimonatigen Reise über Russland erreicht das Team Anfang Dezember Turfan und beginnt seine fünfmonatigen Ausgrabungen in Khocho, Sängim und Murtuk. Grünwedel dokumentiert gewissenhaft die Ruinenstätten, fertigt Fotografien an, erstellt detaillierte Pläne und verzeichnet einen Großteil der Funde. Diese bestehen vorwiegend aus teilweise illuminierten Manuskripten und Handschriften in verschiedenen Sprachen und Schriften (s. Abb.), Statuen aus Lehm, Holz oder Metall, Tempelbannern, farbigen Wandmalereien und Kultgeräten.
Die imposanten buddhistischen Höhlenklöster in Kizil, von den Anwohnern auch als "1000 Zellen" bezeichnet, bestehen aus in den Felsen gehauenen Meditation-, Kult- und Versammlungsräumen sowie Wohnräumen für die Mönche. Diese sind reich verziert und mit figürlichem Schmuck ausgestattet.
Oft benennen die Forscher die Höhlen nach markanten Darstellungen in der Ausschmückung, wie beispielsweise die "Schwertträgerhöhle", die nach dem gezeigten Motiv bezeichnet wird.
Die wissenschaftliche Veröffentlichung dieser Arbeit bildet die Grundlage für die finanzielle und ideelle Unterstützung der Expeditionen durch die deutsche Sektion der "Internationalen Gesellschaft zur Erforschung Zentralasiens". Als Sponsoren treten Krupp sowie zahlreiche Privatpersonen auf; ab der zweiten Expedition wird auch der Kaiser zum Unterstützer, was zur Bezeichnung "Königlich-Preußische Turfanexpeditionen" führt.
Die Funde sind beeindruckend, wie eine Übersicht der Reiseverläufe und Teilnehmer der vier Expeditionen zeigt. Während einige Grabungstage äußerst erfolgreich sind, gibt es auch Tage ohne nennenswerte Funde.
Le Coq berichtet von zwei einheimischen Frauen, die er während einer erfolgreichen Schatzsuche beobachtet und die ihm schließlich die besten Stücke verkaufen. Ab 1902 sind nun archäologische Expeditionen verschiedener Nationen gleichzeitig auf der Suche nach buddhistischen Schätzen aktiv, was zu einer intensiven Konkurrenz führt. Ein Vorfall ist überliefert, bei dem es zu einem ungewollten Zusammenstoß zwischen deutschen und russischen Forschern an einem begehrten Ausgrabungsort kam, der durch Streitigkeiten und Gewaltandrohungen seitens der Russen eskalierte und die Deutschen schließlich zur Aufgabe der Stätte zwang.
Zudem sorgen natürliche klimatische Veränderungen, Naturkatastrophen und das unüberlegte Verhalten der ansässigen Bauern für Verluste. Auch der Ikonoklasmus unter der muslimischen Bevölkerung führte zu erheblichen Zerstörungen an Kunstwerken.
Le Coq äußert sich zu diesen Herausforderungen folgendermaßen:
"Unsere Expeditionen sind zu spät nach Chotscho gelangt; wären sie früher angekommen, so hätten sicherlich mehr dieser bemerkenswerten sassanidisch-hellenistischen Malereien geborgen werden können. Auch von der für die Religions- und Sprachgeschichte ebenso bedeutsamen Literatur der Religionsgemeinschaft wäre weit mehr gerettet worden: Ein Bauer berichtete mir, dass er fünf Jahre vor dem Erscheinen der ersten Expedition in einem der zur Feldbearbeitung niedergelegten Tempel fünf große Wagen voll der von uns gesuchten Manuskripte mit der 'kleinen Schrift', namentlich der manichäischen, gefunden hatte. Viele davon waren mit Bildern und in Farben sowie Gold verziert. Er fürchtete jedoch den unheiligen Charakter der Schriften und dass die Chinesen den Fund als Vorwand für Erpressungen nutzen könnten, und warf kurzerhand die gesamte Bibliothek in den Fluss!"
Literatur: Höfer, Regina, Museum für Asiatische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin. "Die „Turfan-Expeditionen“: Buddhistische Oasen an den Seidenstraßen und ihre Entdecker. Die Entdeckung des Fremden: Sammlungsgeschichte(n) außereuropäischer Kulturen in den Berliner Museen des 19. Jahrhunderts", auf edoc.hu-berlin.de, abgerufen am 16.06.2026.

Die Dunhuang-Manuskripte
Während des 8. und 9. Jahrhunderts kontrollierte das Tibetische Kaiserreich große Teile des Tarim-Beckens. In der bekannten „Bibliothekshöhle“ von Dunhuang wurden Tausende Dokumente (sog. "Dunhuang-Manuskripte") aufgefunden, darunter auch zahlreiche tibetische Briefe. Diese Briefe stammten von tibetischen Militärgouverneuren und Zivilbeamten, die Berichte nach Lhasa sandten oder lokale Angelegenheiten regelten. Lhasa (tib. Wylie lha sa, auch Lasa; chinesisch 拉薩 / 拉萨, Pinyin Lāsà) ist die Hauptstadt des Autonomen Gebiets Tibet der Volksrepublik China. Sie liegt in einem Hochgebirgstal und wurde bei einem Tempel begründet. Noch heute hat sie große religiöse Bedeutung und beherbergt viele Mönche. Eine wichtige Sehenswürdigkeit ist der Potala-Palast (der ehemalige Palast des Dalai Lama). Die Gründungsgeschichte geht vermutlich auf das Jahr 653 zurück, als der Jokhang-Tempel errichtet wurde.
Die Dunhuang-Manuskripte bilden eine umfangreiche und vielfältige Sammlung religiöser und weltlicher Texte; sie bestehen hauptsächlich aus handschriftlichen Dokumenten auf Materialien wie Hanf, Seide und Papier sowie einigen im Holztafeldruckverfahren hergestellten Stücken. Die in verschiedenen Sprachen – darunter Chinesisch und Tibetisch – verfassten Manuskripte wurden im Jahr 1900 von dem wandernden daoistischen Mönch Wang Yuanlu in den Mogao-Grotten bei Sachu (nahe Dunhuang in der chinesischen Provinz Gansu) entdeckt. Nachdem er die Kontrolle über die Grotten übernommen hatte, verkaufte Wang die Manuskripte für eine bescheidene Summe an Aurel Stein und Paul Pelliot. Da sie sich des philologischen Werts der Dunhuang-Manuskripte bewusst waren, erwarben Stein und Pelliot diese von Wang und brachten sie von China nach Europa. Mogao-Grotte von Dunhuang Wandmalerei in einer Mogao-Grotte, die Musiker darstellt Der Großteil der Manuskripte stammt aus einem Dokumentenfund, der zwischen dem späten 4. und dem frühen 11. Jahrhundert entstand. Diese Dokumente wurden irgendwann im frühen 11. Jahrhundert in der heute als „Bibliotheksgrotte“ (Grotte 17) bekannten Höhle versiegelt. Der Ort Sachu (das heutige Dunhuang) war in diesem Zeitraum ein bedeutendes regionales Zentrum der Manuskriptproduktion; zudem diente er im 8. und 9. Jahrhundert – als das Gebiet unter tibetischer Herrschaft stand und Teil des Netzwerks der Seidenstraße war – als offizielle Druckerei.

Neben der berühmten „Bibliothekshöhle“ wurden in mehreren anderen Höhlen des Komplexes sowohl Manuskripte als auch gedruckte Texte entdeckt. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass der Forscher Paul Eugène Pelliot (1878 – 1945) eine beträchtliche Menge an Dokumenten aus den Höhlen 464 und 465 im nördlichen Abschnitt der Mogao-Grotten sichern konnte. Der französischer Sinologe und Orientalist Paul Eugène Pelliot ist vor allem für seine Erkundungen Zentralasiens und der Regionen entlang der Seidenstraße sowie für die Erwerbung zahlreicher bedeutender Manuskripte aus der Zeit des Tibetischen Reiches und chinesischer Texte – der sogenannten Dunhuang-Manuskripte – aus den Höhlen des Druckzentrums Sachu (Dunhuang) bekannt.
Diese Dokumente, überwiegend aus der Yuan-Dynastie (1271–1368 n. Chr.), datieren mehrere Jahrhunderte nach der Versiegelung der Bibliothekshöhle. Sie sind in unterschiedlichen Sprachen verfasst, darunter Tibetisch, Chinesisch und Altuigurisch. Die Dunhuang-Dokumente umfassen ein breites Spektrum an Arbeiten in den Bereichen Geschichte, Medizin und Mathematik und beinhalten zudem Volkslieder sowie Beschreibungen von Tänzen (s. Abb.). Ferner sind in der Sammlung zahlreiche religiöse Schriften enthalten, vorwiegend buddhistischer Natur, jedoch auch Texte anderer Glaubensrichtungen und philosophischer Strömungen wie Daoismus, Konfuzianismus, nestorianisches Christentum, Judentum und Manichäismus.
Diese Manuskripte stellen eine fundamentale Basis für die wissenschaftliche Forschung in verschiedenen Disziplinen dar, einschließlich Geschichte, Medizin, Religionswissenschaft, Linguistik und Handschriftenkunde. Der überwiegende Teil der von Pelliot beschafften Manuskripte, die heute in der Sammlung der Bibliothèque nationale de France aufbewahrt werden, ist in chinesischer (3.000 Texte) und tibetischer Sprache (4.000 Texte) verfasst. Zu den weiteren in den Manuskripten enthaltenen Sprachen zählen unter anderem Khotan-Sakisch, Kucheanisch, Sanskrit, Sogdisch, Altuigurisch, Prakrit, Hebräisch und Alttürkisch.
Literatur: Galambos, Imre (2015). Translating Chinese Tradition and Teaching Tangut Culture: Manuscripts and Printed Books from Khara-Khoto. Berlin: DeGruter, 2015, pp. 50–51; Lo, Vivienne, Cullen, Christopher, eds. (2005). Medieval Chinese medicine: the Dunhuang medical manuscripts. Needham Research Institute series. Londo und New York:RoutledgeCurzon, 2005; Ponampon, P. K. (2019). Dunhuang Manuscript S.2585: a Textual and Interdisciplinary Study on Early Medieval Chinese Buddhist Meditative Techniques and Visionary Experiences. https://doi.org/10.17863/CAM.31982; International Dunhuang Program, Pelliot Collection, https://idp.bl.uk/pelliot-collection/; Jacques Gernet, Jaques. (31 May 1996). A History of Chinese Civilization.Cambridge:Cambridge University Press, 1996.
Die Ghuriden-Dynastie

Ghiyāth al-Dīn Muḥammad (circa 1140 – 1203) und sein Bruder Muʿizz al-Dīn Muḥammad von Ghūr (Ghūrī; circa 1144 – 1206) waren bedeutende Herrscher der Ghuriden-Dynastie, die ein Gebiet kontrollierten, welches heute Afghanistan, Pakistan und Nordindien umfasst. Die militärischen Aktionen von Muʿizz al-Dīn Muḥammad vr führten zum Tod von mindestens 100.000 Hindus, während zahlreiche hinduistische Frauen und Kinder in islamische Regionen verkauft wurden. Der opportunistische Tadschike Muḥammad Ghūrī erbte die Herrschaft von seinem Bruder Ghiyāth al-Dīn Muḥammad (circa 1140 – 1203) und transformierte den relativ kleinen Staat Ghor (Ghūr) in ein weitreichendes Imperium. Zunächst absorbierte er das Territorium der Ghaznawiden und eroberte anschließend durch militärische Operationen den Norden Indiens sowie Bengalen. Im Jahr 1173 wurde Muḥammad zum Gouverneur von Ghazna ernannt, ein Amt, das ihm von seinem Bruder übertragen worden war, und führte weiterhin Angriffe auf die östlichen Regionen der Ghaznawiden durch. Im Jahre 1186 eroberte er Lahore und beendete damit die Herrschaft der Ghaznawiden-Dynastie. Nach einer vorläufigen Niederlage im Jahr 1191 in der ersten Schlacht von Taraori, die ihm von Prithivîrâja Châhumâna III., dem Rajput-Raja, der zu diesem Zeitpunkt Delhi und Ajmer regierte, zugefügt wurde, zogen sich seine Truppen aufgrund der Unfähigkeit der indischen Krieger, die Besiegten zu verfolgen, in ihre Stützpunkte zurück. In der Folge bereitete er sich ein volles Jahr auf einen erneuten Feldzug vor.
1192 trat er wieder in den Krieg und besiegte in der zweiten Schlacht von Taraori mit seinen 120.000 türkischen, persischen und afghanischen Soldaten, die über eine mächtige Kavallerie und erfahrene Bogenschützen mit Kompositbögen verfügten, die Armee von 300.000 Indern unter Prithivîrâja Châhumâna III und ließ den Rajput auf demselben Schlachtfeld hinrichten. Dadurch wurde Muḥammad Ghūrī der erste muslimische Eroberer Delhis und etablierte eine islamische Herrschaft in Indien, ohne jedoch persönlich dorthin zu reisen. Er ernannte seinen General Quṭb al-Dīn Aybak, der später die lokale Mamluk-Dynastie gründete, zum Gouverneur von Delhi, während ein anderer General, Muḥammad ibn Bakhtiyār, den Ganges überquerte, Varanasi einnahm, hinduistische Tempel zerstörte und die männliche Bevölkerung ausrottete, während er Frauen und Kinder in die Sklaverei deportierte. Anschließend führte Muḥammad Ghūrī einen Überfall auf Bihar durch, wo er ein großes Massaker an buddhistischen Mönchen in Nālandā und an der Zivilbevölkerung verübte, was dem indischen Buddhismus erheblichen Schaden zufügte. Letztlich eroberte er Bengalen, wo er jedoch auf erheblichen Widerstand stieß. Im Jahr 1206 begab sich Muḥammad Ghūrī nach Lahore, um eine Revolte niederzuschlagen; auf dem Rückweg nach Ghazna, wo er residierte, wurde er in Damik ermordet, möglicherweise von einem nizaritischen Ismailiten oder einem Ghakkar-Krieger aus der Umgebung. Muḥammad Ghūrī hinterließ keine Erben, jedoch behandelte er seine Sklaven wie Söhne und bildete eine beträchtliche Anzahl türkischer Sklaven in militärischen Künsten sowie in der Verwaltung seiner Gebiete aus. Einer dieser Sklaven, Quṭb al-Dīn Aybak, erlangte Unabhängigkeit und gründete nach dem Tod Muḥammads von Ghūr ein Sultanat, das die Mamluk-Dynastie von Delhi einleitete.
Afghanistan: Knotenpunkt bedeutender Handelswege
Afghanistan, an der Schnittstelle wichtiger Handelsrouten gelegen, erlebte über Jahrhunderte hinweg Eroberungen und Migrationen verschiedene Völker.Im 13. Jahrhundert wurde Afghanistan stark durch die Mongoleninvasion unter Dschingis Khan geprägt, die die bestehenden Dynastien zerstörte und tiefgreifende politische sowie kulturelle Veränderungen nach sich zog. Das 13. Jahrhundert war durch Zerstörung und Neuorganisation geprägt. Die Mongoleninvasion unter Dschingis Khan führte zur Auslöschung vieler lokaler Herrscherhäuser, zerstörte Städte und kulturelle Zentren und führte gleichzeitig zu neuen Verwaltungssystemen. Religion, Handel und kulturelle Strukturen erfuhren Beeinflussung, während die Bevölkerung mit sozialen Umwälzungen und den Wirkungen militärischer Konflikte umgehen musste. Somit stellte diese Zeit einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte Afghanistans dar und legte die Grundlagen für die politischen Veränderungen in den folgenden Jahrhunderten. Wichtige Regionen wie Herat, Balkh, Bamiyan, Ghazni und Kandahar wurden von verschiedenen muslimischen Herrschern kontrolliert, die häufig dem islamischen Kalifat tributpflichtig waren. Die Seldschuken und Ghuriden hatten bis zum frühen 13. Jahrhundert Einfluss auf die Region, wobei die Ghuriden von der Mitte bis zum frühen 13. Jahrhundert einen mächtigen Staat im östlichen Afghanistan begründeten.
Im Jahr 1219 begann die Mongoleninvasion unter Dschingis Khan, die weite Teile Zentralasiens, einschließlich Afghanistans, erfasste. Die Mongolen zerstörten zahlreiche wichtige Städte wie Herat, Balkh, Bamiyan, Ghazni, Laschkari-i-Bazar, Qala-i-Bost und Merw und verursachten damit einen massiven Bruch der bestehenden Verwaltung und der traditionellen Machtstrukturen. Balkh avancierte bald zu einem wichtigen Zentrum der mongolischen Administration, da die Mongolen bestrebt waren, Handel und Steuereinnahmen zu sichern. Sie führten neue Verwaltungssysteme, Besteuerungsmethoden und Sicherheitsmechanismen ein, welche teilweise eine wirtschaftliche Erholung nach den Verwüstungen ermöglichten. Die lokale Herrschaft wurde zugunsten von mongolischen Administratoren teilweise reorganisiert, wobei der Islam weiterhin als dominierende Religion galt. Viele lokale Dynastien mussten sich den neuen Machthabern unterwerfen oder wurden vernichtet.
Trotz der Zerstörung kultureller Zentren führte die mongolische Herrschaft im Laufe des 13. Jahrhunderts zu einer Vermischung kultureller Einflüsse. Afghanistan blieb ein zentraler Knotenpunkt auf den Handelsrouten, was den Austausch von Waren und Wissen zwischen Ost und West begünstigte. Kunst, Literatur und Architektur erlebten Veränderungen durch den Einfluss mongolischer und islamischer Traditionen, was auch den Weg für spätere Dynastien wie die Timuriden ebnete. Die Ära der Mongolen und Osmanen, welche das 13. bis 15. Jahrhundert umfasste, stellte einen von entscheidender Bedeutung gekennzeichneten Zeitraum in der Geschichte Afghanistans dar. Diese Zeit war geprägt von tiefgreifenden politischen, kulturellen und sozialen Veränderungen, die erheblichen Einfluss auf die Region und ihre Bewohner hatten. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts begannen unter der Führung von Dschingis Khan die Mongolen ihre Eroberungen, die letztendlich den größten Teil Zentralasiens, einschließlich des heutigen Afghanistans, umfassten. Im Jahr 1219, nach katastrophalen Angriffen auf Chorasan, drang die mongolische Armee in Afghanistan ein und hinterließ Zerstörung. Afghanistan war für die Mongolen strategisch wichtig als Transitpunkt auf dem Weg nach Indien und zu anderen Teilen ihres Reiches. Die Stadt Balkh entwickelte sich zu einem zentralen Verwaltungsstandort der Mongolen. Diese legten großen Wert auf die Verwaltung und Sicherung der Handelsrouten, was zur Wiederbelebung des Handels nach den verheerenden Konflikten beitrug. Trotz der brutalen Eroberungen brachten die mongolischen Herrschaftsstrukturen auch einige positive Veränderungen mit sich. Anstelle der zerstörten Städte entstanden neue Verwaltungssysteme, die zur effizienteren Verwaltung beitragen. Die Mongolen führten ihre Methoden der Besteuerung und Verwaltung ein, was zu einer gewissen wirtschaftlichen Erholung in der Region führte. Während dieser Zeit wurde der Islam zur dominierenden Religion, und viele lokale Herrscher führten den Islam als Staatsreligion ein.
Die Macht der Mongolen war nicht nur militärischer Art. Sie förderten den Austausch von Wissen und kulturellen Einflüssen, die aus dem Westen über die Seidenstraße kamen. Lokale Kulturen und Traditionen existierten weiter und entwickelten sich, jedoch führte der Einfluss der Mongolen und ihrer Administratoren zu Veränderungen in den sozialen und kulturellen Strukturen. An der Schnittstelle verschiedener Kulturen entstanden neue künstlerische Stile, Literatur und Philosophie. Insbesondere die islamische Architektur begann, Einflüsse mongolischer Stile zu erlangen, was zur Entstehung einzigartiger Gebäude führte. Im 14. Jahrhundert befand sich das Gebiet des heutigen Afghanistan in einer Phase tiefgreifender politischer Umwälzungen, die stark von den Folgen der Mongoleninvasion und der sich formierenden Timuriden-Dynastie geprägt waren. Nach den Eroberungen von Dschingis Khan und seinen Nachfolgern im 13. Jahrhundert war Afghanistan Teil des Mongolischen Reiches. Die mongolische Expansion im 13. Jahrhundert und die Konsolidierung der mongolischen Herrschaft über Iran, Irak und große Teile Anatoliens unter der Ilkhane-Dynastie (1256–1335) markieren einen signifikanten Wendepunkt in der Geschichte des islamischen Orients, da für mehrere Jahrzehnte vormals islamische Gebiete unter die Herrschaft nichtmuslimischer Machthaber gerieten. Mit der Eroberung Bagdads setzten die Mongolen unter Hülegü dem Bagdader Abbasidenkalifat (750–1258) ein Ende. Ab circa 1256 bis zu Beginn des 14. Jahrhunderts fiel die Region unter die Kontrolle der Ilchaniden, einer mongolischen Dynastie, die Persien und angrenzende Gebiete verwaltete. In dieser Phase war Afghanistan weitgehend dezentralisiert. Wichtige Städte wie Herat, Balkh, Ghazni und Kandahar standen unter der Kontrolle lokaler Gouverneure oder regionaler Fürsten, die nominell dem Ilkhanat verpflichtet waren, jedoch de facto häufig autonom agierten. Die Infrastruktur und städtischen Strukturen litten weiterhin unter den Zerstörungen, während der Handel über die Seidenstraße teilweise wieder auflebte.
Der politische Einfluss des Ilkhanats begann gegen Ende des 14. Jahrhunderts zu schwinden. Im späten 14. Jahrhundert rückte Timur (Tamerlan, 1370–1405), ein turko-mongolischer Feldherr aus Transoxanien, in die Region vor. Ab 1369 initiierte er Feldzüge, die Afghanistan in das Timuridenreich integrierten. Timur nutzte Afghanistan sowohl militärisch als auch kulturell als Übergangszone für seine Kampagnen in Persien, Indien und Zentralasien. Die Städte Herat und Balkh erhielten strategische Bedeutung als Verwaltungs- und Militärstützpunkte. Als Nachkomme von Dschingis Khan strebte er danach, die Größe des mongolischen Reiches wiederherzustellen. Im Jahr 1370 gründete Timur die Dynastie der Timuriden und erklärte sich selbst zum Sultan. Seine Herrschaft umfasste bedeutende Territorien, einschließlich eines Teils des modernen Afghanistans. Eine kulturelle und städtische Wiederbelebung ereignete sich unter den Timuriden, die eine Phase der Förderung von Kunst, Architektur und Wissenschaft einleitete. Herat entwickelte sich zu einem Zentrum der persischen Kultur und der Timuriden-Architektur, wobei zahlreiche Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen gegründet wurden. Der Islam, seit den arabischen Eroberungen im 7. bis 10. Jahrhundert etabliert, dominierte die Region. Die Timuriden selbst förderten den schiitisch geprägten persischen Kulturraum, während viele ethnische Gruppen weiterhin ihre eigenen religiösen Praktiken pflegten. Afghanistan lag an wichtigen Handelsrouten, darunter der Seidenstraße. Städte wie Herat und Balkh fungierten als Handelszentren, in denen Waren aus Indien, Persien und Zentralasien umgeschlagen wurden. Die Bevölkerung war ethnisch vielfältig und setzte sich aus türkischen, iranischen und lokalen afghanischen Stämmen zusammen, von denen einige eigene Herrschaftsansprüche erhoben.
Literatur: Davis, Paul K. "Second Battle of Taraori". In The Hundred Battles That Changed History. The Faces of History, Newton: Compton Editori, 2017; Torri, Michelguglielmo. Geschichte Indiens. Rom-Bari: Laterza, 2007, S. 186.
Die Dynastie der Mongolen
Nach den Feldzügen gegen die Tanguten und das chinesische Chin-Reich wandte sich Dschingis Khan, ursprünglich Temüdschin oder Temüüdschin (ca. 1155, 1162 oder 1167-1227), im Jahr 1218 in westliche Richtung und eroberte das Reich der Kara-Kitai, gefolgt von Bukhara, Samarkand, Balch und Chorasan. Im Jahr 1223 besiegten die mongolischen Streitkräfte ein vereinigtes Heer von Kumanen und Russen an der Kalka und erreichten den Dnepr. Im Todesjahr Dschingis Khans, 1227, hatte sich das mongolische Steppenimperium zu einem globalen Reich unvorstellbaren Ausmaßes entwickelt, das unter der Leitung von Dschingis Khans Sohn und Nachfolger Ögedei Qaghan konsolidiert und weiter expandiert wurde.
Bereits seit 1204 verfügten die Mongolen über ein eigenes Schriftsystem, das auf Geheiß Dschingis Khans, aus der uigurischen Schrift entwickelt wurde. Die früheste Dokumentation dieser Schrift ist der Gedenkstein für Dschingis Khans Enkel, Yisüngge, der um 1227 errichtet wurde. In dieser Schrift sind die überwiegende Mehrheit der religiösen sowie säkularen Texte der Mongolen verfasst.
Ein unschätzbarer Informationsbestand über Kultur, Religion und Sozialstruktur der Mongolen wird durch das früheste Werk der mongolischen Literaturgeschichte, "Die Geheime Geschichte der Mongolen", bereitgestellt, welches in weiten Teilen bereits 1228 verfasst wurde und um 1240/41 seine finale Redaktion erfuhr (vgl. Rachewiltz 2004). Neben diesem episch-historiographischen Werk verfügen wir über verschiedene mongolische Inschriften, Erlassschreiben sowie Sendschreiben der Herrscher an ihre Untertanen in einer Vielzahl von Sprachen, nicht nur in Mongolisch, sondern auch in Arabisch, Persisch, Chinesisch, Tibetisch und weiteren Sprachen.
Darüber hinaus liefern die Reiseberichte europäischer Gesandter an die Höfe der Qane, insbesondere die „Ystoria Mongalorum“ verfasst in den 1240ern von Johannes de Plano Carpini (ca. 1185-1252), einem italienischen Franziskaner, der vor allem durch seine Reise in die Mongolei Bekanntheit erlangte (vgl. Plano Carpini 1997) sowie das "Itinerarium" von Wilhelm von Rubruk ( 1215/ 1220-ca. 1270) einem Franziskaner und Forschungsreisender, der als einer der ersten Europäer die Kultur der Mongolen studierte sowie die Aufzeichnungen persischer Historiker (vgl. Lech 1968; Rašīd ad-Dīn 1946-1960), wertvolle Einblicke. Neben den lateinischen und vorderorientalischen Quellen liegen auch altrussische Dokumente (vgl. Dietze 1971) vor, die die ersten Mongoleneinfälle in Russland sowie die Verhältnisse des Teilreichs der Goldenen Horde beschreiben.
In ihrer Darstellung zur Religionspolitik der Mongolenherrscher hat sich Karénina Kollmar-Paulenz neben den mongolischen und tibetischen Quellen auch auf lateinische und altrussische Berichte gestützt.
„Ein Reich kann vom Rücken der Pferde aus erobert werden, jedoch nicht verwaltet”, ist eine bekannte Mahnung des Ministers Ye-lü Ch’u-ts’ai an Ögedei Qaghan, die prägnant die strukturellen Herausforderungen erfasst, vor denen das mongolische Weltreich stand. Ögedei Qaghan setzte daraufhin fundierte administrative Maßnahmen in die Tat um, um das Reich zu konsolidieren.
Literatur: Kollmar-Paulenz, Karénina."Religiöser Pluralismus im mongolischen Weltreich: Die Religionspolitik der Mongolenherrscher". In Religiöser Pluralismus, Empirische Studien und analytische Perspektiven, 2005, pp.69-92, auf researchgate.net, abgerufen am 23.03.2026.
"Die Geheime Geschichte der Mongolen" 1240/41
In der „Geheimen Geschichte“ vermerkt der mongolische Herrscher vier bedeutende Errungenschaften seiner Regentschaft:
Die erste betrifft einen Feldzug gegen die Nordchinesen, der hier nicht weiter betrachtet wird.
Er hebt jedoch seine zweite Maßnahme hervor: „Ich ließ Poststationen errichten, damit unsere Boten in Eile den gesamten Weg zurücklegen konnten; zu diesem Zweck stellte ich den Poststationen alle erforderlichen Ressourcen zur Verfügung.“
In Bezug auf seine dritte Tat vermerkt er, dass er Brunnen an wasserarmen Orten graben ließ, um Wasser bereitzustellen und so die Bevölkerung mit Wasser und Weideland zu versorgen.
Ferner ließ er Wachposten und Truppen in den Städten stationieren, sodass den Menschen ein friedliches und sicheres Leben ermöglicht wurde, während sie sich ausruhen und ihren Lebensunterhalt frei gestalten konnten.
Das bereits unter der Herrschaft von Dschingis Khan, etablierte Post- und Kurierwesen (mong. jam), das von Ögedei Qaghan erweitert wurde, führte dazu, dass das mongolische Imperium über ein Kommunikations- und Verkehrsnetz verfügte, das bis dahin beispiellos war. Darüber hinaus stellte Ögedei Qaghan sicher, dass seine Untertanen über ausreichende Nahrungsmittel verfügten und die innere Sicherheit des Reiches gewährleistet war. Dschingis Khan und, in seinem Gefolge, Ögedei Qaghan etablierten durch eine Rechtsprechung, die strenge Strafen für Verstöße gegen allgemein verbindliche soziale Normen vorsah, eine zuvor unbekannte innere Sicherheit im mongolischen Reich. Die Bestrebungen der mongolischen Herrscher, ihre Macht auch intern zu konsolidieren, waren nicht lediglich politisch motiviert, sondern entsprangen auch einem religiös fundierten Konzept der Herrschaft. Die Gesetzgebung von Ögedei Qaghan basierte auf den älteren Gesetzen seines Vaters Dschingis Khan, dem berühmten Jasaq, der normative Anordnungen und Vorschriften umfasste, die Verwaltung, militärische Organisation, Gerichtsbarkeit sowie die Verteilung von Kriegsbeute regelten. Der Jasaq erlangte im gesamten mongolischen Reich normative Verbindlichkeit und stellte einen verbindlichen Kodex dar, dem uneingeschränkt Folge zu leisten war.
Literatur: Kollmar-Paulenz, Karénina."Religiöser Pluralismus im mongolischen Weltreich: Die Religionspolitik der Mongolenherrscher". In Religiöser Pluralismus, Empirische Studien und analytische Perspektiven, 2005, pp.69-92, auf researchgate.net, abgerufen am 23.03.2026.
Gesetzgebung und Administration
Die Gesetzgebung des Ögedei Qaghans basierte auf dem älteren Rechtssystem seines Vaters, Dschingis Khan, insbesondere dem bedeutenden Jasaq. Dieser Kodex enthielt normative Anordnungen und Vorschriften, die sich auf wesentliche Regierungsbelange, militärische Administration, Gerichtsbarkeit sowie die Verteilung der Beute nach Kriegszügen bezogen. Der Jasaq erlangte im gesamten Mongolischen Reich normative Verbindlichkeit und stellte einen verbindlichen Kodex dar, dem strikte Folge zu leisten war. In der Tradition erließ Dschingis Khan, den Jasaq, um die vom Himmel legitimierte innere Ordnung durchzusetzen und die Legitimität seiner Herrschaft dauerhaft zu bestätigen.
Dieser erste mongolische "evolving corpus of laws" wurde seitens des Herrschers nach seiner Wahl zum Qan auf dem Quriltai von 1206 etabliert und fand mit dessen Tod im Jahr 1227 seinen Abschluss. Es wird angenommen, dass der Jasaq 1229 anlässlich der Thronbesteigung des Ögedei Qaghans feierlich verkündet und anschließend in Uigurischer Schrift dokumentiert wurde. Diese Gesetze wurden in geheimen Archiven aufbewahrt und waren ausschließlich den ältesten Mitgliedern des Herrscherhauses, der Chinggisiden-Dynastie, zugänglich. Eine schriftliche Überlieferung existiert nicht; unser Wissen über den Jasaq beruht vor allem auf fragmentarischen Informationen, insbesondere aus persischen und arabischen Quellen, die ihn ausführlich zitieren. Besonders der persische Historiker Rasid ad-Dīn haben wir unsere Kenntnisse über diese früheste mongolische Gesetzgebung zu verdanken.
Der Jasaq des Dschingis Khan stellte ein zentrales Instrument zur Etablierung und Aufrechterhaltung der inneren Ordnung des Reiches dar und war somit essenziell für die Legitimation seiner Herrschaft. Die "Kraft des Ewigen Himmels", die dem Herrscher zuwuchs, manifestierte sich in seiner Staatsführung. Es oblag ihm, seinen Untertanen Frieden (mong. amughulang/amur), Ruhe (mong. nuta) und Ordnung (mong. kilbaramur) zu gewährleisten. Eine umfassende innere Ordnung signalisierte, dass die Herrschaft des Qans vom Himmel legitimiert und damit letztlich als "gottgewollt" angesehen werden konnte. Nur unter diesen Umständen war die Loyalität seiner Untertanen sicher, da das mongolische Herrschaftsprinzip von Dynamik geprägt war. Die Gefolgsleute eines Qans waren lediglich so lange durch einen absoluten Treueid gebunden, wie sein ihm vom Himmel verliehenes Charisma und seine "Heiligkeit" durch militärische Erfolge und die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung fortwährend bestätigt wurden.
Der Herrscher hatte darüber hinaus die Verpflichtung, für das materielle Wohl seiner Untertanen zu sorgen. Versäumte er es, seinen Pflichten gegenüber seinen Gefolgsleuten nachzukommen, konnten sich diese an ihren Treueid nicht mehr gebunden fühlen. Aus diesem Grund waren die mongolischen Herrscher bestrebt, die materielle Sicherheit ihrer Untertanen zu gewährleisten. Rasid ad-Dīn berichtet, dass Dschingis Khan während seines Feldzugs gegen den Choresm-Schah eine Umlage im Heer erhob, um die in Not geratenen Stämme und Gefolgsleute in der Mongolei zu unterstützen. Ögedei Qaghan führte eine Viehsteuer zugunsten der Armen und Bedürftigen im Reich ein. Darüber hinaus lag es in seiner Verantwortung, den Untertanen ausreichende Weideplätze und Wasser bereitzustellen, eine Aufgabe, die in einer nomadischen Gesellschaft stets eine potenzielle Quelle für Konflikte darstellte. Neben der Gesetzgebung wies das Kanzleiwesen im Mongolischen Reich ein hohes Maß an Verbindlichkeit auf, wie zahlreich durch Herrscherurkunden in mongolischer sowie in chinesischer, türkischer, persischer, tibetischer und altrussischer Sprache dokumentiert. Ögedei nutzte im Herbst 1231 die administrativen Kenntnisse der ihm unterworfenen Völker geschickt zur Einrichtung seiner ersten Staatskanzlei. Im Jahr 1234 erließ er eine Reihe von Zivil- und Militärgesetze, die im gesamten Reich Gültigkeit hatten. Bereits 1229/30 wurde ein einheitliches Steuersystem im Mongolischen Reich etabliert, und zur Festlegung von Steuer- und Tributabgaben ließ Ögedei 1235 den ersten Zensus in den mongolischen Gebieten Nordchinas durchführen.
Das Poststafettsystem - ein weitreichendes Kommunikationsnetzwerk
Dschingis Khan wird als Pionier der frühesten Kommunikationsnetze der Menschheit angesehen, da er ein ausgeklügeltes Relay-System mit berittenen Kurieren etablierte. Dieses Netzwerk, das der effizienten Übermittlung von Informationen und Erkenntnissen über das ausgedehnte Mongolische Reich diente, wurde von Zelme, einem der vier Generäle Dschingis Khans, geleitet. Das mongolische Postrelais-System stellte das zentrale Element einer vernetzten Welt dar und legte bereits Jahrhunderte vor der Entstehung des modernen Internets die Grundlage für die globale Kommunikation. Es überbrückte geografische Barrieren und förderte den kulturellen Austausch, wodurch das Mongolische Reich zur ersten globalen Gemeinschaft wurde.
Kuriere, die das Pferde-Relay-System in Anspruch nahmen, konnten täglich Hunderte von Meilen zurücklegen und ritten im Falle dringender Angelegenheiten Tag und Nacht, wechselten dabei lediglich die Pferde, während sie selbst bis zur nächsten Poststation weiter ritten. In Kriegszeiten überbrachten die Kuriere mit bemerkenswerter Effizienz die Dekrete des Khans sowie militärische Informationen. Die Washington Post berichtete, dass Dschingis Khan bereits 700 Jahre vor der Entwicklung des vernetzten Netzwerks effektiv ein globales Kommunikationssystem etabliert hatte. Aus diesem Grund wird er häufig als der eigentliche Begründer dessen betrachtet, was heute als Internet bekannt ist.
Unter der Herrschaft von Ögödei-Khan wurde später ein einheitliches staatliches Poststationssystem implementiert, das die vorher bestehende Methode „uurgiin ulaa“ (eine Formel zur Beschaffung von Pferden und anderen notwendigen Gütern von Anwohnern entlang der Routen) ablöste. Dies stellte eine erhebliche Reform in den Wirtschafts- und Kommunikationsbereichen des Landes dar. Zunächst wurden 37 zentrale Poststationen eingerichtet, an denen jede Einheit, die als Mingghan (eine Gruppe von 1.000 Soldaten) definiert war, dazu verpflichtet wurde, eine festgelegte Anzahl an Pferden, Rindern, Wägen und Lebensmitteln bereitzustellen. Zwischen 1232 und 1233 erließ Ögödei Khan mehrere Erlassregelungen zur Optimierung des Poststationssystems. Das System bestand aus drei Kategorien von Poststationen, basierend auf ihrer Größe: groß, mittel und klein; sowie sieben Typen nach ihrer Funktion: Land-, Wasser-, Pferde-, Rinder-, Wagen-, Hunde- und Fußpoststationen. In Bezug auf die geographische Reichweite erstreckte sich dieses umfassende Netzwerk nicht nur über die Mongolei, sondern auch über weite Teile des Mongolischen Reiches, wobei zahlreiche Relaisstationen im Gebiet Chinas eingerichtet wurden. Wie zuvor festgelegt, wurden separate Abschnitte des Relay-Systems in den Regionen des Chagatai-Khanats und der Goldenen Horde eingerichtet.
Berichten zufolge waren während der Regierungszeit von Ögödei Khaan etwa 1.500 Relaisstationen in Betrieb. Das Hauptziel des Postrelaisnetzes bestand darin, die unterworfenen Staaten zu vereinen und unter Kontrolle zu halten sowie diese mit Karakorum, der Hauptstadt des Mongolischen Reiches, zu verbinden. Laut dem Erlass des Khans war es Gesandten untersagt, ohne offizielle Beglaubigungsschreiben den Postdienst in Anspruch zu nehmen.
Im Laufe der Jahre trug das mongolische Postrelaisnetz entscheidend dazu bei, regionale und intellektuelle Grenzen zwischen den Völkern des Ostens und Westens aufzulösen, und es förderte die Entwicklung einer einheitlichen Zivilisation. Es erleichterte den Austausch von Gesandten und Botschaftern und ermöglichte es Menschen unterschiedlicher Kulturen, die einzigartigen Bräuche und Traditionen des jeweils anderen kennenzulernen. Darüber hinaus ermöglichte das System den Menschen, die Geschichte nicht nur durch ihre eigene, sondern auch durch die Perspektiven anderer festzuhalten. Dank des Relais-Systems erreichten namhafte westliche Botschafter, Reisende und Händler wie Giovanni del Plano Carpini, Wilhelm von Rubruck, Marco Polo, Ata-Malik Juvayni und der chinesische taoistische Mönch Ch’ang-ch’un mongolisches Gebiet. Sie dokumentierten ihre Beobachtungen über die mongolische Lebensweise und verfassten Reiseberichte sowie historische Chroniken, die unschätzbare Informationen darüber liefern, wie diese Epoche aus externen Blickwinkeln wahrgenommen wurde. Insbesondere Giovanni del Plano Carpini, der seinen Ausgangspunkt in Kiew hatte, ritt auf seiner Reise von Europa in die Mongolei auf mongolischen Pferden. Er brach am 8. April von einer Poststation am Ufer der Wolga auf und erreichte am 22. Juli den Hof von Guyuk Khaan in der Nähe von Karakorum, wobei er fast 3.000 Meilen oder rund 4.800 Kilometer zurücklegte. Ögödei Khan initiierte den Ausbau des Poststafettsystems, um dessen Formalisierung im Rahmen des Khurultai (der Generalversammlung des mongolischen Adels) und im Rat der Gerichte zu beraten. Die Einführung des Poststafettensystems wird, wie in der "Geheimen Geschichte der Mongolen" erwähnt, als eine der vier herausragenden Taten in Erinnerung behalten, die Ögödei Khan nach der Herrschaft seines Vaters vollbrachte.
Literatur: "Das Post-Relay-System: Ein Kommunikationsnetzwerk"; auf chinggiskhaanaward.org, abgerufen am 23.03.2016.
Religioser Pluralismus
Die Vielzahl der unterworfenen Völkerschaften im mongolischen Weltreich brachte eine enorme religiöse Vielfalt mit sich. Im mongolischen Reich lebten christliche Nestorianer, Katholiken und orthodoxe Christen, Muslime, buddhistische Uiguren,Tanguten und Tibeter, Manichäer, Zoroastrier, Juden, Anhänger der Lehre des Konfuzius und andere mehr.
Die Religionspolitik im Mongolischen Reich, das eine Vielzahl von religiösen Traditionen umfasste, spielte eine entscheidende Rolle für die innere Stabilität. Bereits in den Fragmenten des Jasaq, die von persischen und arabischen Historikern überliefert wurden, lassen sich Richtlinien zur Handhabung der Religionsvielfalt im Mongolischen Reich erkennen. Im elften Fragment des Jasaq, welches vom ägyptischen Historiker Taqî ad-Dîn Ahmad al-Maqrîzî (15. Jahrhundert) dokumentiert wurde, heißt es: „Alle Bekenntnisse sollen gleichermassen geehrt werden, da sie Mittel sind, Gott zu gefallen.“ Der arabische Geschichtsschreiber Al-Umarî (1301-1349) hebt in seinem umfangreichen Werk, der "Masalik al-absar wa l-mamalik al-amsar", das dem Mongolischen Weltreich gewidmet ist, hervor, dass der Großkhan „als Ungläubiger die vielen muslimischen Gemeinden (umam) unter seinem Volk achtet und respektiert“ (Lech 1968: 113).
Dies wirft die Frage auf, ob die religiöse Pluralität im Mongolischen Reich nicht lediglich ein gesellschaftliches Faktum war, sondern ob sie von den Herrschern absichtlich gefördert wurde und ob diese Pluralität im öffentlichen Diskurs, der von den mongolischen Herrschern inszeniert wurde, Bestätigung fand.
Antworten auf diese Fragen liefern die Erlassdokumente zur Steuerbefreiung für den Klerus der verschiedenen Religionen, die in einer Vielzahl von Sprachen aus dem 13. und 14. Jahrhundert überliefert sind. Diese Erlassregelungen umfassten alle im Mongolischen Reich präsenten Religionen, darunter Nestorianer, Muslime, Buddhisten, Daoisten und orthodoxe Christen. Legendär ist der Erlass, der Dschingis Khan zufolge 1223 für den Patriarchen und Abt Ch’ang-ch’un Qiu Chuji (1148-1227) des daoistischen Klosters Hao-t’ein verfasst wurde, nachdem dieser in die Mongolei eingeladen worden war, um dem Herrscher angeblich das Geheimnis der Unsterblichkeit zu offenbaren. Das Treffen zwischen dem Abt und dem Herrscher verdeutlicht zudem einen weiteren Aspekt der mongolischen Religionspolitik – die öffentlich inszenierte Diskussion über religiöse Fragen, die von den mongolischen Herrschern aktiv gefördert wurde.
Der zuvor zitierten Anweisung zur religiösen Toleranz im Jasaq von Dschingis Khan , wie sie von Maqrîzî überliefert ist, liegt eine Anordnung zur Steuerbefreiung des Klerus zugrunde: „Von Steuern und Abgaben sollen befreit sein: alle Nachkommen Alis, des Sohnes Abu-Talebs, sowie alle Fakire, Leser des Korans, Rechtskundige, Ärzte, Gelehrte, Mönche und Einsiedler, Muezzine und Leichenwäscher.“ (Alinge 1934: 119). Während Maqrîzî nicht den genauen Wortlaut solcher Erlassdokumente angibt, liefern die tibetischen Quellen präzisere Informationen. In den "Sa skya pa’i gdung rabs", einer 1629 verfassten Biografienschrift über die Äbte des Klosters von Sakya, finden sich zwei Erlassdokumente des Qubilai Qaghan aus den Jahren 1254 und 1264 im Wortlaut. Das Kloster Sakya (tib.: sa skya dgon pa oder sa skya gdan sa, dt. ‚Kloster auf dem Ort Hellgraue Erde‘) in der heutigen Stadt Xigazê, Autonomes Gebiet Tibet, Volksrepublik China, auf einer Höhe von 4280 m gelen, ist ein bedeutendes Kloster des Tibetischen Buddhismus. Es ist das Stamm- und Hauptkloster der gleichnamigen Sakya-Schule und bildete in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts das politische Zentrum Tibets.
Ein Auszug aus dem Erlass (tib. ja samu tig ma) von 1264 an die tibetische Geistlichkeit lautet: „Die Mönchsgemeinde, die den [buddhistischen] Verhaltensregeln entspricht, soll von den Truppenführern und Soldaten sowie den kaiserlichen Boten nicht als zu beaufsichtigende Gruppe behandelt werden. Ihnen sind Kriegsdienst, Steuern und andere Verpflichtungen nicht aufzuerlegen, sodass sie weiterhin in Übereinstimmung mit den Verhaltensregeln des Pfades des S’akyamuni leben können, den Himmel ehren und mein Wohlwollen erbitten.“ (Schuh 1977: 123).
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Religionspolitik der mongolischen Herrscher maßgeblich zur Stabilisierung des Mongolischen Weltreiches beitrug. Die unterworfenen Völker waren berechtigt, ihren religiösen Traditionen zu folgen und ihre eigenen Bräuche beizubehalten. Religiöse Institutionen sowie einige spirituelle Praktizierende, etwa buddhistische Wanderweisen oder muslimische Derwische, waren von Kriegsdienst, Steuern und Abgaben befreit. Es bestand die grundsätzlich Möglichkeit, die eigene Religion durch Missionierung zu verbreiten. Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften nahmen aktiv am öffentlichen Diskurs teil, der sich mit dogmatischen Fragestellungen auseinandersetzte. Dieser Diskurs wurde von den Herrschern insbesondere durch die Einrichtung sogenannter „Religionsgespräche“ gefördert, die in lateinischen, chinesischen und tibetischen Quellen dokumentiert sind. Er stellte jedoch keinen religiösen Legitimationsgrund für die Pluralität der Religionen dar und hatte seine Grenzen dort, wo er die Herrschaft legitimierende Funktion der mongolischen religiösen Weltanschauungen in Frage stellte. Mongolischen religiösen Normen wurde dabei eine übergeordnete Normativität und Autorität zugesprochen. So war die Verehrung des Dschingis Khan als Ahnengottheit im gesamten Reich gesetzlich verankert, und die religiösen Spezialisten der jeweiligen Glaubensrichtungen waren verpflichtet, ihre Dienste im Interesse der Herrscherfamilie durch die notwendigen Gebete und Opfer an den „ewigen blauen Himmel“ und zum Wohlergehen des Herrscherhauses zu leisten.
Um es juristisch zu formulieren: Mongolisches Recht überwältigte lokale Rechtsgewohnheiten und war stets übergeordnet. Obwohl die von den mongolischen Herrschern befürwortete Religionspluralität nicht die Partizipation der Religionen an machtpolitischen Diskursen implizierte (diese war allein jenen vorbehalten, für die die mongolischen religiösen Weltanschauungen verbindliche Normen darstellten), trugen die einheitlichen Rechtsnormen im Reich, die die Gleichbehandlung aller Untertanen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit vorschrieben, sowie die hohe Normativität des mongolischen Gewohnheitsrechts (mong. yosun) maßgeblich zu einer enormen politischen Sicherheit in einer von Kriegen, Hungersnöten und anderen Katastrophen geprägten Zeit bei. Von einer derart stabilen Situation und der Gleichbehandlung der verschiedenen Religionen in der Rechtsprechung und im Alltag, die im Mongolischen Weltreich als Norm galt, konnten die religiösen Minderheiten in mittelalterlichem christlichem Europa nur träumen.
Mit all diesen Maßnahmen wurden unter Ögedei Qaghan die Grundlagen für die relative politische Stabilität des Riesenimperiums gefestigt und ausgebaut. Damit wurde zugleich der Weg für transkontinentale Kultur- und Handelsbeziehungen zwischen Europa und Asien geebnet und eine Pax Mongolica etabliert, die erst nach dem Zusammenbruch der mongolischen Yuan-Dynastie 1368 wieder zum Erliegen kam.
Literatur: Karénina Kollmar-Paulenz: Religiöser Pluralismus im Mongolischen Weltreich: Die Religionspolitik der Mongolenherrscher. In: Religiöser Pluralismus, Empirische Studien und analytische Perspektiven (S. 69-92) auf researchgate.net.
Judaeo-Persische Schriften aus der Vormongolischen Zeit
Die Persisch-Hebräischen Inschriften aus Afghanistan (1012-1220 n. Chr.)
Dieses Projekt widmet sich einer eingehenden Analyse eines Korpus von insgesamt 91 datierten und undatierten persisch-hebräischen Grabinschriften, datiert auf den Zeitraum von 1012 bis 1220 CE, die auf dem jüdischen Friedhof am Kūh-i Kushkak entdeckt wurden. Dieser historisch bedeutende mittelalterliche Friedhof befindet sich am südlichen Rand von Djām, nahe dem UNESCO-Weltkulturerbe Minarett von Djām, das während der Ghūrid-Dynastie (1148–1215 CE) erbaut wurde.
Der mittelalterliche jüdische Friedhof stellt ein bedeutendes Zeugnis der vielschichtigen historischen und kulturellen Einflüsse dar, die entlang der Seidenstraße durch Asien wirkten. Gelegen am östlichen Rand des islamischen Einflussbereichs, besitzt diese Region eine lange Geschichte, die bis ins 2. Jahrhundert BC zurückreicht, als sie während der Han-Dynastie (ca. 206 BC – 220 CE) für China von Bedeutung war und bis zur mongolischen Invasion (1194–1220 CE) reicht.
Die islamische Expansion und die Bekehrung der lokalen Bevölkerung in der Provinz Ghūr in Zentralafghanistan erstreckten sich über einen erheblichen Zeitraum. Bis zum Ende des 10. Jahrhunderts galt dieses Gebiet als die größte heidnische Enklave innerhalb der Grenzen des Islam. Eine weitere prägende Kraft im 13. Jahrhundert war die mongolische Invasion, durch die die gesamte Region Zentralasiens unter mongolische Herrschaft fiel. Die Mehrheit der in diesem Projekt untersuchten persisch- hebräischen Inschriften aus Zentralafghanistan lässt sich auf die Zeit der iranisch-islamischen Ghūrid-Dynastie im 12. und 13. Jahrhundert datieren, die zu ihrer Blütezeit weite Teile des heutigen Iran, Afghanistans, Pakistans sowie die nordwestlichen Ausläufer Chinas umfasste. Das Ghūriden-Reich hatte seine Zentren in bedeutenden urbanen Zentren wie Harāt, Ghazni und Lahore, wobei der jüdische Friedhof in der Nähe der früheren Hauptstadt Fīrūzkūh entdeckt wurde.
Die Grabinschriften, die auf diesem Friedhof gefunden wurden, bieten wertvolle Informationen und neue Perspektiven zu den historischen Umständen der jüdischen Gemeinschaften, die in dieser Region existierten. Obwohl der Schwerpunkt nicht auf linguistischen Aspekten der epigraphischen Studien liegt, stellen die judeo-persischen Inschriften in hebräischer Schrift aus der islamischen Zeit unersetzliche Belege für die Entwicklung der frühen neupersischen Sprache dar, da sie Beispiele der Sprache bieten, die von den Juden sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen des historischen Persiens gesprochen wurde.
Die Judeo-Persischen Inschriften vom Kuh-i Kushkak
ופאת עדן ... im Andenken an "den greisen Vater, den Lehrer und Vorbeter Jakob ha-Levi ...
ופאת עדן - wafat 'eden - "das Hinscheiden nach Eden" lauten die ersten beiden Worte dieser sechs Zeilen umfassenden persisch-hebräischen Inschrift aus dem jahr 1187 CE im Andenken an "den greisen Vater, den Lehrer und Vorbeter Jakob ha-Levi, Sohn des Simha Duhuli " eingraviert auf einem Epitaph in Form eines Rollkiesels aus Afghanistan (s. Abb.), die 1962 auf einem abfallenden Höhenrücken des Berges Küh-i Küshkak- in der Mitte der dem Lauf des Jam Rud folgenden, etwa 4,5 km langen Strecke zwischen dem Dorf Jam (auch Djam) und dem Minarett von Jam gelegen- von dem Architekten Andrea Bruno während der Italian Archaeological Mission in Afghanistan gemeinsam mit einem Einheimischen, südlich der Grabungsstelle Jam entdeckt und erstmals von Gherardo Gnoli veröffentlicht wurde.

Die vorliegende persisch-hebräischen Inschrift aus dem jahr 1187 CE im Andenken an "den greisen Vater, den Lehrer und Vorbeter Jakob ha-Levi, Sohn des Simha Duhuli " gehört zu jenem Corpus von insgesamt 91 datierten (1012-1220 CE) und undatierbaren Inschriften aus Afghanistan, die in der Zeit von 1946 bis 1999 erfasst, bisher jedoch nur zum Teil systematisch dokumentiert und veröffentlicht wurden. Davon wurden 85 Inschriften allein durch den Theologen, Orientalisten und Afrikanisten Eugen Ludwig Rapp in den Jahren 1965 bis 1973 der epigraphischen Forschung zugänglich gemacht.
Die Region Ghür wurde erst im 11. Jahrhundert islamisiert und unterstand seit 1010 CE den Ghaznawiden, einer muslimischen Dynastie, deren Herrschaft im östlichen Iran mit der Machtübernahme Sebüktegins, eines eng vertrauten, persönlichen Sklaven Alptegins, des Oberbefehlshabers der türkischen Generäle am Hof der Samaniden, im Jahre 977 CE begann und nach einer zweiunddreißig Jahre währenden Regentschaft seines Sohnes Mahmud (998-1030 CE) mit dem letzten Ghaznawidenherrscher Khusraw Malik (1160-1186 CE) zu Ende ging. Das Zentrum ihres sich im Westen bis Rayy und Gebal" und im Osten bis zum Oxus und Nordwestindien erstreckenden Reiches war die Stadt Ghazna. Anfang des 11. Jh. wurden die Ghuriden, eine muslimische Dynastie aus dem Haus der Shansabäni und ehemals samanidische Statthalter, ghaznawidische Statthalter in Ghazna. Nachdem sie die Ghaznawiden unter 'Ala' al-Din Husain (Gahan-Suz, "World Incendiary") 1150 CE besiegt hatten und ihren Machteinfluss erfolgreich gegen die türkische Fürstendynastie der Seldschuken verteidigen konnten, herrschten die Ghuriden unter Ghiyat al-Din Muhammad b. Sam und Muhzz al-Din Muhammad b. Sam zwischen 1149 und 1206 CE in der Region Ghür.
„Die türkische und, in weitaus geringerem Maße, die mongolische militärische Expansion südlich des Oxus in das heutige Afghanistan und Nordindien sollte ebenfalls nachhaltige politische Auswirkungen auf diese Regionen haben. Die Etablierung der Ghaznawiden-Sultanen, die ursprünglich türkischer Sklavenherkunft waren, im Osten Afghanistans war der Auslöser für mehrere Jahrhunderte der Expansion türkischer und afghanischer Macht, angelockt von den Reichtümern der nordindischen Ebenen. [...]. Die durch die Wanderungen der türkischen Völker hervorgerufenen Veränderungen wurden durch die mongolischen Invasionen des 13. Jahrhunderts beschleunigt, die unmittelbare und verheerende Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Organisation der von ihnen überrannten Gebiete hatten [...].“ (Übersetzung des Autors, vgl. Asimov & Bosworth (Hrsg.), History of Civilizations of Central Asia, Band IV/I, S. 177–1899)
Die Verbreitung des Islams und die Bekehrung der Bevölkerung Ghürs vollzogen sich nur sehr langsam. Gegen Ende des 10. Jh. waren die Ghuriden zum überwiegenden Teil noch „heidnisch" geprägt. Der Geograph al-Istahri schildert diese Region als die grösste pagane Enklave innerhalb der Grenzen des islamischen Reiches. Möglicherweise führten von Khorasan ausgehende missionarische Aktivitäten während des 10. und 11. Jh. auch in der Region Ghur zur Erstarkung der Karamiyya Bewegung, einer vorwiegend in Nishapur stark vertretenen, pietistisch-asketischen Form des sunnitischen Islams.
Die Karramiyya war in dieser Region über Jahrzehnte äußerst einflussreich. Der streng asketisch-pietistische Zug in Ibn Karrams Lehre und Praxis war darauf gerichtet, Anhänger für sich zu gewinnen. Anfänglich wurden die Anhänger dieser Glaubensrichtung in Khorasan von Sebüktegin und seinem Sohn Mahmud von Ghazna gefördert. Die Beziehungen zu Ghazna, Herat und anderen Zentren muslimischer Kultur brachten einen Wandel im religiösen Charakter Ghurs und seiner angrenzenden Gebiete mit sich und im Verlauf des 12. Jh. wandten sich die Shansabanis zusehends vom Patronat der Karramiyya ab. Es kam zu Auseinandersetzungen unter den Anführern der Sekte, die als Opposition zu Fahr al-Din al-Râzi (1149-1209 CE) eine beträchtliche Anhängerschaft in Ghur gewannen. Ghiyâth al-Din führte die safi 'itische Rechtsschule ein, während Mui 'zz al-Din sich der hanafitischen Rechtsschule zuwandte. Die sozio-kulturellen Verhältnisse in Ghur wurden zwar durch zahlreiche religiöse, geistige und philosophische Strömungen, darunter durch die islamischen Rechtsschulen von Nisapur und den Sufismus, dazu durch andere in Zentralasien verbreitete Glaubensrichtungen wie Manichäismus, Zoroastrismus oder christliche, insbesondere nestorianische und jüdische Lehren geprägt; dennoch ist diese Region erst zu Beginn des 11. Jahrhundert islamisiert worden, und ihre Bevölkerung galt bis weit ins 10. Jh. hinein als roh, ungebärdig und ungebildet.
Die judaeo-persischen Briefe aus Dandan Uiliq
Seit der Auffindung der Kairoer Geniza in den 1890er Jahren sowie den frühesten bekannten judeo-persischen Briefen in Dandan Uiliq, nahe Khotan in Xinjiang, China, im Jahr 1901 wurden zahlreiche jüdische Korrespondenzen entdeckt. Der Fundort Dandan Uiliq liegt etwa 80 Kilometer nordwestlich von Domoko, einer Stadt am südlichen Abschnitt der Seidenstraße. Diese Dokumente liefern wertvolle Erkenntnisse über das sozioökonomische Leben der mittelalterlichen jüdischen Gemeinschaften im östlichen Mittelmeerraum, im Iran, in Indien und darüber hinaus.
Die Merkmale der beiden Briefe, durchsetzt mit Lehnwörtern spiegelt anschaulich den mehrsprachigen und multikulturellen Hintergrund des Verfassers von "Du1" (Brief 1) und "Du 2" (Brief 2) wider. Aufgrund ihrer archaischen Merkmale lässt sich die Sprache, die er sprach – in der der Anteil arabischer Lehnwörter deutlich geringer ist als im klassischen Neupersischen – als eine Art Neupersisch vor der Entstehung des Neupersischen oder als „embryonales“ Neupersisch charakterisieren. Dies spricht eher für die Ansicht, dass das Neupersische das Ergebnis eines Kreolisierungsprozesses war, ein Produkt des soziopolitischen Umfelds des multiethnischen Zentralasiens in den ersten Jahrhunderten der islamischen Eroberung (Utas 2013: 89).
Der Fund von Judeo-Persischen Materialien aus einer so frühen Zeit in Khotan ist auf den ersten Blick unerwartet, wenn nicht gar überraschend. Wenn wir jedoch - so der „Invisible East“-Forscher Zhang Zhanso - den Untersuchungsrahmen erweitern, erweist sich dies als weniger überraschend, da drei kurze Judeo-Persische Inschriften in Tang-i Azao im Westen Afghanistans aus den Jahren 752/753 stammen. (Henning 1957).
Hier gilt jedoch zu beachten, dass die Judeo-Persischen Inschriften in Tang-i Azao im Westen Afghanistans nicht in die Jahre 752/753 zu datieren sind.
Bei nochmaliger Überprüfung mittels einiger Vergrösserungen und Ausdrucke der in Hennings Artikel veröffentlichten Fotografie gelang Eugen Ludwig Rapp die Datierung auf Sabbat, den 4. Elul 5060 nach der allgemein gebräuchlichen Abbreviatur "4- el[ul]- 60" für das Jahr 5060. Dies ergibt Samstag, den 20. August 1300 u. Z bzw. den 3. Du l -Higga 699 bzw. 328. Tag im entsprechenden islamischen Jahr: „Dies ist die gebräuchliche Abkürzung für 5060, im Hebräischen allgemein als l'-elef hassissl „des sechsten Tausends“ bezeichnet. Es bedeutet, dass die Jahreszahl nach dem prat qatan „der kleinen Zeitrechnung“ angegeben wird, d. h. unter Weglassung der Tausender.
Rapp kommentiert:
„Das Jahr 5060 nach der Schöpfung der Welt reicht vom Samstag, dem 29. August 1299, bis zum Donnerstag, dem 14. September 1300. Der Monat Elul, der in jenem Jahr am Mittwoch, dem 17. August 1300, beginnt, gibt uns für den 4. Elul das Datum „(Samstag), 20. August 1300“, wahrscheinlich das Datum der Ankunft der drei Männer an jenem Ort. Wir brauchen uns über das genaue Datum einer solchen Inschrift nicht zu wundern, wenn wir bedenken, dass die Inschriften von Jam in ihrer Mehrheit sogar den Wochentag angeben und dies korrekt tun.“
Die benannte Falschdatierung auf die Jahre 752/753, die einen Anachronismus von nicht weniger als 547 Jahren aufwies, eine falsche Datierung, die unglücklicherweise in Folge von anderen Autoren übernommen wurde, gab immer wieder Anlass dazu, dass bis in die Gegenwart in unterschiedlichen Quellen wiederholt Hinweise auf Inschriften und Grabinschriften aus Afghanistan erscheinen, die fälschlicherweise eine sehr frühe Datierung in die Jahre 752/53 u. Z. ergeben und damit keinerlei Hinweis auf eine jüdische Präsenz in der benannten Zeit in Afghanistan bestätigen.
Diese drei Inschriften aus Tang-i Azao aus dem Jahr 1300 sind somit 80 Jahre älter als das jüngste datierbare Epitaph von Jam aus dem Jahre 1220- zwei Jahre vor der totalen Zerstörung der Stadt Firüzküh durch Ögödei, den Sohn Cingiz-Khans im Jahre 1222/23- und 65 Jahre früher als die hebräische Inschrift der Mamortafel aus Kabul (1365).
Eine undatierte Inschrift, so Zhang Zhans - in hebräischen Buchstaben wurde im Tal des Oberen Indus gefunden (Jettmar 1987). Ein einseitiges Amulett in hebräischer Sprache aus Dunhuang stammt aus dem 9. Jahrhundert (Wu 1996). Die Quilon-Kupfertafeln aus Südindien, die eine Zeugenklausel in Juden-Persish enthalten, stammen ebenfalls aus dem 9. Jahrhundert und zeigen, dass die iranischen Juden die Seeroute nutzten (Cereti 2009). Im späten 9. Jahrhundert waren bereits Juden in Südchina präsent, wie aus arabischen Quellen hervorgeht, wonach die von Huang Chao angeführten Rebellenkräfte eine große Anzahl von Juden und Arabern in Guangzhou massakrierten (Ferrand 1922: 76). Nicht zuletzt waren auch die Juden, die sich im 11. Jahrhundert in Kaifeng niederließen, persischsprachig, wie die Jude-Persischen Titel und Kolophone ihrer Haggada belegen (Wong und Yasharpour 2011). Du1 & 2 könnten somit somit ein fehlendes Glied in der Ausbreitung des jüdischen Netzwerks im Osten darstellen.
Zwei judaeo-persische Briefe aus Dandan Uiliq
Der „Invisible East“-Forscher Zhang Zhan befasst sich erneut mit den jüdisch-persischen Briefen aus Dandan Uiliq, bei denen es sich um die ältesten bekannten persischen Briefe in hebräischer Schrift handelt, um sie in den Kontext der sprachlichen Entwicklung und der Schriftkultur in diesem Teil Westchinas sowie innerhalb der jüdischen Gemeinschaften einzuordnen.
Wir schließen uns Zhang Zhans Anliegen an. "Dieser kurze Artikel kann und soll nicht alle Aspekte dieser beiden wertvollen Briefe erschöpfend behandeln. Mein Hauptanliegen ist es, sie zugänglich zu machen und andere dazu anzuregen, sich näher mit ihnen zu befassen."
Zhan Zhang ist Philologe für altiranische Sprachen mit Schwerpunkt auf dem Khotanischen, einer ostiranischen Sprache, die im Oasenstaat Khotan (im heutigen Xinjiang, China) vom 6. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen wurde.
Sein besonderes Interesse gilt weltlichen khotanischen Dokumenten, durch die er den Stimmen der khotanischen Bevölkerung lauscht und verschiedene Aspekte des Lebens in Khotan beleuchtet, wie etwa das bürokratische Verwaltungssystem, Steuerverfahren, die Verteilung von Fronarbeit und vertragliche Vereinbarungen. In diesen Dokumenten erscheint Khotan als kleiner Staat an strategisch günstiger Lage mit begrenzten Ressourcen, der sich ständig zwischen dem Tang-Reich und dem Tibetischen Reich positioniert, um ein gewisses Maß an Autonomie zu bewahren.
Dies weicht etwas von den Vorstellungen derjenigen ab, die sich im Rahmen der „Seidenstraßen“-Forschung mit Khotan als prosperierendem, glamourösem Umschlagplatz beschäftigen. Als Postdoktorand im Rahmen des „Invisible East“-Programms der Universität Oxford wird er die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern fördern, die an verschiedenen Korpora weltlicher Dokumente aus der Antike arbeiten, wie beispielsweise denen aus Dunhuang, der Kairoer Geniza und Oxyrhynchus. Er promovierte 2016 an der Harvard University. Von 2017 bis 2018 arbeitete Zhan Zhang als Gastwissenschaftler am Institute for the Study of the Ancient World der New York University.
Danach kehrte er nach China zurück und gründete Ardashir Space Station, eine Online-Bildungsplattform zu antiken Zivilisationen. Er hat einen Podcast auf Chinesisch namens „Tianshu“ (wörtlich „das himmlische Buch“, was auf Chinesisch so viel wie „Kauderwelsch“ bedeutet), der sich hauptsächlich mit alter Geschichte und Sprachen befasst, obwohl es auch eine Folge zur Stringtheorie gibt.
Literatur: Zhang, Zhan.Two Judaeo-Persian Letters from Eighth-Century Khotan. Bulletin of the Asia Institute 31, 2022-23, pp. 105-133.

„Invisible East“- Judeo-Persische Briefe von Dandan-Uiliq
Als Sir Aurel Stein am 5. Januar 1901 nach einem Tag der Ausgrabungen in Rawak, einer kleineren Fundstätte etwa 11 km nördlich von Dandan-Uiliq (einer größeren Fundstätte etwa 130 km nordöstlich von Khotan, die Stein vom 19. Dezember bis zum 3. Januar ausgegraben hatte), in sein Lager zurückkehrte, war er überrascht, mehrere Arbeiter vorzufinden, die am Vortag in Dandan-Uiliq entlassen worden waren und nun auf ihn warteten. Sie erzählten ihm, dass sie nicht wie befohlen in ihr Dorf zurückgekehrt seien, sondern noch einen weiteren Tag lang nach „Schätzen“ gesucht hätten und nun gekommen seien, um ihm ihre Funde zu präsentieren: ein Stück Stuck mit verwischten chinesischen Schriftzeichen und einen zerknüllten Papierklumpen mit hebräischen Schriftzeichen. Stein befragte die Arbeiter sorgfältig und befand ihre Aussagen für schlüssig und glaubwürdig (Stein 1907, Bd. 1: 306–7). Da es ihm nicht möglich war, nach Dandan-Uiliq zurückzukehren, setzte er seine Reise fort und brachte diese Gegenstände schließlich zusammen mit vielen anderen Funden nach London zurück.
Nachdem das Papier von erfahrenen Händen entfaltet worden war, stellte sich heraus, dass es sich, obwohl stark beschädigt, um einen 38-zeiligen Brief in Judeo-Persisch handelte, der aufgrund des archäologischen Kontextes von Dandan-Uiliq auf das späte 8. Jahrhundert datiert wurde und somit das früheste damals bekannte Material in Neupersisch darstellte. D. S. Margoliouth (1903) veröffentlichte die erste Ausgabe des Briefes (im Folgenden "Du1") mit einer persischen Transkription und einer englischen Übersetzung. Er las "sb’bd" in Zeile 23 als "Ispahbud", den Titel eines Herrschers von Tabaristān, und datierte den Brief dementsprechend auf etwa 718 n. Chr. Dieser Artikel wurde später als Anhang C in Stein 1907 wiedergegeben.
Als W. B. Henning 1957 drei kurze Judeo-Persische Felsinschriften veröffentlichte, die in Tang-i Azao im Westen Afghanistans gefunden und auf 752/753 n. Chr. datiert wurden, erörterte er in den Fußnoten einige Passagen von "Du1". Siehe Henning 1957: 341, Anm. 2–4; S. 342, Anm. 1, Anm. 3. Er setzte dies in Henning 1958: 79–80 fort.
Im Jahr 1963 nahm Gilbert Lazard "Du1" in sein monumentales Werk über das Frühneupersische, La langue des plus anciens monuments de la prose persane, auf. (Lazard 1963: 31) Im Jahr 1965 ging J. P. Asmussen (1965: 49–50) in seiner Ausgabe des „Law Report“, einem in der Kairoer Geniza erhaltenen Rechtsdokument aus Khuzistān, auf "Du1" ein.
Im Jahr 1968 veröffentlichte Bo Utas (1968) eine überarbeitete Ausgabe von "Du1". Er wies Margoliouths Identifizierung zu Recht zurück und datierte den Brief auf das späte 8. Jahrhundert. 1988 veröffentlichte Lazard (1988) einen kurzen Artikel, der sich ausschließlich mit dem ersten Satz von "Du1" "yzyd kwdh ’y y’r b’šd" befasste, den er mit „que le Seigneur Dieu [nous] aide“ übersetzte. Interessanterweise beklagte Lazard am Ende des Artikels den fragmentarischen Zustand des Manuskripts und räumte ein, dass viele unklare Stellen darin ohne ein Eingreifen der Vorsehung noch lange Zeit unklare Stellen bleiben würden, und beendete den Artikel mit genau jenem Satz "yzyd kwdh ’y y’r b’šd": „Möge Gott, der Herr, (unser) Helfer sein!“
Im Jahr 2004 wurden Professor Lazards Gebete erhört. An einem kühlen Novembermorgen jenes Jahres, als ich gerade eine Einzelstunde in Pahlavi bei Prof. Duan Qing, meiner Mentorin und Betreuerin meiner Masterarbeit, in ihrem Büro an der Universität Peking hatte, klopfte es an der Tür. Wir erwarteten niemanden. Es stellte sich heraus, dass es ein Mann in den Dreißigern war, ein völlig Fremder. Er war gekommen, um Fotos von einigen Manuskripten zu zeigen, die er „zufällig“ in seinem alten Familienhaus in Khotan entdeckt hatte, um zu sehen, ob sie von Wert seien, da er erfahren hatte, dass Professorin Duan eine Expertin für Khotanesisch war. Unter diesen Manuskripten, die größtenteils echtes Khotanesisch waren, befand sich ein judeo-persisches, das fast vollständig erhalten war und eine auffällige Ähnlichkeit mit dem Manuskript aufwies, das Stein von Dandan-Uiliq erworben hatte. Da ich über einige Kenntnisse in biblischem Aramäisch und modernem Persisch verfügte (beides auf sehr elementarem Niveau) – eine damals in China eher seltene Kombination –, wurde mir die Aufgabe übertragen, dieses judeo-persische Manuskript zu entziffern.
Ich arbeitete mit Dr. Shi Guang, meinem Persischlehrer, zusammen und erstellte zunächst eine vorläufige Fassung als Arbeitsprobe für meine Bewerbung um einen Doktorandenplatz in Harvard; anschließend erarbeitete ich unter Mitwirkung meines späteren Doktorvaters Prof. P. Oktor Skjærvø eine überarbeitete chinesische Fassung für meine Masterarbeit im Jahr 2006. Ich stellte meine Arbeit zu diesem wichtigen Manuskript in mehreren Workshops und auf Konferenzen vor und erhielt hilfreiches Feedback von zahlreichen Wissenschaftlern, darunter Prof. Shaul Shaked, Prof. Maria Macuch, Dr. Tamar Gindin und Prof. Ludwig Paul, deren Beiträge alle in der Ausgabe, die Shi Guang und ich 2009 auf Chinesisch veröffentlichten, gebührend gewürdigt wurden. In unserem Artikel (Zhang und Shi 2009) haben wir gezeigt, dass der neu entdeckte JP-Brief (im Folgenden "Du2") in Bezug auf Materialität (ähnliches Papier und ähnliche Tinte), Diplomatik (gleiche Zeilenzahl, gleiche Krümmung der Zeilen, ähnliche Handschrift), Rechtschreibung, Grammatik, Wortschatz und Inhalt mit "Du1" übereinstimmt, und festgestellt, dass beide Briefe mit ziemlicher Sicherheit von derselben Person verfasst wurden.
Mit anderen Worten: Auch "Du2" stammt aus dem Dandan-Uiliq des späten 8. Jahrhunderts. In Zeile 31 von "Du2" heißt es: „Die Tibeter wurden alle gefangen genommen und getötet.“ Wir haben dieses Ereignis mit den Zusammenstößen zwischen Tibetern und Uiguren im Tarimbecken zu Beginn des 9. Jahrhunderts in Verbindung gebracht und "Du2" dementsprechend auf etwa 802 n. Chr. datiert (Zhang und Shi 2009: 79–81). Nachdem mir klar wurde, dass das späteste datierte Dokument aus Dandan-Uiliq aus dem Jahr 791 stammt und die Stätte kurz darauf verlassen worden sein muss, habe ich (Zhang 2016a: 667–68) die Datierung von "Du2" auf etwa 791 n. Chr. revidiert. Im selben Jahr veröffentlichte ich eine englische Übersetzung von "Du2" (Zhang 2016b). Ludwig Paul lieferte in A Grammar of Early Judaeo-Persian (Paul 2013) eine Reihe wichtiger neuer Lesarten und Interpretationen der beiden Briefe. Auch Lazard (2014: 90) ging in einem seiner letzten Artikel auf "Du2" ein. Yoshida Yutaka (2016, 2017, 2019) veröffentlichte drei Artikel auf Chinesisch, Japanisch und Englisch und beleuchtete darin mehrere Punkte in diesen beiden Briefen. Seine wichtigste Entdeckung ist, dass sich "dihgān" in "Du2", das wir wörtlich mit „der Grundherr“ übersetzt haben, tatsächlich auf den König von Khotan, Viśa’ Vāhaṃ, bezieht.
(Freie kommentierte Übersetzung durch den Autor)
Quelle: Zhan,Zhang."Two Judaeo-Persian Letters from Eighth-Century Khotan". Bulletin of the Asia Institute 31, 2022-23, pp. 105-133 (Originaltitel in Englisch), auf invisibleeast.web.ox.ac.uk, abgerufen am 22.03.2026
Die Entwicklug des Neupersischen
So ist nun, viele Jahre nach jenem kühlen Morgen im Jahr 2004, die Zeit reif, aktualisierte Ausgaben von "Du1" und "Du2" mit Übersetzung, Kommentar und einem umfassenden Glossar zu veröffentlichen. Bevor ich (Zhang Zhan) damit beginne, möchte ich kurz auf die Bedeutung dieser beiden Briefe für die Erforschung der Entstehung des Neupersischen, der Geschichte Zentralasiens im späten 8. Jahrhundert und der Aktivitäten der Juden im Osten eingehen. Die Sprache von "Du1" und "Du2" ist eindeutig Neupersisch, da sie nicht die ergative Kasusordnung aufweist, ein charakteristisches Merkmal des Mittelpersischen, aber dennoch andere Elemente des Mittelpersischen sowie des Sogdischen, Hebräischen/Aramäischen, Arabischen und Chinesischen beibehält, darunter:
I. Elemente verschiedener Sprachen in "Du1" und "Du2" :
1) Konjunktiv: ’mdh b’d āmada bād „kommen“ (Vergangenheit, 3. Person Singular)
kr’m xarām „kaufen“ Subj. 1. Person Singular
qwn’d kunād „tun“ Subj. 3. Person Singular
rs’d rasād „erreichen“ Subj. 3. Person Singular
2) Verwendung von „ezāfe“ als Relativpronomen
3) Wortschatz
by bē „in Richtung“; „aber“; Präverb.
qrbqr kirbakar „wohltätig“.
bysp’n bayaspān „Bote“.
qw kū „das“, Einleitung eines Nebensatzes.
zy’n wmnd zyān-ōmand „schädlich“.
II. Elemente des Sogdischen:
1) Das Ordnungszahl-Suffix -my -mī.
dh my dahmī „zehnte“ Sogd. δsm’yk.
pnc my panjmī „fünfte“ Sogd. pncmyk.
šš my šašmī „sechste“ Sogd. wxšmy(k).
2) Lehnwörter
’ndryq andarīk „Eunuch“ sogd. ’ntryk.
cmkwy čamxuy, „Harfe“ (oder ähnliches Saiteninstrument) sogd. cmxwy.
gwlyq γulīk „Gefäß, Krug“ sogd. γwδ’k.
ptqw patku „Schnur, 1.000 Münzen“ sogd. ptkwk.
3) Personennamen
bgydy Bagidi wörtlich „weibliche Sklavin Gottes“ sogd. βγyδ’y.
kwdynq Xudēnak wörtlich „kleine Königin“, Diminutiv von sogd. γwt’ynh „Königin“.
šw’prdr Šawāfradar wörtlich „es geht besser“ von sogd. šw- „gehen“ und sogd. prtr „besser“.
4) Titel
kwdh rb khudā rab „Herr, Meister“, wahrscheinlich eine Lehnübersetzung des sogdischen βγw xwβw „der Herr, der Souverän“.
5) Briefformel
wmrdmq’n ’y k’nh p’ nyrw yzyd kwdh t ymrwz u-mardamakān ī xāna pa nērō īzid xudā tā imrōz „Durch die Kraft des Herrn Gottes sind die Kinder des Hauses bis heute (gut).“ Vergleiche GXW 0114.6: ms m’xw pr βγy z’wr kw nwr myδ prm ’z-c’t ’s(kw)ym „Auch wir sind durch Gottes Hilfe (wörtlich: Kraft) bis zum heutigen Tag (= heute) wohlauf.“ Siehe Bi und Sims-Williams 2015: 262.
6) In Du2.11 berichtete der Verfasser des Briefes, dass der Herrscher von Khotan den jüdischen Kaufmann als „Sogdier“ bezeichnete. Aus der Sicht der Khotaner waren diese persischsprachigen Juden aus Sogdiana jedoch durch und durch Sogdier. Mehr dazu im Kommentar zu Du2.11.
Elemente des Hebräischen und/oder Aramäischen:
1) Die hebräische Schrift
Die Rechtschreibung von Du1 und Du2 stimmt untereinander sowie mit Tang-i Azao überein, weicht jedoch von späteren JP-Texten ab. Siehe Lazard 1968: 83, Zhang und Shi 2009: 76 sowie Paul 2013: 29–41.
2) Lehnwörter
šlm’ šalamā „Gruß“, aus dem Aramäischen ~. mmzyr mamzēr „Bastard, uneheliches Kind“, aus dem Hebräischen mamzer.
3) Titel
rby rabī „Rabbi“.
4) Personennamen:
dwyd Dawīd „David“.
ychq Ičhak „Itzhak“.
mwšq Mōšak, Diminutiv von Mōše „Moses“.
Grundlagen des Arabischen:
1) Lehnwörter
gwl’m γulām „Sklave“, arab. ~.
hrb harb „Schlacht“, arab. ḥarb oder harab „Flucht“, arab. ~.
kwz’m xuzām „Niederlagen“, arab. hazā’im, Plural von hazīmat.
kzym xazīm „Niederlage“, arab. hazīmat.
rqybyn rakībain „Steigbügel“, Dualform mit Imāla aus arab. rikāb.
sl’m salām „Frieden“, arab. ~.
tyb tīb „Parfüm“. Arab. ṭīb.
2) Personennamen
’bw shq Abū Sahak.
hqym Hakīm Arab. Ḥakīm.
hrwn Harūn Arab. Hārūn.
3) Die Eröffnungsformel
pnn’m yzyd kwdh yqrbqr pannām īzid xudā ī-kirbakar „Im Namen Gottes, des Herrn, des Barmherzigen.“ Dies ist eine Nachahmung der Basmala. Siehe Kommentar zu Du2.1.
Grundzüge des Chinesischen:
1) Lehnwörter aus dem Chinesischen šg šag eine Volumeneinheit, von Chin. shí LMC ʂɦiajk 石.
šmsy šamsī wahrscheinlich „Hemd“, von Chin. shān zi LMC ʂam tsẓ 衫子.
2) Titel im Chinesischen
qynq’k kinkāx „Läufer, Bote“, aus dem Chinesischen jīn jiaˇo LMC kin kiak 筋脚.
pnkw’n panxwān, „Verwaltungsassistent“, aus dem Chinesischen pàn guān LMC p huan kuan 判官.
(py)nb’šy pēnbāšī „Kommissar für Soldaten und Pferde“, aus dem Chinesischen bīng maˇ sȟ ı LMC piayŋ ma ʂṛ 兵馬使.
pwšy fūšī „der stellvertretende Kommissar“, aus dem Chinesischen fùsȟ ı LMC fjyw/fuw ʂṛ 副使. Weitere Informationen zu diesem Titel finden Sie im Kommentar zu Du2.31.
3) „Der chinesische Duft“ in Du2.15 könnte sich auf Moschus beziehen. Siehe Kommentar zu Du2.15.
All dies spiegelt anschaulich den mehrsprachigen und multikulturellen Hintergrund des Verfassers von Du1 & 2 wider. Aufgrund ihrer archaischen Merkmale lässt sich die Sprache, die er sprach – in der der Anteil arabischer Lehnwörter deutlich geringer ist als im klassischen Neupersischen – als eine Art Neupersisch vor der Entstehung des Neupersischen oder als „embryonales“ Neupersisch charakterisieren. Dies spricht eher für die Ansicht, dass das Neupersische das Ergebnis eines Kreolisierungsprozesses war, ein Produkt des soziopolitischen Umfelds des multiethnischen Zentralasiens in den ersten Jahrhunderten der islamischen Eroberung (Utas 2013: 89).
Überlieferte historische Quellen in chinesischer Sprache, wie Xin Tangshu, Jiu Tangshu und Zizhi Tongjian, enthalten nur wenige Informationen zur Geschichte des Tarimbeckens in der zweiten Hälfte des 8. und 9. Jahrhunderts, da die Tibeter kurz nach dem Ausbruch des An-Lushan-Aufstands Ende 755 n. Chr. die Kommunikation zwischen dem chinesischen Hinterland und dem Tarimbecken unterbrachen.
Auf der Grundlage der zahlreichen Dokumente, die unter anderem in Khotan, Turfan und Dunhuang entdeckt wurden, haben Wissenschaftler einen Großteil dieser verborgenen Epoche der Geschichte beleuchtet. Einen kurzen Überblick über die Geschichte Khotans in dieser Zeit bietet Zhang 2016c: 66–86. Khotan stand bis 789 unter chinesischer Kontrolle, als der Pilger Wukong auf seinem Weg von Indien zurück nach China durch das Tarimbecken reiste. Bis 796 befand sich Khotan bereits unter tibetischer Kontrolle, da der tibetische Herrscher Khri srong lde btsan, dessen Regierungszeit 796 endete, in der Lage war, Steuern von Khotan einzutreiben (Yoshida 2009: 354). Die in Du2 dokumentierte Niederlage der Tibeter in Kashgar, die vorläufig auf etwa 791 datiert wird, muss die anfänglichen Rückschläge widerspiegeln, die die tibetischen Streitkräfte erlitten, als sie versuchten, den chinesischen Truppen die Kontrolle über das Tarimbecken zu entreißen. Es ist interessant zu beobachten, wie die jüdischen Kaufleute ihr Bestes versuchten, ihren finanziellen Einfluss zu nutzen, um den Verlauf der politischen und militärischen Angelegenheiten der Region zu beeinflussen.
Der Fund von Judeo-Persischen Materialien aus einer so frühen Zeit in Khotan ist auf den ersten Blick unerwartet, wenn nicht gar überraschend, so Zhang Zhan.
"Wenn wir jedoch den Untersuchungsrahmen erweitern, erweist sich dies als weniger überraschend. Drei kurzen Juden-Persischen Inschriften in Tang-i Azao im Westen Afghanistans stammen aus den Jahren 752/753 (Henning 1957). Eine undatierte Inschrift in hebräischen Buchstaben wurde im Tal des Oberen Indus gefunden (Jettmar 1987). Ein einseitiges Amulett in hebräischer Sprache aus Dunhuang stammt aus dem 9. Jahrhundert (Wu 1996). Die Quilon-Kupfertafeln aus Südindien, die eine Zeugenklausel in JP enthalten, stammen ebenfalls aus dem 9. Jahrhundert und zeigen, dass die iranischen Juden die Seeroute nutzten (Cereti 2009). Im späten 9. Jahrhundert waren bereits Juden in Südchina präsent, wie aus arabischen Quellen hervorgeht, wonach die von Huang Chao angeführten Rebellenkräfte eine große Anzahl von Juden und Arabern in Guangzhou massakrierten (Ferrand 1922: 76). Nicht zuletzt waren auch die Juden, die sich im 11. Jahrhundert in Kaifeng niederließen, persischsprachig, wie die JP-Titel und Kolophone ihrer Haggada belegen (Wong und Yasharpour 2011). Du1 & 2 stellen somit ein fehlendes Glied in der Ausbreitung des jüdischen Netzwerks im Osten dar."
Dieser kurze Artikel kann und soll nicht alle Aspekte dieser beiden wertvollen Briefe erschöpfend behandeln. Mein Hauptanliegen ist es, sie zugänglich zu machen und andere dazu anzuregen, sich näher mit ihnen zu befassen.
(Freie kommentierte Übersetzung durch den Autor)
Quelle: Zhan,Zhang."Two Judaeo-Persian Letters from Eighth-Century Khotan". Bulletin of the Asia Institute 31, 2022-23, pp. 105-133 (Originaltitel in Englisch), auf invisibleeast.web.ox.ac.uk, abgerufen am 22.03.2026
Brief 1 aus Dandan-Uiliq
Provenance: Dandan-Uiliq, Khotan, China
Date: around 791 C.E.
Catalogue number: Or.8212/166
Location: The British Library
Size: 10–20 × 40 cm, recto 38 lines, verso blank
Previous editions: Margoliouth 1903, Utas 1968
Transliteration
1 . . . . . . yzyd kwdh ’y y’r b’šd zwd rwz ’g . . . . . .
2 . . . . . .dh wbyst n’mh byš qrdwm by š[m’] . . . . . .
3 . . . . . . ngr qw c’mq ’y \mn/ p’ cy rsd wp’ dzt . . . . . .
4 . . . . . .’ sy rsd yš by prmy d’dn ’ny mr’ b[y prmy d’dn] . . . . . .
5 . . . . . . ybryn kry t’ mn ’br kstwmy prwd šwdwmy w . . . . . .
6 . . . . . . n ’y kwš twr’ yzyd kwdh pdyš mwzd ’y [n]yyq . . . . . .
7 . . . . . . d dwr by wpt’d t’ nwh my mh wt’ dh m[y mh] . . . . . .
8 . . . . . . [gw]spnd by bwd wswstr krnd wyzyd kwdh kwkw . . . . . .
9 . . . . . . (q)wn’d cy qs ’z yš’n ??wd n’ bwd cwn yš’(n) . . . . . .
10 . . . . . . ny cmh ’y prwkth bwd’(s)[?] (hmg)yn p’ rwy ym’ ’b(z)[wd] . . . . . .
11 . . . . . . [p]rwkth bwd qs n’ bwr sd mrdwm’n ’y šhr pd . . . . . .
12 . . . . . . (’)n syh ptqw ’y kr’m wcyz bd n’ pydh hst y . . . . . .
13 . . . . . . cwn ’ny mn p’ tw wmrd d’rwm yqy q’(r) . . . . . .
14 . . . . . . swd wzy’n ’y mn by šn’ktn w-š šbyly y . . . . . .
15 . . . . . . [hm](g)y(n) gwspnd ’z swy ’y mnr’ krydn t’ . . . . . .
16 . . . . . . ’ydwn gwpty qw rby syh . . . . . .
17 . . . . . . [’]mdn wskt zy’n wmnd hs[t] . . . . . .
18 . . . . . .’ wr’ ’z swy ’y mn yz typ . . . . . .
19 . . . . . . qw kwd krydy wkwd prwkty wkwd rn . . . . . .
20 . . . . . . ’gr mnr’ swd bkt b’ysty bwdn mn . . . . . .
21 . . . . . . by tw ’z šmr {ytw} ’y kwš cyz ’ndwh m’ p(r)[my kwrdn] . . . . . .
22 . . . . . . [p](r)ystydy wny ’ydr bwd wswd ’y gwspnd ydwn drws(t) . . . . . .
23 . . . . . . [by] \tw/ rsd cwn yzyd kw’hd wtn yšm’ nz(dy)q sb’b(d) . . . . . .
24 . . . . . . y r’ sb’bd ydwn qwptyd qw mr’ cmkwy yqy . . . . . .
25 . . . . . . cmkwy ’ry mn qnyzq r’ ’mwzwm wcnd cwst . . . . . .
26 . . . . . .’ bh byndwm n’ bynd’dwm by ’z nwrbq yqy (c)[mkwy ] . . . . . .
27 . . . . . .[ sb’]bd dhwm t’ bgydy r’ b[y] ’mwzd ’ndryq ’y sy[’h] . . . . . .
28 . . . . . . š qw n’mh yšm’ yptwm by yqy byh ’z ’n gwptyd ’[gr] . . . . . .
29 . . . . . . y q’r ’y prmwdy ’š skt qwnwm t’ qr dh bwd . . . . . .
30 . . . . . . hwšwm cyz ’ndwh m’ kwr cy hwšwm r’ kwsth b(y) . . . . . .
31 . . . . . . ’z sw(y) ’y ?gwšt rwbhh pwrsydwm ydwn qwpty . . . . . .
32 . . . . . . p’ prw’n wkwd ’z ’n swy kw’st’ry prmy qr dn . . . . . .
33 . . . . . . (w)’(nd)r n’mh yšm’ prystydy qw p’ sd wpn(c) . . . . . .
34 . . . . . . bwndh ’y ’n pšyz ’y gwspnd yn ’y š(m)[’] . . . . . .
35 . . . . . . [’z] (š)hr by rwn n’mdh hy ’z swy ’[y] . . . . . .
36 . . . . . . (s)mwr ’z zyn wrqybyn wdw’l . . . . . .
37 . . . . . . ’z hr cy hyz ’y bryn ’z
38 . . . . . . kr
Transcription
1 . . . . . . īzid xudā ē yār bāšad. zūd rōz ag . . . . . .
2 . . . . . . dah u-bīst nāma bēš kardum bē š[mā.] . . . . . .
3 . . . . . . nigar kū: jāmak ī man pa čē rasad? u-pa dazt . . . . . .
4 . . . . . . ā sē rasad-iš bē framāy dādan. ān-ī marā b[ē framāy dādan] . . . . . .
5 . . . . . . ī-barēn xarē, tā man abar xāstumē, frōd šudumē . . . . . .
6 . . . . . . n ī xwaš torā īzid xudā pad-iš muzd ī nēk . . . . . .
7 . . . . . . dūr bē ōftād, tā noh mī māh u-tā dah m[ī māh] . . . . . .
8 . . . . . . [gō]sfand bē buwad. u-sustar xarand. u-īzid xudā xuxu( . . . . . .
9 . . . . . . kunād. čē kas az ēšān . . . na buwad? čūn ēšān . . . . . .
10 . . . . . . ni jama ī frōxta būd-a(st). hamagīn pa rōy i-mā ab(z)[ūd.] . . . . . .
11 . . . . . . [f]rōxta būd. kas na būd. sad mardōmān ī šahr pad . . . . . .
12 . . . . . . (ā)n sīh patkū ī xarām. u-čīz bad na paydā hast. y . . . . . .
13 . . . . . . čūn ān-ī man pa tō u-mard dārum. yakē kār . . . . . .
14 . . . . . . sūd u-zyān ī man bē šnāxtan. u-š Šabilī ....
15 . . . . . . [hama](gīn) gōsfand az sōy ī man-rā xarīdan, tā . . . . . .
16 . . . . . . ēdōn guftē kū: “rabī sīh . . . . . .
17 . . . . . . [ā]madan. u-saxt zyān~ōmand has[t.] . . . . . .
18 . . . . . . ā ō-rā az sōy ī man iz tīp . . . . . .
19 . . . . . . kū xwad xarīdē, u-xwad frōxtē, u-xwad ran . . . . . .
20 . . . . . . agar man-rā sūd baxt bāyistē būdan, man . . . . . .
21 . . . . . . bē tō az šmar ī xwaš čīz andōh ma f[armāy xwardan.] . . . . ..
22 . . . . . . frēstīdē. u-nē ēdar buwad. u-sūd ī gōsfand ēdōn drus(t) . . . . . .
23 . . . . . . [bē] tō rasad, čūn īzid xwāhad. u-tan išmā nazdīk spābad . . . . . .
24 . . . . . . rā spābad ēdōn guftēd kū: “marā čamxuy yakē . . . . . .
25 . . . . . . čamxuy ārē, man kanīzak rā āmōzum. u-čand čust . . . . . .
26 . . . . . . ābah bindum, na bindādum. bē az Nūrbak yakē (č)[amxuy] . . . . . .
27 . . . . . . [spā]bad dahum, tā Bagidi rā bē āmōzad. andarīk ī si[yāh. . .
28 . . . . . . kū nāma išmā yaftum. bē yakē bih az ān guftēd. a[gar] . . . . . .
29 . . . . . . kār ī framūdē aš saxt kunum, tā kar~da buwad. . . . . . .
30 . . . . . . hōš-um čīz andōh ma xwar. čē hōš-um rā xwasta bē . . . . . .
31 . . . . . . az sōy ī ?gušt rwbhh pursīdum. ēdōn guftē . . . . . .
32 . . . . . . pa parwān. u-xwad az ān sōy xwāstārī framāy kar~dan. . . . . . .
33 . . . . . . (andar) nāma išmā frēstīdē kū: “pa sad u-panj . . . . . .
34 . . . . . . bunda ī ān pašiz ī gōsfand ēn ī šmā . . . . . .
35 . . . . . . [az ša]hr bērōn nāmada hē. az sōy ī . . . . . .
36 . . . . . . (s)amūr az zēn u-rikībain u-dawāl . . . . . .
37 . . . . . . az har čēhiz ī barēn, az
38 . . . . . . xar
Übersetzung
1 . . . . . . Möge der Herrgott [uns] beistehen. Bald wird der Tag kommen . . . . . .
2 . . . . . . Ich habe dir mehr als zwanzig Briefe geschrieben . . . . . .
3 . . . . . . Sieh doch! Was wird aus meinen Kleidern? Durch die Hand (?) . . . . . .
4 . . . . . . Bitte gib ihm seine drei Anteile. [Bitte gib] den meinen. . . . . . .
5 . . . . . . Du kaufst das Obere . . . damit ich aufgestanden und hinabgegangen wäre. . . . . . .
6 . . . . . . von sich aus wird der Herr, Gott, dir dafür einen guten Lohn geben. . . . . . .
7 . . . . . . es hat sich bis zum neunten Monat und bis zum zehnten [Monat] verzögert . . . . . . .
8 . . . . . . es/er wird . . . von den Schafen. Sie kaufen lockerer. Der Herr, Gott . . . . . .
9 . . . . . . Er wird tun . . . . . . Wer unter ihnen ist nicht . . .? Weil sie . . . . . .
10 . . . . . . die Kleider, die verkauft wurden, haben sich alle vor unseren Augen vermehrt . . . . . .
11 . . . . . . wurde verkauft. Es war niemand da. Hundert Menschen aus der Stadt auf . . . . . .
12 . . . . . . (von) diesen dreißig Strängen (Münzen), die ich kaufen werde. Nichts Schlechtes wird gefunden. . . . .
13 . . . . . . denn ich habe/halte das, was mir gehört, bei dir und dem Mann, ein Werk . . . . . .
14 . . . . . . sie verstanden meinen Gewinn und Verlust. Šabilī . . . es . . . . . . .
15 . . . . . . sie kauften alle Schafe in meinem Namen, damit . . .
16 . . . . . . du sagtest: „Rabbi, dreißig . . . . . .
17 . . . . . . Sie kamen. Es ist ein schwerer Verlust . . . . . . .
18 . . . . . . ihn auch für mich . . . . . .
19 . . . . . . das du selbst gekauft, selbst verkauft und . . . . . . selbst . . .
20 . . . . . . wenn mir der Gewinn zuteil geworden wäre, hätte ich . . . . . .
21 . . . . . . aber du, bitte mach dir keine Sorgen um (deine) eigene Rechnung. . .
22 . . . . . . du hast geschickt . . . Es ist nicht hier. Der Gewinn aus Schafen ist so gut (= hoch) . . . . . .
23 . . . . . . Er wird dich erreichen, wenn Gott es will. Ihr (pl.) seid dem Heerführer physisch nahe . . ....
24 . . . . . . sprach der Feldherr: „(Gib) mir eine Harfe . . . . . .
25 . . . . . . (Wenn) du eine Harfe bringst, werde ich der Sklavin mehrere (Stücke) schnell beibringen . . . . . .
26 . . . . . . Ich suche (eine Harfe), habe sie aber nicht gefunden. Aber von Nūrbak (habe ich) eine (Harfe) erhalten . . . . . .
27 . . . . . . Ich werde dem Heerführer (die Harfe) geben, damit er Bagidi unterrichten kann. Der (schwarze) Eunuch . . . . .
28 . . . . . . dass ich deinen Brief erhalten habe, aber du sagtest, es gebe einen besseren als diesen . . . . . . .
29 . . . . . . Ich arbeite hart an der Angelegenheit, die du angeordnet hast, bis sie erledigt ist. . . . . . .
30 . . . . . . Mach dir überhaupt keine Sorgen um meine Gedanken. Was auch immer meine Absicht ist . . . . . .
31 . . . . . . Ich habe im Namen von ?gwšt Rwbhh gefragt, du hast so gesagt: . . . . . .
32 . . . . . . an Parwān. Bitte richte selbst eine Bitte in dieser Angelegenheit aus. . . . . . .
33 . . . . . . in dem Brief, den du gesandt hast, stand: „am 105 . . . . . .
34 . . . . . . die Bundah dieses Geldes für die Schafe, dieses deine . . . . . .
35 . . . . . . bist du nicht aus der (Stadt) herausgekommen. Im Namen von . . . . . .
36 . . . . . . Sable von Sattel, Steigbügeln und Riemen . . . . . .
37 . . . . . . von allem oben, von . . . . . .
38 . . . . . . ?? . . . . . .
Kommentar
Zeile 1: Wie Yoshida (2019: 386) hervorhebt, handelt es sich hierbei nicht um den Anfang des Briefes, da die in Du2 belegte Anrede fehlt. Andererseits ist Du1 meiner Meinung nach auch keine direkte Fortsetzung von Du2. Übrigens reichen weder Du1 noch Du2 bis zum Ende des Briefes, da am unteren Rand der Briefe kein Spielraum gelassen wurde und auch die Schlussformel fehlt. Mit anderen Worten: Du1 ist mindestens drei Seiten lang.
Zeile 2: „Ich habe dir mehr als zwanzig Briefe geschrieben.“ In Du2, Zeilen 29–30, heißt es: „Ich habe dir dreißig Briefe geschickt.“ Es scheint, dass Du1 vor Du2 geschrieben wurde und zu den dreißig in Du2 erwähnten Briefen gehörte.
Zeile 9: Utas’ Lesart der Lücke (far)sū(d) „abgenutzt, verfallen“ wird durch das Manuskript nicht gestützt (1968: 128, 129).
Zeile 14: Was das Shin in u-š betrifft, so liest Utas (1968: 128, 129) es als Teth und interpretiert es als die Ziffer 9. Ich halte dies lediglich für ein unvollständiges Shin, da hebräische Ziffern und das Teth an keiner anderen Stelle in Du1/2 belegt sind und eine Ziffer hier auch nicht in den Kontext passt.
Zeile 15: Hier spricht der Absender über den Handel mit Schafen, ein Thema, das auch in Du2, Zeilen 20–24, vorkommt. Da Schafe keine großen Entfernungen zurücklegen können, scheint es, dass der Verfasser und der Empfänger der Briefe im lokalen Handel tätig waren.
Zeile 16: Der Absender zitiert die Worte des Empfängers: „Rabbi, dreißig . . . . . .” Mit anderen Worten: Der Empfänger spricht den Absender als „Rabbi“ an. Dies steht im Einklang mit Du2, Zeile 4, in der sich der Absender selbst als „Rabbi“ bezeichnet.
Zeile 19: Utas (1968: 128, 129) rekonstruiert das letzte Wort als ran[jīdē] „sich bemühen“, 2. Person Singular, Präteritum.
Zeilen 23–27: Es scheint, dass der Heerführer ein Bekannter des Absenders war und sich bereit erklärte, einem Mädchen/einer Magd namens Bagidi das Harfenspiel beizubringen. Der Absender besaß jedoch keine Harfe. Glücklicherweise brachte Nurbak ihm eine Harfe. Er wollte die Harfe dann dem Heerführer übergeben, damit dieser das Mädchen unterrichten konnte. Yoshida (2019: 389–90) bringt den Harfenunterricht mit dem Handel mit qualifizierten Sklavinnen entlang der Seidenstraße in Verbindung, was sich in chinesischen Dokumenten aus Turfan widerspiegelt. Das von ihm vorgeschlagene Szenario ist plausibel, aber ich würde nicht erwarten, dass ein Heerführer als Harfenlehrer für Sklavinnen fungiert. Vielleicht ist „sp’bd“ ein Personenname und kein Titel.
Zeile 25: Diese Zeile steht noch immer im Zitat der Worte des Heerführers.
Zeile 32: Parwan ist das heutige Aqsu, etwa 550 km nördlich von Khotan, direkt jenseits der Taklamakan-Wüste. Dieser Ort lag für Reisende aus Khotan gut in Reichweite. Der Absender eines in Khotan entdeckten sogdischen Briefes schreibt: „Ich ging nach Parwan … Ich sandte den Brief aus Parwan“ (Nr. 5, Zeilen 17–18, Bi und Sims-Williams 2015: 266).
Brief 2 aus Dandan-Uiliq
Provenance: Dandan-Uiliq, Khotan, China
Date: around 791 C.E.
Catalogue number: BH1-19
Location: National Library of China
Size: 28 × 40 cm, recto 38 lines, verso blank
Previous editions: Zhang and Shi 2009 (in Chinese), Zhang 2016b (English translation only)
Transliteration
1 pnn’m yzyd kwdh yqrbqr sd hzr šlm’ by kwdh rb nysy cyl’g by ’zrmy
2 ’bw shq by gr’my br’dr šw’prdr by ychq wby mwšq wby hrwn by
3 k’šq by kwhrq kwdynq by hmgyn mrdwm’n yš m’ bzwrg wqwdq ’z mn
4 rbyy drwd wdrwsty ’ghy yš mr’ nbyswm qw mn whqym wpyrw wmmzyr šbly
5 drwst wnyyqwm wmrdmq’n ’y k’nh p’ nyrw yzyd kwdh t’ ymrwz ps ’z yn
6 ’ghnwm by br’d šw’prdr qw \nwrbq/ ’ndr kwtn ’md wn’mh yš m’ ’wrd wyptw\m/
7 wbr kwndwm ’ny nbyšt bwdy hmgyn qw yš m’ p’ tn ’y kwš drwst wnyyq
8 hyd m’ ’z dwr skt š’d b’ šym wsb’s d’ry qwnym ’pyš yzyd kwdh
9 wps tw ’gh \b’š/ qw m’ gwspnd ’yptwm ’z dyhg’n skt ’zdyhh hdyh ’y
10 prmwdy bwdym yš r’st cwn tyb ’ndr bwrdwm hmndr zm’n tyb p’n
11 by qr dyd wmr cyk’šy r’ prmwd qw zwd gwspnd yn swgdy by dyh
12 wcykšy w’n bd pywstn by dyhg’n kyšm qrypt wcyz skwn ’y bd mrdwm
13 n’ grypt chr mrnd d’d šbly whqym wdw gwl’m rptn p’ qwh
14 šš my mh p’ dh sgd dyhg’n r’ yqy gwlyq wyq qpyz qbr wpnc šg
15 dwgbyk wyq šg dmbyr wyq styr bwy ’y cyny h(dy)h ’z mr syky r’ yqy
16 prny’n wyqy šmsy hydyh cy nyyq qrdyd syky (cy)k’šy ’y dwktr ’y dyhg’n \ r’/
17 ???ryq qr’q n’m hst yqy prny’n wdw gnd wdw lymcw hdyh yq pnkw’n
18 ’y br gwspnd myhtr’ yqy lyqyn wyqy gnd yqy lymcw hdyh dw mrnd
19 r’ qw sr šmr ’y gwspnd myhtr bwdn yq yq lyqyn wyq yq gnd wd lymcw
20 hdyh šb’n’n r’ bgdw wgnd wlymcw hdyh wšdn p’ qw\h/ by nwz gwspnd
21 by dyst m’ n’ rsyd wpdyryptn qw gwspnd skt nyyq dyhym wp’ n’mh
22 nbyšt bwdy qw nyz pšyz kwstn p’ gwspnd wn’ d’dwm wn’ nyyq qr dy
23 ’g(r) yn n’mh by šm’ rs’d wd\w/ktr ’y dy\h/g’n by rwn n’mdh b’d
24 [hr ](c)nd pšyz kw’(h)[d ](p)’ gwspnd ’š by prmy d’dn wb’ wy byrwn ’yy
25 [mr’ t]w cyšm wrwšny’y hm yn dwktr hst dyhg’n r’ wskt sb’s qwn
26 [’g]r sb’s ’y wr’ qwny cyz gwm n’ bwd mn skt bysy’r n’mh prystw\m/
27[by] šm’ ps n’ d’nwm qw by šm’ n’ rsd (p)[’ pn](c) my m’ p’ hzdh sgd
28šbly ’ndr ’md p’ byst wpnc sgd dw qynq’k dyhg’n nzdyq ’y
29 dwktr prystyd mn p’ dyst ’y hm ’n qynq’k syh n’mh prystydwm
30 by šm’ hr cy ’ghy ’y šhr wny q’šgr bwd hmgyn nbyšt bwdwm ’ghy ’y
31 (q)’šgr yn hst qw twpyty’n r’ p’q by qwštn wbgdw bstn wsb’pwšy šwd
32 [p’] q’šgr ’b’ p’ sd mrnd cy sw’r wcy py’dh wsbs ’y sb’pwšy {hb}
33 [py]nb’šy hrb r’ wsl’m wkzym r’ bysp’n prystyd wmn hrb r’ cyz
34 d’dwm p’ m’yh ’y sd ptqw pšyz wndrz qr dydwm ’z swy ’y dwyd r’
35 psr ’y nysy wkhr z’dh yš m’ r’ hm hrb r’ wsl’m wkwz’m r’ qw
36 ’gr ’mdh b’d p’ q’šgr hr cnd kwzynh kw’hnd cyz b’z m’
37 m’ d’ ryd by ydwn šnydwm qw hm dwyd whm
38 kw’hr z’dh
Transcription
1 pannām īzid xudā ī-kirbakkar. sad hazar šalamā bē xudā rab Nīsī Čīlāg, bē āzarmī
2 Abū Sahak, bē grāmī brādar Šawāfradar, bē Ičhak, u-bē Mōšak, u-bē Harūn, bē
3 Xāšak, bē xwāharak Xudēnak, bē hamagīn mardōmān iš~mā buzurg u-kōdak, az man
4 rabī. drōd u-drustī. āgahī iš~marā nibēsum kū: man u-hakīm u-payrō u-mamzēr Šablī
5 drust u-nēk-um. u-mardamakān ī xāna pa nērō īzid xudā tā imrōz. pas az ēn,
6 āgahanum bē brād Šawāfradar kū: Nūrbak andar Xōtan āmad. u-nāma iš~mā āward, u-yaftum.
7 u-bar xwandum ān-ī nibišt būdē. hamagīn kū iš~mā pa tan ī xwaš drust u-nēk
8 hēd. mā az dūr saxt šād bāšīm. u-spās-dārī kunēm apēš īzid xudā.
9 u-pas tō āgah bāš kū: mā gōsfand ayāftum az dihgān saxt āzadīhā. hidya ī
10 framūdē būdēm iš rāst. čūn tīb andar burdum. hamandar zamān tīb pān
11 bi~kr dīd, u-mar Čikāšī rā framūd kū: “zūd gōsfand ēn sugdī bē dih!”
12 u-Čikašī u-ān bad paywastan. bē dihgān xišm grift. u-čīz saxwan ī bad mardum
13 na grift. čahar marand dād. Šablī u-hakīm u-dō γulām raftan pa kūh
14 šaš~mī māh pa dah saγd. dihgān rā: yakē γulīk u-yak kafīz kabar u-panj šag
15 dugbīx u-yak šag dambīr u-yak satēr bōy ī čīnī hidya. az mar sīxī rā: yakē
16 parnyān u-yakē šamsi hidya. čē nēk kardēd! sīxī čikāšī ī duxtar ī dihgān rā,
17 ???rīk krāk nām hast, yakē parnyān u-dō gand u-dō līmčū hidya. yak panxwān
18 ī bar gōsfand mihtarā: yakē līkīn u-yakē gand yakē līmčū hidya. dō marand
19 rā, kū sar šmar ī gōsfand mihtar būdan, yak yak līkīn u-yak yak gand u-dō līmčū
20 hidya. šubānān rā: bagdū u-gand u-līmčū hidya. u-šudan pa kūh. bē nūz gōsfand
21 bē dist mā na rasīd. u-padīriftan kū:“gōsfand saxt nēk dihēm.” u-pa nāma
22 nibišt būdē kū: “nīz pašīz xwāstan pa gōsfand, u-na dādum.” u-na nēk kar~dē.
23 agar ēn nāma bē šmā rasād, u-duxtar ī dihgān bē~rōn nāmada bād,
24 [har] čand pašīz xwā[had ](p)a gōsfand aš, bē framāy dādan. u-bā ōy bērōn āyē.
25 [marā t]ō čišm u-rōšnī-ē. ham ēn duxtar hast dihgān rā. u-saxt spās kun.
26 [aga]r spās ī ō-rā kunē, čīz gum na buwad. man saxt bisyār nāma frēstum
27 [bē] šmā. pas na dānum kū bē šmā na rasad. (p)[a pan]j~mī mā pa haždah saγd,
28 Šablī andar āmad. pa bīst u-panj saγd, dō kinkāx dihgān nazdīk ī
29 duxtar frēstīd. man pa dist ī ham ān kinkāx sīh nāma frēstīdum
30 bē šmā. har čē āgahī ī šahr u-nē kāšgar būd hamagīn nibišt būdum. āgahī ī
31 kāšgar ēn hast kū: tūpityān rā pāk bē kuštan u-bagdū bastan. u-spāfūšī šud
32 [pa] kāšgar abā pa~sad marand či sawār u-či payāda. u-spas ī spāfūšī,
33 [pē]nbāšī harb rā u-salām u-xazīm rā bayaspān frēstīd. u-man harb rā čīz
34 dādum pa māyah ī sad patku pašīz. w-andarz kar~dēd-um, az sōy ī Dawīd rā,
35 pisar ī Nīsī u-xahar zāda iš~mā rā, ham harb rā u-salām u-xuzām rā, kū:
36 “agar āmada bād pa kāšgar, har čand xuzīnah xwāhand, čīz bāz ma
37 ma dā~rēd.” bē ēdōn šnīdum, kū ham Dawīd u-ham
38 xwāhar zāda.
Übersetzung
1 Im Namen Gottes, des Herrn, des Barmherzigen. Hunderttausend Grüße an den Herrn und Meister Nisi Chilag, an den ehrenwerten
2 Abu Sahak, an (meinen) lieben Bruder Shawāfradar, an Issac, an Mushak, an Harun, an
3 Khashak, an (meine) kleine Schwester Khudenak, an alle deine Leute, Alt und Jung, von mir,
4 Rabbi. Grüße und Segenswünsche! Ich schreibe, um euch mitzuteilen, dass: ich, Hakim, der Diener, und Shabilī, der Uneheliche,
5 gesund und wohlauf sind. Durch die Kraft des Herrn Gottes geht es den Kindern des Hauses bis heute gut. Danach
6 teile ich (meinem) Bruder Shawāfradar mit, dass: Nūrbak nach Khotan gekommen ist. Er brachte euren Brief, und ich habe (ihn) erhalten.
7 Ich habe gelesen, was du geschrieben hast. Ihr seid alle körperlich gesund und wohlauf.
8 Wir sind aus der Ferne sehr glücklich. Wir danken vor dem Herrn Gott.
9 Und dann sei dir der Tatsache bewusst, dass: Wir haben vom örtlichen Herrscher sehr großzügig Schafe erhalten. Die Geschenke, die
10 Wir hatten es so angeordnet (es ist richtig). Als ich das Parfüm hereinbrachte, befahl er Čikāšī, sobald er das Parfüm an jenem
11 Mädchen sah: „Liefere schnell die Schafe dieses Sogdiers aus!“
12 Čikašī und er verstanden sich nicht. Doch der Herrscher wurde zornig. Er
13 hörte nicht auf die Worte der bösen Leute. Er [der Herrscher] gab vier Marand (?). Shabilī, Hakim und zwei Sklaven begaben sich am
14 10. (Tag) des 6. Monats in die Berge. Das Geschenk für den Herrscher: eine Vase, ein Kafīz Kapern, fünf Šag
15 Dugbīkh, ein Šag Dambīr, ein Stater des chinesischen Duftes [= Moschus?]. Das Geschenk für Sīkhī: ein (Stück)
16 Seide und ein Hemd. Wie gut du das gemacht hast! Für Sīkhī Cīkāšī, die Tochter des Herrschers, deren Name
17 . . . . . . Rīk Krāk lautet, beträgt das Geschenk ein (Stück) Seide, zwei (Einheiten) Zucker und zwei (Einheiten) Līmčū. Für den leitenden Beamten,
18 der für die Schafe zuständig ist, besteht das Geschenk aus einem līkīn und einer (Einheit) Zucker und einer (Einheit) līmčū. Für die beiden marand (Soldaten?)
19 Für diejenigen, die für die Schafzählung zuständig sind, beträgt das Geschenk je einen Līkīn, je eine Einheit Zucker und zwei Einheiten Līmčū.
20–21 Für die Hirten beträgt das Geschenk Bagdū (= Sklave?), Zucker und Līmčū. Sie sind in die Berge gegangen, aber wir haben die Schafe noch nicht erhalten. Sie haben versprochen: Wir werden die Schafe ganz ordnungsgemäß übergeben. In dem Brief
22 hattest du geschrieben: Sie wollten immer noch Geld für die Schafe, und ich habe es nicht gegeben. Das war nicht gut von dir.
23 Wenn dieser Brief dich erreicht und die Tochter des Herrschers noch nicht herausgekommen ist,
24 wie viel Geld sie auch immer für die Schafe verlangen mag, gib es ihr bitte und komm mit ihr heraus.
25 [Für mich] bist du das Auge und das Licht. Diese Tochter ist genau das für den Herrscher. Danke ihr von ganzem Herzen.
26 Wenn du ihr dankst, wird nichts verloren gehen. Ich werde dir sehr viele Briefe schicken.
27 Aber ich weiß nicht, ob diese (Briefe) dich erreichen werden oder nicht. Am 18. des 5. Monats
28 kam Shablī [nach Khotan]. Am 25. sandte der Herrscher zwei Boten zu
29 (seiner) Tochter. Durch diese Boten sandte ich dir dreißig Briefe
30. Ich habe über alle Städte geschrieben, außer über Kashgar. Die Nachricht von
31 In Kashgar geschah Folgendes: Sie nahmen alle Tibeter gefangen und töteten sie. Der stellvertretende Kommissar der Armee begab sich
32 mit 500 Marand (= Soldaten?) nach Kashgar, einige zu Pferd, andere zu Fuß. Nach dem stellvertretenden Kommissar der Armee
33 sandte der Kommissar für Soldaten und Pferde einen Boten für die Schlacht und für Frieden und Sieg. Für die Schlacht
34 spendete ich eine Summe im Wert von 100 Münzketten. Du hast mir Rat gegeben um Davids willen,
35 Nisis Sohn und dein Neffe, auch für den Kampf, für Frieden und Sieg:
36 „Wenn es [der Krieg] nach Kashgar gekommen wäre, wie sehr sie es auch wollen mögen,
37 halte nichts zurück.“ Ich habe darauf gehört [= bin deinem Rat gefolgt] ebenso wie auf den von David
38 und dem Neffen.
Kommentar
Zeile 1: „Im Namen Gottes, des Herrn, des Barmherzigen.“ Dies ist eindeutig eine Nachahmung der Basmala-Formel, die auch teilweise in Sogdisch und Baktrisch belegt ist. Es überrascht nicht, dass Mount Mugh 1.I., ein Brief in Sogdisch, den ein Araber an den Herrscher von Panjikent sandte, wie folgt beginnt: prn’m βγy δ’mδn’k „Im Namen Gottes, des Schöpfers.“ Siehe Yakubovich 2002: 234, 235. Diese Formel könnte auch in GXW 0434 vorkommen, einem kürzlich in Khotan entdeckten sogdischen Manuskript: [pr] βγy n’m „Im Namen Gottes“. Siehe Yoshida 2019: 391. Beachte, dass Bi und Sims-Williams (2010: 504–5) eine andere Lesart angeben. Zwei sogdische Handschriften aus dem 10. Jahrhundert aus Dunhuang (DTS A = Pelliot Chinois 3134 verso und DTS D = Pelliot Chinois 2782 recto) enthalten dieselbe Formel. Siehe Sims-Williams und Hamilton 2015: 28, 47. Dokument Y, ein baktrisches Dokument aus dem Jahr 771 n. Chr., das späteste datierte Dokument im Korpus der baktrischen Dokumente aus Nordafghanistan, beginnt mit derselben Formel: πιδο ναμο ιεζιδ „Im Namen Gottes“. Siehe Sims-Williams 2000: 144–45. All dies muss von der ursprünglichen arabischen Formel beeinflusst sein, die in 31 der 32 Dokumente im Korpus arabischer Dokumente aus Nordafghanistan belegt ist, die zwischen 755 und 777 datiert sind (Khan 2007: 92–165).
Zeile 1: kwdh rb „Herr, Meister“ ist wahrscheinlich eine calque des sogdischen βγw xwβw „der Herr, der Souverän“, das in den Dokumenten vom Berg Mugh reichlich belegt ist und als Ehrentitel verwendet wird. Siehe Livshits 2015: 176.
Zeilen 1–3: Die Personennamen und Beinamen der Personen auf der Empfänger- und Absenderseite sowie die Sprachen, aus denen sie stammen, sind unten aufgeführt. Beachte, dass eine weibliche Adressatin enthalten ist, was zeigt, dass die Gemeinschaft nicht ausschließlich aus männlichen Mitgliedern bestand, die kurzfristige Geschäfte tätigten. Sie haben Frauen und Kinder mitgebracht und möglicherweise mindestens zwei Siedlungen im Gebiet von Khotan gegründet, wo sie lokalen Nahhandel mit Schafen betrieben. Zum Handel mit Schafen siehe Du1.15 und Du2.20–24. Die Mehrsprachigkeit dieser Namen und Beinamen verdeutlicht den multikulturellen (hebräischen, persischen, arabischen und sogdischen) Hintergrund der Gemeinschaft.
Seite des Empfängers
Name: Nīsī Čīlāg
Sprache: ?
Bezeichnung ((Epitheton): lord master xudā rab
Sprache: Persisch
Name: Abū Sahak
Sprache: Arabic
Bezeichnung ((Epitheton): honorable āzarmī
Sprache: Persisch
Name: Šawāfradar
Sprache: Sogdisch
Bezeichnung ((Epitheton): dear grāmī
Sprache: Persisch
Name: Ičhak
Sprache: Hebräisch
Bezeichnung ((Epitheton): n/a
Sprache: n/a
Name: Mōšak
Sprache: Hebräisch
Bezeichnung ((Epitheton): n/a
Sprache: n/a
Name: Harūn
Sprache: Arabisch
Bezeichnung ((Epitheton): n/a
Sprache: n/a
Name: Xāšak
Sprache: ?
Bezeichnung ((Epitheton): n/a
Sprache: n/a
Name: Xudēnak (f.)
Sprache: Sogdisch
Bezeichnung ((Epitheton): little sister xwāharak
Sprache: Persisch
The sender’s side
Name: (the sender )
Sprache: Hebräisch
Bezeichnung ((Epitheton): Rabbi rabī
Sprache: Hebräisch
Name: Hakīm
Sprache: Arabisch
Bezeichnung ((Epitheton): n/a
Sprache: n/a
Name: n/a
Sprache: n/a
Bezeichnung ((Epitheton): attendant payrō
Sprache: Persisch
Name: Šablī
Sprache: ?
Bezeichnung ((Epitheton): illegitimate mamzēr
Sprache: Hebräisch
Name: David
Sprache: Hebräisch
Bezeichnung ((Epitheton): illegitimate mamzēr
Sprache: Hebräisch
Name: Bagidi
Sprache: Sogdisch
Bezeichnung ((Epitheton): maiden kanīzag
Sprache: Sprache
Zeilen 3–4: „Von mir, dem Rabbi.“ Der Absender bezeichnet sich selbst als Rabbi. Auch in Du1.16 bezeichnet sich der Absender als Rabbi, wenn auch auf etwas indirekte Weise. Dies deutet stark darauf hin, dass beide Briefe von derselben Person verfasst wurden.
Zeile 5: „Durch die Kraft des Herrn Gottes geht es den Kindern des Hauses bis heute gut.“ Eine enge Parallele findet sich in Zeile 6 von GXW 0114, einem sogdischen Brief aus Khotan: ms m’xw pr βγy z’wr kw nwr myδ prm ’z-c’t ’s(kw)ym „Auch wir sind, mit Gottes Hilfe (wörtlich: Kraft), bis zum heutigen Tag (= heute) wohlauf.“ Die Wörter in Klammern stammen von mir. Siehe Bi und Sims-Williams 2015: 262. Du2 folgt eindeutig der brieflichen Konvention sogdischer Briefe.
Zeile 6: „Nūrbak kam nach Khotan.“ In Du1.26 brachte Nūrbak dem Absender wahrscheinlich eine Harfe mit. Mit anderen Worten: Nicht nur ist der Name Nūrbak in beiden Briefen belegt, sondern die Person, die diesen Namen trägt, reist in beiden Briefen auch als Bote zwischen dem Empfänger und dem Absender hin und her.
Zeilen 10–11: hmndr zm’n tyb p’n by qr dyd „Sobald er das Parfüm an jenem Mädchen sah“ Diese Passage ist problematisch. Hier verstehe ich tyb als „Parfüm“ und by qr als ein Wort bikr „Jungfrau, Mädchen“. Das Subjekt des Satzes ist dyhg’n, der Herrscher von Khotan.
Zeile 11: „Bringt die Schafe dieses Sogdierers schnell her!“ Dies sind die Worte von „dihgān“, vermutlich ursprünglich auf Khotanisch, was in etwa „thyau ttye sūlyä pasi haura“ lauten würde. Wie die zahlreichen sogdischen Elemente in den Briefen zeigen, stammten diese persischsprachigen Juden aus Sogdiana und galten in den Augen der einheimischen Khotaner als vollkommen sogdisch, unabhängig davon, welche Sprache sie tatsächlich sprachen. Aufgrund dieser Passage und des in diesen Briefen verwendeten sogdischen Ordnungszahl-Suffixes -my argumentiert Yoshida (2019: 390–91) jedoch, dass die Muttersprache des Absenders der Briefe Sogdisch war und Persisch seine Zweitsprache. Ich würde mir hingegen vorstellen, dass unsere jüdischen Freunde in Khotan eng verbundene Gemeinschaften bildeten und dieselbe Muttersprache teilten. Dass sie die hebräische Schrift zum Verfassen der Briefe verwendeten, zeigt, dass sie innerhalb der Gemeinschaft korrespondierten und es keinen Grund gab, eine Zweitsprache zu verwenden. Wäre Sogdisch tatsächlich ihre Muttersprache gewesen, hätten sie in Judäo-Sogdisch geschrieben. Diese Menschen waren persischsprachige Juden aus Sogdiana. Mit anderen Worten: Sie waren kulturell jüdisch, sprachlich persisch und geografisch gleichzeitig Sogdier.
Zeilen 14–20: Diese Zeilen enthalten sechs Gruppen von Geschenken an sechs verschiedene Empfänger, wahrscheinlich in absteigender Rangordnung
Recipient
Quantity 1
Unit n/a
Item vase (Sog.)
Recipient
Quantity 1
Unit kafīz
Item capers
Recipient
Quantity 5
Unit šag
Item dugbīx ?
Recipient Dihgān ruler of Khotan
Quantity 1
Unit šag
Item dambīr ?
Recipient
Quantity 1
Unit stater
Item Chinese scent (= musk?)
Recipient Sīxī
Quantity 1
Unit n/a
Item silk
Recipient
Quantity 1
Unit n/a
Item shirt (Chin.)
Recipient Sīxī cīkāšī of the ruler’s daughte
Quantity 1
Unit n/a
Item silk
Recipient Sīxī cīkāšī of the ruler’s daughte
Quantity 2
Unit n/a
Item sugar
Recipient Sīxī cīkāšī of the ruler’s daughte
Quantity 2
Unit līmčū ?
Item Chinese scent (= musk?)
Recipient the Executive Official in charge of sheep
Quantity 1
Unit n/a
Item līkīn ?
Recipient the Executive Official in charge of sheep
Quantity 1
Unit n /a
Item sugar
Recipient the Executive Official in charge of sheep
Quantity 1
Unit n/a
Item īmčū ?
Recipient two marand (soldiers?) in charge of sheep-counting
Quantity 1 each
Unit n/a
Item līkīn ?
Recipient two marand (soldiers?) in charge of sheep-counting
Quantity 1 each
Unit n/a
Item sugar
Recipient two marand (soldiers?) in charge of sheep-counting
Quantity 2
Unit n/a
Item līmčū ?
Recipient two marand (soldiers?) in charge of sheep-counting
Quantity n/a
Unit n/a
Item bagdū (slave?)
Recipient shepherds
Quantity n/a
Unit n/a
Item sugar
Recipient shepherds
Quantity n/a
Unit n/a
Item līmčū ?
Zeile 25: [mr’ t]w cyšm wrwšny’y hm yn dwktr hst dyhg’n r’ „[Für mich] bist du das Auge und das Licht. Diese Tochter ist für den Herrscher genau das.“ Ich habe den Anfang der Zeile etwas kühn rekonstruiert. Was die Tochter des Herrschers betrifft, ist die folgende Passage aus Xin Tangshu, Band 110, von großem Interesse: 安祿山反,勝使弟曜攝國事,身率兵五千赴難。國人固留,勝以少女為質而行。„Als An Lushan rebellierte (755/756), übertrug Yuchi Sheng seinem jüngeren Bruder Yao (= Viśa Vāhaṃ, unser dihgān hier) die Leitung der Staatsangelegenheiten (von Khotan) und führte selbst 5.000 Soldaten an, um das Land aus der Katastrophe zu retten. Die Bevölkerung des Staates bestand darauf, dass Sheng bleiben solle. Sheng hinterließ seine junge Tochter als Geisel und brach auf.“ Die Tochter des Herrschers könnte die Nichte unseres Dihgān sein, die Tochter seines älteren Bruders Yuchi Sheng, die 35 Jahre zuvor als Geisel zurückgelassen worden war.
Zeilen 27–30: Am 18. des fünften Monats kam Shablī nach Khotan, vermutlich mit einer Nachricht der Empfänger an den Absender. Eine Woche später, am 25., sandte der Absender 30 Briefe über zwei Boten des Herrschers von Khotan an die Empfänger und schrieb über „alle Städte mit Ausnahme von Kashgar“. Offenbar war der Absender sehr darauf bedacht, Informationen an die Empfänger weiterzugeben. Dies erinnert an den sogdischen antiken Brief Nr. 2 (Sims-Williams 2001), in dem der Absender politische und finanzielle Informationen aus China an seine Geschäftspartner in Samarkand weitergab. Du2 muss nach dem 10. des sechsten Monats verfasst worden sein, der in Zeile 14 erwähnt wird. Vermutlich ereignete sich der Vorfall in Kashgar nach dem 25. des fünften Monats, als er die 30 Briefe verschickt hatte.
Zeile 31: „Sie nahmen alle Tibeter gefangen und töteten sie (?).“ Das Subjekt des Satzes dürfte die in Kashgar stationierte chinesische Armee sein. Da Du1 in Dandan-Uiliq gefunden wurde, stammt Du2 aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls aus Dandan-Uiliq, das kurz nach 791 aufgegeben wurde – vermutlich infolge der politischen Unruhen, die durch den Einfall der Tibeter ausgelöst worden waren. Der Vorfall in Kashgar spiegelt den ersten Versuch der Tibeter wider, Ende des 8. Jahrhunderts die Kontrolle über das südliche Tarimbecken zu erlangen. Zehn Jahre später, zu Beginn des 9. Jahrhunderts, kam es in Kashgar zu Zusammenstößen zwischen den Uiguren und den Tibetern (Yoshida 2009).
Zeile 31: sb’pwšy „Der stellvertretende Kommissar der Armee“. Dieser stellvertretende Kommissar der Armee konnte nicht der stellvertretende Kommissar des Militärkommandos der vier Garnisonen (unter der Leitung von) Anxi (= Kucha) 安西四镇节度副使 sein, der niemand anderes als der König von Khotan selbst war (Zhang und Rong 1997: 343), sondern der Vizekommissar der Garnison von Khotan 于阗镇守副使, der dem Kommissar der Garnison von Khotan 于阗镇守使 unterstellt war, auch bekannt als der Großkommissar der Armee von Khotan 于阗军大使 (Meng 2012: 123). Ebenso konnte der stellvertretende Kommissar der Garnison von Khotan (于阗镇守副使) auch als stellvertretender Kommissar der Armee von Khotan (于阗军副使) bezeichnet werden, wobei der stellvertretende Kommissar der Armee (军副使) dem Begriff sb’pwšy entsprach. Eine weitere Variante dieses Titels, der stellvertretende Regulierungsbeauftragte von Khotan (于阗经略副使), ist in drei neu entdeckten chinesischen Dokumenten aus Khotan belegt (Meng 2014: 4–5). Yoshida (2019: 387) schlägt eine andere Lesart vor. Er liest den ersten Teil sbā als chinesischen Familiennamen, abgeleitet von Chin.sīmaˇ LMC sˌzma 司马. Eine Person mit diesem Nachnamen ist in einem in Khotan entdeckten Fragment einer chinesischen Handschrift belegt (Or.8212/1576, siehe Sha und Wood 2005, Bd. 2: 227). In zwei Fällen in Mahrnāmag, ’wlwgfwšy (M1.94) und l’fwšyy (M1.95), sind der Name und der Titel als ein Wort zusammengeschrieben. Wenn sb’pwšy tatsächlich eine solche Kombination aus einem chinesischen Nachnamen und einem Titel ist, die zusammen geschrieben wurden, würde ich auch vor (pē)nbāšī „der Kommissar für Soldaten und Pferde“ einen chinesischen Nachnamen oder einfach einen Namen erwarten, aber es gibt keinen.
Zeilen 33–34: „Ich spendete für die Schlacht eine Summe im Wert von 100 Strängen Münzen.“ Eine Kette entspricht tausend Münzen. Hunderttausend Münzen sind eine beträchtliche Summe. Der Absender bemühte sich sehr, durch den Einsatz seiner finanziellen Macht in die politischen und militärischen Angelegenheiten einzugreifen. Eine noch größere Geldsumme, nämlich 1.000 Ketten oder 1 Million Münzen, wird in GXW 0434 erwähnt, einem sogdischen Manuskript aus Khotan. Yoshida (2019: 391) vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Manuskripten geben könnte. Er spekuliert sogar über die Möglichkeit, dass ein Jude das sogdische Manuskript verfasst habe. Leider ist GXW 0434 einfach zu fragmentarisch, um eine eindeutige Schlussfolgerung ziehen zu können. Es ist jedoch denkbar, dass auch die Sogdier in Khotan ihr Bestes taten, um ihre Interessen zu wahren.
Glossary
?gwšt ?guš-t unklar. Utas (1968: 168) liest (g)wšt gōšt „Fleisch“ und behandelt die Spur vor dem Gimel als einen ausgelassenen Buchstaben. Paul (2013: 98, Anm. 1) liest ’gwš-t āgōš-t „dein Schoß“. Der Kontext ist nicht klar genug, um diese Lesart zu rechtfertigen. Ich halte es für besser anzunehmen, dass der erste Buchstabe beschädigt und unleserlich ist. Aus dem Kontext geht hervor, dass es sich hier eher um einen Personennamen handelt. Du1.31
’b’ abā „mit“. MP abāg NP bā. Du2.32
’br abar „auf“. MP ~ NP bar. Du1.5
’br kstn bar xastan „aufstehen, sich erheben“. MP abar āxistan NP bar xāstan.
’br kstwmy abar xastumē Past. Irrealis 1. Person Singular. Siehe Paul 2013: 130. Du1.5
’bw shq Abū Šahak pn. Du2.2
’bzwdn abzūdan „zunehmen, wachsen“. MP ~ NP afzūdan
’bzwd abzūd Vergangenheit 3. Person Singular. Du1.9
’gh āgah „bewusst, wissend“. MP āgāh NP āgah, āgāh. Du2.9
’ghn- āgahan- „informieren“. MP āgāhēn-, NP āgāhān-.
’ghnwm āgahanum Präs. 1. Pers. Du2.6
’ghy āgahī „Bewusstsein, Information“. MP āgāhīh NP āgāhī. Du2.4, 30*2
’gr agar „wenn“. MP ~ NP ~. Du1.20, 28, Du2.23, [26), 36
’mwz- āmōz- „lehren“. MP hammōz- hammōxtan NP āmōz- āmōxtan.
’mwzd āmōzad Präs. 3. Pers. Du1.27
’mwzwm āmōzum Präs. 1. Pers. Du1.25
’n ān „das.“ MP ~ NP ~. Du1.28, 32, 34, Du2.12, 29
’ndr andar „drinnen.“ MP ~ NP ~. Du1.33, Du2.6, 10, 28
’ndryq andarīk „Eunuch“. Sogd. ’ntryk, siehe Utas 1968: 135. Du1.27
’ndwh andōh „Kummer, Sorge“. MP ~ NP ~ Sogd. ’ntwγc. Du1.21, 30
’ndwh kwrdn andōh xwardan „sich sorgen, wörtlich: Angst essen“. Derselbe Ausdruck findet sich in zwei sogdischen Briefen, einem aus Khotan (GXW0114) und einem aus Dunhuang (Or.8212/86): ycw ’ntwxch ZYL’ prm’y xwrt „Bitte mach dir keine Sorgen“, ’ntwxc n’ xwr’, „Mach dir keine Sorgen“. Siehe Bi und Sims-Williams 2015: 262, 266 und 267.
’ndwh m’ p[rmy kwrdn] andōh ma f[armāy xwardan] Impv. 2. Du1.21
’ndwh m’ kwr andōh ma xwar Impv. 2. Du1.30
’ny ān-ī = ān + ī „das von“. Du1.4, 13, Du2.7
’pyš apēš „vor“. MP pēš NP pēš. Du2.8
’(w)r-, ’wrdn āwar-, āwardan „bringen“, MP ~ NP ~. ’ry ārē Präs. 2. Pers. mit dem kürzeren Stamm. Du1.25
’wrd āward 3. Person Singular. Du2.6
’š -aš „sein/ihr, zu ihm/ihr“, enklitisches Pronomen 3. Person Singular, siehe Paul 2013: 98. Du1.29, Du2.24
’y ī ezāfe. MP ~ NP i. Wird normalerweise eigenständig geschrieben, manchmal jedoch als /y-/ zusammen mit dem folgenden Wort, insbesondere wenn ein Pronomen folgt. Siehe ym’, yšm’, yqrbqr. Du1.3, 6*2, 10, 11, 12, 14, 15, 18, 21, 22, 27, 29, 31, 34*3, 35, 37, Du2.5, 7, 9, 12, 15, 16*2, 18, 19, 23, 26, 28, 29, 30*2, 32, 34*2, 35 Relativpronomen. Du1.10, 12, 29, Du2.9
’y ē Hortativpartikel. MP ē(w)/hēb. Siehe Lazard 1988: 208; Paul 2013: 115, 122. Du1.1
-’y -ē „du (sg.) bist“ enklitische Kopula 2s. Du2.25
’ydr ēdar Adv. „hier“, MP ~ NP ~. Du1.22
’ydwn ēdōn Adv. „so, also“, eine Variante von ydwn. MP ~ NP ēdūn. Du1.16
’yptwm yaftum v., siehe yptn. Du2.9
’y- ’mdn āy- āmadan „kommen“, MP ~ NP ~.
’yy Präsens 2. Person Singular, obwohl Imperativ 2. Person Singular erwartet wird. Du2.24
’md āmad Vergangenheit 3. Sing. Du2.6, 28
’mdh b’d āmada bād Konjunktiv Vergangenheit 3. Sing. Du2.36
[’]mdn āmadan Vergangenheit 3. Plur. Du1.17
n’mdh b’d nāmada bād Negativ Konjunktiv Vergangenheit 3. Sing. Du2.23
n’mdh hy nāmada hē Perfekt 2. Person Singular. Du1.35
’yptn ayaftan „erhalten“. MP ayāftan NP yāftan. ’yptwm ayaftum Vergangenheit 1. Person Singular. Du2.9
yptwm yaftum Vergangenheit 1. Person Singular. Du1.28, Du2.6
’z az Präp. „von“, MP ~ NP ~. Du1.9, 15, 18, 21, 26, 28, 31, 32, 35, 36, 37*2, Du2.3, 5, 8, 9, 15, 34
’zdyhh āzadīhā „großzügig“. MP āzād NP āzād „frei, großzügig“, mit der MP-Adverbialendung -īhā. Siehe Paul 2013: 83. Du2.9
’zrmy āzarmī „geehrt, respektiert“. MP āzarmīg. Du2.1
b’ bā „mit“. MP abāg NP ~. Du2.24
b’š- bāš- „sein“. Siehe Paul 2013: 139.
b’š bāš Imperativ 2. Person Singular. Du2.9
b’šd bāšad Präs. 3. Sing., verwendet in Verbindung mit der Hortativpartikel ’y ē. Du1.1
b’ šym bāšīm Präs. 1. Pl. Du2.8
b’yst bāyist „es ist notwendig, sollte“, MP abāyist NP ~.
b’ysty bāyistē Irreal 3. Person Singular, siehe Paul 2013: 130–31. Du1.20
b’z bāz „zurück“. MP abāz NP ~. Du2.36
b’z d’r- bāz dār- „zurückhalten“ MP abāz dār-.
b’z d’r m’ m’ d’ryd bāz ma ma dārēd Impv. 2pl. Die wiederholte Verbotspartikel ist entweder eine Dittographie oder eine Betonung. Sie sollte nicht wie bei Paul (2013: 143) als bāz mā ma dārēd „verheimlicht uns nichts“ interpretiert werden, da eine solche Lesart nicht zum Kontext passt. Du2.36-37
bd bad „schlecht“. MP wad NP ~. Du1.12, Du2.12*2
bgdw bagdu Bedeutung unklar. Aus dem Kontext könnte es „Sklave, Gefangener“ bedeuten. Du2.20, 31
bgydy Bagidi Eigenname. wörtlich „Sklavin Gottes“, sogd. βγyδ’y (M1.134). Siehe Yoshida 2019: 389. Du1.27
bkt baxt „Schicksal, Glück“. MP ~ NP ~. Du1.20
br bar „auf“. MP abar, NP ~. Du2.7, 18
br kwndn bar xwandan „lesen“. NP ~ „aufzählen“.
br kwndwm bar xwandum Vergangenheit 1. Person Singular. Du2.7
br’d brād „Bruder“. MP ~. Du2.6
br’dr brādar „Bruder“. MP ~ NP barādar. Du2.2
bryn barēn „oberer“, siehe Paul 2013: 82. Du1.5, 37
bstn bastan „binden“. MP ~ NP ~.
bstn bastan, Perfekt 3. Plur. Du2.31
bwdn būdan buw- „sein“. MP ~ NP būdan.
bwd būd, Perfekt 3. Sing. Du1.8, 11*2, Du2.30
bwd buwad, Präsens 3. Sing. Du1.9, 22, 29, 39, Du2.26
bwd’(st) būdast umschreibendes Perfekt 3. Sing., aber die Lesart ist ungewiss. Du1.10
bwdn būdan Inf. Du1.20
bwdn būdan Vergangenheit 3. Pl. Du2.19
bwndh bunda unklar, vielleicht „Diener“. MP bandag NP banda Dies könnte nur der zweite Teil eines Wortes sein. Utas (1968) las (kw)ndh. Du1.34
bwr wahrscheinlich ein Fehler für bwd būd. Du1.11
bwrdn burdan v. „tragen, nehmen“. MP ~ NP ~.
bwrdwm burdum Vergangenheit 1. Person Singular. Du2.10
bwy bōy „Geruch, Duft“. MP ~ NP ~. Du2.15
bwy ’y cyny bōy ī čīnī n. „Chinesischer Duft“, wahrscheinlich in Bezug auf Moschus. Weitere Informationen zum Moschus-Handel von Tibet in die islamische Welt finden sich bei King 2011 und 2017. Du2.15
by1 bē „zu, in Richtung“. NP bi. Du1.2, 30, Du2.1*2, 2*5, 3*2, 6, 11, 21, 23, 27, 30, 37
by2 bē „aber“. MP ~. Du1.21, 26, 28, Du2.12, 20
by3 bē Präverb. MP ~. Für eine ausführliche Erörterung der Funktion dieses Präverbs siehe Lazard 1963: 298–326; siehe auch Paul 2013: 115, 120–21, 123–24 und 128–29. Du1.4, 7, 8, 14, 27, Du2.11, 24, 31 Mit Präsensstämmen: durch prmy d’dn bē framāy dādan Impv 2s. „Bitte gib!“ Du1.4, Du2.24
durch dyh bē dih, Impv 2s. „Gib!“ Du2.11
durch bwd bē buwad Präs. 3. Pers. „(es) ist/wird sein“, siehe Lazard 1963: 317–18. Du1.8
b(y) ’mwzd bē āmōzad Präs. 3. Pers. „er wird lehren.“ Du1.27
Mit Verbstämmen der Vergangenheit:
dwr von wpt’d dūr bē ōftād Präteritum 3. Person Singular. „verzögert werden“, mit der alten MP-Bedeutung „raus, weg“, siehe Paul 2013: 129. Du1.7
von šn’ktn bē šnāxtan, 3. Pl. Perfekt: „sie verstanden.“ Du1.14
von qwštn bē kuštan, 3. Pl. Perfekt: „sie töteten.“ Du2.31
byh bih „besser.“ MP weh NP ~. Du1.28
von qr bikr „Jungfrau, Mädchen.“ Du2.11
bynd- bynd’dn bind- bindādan v. „finden“. MP wind- windādan.
bynd’dwm bindādum Perfekt 1. Person Singular. Du1.26
byndwm bindum Präsens 1. Person Singular. Du1.26
byrwn bērōn „draußen“. MP ~ NP bērūn. Du1.35, Du2.23, 24
byrwn ’mdn bērōn āmadan „nach draußen kommen“, idiomatisch „einen Deal machen (?)“. Die idiomatische Verwendung dieses Ausdrucks wird aus dem Kontext abgeleitet. Du2.23, 24
bysp’n bayaspān „Bote“. MP ~. Du2.33
byst bīst „zwanzig“. MP wīst NP ~. Du2.28, Du1.2
bysy’r bisyār „viel“.MP wasyār NP ~. Du2.26
byš bēš „mehr“. MP wēš NP ~. Du1.2
bzwrg b(u)zurg „groß“. MP wuzurg NP ~. Du2.3
c’mq jāmak „Kleidung, Gewand“. MP jāmag NP jāma. Du1.3
chr čahar „vier“. MP čahār NP čahār. Du2.13
cmh jama „Kleidung, Gewand“. MP jāmag NP jāma. Du1.10
cmkwy čamxuy, „Harfe (oder ähnliches Saiteninstrument)“. Sogd. cmxwy. Siehe Utas 1968: 135. Du1.24, 25
cnd čand „einige, ein paar“. MP ~ NP ~. Siehe auch hr cnd. Du1.25, Du2.36
cwn čūn „wenn, weil“. MP čiyōn NP ~. Du1.9, 13, 23, Du2.10
cwst čust „schnell“, obwohl diese Bedeutung nicht gut zum Kontext passt. NP ~. Du1.25
cy čē „was“, MP ~ NP či. Du1.3, 9, 30, Du2.16, 30, 32*2
cy hyz čēhiz „alles“. Siehe Paul 2013: 105. Du1.37
cyk’šy wahrscheinlich „Präfekt“ cìsȟı 刺史 LMC tshẓ ʂṛ (Pulleyblank: 64, 283); MMP cygšyy Khot. tsīṣī. Du2.11, 16
cykšy eine Variante von cyk’šy. Du2.12
cyny čīnī „Chinesisch“. NP ~. Siehe auch bwy ’y cyny. Du2.15
cyl’g Čīlāg pn. Bedeutung unklar. Du2.1
cyšm čišm „Auge“. MP čašm NP ~. Du2.25
cyz čiz „Ding, irgendetwas“. NP ~. Du1.12, 21, 30, Du2.12, 26, 33, 36
d’n- dān- „wissen“. MP ~ NP ~.
d’nwm dānum Präs. 1. Pers. Du2.27
d’r- dār- „halten, bewahren“. MP ~ NP ~. Siehe auch b’z d’r.
d’rwm dārum Präs. 1. Pers. Du1.13
d’ ryd dārēd Impv. 2. Pl. Du2.37
dh-/dyh- d’dn dah-/dih- dādan „geben“. MP dahdādan NP dih- dādan.
d’d dād Perf. 3. Person Sing. Du2.13
d’dn dādan Infinitiv Du1.4, Du2.24
d’dwm dādum Perf. 1. Person Sing. Du2.22, 34
dhwm dahum Präs. 1. Pers. Du1.27
dyh dih Impv. 2. Pers. Du2.11
dyhym dihēm Präs. 1. Pl. Du2.21
dh dah „dort“. MP ~ NP ~. Du2.14
dh m[y] dahmī „der Zehnte“. Sogd. δsm’yk. Du1.7
dmbyr dambīr Ein Eintrag in einer Geschenkliste, genaue Bedeutung unklar. Du2.15
drwd drōd „Gesundheit, Gruß“. MP ~ NP ~. Du2.4
drwst drust „richtig, gesund“. MP ~ NP ~. Du1.22, Du2.5, 7
drwsty drustī „Gesundheit“. MP drustīh NP ~. Du2.4
dw dō „zwei“. MP ~ NP du. Du2.13, 17*2, 18, 28
dw’l dawāl „Riemen“. NP ~. Du1.36
dwgbyk dūgbīx ein Eintrag in einer Geschenkliste, genaue Bedeutung unklar. Du2.15
dwktr duxtar „Tochter, Mädchen“. MP ~ NP ~. Du2.16, 23, 25, 29
dwr dūr „weit“. MP ~ NP ~. Du1.7, Du2.8
dwyd Dawīd pn. „David“. Du2.34, 37
dydn dīdan „sehen“. MP ~ NP ~.
dyd dīd Vergangenheit 3. Person Singular.
dyst dist „Hand“. MP dast. Siehe Paul 2013: 62. Bakt. λιστο. Diese Form ist auch in einem Juden Persischen Brief aus dem Afghanistan des 11. Jahrhunderts belegt (Heb. 8333.4=4.6). Siehe Haim 2014: 104. Du2.11
dyhg’n dihgān wörtlich „Grundherr“. NP ~. Hier bezieht sich dies höchstwahrscheinlich auf Viśa’ Vāhaṃ, den damaligen Herrscher von Khotan, ebenso wie Dēwāštīč, der Herrscher von Panjkent im frühen 8. Jahrhundert, in Ṭabarī als dihqān bezeichnet wird. Siehe Yoshida 2019: 392–94. Zu weiteren Informationen über Viśa’ Vāhaṃ siehe Zhang 2017: 149–50. Du2.9, 12, 14, 16, 23, 25, 28
dyst dist „Hand“. MP dast NP dast. Siehe Paul 20113: 62. Bact. λιστο. Diese Form ist auch in einem Juden-Persischen Brief aus dem Afghanistan des 11. Jahrhunderts belegt (Heb. 8333.4–4.6). Siehe Haim 2014: 104. Du2.21, 29
dzt dast (?) „Hand“. Zur Neutralisierung von z/s vor t oder p siehe Paul 2013: 51. Die zweimalige Belegung von „dyst“ in Du2 macht diese Lösung jedoch weniger wahrscheinlich. Andererseits spricht die Parallelität zwischen p’ dzt (Du1.3) und p’ dyst (Du2.29) dafür. Du1.3
gnd gand „Zucker, Süßigkeit“. Yoshida (2017: 274) wies darauf hin, dass es sich hierbei um den Taschkenter Honig 石蜜 in chinesischen Quellen handeln muss. Du2.17, 18, 19, 20
gr’my grāmī „geachtet, lieb“. MP grāmīg NP ~. Du2.2
gryptn griftan „nehmen, empfangen“. MP ~ NP giriftan.
grypt grift, 3. Person Singular, Präteritum. Du2.13
qrypt grift, 3. Person Singular, Präteritum. Das anfängliche g wird mit einem Qof geschrieben. Siehe Paul 2013: 55. Du2.12
gwl’m γulām „Sklave“. NP ~, aus dem Arabischen ~. Du2.13
gwlyq γulīk „Gefäß, Krug“. Sogd. γwδ’k γōδē NP γolīn. Das sogdische δ wird regelmäßig zu l, wenn es ins Neupersische entlehnt wird. Siehe Henning 1939: 97. Khot. gūthaka (Or.11252/10v.1). Siehe Yoshida 2006: 112. Ich stelle mir vor, dass dieser Krug den kunstvollen Wasserkrügen ähnelt, die an verschiedenen Orten entlang der „Seidenstraße“ gefunden wurden. Drei Beispiele mit Abbildungen und Beschreibungen finden sich bei Whitfield 2019: 192–93. Du2.14
gwm gum „verloren“. NP ~. Du2.26
gwptn guftan „sagen“. MP ~ NP ~.
gwpty guftē, 2. Person Singular, Präteritum. Du1.16
gwptyd guftēd, 2. Person Plural, Präteritum. Du1.28
qwpty guftē, 2. Person Singular, Präteritum. Das anfängliche g wird mit einem qof geschrieben. Siehe Paul 2013: 55. Du1.31
qwptyd guftēd Vergangenheit 2. Pl. (?) Die hier zu erwartende Form scheint guft Vergangenheit 3. Pl. zu sein. Das anfängliche g wird mit einem qof geschrieben. Siehe Paul 2013: 55. Du1.24
gwspnd gōsfand „Schaf“. MP gōspand NP ~. Du1.8, 15, 22, 34, Du2.9, 11, 18, 19, 20, 21, 22, 24
h- h- „sein“. MP ~. Siehe Paul 2013: 138.
hst hast Präs. 3. Sing. Du1.12, 17, Du2.17, 25, 31
hyd hēd Präs. 2. Pl. Du2.8
hdyh hidya „Geschenk“. NP ~. Du2.9, 15, 17, 18, 20*2
hm ham „auch, dasselbe“. MP ~ NP ~. Du2.25, 29, 35, 37*2
hmgyn hamagīn „alle“. MP hamāg NP hamagī. Du1.10, 15, Du2.3, 7, 30
hmndr zm’n hamandar zamān „sobald“. Du2.10
hqym Hakīm pn., von arab. ḥakīm „weise“. Du2.4, 13
hr har „jeder“. MP ~ NP ~. Du1.37, Du2.30
hr cnd har čand „wie viel auch immer“. NP ~. Du2.[24), 36
hrb harb „Schlacht“, von arab. ḥarb oder harab „Flucht“, von arab. harab. Du2.33, 35
hrwn Harūn pn. „Harun“. Du2.2
hwš hōš „Bewusstsein, Intelligenz, Mentalität“. MP ōš NP ~. Du1.30*2
hwšwm hōš-um „meine Intelligenz“. Du1.30*2
hydyh hidya „Geschenk“, eine Variante von hdyh. Du2.15, 16
hyz siehe cy hyz. Du1.37
hzdh haždah „achtzehn“. MP haštdah NP hiždah. Du2.27
hzr hazar „tausend“. MP hazār NP hazār Du2.1
k’nh xāna „Haus“. MP xānag NP ~. Du2.5
k’šq Xāšak pn. Du2.3
khr z’dh xahar zāda „Neffe“, eine Variante von kw’hr z’dh. Du2.35
krydn kr- xarīdan xar- „kaufen“ MP xrīdan xrīnNP ~.
kr’m xarāmSubj. 1. Pers. Du1.12
krnd xarand Präs. 3. Pers. Du1.8
kry xarē Präs. 2. Pers., verwendet als Imperativ mit abgeschwächtem Ton. Siehe Paul 2013: 124. Du1.5
krydn xarīdan Vergangenheit 3. Pl. Du1.15
krydy xarīdē Vergangenheit 2. Pl. Du1.19
kstwmy siehe ’br kstn Du1.5
kw’hr xwāhar „Schwester“. MP xwahar NP ~. Du2.38
kw’hr z’dh xwāhar zāda „Neffe“. NP ~. Du2.38
kw’st’ry xwāstārī„Bitte“. NP ~. Du1.32
kwd xwad „Selbst“. MP ~ NP ~. Du1.19*3, 32
kwdh xudā „Herr“. MP xwadāy NP ~.
Du1.1, 6, 8, Du2.1*2, 5, 8
kwdynq Xudēnak pn., wörtlich „kleine Königin“, Diminutiv von sogd. γwt’ynh „Königin“. Du2.3
kwhrq xwaharak „kleine Schwester“, Diminutiv von kw’hr „Schwester“. Du2.3
kwkw[. . .] unklar. Du1.8
kwndn xwandan „lesen“. MP xwandan xwān- „rufen“ NP xwāndan xwān-.
kwndwm xwandum Vergangenheit 1. Person Singular. Du2.7
kwrdn xwardan xwar- „essen“. MP ~ NP ~.
kwr xwar Imperativ 2. Person Singular. Du1.30
kwrdn xwardan Infinitiv. Du1.21
kwsth xwasta „Wunsch, Absicht“. NP xwāsta. Du1.30
kwstn kw’h- xwastan xwāh- v. „wollen“. MP xwāstan xwāh- NP xwāstan xwāh-.
kw’(h)[d ] xwāhad Präs. 3. Pers. Du1.23, Du2.24
kw’hnd xwāhand Präs. 3. Pl. Du2.36
kwstn xwastan Vergangenheit 3. Pl. Du2.22
kwš xwaš „Selbst“. MP xwēš NP xwēš. Du1.6, 21, Du2.7
wtn Xōtan „Khotan“. Übrigens fand Yoshida (2010: 6) das sogdische ’xwδ’n, xwδn’ „Khotan“ in IOL Khot 158/5, einem bisher unbeachteten sogdischen Fragment aus Khotan. Du2.6
kwz’m xuzām „Niederlagen“, von arab. hazā’im, Plural von hazīmat. Der Wechsel zwischen x- und h- ist auch in kwzynh xuzīna und kzym xazīm zu beobachten. Du2.35
kwzynh xuzīna „Kosten, Ausgaben“. NP hazīna Paz. xazīna. Siehe Lazard 1995: 136. Du2.36
kyšm xišm „Zorn“. MP xē ̆šm NP ~. Du2.12
kzym xazīm „Niederlage“, von arab. hazīmat. Siehe auch kwz’m. Du2.33
lymcw līmčū ein Eintrag auf den Geschenklisten, genaue Bedeutung unklar. Du2.17, 18, 19, 20
lyqyn līkīn ein Eintrag auf den Geschenklisten, genaue Bedeutung unklar. Du2.18, 19
m’ mā „wir, uns“. MP amā NP ~. Du2.8, 9, 21
m’ mā „Monat“, eine Variante von mh. Du2.27
m’ ma Verbotspartikel. MP ~ NP ~. Du1.21, 30, Du2.36, 37
m’yh māyah „Summe, Kopfgeld“. NP ~. Du2.34
mh māh „Monat“. MP ~ NP ~. Du1.7, Du2.14
mmzyr mamzēr „Bastard, uneheliches Kind“, von hebr. mamzer. Streng genommen bezieht sich dieser Begriff auf eine Person, deren Eltern rechtlich nicht heiraten durften, beispielsweise infolge von Inzest oder Ehebruch. Er wird hier als Beiname für Sablī verwendet, ohne erkennbare abwertende Konnotationen. Du2.4
mn man „ich, mir“. MP ~ NP ~. Du1.3, 5, 13, 14, 18, 20, 25, Du2.3, 4, 26, 29, 33
mnr’ manrā = Mann rā. Du1.15, 20
mr . . . r’ mar . . . rā = rā. Siehe Lazard 1963: 382. Du2.11, 15
mr’ marā = man rā Du1.4, 24
mrd mard „Mann“. MP ~, NP ~. Siehe Utas 1968: 133. In Anlehnung an Margoliouth liest Paul (2013: 56) wmyd um(m)ēd als „Hoffnung“. Du1.13.
mrdmq’n mardamakān „Kinder“, wörtlich „kleine Menschen“, Diminutiv von mardōm „Menschen“. Du2.5
mrdwm mardōm „Menschen“. MP ~ NP mardum. Du2.12
mrdwm’n mardōmān „Menschen“. Du1.11, Du2.3
mrnd marand Bedeutung unklar. Aus dem Kontext könnte es „Soldat“ bedeuten. Yoshida (2017: 280, Anm. 22) wies auf die Verwandtschaft mit γulām „Sklave“ und dem berühmten čākar „Sklave/Soldat“ in Sogdiana hin. Du2.13, 18, 32
mwšq Mōšak pn., Diminutiv von Mōše „Moses“. Du2.2
mwzd muzd „Belohnung“. MP mizd NP ~. Du1.6
-my -mī Ordinal-Suffix aus dem Sogdischen -myk. Siehe dh my, pnc my, šš my. Du2.14, 27
myhtr mihtar wörtlich „Ältester, Vorgesetzter, Oberhaupt“, je nach Kontext „verantwortlich für“. MP ~ NP ~. Zum kurzen Vokal e im MP siehe Paul 2013: 42. Du2.18, 19
myhtr’ mihtarā = mehtar rā. Du2.18
n’ na „nicht“. MP nē NP na. Du1.9, 11, 12, 26, Du2.13, 21, 22*2, 26, 27*2.
n’m nām „Name“. MP ~ NP ~. Du2.1, 17
n’mh nāma „Buchstabe“. MP nāmag NP ~. Du1.2, 28, 33, Du2.6, 21, 23, 26, 29
n’mdh siehe ’mdn ’y-. Du2.23, 35
nbyštn nbys- nibištan nibēs- „schreiben“. MP ~ NP ~. nbyswm nibēsum Präs. 1. Pers. Du2.4
nbyšt bwdwm nibišt būdum Plusquamperfekt 1. Person Singular. Du2.30
nbyšt bwdy nibišt būdē Plusquamperfekt 2. Person Singular. Du2.7, 22
ngr nigar- „sehen“. MP niger- NP nigar-. Zum kurzen Vokal e im MP siehe Paul 2013: 42.
ngr nigar Imperativ 2. Person Singular. Du1.3
nwh my nohmī „neunte“, mit dem Ordnungszahl-Suffix -my, im Gegensatz zu MP/NP nohom. Du1.7
nwrbq Nūrbak pn. Du1.26, Du2.6
nwz nūz „noch, immer noch“. Du2.20
ny nē „nein, keiner“, Verneinung eines Substantivs oder eines Satzes, unterscheidet sich von n’ na „nicht“, Verneinung des Verbs. Siehe Lazard 1963: 440–41. Du1.22, Du2.30.
nyrw nērō „Stärke, Kraft“. MP nērōg NP ~. Du2.5
nysy Nīsī pn. Dieser Name ist auch viermal in Heb. 8333.4-4 belegt, einem JP-Brief aus dem Afghanistan des 11. Jahrhunderts. Siehe Haim 2014: 104–5. Du2.1, 35
nyyq nēk „gut, schön“. MP ~ NP ~. Du1.6, Du2.5, 7, 16, 21, 22
nyyqwm nēk-um = nyyq + -wm. „Mir geht es gut.“ Du2.5
nyz nīz „noch, immerhin“. MP anī-z „auch, ebenfalls“ NP ~. Du2.22
nzdyq nazdīk „nah, in der Nähe“. MP ~ NP ~. Du1.23, Du2.28
p’ pa „zu, an, in, auf“, = pd pad. MP pad NP ~. Du1.3*2, 10, 13, 32, 33, Du2.5, 7, 13, 14, 20, 21, 22, 24, 27*2, 28, 29, 32[*2], [32], 34, 36
p’n pān = pa ān. „darauf.“ Es kommt auch in anderen JP-Texten vor. Siehe Paul 2013:143. Du2.10
p’q pāk „sauber.“ MP ~ NP ~. Du2.31
pd pad „zu, an, in, auf“, = p’ MP ~ NP pa. Du1.6, 11
pdyryptn padīriftan „akzeptieren“. MP ~ NP padīruftan
pdyryptn padīriftan Vergangenheit 3. Pl. Du2.21
pdyš pad-iš „darauf“, = pd + -yš. Es kommt auch in anderen JP-Texten vor. Siehe Paul 2013:143. Du1.6
pnc panj „fünf“. MP ~ NP ~. Du1.33, Du2.14, [27), 28
[pn](c) my panjmī „fünfter“. Sogd. pncmyk. Du2.27
pnkw’n panxwān „Verwaltungsassistent (des Militärkommissars)“, ein Titel aus dem Chin. pàn guān LMC p huan kuan 判官, wörtlich „Entscheidungsbeamter“, siehe Hucker 1985: 363. Dieser Titel erscheint auch im Khotanesischen als phąnä kvąnä (Hedin 16 passim, zum Beispiel Bailey 1961: 30–31), im Tumshuqischen als phaṃ kwā nā (HL 13.7, Ogihara und Ching 2017: 468) und im manichäischen Mittelpersischen als p’nxw’n (M1.106–7, Yoshida 1994: 371). Weitere Informationen zu Fu Weijin, einem Beamten mit diesem Titel in den chinesischen und khotanischen Dokumenten aus Khotan, finden sich bei Zhang 2018: 67. Es ist möglich, dass sich der Begriff „panguan“ hier ebenfalls auf Fu Weijin bezieht. Du2.17
pnn’m pannām „im Namen (von)“ = pad nām. Du2.1
prmwdn prmy framūdan framāy- „befehlen, anordnen“. MP ~ NP far~.
prmy framāy Imperativ 2. Person Singular. Du1.4, 32, Du2.24
prmwd framūd Perfekt 3. Person Singular. Du2.11
prmwdy framūdē Vergangenheit 2. Sing. Du1.29
prmwdy bwdym framūdē būdēm Plusquamperfekt 1. Plur. Die erwartete Form ist prmwd bwdym. Paul (2013: 46) las es als prmwdy bwdy. Du2.10
+ Inf., eine höfliche Art, eine Bitte zu äußern, nach dem Vorbild derselben Konstruktion im Sogdischen, siehe Yoshida 2019: 390. kw’st’ry prmy qr dn xwāstārī framāy kardan „bitte eine Bitte äußern“. Du1.32
by prmy d’dn bē framāy dādan „bitte geben“.
Du1.4, Du2.24
prny’n parnyān „bemalte Seide“. NP ~. Du2.16, 17
prw’n Parwān, das heutige Aqsu, entspricht dem chinesischen bō huàn LMC pua xɦuan 撥換, auch belegt als MMP prw’nc (M1.77, die Adjektivform), sogd. prw’n (Bi und Sims-Williams 2015: 269). Siehe Yoshida 2017: 284 und ders. 2019: 386, Anm. 9. Du1.32
prwd frōd „unten“. MP ~ NP furō(d). Du1.5
prwktn frōxtan „verkaufen“. MP ~ NP furōxtan.
prwkth bwd’st frōxta būd ast Passiv Perfekt 3. Die Lesart ist ungewiss. Du1.10
prwkth bwd frōxta būd passive 3rd person singular. Du1.11
prwkty frōxtē past 2nd person singular. Du1.19
prystydn pryst- frēstīdan frēst “to send.” MP ~ NP firistādan.
prystwm frēstum pres. 1st. Du2.26
prystyd frēstīd past 3rd. Du2.29, 33
prystydwm frēstīdum past 1st. Du2.29
prystydy frēstīdē past 2nd. Du1.22, 33
ps pas “then, afterwards.” MP ~ NP ~. Du2.5, 9, 27
psr pisar “son.” MP pusar NP ~. Du2.35
pšyz pašiz “small coin, money,” corresponding to Khot. mūrā, Sogd. pny, referring to the copper coins circulating in Khotan. Du1.34, Du2.22, 24, 34
ptqw patku “string, 1,000 coins,” Sogd. ptkwk, “a string (of coins) = 1,000 coins,” from ptkwc- “to thread, string together,” translated from Chin. guàn 贯 “to run a thread through; a string of 1,000 coins.” See Bi and Sims-Williams 2010: 505–6. Yoshida (2022: 70) argues more convincingly that Sogd. ptkwc- means “to fish,” and Sogd. ptkwk is a calque of m̌ ın 緍 “a fishing-line.” Du1.12, Du2.34
pwrsydn pursīdan “to ask.” MP ~ NP ~.
pwrsydwm pursīdum past 1s. Du1.31
py’dh payāda “on foot, foot-soldier.” MP payādag NP piyāda. Du2.32
pydh paydā “found, revealed.” MP paydāg NP ~. Du1.12
(py)nb’šy pēnbāšī „Beauftragter für Soldaten und Pferde“, aus dem Chinesischen bīng maˇ sȟ ı LMC piayŋ ma ʂṛ 兵馬使. Dieser Titel wurde auch ins Khotanesische als peṃ’baṣī übernommen, belegt in IOL Khot Wood 3. Siehe Yoshida 2019: 386–87. Du2.33
pyrw payrō „Anhänger, Schüler“. NP ~. Du2.4
pywstn paywastan „sich anschließen, verbinden“. MP ~ NP ~. pywstn paywastan, Vergangenheit, 3. Plur. Du2.12
q’r kār „Arbeit“. MP ~ NP ~. Du1.13, 29
q’šgr Kāšgar „Kashgar“. Khot. *kāša- Ort. s. khyeṣa Ort. Pl. khyeṣvā MMP k’šy (adjektivisch). Für eine etwas ausführlichere Erörterung der Etymologie dieses Ortsnamens siehe Bailey 1985: 50–54. Du2.30, 31, 32, 36
qbr kabar „Kapern“, bezieht sich auf die eingelegten Blütenknospen von Capparis spinosa, einer im Mittelmeerraum heimischen Pflanze, die als Gewürz verwendet wird. Dies muss in Khotan exotisch gewesen sein. Du2.14
qnyzq kanīzak „Mädchen, Magd“. MP ~ NP kanīz(ak). Du1.25
qpyz kafīz eine Gewichts- oder Volumeneinheit, ursprünglich aus dem MP kabīz, später als qafīz ins Arabische entlehnt, mit großen lokalen Abweichungen. Im 10. Jahrhundert entsprach beispielsweise ein kafīz in Nīshapūr 56,23 kg und in Fārs 3,2–6,4 kg. Siehe E. Ashtor und J. Burton-Page, „Makāyil (a.)“, in Encyclopaedia of Islam, Second Edition, hrsg. von P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel und W. P. Heinrichs. Du2.14
qrbqr kirbakkar „wohltätig“. MP ~. Du2.1
qrdn qwn- kardan kun- „tun, machen“. MP ~ NP ~. qrdwm kardum Vergangenheit 1. Person Singular. Du1.2
qr dh bwd karda buvad Passiv Präsens 3. Person Singular. Du1.29
qr dn kardan Infinitiv. Du1.32
qr dy kardē Vergangenheit 2. Person Singular. Du2.22
qrdyd kardēd Vergangenheit 2. Person Plural. Du2.16
qr dydwm kardēd-um Vergangenheit 2. Pl. plus 1. Pl. Enklitikon Du2.34
qwn kun Imperativ 2. Pl. Du2.25
qwn’d kunād Konjunktiv 3. Pl. Du1.9
qwnwm kunum Präsens 1. Pl. Du1.29
qwny kunē Präsens 2. Pl. Du2.26
qwnym kunēm Präs. 1. Pl. Du2.8
qrypt grift siehe „gryptn.“ Du2.12
qs kas „Person, jemand.“ MP ~ NP ~. Du1.9, 11
qw kū „das“, Einleitung eines Nebensatzes. MP ~. Du1.3, 16, 19, 24, 28, 33, Du2.4, 6, 7, 9, 11, 19, 21, 22, 26, 27, 31, 35, 37
qwdq kōdak „jung, klein“. MP ~ NP ~. Du2.3
qwh kōh „Berg“. MP kōf N ~. Du2.13, 20
qwpty siehe gwptn.
qwptyd siehe gwptn.
qwštn kuštan „töten“, MP ~ NP ~.
qwštn kuštan Vergangenheit 3. Pl. Du2.31
qynq’k kinkāx „Läufer, Bote“, aus dem Chin. jīn jiaˇo LMC kin kiak 筋脚, belegt in zeitgenössischen chinesischen Dokumenten aus Khotan, siehe Bi 2015: 340. Du2.28, 29
r’ rā „für“, Marker für das direkte Objekt. MP rāy NP ~. „ für“ Du1.30, Du2.14, 15, 16, 19, 20, 25, 33*3, 34, 35*3)
Marker für das direkte Objekt Du1.25, 27, Du2.11, 31
unklar Du1.24
r’st rāst „wahr, richtig“. MP ~ NP ~. Du2.10
rb rab „Herr“. NP ~. Du2.1
rby rabī „Rabbi“. Du1.16
rbyy rabī „Rabbi“. Wir (Zhang und Shi 2009: 89) gingen davon aus, dass das abschließende -y der unbestimmte Artikel -ē ist, und übersetzten es mit „ein Rabbi“. Dies ist möglicherweise nicht korrekt. Die drei Punkte über diesem Wort bedeuten wahrscheinlich eine Auslassung. Du2.4
rn[. . .] Utas (1968: 134) schlug zwei mögliche Rekonstruktionen vor: ranjidē „du (s.) hast dich bemüht“ rāndē „du (s.) hast gefahren“. Du1.19
rptn raftan „gehen, sich bewegen“. MP ~ NP ~. rptn raftan Vergangenheit 3. Pl. Du2.13
rqybyn rakībain „Steigbügel“, von arab. rikāb, Dualform mit Imāla, siehe Utas 1968: 136. Du1.36
rsd rasad „Anteil, Portion“. NP ~. Der Kontext lässt hier keine Verbform zu. Siehe Utas 1968: 132. Du1.4
rsydn, rs- rasīdan ras- „ankommen, erreichen“. MP ~ NP ~. rs’d rasād Subj. 3. Sing. Du2.23
rsd rasad Präs. 3. Sing. Du1.3, 23, Du2.27
rsyd rasīd Vergangenheit 3. Person Singular. Du2.21
rwbhh Eigenname oder Beiname, möglicherweise rōbāh „Fuchs“ MP ~ NP ~. Pauls (2013: 83) Lesart kwbhh ist unmöglich. Du1.31
rwšny rōšnī „Licht, Helligkeit“. MP rōšnīh NP rōšanī. Du2.25
rwy rōy „Gesicht“. MP ~, NP ~. Du1.10
rwz rōz „Tag“. MP ~ NP ~. Du1.1
sb’bd spābad „Heerführer“. MP spāhbed NP sipāhbud. Margoliouth (1903: 747–48) interpretierte dieses Wort als Ispahbud, den Titel des Prinzen von Tabaristan, und datierte das Dokument auf das Jahr 718 n. Chr. Utas (1968: 34) wies diese Identifizierung zu Recht zurück, übersetzte das Wort jedoch nicht. Pauls (2013: 111) Lesart als Verbform von sabāb- „missbrauchen“ oder „schmücken“ passt nicht in den Kontext. Ich halte Margoliouths ursprüngliche Lesart für richtig, allerdings handelt es sich nicht um einen spezifischen, sondern um einen allgemeinen Titel. Zur Neutralisierung von b und p siehe Paul 2013: 51. Du1.23, 24, 27
sb’pwšy sbāfūšī „der stellvertretende Kommissar der Armee“. Dieser Titel besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist sb’ sbā, „Armee“, MP spāh NP spāh. Der zweite Teil ist pwšy fūšī „Vizekommissar“, von Chin. fùsȟ ı LMC fjyw/fuw ʂṛ 副使, ebenfalls belegt in MMP fwšy (M1.70, 94, 94–95, 95, Müller 1912.8, 11) und Toch. B hwuṣṣi (Cp.37+36.82, Ching 2017: 69). Weitere Informationen zu diesem Wort finden Sie im Kommentar zu Du2.31 Du2.31, 32
sb’s spās „Dienst, Dank.“ MP ~ NP ~. Zur Neutralisierung von b und p siehe Paul 2013: 51. Du2.8, 25, 26
sb’s d’ry spās-dārī „Dankbarkeit.“ MP spās-dārīh NP sipās-dārī. Du2.8
sbs spas „als nächstes, danach“. NP sipas. Zur Neutralisierung von b und p siehe Paul 2013: 51. Du2.32
sd sad „hundert“. MP ~ NP ~. Du1.11, 33, Du2.1, 32, 34
sgd saγd „vergangen“, Teil der Datierungsformel. OP θakata-, MMP sxt, Bakt. σαχτο, Sogd. sγt-, Khot. skyätä-. Alle verwandten Begriffe sind Teil der Datierungsformel. Du2.14, 27, 28
shq Sahak pn. Du2.2
skt saxt „hart, sehr“. MP ~ NP ~. Du1.17, 29, Du2.8, 9, 21, 25, 26.
skwn saxwan „Wort, Rede“. MP ~ NP ~. Du2.12
sl’m salām „Frieden“. NP ~, aus dem Arabischen ~. Du2.33, 35
smwr samūr „Zobel“. NP ~. Utas (1968: 135) erwähnte diese Lesart als eine vage Möglichkeit, bevorzugte jedoch (h)mwr hamwār „geeignet“. Die Pluralform samāmīr ist jedoch zweimal in BH2-28 belegt, einem neu entdeckten arabischen Manuskript aus Khotan, und bestätigt die aktuelle Lesart. Siehe Qian 2022: 153–54. Du1.36
sr sar „Kopf“, MP ~ NP ~. Du2.19
sr šmr sar šmar „Kopfzählung“. Du2.19
styr stēr „Stater“, eine Gewichtseinheit (8,6 g, mit lokalen Abweichungen), von griech. στατήρ, auch in Khot. satīra-, Sogd. st’yr-, Uig. sïtïr. Du2.15
sw’r sawār „Reiter, Reiterin“. MP aswār NP ~. Du2.32
swd sūd „Gewinn“. MP ~ NP ~. Du1.14, 20, 22
swgdy sugdī „sogdisch“. Du2.11
swstr sustar = sust-tar „lockerer, schwächer“. MP ~ NP ~. Du1.8
swy sōy „Seite, Richtung“. MP sōg NP sō(y). Du1.15, 18, 31, 32, 35, Du2.34
sy sē „drei“. MP ~ NP ~. Du1.4
sy[’h] syāh „schwarz“. MP sya NP ~. Du1.27
syh sīh „dreißig“. MP ~ NP sī. Du1.12, 16, Du2.29
syky sīxī Titel eines Beamten, wahrscheinlich aus dem Chinesischen. Du2.15, 16
-š -š Enklitisches Pronomen 3. Person Singular. „sein, ihr, sein.“ Du1.4, 14, Du2.10
š’d šād „glücklich, fröhlich. “ MP ~ NP ~. Du2.8
šb’n’n š(u)bānān „Hirte“. MP ~ NP ~. Du2.20
šbly Šablī Eigenname. Du2.4, 13, 28
šbyly Šabilī Eigenname, eine Variante von Šablī. Du1.14
šdn š(u)dan siehe šwdn. Du2.20
šg šag eine Volumeneinheit, aus dem Chin. shí LMC ʂɦiajk 石, auch Sogd. š’γ, Bakt. σαγο, Toch. B cāk, Uigur. šïγ. Siehe Sims-Williams 2007: 261. Du2.14, 15
šhr šahr „Stadt“. MP ~ NP ~. Du1.11, 35, Du2.30
šlm’ šalamā „Gruß“, aus dem Aramäischen ~, ebenfalls belegt in der Anrede eines JP-Briefes aus Afghanistan aus dem 11. Jahrhundert. Siehe Haim 2016: 109. Du2.1
šm’ šmā „ihr (Pl.)“. MP ašmā NP šumā. Du2.23, 27*2, 30
šmr šmar „Zählen, Abrechnung“. MP ōšmurdan ōšmār- „zählen“ NP šumār. Du1.21, Du2.19
šmsy šamsī „Hemd“, aus dem Chin. shān zi LMC ʂam tsˌz 衫子, auch Sogd. š’mtsy, Uig. šamsï. Siehe Yoshida 2019: 388. Du2.16
šn’ktn šnāxtan „wissen, erkennen“. MP ~ NP šināxtan. šn’ktn šnāxtan Vergangenheit 3. Pl. Du1.14
šnydn šnīdan „hören, verstehen“. MP ašnūdan NP šinīdan.
šnydwm šnīdum Vergangenheit 1. Person Singular. Du2.37
šš my šašmī „sechster“, mit dem Ordnungszahl-Suffix -my mī. Sogd. wxšmy(k). Du2.14
šw’prdr Šawāfradar pn., von sogd. šw- „gehen“ und sogd. prtr „besser“, „derjenige, der besser geht“, ähnlich einem belegten sogdischen Namen ʼʼγtprtr, „der Bessere, der gekommen ist“. Siehe Lurje 2010: 67. Du2.2, 6
šwdn šudan „gehen“. MP ~ NP ~.
šdn š(u)dan Vergangenheit 3. Pl. Du2.20
šwd šud Vergangenheit 3. S. Du2.31
šwdwmy šudum-ē Irrealis 1. S. Du1.5
t’ tā „bis, damit.“ MP ~ NP ~. Du1.5, 7, 15, 27, 29, Du2.5
tn tan „Körper.“ MP ~ NP ~. Du1.23, Du2.7
tw tō „du (singulär)“. MP ~ NP ~. Du1.13, 21, 23, Du2.9
twpyty’n tūpityān „Tibeter“. Sogd. twpytstn „Tibet“. Siehe Bi und Sims-Williams 2015: 262. Du2.31
twr’ tōrā tō + rā. Du1.6
tyb tīb „Parfüm“. NP ~, aus dem Arabischen ṭīb. Dies könnte sich auf den in Du2.15 erwähnten „chinesischen Duft“ (Moschus?) beziehen. Du2.10*2
w- u- „und“. MP ~ NP ~. passim
w’n w-ān = w- + ān. Du2.12
wd ein Fehler für wdw u-dō „und zwei“. Du2.19
-wm -um „mein, mich“, enklitisches Pronomen der 1. Person Singular. Du1.30, Du2.34
-wm -um „bin“, enklitische Kopula der 1. Person Singular. Du2.5
wndrz w-andarz = u + andarz „Rat“. MP handarz NP ~. Du2.34
wpt’dn ōftādan „fallen“. MP ~ NP uftādan.
wpt’d ōftād, Vergangenheit 3. Person Singular Du1.7.
wr’ ō-rā oder wa-rā = ōy + rā. Siehe Paul 2013: 95. Du1.18, Du2.26
wš w-š = w + -š „und sein“. Du1.14
wy ōy „er, sie, das“. MP ~ NP ~. Du2.24
y’r yār „Helfer, Freund“. MP ayār NP ~. Du1.1
ybryn ī-barēn Das ezāfe wird zusammen mit dem Modifikator geschrieben. Siehe bryn. Du1.5
ychq Ičhak pn. „Itzhak“. Du2.2
ydwn ēdōn „so“ MP ~ NP ēdūn. Du1.22, 24, 31, Du2.37
yq yak „einer.“ MP ēk NP ~. Du1.13, 24, 26, 28, Du2.14, 15*2, 17, 18, 19*4
yqy yak-ē „einer“, mit dem unbestimmten Artikel -ē. Du2.14, 15, 16, 17, 18*2
ym’ i-mā = ī mā „von uns“. Du1.10
ymrwz imrōz „heute“. MP ~ NP ~. Du2.5
yn ēn MP ~ NP īn. Du1.34, Du2.5, 11, 23, 25, 31
yptwm yaftum siehe ’yptn.
yqrbqr ī-kirbakkar. Das Ezāfe wird zusammen mit dem Modifikator geschrieben. Siehe qrbqr. Du2.1
yš -iš Enklitisches Pronomen 3. Person Singular. „sein, ihr, sein.“ Du1.4, 6, Du2.10
yš’n ēšān Personalpronomen 3. Person Plural. „sie, ihnen.“ Du1.9*2
yš m’ išmā = ī + šmā. Du1.23, 28, 33, Du2.3, 6, 7, 35
yš mr’ išmarā = ī + šmā + rā. Du2.4
-yz -iz „auch“. MP ~. Du1.18
yzyd īzid „Gott“. MP yazd NP īzad. Zur Vokalisierung siehe Lazard 1988: 205–6. Du1.1, 6, 8, Du2.1, 5, 8, 23
zm’n zamān „Zeit“. MP ~ NP ~. Du2.10
zwd zūd „schnell. “ MP ~ NP ~. Du1.1, Du2.11
zy’n zyān „Verlust, Schaden, Verlust.“ MP ~ NP ziyān. Du1.14
zy’n wmnd zyān-ōmand „schädlich.“ MP ~. Du1.17
zyn zēn „Sattel.“ MP ~, NP zīn. Du1.36
Anmerkung von Zhan Zhang,
Ich bin dem ERC-Projekt „Go.Local“ (Fördervereinbarung Nr. 851607) für seine Unterstützung zu Dank verpflichtet, die mir die Erstellung dieses Artikels ermöglicht hat. Mein Dank gilt auch allen Teammitgliedern des „Invisible East“-Projekts an der Universität Oxford für ihre Hilfe und ihre Anregungen.
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( Übersetzung durch den Autor)
Quelle: Zhan,Zhang."Two Judaeo-Persian Letters from Eighth-Century Khotan". Bulletin of the Asia Institute 31, 2022-23, pp. 105-133 (Originaltitel in Englisch), auf invisibleeast.web.ox.ac.uk, abgerufen am 22.03.20
Die "Afghanische Geniza"
In den letzten Jahrzehnten hat eine Dokumentengruppe, die als "Bamiyan-Papiere" oder "Afghan Geniza" bezeichnet wird, den geografischen Kontext weiter auf das heutige Afghanistan erweitert. Obwohl sie in Umfang und Bedeutung nicht mit der Kairoer Geniza vergleichbar ist, stellt dieses bedeutende Material eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Afghanistan sowie des regionalen Lebens in der vor-mongolischen Ära dar. Die persisch-hebräischen Inschriften repräsentieren ein herausragendes kulturelles Erbe und besitzen einen bemerkenswerten historischen Wert. Sie bieten tiefgreifende Einblicke in das Leben jüdischer Communities in Zentralasien und Afghanistan und bilden eine essenzielle Verbindung zwischen traditionellen und zeitgenössischen Identitäten. Eine gründliche Analyse dieser Inschriften ermöglicht zudem eine umfassende Reflexion über Identität und kulturelles Erbe. Diese Inschriften fungieren nicht nur als historische Dokumente, sondern auch als lebendige Zeugnisse, die Geschichten erzählen und das kollektive Gedächtnis bewahren. Bei Museo-on engagieren wir uns für die Dokumentation und Archivierung dieser wertvollen Informationen sowie deren Zugänglichmachung für zukünftige Generationen
Eine bedeutende Sammlung von jüdischen Manuskriptfragmenten
Die afghanische Geniza, auch als Genizah bekannt, stellt eine bedeutende Sammlung von zahlreichen jüdischen Manuskriptfragmenten dar, die in speziellen Aufbewahrungsräumen, den sogenannten Genizot, in den Höhlen Afghanistans entdeckt wurden. Eine Genizah fungiert als Sammelstelle in der Nähe von Synagogen oder jüdischen Friedhöfen zur Aufbewahrung heiligen Schrifttums, was sich aus dem Gebot des jüdischen Rechts ableitet, das die Entsorgung von Schriften mit dem Namen Gottes untersagt. Die in Afghanistan entdeckten Manuskripte sind jedoch nicht notwendigerweise direkt mit einem derartigen Aufbewahrungsort verknüpft, und der Großteil weist eine heterogene Herkunft sowohl in Bezug auf Zeit als auch auf Ort auf. Ihre gegenwärtige Verbindung ergibt sich im Wesentlichen aus dem massiven Erwerb durch die Nationalbibliothek von Israel. Dennoch wird der Begriff weiterhin verwendet, um einen vertrauten Kontext herzustellen und erinnert an die bekannte Kairoer Genizah.
Die Manuskripte umfassen Texte in Hebräisch, Aramäisch, Judeo-Arabisch und Judeo-Persisch, wobei einige Fragmente ein Alter von bis zu 1.000 Jahren aufweisen. Die Datierungen reichen vom frühen 11. bis zum frühen 13. Jahrhundert. Das Bewusstsein für diese wertvollen Artefakte wuchs erheblich, als lokale Antiquitätenhändler in Afghanistan in den frühen 2010er Jahren begannen, diese Fragmente an israelische Institutionen zu veräußern. Im Jahr 2013 gab die Nationalbibliothek von Israel den Erwerb von 29 Seiten aus diesem Fundus bekannt, gefolgt von einer weiteren Sammlung von 250 Seiten im Jahr 2016.
Im Jahr 2020 wurden diese Dokumente Bestandteil eines von der Arts and Humanities Research Council und dem European Research Council geförderten Forschungsprojekts der Universität Oxford mit dem Titel „Invisible East“. Vor der Entdeckung dieser Materialien existierten nur begrenzte dokumentarische Nachweise für die jüdische Präsenz in der Region, was zu einem Mangel an wertvollen Erkenntnissen über die Kultur und Lebensweise dieser Gemeinschaft führte. Aus diesem Grund erachten Forscher diese Sammlung als den bedeutendsten Fund dokumentarischer Quellen seit der Entdeckung der Kairoer Genizah vor mehr als einem Jahrhundert.
Die persisch-hebräischen Inschriften sind nicht nur kunstvolle Artefakte, sondern besitzen auch erhebliche historische Relevanz. Sie bieten vertiefte Einblicke in die Lebensweise und kulturellen Werte der jüdischen Gemeinschaft in Zentralasien und vermitteln emotionale Botschaften von Hoffnung, Glauben und Identität, die über Jahrhunderte hinweg bestehen bleiben. Ein Beispiel dafür ist ein Brief in Judeo-Persisch, der Informationen über finanzielle und familiäre Angelegenheiten enthält (Sammlung der Afghanischen Genizah, Nationale Bibliothek von Israel). Durch die detaillierte Analyse dieser Inschriften sind Historiker und Archäologen in der Lage, umfassende Erkenntnisse über die sozialen Strukturen, wirtschaftlichen Aktivitäten und religiösen Praktiken der betreffenden Ära zu gewinnen. Diese Inschriften fungieren als bedeutendes Fenster in die Vergangenheit und veranschaulichen, wie sich das jüdische Leben in diesen Regionen über Jahrhunderte hinweg entwickelt und verändert hat.
Provenienzforschung
Die präzise geografische Zuordnung der Artefakte stellt eine erhebliche Herausforderung dar. Es ist jedoch festzustellen, dass die Mehrheit dieser Objekte ihren Ursprung in den nördlichen Regionen Afghanistans hat, insbesondere in den Gebieten Bamiyan, Ghur, Rob und Balkh. Diese Artefakte wurden von einheimischen Bürgern in einer Höhle in der Nähe der Grenze zwischen Iran und Usbekistan entdeckt. Es wird vermutet, dass dieses Archiv einst im Besitz einer Familie jüdischer Händler war, die aktiv am Handelsgeschehen entlang der Seidenstraße in dieser Region teilnahm. Die genauen Umstände, unter denen die Objekte von ihren Ursprungsorten zu den Fundstätten gelangten, sowie ihre Reise zu den heutigen Aufbewahrungsorten sind Gegenstand intensiver Spekulationen.
Diese Situation hat eine Debatte über die ethischen Implikationen ihrer Akquisition und Digitalisierung ausgelöst. Einige Wissenschaftler argumentieren, dass die Nutzung dieser Objekte außerhalb ihres Herkunftslandes legitim sei und akademisches Interesse fördere; nichtsdestotrotz könnte dies auch den illegalen Handel mit Antiquitäten begünstigen. Andere Forscher befürworten hingegen eine umfassende Analyse und Verbreitung dieser Informationen, um das aktuelle Wissen sowie den Austausch über die islamische Welt zu stärken und zu verbessern. Diese Dokumente verdeutlichen die pluralistische Koexistenz von Muslimen und Nicht-Muslimen in jener Zeit. Derzeit werden sie im Rahmen des Projekts "Invisible East" der University of Oxford einer eingehenden Untersuchung unterzogen.
Interkulturelle Kommunikation: Jüdische Schriftstücke von Kairo bis Khotan
Die sozialen Rahmenbedingungen, in denen diese Inschriften verfasst wurden, verdeutlichen den signifikanten Einfluss von Alltagsleben, Traditionen und Herausforderungen innerhalb der Gemeinschaften auf die künstlerischen Ausdrucksformen. Die Interaktion zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen in Zentralasien förderte einen dynamischen kulturellen Austausch, der eindrucksvoll in den Inschriften reflektiert wird.
Seit der Entdeckung der Kairoer Geniza in den 1890er Jahren und dem Auffinden der frühesten bekannten judeo-persischen Briefe aus Dandan Uiliq (in der Nähe von Khotan, Xinjiang, im heutigen China) im Jahr 1901 sind zahlreiche jüdische Briefe ans Licht gekommen, die Einblicke in das sozioökonomische Leben der jüdischen Gemeinschaften im mittelalterlichen östlichen Mittelmeerraum, Iran, Indien und darüber hinaus bieten. In den letzten Jahrzehnten erweiterte eine Gruppe von Dokumenten, bekannt als Bamiyan-Papiere oder afghanische Geniza, das geografische Spektrum und verdeutlichte, dass auch das heutige Afghanistan in diese Entwicklungen einbezogen wird. Obwohl dieser Fund im Vergleich zur Kairoer Geniza deutlich weniger umfangreich ist, spielt er eine zentrale Rolle für das Verständnis der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft im gegenwärtigen Afghanistan sowie für das umfassendere soziale Leben der Region in der vor-mongolischen Ära.
Die Bamiyan-Papiere sind eine Sammlung von nicht verorteten Dokumenten aus der Zeit der Ghaznawiden und Ghuriden in Bamiyan (frühes 11. bis frühes 13. Jahrhundert). Sie wurden unter unbekannten Umständen aus Afghanistan herausgeführt, und einige kamen in zwei Akten, 2013 und 2016, in den Besitz der National Library of Israel (NLI). Diese Sammlung umfasst juristische Dokumente, Briefe und literarische Texte in Judeo-Persisch, Judeo-Arabisch, Hebräisch sowie im Persischen in persisch-arabischer Schrift. Besonders bemerkenswert sind Fragmente in frühem Judeo-Persisch, die eine Vielzahl an Inhalten umfassen. Darunter befinden sich literarische, medizinische, und theologische Texte sowie geschäftliche und private Briefe. Diese Briefe gehörten der Familie und dem Freundeskreis von Yehuda b. Daniel, einem einflussreichen jüdischen Magnaten, der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Bamiyan lebte, d.h. während der frühen Ghaznavidenzeit. Sie belegen die geschäftlichen und persönlichen Verbindungen seiner Familie, deren eingehende Studie sowohl für die Forschung zur persischen Sprache dieser Zeit als auch für das Verständnis der sozialen und privaten Lebensverhältnisse in der Region im frühen 11. Jahrhundert von Bedeutung sein wird. Der längste Brief aus der Sammlung wurde 2012 von Ofir Haim veröffentlicht, während die übrigen bisher unveröffentlicht sind. Ruben S. Nikoghosyan bearbeitet und bereitet die verbleibenden Briefe für eine Veröffentlichung vor, die hoffentlich zeitnah erscheinen wird. Einer dieser Briefe ist das Thema des Dokuments des Monats.
Inschriftenanalyse: Untersuchungen zu Themen und Inhalten
Der überwiegende Teil der afghanischen Geniza, über achtzig Prozent, besteht aus einer Vielzahl von dokumentarischen Inhalten, die administrative Unterlagen, Buchhaltungsprotokolle, diverse Listen, Korrespondenzen sowie rechtliche Dokumente umfassen. Diese umfassende Sammlung kann in zwei Hauptkategorien unterteilt werden: Die erste Kategorie umfasst Dokumente aus dem frühen 11. Jahrhundert, während die zweite Kategorie Unterlagen aus dem späten 12. und frühen 13. Jahrhundert enthält. Ein erheblicher Teil der Dokumente der ersten Kategorie bezieht sich auf eine Familie aus Bamiyan, die zur Zeit der frühen Ghaznaviden lebte.
Neben den dokumentarischen Texten sind auch Fragmente religiöser und literarischer Werke in verschiedenen Sprachen enthalten, darunter eine Gebetssammlung in frühem Judeo-Persisch. Das Afghanische Liturgische Gebetbuch (ALQ), auch als Afghanischer Siddur bekannt, was im Hebräischen „Ordnung“ bedeutet, gilt als das älteste bekannte hebräische Buch. Dieses Werk enthält hebräische liturgische Texte, einschließlich Gebeten, Segenssprüchen sowie einem jüdischen liturgischen Gedicht (Piyyut), das typischerweise während religiöser Zeremonien gesungen oder rezitiert wird. Aus bislang unklaren Gründen ist ein Abschnitt der Passah-Haggadah – eines zentralen jüdischen Textes, der den Verlauf des Passah-Seder, eines rituellen Festmahls zu Beginn des jüdischen Feiertags Passah, beschreibt – im Buch in umgekehrter Reihenfolge angeordnet. Das Manuskript wurde in Hebräisch, Aramäisch und Judeo-Persisch verfasst und befindet sich gegenwärtig in der Sammlung des Museum of the Bible in Washington, D.C. Es wurde von einem Hazara entdeckt, einem Mitglied einer ethnischen Gruppe, die einen wesentlichen Teil der afghanischen Bevölkerung darstellt. Die Hazara sind eine der größten ethnischen Gruppen in Afghanistan und leben vorwiegend in der Region Hazaristan im zentralen Afghanistan. Darüber hinaus bilden die Hazara bedeutende Minderheitengruppen in Pakistan, insbesondere in Quetta, sowie im Iran, hauptsächlich in Mashhad. Sie sprechen Dari und Hazaragi, beides Dialekte des Persischen. Ursprünglich wurde angenommen, dass das Manuskript aus der Kairoer Geniza in Ägypten stammt und auf das 9. Jahrhundert n. Chr. datiert werden kann. Im Jahr 2016 wurde ein Foto des Buches aus Afghanistan von 1997 entdeckt, was zu radiometrischen Datierungstests von vier Teilen des Manuskripts führte, die 2019 auf etwa 780 CE datiert wurden.
Das afghanische liturgische Quire (ALQ): Herkunft und Datierungschronologie
Das afghanische liturgische Quire (ALQ), auch bekannt als afghanischer Siddur, integriert drei unterschiedliche Gebetsarten in einem einheitlichen Kodex. Dieser umfasst Morgengebete für den Sabbat, poetische Texte für Sukkot sowie eine Passah-Haggadah, die auf bemerkenswerte Weise kopfüber positioniert ist.
Wissenschaftliche Analysen und radiometrische Datierungen legen nahe, dass das ALQ vor dem Jahr 780 CE verfasst wurde. Ein derart früher Zeitpunkt klassifiziert es als den ältesten bekannten hebräischen Kodex, das erste Buch jüdischer Gebete sowie die früheste Haggadah, die je entdeckt wurde.
Die vorherrschende babylonische Vokalisierung und die Anwendung des judeo-persischen Sprachgebrauchs deuten darauf hin, dass das ALQ wahrscheinlich über die Seidenstraße in Zentralasien zirkulierte, insbesondere zwischen Afghanistan, Iran, Irak, Usbekistan und dem westlichen China. Zu jener Zeit erlebte diese Region den intellektuellen Einfluss der Geonim, den „Gelehrten“, in der Nähe von Bagdad, die an führenden akademischen Stätten in Sura und Pumbedita aktiv waren.
Das Manuskript entstand im 8. Jahrhundert, voraussichtlich in Zentralasien, und radiometrische Befunde deuten darauf hin, dass seine Fertigstellung vor 780 CE erfolgte.
Vor 1997 wurde das Dokument in einer Höhle in Bamiyan, Afghanistan, deponiert oder verloren. Im Frühling/Sommer 1997 wurde es von einem Hazara-Mann im Bamiyan-Tal entdeckt und anschließend an den regionalen Führer Rahbar Karim Khalili übergeben, der das ALQ bis September 1998 in seinem persönlichen Büro aufbewahrte. Berichten zufolge unternahm einer von Khalilis Beamten einen gescheiterten Versuch, das ALQ zwischen 1998 und 2001 zu verkaufen. Im Sommer 2001 wurde es von einem anonymen privaten Sammler in London erworben und dort für über ein Jahrzehnt aufbewahrt. Im Juli 2013 erwarb Hobby Lobby das Stück von einem israelischen Händler und spendete es im Januar 2015 an das Museum of the Bible.
Im Jahr 2021 entstand eine multikulturelle Partnerschaft zwischen afghanischen Juden, afghanischen Beamten und dem Museum of the Bible. Hinweise deuten darauf hin, dass das Manuskript über einen längeren Zeitraum, möglicherweise Jahre oder Jahrzehnte, zusammengetragen wurde, wobei die Haggadah wahrscheinlich zuerst verfasst und die Morgengebete sowie die Poesie um sie herum erstellt wurden, was die Umkehrung des Haggadah-Textes erforderlich machte. Geografisch betrachtet sind Afghanistan, Iran, Usbekistan und Turkmenistan die wahrscheinlichsten Ursprungsländer des ALQ, während Indien, Irak und westliches China als weniger wahrscheinlich gelten.
Der genaue Fundort, konkret die Höhle, ist bekannt, jedoch halten Wissenschaftler den Standort im Bamiyan-Tal aus Schutzgründen geheim. Auch der Name des Hazara-Mannes, der das ALQ entdeckte, ist den Wissenschaftlern bekannt, wird jedoch aus Schutzgründen nicht offengelegt. Khalili, der damals Leiter der Hizb-i Wahdat-Partei mit Sitz in Bamiyan war, wurde später zum Zweiten Vizepräsidenten Afghanistans während der Karzai-Administration (2002–2014) und anschließend zum Vorsitzenden des Afghanistan High Peace Council (2017–2019). Khalili umwickelte das ALQ mit einem Tuch und platzierte es in einer eigens angefertigten Holzkiste, gemäß dem Brauch, der für heilige Texte in Afghanistan gilt. Kuratoren bestätigten mehrere vergebliche Verkaufsversuche des ALQ in den Vereinigten Staaten und Europa zwischen März 1998 und Juli 2001, bevor es anscheinend im August/September 2001 an einen privaten Sammler in London verkauft wurde. Trotz aller Indizien bleibt der Name dieses Sammlers unbestätigt. Zum Zeitpunkt des Verkaufs wurde behauptet, dass das ALQ aus der Geniza der Ben Ezra Synagoge im alten Kairo, Ägypten, stamme. Im Rahmen eines "rechtebasierten Ansatzes für Kulturerbe" haben das Museum of the Bible und afghanische Beamte der demokratisch gewählten Regierung die kulturellen Rechte der jüdischen Gemeinschaft, die das ALQ geschaffen hat, priorisiert. Dementsprechend fungiert das Museum of the Bible als „Verwalter“ oder „Hüter“ des ALQ im Namen der afghanischen jüdischen Gemeinschaft sowie spezifischer afghanischer Beamter, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben müssen.
Quelle: Museum of the Bible, Washingon, DC
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Was umfasst die Judaeo-Persische Sprache?
Judeo-Persisch stellt einen umfassenden Begriff dar, der alle Varianten persischer Texte bezeichnet, die in hebräischer Schrift verfasst sind. Die erhaltenen Texte im Judeo-Persischen lassen sich in vor- und nachmongolische Perioden unterteilen. Die vormongolischen Dokumente, die als frühes Judeo-Persisch klassifiziert werden, zeichnen sich durch eine vielfältige sprachliche Struktur aus, die intern wenig homogen ist und sich erheblich vom klassischen Persisch unterscheidet. Sie bieten wertvolle Einblicke in die Entwicklung des frühen Neupersisch in Iran und Afghanistan und leisten einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis des alltäglichen und kulturellen Lebens der ansässigen jüdischen Gemeinschaften. Im Gegensatz zu den späteren Formen des Judeo-Persisch erfordert das vollständige Verständnis des frühen Judeo-Persisch eine tiefgehende Kenntnis der Geschichte der persischen Sprache, da zahlreiche archaische sprachliche Merkmale vorhanden sind, die es in bestimmten Aspekten näher an das Mittelpersisch heranführen. Das nachmongolische Judeo-Persisch hingegen weist eine starke Ähnlichkeit zum klassischen Standardpersisch auf, wird jedoch in hebräischer Schrift verfasst. In dieser Form des Judeo-Persisch sind zahlreiche bedeutende literarische Werke erhalten, darunter die Schöpfungen der beiden prominentesten iranischen jüdischen Dichter, Shāhīn-i Shīrāzī des 14. Jahrhunderts und ʿImrānī des 15. Jahrhunderts.
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Eine inspirierende Entdeckungsreise durch die Vielfalt der jüdischen Sprachen!
Historischer Kontext der Epigraphik und dessen Bedeutung
Die Epigraphik beschäftigt sich mit der systematischen Analyse und Interpretation von Inschriften, die auf verschiedenen Materialien vorliegen. Diese Disziplin ist nicht nur von erheblicher Bedeutung für die Geschichtswissenschaft, sondern bietet auch wertvolle Einblicke in die kulturellen, sozialen und politischen Strukturen vergangener Gesellschaften. Inschriften fungieren als direkte Kommunikationsmittel vergangener Epochen und erweisen sich als unverzichtbare Quellen für die Rekonstruktion historischer Kontexte. Die Anfänge der Epigraphik lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen, wo Steine, Metall und andere Materialien zur Dokumentation von Ereignissen, Personennamen und religiösen Praktiken verwendet wurden. Diese frühen Inschriften legten den Grundstein für spätere Entwicklungen und haben das Verständnis von Geschichte nachhaltig geprägt. Durch die Analyse dieser überlieferten Texte gelingt es Historikern, Einblicke in die Lebensweisen, Glaubenssysteme und politischen Strukturen der jeweiligen Zeiten zu erhalten. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Epigraphik eine essenzielle Rolle in der Geschichtsforschung einnimmt, da sie nicht nur als Archiv der Vergangenheit fungiert, sondern auch als Schlüssel zum Verständnis der evolutionären Prozesse, die unsere gegenwärtigen Gesellschaften geprägt haben.
Die Bedeutung für das aktuelle Verständnis
Die persisch-hebräischen Inschriften tragen maßgeblich zur gegenwärtigen Anerkennung der kulturellen Vielfalt und der historischen Bedeutung der jüdischen Kultur in Zentralasien bei. In einer globalisierten Welt stellen diese historischen Dokumente eine bedeutende Quelle für Erkenntnisse und Perspektiven dar, die sowohl für die Wissenschaft als auch für die Gesellschaft von erheblichem Interesse sind.
Dokument des Monats 12/25: Ein judaeo-persisches Manuskript aus Bamiyan
„Der Schmerz der Trennung vom Herrn": Ein persönlicher Brief ...
Das vorliegende Dokument, NLI Ms.Heb.8333.207=4, stellt einen persönlichen Brief dar, verfasst in einer frühjudeo-persischen Sprache. Es wird derzeit in der Nationalbibliothek von Israel aufbewahrt (siehe nachfolgende Abbildung). Dieses Dokument gehört zu den wertvollen Funden, die in den letzten Jahrzehnten in Afghanistan entdeckt wurden und ist Teil des Sammlungsbestands, der allgemein als „Bamiyan-Papiere“ oder „Afghanische Geniza“ bezeichnet wird. Im Rahmen des Projekts „Ktiv“ wurde das Dokument digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es bildet zudem einen Bestandteil des Korpus „Invisible East“.
Das Manuskript zur wissenschaftlichen Analyse
Die NLI Ms.Heb.8333.207=4 misst 28,3 × 24,7 cm und weist Beschriftungen auf beiden Seiten auf. Die Vorderseite beinhaltet den Haupttext des Briefes (Abbildung 1), während die Rückseite den Schluss des Briefes in fragmentarischer Form sowie eine Adresse enthält, die im Verhältnis zum Haupttext umgekehrt verfasst ist (Abbildung 2). An der rechten Seite der Vorderseite ist ein Riss vorhanden, der sich nach unten hin verstärkt. Ähnlich ist der untere Teil des Briefes verloren gegangen, sodass das Dokument unvollständig ist. Leider ist keine der Zeilen vollständig erhalten. An der Oberseite fehlen in jeder Zeile zwei oder drei Wörter, während in der unteren Hälfte der Briefes die Anzahl der fehlenden Wörter auf vier oder fünf ansteigt. Die letzten drei lesbaren Zeilen auf der Vorderseite sind fragmentiert und weisen Risse sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite auf, was ihre Lesbarkeit erheblich einschränkt.
Es war gängig, das Blatt nach dem Schreiben auf der Vorderseite vertikal zu drehen und den Brief auf der Rückseite in entgegengesetzter Richtung fortzusetzen. Folglich wurde die Unterseite der Vorderseite zur Oberseite der Rückseite.
Auch der Schluss des Briefes ist in einem stark fragmentarischen Zustand und nur schwer lesbar. Auf der Rückseite sind die Namen des Absenders (linke Spalte) und des Empfängers (rechte Spalte) parallel zueinander angeordnet. Da der linke Rand der Rückseite fehlt, ist der Name des Absenders nur teilweise erkennbar. Glücklicherweise sind der Anfangsbuchstabe sowie das Patronym des Absenders, S... b. Yaʿqūb-i Slīman, lesbar. Da es nicht unüblich war, ein Kind nach seinem Großvater zu benennen, könnte der Name gemäß der Lesung von Ruben S. Nikoghosyan vorläufig als S[līman] b. Yaʿqūb-i Slīman rekonstruiert werden.
Eindrücke aus der Sammlung von Manuskriptbildern
Die ersten Eindrücke aus der Sammlung von Manuskriptbildern zu diesem bedeutenden Manuskript in frühjüdisch-persischer Sprache aus der Ghaznaviden- und Ghuriden-Zeit in Bamiyan (frühes 11. bis frühes 13. Jahrhundert) reflektieren die facettenreiche Geschichte dieser Regionen. Diese Bilder bieten einen visuellen Zugang zu den herausragenden Kunstwerken und kulturellen Errungenschaften der jüdischen Gemeinschaften. Lassen Sie sich von der Raffinesse und Kreativität dieser Inschriften inspirieren, die nicht nur als Kunstwerke, sondern auch als historische Dokumente von unschätzbarem Wert betrachtet werden müssen.
Der Inhalt des Briefes
Der Brief wurde von S[līman] b. Yaʿqūb-i Slīman an Abū-l-Ḥasan Siman Tov b. Yehuda gesandt, dessen Familie, einschließlich seines Vaters Yehuda b. Daniel, anscheinend die Mehrheit der erhaltenen judeo-persischen Dokumente in den Bamiyan-Papieren verfasst hat.
Der Absender bezeichnet sich als Freund von Abū-l-Ḥasan. Jedoch lässt der allgemein gehorsame Ton des Briefes darauf schließen, dass ein Statusunterschied zwischen ihnen besteht. Dies ist nicht überraschend, da Siman Tov der Sohn eines der einflussreichsten regionalen Magnaten im frühen 11. Jahrhundert in Bamiyan war. Dies geht aus anderen überlieferten Dokumenten hervor, die von Yehuda b. Daniel und seinem Verwandtenkreis verfasst wurden.
Der überlieferte Text des Briefes lässt sich in sechs Abschnitte unterteilen:
Recto:
Zeilen 1–5: Gruß und Lob des Empfängers, der als „Meister und Lehrer“ bezeichnet wird.
Zeilen 6–10: Der Absender erkundigt sich nach einem Brief, den er zuvor an den Empfänger gesandt hat und auf den er keine Antwort erhalten hat.
Zeilen 11–15: Der Absender fragt nach einem epistolaren Anliegen bezüglich eines Briefes, den er von einem Vater erhalten hat, in dem die üblichen Grüße weggelassen wurden.
Zeilen 16–17: Der Beginn einer weiteren Diskussion über einige finanzielle Angelegenheiten. Da sich dieser Abschnitt im unteren Teil des Briefes befindet, sind nur wenige Worte erhalten geblieben.
Verso:
Zeilen 1–8: Der Schluss des Briefes, der nur sehr teilweise erhalten ist, da der obere Teil der Rückseite zerrissen ist.
Auf dem Kopf stehend die Zeilen 1–2: Die Namen des Empfängers (rechte Spalte) und des Absenders (linke Spalte). Im am besten erhaltenen Teil des Briefes (recto, Zeilen 6–15) scheint eine Diskussion über zwei Themen stattzufinden. Zunächst hat der Absender anscheinend einen früheren Brief gesendet und, da er keine Antwort erhalten hat, fragt er sich, ob der Brief Siman Tov – der im gesamten Brief als khwāja „Meister“ angesprochen wird – nicht erreicht hat oder ob Siman Tov ihn absichtlich unbeantwortet gelassen hat. Er fragt: „Ich weiß nicht, aus welchem Grund es war: Ist der Brief nicht angekommen, oder wollte er nicht (eine Antwort) schreiben?“ Nachdem er Siman Tov von seiner aufrichtigen Hingabe überzeugt hat, wendet sich der Verfasser einem Anliegen in Bezug auf den Vater einer Person zu. Dies ist höchstwahrscheinlich der Vater von Abū-l-Ḥasan Siman Tov selbst, also Yehuda b. Daniel, da er in sehr respektvoller Weise erwähnt wird (Zeile 11: „möge Gott seine Würde auf ewig bewahren“) und nicht direkt namentlich genannt wird. Diese mehr oder weniger direkte Anfrage bezüglich eines weiteren Familienmitglieds könnte implizieren, dass der Absender in engen Verbindung zur Familie stand und als einer der Agenten für Siman Tov und seinen Vater fungierte. Diesmal zeigt sich der Autor besorgt darüber, dass „der Brief, den ... der (tugendhafteste) Vater, möge Gott seine Würde auf ewig bewahren, mir geschrieben hat, er die Grüße nicht vermerkte...“. Dieses Anliegen ist nicht so trivial, wie es erscheinen mag, denn diese kleine Geste könnte signalisieren, dass der Autor in Ungnade gefallen war. Dennoch scheint der Hauptzweck des Schreibens finanzielle Angelegenheiten zu betreffen, wie aus den Zeilen 16–17 hervorgeht. Leider ist dieser Abschnitt im unteren, verlorenen Teil des Briefes nicht gut erhalten. Man erhält nur ein Gefühl für den ursprünglichen Inhalt aus der Phrase „du sendest Gold“ in Zeile 16. Möglicherweise handelt es sich um eine Investition, die der Absender vorschlägt; alternativ könnte er um finanzielle Unterstützung bitten.
Interessante Ausführungen des Briefes
Der vorliegende Brief ( Detail of NLI, Ms.Heb.8333.207=4 recto) zeigt signifikante Übereinstimmungen mit der Standard-Klassischen Persischen Sprache, abgesehen von der Konjunktion „kū“ (dass). Die Handschrift ist bemerkenswert ordentlich und klar. Innerhalb des Textes sind mehrere arabische religiöse Segenswünsche in arabischer Schrift hervorgehoben, etwa „möge Gott ihn glücklich machen“ (recto, Zeile 6) und „möge Gott seine Würde bewahren“ (recto, Zeile 11).
Diese Segenswünsche wurden von Ruben S. Nikoghosyan, Dozent für mittlere, klassische und moderne persische Sprache sowie Literatur, durch die Verwendung von Fettdruck klar vom hebräischen Text abgegrenzt. Es ist nicht unüblich, dass in judäo-persischen Texten, sowohl in der Kairoer Geniza als auch in den Bamiyan-Papieren, gelegentlich Wörter in arabischer Schrift eingefügt werden. Auffällig ist jedoch, dass der Verfasser unseres Schreibens die Regel befolgte, die Segenswünsche fast ausschließlich im Originalin arabischer Sprache zu formulieren. Diese Vorgehensweise steht im Einklang mit einem ähnlichen Phänomen, das von Shaul Shaked (1933-2021), emeritiertem Schwarzmann-Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, beschrieben wurde. Shaked identifizierte dies als eine charakteristische Eigenschaft der khuzestanischen Variante des frühen Judeo-Persischen. In seinem Artikel von 2011 - er hatte keinen Zugang zu den Bamiyan-Materialien -, erläuterte er, dass eine solche Eigenheit in einem überwiegend arabischsprachigen Umfeld, wie Ägypten, vorhanden war. Dort wurde Judeo-Persisch von Mitgliedern der iranisch-jüdischen Gemeinschaft als eine jüdische Sprache betrachtet, die in hebräischen Buchstaben verfasst werden sollte, während die Ausdrücke in arabischer Schrift als Zitate aus der vorherrschenden nicht-jüdischen Sprache, nämlich Arabisch, interpretiert wurden.
Der vorliegende Brief belegt jedoch, dass die Abfassung arabischer Formulierungen in arabischer Schrift auch in jüdischen Kreisen in den östlichen Regionen Irans praktiziert wurde. Der aktuelle Stand der Forschung deutet darauf hin, dass dieser Brauch eine gewisse Biliteracy unter den iranischen Juden widerspiegelt. Ruben S. Nikoghosyan vertritt die Ansicht, dass dieses Phänomen unter judäo-arabisch sprechenden Gemeinschaften weniger verbreitet war. Weitere Unterstützung erhält diese These durch die Praxis, scheinbar willkürlich gewählte Wörter in persisch-arabischer Schrift zu schreiben, von denen der gegenwärtige Brief ein Beispiel enthält (اما auf recto, Zeile 10). Dies belegt, dass die Entscheidung für die schriftliche Verfassung von Persisch in hebräischen Zeichen in nicht-religiösen Kontexten eine bewusste Wahl war, die nicht auf mangelndem Können im Arabischen beruhte.
Ein zusätzlich bemerkenswertes Merkmale des Briefes ist die Verwendung der Phrase mr w rb (recto, Zeile 2), einer Abkürzung des aramäischen Ausdrucks marana ve-rabbana, was „unser Meister und Lehrer“ bedeutet. Diese Abkürzung (in einigen Fällen auch als mr w r) ist häufig in judäo-arabischen und hebräischen Briefen in der Kairoer Geniza zu finden, wenn prominente Mitglieder der Gesellschaft, wie Gelehrte oder Rabbiner, angesprochen werden. Beispiele hierzu sind Bodl. MS heb. b 11/22 (ca. 1145–48, Judeo-Arabisch, verso, Anschrift, Zeile 2); T-S 13J26.3 (ca. 1050, Hebräisch, verso, Anschrift in Judeo-Arabisch, Zeile 1); Moss. IV,10 (ca. 1035, Hebräisch, verso, Anschrift, Zeile 2). Die Verwendung dieser Formulierung im vorliegende Brief könnte darauf hindeuten, dass der Adressat ebenfalls in dieser Weise wahrgenommen wurde.
Vergleichsanalyse im Kontext anstehender Untersuchungen
Eine prägnante Vergleichsanalyse der jüdischen Dokumente aus den Bamiyan-Papieren und der Kairoer Geniza deutet darauf hin, dass die jüdische Gemeinschaft Afghanistans, sei es direkt oder wahrscheinlicher über die Vermittlung der jüdischen Gemeinschaft im südlichen Iran, Teil eines umfangreicheren Netzwerks jüdischer Wirtschafts-, Gelehrten- und Briefkultur war, das sich bis zum Mittelmeer erstreckte. Ruben S. Nikoghosyan ist der Überzeugung, dass eine eingehendere Untersuchung dieses Themas es ermöglichen wird, diese Verbindungen klarer und umfassender zu dokumentieren.
Quelle:
Nikoghosyan, Ruben S. "Document of the Month 12/25: A Judeo-Persian Letter from Bamiyan 15 December 2025" (engl. Originaltitel), auf invisibleeast.web.ox.ac.uk, abgerufen am 20.03.2026
Ruben S. Nikoghosyan is a lecturer in Middle, Classical and Modern Persian language and literature at Ferdowsi School of Persian Literature (Yerevan, Armenia), which he has founded. He has served as a visiting lecturer at the Department of Armenian Studies at Isfahan State University (Iran) and has worked with ASPIRANTUM (Armenian School of Languages and Cultures), teaching courses on Persian language and literature, Middle Iranian philology, etc. His publications include Pahlavi Studies (Yerevan, 2018), scholarly articles and the Ferdowsi blog.
Die Entstehung und Bedeutung der judeo-persischen Sprache und Literatur
Hier präsentieren wir ein informatives Video, das die Entstehung und Bedeutung der judeo-persischen Sprache und Literatur durch umfassende Analysen und visuelle Darstellungen beleuchtet. Das Video veranschaulicht, wie diese einzigartige Sprache historische Wurzeln aufweist, die bis in die antike jüdische Kultur in Afghanistan und Zentralasien zurückreichen. Die Dokumentation untersucht die vielfältigen kulturellen Einflüsse und den Austausch, der diese Sprachen prägt, und thematisiert die Auswirkungen auf die jüdische Kultur bis in die Gegenwart. Lassen Sie sich von dieser aufschlussreichen Reise in die Vergangenheit fesseln und entdecken Sie die unsichtbaren Geschichten, die in den persisch-hebräischen Inschriften verborgen sind. Die Forschungsergebnisse von Experten und Historikern, die sich intensiv mit den persisch-hebräischen Inschriften auseinandersetzen, verdeutlichen deren fundamentale Bedeutung für die kulturelle Identität der jüdischen Gemeinden in Zentralasien. Diese Inschriften fungieren nicht lediglich als Dokumente einer komplexen Geschichte, sondern stellen auch wesentliche Instrumente dar, die ein vertieftes Verständnis der kulturellen und sozialen Dynamiken innerhalb dieser Gemeinschaften ermöglichen. Sie veranschaulichen, in welchem Maße sie zum Erhalt des kulturellen Erbes beitragen und die tief verwurzelte jüdische Kultur in dieser Region reflektieren. Die verschiedenen Dialekte der persischen Sprache, die von den iranischen Juden verwendet werden, sind unter dem Begriff "Judeo-Persisch" zusammengefasst. Das besprochene Video thematisiert die Entwicklung der judeo-persischen Sprache und Literatur vom Beginn des Islams bis zum Aufstieg der Safawiden (7.-16. Jahrhundert) und hebt besonders die bedeutende literarische Produktion im judeo-persischen Kontext sowie deren breitere jüdische und islamische Rahmenbedingungen hervor.
Die Forschungsinteressen von Ofir Haim, einem Fulbright-Postdoktoranden im Department of Near Eastern Studies an der Princeton University, fokussieren sich auf die soziale und intellektuelle Geschichte des vor-mongolischen Iran, insbesondere in Bezug auf die jüdische Minderheit. Zu seinen jüngsten Publikationen zählen: “Acknowledgment deeds (iqrārs) in Early New Persian from the Area of Bāmiyān (395-430 AH/1005-1039 CE)”, Journal of the Royal Asiatic Society 29/3 (2019) , sowie “The Early Judeo-Persian Manuscripts in the British Library and in the National Library of Russia: A Unified Textual Corpus?”, Intellectual History of the Islamicate World 9/1-2 (2020).
Das vorliegende Video ist Bestandteil eines Zyklus über jüdische Sprachen, der von Prof. Judith Olszowy-Schlanger (EPHE, PSL / Oxford) organisiert wird.
Die Persisch-hebräische Inschriften
Entdecken Sie die Schätze der Seidenstraße. Museo-on präsentiert Ihnen eine sorgfältige Auswahl an verschiedenen Quellen, darunter Manuskripte und Darstellungen, die von Historikern und Wissenschaftlern entlang der historischen Seidenstraße untersucht und erforscht wurden. Unser Ziel ist es, Ihnen nicht nur die historischen Fakten zu vermitteln, sondern auch die komplexe Perspektive der Wissenschaftler aufzuzeigen, die sich intensiv mit diesen bedeutenden Forschungsfeldern auseinandersetzen.
Die Bedeutung der Inschriften im historischen Kontext
Die persisch-hebräischen Inschriften stellen nicht lediglich Relikte vergangener Epochen dar, sondern fungieren auch als essentielle Schlüssel zum vertieften Verständnis interkultureller Beziehungen sowie der Austauschprozesse zwischen antiken Zivilisationen. Historiker liefern umfassende Analysen, die sowohl die gesellschaftlichen Strukturen als auch die politischen Dynamiken jener Zeit eingehend beleuchten.
Interkulturelle Einflüsse und deren Auswirkungen auf soziale Dynamiken
In diesem Abschnitt erfolgt eine umfassende Analyse der Möglichkeiten, wie die persisch-hebräischen Inschriften Erkenntnisse über die kulturellen Identitäten vermitteln. Hierbei werden interkulturelle Einflüsse sowie deren Auswirkungen auf soziale Dynamiken eingehend untersucht. Wissenschaftler leisten hierzu bedeutende Beiträge, indem sie die Verknüpfungen zwischen diesen Kulturen erforschen und deren wechselseitige Einflüsse auf die Entwicklung von Sprache und Schrift eingehend beleuchten.
Aktuelle Forschungsmethoden in der Inschriftenanalyse
Erfahren Sie, welche fortschrittlichen Techniken und Methoden Historiker und Archäologen einsetzen, um die persisch-hebräischen Inschriften zu analysieren. Angefangen bei modernen digitalen Bildverarbeitungstechniken bis hin zu linguistischen Analysen werden die jüngsten Ansätze präsentiert, die wertvolle Einblicke in die Materialität und die Bedeutung dieser Artefakte ermöglichen.
Fallstudien: Bedeutende Inschriften
Hier präsentieren wir spezialisierte Fallstudien, die ausgewählte Inschriften umfassend analysieren. Diese Erörterungen werden durch fundierte Expertisen ergänzt, die ein tiefgehendes Verständnis der Entstehung dieser Inschriften sowie ihrer Bedeutung in den entsprechenden historischen Kontexten vermitteln.























