Literaturen - Das Journal für Bücher und Themen
Aktuelle Ausgabe
Editorial
Wir wissen längst, liebe Leserin, lieber Leser,
dass auch das Verbrechen sich am Markt orientiert. Neue
Geschäftsfelder ziehen neue Arten von Kriminalität nach sich –
Luftpiraterie, Giftmüllhandel, Internet-Kindesmissbrauch,
Organhandel. Und wenn man erst an die Milliarden denkt, die
sich auf dem heutigen Kunstmarkt verdienen lassen, dann
überrascht es kaum, dass die Kunst-Kriminalität eine
Wachstumsbranche ist.
Niemand hat für den Tanz um das goldene Kunst-Kalb ein
schlüssigeres – und zynischeres – Inbild gefunden als der
merkantile Genius und Mega-Künstler Damien Hirst. Dessen in
Formaldehyd eingelegtes Stierkalb mit den vergoldeten Hufen und
der Sonnenscheibe zwischen den Hörnern symbolisiert und
bestätigt das, wofür es steht: den Goldrausch auf dem
Kunstmarkt. Zugleich verhöhnt es ihn – mit dem sinnigen Titel
«False Idol». Damien Hirst hatte auf seiner jetzt schon
historischen Auktion bei Sotheby’s letzten September sein
Spitzenstück als Los mit der Nummer 13 gesetzt und durfte sich
freuen, dass es um den Spitzenpreis von 9,2 Millionen Pfund
losgeschlagen wurde.
Warum Sie ausgerechnet in LITERATUREN eine solche Vorrede zu
lesen bekommen? Weil inzwischen auch die Literatur das
kommerzielle Potenzial der Kunst-Kriminalität für sich entdeckt
hat. Kunstkrimis boomen; und Krimi-Autoren sind äußerst
erfinderisch im Ausknobeln von Verbrechen, wie sie sich in der
Wirklichkeit der zeitgenössischen Kunstszene tagtäglich
ereignen. Lesen Sie ab Seite 54, wie nahe die Autoren von
Kunst-Thrillern mit ihren Plots den dubiosen Machenschaften von
Museumskuratoren, Galeristen, Gutachtern, Händlern, Sammlern,
Auktionatoren, Hehlern und Fälschern von Kunst tatsächlich
kommen. Und natürlich kein Moses weit und breit, der mit
heiligem Zorn dieses falsche Idol zerschlüge.
Spannende Lesestunden wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion
SCHWERPUNKT
VORWÄRTS INS MITTELALTER
LITERATUR UND LEBEN
Gisela von Wysocki Russische Rosenkriege
Leo Tolstoj und seine Frau Sofja Tolstaja bereiteten einander
eine – jetzt verfilmte – Ehehölle. Auch Romane gehörten zum
Kampf-Arsenal

