museo-on

Direkt springen zu:
Sprache: Deutsch | Englisch
Banner_China b
Hauptnavigation:

Der Talmud

Die Entwicklung des Talmud, dem bis heute grundlegenden Werk jüdischer Religion und Kultur, lässt sich bis in die Zeit kurz nach dem Erlöschen der staatlichen Selbstständigkeit lsraels verfolgen. (27) Nach der Zerstorung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 nach der allgemeinen Zeitrechnung begann sich das Judentum aus der pharisäischen Bewegung heraus unter Einbeziehung verschiedener anderer Strömungen und Gruppen im Judentum neu zu formieren. (28) Dieser sich über mehrere Jahrhunderte erstreckende Wandlungs- und Umfomungsprozess nahm seinen literarischen Ausgang in der Mischna, einer in sechs Ordnungen überlieferten Sammlung von Geboten umd Erzählungen, die den Grundstock für den sich ab dem 4. Jahrhundert entwickelnden Talmud bildete.(29)

Diese Sammlung sollte die so genannte Mündliche Tora bewahren, die neben der Schriftlichen Tora, den fünf Büchern Mose, dem Pentateuch, die zweite Säule der Offenbarung darstellte. Die Lehre von den beiden Mose am Sinai offenbarten Torot wurde so zu einem der zentralen Theologumena des rabbinischen Judentums. Die Mündliche Tora konnte im Laufe der Zeit so hoch geschätzt werden, dass ihr sogar höhere Offenbarungsqualitat beigemessen wurde als der Schriftlichen. Es entstand so auch vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Umwelt eine Art Dogma der Mündlichen Tora, deren Kemstück der Talmud bildete. (30)

Der Talmud stellt den Abschluss (aramäisch: Gemara) der in der Mischna dann auch schriftlich gesammelten Mündlichen Tora dar. Er entwickelte sich allerdings nicht nur in einer Fassung, vielmehr entstanden zuniichst die kürzere palästinische und später die längere babylonische Version, was vor allem mit den unterschiedlichen Entstehungskontexten zusammenhing, in denen sich Juden dem Studium der Mündlichen Tora widmen konnten. Der paläistinische oder Jerusalemer Talmud (Yerushalmi) ist in den rabbinischen Zentren Palästinas, vor allem in Caesarea, Sepphoris und Tiberias, im frühen 5. Jahrhundert entstanden. Dieses Sammelwerk, das  noch unter stärkerem hellenistischem Einfluss entstand, wurde dann aber aus nicht mehr genau rekonstruierbaren Gründen durch den viel umfangreicheren Babylonischen Talmud (Bavli) abgelöst; er bildete ab dem 8. Jahrhundert nach der Zeitrechnung das Rückgrat des rabbinischen Judentums in der gesamten Diaspora.(31)

Der Bavli entstand ab dem 6./7. Jahrhundert in den rabbinischen Akademien (Yeshivot) von Sura, Pumbedita und Nehardea.(32) In ihm wurden die Kommentare und Erläuterungen zu sämtlichen Traktaten der Mischna gesammelt, außer jenen, die sich ausschließlich auf die Landwirtschaft im Lande Israel beziehen. Dieser sich bereits unter islamischer Herrschaft etablierende Talmud zeichnet sich gegenüber dem älteren Jerusalemer Talmud durch viele redaktionelle Eingriffe aus, ist daher aber insgesamt wesentlich logischer strukturiert und religionsgesetzlich eindeutiger als sein palästinischer Vorgänger. Die babylonischen Redaktoren, die wegen ihrer meist anonym überlieferten Dikta und Kommentare schlicht ,,stamma’im" (anonyme Redaktoren) genannt werden, haben das Aussehen und den Umfang der einzelnen Traktate des Bavli entscheidend geprägt und ihm jenen verbindlichen Charakter verliehen, der ihn zum Hauptwerk des rabbinischen Judentums werden ließ.(33) Später wurde die Gesamtredaktion des Werkes von den so genannten Saboräern gestaltet, die aus dem älteren Material in der Gemara ein planvolles und durchdachtes Buch schufen.(34)

Über Jahrhunderte entstand so ein umfassender, multivalenter, dialektischer Kommentar zur Mündlichen Tora, d.h. im Kern zur Mischna, in dem zahlreiche zentrale Gebiete des jüdischen Lebens geregelt werden und der eine gesamte Kultur prägte.(35) Er enthält neben gesetzlichen Passagen, in denen zivil- und strafrechtliche Fragen diskutiert werden, auch zahlreiche Erzählungen und Bibelexegesen. Die dialogische Struktur des Talmud, in der auch Minderheitnmeinungen tradiert wurden, ermöglichte es, ihn zur Basis eines nach der Tempelzerstörung und dem Verlust der staatlichen Selbstständigkeit verstreuten Judentums werden zu lassen. In der  Zerstreuung allerdings mussten sich Juden auch immer wieder auch an den lokalen Gegebenheiten orientieren, ohne dabei auf zu enge Grenzen durch eine religiös motivierte Gesetzgebung Rücksicht nehmen zu können. Trotz aller Verbindlichkeit, die dem Talmud nach und nach zuerkannt wurde, blieb er daher stets nur eine Art Richtschnur, während dem lokalen Brauch oftmals verbindlichere Bedeutung zukam. Zwar entwickelte der Talmud als Leitfaden für das Selbstverständnis und die Lebensweise von Juden eine unangefochtene Autorität. Doch wie in den einzelnen Gemeinden jüdisches Leben praktiziert wurde, wird lange Zeit nicht nur mit dem im Talmud Vorgegebenen übereingestimmt haben. Der Talmud war so neben aller Verbindlichkeit zunächst ein Studienbuch, das der Erbauung und Verstandesbildung, nicht aber ausschließlich der buchstäblichen Umsetzung von biblischen Vorschriften in das tägliche Leben diente. Auch die Kasseler Fragmente spiegeln dies mit ihren unterschiedlichen Lesarten wider. Sie enthalten Abschnitte aus dem bis heute verbindlichen Text der Mündlichen Tora.


(27) Vgl. GÜNTER STEMBERGER, Der Talmud. Einführung, Texte, Erläuterungen, München 2. Aufl. 1987.

(28) Vgl. hierzu ausführlich CATHERINE HEZSER, The Social Structure of the Rabbinic Movement in Roman Palestine, TSAJ 66, Tübingen 1997.

(29 ) Vgl. dazu CHANOCH ALBECK, Einführung in die Mischna, Berlin, New York 1971; MICHAEL KRUPP, Einleitung in die Mischna, Jerusalem 2002.

(30) Vgl. hierzu ausführlich PETER SCHÄFER, Das ,,Dogma" von der mündlichen Tora, in: Ders., Studien zur Geschichte und Theologie des rabbinischen Judentums, Leiden 1978, S. 151-197.

(31) Vgl. dazu PETER SCHÄFER u. a (Hg.), The Talmud Yerushalmi and Graeco-Roman Culture, 3 Bde.,TSAJ 71 , Tübingen 1998-2002.

(32) Vgl. JACOB N. EPSTEIN, Introduction to Amoraic Literature. Babylonian Talmud and Yerushalmi, ed. Ezra Z. Melamed, Jerusalem, Tel Aviv 1962, S. 22f (hebr.).

(33) Vgl. dazu JEFFREY L. RUBENSTEIN (Hg.), Creation and Composition. The Contribution of the Bavli Redactors (Stammaim) to the Aggada, TSAJ 14, Tübingen 2005.

(34) Siehe hierzu neuerdings GÜNTER STEMBERGER, Einführung in die Judaistik, München 2002, S. 95.

(35) Vgl. dazu STEMBERGER, Talmud, S. 46-53; JEFFREY L. RUBENSTEIN, The Culture of the Babylonian Talmud, Baltimore, London 2003.

(36) Vgl. zu diesen Werken und der Zeit der babylonischen Schulhäupter, die Gaonim (,,Erhabene"), genannt wurden, ROBERT BRODY, The Geonim of Babylonia and the Shaping of Medieval Culture, New Haven, London 1998.

 

kassel university press