Das Schass meines Grossvaters
S. J. AGNON
EIN schöner gelber Bücherschrank stand im Hause meines seligen Großvaters. In seiner untersten Reihe lagen die heilige Schrift und ihre Erklärungen; darüber Gebetbücher, und wessen die Seele sonst bedarf, darüber Sitten- und Gesetzbücher, darüber das Schaß. Wie Goldmünzen, die aus einem Lederbeutel blinken, so blinkten die goldenen Namen der Traktate von den Lederrücken des Schaß ,,Schaß mit allen Kommentaren aus der bekannten Druckerei des Herrn usw. Abraham Isaak Menkes in Lemberg. "
Dieser Bücherschrank ist eine meiner frühesten Kindheits-Erinnerungen. Als ich noch Kind war, auf allen Vieren kroch, und man mich auf dem Fußboden sitzen ließ, erreichte ich einmal den Schrank, öffnete seine Türen und fing an, darin herumzugreifen. Noch war ich dabei, da erstaunte ich sehr, dass diese Reihe, die ich als ein Stück angesehen hatte, sich in viele Teile zerteilt. Ich beruhigte mich nicht, bis ich Buch um Buch herausgeholt hatte, bis man kam und mich von dort fortnahm. Seit damals zog mein Herz mich dorthin, ,, und keine Kostbarkeiten kommen dem gleich". Auch mein Wachsen pflegte ich an ihm zu messen, und als eines Tages meine Hand die oberste Reihe erreichte, den Ort, wo die Talmudfolianten stehen, wurde mein Herz voll Freude und ich rief· ,,Kommt und seht, ich bin ein ,,Gemarah-Bachur" (13) ! Ich weiß nicht, aus was für einem Schaß mein Großvater lernte, bevor er dieses bekam. Solange ich denken kann, erinnere ich mich an dieses Schaß in diesem Schrank.
Das Schaß ist auf schönem, festen Papier gedruckt, mit Buchstaben, wie sie sein müssen, und seine Ränder sind breit und leuchten in ihrem Glanze ,,wie der Himmel selber in Reinheit" (Dan 12, 3). Man erzählte: Als der erste Band von diesem Schaß in unsere Gegend gelangte, wurde es meinem Großvater sehr lieb, und als er zum Jahrmarkt reiste, um von dort Ware zu bringen, besann er sich und fuhr nach Lemberg, trat in die Druckerei, sah den Besitzer der Druckerei in eigner Person stehen und korrigieren, da bestellte er bei ihm 10 Schassin. (14) Damals stellte ihm der Drucker Buchstaben zusammen und vefertigte für ihn eine Art Petschaft. (15) Und, als mein Großvater Weizen für die Schemurah-Mazzah (16) auslas, band er den Sack mit einem Strick zu und druckte sein Siegel darauf - Und was machte mein Gropvater mit all den übrigen Schassin? Kein angesehenes Beth-Hamidrasch (17) gibt es in unserer Stadt, das kein Schaß Menkes besaß, und kein angesehenes Beth-Hamidrasch gab es in unserer Stadt, in dem mein seliger Großvater nicht einen Ehrenplatz hatte, zum Dank für das Schaß, das er gegeben hatte. Und ging er denn nicht regelmäßig zum Beten in das Bet-Hamidrasch des Raw? Allein manchmal, wenn er an heiliger Stätte vorüberging und die Stimme des Vorbeters die Keduschah oder Bor'chu (18) sagen hörte, trat er ein. Und wohin er kam, setzte er sich auf seinen Platz, ,,denn dort ist sein Haus" (1 . Samuel 7,17).
In der Woche, in der eine Gemarah
von der Post kam, schlachtete mein Großvater ein
Rind zum Sabbath, nahm davon Fleisch zum Sabbath und teilte
das Übrige unter arme Gelehrte, und die Häute gab
er zum Bearbeiten. Fünf Jahre zog sich das Drucken
des Schaß hin, und im sechsten Jahre kamen ein Buchbinder
und sein Gehilfe und wohnten im Hause meines
seligen Großvaters. An seinem Tisch aßen sie von
Sonntag bis Freitag. Und wenn sie sich nach Hause begaben, gab
er ihnen einen Silbergroschen, damit sie, den
Sabbath zu ehren, ins Bad gingen. Tatsächlich
bezahlte man dem Bademeister für jeden nur zwei Kreuzer.
Etwas mehr gaben die verwöhnten Leute, die einen
besonderen Reisigbesen für sich beanspruchten. Warum
aber gab mein Großvater ihnen einen Silbergroschen? Die
Kupfermünze in diesem Lande heißt Kreuzer. Mein
Großvater aber versagte sich, für den heiligen Bedarf
sich Geldes zu bedienen, an dem auch nur der Name
von fremdem Dienst hafet. Und meine Großmutter,
Friede über sie, gab ihnen Weißbrot für den Sabbath und
Maiskuchen. Manchesmal wickelte sie ihnen auch ein Hemd
und ein Paar Unterhosen dazu. Und jede Stunde, in
der mein Großvater frei von seinen Geschäften war, stand
er bei ihnen und sah dem Falten der Bogen zu und dem
Zusammenbinden der Büchern und dem Überziehen der
Deckel mit Leder und Gold. Und er erfüllte an den
Büchern das Wort: ,,Stärke und Majestät ihr
Gewand" (Sprüche 31,25). Die Reste der Bogen, die
der Buchbinder abschnitt, sammelte er, und machte ein
Notiz-Buch fur das Maßer (19) davon.
Sabald das Einbinden des Schaß
beendet war, stellte es mein Großvater in den
Schrank und sprach darüber den Segensspruch: ,,Der uns
hat erleben lassen ..." (ohne seinen Namen und
Königtum (21). An jenem Tage hatte er zum achten Male
das Schaß zuende durchgelernt und das Wort
erfüllt ,, Und du sollst darin sinnen " (Josua
1,8). Und sofort begann er wieder beim Anfang. Und
alle, die zugegen waren, wünschten ihm, daß er
würdig sein möchte, zu erfüllen: ,,Und du sollst von
ihnen reden" (Deuteronomium 6,7). Ich glaube
nicht, daß ihre Wünsche alle in Erfüllung
gegangen sind, weil er viel Alfasi (22)
gelernt hat. Am Sabbath und an Feiertagen, wie
auch an Chanukah und Neumonden, wenn ein Tischtuch
aufgelegt war, pflegte mein Großvater eine
Gemarah aus dem Schrank zu nehmen und zu lernen. Und wenn
er eine Gemarah aus dem Schrank nahm, so
erfüllte ein Wohlgeruch das ganze Haus, denn die
Gewürzbüchse lag in dem Schrank. Zwar hatte mein Großvater
einen besonderen Schrank für silberne Geräte, in
dem sich Leuchter für den Sabbath und für die
Feiertage befanden, Becher für Kiddusch und Hawdalah, das
Diadem und der Thoraschmuck, Tabakdosen und
andere Geräte - jedoch die Gewürzbüchse lag im
Bücherschrank. Gleichwie ein Getreuer des Königs, der
den König in sein Haus lädt, stellt er nicht die
Gewürze vor den König? War es Sabbath oder Feiertag,
so verteilte mein Großvater Früchte und
Süßigkeiten vor dem Lernen, und am Werktag gab er uns
Geld. Mehr gab er an den Chanukah-Tagen, wo
noch das Chanukah-Geld hinzukam. Schönere Tage, als die,
in denen unser Großvater aus diesen Folianten
Iernte, gab es für uns, seine Enkel, nicht.
Auch wenn wir das Haus und seine Geräte auf den Kopf
stellten, schalt er uns nicht. Obgleich er
Kohen (23) war, und die Kohanim zornmütig sind, hätte er
seinen Zorn nicht gezeigt, so Iange eine
Gemarah offen lag. Als mein Großvater, sein
Andenken zum Segen, meine Mutter, Friede über sie,
mit meinem Vater, das Andenken des Gerechten zum
Segen, verheiratete, versprach er, ihm das
Schaß zu geben. Und weil mein Vater anfangs im Hause
seines Schwiegervaters wohnte, nahm er das
Schaß nicht aus dem Hause. Und auch nachdem
mein seliger Vater eine eigene Wohnung hatte, blieben die
Bücher im Hause meines Großvaters. Mein
Großvater, sein Andenken zum Segen, pflegte zu
sagen: Mein Vater, sein Andenken zum Segen,
pflegte zu sagen: So wie das Umherziehen für
die Menschen schwer ist, so ist es auch für die
Bücher schwer. In seiner Todesstunde sagte er
zu seinen Söhnen: ,,Seid vorsichtig, nehmt nicht von meinen
Büchern aus dem Hause Eures Bruders, in dem
ich wohne. “ Und wenn sie ein Buch brauchten, kamen
sie dorthin. Wie in seinem Leben, taten sie nach
seinem Tode. Man sagte: wer die Brüder nicht
sitzen sah und die Bücher in ihren Händen, der sah keine
schöne Erläuterung zu dem Vers: ,,Wie fein und
lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig
beisammen wohnen" (Ps 133,1). Darum kamen wir, ich
und mein Vater, das Andenken des Gerechten zum
Segen, jeden Tag in das Haus meines Großvaters, sein
Andenken zum Segen, um dort zu lernen, und wir
erfüllten an uns das Wort: ,,Wandre aus nach
einem Ort der Thora " (Sprüche der Väter 4,14). Und wenn jemand kam, um von ihm
eine Gemarah zu entleihen - leihen konnte er
sie nicht, denn Hände besudeln, und nicht Ieihen konnte er
sie nicht, wegen ,,Brotverweigern". ,,Wer Brot
verweigert, dem flucht das Volk" (Sprüche 11,26).
(24) Was tat er? Er kaufe einen Band vom
Buchhändler und verlieh ihn. Und erfüllte das
Wort: ,,Dein Wohltun bestehet ewiglich". Auch für den
eigenen Gebrauch kaufte er ein kleines Schaß,
in dem er auf seinem Lager las, und davon nahm er auf
seinen Reisen in seinem Koffer mit, als
,,Wegzehrung". Wenn mein Vater oder mein
Großvater zu Hause waren, saß ich und lernte;
wenn aber mein Vater und mein Großvater im Laden
waren, Iehrte ich meine Hand die Kunst, die
Buchstaben der Gemarah zu schreiben. Mitunter malte ich mir
die Umrahmung des Titelblatts ab, oder die
Umrahmung des ersten Buchstaben der Gemarah,
und davon malte ich mir einen ,,Misrach " (25). Hätte in
jener Zeit ein Mensch mir gesagt, daß es
schönere Bilder gibt als diese, hätte ich es ihm nicht
geglaubt. Aber in Wahrheit fand sich kein
Mensch, dem etwas Derartiges eingefallen wäre. Das
Heft ,,Das vergessene Wort" (26) war dem Schaß
meines Großvaters auch beigebunden. Dieses
Heft fand sich bei niemandem sonst in der Stadt, und ich
saß und las darin, bis die Worte meinem Munde
geläufig waren. Das schreckliche Geheimnis von
,,jenem Manne", der lernte und sich lossagte
usw., zog mein Herz an, und einst las ich vor
meinem Lehrer und sagte auswendig, was in dem Buche
fehlte, und er lobte mich. Seitdem, wenn wir
an eine solche Stelle kamen, deutete er auf mich, und ich
sagte es auswendig her. - Ich erinnere mich
nicht, ob mein Großvater seine Bücher küsste,
oder ob er das ,, Wandle demütig“ an ihnen
erfüllte. Viele Sachen hinterließ mein
Großvater, sein Andenken zum Segen: silberne
Geräte, Kissen und Decken, schöne Kleider und eine
schöne Wohnung, aber fast nichts hat sich in
den Händen seiner Kinder erhalten, denn der Feind kam
und plünderte alles. Doch dieses Schaß ist
erhalten und noch lerne ich daraus, und
manchmal, wenn ich Erzählungen schreibe, um die
Herzen Israels zum Dienste des Gepriesenen zu
entflammen, hole ich eine Gemarah aus dem Schrank und lese
darin und hefte mich an unsere Weisen, ihr
Andenken zum Segen, und an ihre heiligen
Worte. Wahrlich, es ist so, eine Sache, um die man
sich müht, und die man um ihrer selbst willen
behütet, hat ewigen Bestand. Dieses habe ich gesehen und
habe es niedergeschrieben. Hamburg v.dH., 5. Sch’wath
5683/1923
(Auszug aus: Lehnardt, Andreas: Die Kasseler
Talmudfragmente. Schriftenreihe der Universitätsbibliothek
Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der
Stadt Kassel. Band 9. Kassel: kassel university press
2007, S. 12-16)
(13) D.h., ein Talmud-Schüler. ,,Gemarah" (= Abschluss) ist Synonym für den Talmud.
(14) ,,Schasin" ist Plural von Schas, der Abkürzung für shisha sidre .
(15) Einen Stempel.
(16) Das spezielle ungesäuerte Brot für die Abendfeier des Pesah-Festes.
(17) Lehrhaus für das Talmud-Studium.
(18) Gebete der täglichen Liturgie in der Synagoge.
(19) Den Zehnten.
(20) Almosen für die Armen und Bedürftigen.
(21) D.h., ohne diese Bitten einzufügen.
(22) Eine kürzere Fassung des Talmud, verfasst von Yitzhaq ben Ya'aqov Alfasi (1013-1103).
(23) D.h. Priester.
(24) Vgl. den Kommentar Rashis zu diesem Vers.
25) ,,Misrach" wörtlich Osten, bezeichnet eine Markierung oder ein Schild an der Wand eines Raumes, auf dem die Gebetsrichtung angezeigt wird.
(26) Das Büchlein Quntres omer ha-shakheha von Yeshaya ben Yehuda Berlin, Königsberg 1861 (?), gehörte zu den verbreiteten Verzeichnissen der christlichen Zensurlücken. Siehe dazu weiter unten.
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