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Exkurs: Material und Spolie

Gegenstände wie die im vorigen Kapitel behandelten ,,Materialreliquien" werden in der Sprache der Kunstwissenschaft üblicherweise als ,,Spolien" bezeichnet, so dass über den Zusamrnenhang von Spolie und Materialikonologie hier kurz zu sprechen ist. Der Spolienbegriff ist, trotz umfangreicher Literatur (299) zum Thema, in der Fachsprache nicht so eindeutig definiert, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag:

1. Im weitesten Sinne wird unter ,,Spolie" jedes wiederverwendete Stück - vor allem Architekturteil - verstanden, unabhangig von der Art seiner Wiederverwendung, ob sichtbar oder verdeckt, ob umgearbeitet oder weitgehend original, und ohne auf die hinter der Wiederverwendung stehenden Motive oder Gründe abzuheben. In diesem Sinne ist also jedes wiederverwendete Material Spolie.

2. Meistens werden von Kunsthistorikern jedoch nur solche Stücke als ,,Spolien" bezeichnet, bei denen es für den Betrachter erkennbar ist, dass sie aus anderen Zusammenhängen stammen. Normalerweise handelt es sich hierbei um ornamentierte, beschriftete oder sonstwie bearbeitete Stücke, denn nur am Aussehen der Oberfläche lässt sich ja in der Regel die Tatsache der Wiederverwendung erkennen. Offensichtlich gibt es Fälle, bei denen die Spolien als solche erkennbar sein sollten und deshalb an auffälliger Stelle sorgfälltig eingefügt wurden. In diesen Fällen könnte man von ,,absichtsvollen Spolien" sprechen (300)

3. Im engsten Sinne, der durch die Etymologie des Wortes immerhin nahegelegt wird, versteht man unter ,,Spolien" Beutestücke (,,Trophäen"), die dem besiegten Feind abgenommen und danach als Schmuck von Gebäuden, Plätzen oder Denkmälern des Siegers verwendet wurden, sei es zum Zeichen der Überwindung des Gegners, sei es, um etwas von dessen Legitimation auf sich zu übertragen.

Im frühen 16. Jahrhundert wurde der Begriff ,,Spolie" bereits im heutigen Sinne verwendet (301). Auch Vasari (302) spricht von spoglie und spogliare, und durch ihn hat der Begriff wohl den Weg in die Sprache der Kunstwissenschaft gefunden (303). Bei Vasari findet sich auch die seither immer wieder vertretene Auffassung, Spolien seien vor allem deshalb verwendet worden, weil die Zeitgenossen zu arm oder nicht mehr kunstfertig genug gewesen seien, um eigene Kunstwerke zu schaffen. Diese Erklärung wird von Archäologen wie Kunsthistorikrn in jüngerer Zeit zunehmend skeptisch betrachtet. Zwar ist zuzugeben, dass in vielen, vielleicht sogar den meisten Fällen die Verwendung von Spolien eben die einfachste und billigste Lösung darstellte. Indes scheint es eine Reihe von Denkmälern zu geben, bei denen bewusst und sichtbar ältere Teile verwendet wurden, um etwas Bestimmtes auszusagen, z. B. an ehrwürdige Vorgängerbauten zu erinnern, das spoliierte Denkmal zu degradieren oder den Spolienerwerber aufzuwerten.

Im Rahmen dieser Arbeit ist die entscheidende Frage, ob für die absichtsvolle Verwendung von Spolien ausschließich deren künstlerisch-handwerkliche Zurichtung, also ihre formale Erscheinung, den Ausschlag gab, oder ob es dabei auch um die Übertragung von Materie ging, sozusagen um ,,Aneignung", ,,Einverleibung" oder ,,Spolienmagie"(304)

Um diese Frage zu beantworten, können schriftlich überlieferte Spolien wichtiger sein als tatsächlich erhaltene. Hierbei ist es auffällig und sollte bei Überlegungen zum Spoliengebrauch zu denken geben, dass die Quellen zwar die Herkunft oft genau benennen, vor allem wenn der Herkunftsort ein gewisses Renommee besitzt, zur formalen Erscheinung der Stücke aber meist schweigen. Ähnlich wie bei den Reliquien kommt es bei den ,,absichtsvollen Spolien" nicht auf Schönheit, Form oder Größe an, sondern nur auf ,,Echtheit" und Ehrwürdigkeit.

Da für die Fragestellung dieser Arbeit die Motivation bei der Verwendung von Materialien im Vordergrund steht, soll hier das, was die Kunstwissenschaft unter dem Begriff ,,Spolie" subsumiert, unter verschiedenen Aspekten behandelt werden: Stammt das wiederverwendete Stück von einem ,,heiligen" Ort oder Gegenstand, so erscheint es im Kapitel über die ,,Materialreliquien". Die anderen Spolien werden, je nach ihrer ikonologischen Aussage, in den Kapiteln über ,,Materialien als topographische Verweise" oder ,,Materialien als historische Verweise" behandelt.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das kunsthistorische Phänomen ,,Spolie" unter dem Aspekt der ,,Materialikonologie" durchaus eine wichtige Rolle spielt und hier nur aus Gründen der Systematik nicht in einem eigenen Kapitel, sondern in einem Exkurs abgehandelt wurde.

Verweis auf historische Epochen

Spolien aus historisch bedeutenden Zusannnenhängen oder traditionsreiche Materialien können an historische Epochen oder Situationen erinnern - und bei einigen der berühmtesten ,,Spolienanhäufungen" ist dies vermutlich auch beabsichtigt gewesen.
Abb. 13: Rom, Konstantinsbogen, Nordfassade, 315; ebd., S. 129
Abb. 13: Rom, Konstantinsbogen, Nordfassade, 315; ebd., S. 129

Konstantinsbogen

Der im Jahre 315 eingeweihte, fast ausschließlich aus Spolien bestehende Konstantinsbogen zu Rom (349) (Abb. 13) gilt als eines der frühesten Beispiele für ,,absichtsvolle Spolienverwendung". Zwar wurden viele der Marmorblöcke so bearbeitet oder in solcher Weise versetzt, dass man ihre ursprünglichen Profile, Inschriften oder Zurichtungen nicht mehr sehen, ihren Spoliencharakter also kaum erkennen konnte. Doch stammen gerade die augenfälligsten Teile der Bauornamentik sowie die meisten Reliefs und Skulpturen von älteren Denkmälrn. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit dies auch für den zeitgenössischen Betrachter erkennbar war. Da jedoch die spoliierten Denkmäler - wenn auch vielleicht in ruinösem Zustand - noch bis zu ihrer Beraubung aufrecht gestanden haben dürften, (350) war der Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der älteren Denkmäler und ihrem teilweisen Wiederauftauchen am neuen Ehrenbogen auch für die Zeitgenossen evident.

In der älteren Literatur wurde die Spolienverwendung überhaupt und speziell am Konstantinsbogen meist negativ, lediglich als Folge der gebotenen Eile, des Geldmangels oder des Niedergangs der Bildhauerkunst im 4. Jahrhundert n. Chr. interpretiert. (351) In den letzten Jahrzehnten hingegen nahm man gelegentlich tiefergehende Gründe und Absichten für dieses Anhäufen von Spolien an. (353) Jedenfalls ist zu bedenken, dass es sich beim Konstantinsbogen ,,nicht um ein beliebiges Ehrenmal handelte, sondern um das Monument für den Kaiser, errichtet nach dem Siege, der ihn zum Alleinherrscher im Westen gemacht und mit dem er nicht zuletzt auch die Stadt Rom unterworfen hatte. Es war eine Ehrung also, die sicherlich zugleich die tiefste Ergebenheit des Senats gegenüber dem neuen Allgewaltigen zum Ausdruck bringen sollte. Der Senat musste dessen gewiss sein, dass in den Augen nicht nur des Kaisers, sondern auch des Volkes die umfangreiche Wiederverwendung von Reliefs und Werkstücken nicht eine Schmälerung der Ehrung darstellte, ,die Billigkeit‘, das Monument zu erstellen, nicht als seinen Wert herabmindernd angesehen würde." (353)

Zu dem Argument des Darniederliegens der Bildhauerkunst im 4. Jahrhundert ließe sich immerhin fragen, ob die eigens für den Bogen geschaffenen konstantinischen Reliefs, also die Friese mit den historischen Darstellungen, tatsächlich als qualitativ so weit unter den älteren Reliefs stehend empfunden wurden, denn das würde ja bedeuten, dass gerade die Taten dessen, dem das Monument errichtet wurde, in künstlerisch schwacher Weise verewigt worden wären.

Es ist erwägenswert, ob nicht durch die traianischen, hadrianischen und aurelianischen Bildhauerarbeiten auf ein vergangenes saeculum aureum angespielt und Konstantin in eine Reihe mit diesen großen Kaisern gestellt werden sollte. (354) Vielleicht wollte man sogar durch die von älteren Gebäuden übernommenen bildhauerischen Arbeiten, ja durch das gesamte ,,klassische" Baumaterial des Bogens, die Würde und auctoritas des Kaisers betonen oder gar eine Degradierung jener Herrscher ausdrücken, deren Denkmaler für den arcus novus beraubt, eben spoliiert, wurden. Es ist zu betonen, dass ,,ideologische" oder ,,symbolische" Motive nicht bei jeder Spolienverwendung vermutet werden sollten. Sie können aber doch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bei solchen Auftraggebrn vorausgesetzt werden, die an renovatio, legitimatio oder ähnlichen historischen Rückverweisen interessiert waren, zumal dann, wenn die Tatsache der Spolienverwendung optisch nicht verschwiegen oder verschleiert, sondern im Gegenteil betont wurde.

 

(Auszug aus: Raff, Thomas: Die Sprache der Maerialien. Anleitung zu einer Ikonologie der Werkstoffe. Münchner Beiträge zur Volkskunde Bd.37. Münster: Waxmann 2008, S. 111-113; S. 128-130; Abb. 13, ebd., S. 129)

 

WAXMANN


(299) Max Wegner: Spolien-Miszellen aus Italien. In: FS für Martin Wackernagel. Koln, Graz 1958, S. 1-16. - Karl Noehles: Zur Wiederverwendung antiken Spolienmaterials an der Kathedrale von Sessa Aurunca. In: FS Max Wegner zum 60. Geburtstag. Munster 1962, S. 90-100. - Besonders nützlich: Amold Esch: Spolien. Zur Wiederverwendung antiker Baustücke und Skulpturen im mittelalterlichen Italien. In: Archiv für Kulturgeschichte 51, 1969, S. 1-64. - Friedrich Wilhelm Deichrnann: Die Spolien in der spätantiken Architektur ( = Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, philos.- histor. Klasse, 1975, H. 6).- Francesco Venezia: Transfer und Transformation. Die Architektur der Spolien: Eine Kompositionstechnik. In: Daidalos 1985, Nr. 16, S. 92-104 (über Spolienverwendung bei einem Museumsbau von 1981 in Sizilien).

(300) Der von F. W. Deichmann, a. a. O., S. 5 vorgeschlagene Ausdruck ,,bewußt ornamentale Wiederverwendung von Werkstücken" scheint mir zu eng.

(301) Francesco Albertini: Opusculum de mirabilibus novae et veteris urbis Romae. Rom 1510 (Ed. Peter Murray, Farnborough 1972): ,,ln ecclesia S. Perri est capella cum choro et pulcherrimis columnis porphir., spolia thermarum Damitiani."

(302) Giorgio Vasari: Le Vite (Ed. Paola Della Pergola u. a., Mailand 1962), Bd. I, S. 172 f. (Konstantinsbogen), S. 175 (S. Maria Maggiore), S. 176 (S. Donato/Arezzo), S. 178 (Säulen aus dem Hadriansgrab für St. Peter), S. 184 (Dom von Pisa), S. 169 (Kunstraub der Romer allgemein).

(303) Die Fachsprache bedient sich des Wortes aber anscheinend noch gar nicht so sehr lange: Das ,,Illustrirte Bau-Lexikon" von Oscar Mothes, 4. Aufl. 1884, hat das Stichwort ,,Spolie" noch nicht. In ,,Wasmuths Lexikon der Baukunst" von 1932 findet sich ein kurzer Artikel ohne eigentliche Erklärung. Seither hat das Thema immer größeres Interesse gefunden.

(304) A. Erler: Lupa (wie Amn. 97), S. 140.

(347) Günter Bandmann: Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger. Berlin 1951, S. 145.

(348) E. Panofsky: Abbot Suger (wie Anm. 42), S.100.

(349) F. W. Deichmann: Die Spolien (wie Anm. 299) betont, dass der Brauch der sichtbaren Spolienverwendung vor der Spätantike nicht feststellbar ist.

(350) Heinz Kähler: Die Gebälke des Konstantinsbogens. Heidelberg 1953, S. 10. - F. W. Deichmann, a. a. O., S. 6, Anm. l0.

(351) So schon bei Vasari (vgl. oben S. 112). - Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen (Ed. B. Byss, Bern 1950, S. 315, 395). - Hans Peter L’Orange und Arnim von Gerkan: Der spätantike Bildschmuck des Konstantinsbogens (= Studien zur spätantiken Kunstgeschichte 19). Berlin 1939, S. 28.

(353) Beat Brenk: Spolia from Constantine to Charlemagne - Aesthetics versus Ideology. In: Dumbarton Oaks Papers 41, 1987, S. 103-109.

(353) F. W. Deichmann, a. a. O., S. 8. ·

(354) B. Brenk, a. a. O.

WAXMANN