Die Sprache der Materialien
Was ist Materialikonologie?
Die Frage, ob oder wie jene Materialien, aus denen Kunstwerke bestehen, einen eigenen Beitrag zur inhaltlichen Aussage dieser Kunstwerke leisten können, also die Frage nach der ,,Ikonologie der Materialien", wurde von der Kunstwissenschaft bisher erstaunlich selten gestellt. Offenbar empfand diese traditionell formanalytisch und stilgeschichtlich orientierte Wissenschaft das Nachdenken über die Materialien der Kunstwerke als eine untergeordnete, wenn nicht sogar als eine ihrer unwurdige Tätigkeit. Eher als Notbehelf bedienten und bedienen sich Kunsthistoriker der Materialien zur Systematisierung umfangreicher Denkmälerkomplexe, etwa in den Bestandskatalogen großer Museen oder in Corpus-Werken.
Eine wichtigere Rolle spielen die Materialien naturgemäß in der Denkmalpfllege - aber auch hier in aller Regel nicht aus ikonologischen Gründen. Materialanalysen dienen gelegentlich zum Zwecke der Datierung oder Lokalisierung von Kunstwerken oder auch zur Entlarvung von Fälschungen. Die prähistorischen Epochen glaubte man, sozusagen mangels ,,geistigerer" Kriterien, nach bestimmten Leitmaterialien als Stein-, Bronze- oder Eisenzeit benennen zu müssen. Und schließlich gehört die möglichst genaue Benennung des Materials - ebenso wie die Angabe des Formats, der Signatur oder der Inventarnummer - zur professionellen Beschreibung oder Inventarisierung eines Kunstwerks.
In diesen und ähnlichen Fällen wird das Material ganz bewusst als ein rein äußerliches, sozusagen unter dem Niveau des eigentlich Künstlerischen oder Kunsthistorischen liegendes Hilfsmittel aufgefasst. Völlig zu Recht stellte der Münchner Kunsthistoriker Hermann Bauer fest, es sei eine Eigenschaft der ,,abstrakten Kunstgeschichtsschreibung, das Material zu verachten." (1)
Erstaunlicherweise finden sich sogar in Monographien, die ausschließlich Kunstwerke aus einem bestimmten Material behandeln, (2) in aller Regel kaum Überlegungen zur Semantik, Symbolik oder Allegorik des betreffenden Werkstoffes. Offenbar nahmen und nehmen es die Autoren als gegeben, dass bestimmte Stoffe zu Kunstwerken verarbeitet wurden, andere dagegen nicht.
Über die mögliche ,,Bedeutsamkeit" einzelner Materialien wurde bisher eher außerhalb des kunstwissenschaftlichen Diskurses nachgedacht, etwa von Theologen (3) Mittelalterphilologen (4) oder Volkskundlern (5). Von einer kunsthistorischen Forschungsgeschichte der Materialikonologie - im Sinne einer kontinuierlichen Diskussion - kann noch kaum gesprochen werden, da sich Überlegungen zur inhaltlichen Bedeutung von Werkstoffen nur ganz sporadisch und weitgehend zusammenhanglos finden. Wenn man die nicht eigentlich hierher gehörigen, zudem mehr von Künstlern, Architekten und Kunstkritikern als von Kunsthistorikern geführten Diskussionen um ,,Material-Gerechtigkeit" , ,,Material-Echtheit" und ,,Material-Ästhetik" (6) einmal beiseite lässt, ist die Geschichte der Materialikonologie schnell zusammengefasst.
(1) Hermann Bauer: Kunsthistorik. Eine kritische Einführung in das Studium der Kunstgeschichte. München 1976, S. 79.- Richard Hamann hatte bereits 1916 in seinem damals vielbeachteten Aufsatz ,,Die Methode der Kunstgeschichte und die allgemeine Kunstwissenschaft" geschrieben: ,,Alles, was wir von Materialkunde am Kunstwerk voraussetzen, ist naturwissenschaftlich orientiert und betrifft den materiellen Charakter des Werkes." (in: Monatshefte für Kunstwissenschaft 9, 1916, S. 64-78, 103-114, 141-154; Zit. S. 68). - Kritisch zu Hamanns Bemerkung über die ,,Materialkunde": Emil Utitz: Grundlegung der allgemeinen Kunstwissenschaft. 2 Bde. Stuttgart 1914/1920, Bd. 2, S. 53-55. Allerdings ist auch Utitz weit davon entfernt, einer Materialikonologie das Wort zu reden.
(2) Etwa: Rolf Fritz: Die Gefäße aus Kokosnuß in Mitteleuropa 1250-1800. Mainz 1983.
(3) Etwa: Ignaz Goldziher: Eisen als Schutz gegen Dämonen. ln: Archiv für Religionswissenschaft 10, 1907, S. 41-49 (über islamische Quellen). - Karl Helmut Singer: Die Metalle Gold, Silber, Bronze, Kupfer und Eisen im Alten Testament und ihre Symbolik (= Forschung zur Bibel 43). Würzburg 1980.
(4) Hier ist vor allem die ,,Ohly-Schule" zu nennen, der eine ganze Reihe von Uberlegungen zur allegorischen Bedeutung von Materialien zu verdanken ist; etwa: Christel Meier: Gemma Spiritalis. Methode und Gebrauch der Edelsteinallegorese vom frühen Christentum bis ins 18. Jahrhundert. Teil I (= Münstersche Mittelalterschriften 34/1). München 1977. - Friedrich Ohly: Tau und Perle. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 95, 1973, S. 406-423. - Ders.: Diamant und Bocksblut. Zur Traditions- und Auslegungsgeschichte eines Naturvorgangs von der Antike bis in die Modeme. Berlin 1976.
(5) S. hierzu unten S. 45 f.
(6) Vgl. etwa: Walter Hentschel: Zum Problem der Materialechtheit in der alten Kunst. ln: Sitzungsberichte der kunstgeschichtlichen Gesellschaft zu Berlin, 8. Januar 1954, S. 8-12. - Eberhard Hempel: Material und Strukturechtheit in der Architektur (= Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, philol.-histor. Klasse, Bd. 48, H. 3). Berlin 1956. - Neuerdings sehr nützlich: Dietmar Rübel, Monika Wagner, Vera Wolff (Hgg.): Materialästhetik. Quellentexte zu Kunst, Design und Architektur. Berlin 2005.
(Auszug aus: Raff, Thomas: Die Sprache der Materialien. Anleitung zu einer Ikonologie der Werkstoffe. Münchner Beiträge zur Volkskunde Bd.37. Münster: Waxmann 2008, S. 11-12)

