museo-on

Direkt springen zu:
Sprache: Deutsch | Englisch
Banner_Indien a
Hauptnavigation:

Wer lebte an der Seidenstraße ?

Völker, Gruppen, Horden und die Schwierigkeit ihrer Bestimmung in historischer Zeit

von ULF JÄGER

Globalisierung hat mittlerweile nicht nur als Begriff einen festen Platz in allen Sparten der historischen Wissenschaften gefunden; zunehmend wächst auch das Forschungsinteresse an ähnlich gearteten geschichtlichen Phänomenen. Intensiver kultureller Austausch wird auch als ein "Globalisierungsphänomen" wahrgenommen und soll für den Bereich der "Seidenstraßen" als Indiz für Bevölkerungsfluktuation, Handel oder Siedlung untersucht werden.
Zierblech mit Löwendekor (Kat.-Nr. 168); ibid., S. 52.
Zierblech mit Löwendekor (Kat.-Nr. 168); ibid., S. 52.

Das Tarim-Becken im 20. und 21. Jahrhundert

Das Tarim-Becken in der heutigen Autonomen Region Xin­jiang-Uigur der Volksrepublik China ist weitgehend ein von der Wüste Taklamakan geprägter arider Bereich. Im deutsch­sprachigen Raum nannte man dieses Gebiet zur Zeit des großen Wettlaufes um die dortigen archäologischen Hinter­lassenschaften, also etwa seit Beginn des 20.Jh.„,Ostturkistan": Hierin spiegelte sich die Tatsache, dass die Bevölkerungs­mehrheit aus so genannten „Osttürken“ bestand. Darunter ver­steht man die eine osttürkische Sprache sprechenden Uiguren, die etwa seit dem 7. Jh. n. Chr. Diesen Raum dominieren. Neben den Uiguren siedeln in Xinjiang noch andere Völker­schaften, wie Kasachen, Mongolen, Salaren, Kirgisen, Dun­ganen, Tadschiken, Tibeter und natürlich, seit langer Zeit, Chinesen; daneben aber auch noch etliche andere, kleinere Minderheiten. Weder sprachlich noch aufgrund ihrer Le­bensweise, sei es als Nomaden, Halbnomaden, als Bauern oder Kaufleute bilden diese Völker eine Einheit. Viele dieser Völkerschaften finden sich, dort dann sogar häufig als zah­lenmäßig dominante Bevölkerungsgruppen, auch in den be­nachbarten Nachfolgestaaten der ehemaligen zentralasiati­schen Republiken der Sowjetunion, in Afghanistan, Pakistan und in Nordindien. Durch die neueren politischen Prozesse des 20. Jh. bedingt, angefangen mit der Gründung der Volks­republik China im Jahre 1949 über die Umwälzungen in den ehemaligen südlichen Republiken der UdSSR in den späten 90er Jahren des 20. Jh, bis hin zu den seit fast 30 Jahren schwelenden Konflikten in und um Afghanistan, ist die eth­nische, sprachliche und soziale Situation dieser Völker, Stämme und Ethnien nicht überschaubarer geworden. Die­ses Phänomen ist nicht auf die jüngere Geschichte beschränkt.

Neue Entdeckungen im Tarim-Becken - Fragen zur ethnischen Zugehörigkeit

Zentralasien und damit auch das Tarim-Becken Xinjiangs sind seit Jahrtausenden ein Schmelztiegel und Durchzugs­gebiet von Völkern, Ethnien, Sprachen, Dialekten, Religionen und Kunststilen gewesen.

Als gesichert kann gelten, dass schon in der Altsteinzeit, dem Paläolithikum, Menschen in das Tarim-Gebiet kamen und dort ansässig wurden. Aus dem vorhandenen Schädel- bzw. Skelettmaterial ist erkennbar, dass seit der Bronzezeit des 2. Jt. v Chr. sowohl europide bzw. kaukasoide wie auch mon­golide Menschen greifbar werden. Dies setzt sich bis in die Ei­senzeit fort. Schon der unter dem schwedischen Forschungsreisenden Sven Hedin arbeitende schwedische Archäologe Folke Berg­man hatte im südöstlichen Tarim-Becken, in der Nähe des Lop Nur, bootsförmige Holzsärge ausgegraben, die europide Trockenmumien enthielten. Dieses verwunderte die damalige Forschung nicht weiter, hatten doch die preußischen Turfan­-Expeditionen an der Nordroute der Seidenstraße auf Wand­malereien Darstellungen hoch gewachsener, blonder und rot­haariger, buddhistischer Stifter entdeckt. Da zudem an diesen Fundorten Handschriften in Brahmi, in der tocharischen, in­dogermanischen Sprache gefunden worden waren, nahm man an, diese Bevölkerung sei in einer nicht genau zu datierenden Frühphase „von Westen" her eingewandert. Die nun vermehrt seit den 8oer und 9oer Jahren des 20. Jh. im Tarim-Becken ausgegrabenen, von der Physiognomie her europid wirkenden Trockenmumien, haben diese Diskussionen erneut entfacht.

(ibid., S. 49-50)

Konrad Theiss Verlag