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Ein Gebiet - Viele Sprachen

In den ungefähr einhundert Jahren der Erforschung der Geschichte der Bevölkerungen des Tarim-Beckens und seiner Besiedlung hat man zunächst vor allem auf die Handschriften- und Münzfunde der verschiedenen Expeditionen zurückgegriffen. Allerdings dokumentieren diese eben nicht mehr jene Frühphase vor der Han-Zeit, sondern Zustände an verschiedenen Orten der so genannten Nord- und Südroute der Seidenstraßen Xinjiangs, die frühestens vom 1. Jh. n. Chr. bis in das 10.-13. Jh. reichen.
Der Hotan-Fluss kurz nach Erreichen des Tarim Beckens; ibid., S. 58.
Der Hotan-Fluss kurz nach Erreichen des Tarim Beckens; ibid., S. 58.

Bei den erwähnten Handschrif­ten handelt es sich vor allem um religiöses Schrifttum des Buddhismus, des Manichäismus und des östlichen, nestoria­nischen Christentums. Aber auch Kanzleidokumente, private Schreiben, militärische Sendschreiben, Gedichte, Wegebe­schreibungen und Warenlisten finden sich darunter. In diesen Quellen dokumentieren sich schlaglichtartig selbstverständ­lich Ethnien mit ihren jeweiligen Sprachen, aber in wech­selnden Schriftsystemen.

Dabei müssen allein schon drei grundsätzliche Spracharten unterschieden werden, nämlich Umgangssprache einer Oase oder eines größeren Gebietes, die jeweils zu einer Zeit herr­schende Verwaltungs- und Kanzleisprache sowie verschie­dene, nach Religionen zu unterscheidende Sakralsprachen. Spätestens um Christi Geburt ist über das nordwestliche In­dien, über die hohen Pässe des Karakorum-Gebirges und über Kaschmir der Buddhismus in das Tarim-Becken ver­mittelt worden. Handschriften dieser Frühphase sind auf Harosthi oder Brahmi geschrieben, die Sprache wechselt aber zwischen Hotansakisch, einer mitteliranischen Sprache, Gandhari und Sanskrit.
Unterirdischer Kanal der Karezananlage in der Oase Turfan; ibid., S. 59.
Unterirdischer Kanal der Karezananlage in der Oase Turfan; ibid., S. 59.

Der Manichäismus, als weiteres Bei­spiel, verwendet Parthisch in mitteliranischer Schrift, das nestorianische Christentum die ostsyrische Sprache in syri­scher Schrift, dem Estrangelo. Die tocharischen Bewohner der Staaten von Kuqa und Karashahr im Norden der Seiden­straße verwendeten im 5. – 7. Jh. n. Chr. die Brahmi-Schrift Indiens in einer Variante zur Wiedergabe ihrer indogerma­nischen Kentumsprache in zwei Varianten. Das Sprach- und Schriftproblem verkompliziert sich zusätzlich, weil die im 4.-5. Jh. n. Chr. zumindest den Westen des Tarim-Beckens beherrschenden und aus dem östlichen Mittelasien stam­menden Hephtaliten („Weiße Hunnen") eine ostiranische Sprache verwendeten, die sie mit einer Schrift darstellten, wel­che aus dem griechischen Alphabet entwickelt worden war. Die sogdische Schrift, welche aus dem Aramäischen hervor­ging, wurde im 6.-7. Jh. n. Chr. erstmals zur Aufzeichnung alt­türkischer Sprache bei den Ost- und Westtürken verwendet.

(ibid., S. 58-59)

Konrad Theiss Verlag
Unterirdischer Kanal der Karezananlage in der Oase Turfan; ibid., S. 59.
Unterirdischer Kanal der Karezananlage in der Oase Turfan; ibid., S. 59.